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Komplizierte Entscheidungen (immer noch Sonntag)

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Komplizierte Entscheidungen (immer noch Sonntag)

In der fraglichen Buchhandlung hatte seit dem späten Vormittag das Telefon mehrmals lange, aber ergebnislos geläutet. Auch Bee hatte sich nach dem Spaziergang mit Hexe noch einmal hingelegt und erwachte erst, als es am frühen Nachmittag heftig an der Ladentür klopfte. Verschlafen schielte sie hinüber und entdeckte Maggie. Sie rappelte sich vom Sofa auf und ließ die Freundin hinein.

„Habt ihr noch gar nicht gesehen?“, sprudelte es aus Maggie heraus. „Es sind schon wieder Schmierereien am Haus!“ Von dem Lärm geweckt, kamen auch Muriel und Erziraphael in den Laden geeilt, beide im Schlafanzug, über den der Buchhändler immerhin noch einen Morgenmantel geworfen hatte. „Diesmal sind sie wohl durch die ganze Straße gezogen. Sie haben überall die ‚Safe with us‘-Aufkleber schwarz übersprüht und die Pride-Fahnen heruntergerissen, die nicht weit genug oben hingen.“

Die Engel sahen sie fassungslos an. „Schon wieder?“, fragte Erziraphael bedrückt. „Alle Nachbarn? Wie soll ich mich dafür nur entschuldigen?“ Er machte einige eilige Schritte auf die Tür zu, realisierte aber dann, dass er nicht dafür gekleidet war, die Runde bei den Nachbarn zu machen. Er hielt mitten in der Bewegung inne und seufzte. All die Jahre zuvor hatte er versucht, zwischen den Bewohnern des Viertels Harmonie zu stiften und für Ausgleich zu sorgen. Und nun hatten sie mit ihren Aktivitäten ungewollt Unruhe und Aufregung angezogen und Freunde und Nachbarn wurden in den ganzen Ärger mit hineingezogen. Er fühlte sich schrecklich! Fahrig fuhr er sich mit der Hand durch die wirren blonden Locken.

Maggie schüttelte den Kopf. „Spinnst du? Wofür solltest du dich entschuldigen müssen? Sind Nina und ich auch schuld, wenn Vandalen um die Häuser ziehen? Wir sind auch keine Heteros!“

Der blonde Engel ließ sich auf einen Stuhl sinken und verbarg seinen Kopf in den Händen. „Was sollen wir denn nur machen?“, fragte er leise. Ohne Crowley an seiner Seite fühlte er sich hilflos und verletzlich.

„Ich denke, ihr solltet Sarahs Rat folgen“, sagte Maggie. „Zieht die Polizei hinzu, erstattet Anzeige.“

Muriel sah ebenso verzagt aus wie Erziraphael. „Was sagen denn die Nachbarn dazu?“, fragte sie besorgt. Die Freundin grinste und hielt ihr das Handy vors Gesicht. In den Social-Media-Seiten der Wickber Street wimmelte es von neuen Beiträgen mit Solidaritätsbekundungen. Fast alle, die beim ersten Mal von Laura und Hannah mobilisiert worden waren, hatten auch jetzt wieder etwas gepostet. Die Engel nickten dankbar, aber sie hatten auch gesehen, dass der Besitzer des französischen Restaurants heute fehlte, so wie auch der Pächter des „Dirty Donkey“.

In diesem Moment klingelte das Telefon und alle zuckten zusammen. Würde es auch diesmal böse Anrufe geben? Bee signalisierte den Engeln, sitzen zu bleiben und nahm den Anruf an. Sofort wich die Anspannung aus ihrem Gesicht. „Ja, der ist zuhause, Moment bitte“, sagte sie und hielt Erziraphael den Hörer hin. „Alec Gibson“, flüsterte sie. Alle schwiegen und lauschten, bis er auflegte.

„Was kannst du nicht annehmen?“, erkundigte sich Maggie.

„Er will schon wieder vorbeikommen und das Geschmiere überstreichen. Und er bringt irgendeinen Spezialreiniger mit, mit dem man wohl die Farbe von Scheiben und Kunststoff bekommt.“ Die Freunde waren gerührt. „Er hat es sich natürlich nicht ausreden lassen“, seufzte der Engel. „Vielleicht sollten wir uns erstmal anziehen.“

Maggie umarmte alle und lud sie für später ins Café ein. „Nina konnte nicht weg, aber sie ist genauso sauer wie ich“, versicherte sie zum Abschied.

Vollständig angekleidet versammelten sich die drei Freunde kurz darauf um den Esstisch und warteten auf Alec. Beklommen bemerkte Muriel: „Da ist auch was auf dem Anrufbeantworter.“

„Lass hören“, forderte Erziraphael sie auf. „Es wird nicht besser, wenn wir es aufschieben.“

Muriel drückte die Taste. „Hallo Mister Fell, Kenneth Foster hier, der Kollege von Ben.“ Alle atmeten erleichtert durch. „Ich würde Sie gerne um einen Kommentar zu der angekündigten Gründung eines überweltlichen Strafgerichtshofs und zu den aktuellen Written Questions der Opposition bitten. Wenn Sie dazu bereit sind, rufen Sie mich gerne zurück. Außerdem habe ich die ersten Texte zu den Diskriminierungsfällen fertig. Ich würde mich freuen, wenn ich sie Ihnen zur Durchsicht schicken dürfte. Ich fühle mich in der Materie noch nicht ganz sattelfest und möchte keine groben Schnitzer machen.“ Die Aufzeichnung endete mit der Rückrufnummer und einem freundlichen Gruß.

Erziraphael starrte noch bedrückt auf das Telefon, als die Nachricht längst verklungen war. Er brauchte einen Moment, um genug Abstand von den persönlichen Angriffen in seinem Privatleben wieder den Spannungen und Ungerechtigkeiten auf der großen Bühne zuzuwenden.

Bee dagegen schien froh über den Themenwechsel zu sein. „Spannend“, war ihr spontaner Kommentar. „Die Texte würde ich auch sehr gerne lesen.“

Erziraphael riss sich zusammen und nickte. „Dann rufe ich am besten gleich zurück.“ Die Frauen blieben sitzen und hörten mit, der Buchhändler hatte den Lautsprecher aktiviert. Er gab zu bedenken, dass er keinerlei offizielle Funktion habe und ein öffentlicher Kommentar ihm deshalb kaum zustehe. Weil er sich aber umstandslos bereit erklärte, die Berichte über die Diskriminierung von Dämonen zu lesen, und auch noch anbieten konnte, dass die ehemalige Stellvertreterin Satans dem Reporter ihre Rückmeldung dazu gab, drang der Reporter auf ein Gespräch. Die Männer vereinbarten eine Videokonferenz zu dritt, sobald sie die Texte gelesen haben würden. Die Mail mit den Anlagen kam nur Augenblicke nach dem Auflegen.

Bevor sie sich jedoch hineinvertiefen konnten, machte Alec sich an der Ladentür bemerkbar und sie winkten ihn herein. „Alec, sie sind nicht dafür verantwortlich, unsere Fassade sauber zu halten“, empfing ihn Erziraphael. „Ich kann das nicht schon wieder annehmen.“

„Papperlapapp!“ Der Schreiner ließ seinen Einwand erwartungsgemäß nicht gelten. Er krempelte die Ärmel auf. „Ich schäme mich für meine Mitmenschen und es ist mir ein Anliegen, den bösartigen Schwachsinn zu tilgen. Außerdem würden meine Frauen mir die Hölle heiß machen, wenn ich Sie damit allein ließe.“

Seine übliche gutmütige und tatkräftige Ausstrahlung tat den Freunden gut. „Dann werde ich Sie nicht aufhalten“, gab der Buchhändler nach. Er begleitete Alec vor die Tür, wo der seine Utensilien schon bereitgestellt hatte.

„Man sollte meinen, wir hätten genug echte Probleme“, sagte der Schreiner kopfschüttelnd, während er den Farbeimer öffnete und die Malerrolle eintauchte. „Wenn es offenbar nötig ist, sich auf Gewalttaten von Engeln und Dämonen vorzubereiten und dafür ein eigenes Gericht zu schaffen, sollten sich die Leute besser darüber aufregen. Stattdessen hacken sie auf netten Menschen herum, die sich nichts vorzuwerfen haben.“ Er hatte beim Sprechen die überschüssige Farbe abgestrichen und führte die Rolle mit entschlossenen Bewegungen über die Schmierereien. So entging ihm sowohl, wie Muriel errötete und beschämt unter sich sah, als auch der Blickwechsel zwischen Bee und Erziraphael. Die Dämonin legte einen Arm um Muriels Schulter und drückte sie aufmunternd. Der Buchhändler war bei Alecs Worten erstarrt und folgte nun den Frauen schweigend zurück ins Haus.

Sobald die Ladentür sich hinter Alec geschlossen hatte, fragte Muriel leise: „Müssten wir es ihm nicht sagen?“

Erziraphael fingerte nervös an der Knopfleiste seiner Weste herum. „Früher oder später sicher“, sagte er unbehaglich. „Aber ich würde gerne eine passende Gelegenheit abwarten.“ Sie mussten nicht darüber sprechen, dass eine solche Mitteilung eine explosive Wirkung entfalten konnte.

Die Frauen hatten volles Verständnis dafür, dass Erziraphael das nicht übers Knie brechen wollte, aber sie sahen auch, dass es durch Abwarten kaum leichter werden würde. „Schieb’s nicht zu lange auf“, mahnte Bee deshalb freundschaftlich, während sie sich in die Texte von Kenneth vertiefte.

***

Furfur tobte. Die beiden Dämoninnen, die seinen Sicherheitsdienst leiteten, hatten es vorgezogen, ihre Posten vor der Tür seiner Räume zu beziehen, obwohl mindestens eine von ihnen üblicherweise direkt am Schreibtisch des Höllenrats auf Befehle und Informationen wartete. Sein persönlicher Assistent hatte entschieden, dass er eine sehr dringende Besorgung zu erledigen hatte, und war mit einer gemurmelten Entschuldigung in ein anderes Büro entflohen.

Codimor hatte beim Hereinkommen noch die Flugbahn der Tasse verfolgen können, die im nächsten Augenblick an der Wand hinter ihm zersplitterte. Interessiert sah er sich um und zählte die Flecken, die von weiteren Wurfgeschossen und ihrem jeweiligen Inhalt erzählten. Drei waren seit seinem letzten Besuch hinzugekommen. Der Höllenrat regte sich diesmal offenbar ernsthaft auf. Der Meister des Rechts lächelte in sich hinein und nahm am Besprechungstisch Platz. So ließ sich Furfur nur innerhalb dieses Raumes gehen und auch nur, wenn er etwas persönlich nahm. Sehr persönlich. Gelassen wartete Codimor ab, ob die Wurfübungen beendet waren. Es hatte den Anschein. „Wer?“, fragte er daraufhin.

Furfur schnellte zu ihm herum, als würde er ihn erst jetzt wahrnehmen. „Wer schon?“, blaffte er seinen Vertrauten an. Er ballte die Hände und rang um Fassung. „Dieser unverbesserliche rothaarige Rebell natürlich!“, setzte er mühsam beherrscht hinzu. Er ließ sich auf den Stuhl gegenüber Codimor fallen, der schweigend auf zusätzliche Erklärungen wartete. Die kurz darauf folgten: „Er und der fahnenflüchtige Erzengel haben den Gefangenen mit dem Menschenkind wirklich gefunden.“

Dem Meister des Rechts entging der unfreiwillig beeindruckte Unterton in dieser Bemerkung nicht, ebenso wenig wie der fast zärtliche Klang des Wortes „Rebell“ im Satz davor, aber er versagte sich weise jeden Kommentar. „Aber?“, fragte er nur.

„Aber damit haben sich diese beiden Unruhestifter nicht zufriedengegeben!“ Furfurs Stimme wurde wieder lauter. „Nein, jetzt musste sich dieser gutherzige Idiot, dieser notorische Retter hilfloser Jungfrauen, auch noch als Unterpfand für eine Freilassung Balgrans anbieten!“

Codimor rutschte auf der Sitzfläche ein Stück nach vorn. Das war interessant! „Und was genau erzürnt dich daran so?“ erkundigte er sich mit ehrlichem Interesse. Schließlich hatte der Höllenrat Crowley schon oft, auch kürzlich erst wieder, als Verräter an der Sache der Hölle bezeichnet, als Stachel in seinem Fleisch, als Karikatur eines Dämons.

„Als wüsstest du das nicht ebenso gut wie ich“, seufzte Furfur und ließ sich in seinen Stuhl zurücksinken. „Seien wir doch ehrlich: Satan hat ihm nach seinem Fall so viel Leid zugefügt, wir alle haben ihn so feige Luzifers persönlicher Rachsucht und maßloser Grausamkeit überlassen, die Hölle hat so viel Unrecht an ihm verübt, dass er der Hölle nichts, aber auch nicht das Geringste mehr schuldet. Wir haben ihm lange genug nachgestellt. Es ist Zeit, dass wir ihn in Frieden lassen.“

Codimor nickte bedächtig. „Ich nehme an, diese kleine Ansprache würdest du vor deinem Krisenstab nicht wiederholen“, stichelte er. Insgeheim war er beeindruckt: Das waren mutige Worte für den amtierenden Führer der Hölle. Obwohl er ihnen vorbehaltlos zustimmte, hätte er nicht erwartet, sie aus Furfurs Mund zu hören.

Und der Höllenrat war noch nicht am Ende: „Könnten wir heute hier sitzen und uns über seinen albernen Edelmut ereifern, wenn er und sein Rauschgoldengel nicht dreist den ganzen Göttlichen Plan über den Haufen geworfen hätten, frage ich dich.“

„Wohl kaum“, antwortete ihm sein Meister des Rechts offen und führte den Gedanken gleich weiter: „Vermutlich wären unsere Namen bereits aus dem Buch des Lebens getilgt und auch sonst wäre niemand übrig, der nach einer neuen Rechtsordnung für die Zukunft der Hölle fragen würde.“

Furfur stampfte frustriert mit dem Fuß auf. „Aber was mache ich jetzt mit diesem personifizierten Problemfall?“, fragte er anklagend. „Auf keinen Fall kann ich auf den Handel eingehen. Es wäre einfach nicht richtig. Und davon abgesehen würde sein blonder Putto die gesamte Hölle auf links drehen, wenn ich seinen …, seinen …“ Er verstummte.

„Seinen Partner?“, schlug Codimor behutsam vor. Es kostete ihn einige Anstrengung, dabei nicht zu lächeln, aber das Vertrauen seines Vorgesetzten verdiente diese kleine Mühe.

Furfur schnaubte. „Von mir aus: wenn ich seinen Partner inhaftiere, dann bleibt hier kein Stein auf dem anderen.“

Codimor neigte nachdenklich den Kopf. „Eine unbemerkte und äußerst bedauerliche Flucht Balgrans?“, ließ er wie zufällig fallen.

„Auf keinen Fall. Ohne Passierschein kriegen die beiden ihn nicht lebend aus der Hölle heraus und bringen sich noch dazu selbst in größte Gefahr.“

Dem konnte Codimor nicht widersprechen, ein solches Unterfangen wäre vermutlich zum Scheitern verurteilt. „Dann womöglich eine temporäre Haftaussetzung unter Aufsicht der Delegation?“, spann er seinen Gedanken laut weiter.

„Mit solchen juristischen Spitzfindigkeiten kommen wir nicht durch. Das weißt du doch besser als ich“, winkte Furfur ab.

„Und eine Begnadigung?“

Furfur sah ihn erstaunt an. „Du bist mein Meister des Rechts. Du schlägst mir nicht allen Ernstes eine willkürliche Bevorzugung vor, nur, um die gemischte Delegation schnell loszuwerden?“

„Loszuwerden und zu schützen“, präzisierte der Angesprochene. „Aber du hast recht: Das wäre kein kluger Schachzug. Irgendjemand würde darauf aufmerksam und wir hätten uns angreifbar gemacht. Noch dazu wäre es ein Verstoß gegen den Großen Vertrag. Keine Begnadigung ohne Zustimmung der anderen Welten.“ Die beiden Männer schauten sich ratlos an.

„Warten wir ab, wie es weitergeht. Vielleicht geschieht ein Wunder.“ Furfur sah den Zweifel im Gesicht seines Gegenübers. „Lass mir wenigstens kurz ein bisschen Hoffnung!“, forderte er. Er fuhr sich durchs Gesicht, sammelte sich. „Lass uns über dieses überweltliche Gericht reden.“