Verletzungen (so endet der Sonntag)
Verletzungen (so endet der Sonntag)
Gabriel und Crowley schwiegen sich seit mindestens zwei Stunden verbissen an. Sobald der Dämon in die schlichte Unterkunft zurückgekehrt war, in der sie auf Balgrans Entscheidung warten sollten, war der Engel über ihn hergefallen. Mit allen Vorwürfen, die Crowley vorausgesehen hatte und einigen mehr. Es waren alle Namen gefallen, auf die er sich innerlich vorbereitet hatte: Erziraphael natürlich, Muriel, Hannah und ihre Eltern, Jesus. Aber der ehemalige Erzengel hatte weiter ausgeholt und ihm heftig zugesetzt, hatte ihm vorgeworfen, seine Freunde im Stich zu lassen, unter denen er wie selbstverständlich auch Bee und sich selbst aufzählte, ebenso Sariel, Maggie und Nina, ja sogar Arwen. Er hatte ihm vorgehalten, die Kinder zu enttäuschen, für die er mit Hexe in die Schulen ging. Er erinnerte ihn an die Menschen, die zu den Vorlese-Samstagen kamen, und die er um einen Höhepunkt in ihrem Alltag bringen würde. Er hatte den Dämon damit erstaunt, wie viele Namen von menschlichen Freunden und Bekannten er kannte, und wie sehr diese scheinbar auch Gabriel ans Herz gewachsen waren. Er hatte sogar ins Feld geführt, dass er Furfurs, Codimors und Sofethos‘ Vertrauen missbrauchte, dass er Milgreth und seinen Hauptmann in Schwierigkeiten brachte, dass Berechiel und Umael maßlos enttäuscht sein würden.
Der Dämon hatte sich all diese Anklagen und Anschuldigungen reglos angehört, genauso, wie er es sich vorgenommen hatte. Aber dann tat Gabriel etwas, womit er niemals gerechnet hätte: Er hörte auf, lauthals auf ihn einzureden, und schaute ihn stattdessen mit feuchten Augen an: „Ich habe mir eingebildet, ich würde dich inzwischen kennen, aber niemals hätte ich dir zugetraut, dass du Erziraphael so verletzt und uns alle so vor den Kopf stößt. Ich dachte, wir wären Freunde geworden.“ Dann hatte er sich abgewendet, sich auf sein Notbett gelegt und ihn keines Blickes mehr gewürdigt.
Seitdem hatte Crowley einen Kloß im Hals und kämpfte ebenfalls mit den Tränen. Konnte Gabriel denn nicht sehen, wie es unweigerlich kommen würde? Dass der trübsinnige, ungesellige Dämon, der selbst bei den fröhlichsten Gesellschaften oft still am Rand blieb, der so viel Ballast mit sich herumschleppte, dass er nur ein Klotz am Bein der Freunde war? Er selbst war der Ballast: Mit all den Narben auf seinem Körper und seiner Seele. Der Unsicherheit. Der Angst. Er stände ihnen nur im Weg. Es war besser für sie, ihn zurückzulassen, und sich auf die Zukunft zu konzentrieren, an der er keinen Anteil haben würde. Verstand Gabriel denn nicht, dass er Erziraphael freigeben musste, obwohl es sein Herz brach, dieses bis zur Unkenntlichkeit zersplitterte dumme Ding, das in seiner Brust pochte und schmerzte, wo er es doch nicht einmal zum Leben brauchte? Dass er den Mann freigab, den er mehr als sein eigenes Leben liebte, damit der ohne Gewissensbisse neu beginnen konnte? Sein Engel sollte sich einen gleichwertigen Partner suchen und in dieser neuen Welt glücklich werden!
Auch Crowley hatte sich hingelegt, das Gesicht zur Wand und schwieg. Wie hätte er Gabriel erklären sollen, was ihm doch so offensichtlich erschien? Die Gedanken kreisten in seinem Kopf, immer und immer wieder. Er hatte ihnen nichts mehr entgegenzusetzen.
Plötzlich hörte er etwas rascheln und erstarrte, versuchte, nicht einmal zu atmen. Er hörte Gabriels Schritte, es mussten seine sein, denn die Tür hatte sich nicht geöffnet. Was hatte der Engel vor? Würde er ihm weitere Vorwürfe machen? Es wäre ihm viel lieber, wenn er ihm stattdessen die angedrohten Prügel verabreichen würde.
Aber nichts davon geschah. Gabriel setzte sich vielmehr behutsam an den Rand seiner Liege und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Crowley?“ Er hielt die Luft an. „Crowley, mein Freund? Ich hatte kein Recht, dir Vorwürfe zu machen. Ich war schon immer ein Choleriker. Der Fünfte Kreis bringt nicht meine besten Seiten zum Vorschein. Furfur hatte das ja schon kommen sehen.“ Er schwieg.
Der Dämon erlaubte sich, wieder normal zu atmen, verbarg aber weiterhin sein verweintes Gesicht und blickte sich nicht um. „Crowley?“ Gabriels Stimme war jetzt ganz weich. „Bitte entschuldige, was ich gesagt habe, auch wenn es eigentlich nicht zu entschuldigen ist.“ Selbst ohne sich zu ihm umzudrehen, erkannte Crowley, wie der Engel mit sich kämpfte. „Ich habe Angst um dich“, sagte er schließlich schlicht. Und nach einer weiteren Pause: „Und ich habe Angst um uns alle, um unsere Gruppe. Du und Muriel, ihr seid das Fundament. Ihr habt diese kostbare, friedliche, zerbrechliche Existenz für euch aufgebaut und uns andere großzügig darin aufgenommen. Muriels Freundschaft zu Maggie und Nina, deine Freundschaft zu Ben und Laura, die sind für uns alle die Brücken, die uns mit der Menschheit verbinden.“
Die nächste Pause war so lang, dass Crowley glaubte, es wäre vorbei. Aber Gabriel war noch nicht am Ende. „Ich habe Angst, Crowley“, wiederholte er. Er sprach jetzt so leise, dass der Dämon unwillkürlich den Kopf drehte, um sein Ohr näher zum Mund des Engels zu bringen. „Ich weiß nicht, was aus uns werden soll, wenn du nicht mit mir zurückkehrst. Erziraphael und Muriel werden danach nicht mehr sie selbst sein. Ich habe Angst, dass unser Kreis zerbrechen wird, wenn du fehlst.“ So, das war es. Mehr hatte er nicht zu sagen. Jetzt konnte er nur noch hoffen, dass seine Worte eine kleine Öffnung im Panzer des Dämons fanden, um einzusickern und ihre Wirkung zu tun.
Er wartete. Es war so still, dass er die einzelnen Tränen hörte, die aus Crowleys Augen auf seine Liege tropften. „Oh, Sat…, Irgendwer!“, fluchte der Dämon, als er sich endlich zu ihm umdrehte, „mir war nicht klar, dass du auch so einen unguten Hang zum Pathos hast wie dein Nachfolger.“ Seine Augen waren immer noch rot vom Weinen, aber er versuchte krampfhaft, seinen Worten den üblichen zynischen Klang zu geben. „Von wegen Brücke! Ich bin euch nur im Weg. Ihr braucht mich nicht. Wart’s nur ab: Ihr werdet so gut ohne mich zurechtkommen, dass ihr es bedauert, wenn das hier vorbei ist und ich wieder in der Tür stehe.“
Gabriel hätte vielleicht geschwiegen und damit respektiert, dass Crowley seinen Schutzpanzer aus Spott und Sarkasmus wieder anlegte, aber diesmal hatte er die Bitterkeit und das Verletzliche unter der Oberfläche gehört, viel zu deutlich gehört, um es zu ignorieren. Als Crowley sich neben ihm aufsetzte, nahm er ihn deshalb in den Arm und hielt ihn fest an sich gedrückt, während er sagte: „Du bist manchmal wirklich ein Idiot, Anthony J. Crowley. Aber du bist auch mein Freund. Und ich werde dich auf keinen Fall allein hier zurücklassen, egal, was du tust. Entweder, wir kehren zu zweit nach Hause zurück, oder keiner von uns kehrt zurück.“ Erst dann lockerte er seinen Griff und hielt den Dämon auf Armeslänge von sich weg.
„Selber Idiot!“, murmelte der, ließ aber zu, dass Gabriel ihn noch einmal an sich zog und ihm sanft und aufmunternd auf die Schultern klopfte, bevor er aufstand und zu seiner eigenen Liege zurückkehrte.
„Ob Balgran sich bald entscheidet?“, fragte er und Crowley zuckte zur Antwort mit den Schultern. Dann schwiegen sie wieder, jetzt aber miteinander.
***
Erziraphael und Muriel hatten Alec von Haus zu Haus begleitet. Sie boten an, den Schaden zu beheben, und während der Schreiner die schwarze Farbe mit dem Spezialreiniger entfernte, sodass die Aufkleber wieder zum Vorschein kamen, unterhielten sie sich mit den Eigentümern, Bewohnern und Pächtern. Sie bedankten sich für die ungebrochene Unterstützung und gaben ihrem Bedauern über die Entwicklung Ausdruck. Im Café hielten sie sich etwas länger auf, genossen für die Dauer einer Tasse Tee die Gesellschaft von Maggie und Nina, bevor sie weiterzogen.
Auch im Restaurant und im Pub machten sie Halt, reinigten die Eingangstüren und suchten das Gespräch. Beide Male wurden sie freundlich begrüßt, zweimal verurteilte man die Schmierereien, aber man bat auch in beiden Lokalen um Verständnis dafür, dass man seine Solidarität nicht mehr so zur Schau stellen könne, weil man nicht riskieren dürfe, Gäste zu verprellen. Die Engel mussten Alec an beiden Türen bremsen, damit er den Gesprächspartnern nicht die Meinung geigte, worüber er sich nach der Rückkehr in die Buchhandlung bitter beschwerte: „Diesen Feiglingen muss mal jemand den Spiegel vorhalten!“, ereiferte er sich. „Ja, ich weiß, sie haben Gründe, … aber wenn man seine Solidarität nicht öffentlich zeigt, kann man sie sich auch gleich ganz sparen! Lippenbekenntnisse helfen Ihnen nichts!“
Muriel und Erziraphael waren gerührt, wie sehr er sich für sie einsetzte, nahmen aber dennoch die beiden Gastronomen in Schutz: „Sie leben davon, dass ihre Gäste wiederkommen. Ich verstehe ihre Sorgen“, sagte Erziraphael. Muriel stimmte ihm zu. „Es ist nun einmal nicht jeder so mutig wie Sie, Alec“, sagte sie. „Und nicht so kompromisslos“, ergänzte der Buchhändler.
Alec schüttelte den Kopf. „Wenn man sich nicht aufeinander verlassen kann, wenn man nicht ehrlich miteinander umgeht, was bleibt dann noch?“, fragte er. „Wie kann ich meinen Töchtern ein Vorbild sein, wenn ich faule Kompromisse eingehe und das Vertrauen meiner Mitmenschen enttäusche?“
Erziraphael musste seinen Freundinnen nicht ins Gesicht sehen, um zu wissen, dass ihnen ebenso unbehaglich zumute war wie ihm. Er musste sich wirklich bald überlegen, wie er den vier Gibsons vorsichtig beibringen konnte, dass er keine Vorfahren hatte, dass der Wohltäter aus Alecs Geschichten immer nur er gewesen war. Aber dafür hatte er heute nicht das Herz. Wenn Crowley wieder zurück war, sagte er sich. Wenn der Dämon erst wieder zuhause wäre, dann würden sie sich dieser und allen anderen Herausforderungen stellen. Gemeinsam würde ihnen etwas einfallen!
„Wir sind Ihnen sehr dankbar für Ihre zupackende Unterstützung, Alec“, sagte er deshalb. „Aber es ist Sonntag und Sie haben uns schon viel zu viel Ihrer kostbaren Freizeit geopfert. Gehen Sie nach Hause zu Ihren Frauen.“
Der Schreiner lachte gutmütig. „Gut, gut, ich trolle mich. Aber Sie werden mich nicht davon abhalten, Schmutz von Ihrer Fassade zu tilgen, immer einmal mehr als andere ihn dort hinterlassen.“ Er blinzelte dem Buchhändler zu. „Und ich versichere Ihnen: So leicht wie mich jetzt werden Sie Sarah nicht wieder los, wenn Sie nächstes Mal kommt, um Sie von einer Anzeige zu überzeugen!“ Dann fiel ihm noch etwas ein: „Morgen muss ich mit David noch eine andere Baustelle fertigmachen. Ab Dienstag können Sie dann wieder nebenan mit uns rechnen, Miss Bennet.“ Der Abschied war herzlich wie immer.
Die Tür fiel leise hinter ihm ins Schloss und für einige Augenblicke war nur das Ticken und Surren von Erziraphaels antiker Standuhr zu hören. Dann schüttelten die beiden Engel ihr Unbehagen ab und wandten sich wieder Bee zu.
Die Dämonin hatte in der Zwischenzeit Kenneth‘ Texte gelesen. Sie bot sich deshalb jetzt an, etwas Essbares auf den Tisch zu zaubern, während die Freunde sich ihrerseits an die Lektüre der Recherche-Ergebnisse machten. Auch wenn keiner von ihnen wirklich Appetit hatte, würde ihnen eine gemeinsame Mahlzeit guttun. Essen lenkte ab und gab auch einem Tag wie diesem den Anschein von Normalität. Währenddessen diskutierten sie über die Rückmeldung, die sie dem Journalisten geben wollten.
Er hatte gründlich und seriös recherchiert, an seiner Arbeit gab es nichts auszusetzen. Die Ergebnisse jedoch und die Schlüsse, die er daraus zog, waren besorgniserregend. Die Diskriminierung der Dämonen reichte viel weiter, als ihre eigenen Informationen gezeigt hatten. Nicht nur die Menschheit schien grundsätzliche Bedenken gegen eine Zusammenarbeit mit der Hölle zu haben, auch in den Reihen des Himmels formierte sich offenbar Widerstand. Es war für Angehörige aller drei Welten ungewohnt, sich den beiden anderen zugehörig zu fühlen. Außerdem hätte es wahrscheinlich eine Mehrheit der Menschen vorgezogen, dauerhaft unter sich zu bleiben. Sollten die Unsterblichen doch bleiben, wo sie auch die letzten sechstausend Jahre gewesen waren! Viel zu wenige Visionäre und wahre Humanisten sahen optimistisch auf eine gemeinsame Zukunft. Die Mehrheit fremdelte im besten Falle, fand sich mit der Perspektive ab. Aber die Öffentliche Meinung schwankte noch, war erschreckend leicht zu beeinflussen ̶ von einzelnen Vorkommnissen, angeblichen Vertragsverstößen, der aufkeimenden Neid-Debatte. Die Schlacht um die Meinungshoheit über die Stammtische war längst in vollem Gange, und es war keineswegs sicher, dass der freiheitlich-liberale, weltoffene Flügel den Sieg davontragen würde.
Die drei Unsterblichen, die an diesem Abend in der Buchhandlung zusammensaßen, redeten sich die Köpfe heiß, erdachten und verwarfen immer neue Strategien, und machten sich die Entscheidung nicht leicht, welches Echo sie Kenneth geben wollten. Am Ende stand aber die Einigung auf ein gemeinsames Statement, und zwar nicht nur zu den Berichten, sondern auch zu den aktuellen Fragen, die Bens Kollege angesprochen hatte. Sie waren erschöpft, aber erleichtert darüber, dass sie einen Standpunkt teilten. Sollte das dann nicht auch allen anderen Sterblichen und Unsterblichen möglich sein?
Der Abend war schon fortgeschritten, als Erziraphael Kenneth' Nummer wählte, unsicher, ob er ihn um diese Uhrzeit überhaupt noch erreichen würde. Doch der Journalist ging schon beim ersten Klingeln dran: „Ich schicke euch einen Link!“ Ihr Video-Chat dauerte bis weit in die Nacht. Nebenbei hatte Kenneth eine Vorankündigung und einen Kommentar verfasst, die er noch in der Montagsausgabe seiner Tageszeitung platzieren konnte. Sein Redakteur hatte ihm den Platz freigehalten, im Vertrauen darauf, dass die exklusiven Kontakte des brillanten Kollegen ihnen auch diesmal einen Vorsprung vor der Konkurrenz verschaffen würden. Der Ankündigung würden mehrere Tage lang Sonderberichte folgen ̶ über das Miteinander der Welten, Diskriminierungsfälle und konkrete Vorschläge von, wie es im Teaser heißen würde, „ehemaligen Angehörigen der Führung von Oben und Unten .“ Das war der Plan. Sie konnten nur hoffen, dass die Aufklärung rechtzeitig ihre Wirkung entfalten würde, bevor die Öffentliche Meinung kippte.