Konfrontationen - Tag 24, Montag
Konfrontationen - Tag 24, Montag
Konfrontationen
Kenneth hatte die ganze Nacht in der Redaktion verbracht und wie besessen geschrieben. Gegen drei hatte er Ben eine Sprachnachricht geschickt, um ihn auf dem Laufenden zu halten. Er war sicher, dass seine Texte in den kommen Tagen landesweit für Aufsehen sorgen würden. Und er wusste, wem er das zu verdanken hatte: Bens Kontakten und noch mehr Bens Vertrauen. Er schuldete ihm schon jetzt eine Menge.
Ben hatte die Nachricht sofort abgehört. Seit Crowley in die Hölle aufgebrochen war, wurde Laura immer wieder von Alpträumen heimgesucht und so waren auch Bens Nächte unruhig. Er hatte ohnehin einen leichten Schlaf, jetzt aber reichte ein Wispern oder ein Rascheln, und er war wach. Schon wenn Laura im Schlaf sprach oder Hannah durch den Flur tapste, ihren abgeliebten Teddy fest an sich gedrückt. Sie hatten der Kleinen nicht erzählt, wo Crowley war, natürlich nicht! Aber sie schien ihre Sorge zu spüren und wurde von bösen Träumen gepeinigt. Ihr Vater hatte schon mehrmals für sie unter dem Bett und im Schrank nach Monstern suchen müssen, zum ersten Mal seit Langem. Er hatte keine gefunden. Und er war darüber ebenso erleichtert wie die kleine Hannah. Ob draußen in der Welt, oder in seiner Familie und seinem Freundeskreis – die Lage ging ihm an die Nieren. Wenn er einen Beweis gebraucht hätte – die Monstersuche hätte ihn geliefert.
Als sein Handy lange vor seiner üblichen Aufwachzeit vibrierte, war er deshalb sofort hochgeschreckt, hatte nachgesehen und Kenneth‘ Nachricht abgehört. Er war leise aufgestanden, um Laura nicht zu stören. Die Tür ließ er offen, damit er hörte, falls sie unruhig wurde. Er setzte sich mit seinem Laptop an den Küchentisch. Von dort konnte er sehen, falls Hannah aus ihrem Zimmer kam. Er las zuerst die Texte, die Kenneth im Redaktionssystem für ihn freigegeben hatte. Immer wieder nickte er anerkennend: Sein Kollege war nicht nur unermüdlich und penibel bei seinen Recherchen, sondern auch ein grandioser Journalist. Er schrieb packend und verständlich, er argumentierte zwingend und er verstand es, seine Leser bei ihren Emotionen zu packen.
Er tippte gerade eine kurze Antwort an Kenneth, als Laura im Türrahmen auftauchte. „Ist etwas geschehen?“, fragte sie besorgt. Ben stand auf, ging ihr entgegen und nahm seine Frau in den Arm. „Nein“, er streichelte liebevoll ihre Wange. „Kenneth hat mal wieder die Nacht durchgeschrieben und ich war neugierig und habe alles gelesen. Geh am besten wieder ins Bett.“ Laura schüttelte den Kopf. „Ich träume sowieso nur wirres Zeug. Wie wär’s, ich mache uns stattdessen einen Kaffee und danach fährst du in die Redaktion? Ich seh‘ doch, wohin es dich zieht.“
Und so stand Ben an diesem Montagmorgen ungewöhnlich früh vor dem Zeitungsgebäude. Es war noch dunkel und nur zwei Fenster waren erleuchtet: Das von Kenneth und das des Chefs vom Dienst. Er öffnete die Tür mit seiner Chipkarte und meldete sich bei Eric vom Sicherheitsdienst. „Bist du zuhause rausgeflogen?“, fragte der grinsend. „Wenn ich noch oft so früh verschwinde, ist das nicht auszuschließen“, gab er zurück und steuerte auf den Fahrstuhl zu. „Kenneth ist auch hier“, rief Eric ihm nach. Ben winkte und verschwand im Fahrstuhl. Auf dem Weg nach oben versuchte er vergeblich, das vage Gefühl von Gefahr zu verscheuchen, das ihn seit Tagen verfolgte.
Kenneth hob nur kurz den Kopf, als Ben hereinkam. „Hast du unterwegs Nachrichten gehört?“ Ben schüttelte den Kopf, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben seinen Kollegen. „Vor dem Palace of Westminster versammeln sich Demonstranten. Es sind schon Dutzende.“
„Jetzt schon? Das House of Commons tritt doch erst um halb zwölf zusammen.“
Kenneth nickte. „Sieht aus, als würde den Abgeordneten ein Spießrutenlauf bevorstehen, wenn sie zur Sitzung kommen. Es gab unzählige Aufrufe. Die Züge aus den Vororten quellen über von Menschen mit Plakaten und Spruchbändern.“
Ben runzelte die Stirn. „Und das alles wegen ein paar Anfragen der Opposition? Die gibt es doch andauernd!“ Mit zusammengezogenen Brauen starrte er angestrengt auf den Bildschirm. „Glauben die, sie könnten Einfluss auf die Antwort der Regierung nehmen?“ Das war ungewöhnlich und erstaunte – nein, es beunruhigte ihn. Da mussten viele Lobbyisten und Meinungsführer im Hintergrund eifrig Strippen gezogen haben. Was wollten sie erreichen? „Hast du nochmal den Wortlaut der Anfragen für mich?“, bat er Kenneth. Der zog einen Zettel von einem unordentlichen Stapel Papiere und hielt ihn Ben hin. Der überflog noch einmal die Texte. Mehrere Oppositionsabgeordnete des nationalistischen Flügels ihrer Partei hatten sich offenbar zusammengetan, aufeinander abgestimmte Fragen formuliert, und verlangten Auskunft zur Politik der Regierung im Hinblick auf Angehörige von Oben und Unten .
Ist der Regierung bekannt, wie viele Engel und Dämonen sich dauerhaft oder zeitweise im Vereinigten Königreich aufhalten? , war eine der Fragen.
Wie gedenkt die Regierung, den Zuzug Unsterblicher zu kontrollieren oder zu begrenzen?
Wie wird gewährleistet, dass Engel und Dämonen jederzeit als solche erkennbar sind?
Werden Straftaten von Engeln und Dämonen gesondert erfasst?
Was wird die Regierung tun, um Menschen vor Verwünschungen und dem Missbrauch von Wundern zu schützen?
Eine Mehrheit hält die Zustimmung der UN zum Überweltlichen Vertrag für voreilig und möchte die Ratifizierung durch das Vereinigte Königreich aufschieben? "Das wage ich zu bezweifeln!", knurrte Ben, als er das las.
Teilt die Regierung diese Auffassung?
Wie geht die Regierung gegen die kriminelle Engel-Vereinigung Britannia vor?
Welche Gefahr geht von der Mitgliedschaft von Dämonen in lokalen Hells Angels-Gruppen aus?
Werden Sie im Licht der jüngsten Ereignisse die Niederlassungsfreiheit für Unsterbliche zurücknehmen?
Weitere Fragen betrafen zum Beispiel Steuerpflicht oder Waffenbesitz.
Die Liste mit Fragen war sehr lang. Alle waren suggestiv und Ben zweifelte nicht daran, dass sie ganz bewusst so formuliert worden waren. „Hast du kommen sehen, dass das solche Wellen schlägt?“, fragte er seinen Kollegen, plötzlich in höchstem Maße alarmiert.
„Befürchtet habe ich es zumindest. In den Sozialen Medien läuft sich der Mob schon seit einigen Tagen warm. Die üblichen Muster: ‚Die‘ gegen ‚Wir‘, Andeutungen, Suggestivfragen, Unterstellungen, Verleumdungen, glatte Lügen.“ Sein Gesicht zeigte Ekel. „Die Boulevard-Blätter machen heute Morgen mit solchen Titeln auf wie ‚Herr Premierminister, wie können wir unsere Kinder vor Dämonen schützen?‘, ‚Steht der Engel-Umsturz kurz bevor?‘ oder ‚Können wir uns in unserem eigenen Land noch sicher fühlen?‘, ganz übles Zeug.“
Angewidert schüttelte Ben den Kopf. Da steckte doch Absicht dahinter! „Warum ist das so schnell eskaliert?“, fragte er.
„Wie immer“, sagte Kenneth. „Weil es jemandem nützt.“ Auf einem zweiten Bildschirm öffnete er eine Internetseite mit politischen Slogans. „Ich zeig‘s dir.“ Mit dem Kinn wies er auf die Anzeige. „Das ist alles aktuell. Haben die Fakten-Checker von Full Fact zusammengetragen. Und da, wo dieser ganze Mist herkommt, sind ein paar Strippenzieher heute sicher sehr zufrieden mit sich.“
Mit dem Mauszeiger kreiste er die Schlagzeilen „Einreise von Flügelträgern begrenzen!“ und „Brauchen wir Rasterfahndung nach Unsterblichen?“ ein. „Das ist von den English Democrats“, erklärte er.
„Und dieses Kleinod subtiler Überzeugungsarbeit hat uns Britain First geschenkt.“ Er hatte den Satz förmlich ausgespuckt. Der Cursor zeigte auf: „Kennzeichnungspflicht für Federvieh.“
Ben wurde blass. „Das ist widerwärtig!“, presste er zwischen den Lippen hervor. „Das ist nichts anderes als der Judenstern in Nazi-Deutschland.“
Kenneth nickte langsam. „Und trotzdem finden sich Idioten, die dem zustimmen. Würde mich nicht wundern, wenn wir das heute auf den Schildern der Demonstranten zu sehen kriegen. ‚Federvieh‘ ist als Diffamierung gar zu verführerisch. Da kann man hinterher immer behaupten: ‚Ist doch nur Spaß‘, und sich dahinter verstecken.“
Gegen acht Uhr saß Ben noch immer bei Kenneth und sie verfolgten besorgt, wie die Menschenansammlung vor dem Palace of Westminster unablässig wuchs und die Stimmung sich aufzuheizen begann. Kurz darauf sagte Kenneth leise: „Und da haben wir es.“ Auf einem seiner Bildschirme war ein großes Transparent mit dem Slogan ‚Kein Federvieh in unserem Haus!‘ erschienen. Ben wurde übel. Die Vorstellung, wie Crowley und die anderen das sahen, ließ ihn schaudern. Diese Entwicklung würde sie bis ins Mark treffen. Dann wurde ihm bewusst, dass Crowley und Gabriel noch nicht wieder aus der Hölle zurück waren. Die beiden Engel und Bee waren ganz allein mit diesen Bildern und ihren Sorgen. Sein Magen krampfte sich bei diesen Gedanken zusammen und er sprang auf. „Ich fahre nach Soho!“, sagte er. „Damit lasse ich unsere Freunde heute nicht allein.“
Kenneth nickte nur. Als Ben schon fast durch die Tür war, rief er ihm hinterher: „Grüße sie von mir. Und passt auf euch auf. Ihr alle.“
***
Sammy und Mary-Anne hatten am Vortag eine Weile vor den beiden Bildschirmen gesessen und die auf ihnen angezeigten Bilder verglichen. „Ist das wirklich ein Beweis?“, hatte Sammy gefragt. „Könnte das Foto nicht in jeder beliebigen Buchhandlung oder Bibliothek entstanden sein?“ Die Fotografin zoomte zum gefühlt hundertsten Mal in die beiden Bilder hinein, aber sie konnte einfach nicht mehr darauf erkennen. „Vielleicht in der Theorie“, antwortete sie. „Aber mein Bauch sagt, wir sind auf der richtigen Spur.“ Sie kaute nachdenklich auf der Unterlippe.
„Lass mich mal was versuchen“, sagte sie unvermittelt. Gespannt sah ihre Partnerin ihr dabei zu, wie sie sich ins Redaktions-System einloggte. Sie hatte noch keine Ahnung, was die andere vorhaben könnte. Dann rief Mary-Anne die Bildanalyse-KI auf, die auf Gesichts- und Objekterkennung spezialisiert war. „Der Kollege von der Blaulicht-Redaktion hat kürzlich erwähnt, dass die Bildsuche unglaubliche Fortschritte gemacht hätte“, erläuterte sie. Sie zog die beiden Bilder in das Programmfenster, tippte einen Prompt ein, verbesserte ihn mehrfach und drückte ‚Enter‘. Fast unmittelbar danach erschien die Antwort. Teils ungläubig, teils triumphierend sahen sich die Frauen an. Auf dem Bildschirm flimmerte die Antwort der KI: „Aufnahmeort identisch. Zuverlässigkeit: 95 Prozent.“
„Ich glaube, mit Kollegin KI werden wir morgen noch einige spannende Unterhaltungen führen“, hatte Mary-Anne daraufhin gesagt. Obwohl sie sehr zufrieden wirkte, sah sie plötzlich ungemein müde aus. Ihre Partnerin strich ihr zärtlich durchs Gesicht. „Du bist brillant“, sagte sie leise. „Aber für heute reicht es. Lass uns Feierabend machen.“ Sie hatten Pizza bestellt ,sich beim Essen von einer Quiz-Show berieseln lassen und waren bald ins Bett gegangen.
Jetzt, am Montagmorgen, setzten sie sich nach einem schnellen Frühstück direkt wieder an den Rechner. „Wie machen wir weiter?“, fragte Sammy. „Kollegin KI?“ Mary-Anne nickte. „In der Buchhandlung läuft alles zusammen“, dachte sie laut. „Dort ist der Dreh- und Angelpunkt.“ Mit frischer Energie verkündete sie: „Dann sollten wir uns wohl doch erst einmal auf den Buchhändler konzentrieren.“ Sie legte die Stirn in Falten und dachte nach. Schon begann sie, einen neuen Prompt zu formulieren. Nach einer kurzen Pause, in der sie die Finger bewegungslos über der Tastatur verharren ließ, ergänzte sie noch: „Beziehe historische Bildarchive mit ein.“ Die geforderte Bildersuche war für die KI offenbar eine geringfügig größere Herausforderung als die Bildanalyse am Abend zuvor, denn die Abbildungen, mit denen sie nach und nach den Bildschirm füllte, erschienen erkennbar nacheinander und nicht fast gleichzeitig.
„Wahnsinn!“ Sammy pfiff beeindruckt durch die Zähne, als sie beobachtete, wie immer mehr Fotos erschienen, nach vielen Farbfotos auch immer mehr in Schwarz-Weiß oder in Sepia-Tönen, viele davon vor dem Eingang zur Buchhandlung aufgenommen, andere wohl im Innern, sie zeigten Regale und Auslagen, aber vor allem zahllose Bücher, immer wieder, in Reihen, auf Stapeln, schier endlose Mengen von Büchern. Die ältesten Aufnahmen stammten aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Allen Bildern gemeinsam war, dass laut Bildunterschrift bzw. Indexierung der Inhaber und Buchhändler Erziraphael Fell darauf zu sehen war. „Spinn ich, oder sehen die alle gleich aus?“, fragte Sammy verwirrt. „Vergleiche die abgebildeten Personen“ gab ihre Partnerin daraufhin ein. „Um wie viele verschiedene Menschen handelt es sich?“ Als die Antwort aufpoppte, griff Sammy mit einem Schreckenslaut nach der Hand ihrer Freundin. „Wie sicher bist du dir?“, tippte die ins Eingabefeld. Die Antwort erschien fast zeitgleich mit dem Drücken der Entertaste. Die beiden Frauen starrten ungläubig auf die blinkende Zahl. Keine sagte ein Wort, Sammys Fingernägel gruben sich in Mary-Annes Hand. Die Eins blinkte ungerührt weiter.