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(immer noch) Tag 3, Montag

Next Omens Ii - Brave New World — www.fanfiktion.de · All chapters

(immer noch) Tag 3, Montag

Trigger-Warnung: Dieses Kapitel ist eines der wenigen, die mich dazu veranlasst haben, den zweiten Teil von Next Omens als „P18“ einzustufen.  Hier geht es um die Darstellung sexualisierter Gewalt. Besonders Team Crowley muss diesmal tapfer sein.

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Kaum hatten die drei Frauen die Buchhandlung verlassen, überfiel Crowley den Engel mit Fragen. Irritiert verstummte er, als Erziraphael nur geheimnisvoll lächelte. „Warum verrätst du mir nicht endlich, was das alles soll?“, fragte er schließlich entnervt. „Weil du mich überhaupt nicht zu Wort kommen lässt. Und weil ich dir die Antwort geben will, wenn wir entspannt zusammen auf dem Sofa sitzen. Kommst du?“ Er hielt dem verwirrten Dämon die Hand hin und zog ihn vom Stuhl hoch. „Ich hole uns noch eine Flasche Wein. Willst du dir nicht was Gemütliches anziehen? Falls du sowas überhaupt besitzt.“ Crowley wusste nur zu gut, dass Erziraphael sich nicht drängen ließ. Nicht einmal von ihm. Und so stieg er die Treppe hinauf, um sich umzuziehen. Er kam mit offenem Haar, einem schlichten Shirt und einer weich fallenden Freizeithose zurück. Erziraphael sah ihm vom Sofa aus entgegen. So leger gekleidet hatte er ihn noch nie gesehen. Er war eine Augenweide! Wie geschmeidig er sich bewegte! Wie seine Haare leuchteten! Wie schön er war! Er streckte ihm eine Hand entgegen und musste seine ganze Selbstbeherrschung aufbieten, um ihn nicht auf seinen Schoß zu ziehen. Als Crowley sich neben ihn fallen ließ, zog er ihn näher zu sich heran und strich ihm die Haare aus dem Gesicht. „Du bist so schön, Crowley! Deine Bewegungen, …“ Er zwang sich, die Worte, die ihm schon auf der Zunge lagen, hinunterzuschlucken. Ein Engel konnte doch nicht genussvoll die Körperteile eines anderen aufzählen, das konnte nur sündhaft sein! Noch dazu spürte er schon beim bloßen Gedanken an diese Worte, wie sein Körper reagierte. Der Dämon war ihm so nah, er müsste nur seine Hand von Crowleys Gesicht an seinen Hals gleiten lassen, sie über seine Brust und seine Taille wandern lassen, dann könnte er seine Finger um seinen Po schließen, der sich warm und fest anfühlen und seine Hand perfekt ausfüllen würde, könnte ihn an sich ziehen, … „Nein!“, versuchte er, sich zur Ordnung zu rufen, aber seine Gedanken hatten sich selbstständig gemacht. Er könnte seine Hand auf Crowleys Knie legen, könnte seinen Oberschenkel streicheln, könnte seine Hand an der Innenseite seiner Schenkel nach oben führen… Himmel! Er konnte nicht fassen, wie sehr er das wollte. Woher kamen diese Vorstellungen? Diese Fantasien wären selbst dann verwerflich, wenn Crowley versucht hätte, ihn zu verführen. Er war ein Engel! Lust war nicht für ihn. Er wusste das und er wollte noch immer ein guter Engel sein, aber seine Gefühle machten es ihm schwer. Entsetzt spürte er, wie sein, sein… seine Männlichkeit sich bemerkbar machte, sie richtete sich auf, wurde prall und warm, sie forderte seine Aufmerksamkeit. Wenn er noch einen Beweis dafür gebraucht hätte, dass er sich schändlich benahm, hier war er.

Er. Durfte. Nicht. Nachgeben!

Er durfte sich das nicht gestatten! Er hatte nicht den geringsten Zweifel daran, dass er kurz davor war, die Kontrolle zu verlieren. Seine Hand schloss sich um etwas Kühles, Glattes. „Hat es dir die Sprache verschlagen, Engel?“ Erziraphael erkannte, dass der Dämon ihm ein gefülltes Weinglas in die Hand gedrückt hatte.  Er schämte sich furchtbar und wagte kaum aufzuschauen. Erst jetzt bemerkte er, dass Crowley ihn gar nicht ansah. Sein Blick ruhte auf dem Himmelsglobus, dessen glatte Oberfläche er streichelte. „Ich habe noch nie etwas so Schönes besessen“, flüsterte er. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass du mir etwas so Wundervolles geschenkt hast.“ Es war Crowleys Rührung, seine stille Freude, die dem Engel die dringend benötigte Pause gewährte, in der er sich wieder fasste. Als er sicher war, dass seine Stimme ihn nicht mehr verraten würde, flüsterte er: „Nicht halb so schön wie du. Dein Haar, dein Mund“, er strich mit dem Daumen sanft über Crowleys Lippen. Er sah ihn bewundernd an und schwieg wieder. „Deine wunderschönen Augen“, sagte er träumerisch. Er zog mit einem Finger sanft die Augenform nach, die Wangenknochen, den Mund, dann griff er mit beiden Händen in die rote Mähne und küsste ihn. „Ich weiß nicht, wie ich dich jemals ansehen konnte, ohne dich küssen zu wollen.“ Er ergriff seine Hand und drehte sanft die Handfläche nach oben. Er musste ihn einfach berühren, so zärtlich und so unschuldig wie er nur konnte, aber er musste ihn berühren! Mit dem Zeigefinger der anderen Hand malte er Muster und Formen hinein, dann küsste er sie, küsste die Finger, streichelte den Handrücken. Ein Finger glitt unter das Armband der Uhr und umrundete das Handgelenk, dann zog er ihn hervor, nur um ihn im nächsten Augenblick unter den Saum des Ärmels zu schieben. „Engel, nicht!“ Aber er hatte den Stoff schon nach oben geschoben, um auch auf die empfindliche Stelle am Handgelenk einen zärtlichen Kuss zu setzen. Erst dann drang die Bitte in sein Bewusstsein, aber es war zu spät: Seine Lippen fühlten nicht - wie er erwartet hatte - Crowleys Puls unter zarter Haut, sie waren stattdessen auf wulstige Narben getroffen. Auch der Unterarm wies Narben auf, punktförmige, längliche, erhaben, ungleich gefärbt. Sie zogen sich komplett um den Arm herum. Er schluckte. Die Verletzungen, die diese Spuren hinterlassen hatten, mussten großflächig, tief und sehr schmerzhaft gewesen sein. Und sie konnten kaum alle auf einmal entstanden sein. „Crowley, was ist das? Wer hat dir das angetan?“ Der Dämon lachte bitter. „Hast du nicht zugehört, was Satan dem Allmächtigen erzählt hat? Oder hat deine Fantasie nicht gereicht? Ist nicht schön, oder?“ Jetzt entzog er Erziraphael den Arm und schob den Ärmel wieder über die Narben. „Ist ok, wenn du dich davor ekelst. Du wärst nicht der Erste. Ist vielleicht sogar besser so.“ Crowley rutschte ans Ende des Sofas und wandte den Blick ab. Obwohl er so erschrocken war, reagierte Erziraphael schnell: Er folgte Crowley und drehte seinen Kopf mit beiden Händen sanft zu sich herum. Die Miene des Dämons war versteinert. „Crowley, hör mir zu, bitte. Ich werde mich nie vor dir oder vor irgendetwas an dir ekeln. Verstehst du das?“ Er streichelte seine Wange. „Ich möchte nur wissen, was dir angetan wurde. Bitte sprich mit mir, schließ mich nicht aus.“ In Crowleys Gesicht sah er all die widersprüchlichen Empfindungen, mit denen er fertig zu werden versuchte: Scham, Wut, Angst, Trauer und Hoffnung. Irgendwann wurde ihm offenbar alles zu viel. Er sank in sich zusammen und ließ sich vom Sofa auf den Teppich gleiten.

Erziraphael zögerte keine Sekunde. Er setzte sich zu Crowley auf den Boden und nahm seine Hände. Eine Weile saß er nur da und hielt sie sanft fest. Schließlich streichelte er vorsichtig das vernarbte Handgelenk, nur einen Finger hatte er in den Ärmel geschoben, ohne die Narben zu entblößen. „Es ist nicht nur der Arm, oder?“ Ein trauriges Kopfschütteln war die ganze Antwort. „Willst du nicht mit mir darüber sprechen?“ Diesmal ein heftiges Kopfschütteln. Er ließ ihm Zeit, fragte nichts mehr, hielt nur seine Hände und war einfach da. Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als Crowley endlich sagte: „Es ist nicht nur der Arm, es ist alles an mir. Mein ganzer Körper sieht so aus.“ Er schüttelte unglücklich den Kopf. „Es tut mir so leid, Engel. Ich bin eine Mogelpackung.“ „Oh, Crowley!“ Der Engel ließ seine Hände los und nahm stattdessen sein Gesicht in beide Hände und hob es etwas an, damit er ihm in die Augen sehen konnte. „Seit ich dir das erste Mal begegnet bin, warst du für mich immer der schönste Mann, den ich kenne. Und daran hat sich heute nichts geändert. Kannst du mir das glauben?“ Crowley sah ihn an und suchte in den blauen Augen die gnädige Lüge, die höfliche Rücksichtnahme, aber er fand nur Zuneigung und Schmerz. „In all den Jahrtausenden, die wir uns kennen, habe ich dich nie gefragt, was die Hölle dir angetan hat. Ich schäme mich dafür, Crowley. Das war gedankenlos und egoistisch. Aber ich möchte endlich der Freund sein, den du verdienst. Gibst du mir eine Chance?“ Statt einer Antwort sagte Crowley, den Blick an die Zimmerdecke gerichtet: „Es ist nicht nur die Haut. Es sind auch die Erinnerungen - sie kommen, wann sie wollen, und dann gibt es für mich nur noch die Angst. In meinem Kopf stimmt was nicht, Engel. Ich werde dir nie geben können, was du dir früher oder später wünschen wirst. Es ist zu viel kaputt. Ich hätte dir nie das Gefühl geben dürfen, ich könnte ein vollwertiger Partner sein.“ Er ließ den Kopf hängen, dann kippte er ohne Vorwarnung um, zog die Beine an und umklammerte sie mit beiden Armen. Der Kopf berührte seine Knie. Der Dämon war seine eigene Festung, uneinnehmbar. Erziraphael konnte kaum hören, was er sagte. „Hast nur B-Ware gekriegt, Engel, Ausschuss. Es tut mir so leid.“ Es klang so resigniert, dass Erziraphael plötzlich fröstelte.

Fassungslos hatte er verfolgt, wie Crowley sich bei diesen Sätzen quälte, wie die Erinnerung ihn in Panik versetzte. Erst jetzt begann der Engel wirklich zu begreifen, was er durchgemacht haben musste. Er zögerte, den schrecklichen Verdacht auszusprechen, aber er wollte Crowley wissen lassen, dass es zwischen ihnen keine Tabus geben musste. „Es war nicht einfach körperliche Gewalt, oder? Er hat dich missbraucht!“ Bei diesem Wort hob Crowley den Kopf und sah ihn mit leeren Augen an. Dann nickte er. „Jeden einzelnen Tag. Nicht nur er. Ich war das Gastgeschenk für seine Gäste, die Prämie für herausragende Leistungen, das abschreckende Beispiel und die Prüfung für frisch Gefallene. Aber vor allem war ich sein Haustier, sein Eigentum. Er hat behauptet, er müsse mich erziehen, weil ich unersättlich sei und an nichts anderes denken könne als an Sex. Die Folterinstrumente nannte er „unsere Spielzeuge“ und er hatte unendlich viele davon. Was ihm auch einfiel, er hat es an mir ausprobiert. Am liebsten mit Zuschauern. Morgens, mittags, abends, nachts. Außer wenn seine Schergen mehr Zeit brauchten, um mich wieder zusammenzuflicken.“ Erziraphael schluckte. Wie hatte er davor nur sechstausend Jahre lang die Augen verschließen können? Und er hatte sich vor einer Abmahnung durch die Erzengel gefürchtet! Konnte er das jemals wieder gut machen? „Oh Crowley. Und das trägst du seit Jahrtausenden mit dir herum? Das ist zu viel für einen allein. Gut, dass du es endlich mit mir teilst.“ Er streichelte liebevoll seinen Hinterkopf und seinen Rücken. Vorsichtig rutschte er noch näher heran, bis er Crowleys Kopf anheben und auf seinen Schoß betten konnte. Schreckliche Bilder entstanden in seinem Kopf, grausame Visionen, und es fühlte sich an, als würde er durch die Augen des Dämons in seine Vergangenheit sehen, als würde er seine Erinnerungen teilen. Wie konnte Crowley nur mit dieser Bürde leben? Hatte er sich eine Zuflucht in seinem eigenen Kopf geschaffen, einen Ort, in dem der Schmerz, die Demütigung und die Angst ihn nicht mehr erreichen konnten? War diese Zuflucht eine Falle geworden, in der sich sein Geist immer wieder verfing? Erziraphael musste seine ganze Kraft aufbieten, um die Bilder zu vertreiben und sich auf das Häufchen Elend in seinen Armen zu konzentrieren. Er strich ihm durchs Haar, summte eine beruhigende Melodie und redete ihm gut zu. „Ich bin hier, Crowley, hier bei dir. Du bist nicht allein. Hörst du meine Stimme? Fühlst du meine Wärme? Spürst du meine Hände in deinem Haar? Ich liebe dich, Crowley. Kannst du dich darauf konzentrieren? Auf meine Liebe für dich? Kannst du sie spüren? Sie verändert sich nicht, nur weil Satan dich gequält hat, sie ist, was sie ist. Und wenn die Angst dein Feind ist, dann werde ich mit dir dagegen kämpfen. Du musst nie wieder allein kämpfen, hörst du mich?“ Er hörte nicht auf zu reden, versicherte dem Dämon in immer neuen Worten und zahllosen Wiederholungen, wie sehr er ihn liebte und dass er immer für ihn da sein würde. Crowley durfte ihm nicht entgleiten, er musste ihn im Hier und Jetzt festhalten. Sie saßen sehr lange dort auf dem Teppich vor dem Sofa. Der Engel spürte längst seine Beine nicht mehr, aber er hatte es noch nicht einmal bemerkt. Nach und nach war es ihm gelungen, den Dämon aufzurichten und nun ruhte Crowleys Kopf an seiner Schulter und er wiegte ihn in seinen Armen sanft hin und her. Abwechselnd flüsterte er zärtliche tröstende Worte und summte Melodien in sein Ohr, von denen er sicher war, dass er sie liebte. Irgendwann fühlte er, dass sich der Atemrhythmus geändert hatte, wieder kraftvoller wirkte. Der Körper schien seine Spannung zurückzugewinnen. „Liebling! Bist du wieder bei mir?“, flüsterte Erziraphael.

„Du bist der sturste Engel, den ich kenne.“ Die Stimme war belegt und noch ließ Crowley den Kopf hängen, aber wenigstens sprach er wieder. „Du hast mir Angst gemacht, Crowley. Liebling? Kannst du mich anschauen?“ Der Dämon schmiegte sich an ihn, dann hob er endlich den Kopf. „Nenn mich nicht immer Liebling, ich könnte süchtig danach werden.“ Der Engel hätte beinahe vor Erleichterung gelacht. „Soweit ich weiß, ist das eine legale Droge. Ich kann auch jederzeit für kostenlosen Nachschub sorgen.“ Crowley setzte sich auf und sah ihn zweifelnd an. „Hast du überhaupt gehört, was ich gesagt habe? Hast du nicht verstanden, was das bedeutet?“ Wieder schwieg er lange, überließ sich den beruhigenden Bewegungen, ließ sich wiegen, ließ sich von Erziraphaels starken Armen halten. Dann seufzte er kläglich. „Engel, ich glaube, ich muss es dir nochmal ganz deutlich sagen. Du hast es offensichtlich immer noch nicht begriffen, also hör jetzt genau hin: Unter meiner Kleidung sehe ich aus wie Frankensteins Monster, wie ein dilettantisch zusammengeschusterter Flickenteppich. Ich bin impotent, kann Lust weder empfinden noch geben. Und ich habe einen gewaltigen Sprung in der Schüssel, wahrscheinlich eine ganze Sammlung von Traumata. Wir werden nie wirklich ein Paar sein, ich werde dir nie Befriedigung schenken können.“  Erziraphael strich ihm erneut zärtlich durchs Gesicht. „Das habe ich alles schon beim ersten Mal verstanden, Crowley. Es tut mir so leid für dich, du hast etwas anderes verdient. Aber das ändert doch nichts an meinen Gefühlen für dich.“ Der Dämon starrte ihn ungläubig an. „Wie kannst du mich immer noch wollen?“ Der Engel lächelte. „Warum sollte ich dich nicht mehr wollen? Du bist noch genau derselbe Mann wie heute Morgen. Und ich liebe dich noch genauso sehr wie heute Morgen. So einfach ist das.“

Crowley wischte sich eine einzelne Träne aus dem Augenwinkel. „Du hattest eine reelle Chance, mich loszuwerden“, sagte er dann. „Mach mir morgen keine Vorwürfe, dass du sie nicht genutzt hast.“ Er zog seine Beine an und stand in einer einzigen fließenden Bewegung aus dem Schneidersitz auf. Erziraphael dagegen versuchte vergeblich, seine gefühllosen Beine zu bewegen. Crowley bückte sich zu ihm hinunter, brachte seine Beine vorsichtig in eine gerade Position und beobachtete mitleidig, wie der Engel das Gesicht verzog, als das Blut zurückfloss und ein unangenehmes Kribbeln sich ausbreitete. Schließlich fixierte er mit einem Fuß Erziraphaels Füße und zog ihn vom Boden hoch. „Ein Bild voller Anmut und Grazie“, stöhnte der Engel. „Ich muss wohl anfangen zu trainieren, um nicht zu wirken, als könnte ich dein Vater sein.“

Auch, wenn die Männer nichts davon bemerkt hatten, waren Hexes Augen und ihre ganze Aufmerksamkeit ununterbrochen auf sie gerichtet gewesen. Jetzt kam sie erleichtert aus ihrer Ecke und strich in einem engen Kreis um sie herum, als wollte sie die Herde zusammenhalten. Sie drückte sich so fest an ihre Unterschenkel, dass der Engel beinahe hintenüber über ihren Rücken gestürzt wäre. „Sollen wir mit ihr auf die Abendrunde gehen?“, fragte er, weil er sicher war, dass keiner von ihnen jetzt würde schlafen können. „Gute Idee.“  Crowley schaute an sich hinunter. „Sollte ich mich umziehen?“  „Nicht für mich.“ Erziraphael hielt ihm die Hundeleine hin. „Ich liebe diesen Look.“ Der Dämon lächelte ihn zaghaft an. „Danke, Engel. Für alles. Du bist mein Fels in der Brandung. Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, wenn wir uns nie begegnet wären.“ Erziraphael errötete. „Das geht mir ganz genauso. Wahrscheinlich würden die Nachbarn mich als Sonderling und Kauz betrachten, mir aus dem Weg gehen und mich irgendwann eingeklemmt unter eingestürzten Bücherstapeln finden.“ Crowley schenkte ihm ein melancholisches Lächeln. „Du hast zu viel Fantasie, Engel.“

***

Es war ein langer Spaziergang geworden, der sie kreuz und quer durch das nächtliche Soho geführt hatte. Sie waren Arm in Arm gegangen, hatten wenig geredet, waren Betrunkenen ausgewichen, hatten anderen Spaziergängern mit Hund zugenickt, hatten im Vorbeigehen die Menschen hinter den Fenstern der Bars und Pubs beobachtet und waren immer wieder stehengeblieben, um sich zu küssen und in den Augen des anderen zu lesen, dass sie zusammengehörten. Nicht einmal Hexe drängelte diesmal: Sie ging mit hoch erhobenem Kopf wie eine Eskorte zwei Schritte vor ihnen her, als müsse sie ihnen den Weg freimachen. Sie kehrten erst in die Buchhandlung zurück, als sie sicher waren, dass ihre Gefühle und Gedanken sich beruhigt hatten und sie die verstörenden Bilder in die Schatten zurückgedrängt hatten, aus denen sie gekrochen waren.

Als sie auf dem Weg nach oben am Esstisch vorbeikamen, auf dem noch die Mappe mit den Dokumenten lag, dachte Crowley zum ersten Mal wieder an das Gespräch mit den Frauen und seine offenen Fragen. „Verrätst du mir noch, was du für Pläne hast?“ Erziraphael nahm die Mappe in die Hand, öffnete sie aber nicht. „Ich zeige es dir im Bett, ok?“ Kurz darauf lagen sie nebeneinander und nun war es Crowley, der das Gesicht des Engels streichelte und immer wieder küsste. Ungläubig staunend darüber, dass dies wirklich möglich war, ohne dass eine Zentrale, ein Höllenfürst oder ein Erzengel sich darum scherten. Vor allem aber darüber, dass er sein ganzes Elend, die große Last auf seiner Seele und alle seine bitteren Wahrheiten in mitleidlosem Licht vor Erziraphael ausgebreitet hatte, und dass er immer noch an seiner Seite war, dass er in seinen Augen noch dieselbe Liebe sah, die er dort gestern gelesen hatte. „Komm her. Ich möchte dir etwas geben.“ Crowley kuschelte sich in seinen Arm, ohne zu zögern. Er schloss die Augen, um sich ganz auf das Gefühl des weichen Arms auf seinem Rücken konzentrieren zu können. Er hatte bisher nicht gewusst, dass man etwas, was man noch nie erlebt hatte, so vermissen konnte.

Er fühlte einen leichten Luftzug in seinem Gesicht und blinzelte. Durch die halb geschlossenen Lider sah er ein Blatt Papier, das der Engel ihm vor die Nase hielt: Er griff danach und begann zu lesen. „Schenkung“, las er und dann Erziraphaels Namen, seinen eigenen Namen und eine Adresse und juristische Floskeln. Verwirrt suchte er die Augen des Engels. „Was ist das?“ „Eine Schenkungsurkunde. Wenn du morgen mit mir zum Notar gehst und vor seinen Augen unterschreibst, gehört dir das Nebenhaus. Und dann kannst du mit der Wohnung und dem Laden machen, was du willst.“ Crowley verstand nicht. „Aber was soll ich denn mit einer Wohnung und einem Geschäft?“ „Nun, du könntest es beispielsweise an einen gewissen Engel vermieten, der dir sehr am Herzen liegt.“ Augenblicklich saß der Dämon aufrecht im Bett. „Das kann nicht dein Ernst sein! Warum vermietest du es ihr nicht einfach selbst? Warum willst du so etwas Verrücktes tun?“ Erziraphael antwortete nicht gleich. Er freute sich über die gelungene Überraschung. Schließlich sagte er leichthin: „Was soll denn ein Buchhändler mit drei Häusern?“ Er drehte sich zu Crowley um und löste endlich das Rätsel auf: „Ich habe der Stadt ein Angebot für das Eckhaus mit dem stillgelegten Fahrstuhl gemacht. Morgen habe ich einen Termin beim Notar. Dort unterschreibe ich den Kaufvertrag. Dann kann Victoria mit ihrem Freund die große Wohnung im ersten Stock beziehen, die schon so lange leer steht.“ Er hauchte einen Kuss auf seine Fingerspitze und drückte sie auf Crowleys Lippen. „Und wir könnten diese Schenkungsurkunde unterzeichnen. Dann hat es der Dämon, den ich liebe, selbst in der Hand, Muriel ein Angebot zu machen, dem sie nicht widerstehen kann.“

„Vielleicht sollte ich dich morgen nicht zum Notar begleiten, sondern mit dir in eine psychiatrische Ambulanz fahren“, brummelte Crowley, aber es gelang ihm nicht, seine Rührung zu überspielen. „Aber warum behältst du das Haus nicht einfach und machst ihr das unwiderstehliche Angebot selbst?“ Erziraphael drehte sich auf die Seite, um Crowley in die Augen schauen zu können. „Ich möchte, dass du etwas hast, das dir allein gehört. Ich möchte sicher sein, dass du nicht eines Tages nur noch bei mir bleibst, weil du sonst kein Dach über dem Kopf hast oder kein geregeltes Einkommen. Du sollst dich nie abhängig fühlen. Ich habe schon immer ungerecht gefunden, wie die Chancen zwischen Engeln und Dämonen verteilt waren. Ich konnte über Jahrhunderte ein persönliches Vermögen aufbauen, ohne dass der Himmel mir dabei im Weg gestanden hätte. Eine solche Chance hattest du nie.“  Er zeichnete abwesend mit seinem Zeigefinger Muster auf das Bettlaken. „Ich möchte sicher sein, dass du jederzeit einen Ort hast, der dir gehört, falls du nicht mehr bei mir sein möchtest“, bekräftigte er noch einmal. Schon der bloße Gedanke an diese Möglichkeit trübte erkennbar seine Stimmung. Aber schon lächelte er wieder. „Auf diese Weise stelle ich natürlich auch sicher, dass dein potenzieller Zufluchtsort nicht zu weit von mir entfernt ist. Außerdem sind Immobilienbesitzer eher sesshaft“, neckte ihn der Engel. „Das steigert meine Chancen, dass du hier bei mir in London bleibst.“ Crowley legte die Schenkungsurkunde behutsam auf den Nachttisch. „Ich wüsste nicht, wohin diese Chancen noch steigen sollten“, sagte er. Dann kuschelte er sich wieder in den einladend ausgestreckten Arm, der auf ihn wartete. „Gute Nacht, Engel. Ich liebe dich. Auch wenn du verrückt bist.“