Zwischen den Kreisen II (Immer noch Montag)
Zwischen den Kreisen II (Immer noch Montag)
Das Kapitel über die Versammlung der Verbindungsengel von der Erde war arg lang geraten. Deshalb habe ich es geteilt - und euch damit einen schmerzlichen Cliffhanger erspart, mit dem das Kapitel sonst geendet hätte.
Überzeugt euch selbst:
***
Noch hatten keine zwanzig der auf der Erde stationierten Engel den Raum verlassen, da entstand Unruhe vor der Tür, die Menge teilte sich und ließ zwei in Schwarz gekleidete Engel durch, von denen einer ganz offensichtlich nicht freiwillig hier war. Er wurde von dem zweiten mit der stumpfen Seite eines Speers vor sich her gestoßen, bis er vor die Füße des Gottessohnes stolperte.
„Samael“, begrüßte Jesus den Bewaffneten, der wild um sich blickte. „Ich hatte dich bereits vermisst. Wer ist dein Gefangener und was wirfst du ihm vor? Und wo sind Galorim und Thalion?“ Der aufgebrachte Dunkelhaarige beugte ergeben den Kopf. Er war großgewachsen und muskulös. Aus der Nähe erkannte Berechiel, dass er eine Art lederner Uniform trug, einen steifen Brustpanzer und einen mit Metall verstärkten schwarzglänzenden Helm. Nun wusste er auch, woher er ihn kannte: Samael war ein Hauptmann der himmlischen Heerscharen gewesen, ein mutiger Kämpfer, der von seinen Leuten verehrt wurde.
Jetzt aber glühte er vor mühsam unterdrückter Wut. „Die unteren Höllenkreise erheben sich, nachdem dieser Verräter“, bei diesen Worten trat er den am Boden kauernden Engel in die Seite, „sie aufgestachelt hat. Er heißt Malachor und hatte eigentlich den Auftrag, die neue Führung bei ihren Reformen zu beraten.“ Malachor spuckte vor sich auf den Boden. „Als wäre das Teufelspack bereit, sich zu ändern. Sie sind gefallen, weil sie es verdient haben, und keiner von ihnen sollte je wieder das Licht schauen“, zischte er. Sein Gesicht war hasserfüllt.
Der Rotbärtige im Kilt hatte sich durch die Menge nach vorn geschoben und trat jetzt zu der Gruppe um Samael und den Gefangenen. So gemütlich er kurz zuvor noch gewirkt hatte, so eisig waren sein Blick und seine Stimme jetzt. „Du kennst ihn, Herr“, sagte er, die Augen voller Abscheu auf den Mann am Boden gerichtet. „Er war einer der Verleumder, die keine Ruhe gegeben haben, bis dein Vater Luzifer und Raphael verstoßen hat.“ Er rang sichtbar um seine Selbstbeherrschung. Zu gern hätte er dieser Schlange die Giftzähne gezogen. Malachor jedoch zeigte nicht das geringste Schuldbewusstsein. „Dankbar hätte er mir sein müssen“, rief er und versuchte, sich aus Samaels Griff herauszuwinden. „Mir hätte Raphaels Rang zugestanden“, klagte er – die Züge verzerrt, die Augen flackernd. „Ich hätte an seiner Stelle stehen sollen, ich hätte sie besser ausgefüllt.“ Er winselte jetzt fast. „Aber er hat mich um meine Belohnung betrogen. Dein Vater hat seinen Lieblingen nachgeweint und meine Treue mit Füßen getreten.“ „Genug!“ Das Gesicht des Gottessohns war versteinert. „Wage es nicht noch einmal, Raphaels Namen in den Mund zu nehmen!“ Er strahlte plötzlich eine Autorität aus, die kaum jemand hinter seinem sanften Wesen vermutete. Jetzt aber war er furchteinflößend. „Für das abgrundtiefe Leid, an dem du die Mitschuld trägst, hättest du den Tod verdient“, sagte er tonlos. Er schloss die Augen und atmete tief ein und aus. Dann hatte er sich wieder im Griff. Er winkte einen der Sicherheits-Engel herbei. „Nimm diesen Verräter in Gewahrsam und sorg dafür, dass niemand in Kontakt mit ihm kommt.“
Jesus wandte seine Aufmerksamkeit nun wieder Samael zu. „Wo waren wir stehen geblieben?“, fragte er. „Galorim und Thalion sind unten geblieben und versuchen, ein Übergreifen der Revolte zu verhindern“, beantwortete Samael die ursprüngliche Frage des Gottessohnes. „Wir konnten Furfur und seine Leute erst warnen, als wir den Siebten Kreis schon verloren hatten. Die Aufständischen sind dabei, sich zu bewaffnen und sich den Weg in die oberen Kreise zu erkämpfen. Sie wollen alle Gefangenen befreien“, Samael hatte so schnell gesprochen, dass er am Ende seines Berichts wieder außer Atem war. Umael war vorgetreten. „Wie ist es ihm gelungen, so schnell einen Aufstand herbeizuführen?“, fragte er. „Die letzten Berichte ließen nichts dergleichen befürchten.“ Der Soldat nickte müde. „Die herrschende Verunsicherung hat es ihm leicht gemacht. Er musste nur behaupten, dass die Befürchtungen, die in der Hölle kursieren, wahr sind. Er hat verbreitet, dass die Menschen und der Himmel sich einig geworden seien, den Großen Vertrag zu kündigen und sich gegen die Hölle zu verbünden. Die Menschheit wolle den Reichtum der Erde nicht teilen und traue den Dämonen nicht. Deshalb sei beabsichtigt, alle Verbindungen zwischen der Hölle und den anderen Welten zu kappen und die Wege aus der Hölle unwiderruflich zu versiegeln.“
Er blickte hinunter auf die Stelle, wo eben noch Malachor gekauert hatte „Er hat sie überzeugt, dass die gesamte Hölle innerhalb weniger Wochen zu einem einzigen riesigen Gefängnis würde, wenn sie sich nicht erheben.“ Jesus nickte betreten. „Es ist uns nicht gelungen, alle davon zu überzeugen, dass es uns ernst ist mit dem neuen Weg. Wir haben den Stimmen, die diesen Weg kritisieren, nicht deutlich genug widersprochen. Und wir haben uns verleiten lassen, die Dämonen zu benachteiligen, weil wir nicht mutig genug waren, wirkliche Gerechtigkeit durchzusetzen.“
Berechiel legte ihm eine Hand auf die Schulter: „Jesus“, sagte er mitfühlend. „Wir haben jetzt keine Zeit für Selbstbezichtigungen. Furfur braucht unsere Hilfe.“ Mit diesen Worten riss er den Gottessohn aus seiner Bestürzung. „Natürlich, du hast recht. Er griff nach Samaels Händen. „Ich danke dir, du mutiger und treuer Streiter des Lichts. Stärke dich und gönn dir eine Atempause, bis wir eine Schar Kämpfer zusammengestellt haben, die dich zurück begleiten werden.“ Er zeigte auf die noch gut gefüllten Platten auf den Tischen. Als Nächstes verteilte er Anweisungen an die wartenden Gesandten. Denen, die in den USA stationiert waren, oder in weiteren Staaten, die den Großen Vertrag allenfalls halbherzig umsetzten, gab er zu verstehen, dass ihr Auftrag unverändert war und sie schnellstmöglich auf die Erde zurückkehren sollten. Alle anderen bat er, sich entweder direkt bei Samael zu melden, um ihm in die Hölle zu folgen, oder sich von Umael andere Aufgaben zuweisen zu lassen.
„Berechiel, Umael, ich muss es in eure Hände legen, schnellstmöglich die Unterstützung für Furfur zu organisieren. Ich werde mich sofort mit ihm, seinem Stab und den Vertretern der Menschen in Verbindung setzen und dafür werben, dass auch die Vereinten Nationen Hilfe nach unten schicken. Diese Revolte darf nicht um sich greifen, sonst könnten wir alles verlieren, wofür wir gearbeitet haben. Wir müssen unbedingt beweisen, dass wir das Vertrauen der anderen Welten weiterhin verdienen.“ Jesus ließ seine Berater stehen und eilte zurück in sein Büro. Er versuchte vergeblich einen Gedanken zu verdrängen, der in seinem Kopf pochte, seit er wusste, dass der Siebte Kreis gefallen war. Gabriel und Crowley waren im Fünften! „Wenn nur Crowley und Gabriel in Sicherheit sind! Wenn sie nur schon wieder auf dem Rückweg sind!“, flüsterte er immer und immer wieder, bis er an seinem Schreibtisch ankam. Seine Hand zitterte, während er die Notfallnummer seines UN-Kontaktes wählte. „Nicht Crowley!“ dachte er beschwörend und sah sein spöttisches Lächeln vor sich, das den alten Schmerz in seinen Augen nur überdecken, aber nie auslöschen konnte. Der gutherzige Dämon hatte schon längst mehr gelitten, als ein Einzelner aushalten konnte. „Nicht noch mehr! Nicht schon wieder!“ Er zwang sich zur Ruhe, als sich am anderen Ende der persönliche Assistent der Generalsekretärin meldete.
***
Während der Gottessohn diese Stoßgebete an einen unbekannten Adressaten schickte, waren der ehemalige Leitende Erzengel und sein rothaariger Begleiter keineswegs auf dem Rückweg zur Erde. Stattdessen starrten sie beschwörend auf die Displays ihrer Handys, als könnten sie den Ladevorgang damit beschleunigen. Was war geschehen, seit Balgran seine Entscheidung getroffen hatte?
Nun, als der Bote, den Milgreth zu ihnen geschickt hatte, sie informierte, dass sie im Kontaktraum erwartet wurden, waren sie sofort aufgesprungen und ihm mit bangem Herzen gefolgt. Gabriel hatte aus dem Augenwinkel Crowley beobachtet und besorgt festgestellt, dass er wirkte, als würde er zum Schafott geführt. Beim Betreten des Raums, in dem Balgran, Diplor und Milgreth sie erwarteten, hatte der Dämon sich jedoch wieder im Griff und zeigte eine demonstrativ gelassene Miene. Dass diese nicht seine Gemütsverfassung widerspiegelte, erkannte vermutlich nur Gabriel. Der konnte von seinem Platz aus sehen, wie Crowley mit seiner zur Faust geballten rechten Hand unter dem Tisch über seinen Oberschenkel rieb, von der Leistenbeuge zum Knie, von der Leiste zum Knie, wieder und wieder die gleiche Bewegung, ruhelos und mechanisch. Der Engel vermutete, dass Crowley es nicht einmal selbst bewusst wahrnahm.
„Du hast die Parlamentäre rufen lassen“, sagte Milgreth. „Dann teile uns nun deine Entscheidung mit.“
Balgran nickte, musste sich aber zunächst offenbar kurz sammeln. Als er zu sprechen begann, war seine Stimme sehr leise, sie gewann erst nach und nach ihren eigentlichen Klang zurück. Er zeigte auf Crowley: „Diesem Dämon bin ich vor wenigen Tagen zum allerersten Mal begegnet. Aber er hat angeboten, an meiner Statt in diesem Gefängnis zu bleiben, wenn Furfur im Gegenzug mich auf die Erde zurückkehren lässt.“ Er räusperte sich und sah Crowley direkt in die Augen. „Obwohl ich mir so etwas zunächst überhaupt nicht vorstellen konnte, bin ich inzwischen zu dem Schluss gelangt, dass du damit keine Hintergedanken verbindest und das wirklich aus selbstlosen Motiven tust. Ich schließe auch aus, dass ich mit diesem Vorschlag in eine Falle irgendeiner Art gelockt werden soll.“ Wieder musste er sich räuspern. „Kurz gesagt: Du hast mir ein großherziges und wirklich sehr verlockendes Angebot gemacht. Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann.“
Milgreth atmete hörbar ein und machte sich bereit, Balgran und Crowley zu eröffnen, dass Furfur diesem Tausch nicht zustimmen würde. Gabriel hatte einen Kloß im Hals, war aber wild entschlossen, diesen verrückten Plan noch zu verhindern.
Nur Crowley hatte das stumme „aber“ aus Balgrans Worten herausgehört: „Aber du lehnst es trotzdem ab“, sagte er deshalb, bevor einer der anderen auch nur den Mund geöffnet hatte. Nichts an dieser Feststellung verriet seine Gefühle, vielleicht, weil er selbst nicht hätte sagen können, was gerade in ihm vorging.
Drei überraschte Augenpaare waren nun auf ihn gerichtet und Crowley erkannte, dass auch Diplor bis zu diesem Moment noch nicht über Balgrans Entscheidung informiert gewesen war. „Ja, ich lehne es ab, auch wenn ich mit mir gerungen habe“, bestätigte der Dämon mit den grünen Augen, in denen aber bei diesen Worten kein Zweifel mehr zu erkennen war. Er wandte sich zuerst seinem Mitgefangenen zu. „Du hast mir zugeredet, die Chance zu nutzen, Diplor, mit der Begründung, dass es nur gerecht sei, wenn ich freikäme.“
Der Gefangenensprecher nickte vehement. „So ist es doch auch!“, bekräftigte er.
„Nein, mein Freund, so ist es nicht. Jedenfalls nicht so einfach. Alle anderen hier, die aus den gleichen Gründen verschleppt und interniert wurden, sind ebenso unschuldig wie ich. Warum soll ich freikommen und sie nicht?“
Das ließ Diplor nicht gelten: „Ihnen wurde aber dieses Angebot nicht gemacht. Du kannst sie nicht retten, dich aber schon.“
Balgran lächelte nachsichtig. „Nein, Diplor, noch einmal: so einfach ist es nicht.
Diese beiden“, er zeigte auf Crowley und Gabriel, „diese beiden haben ihr Leben riskiert, um mich zu finden, nur, weil meine Tochter eine Freundin ihrer Freundin ist.
Wie viele Männer sind dir in deinem Leben begegnet, die so etwas getan hätten?“ Der Gefangenensprecher schwieg.
„Siehst du? Ich werde nicht noch weitere Opfer von ihnen annehmen.“ Mit einer barschen Geste hinderte er den anderen daran, ihm erneut zu widersprechen.
„Etwas anderes ist aber genauso wichtig: Aus einem Grund, den ich bis heute nicht verstehe, hören viele unserer Schicksalsgenossen hier auf mich, verhalten sich ruhig und warten, bis wir an der Reihe sind, bis unsere Fälle geprüft werden.“ Diplor nickte stumm.
Crowley verfolgte Balgrans Argumentation mit größter Aufmerksamkeit: Ihm war währenddessen kaum bewusst, dass noch andere mit ihnen im Raum waren.
„Wenn ich jetzt die Gelegenheit beim Schopf packe und mich auslösen lasse, glaubst du nicht, sie würden sich verraten fühlen, betrogen? Wie lange würden sie sich noch gedulden? Und wie viel Vertrauen würden sie verlieren?
Nein, ich bleibe und ich warte.
Ich vertraue nicht auf Versprechungen und Worte, aber ich vertraue auf Taten. Milgreth und sein Hauptmann, Furfur, Crowley und Gabriel zeigen mir, wie viel sich schon geändert hat. Und sie lassen mich hoffen, dass noch viel mehr sich ändern kann. Darauf werde ich mit euch warten.“
Er unterbrach sich, in Gedanken weit außerhalb dieses Raums. Seine Erinnerung zeigte ihm Bilder: Er und Anna, zwischen ihnen die kleine Arwen. Sie gingen spazieren, Anna lächelte ihn an. Er hörte sich rufen: „Eins, zwei, drei – Fliiieeeg!“ und zwischen ihnen schwebte ihre Tochter und quiekte vor Vergnügen. Ein warmes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.
„Balgran?“ Vor das Gesicht seiner Frau schob sich langsam das von Diplor. „Barry, was hast du?“
Crowley kannte die Antwort. Er hatte die Sehnsucht auf Balgrans Gesicht erkannt – und die Liebe. Er spürte das Echo seiner eigenen Sehnsucht in seiner Brust pochen und wartete.
Balgran hatte schweren Herzens das Bild seiner Frau und seiner Tochter zur Seite geschoben. Er räusperte sich und sprach weiter, als wäre nichts geschehen. Abgesehen von den kleinen Fältchen um seine Augen, die von Schmerz und Traurigkeit sprachen – und die nur Crowley sah.
„Mein Platz ist hier bei euch. Hier werde ich mein Bestes geben, damit wir nicht mit unüberlegten Aktionen die Chance auf unsere Befreiung selbst zunichte machen.“ Er schwieg. Es war alles gesagt.
Crowley atmete langsam ein und aus. Hätte Balgran nur gesagt, dass er kein Opfer annehmen wolle, hätte er versucht, ihn zu überzeugen. Aber seine anderen Argumente wogen schwer. Loyalität und Vertrauen waren eine Währung, deren Wert er anerkannte und hoch schätzte. Deshalb nickte er nun, zu Gabriels unendlicher Erleichterung. „Ich respektiere deine Entscheidung“, sagte er schlicht. „Darf ich deiner Familie eine Nachricht überbringen? Willst du deiner Frau und deiner Tochter etwas aufschreiben?“
Milgreth hatte sich erleichtert zurückgelehnt, als Crowley Balgrans Entscheidung klaglos akzeptierte. Jetzt merkte er jedoch auf. „Wollt ihr nicht lieber etwas aufnehmen? Ihr habt doch sicher Handys?“
Gabriel hatte unauffällig zwischen den beiden rothaarigen Dämonen hin und her gesehen, die so verschieden waren und in so wesentlichen Dingen doch gleich – emotional, entschlossen, mutig und vor allem durch und durch anständig . Er dachte an all die Engel, die ihm in seinem langen Leben schon begegnet waren, und realisierte beschämt, dass kaum einer dabei gewesen war, der so viel Respekt verdient hätte, wie diese beiden Männer mit ihren Schicksalen. Erst Milgreths Frage nach den Handys hatte ihn aus seinen Betrachtungen zurückgeholt. Er schüttelte den Kopf. „Unsere Akkus sind längst leer.“
Der Soldat lachte. „Warum sagt ihr denn nichts? Die hättet ihr doch längst aufladen können. Wartet, ich hole euch eine Powerbank.“ Während er aufstand, bemerkte er die ungläubigen Gesichter. „Was habt ihr denn gedacht? Dass wir unsere Technik direkt mit Höllenfeuer betreiben? Wir sind nicht so verbohrt, dass wir auf Elektrizität verzichten würden, nur weil wir sie nicht selbst erfunden haben.“
Crowley schüttelte den Kopf. Er fühlte sich ertappt. Er hatte nicht darüber nachgedacht, welche Energie die Leuchten in den Treppenhäusern, die Gegensprechanlage oder die Überwachungstechnik antrieb oder wie das Funkgerät und der Taser an Milgreths Gürtel funktionierten. Aber er wäre ganz sicher nicht auf die Idee gekommen, dass er im Fünften Kreis der Hölle nur höflich hätte fragen müssen, um sein Handy aufladen zu können. Er setzte es auf die lange Liste der Dinge, über die er nach diesem Trip nachdenken wollte, falls er es zurück nach London schaffte. Er schämte sich ein bisschen und sah Gabriel an, dass es ihm ähnlich ging.
Milgreth hatte herzlich gelacht, als die Tür hinter im zufiel und auch die drei zurückbleibenden Dämonen und der Engel lächelten befreit. Die Gefangenen hatten aber offenbar bisher noch keinen Kontakt mit Smartphones und mobilen Ladevorrichtungen gehabt, denn Balgran sah sie fragend an. „Was genau meint ihr mit ‚etwas aufnehmen‘?“, fragte er nämlich.
Crowley legte sein Handy auf den Tisch. Mobiltelefone sind heute gleichzeitig auch Fotoapparat, Filmkamera, Notizbuch und Kalender“, erklärte er. „Sobald es wieder Strom hat, kann ich es dir zeigen. Es kann aber nicht schaden, wenn du aufschreibst, was du sagen willst.“ Arwens Vater sah ihn zweifelnd an, zog dann aber wortlos den Block und den Stift heran, die in der Mitte des Tisches gelegen hatten.
Die Tür öffnete sich und Crowley spürte sofort, dass irgendetwas sich geändert hatte. Er wandte sich um und sah Milgreth mit einer Powerbank zurückkommen, aber sein Gesicht zeigte nicht einmal mehr eine Erinnerung an das unbeschwerte Lachen, mit dem er den Raum kurz zuvor verlassen hatte. Er hielt Crowley das Ladegerät hin. „Wenn der Akkustand dafür reicht, solltet ihr diese Nachricht aufzeichnen“, sagte er, „und dann wird es Zeit, dass ihr uns verlasst. Ihr habt euer Ziel erreicht und ich muss mich langsam wieder um meine eigentlichen Aufgaben kümmern.“ Die beiden Freunde hatten aufgehorcht, ihnen war die Anspannung in Milgreths Stimme nicht entgangen, obwohl er versucht hatte, seine Worte nicht besonders dringlich klingen zu lassen. Sie waren jedoch klug genug, nicht vor den beiden Gefangenen nachzufragen, was passiert war. Und so beobachteten sie nun mit beginnender Ungeduld den Balken im Display von Crowleys Handy.
Als fünfundzwanzig Prozent erreicht waren, machte er die Kamera an, wählte die Videofunktion und nahm eine kurze Nachricht auf. Dann zeigte er Balgran das Video. „Siehst du? Ganz einfach. Bist du soweit?“, fragte er.
Arwens Vater schüttelte den Kopf. „Nein, das wäre gelogen. Was soll ich nach all der Zeit sagen? Aber es würde auch nichts ändern, wenn ich noch zehn Minuten warte. Lass uns einfach anfangen.“
Crowley nickte. „Willst du allein sein, wenn du deine Nachricht aufnimmst?“ Der andere Rothaarige verneinte. Das überraschte ihn nicht.
„Ich glaube nicht, dass das erste Lebenszeichen nach fast zwanzig Jahren besonders intim sein sollte. Wahrscheinlich jage ich den beiden den Schreck ihres Lebens ein.“
Crowley versuchte, ihn aufmunternd anzulächeln, dann zählte er langsam bis drei und drückte den Aufnahmeknopf. „Hallo Anna“, begann Balgran – Barry leise, „hallo Füchschen, -- aber du bist inzwischen eine junge Frau, bestimmt möchtest du lieber, dass ich dich Arwen nenne.“
Er wandte den Blick ab und rang um Worte. „Du hast unglaubliche Freunde, Arwen, ich hoffe du stellst sie deiner Mutter bald vor. Crowley und Gabriel haben mich im Fünften Kreis der Hölle aufgestöbert und behauptet, dass ihr noch immer auf mich wartet. Ich, … ich würde aber auch verstehen, wenn ihr es inzwischen aufgegeben habt. Es, … es geht mir gut, aber ich bin immer noch in einem Gefangenenlager. Es kommt mir wie ein Wunder vor, dass ihr vielleicht bald meine Stimme hört. Ich liebe euch noch genauso wie damals und ich hoffe, dass ich euch irgendwann wiedersehe. Oh, Kleines, wenn ich mir vorstelle, dass du jetzt viel zu alt bist, um dich auf den Arm zu nehmen oder dir noch Kinderlieder vorzusingen – ich habe so viel versäumt. Anna, Schatz, ich hätte unsere Tochter so gerne aufwachsen sehen, gemeinsam mit dir.“ Inzwischen glitzerten Tränen in seinen Augen. „Ich wollte euch eigentlich eine fröhliche Nachricht aufnehmen, bitte entschuldigt, aber ich kann nicht. Ich höre jetzt auf. Ich liebe euch!“
Mit diesen Worten nickte er Crowley zu und der stoppte die Aufnahme. „Willst du sie sehen?“
Balgran bejahte stumm und sah sich die Aufzeichnung an. „Das werden Anna und Arwen sehen?“, fragte er heiser. Er kämpfte mit seiner Rührung.
„Wenn wir es heil nach Hause schaffen und das Handy nicht vorher an Zerberus verfüttern müssen, dann ja“, antwortete Crowley. Balgran stand abrupt auf, Diplor tat es ihm nach. „Ich stehe tief in eurer Schuld“, sagte Arwens Vater zum Abschied und wandte sich so plötzlich zum Gehen, dass Gabriel und Crowley nicht einmal dazu kamen, sich zu verabschieden. Ihre ausgestreckten Hände hingen vor ihnen in der Luft, der Gruß, zu dem sie angesetzt hatten, kam nicht mehr über ihre Lippen. Diplor eilte seinem Mitgefangenen nach.
Kaum dass die Tür ins Schloss gefallen war, drängten sie ihr Bedauern über den abrupten Abschied zur Seite und Gabriel fragte: „Was ist passiert? Schlechte Nachrichten?“
Milgreth hatte längst entschieden, mit offenen Karten zu spielen, deshalb nickte er. „Ein Aufstand im Siebten Kreis“, sagte er so sachlich wie möglich. „Noch halten die unten stationierten Truppen den Aufständischen stand und verhindern, dass sie in den Sechsten eindringen, aber ihr seid hier nicht mehr sicher. Ihr müsst sofort den Rückweg antreten. Er begleitete sie zu der Unterkunft, in der sie die Wartezeit verbracht hatten. „Bitte beeilt euch“, drängte er unglücklich. Sie hatten so gut wie nichts mitgebracht. Das wenige sammelten sie nun von ihren Feldbetten ein und wandten sich zu Milgreth um.
„Dann heißt es jetzt Lebewohl“, sagte Gabriel. Crowley streckte Milgreth zum Abschied seine Hand entgegen. Der hatte diese Geste wohl noch nicht sehr häufig gesehen und zögerte, bevor er die angebotene Hand ergriff. Dann begleitete er das ungleiche Freundespaar schweigend zum Ausgang.
***
Voilà: Unsere beiden Parlamentäre machen sich auf den Rückweg. "Das wurde aber auch Zeit!“, meinst du? Aber haben wir in der Zwischenzeit nicht viel über die Hölle und einige zentrale Charaktere erfahren ?
Falls dir das neue Kapitel gefallen hat, würde ich mich wie immer über eine Reaktion in Form von Herzchen, Sternen oder Reviews folgen. Wie geht es dir mit der Geschichte bisher?