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Auf der Spur (immer noch Montag)

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Auf der Spur (immer noch Montag)

Muriel öffnete die Tür der Buchhandlung und ließ Hexe zuerst hinein. Noch bevor sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, hatte sie die Stimme identifiziert, die aus dem hinteren Ladenteil zu hören war. „Ben!“, rief sie erfreut, schleuderte eilig die schmutzigen Schuhe von den Füßen und warf die Hundeleine aus fast zwei Metern Entfernung an einen Garderobenhaken. Sie eilte nach hinten, wo Ben gerade von seinem Stuhl aufstand, um sie zu begrüßen. Ihre Wiedersehensfreude erhielt jedoch einen Dämpfer, sobald sie in das Gesicht des Freundes sah. Auch die Mienen von Erziraphael und Bee verhießen nichts Gutes. „Was ist passiert?“, fragte sie beklommen. Der Buchhändler drehte die Lautstärke der Live-Übertragung aus dem House of Commons wieder hoch, die er bei Muriels Eintreffen gedrosselt hatte.

„Unsere Abgeordneten beweisen gerade, dass die politische Streitkultur im Vereinigten Königreich bisher noch nicht auf dem absoluten Tiefpunkt angekommen war“, sagte der Journalist. Muriel musste nur kurz in die erregten Wortgefechte hineinhören, um Bens Frust nachempfinden zu können. Niemals hätte sie für möglich gehalten, dass gewählte Volksvertreter in einer Demokratie sich so aufführten. In einer öffentlichen Debatte so offensichtliche Falsch-Behauptungen aufzustellen und derart diskreditierende Vorwürfe zu erheben!

„Warum wird das unkommentiert übertragen?“, fragte Muriel. „Es wäre doch Aufgabe der Medien, diese Behauptungen einzuordnen und zu bewerten.“ Ben sah sie ausdruckslos an. Ein mutloses Schulterzucken war seine einzige Antwort und es schmerzte Muriel mehr als jede Erklärung es gekonnt hätte. Die Menschheit war doch längst so viel zivilisierter und aufgeklärter, als es die vorüberflimmernden Fernsehbilder vermuten ließen. Wie konnten gebildete Menschen sich zu einer solchen Schlammschlacht verleiten lassen? Sie starrte fassungslos auf das unwürdige Schauspiel.

„Das geht schon seit zwei Stunden so“, Bee wandte sich mit einem resignierten Ausdruck vom Bildschirm ab. „Die Opposition lässt keine der Falschbehauptungen und Unterstellungen aus, die seit der Gerichtsverhandlung in Israel kursiert haben. Ich denke, auch die Verschwörungserzählungen sind inzwischen vollständig. Sie haben schon vor einer halben Stunde angefangen, sich zu wiederholen, das hält sie aber nicht davon ab, immer weiter zu geifern und zu hetzen.“ Sie war kopfschüttelnd aufgestanden und in die Küche gegangen. „Will noch jemand Tee?“, rief sie zum Tisch zurück.

Muriel ließ die Augen nicht von den Parlamentariern und bewunderte die wenigen Regierungsvertreter, die noch immer geduldig versuchten, der Hetze mit Argumenten und Aufrufen zur Sachlichkeit zu begegnen. Als am unteren Bildschirmrand wieder einmal „Breaking News!“ aufflammte, schenkte sie dem zunächst keine Beachtung, bis Erziraphael plötzlich schmerzhaft seine Finger in ihren Arm bohrte und „Um Himmels Willen, nein!“, wimmerte. Sie folgte seinem Blick zum Newsticker und wurde blass. Auf das immer gleiche, reißerische „Breaking News!“, folgte dort die Frage: „Aufstand in der Hölle?“.

Ben loggte sich eilig in das Redaktionssystem ein und las vor, was er dort fand: „Bisher unbestätigten Berichten zufolge ist in einem der unteren Höllenkreise ein bewaffneter Aufstand ausgebrochen. Die Rebellen sollen den Siebten Kreis in ihre Gewalt gebracht haben und sich von dort weiter nach oben kämpfen. Wir erwarten in Kürze eine offizielle Verlautbarung. Das ist alles“, sagte er. „Die Erläuterungen zum Aufbau der Hölle kann ich für euch wohl weglassen.“

Bee war zurück zum Tisch geeilt, der Tee war vergessen. Die Freunde hatten nur noch einen Gedanken: Crowley und Gabriel, Gabriel und Crowley! Jedem war sofort bewusst gewesen, dass ein solcher Aufstand, wenn die Meldung sich bewahrheiten sollte, gleichbedeutend war mit einer großen Gefahr für die beiden Parlamentäre. Sie hielten sich gegenseitig an den Händen und starrten beschwörend auf den Newsticker, aber er gab keine weiteren Informationen preis. Vor Anspannung hörten sie nicht, dass es an der Ladentür klopfte. Deshalb schraken sie alle zusammen, als plötzlich direkt hinter ihnen jemand sagte: „Entschuldigt bitte, ich habe mich selbst hereingelassen. Ist das ok?“

Sariel war zu ihnen getreten und hatte die Situation sofort erfasst. „Ich bringe Neuigkeiten“, sagte er mit bewusst ruhiger Stimme, und alle Augen wandten sich ihm zu. Ben schaltete die Übertragung stumm. „Jesus hat mich soeben benachrichtigen lassen, dass die Meldung den Tatsachen entspricht.“ Alle hingen an seinen Lippen. „Ein Engel hat den Aufstand mutwillig ausgelöst, er wurde gefasst und ist in Gewahrsam. Zwei hochrangige Botschafter des Himmels sind vor Ort und unterstützen Furfur und seine Kräfte bei der Eindämmung der Revolte. Samael hat die Nachricht überbracht. Er ist mit einer zusätzlichen Schar Freiwilliger auf dem Weg zurück nach unten.“

Erziraphael drückte die Hände der beiden Frauen. „Das ist gut“, versicherte er. „Samael ist ein erfahrener und besonnener Offizier.“ Dann sah er erwartungsvoll zurück zu Sariel. „Was weißt du noch?“, fragte er mit leicht zitternder Stimme.

„Jesus hat auch die UN überzeugen können, Truppen zu entsenden. Die Hölle hat ihre Zustimmung gegeben und darum gebeten, sie mit einem robusten Mandat auszustatten. Dem Wunsch wurde entsprochen, allerdings beschränkt auf den Auftrag, den Verlust weiterer Kreise zu verhindern.“ Sariel sah in die blassen Gesichter seiner Freunde und beeilte sich, seinen Bericht fortzusetzen. „Jesus hatte direkten Kontakt mit Furfur. Ich soll euch ausrichten, dass die Revolte bisher noch nicht auf den Sechsten Kreis übergegriffen hat, auch in den übrigen Kreisen ist noch alles ruhig. Der Höllenrat hat Anweisung gegeben, Gabriel und Crowley schnellstmöglich aus dem Fünften Kreis zu evakuieren.“

Erziraphael seufzte laut auf, Bee ließ ein erleichtertes Stöhnen hören und Muriel biss sich auf die Lippen, um nicht zu weinen. Das waren natürlich gute Nachrichten, aber nichts davon war eine Garantie, dass die beiden außer Gefahr waren. Die Situation war instabil und unübersichtlich, alles konnte passieren. Sariel erkannte, dass seine Freunde einen zusätzlichen Hoffnungsschimmer brauchten, deshalb fügte er eilig hinzu: „Jesus und Berechiel sind zuversichtlich, dass die konzertierte Aktion den Aufstand schnell eindämmen wird“, berichtete er wahrheitsgemäß und die drei sahen ihn dankbar an.

„Ich soll die Einsatzzentrale oben unterstützen und breche sofort auf“, informierte sie Sariel. „Bee und Erziraphael, ich soll euch bitten, der diplomatischen Mission mit euren Erfahrungen zur Verfügung zu stehen. Jesus ist klar, dass ihr jetzt nicht nach New York reisen wollt. Er hofft jedoch, dass ihr einwilligt, dem Stab zugeschaltet zu werden und euch als Berater einzubringen. Ihr müsstet die Zugangsdaten schon im Maileingang finden.“ Beide nickten, froh, eine Aufgabe zu haben, die sie während der vor ihnen liegenden nervenaufreibenden Warterei beschäftigen würde.

„Darf ich bleiben?“, fragte Ben. „Vielleicht kann ich mich nützlich machen. Ich bin sicher, der Chef vom Dienst würde zustimmen, wenn wir etwas für die Online-Berichterstattung vorschlagen. Wir könnten womöglich helfen, die Gemüter zu beruhigen oder die Schärfe aus der öffentlichen Debatte zu nehmen.“

Erziraphael nickte. Er hätte auch ohne Bens Vorschlag keinen Grund gesehen, den Freund auszuschließen. Ihm und Laura lag ebenso viel an Crowleys Wohlergehen und am Frieden wie ihm selbst. Er hatte die Mail mit dem Link gefunden und wählte sich ein. Sofort erschienen die Köpfe von Jesus, Berechiel und Codimor auf dem Bildschirm, ein weiteres Videofenster zeigte einen verwaisten Stuhl, die beiden letzten nur die Einblendung „UN-Generalsekretariat – Hochsicherheitsverbindung.“

Jesus hatte die Augen geschlossen und stützte seinen Kopf auf seine Hände. Als er aufsah, leuchteten seine Augen kurz auf. „Azi, Bee, ich bin so froh, euch zu sehen! Hallo Ben.“ Jesus waren die Last der Verantwortung und die Sorge anzusehen, aber seine Freude über das Auftauchen seiner Freunde war echt. Es blieb jedoch die einzige persönliche Bemerkung, die er sich erlaubte.

„Sariel, wann machst du dich auf dem Weg hierher?“ Der angesprochene Engel hielt die Antwort kurz: „Sobald ich mich verabschiedet habe.“

Selbst in dieser Situation beschränkte Sariel sich auf eine angedeutete Verbeugung und ein mitfühlendes Lächeln zum Abschied. Sogar Muriel verkniff sich eine Umarmung und so ließ auch Erziraphael sich nicht dazu hinreißen, nach Sariel zu greifen, um seine Hände zu drücken oder ihn an den Schultern zu fassen. Sobald er die Buchhandlung verlassen hatte, wandten sie sich wieder dem Bildschirm zu.

Jesus lächelte sie an, aber er wirkte besorgt. „Wir warten noch kurz auf die anderen, dann bekommt ihr einen Sachstandsbericht“, kündigte er an.

***

Mary-Anne und Sammy hatten vergeblich versucht, Kontakt zu Ben Powers aufzunehmen. Sie hatten es unter seiner Redaktionsnummer versucht, hatten von der Redaktion die Auskunft bekommen, er sei unterwegs nach London, hatten eine E-Mail mit der Bitte um Rückruf gesendet, aber nichts davon hatte sie auf die Spur des Kollegen gebracht. „Wenn wir Recht haben, wird er London nicht verlassen, ohne in der Buchhandlung vorbeizufahren“, sagte die Fotografin schließlich. „Sollen wir versuchen, ihn dort abzupassen?“ Ihrer Freundin fiel keine Alternative ein, die vielversprechender gewesen wäre, deshalb stimmte sie zu. Schon kurz darauf waren sie unterwegs, „bewaffnet“ mit ihrer üblichen Ausrüstung aus Aufnahmegerätschaften, Laptop und Fotoapparat.

Sie parkten zwei Straßen entfernt von der Buchhandlung und beschlossen, sich erst einmal im Café gegenüber einzurichten und den Laden zu beobachten, während sie sich eine Strategie überlegten. Schließlich wussten sie nicht, ob der Gesuchte noch kommen würde, bereits hier war oder schon wieder kurz vor dem Aufbruch stand. Während Mary-Anne durch die Scheibe des Cafés einige Aufnahmen der Buchhandlung machte, skizzierte Sammy die Ladenfront in ihrem Notizblock.

„Darf ich fragen, was Sie da treiben?“, fragte aus heiterem Himmel eine scharfe Stimme in ihrem Rücken. Die beiden Journalistinnen fuhren erschrocken zusammen und drehten sich zu der Stimme um. Nina war an den Tisch gekommen, um sie darauf aufmerksam zu machen, dass Selbstbedienung herrschte, und hatte dabei ohne große Mühe erkannt, auf was die Aufmerksamkeit der beiden blonden Frauen gerichtet war. „Warum observieren sie die Buchhandlung?“, fragte die Café-Besitzerin gerade, ihr Ton ließ keinen Zweifel daran, dass dies ein Verhör war.

„Nicht doch, nicht doch, wir observieren nichts und niemanden“, versuchte Sammy abzuwiegeln und klappte schnell ihren Block zu. Wir warten auf einen Kollegen, der früher oder später hier vorbeikommen wird“, erklärte sie.

„Und dafür brauchen Sie Fotos der Buchhandlung?“, hakte Nina nach.

Verdammt, warum spielte sich die Frau wie ein Wachhund auf? „Kennen Sie die Buchhändler näher?“ Mary-Anne schaltete sich in das Gespräch ein.

„Wer will das wissen?“

Die Journalistin zog kurzerhand ihren Presseausweis. „Wir wollten einen Bericht über die Schmutzkampagne gegen den Besitzer und seinen Partner schreiben und sind bei den Recherchen auf ein paar Unstimmigkeiten gestoßen.“ Vielleicht würde Offenheit das Eis brechen, dachte Sammy. „Außerdem haben wir Hinweise darauf gefunden, dass ihre Nachbarn etwas mit dem Exklusivinterview zu tun haben, das der Gottessohn höchstpersönlich einer kleinen Regionalzeitung gegeben hat. Wir glauben, dass der erwähnte Kollege diese Verbindung vermittelt hat. Deshalb möchten wir mit ihm sprechen.“

Nina betrachtete die beiden skeptisch. „Ich bin mir nicht sicher, ob mir ihre Geschichte gefällt“, sagte sie leise. „Und ich weiß immer noch nicht, was Sie berechtigt, Privatleute auszuspionieren.“

„Was für Menschen sind die beiden eigentlich?“, fragte jetzt wieder Mary-Anne. Wenn Menschen nach ihrer Meinung gefragt wurden und dabei auch noch über andere sprechen konnten, tauten sie oft auf. Sie hoffte, das würde auch hier geschehen, aber sie hatte Nina unterschätzt.

„Was auch immer Sie vorhaben oder von mir erwarten, Sie werden von mir kein Wort über die beiden hören, und ganz sicher nichts Negatives erfahren. Und jetzt muss ich Sie bitten, mein Café zu verlassen!“ Sie sah sie erwartungsvoll an und meinte das Gesagte ganz offensichtlich ernst.

Sammy öffnete den Mund, um zu argumentieren, aber Mary-Anne schüttelte den Kopf. „Lass uns gehen“, sagte sie, nickte Nina zu und zog ihre Partnerin mit sich zur Tür.

„Was wollten die beiden?“, fragte Maggie, als Nina zurück hinter den Tresen schlüpfte.

„Dreckige Wäsche waschen“, knurrte diese.

„Sollen wir drüben Bescheid sagen?“

Ihre Freundin schien einen Moment zu überlegen, schüttelte dann aber den Kopf. „Ben ist ja auch da“, sagte sie. „Die vier werden mit den Damen schon fertig.“

Damit hätte sie normalerweise sicher recht gehabt, aber dies war kein normaler Tag für ihre Freunde in der Buchhandlung. Sie waren so konzentriert auf die Gespräche zwischen Himmel, Hölle und UN, dass sie das getreulich klingelnde Glöckchen über der Ladentür nicht hörten, das ihnen die Ankunft der Journalistinnen melden wollte. So traten die Frauen unbemerkt ein.

Sammy hatte gerade den Mund geöffnet, um zu rufen und auf sich aufmerksam zu machen, da hielt Mary-Anne sich einen Finger an die Lippen und schüttelte den Kopf. Sie hatte aus dem Ladenteil, den sie von der Tür nicht einsehen konnten, etwas gehört, das sie hoffen ließ, dass diesmal sie mit einer Exklusiv-Story nach Hause gehen würden, wenn sie es geschickt anstellten. Sie stellte so leise wie möglich ihre Tasche ab und zog ihr Handy aus der Hosentasche. Sie öffnete die Notizen-App und tippte schnell etwas ein, dann hielt sie Sammy das Display hin. „Lass uns erstmal zuhören!“, las diese darauf. Daraufhin stellte auch sie ihre Tasche leise auf den Boden.

Sie hörten mehrere Stimmen, mindestens eine davon mit Unterbrechungen und Störungen, die darauf schließen ließen, dass der Sprecher online zugeschaltet war. Mary-Anne lauschte angestrengt, sie hätte schwören können, dass sie beim Eintreten von dort hinten das Wort „Himmel“ gehört hatte.

Das Nächste, was sie vernahm, war jedoch das genaue Gegenteil: „Furfur, Codimor, wie ist die Haltung der Hölle dazu? Könnte sie sich diesem Vorgehen anschließen?“, fragte eine auffallend sanfte Männerstimme.

Sie musste sich zusammenreißen, um bei der Antwort nicht vor Aufregung hörbar laut aufzukeuchen. Im nächsten Augenblick schlossen sich ihre Finger um das Handgelenk der Freundin. Diese Stimme hatte sie schon so oft in den Nachrichten oder in Dokumentationen gehört, dass sie fast sicher war, wem sie gehörte. Zusammen mit der Ansprache gab es für sie keinen Zweifel mehr: Sie hörten gerade den Höllenrat sprechen.

Sie war so aufgeregt, dass sie darüber fast nicht auf den Inhalt gehört hatte. Zum Glück hatte Sammy schneller geschaltet: Sie hob ihr Handy hoch und Mary-Anne erkannte, dass sie eine Aufzeichnung gestartet hatte. Gut, dann würden sie sich später alles noch einmal in Ruhe anhören können.

„[…] keine Alternative dazu“, war das Erste, was sie zweifelsfrei verstand. „Der Aufstand muss mit dem unvermeidbaren Maß an Gewalt beendet werden. Wir schließen uns dieser Position uneingeschränkt an.“ Eine kurze Pause entstand und es war so still, dass die Journalistinnen fast sicher waren, jemand würde sie atmen hören. Aber dann sprach der Höllenrat weiter. „Ich habe deshalb sofort dem Einsatz von UN-Truppen zugestimmt und wir haben selbst darum gebeten, sie mit einem robusten Mandat auszustatten. Wir müssen unmissverständlich klar machen, dass wir keine umstürzlerischen Bestrebungen und keine Terrorakte dulden werden, aber…“ Wieder herrschte Schweigen, alle warteten offensichtlich auf die Fortsetzung des Satzes. „Jesus, du weißt, dass ich seit deiner Wiederkehr, seit der Verhinderung von Armageddon nie Bedingungen gestellt habe.“

Die Stimme, die ihm nun antwortete, klang weich und gütig. „Das weiß ich, mein Freund. Du hast hart verhandelt, hast die Interessen deiner Seite geschützt, so gut du konntest, aber du hast kein einziges Mal eine Bedingung gestellt. Das wissen alle in dieser Runde. Erziraphael, Berechiel, ich bin sicher, dass ihr das ebenso seht wie ich.“ Wieder schlossen sich die Finger der Fotografin um das Handgelenk ihrer Freundin. Da war er, der Beweis! Der Gottessohn kannte den Buchhändler, er sprach ihn direkt an, sein Ton war freundschaftlich gewesen.

„Das tue ich“, hatte der sofort geantwortet.

„Natürlich“, sagte nun eine andere Stimme, die vermutlich dem zweiten Angesprochenen gehörte.

„Dann wisst ihr auch, dass ich das Kommende nur sage, weil ich keinen anderen Weg weiß. Obwohl ich inzwischen denke, dass eure Welten uns etwas schuldig sind.“ Das war offenbar wieder der Höllenrat gewesen.

Die sanfte Stimme des Gottessohnes forderte ihn auf: „Sprich Furfur, wir hören dir zu.“

„Wenn die Dämonen nicht sehen, dass auch ihre Stimmen gehört werden, wenn sie auf Dauer zu dem Schluss kommen, dass sie nicht wirklich gleichberechtigt sind, dann werden sie am Großen Vertrag zweifeln und womöglich ist der Aufstand jetzt dann nur der erste einer langen Reihe. Ich meine das nicht als Drohung“, schob er schnell hinterher. „Ich möchte nur meine Sorgen mit euch teilen.“

Wieder herrschte Schweigen. Als Nächstes hörten sie eine Frauenstimme, laut und selbstbewusst. Mit zunehmender Verwunderung erkannte Mary-Anne die Generalsekretärin der Vereinten Nationen. Was war das hier? Ein geheimes Gipfeltreffen? „Ich verstehe deine Sorgen, Höllenrat. Mehr noch, ich teile sie. Ich denke, wir haben alle endlich begriffen, dass wir bei den Verhandlungen zum Großen Vertrag nicht mutig genug waren. Wir hätten der Versuchung widerstehen müssen, das Fortbestehen von Ungleichheit zu akzeptieren, um zu einem Ende zu kommen.“

Nun erklang eine Stimme, die bisher noch nicht zu hören gewesen war. Es war Codimor, was aber die Lauscherinnen nicht wissen konnten, der Name wäre ihnen auch kein Begriff gewesen. „Vielleicht haben wir uns zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht genügend vertraut. Ich hoffe aber, dass dieses Vertrauen jetzt gewachsen ist.“

„Das ist es, Meister des Rechts“, sagte die Generalsekretärin bestimmt und die anderen Beteiligten schienen zustimmend zu murmeln. „Hat die Hölle einen Vorschlag vorzubringen?“

„Das haben wir. Wir haben einen Vorschlag, der nicht im Gegensatz zum Wortlaut des Vertrags steht. Ihr müsst uns sagen, ob er auch für euch mit dem Geist des Vertrages zu vereinbaren ist.“

„Sprich, lieber Freund.“ War das wirklich Jesus gewesen, der gerade innerhalb weniger Sätze gleich zwei hochrangige Dämonen „Freund“ genannt hatte? Wurden sie womöglich gerade Zeuginnen einer Verschwörung? Die beiden Journalistinnen sahen sich ratlos an.

„Wir wollen zeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind, dass es Fortschritte gibt, dass es für die Dämonen in Gefängnissen und Internierungslagern Hoffnung auf weitere Verbesserungen gibt.“ Codimors Stimme war ruhig und sachlich. Niemand unterbrach ihn. „Wir schlagen zwei Sofortmaßnahmen vor: Wir wollen die Haftbedingungen erleichtern und v. a. das allgemeine Kontaktverbot aufheben. Die Gefangenen sollen die Möglichkeit haben, mit anderen Personen in Verbindung zu treten, durch Briefe, Mails oder Anrufe. Auch wenn die Hölle nicht der Ort war, an dem viele Freundschaften gepflegt wurden, haben doch einige von uns Kollegen oder Vertraute, um die sie sich sorgen. Andere haben Familie auf der Erde, Menschen, die zum Teil seit Jahrzehnten nicht wissen, ob ihre Väter oder Männer noch am Leben sind. Das ist grausam, das möchten wir beenden.“

Wieder blieb es eine Weil still. Dann sagte Jesus: „Der Himmel unterstützt diesen Vorschlag. Es ist eine kleine Maßnahme, deren Auswirkungen auf die Sicherheit der Welten überschaubar bleiben dürfte. Aber sie könnte ein starkes Signal sein für unser gemeinsames Bemühen um Lösungen, die allen gerecht werden.“

„Ihr wisst, dass ich allein diese Entscheidung nicht für die UN treffen kann. Ich wüsste aber nicht, was uns davon abhalten sollte, diesem Vorschlag zuzustimmen. Außerdem ist die Festlegung von Hafterleichterungen streng genommen nichts, wofür ihr unsere Zustimmung braucht.  Das ist das gute Recht jedes souveränen Staates. Aber wir werden gern ein Votum fassen, das euch bei euren Vorhaben den Rücken stärken kann. Wie lautet euer zweiter Vorschlag, Codimor?“

Es war der warmen Stimme nicht anzuhören, ob sie mit der Reaktion auf den ersten Vorschlag zufrieden war, aber sie klang weiter unaufgeregt und sicher. „Wir wollen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Entscheidungen schneller getroffen werden können, wenn es soweit ist, dass die Prüfungen von Haftgründen und Strafmaßnahmen beginnen. Dafür wollen wir die Belegung aller Lager überprüfen und dokumentieren, wer dort festgehalten wird. Dann können im nächsten Schritt die Akten gesichtet und bei Bedarf vervollständigt werden, damit schnellen Ergebnissen später keine Formalien mehr im Weg stehen.“

Diesmal klang die Frauenstimme nicht energisch, sondern vorsichtig: „Ich fürchte, das wird nicht möglich sein, Codimor, Furfur, so leid es mir tut. Natürlich würde das die Verfahren beschleunigen, aber auch das würde schon sehr viel Personal binden, das wir nicht haben. Deshalb hatten wir uns doch auf eine Reihenfolge einigen müssen.“ Man hörte der Generalsekretärin an, dass sie bedauerte, diese Antwort geben zu müssen.

Jesus schaltete sich ein: „Erlaubt mir zu widersprechen“, sagte er. Er klang dabei regelrecht fröhlich. „Ich halte diesen Vorschlag sogar für brillant. Wenn ich Codimor richtig verstanden habe, sind das alles Aufgaben, die weitgehend auch von Nicht-Juristen übernommen werden können. Die Erfassung und Dokumentation von Personalien kann jede Verwaltungskraft erledigen, sicher finden wir dafür genügend Personal aus Öffentlichen Verwaltungen, dessen Vertrauenswürdigkeit und Gesetzestreue nicht erst langwierig überprüft werden müssen. Und ob die Akten vollständig sind, kann zu weiten Teilen mit minimalen juristischen Kenntnissen entschieden werden.“

Furfur knüpfte nahtlos an diese Einschätzung an: „Genau das war unsere Überlegung: Wir ziehen damit das hochqualifizierte Personal nicht von Aufgaben ab, bei denen es unverzichtbar ist, tragen aber dennoch wirkungsvoll zur Beschleunigung bei.“

Sie konnten nicht sehen, dass Jesus sich bei ausgeschaltetem Mikrofon zu Berechiel beugte und mit diesem einige Worte wechselte. Sie hörten aber das Ergebnis dieses kurzen Austauschs: „Sobald die Lage sich so weit beruhigt hat, dass wir ihre Sicherheit garantieren können, stellen wir euch die benötigte Anzahl von qualifizierten Engeln der mittleren Führungsebene zur Verfügung. Schreiber, Archivare, Bibliothekare, die mit euren Leuten zusammenarbeiten können. Die Legitimität gemischter Teams werden sicher auch die Menschen nicht in Zweifel ziehen. Darf ich das als gegeben annehmen, Madame?“

Die beiden Journalistinnen bekamen keine Gelegenheit mehr, die Antwort der Generalsekretärin zu hören, denn urplötzlich stand die junge Buchhändlerin vor ihnen und fragte vorwurfsvoll: „Was um alles in der Welt tun Sie hier? Haben Sie etwa gelauscht?“

Sammy hatte geistesgegenwärtig ihr Handy in der Hosentasche verschwinden lassen und versuchte nun, möglichst unschuldig auszusehen. Es gelang ihr mehr schlecht als recht. „Wir hatten versucht, uns bemerkbar zu machen, aber Sie haben uns nicht gehört.“ Das war wenigstens nicht ganz gelogen.

„Ich kenne Sie doch“, sagte Muriel nun. „Sie waren doch bei der Lesung.“ Inzwischen war Erziraphael von hinten aufgetaucht und baute sich neben Muriel auf.

„Wir hatten gehofft, unseren Kollegen Ben Powers hier anzutreffen. Uns wurde von seiner Redaktion gesagt, dass wir ihn vermutlich hier finden würden.“

„Im Leben nicht!“ Jetzt stand auch Ben neben den beiden Buchhändlern. Sie hatten also recht gehabt! Er war hier! Aber er war unübersehbar stinksauer. „Erstens weiß nur einer meiner Kollegen, dass ich hier bin. Zweitens würde die Redaktion keinesfalls mehr als die Stadt oder die Gegend verraten, wenn Kollegen anderer Medien anfragen.“

Erziraphael war zornig. Irgendetwas an seiner Ausstrahlung hatte sich geändert, jedenfalls fühlten die ertappten Journalistinnen sich von einem auf den anderen Moment sehr schuldig. Sie standen innerlich stramm, weil der sonst so liebenswerte und naiv wirkende Buchhändler plötzlich eine unerklärliche, eine einschüchternde Autorität ausstrahlte. „Ben, sei so nett und überprüfe diese Presseausweise. Anschließend alarmiere die Polizei. Ich möchte heute noch Anzeige wegen Hausfriedensbruch erstatten.“

„Polizei“ war das erste Wort, das Sammy wieder ganz bewusst wahrnahm. Shit, das lief gar nicht gut! Aber obwohl sie mehrmals den Mund öffnete, gelang es ihr nicht, eine professionelle Ausrede, eine kleine Notlüge von sich zu geben. Sie fühlte sich, als würden die Worte auf ihrer Zunge zu Asche, bevor sie eine Chance hatte, sie auszusprechen. Beim nächsten Versuch zerfielen die Gedanken schon in ihrem Kopf, bevor sie auch nur versuchen konnte, daraus eine harmlose Unwahrheit zusammenzusetzen. Verdammt! Las der Buchhändler ihre Gedanken? Was machte er da in ihrem Kopf? Schließlich gab sie auf und starrte ihn an. Der Blonde wich ihrem Blick nicht aus, er hielt ihn fest. Seine sonst meist freundlich und interessiert blickenden Augen waren nun unergründlich und dunkel. Von einem Moment auf den anderen wusste sie plötzlich, was es war – was er ausstrahlte: Macht! Aber er machte ihr keine Angst, erkannte sie. Sie fühlte etwas anderes – aber was war es? Respekt? Demut? Scheu?

Mary-Anne schien dem unheimlichen Einfluss des Mannes besser standzuhalten. Jedenfalls brachte sie erfolgreich einen vollständigen Satz über die Lippen: „Warten Sie, wir wollten doch nur mit Ihnen sprechen.“ War das schon eine Lüge? Es war doch kaum mehr als geflunkert, redete Sammy sich ein. Und doch fühlte sie – in ihrem eigenen Geist – die Unerhörtheit dieses Satzes, die Verwerflichkeit ihres Tuns. Waren sie zu weit gegangen? Wer war dieser Mann? Vielmehr: Was war er? Und was machte er mit ihnen?

Im nächsten Moment war es vorbei. Die Frauen fühlten sich, als hätte jemand sie drohend an eine Wand gepresst und nun seinen beängstigend kräftigen, unwirklich erbarmungslosen Griff gelockert. Die Stimme des Buchhändlers, bei ihren früheren Begegnungen sanft und ein bisschen albern, war schneidend und kalt, als er endlich wieder sprach. „Wie sie ja ganz offensichtlich gehört haben, führe ich gerade ein anderes Gespräch und habe keine Zeit, mich mit Ihnen auseinanderzusetzen. Wenn Sie freiwillig Ihre Handys ausschalten und hier liegen lassen, um dann mit meiner Kollegin im Café gegenüber zu warten, dann können wir vor der Anzeige reden. Andernfalls nimmt das seinen ganz normalen Gang“ Er machte auf den Absätzen kehrt und rief im Weggehen: „Ben, wenn du die Polizei alarmiert hast, komm bitte wieder nach hinten.“

Noch während der Journalist die Ausweise seiner Kolleginnen kontrollierte und fotografierte, begannen diese auf ihn einzureden. „Halten Sie den Mund!“, schnauzte er sie kurz darauf an. „Das stinkt zum Himmel! Und selbst wenn Sie ein legitimes Interesse glaubhaft machen könnten, dürfen Sie doch nicht bei streng vertraulichen Gesprächen lauschen.“ Er hielt ihnen ihre Ausweise hin. „Wenn ich auch nur einen Halbsatz aus dem Treffen, das Sie belauscht haben, in der Öffentlichkeit wiederfinde, dann sorge ich persönlich dafür, dass Sie so ein Stück Plastik nie wieder ausgestellt bekommen, Ladys!“ Er warf ihnen noch einen verächtlichen Blick zu, dann griff er nach seinem Telefon.

Sammy gab sich jedoch noch nicht geschlagen. „Moment. Er hatte doch gesagt, dass wir zuerst reden können, wenn wir woanders warten…“ Ben schien zunächst nicht reagieren zu wollen, blieb dann aber doch stehen. „Muriel, wärst du so lieb?“ Sie nickte wortlos und hatte die beiden Journalistinnen schon aus dem Laden gescheucht und hinter sich abgeschlossen, bevor ihre Freunde den Ton wieder angeschaltet hatten und die Verhandlungen fortsetzten. An die Handys der Frauen hatte dabei niemand mehr gedacht.

***