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Aufwärts? (immer noch Montag)

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Aufwärts? (immer noch Montag)

Bevor Milgreth das verschnörkelte altertümliche Tor öffnen konnte, blinkte an einem der Geräte an seinem Gürtel ein rotes Licht auf. „Wartet hier!“, befahl er und verschwand wieder im Lager. Wenige Minuten später war er zurück und reichte ihnen zwei laminierte Ausweise. „Planänderung. Ich eskortiere euch zurück. Falls wir getrennt werden, versucht, mit den neuen Passierscheinen durchzukommen.“ Ohne weitere Erklärung öffnete er das Tor und ging voran.

Crowley spürte Gabriels fragenden Blick. „Was ist passiert?“, rief er dem Soldaten hinterher und versuchte, ihn einzuholen.

„Der Sechste Kreis ist gefallen.“  Er musste ihnen die möglichen Konsequenzen nicht erst erklären.

Gabriel und Crowley konnten bei Milgreths Tempo nur mit Mühe mithalten. Zum Glück gab er ihnen immer wieder Gelegenheit aufzuschließen, wenn sie zurückgefallen waren. Sie erreichten die Tür, hinter der die Treppe in den Vierten Kreis führte. Der Wachposten salutierte und ließ sie wortlos passieren. Diesmal war Crowley vorbereitet und folgte Milgreth ungerührt in die Finsternis des Treppenhauses. Kaum hatte der Soldat die Ölfunzeln mit zweimaligem Fingerschnippen entzündet, hasteten sie die Stufen hinauf und stießen die Tür auf.

„Vorsicht!“, ein Warnruf stoppte sie und ein schlanker, vor ihnen ausgestreckter Arm hielt sie zurück. Direkt vor ihnen rollte ein mannshoher Felsbrocken vorbei. Ein Mann versuchte, dem Felsen zu folgen. Er ächzte unter dem Gewicht eines enormen Brustpanzers. Während Crowley und Gabriel hinter Milgreth durch die Tür traten, wurde der Sünder von der Dämonin angeherrscht, deren Arm sie gerade vor Schaden bewahrt hatte. „Zurück in euren Bereich!“, fauchte sie. „Ihr Sünder habt hier oben nichts verloren!“ Sie versetzte dem Felsbrocken einen kraftvollen Fußtritt und sah voller Genugtuung zu, wie er mit wachsender Geschwindigkeit bergab rollte. „Ich sehe, du bist bester Stimmung, Varka“, grüßte Milgreth sie.

Crowley beobachtete den Sünder und einen seiner Leidensgenossen, die dem Felsen mit zitternden Knien nacheilten. Kopfschüttelnd fragte er: „Was treibt die überhaupt nach hier oben? Es muss ihnen doch klar sein, dass sie hier nicht geduldet werden.“

Statt einer Antwort zeigte Milgreth mit ausgestrecktem Arm auf die sich vor ihren Füßen erstreckende Ebene und tippte auf einer Steuereinheit herum. Sofort dröhnte ohrenbetäubender Lärm zu ihnen herauf: Metall krachte auf Metall oder knirschend auf nackten Fels. Dazu das Stöhnen und die Schreie der Sünder, die schwere Lasten zwischen sich hin und her stießen. Ein endloses aussichtsloses Unterfangen. Gabriel und Crowley hielten sich die Ohren zu und die Dämonin schaltete den Schallschutz wieder ein. Milgreth zog Crowleys Hand herunter: „Die würden alles tun für ein paar Minuten Ruhe.“

Gabriel sah den Männern staunend nach. „Sind die Panzer aus Gold?“, fragte er, die Hände noch erhoben, um sie bei Bedarf sofort wieder auf seine Ohren pressen zu können.

Crowley war schneller als die beiden anderen Dämonen: „Massives Gold. Verdammt schwer. Der Vierte ist die Hölle der Geizigen, der Gierigen und der Verschwender.“ Dann wandte er sich an Milgreth: „Seit wann ist es hier überhaupt so überfüllt?“

Varka zuckte mit den Schultern: „Seit auf der Erde die richtig bösen Jungs ihr Geld mit Wirtschaftsverbrechen machen.“

Gabriel nickte nachdenklich. „Ja, mit Bilanzbetrug, Börsenstrategien und gefälschten Konzernabschlüssen“, sagte er und setzte die Aufzählung nahtlos fort: „Mit Offshore-Konten, Briefkastenfirmen und dubiosen Steuerflucht-Modellen …“

Ein deutlich hörbares Zähneknirschen ließ alle aufhorchen. Es kam von Crowley: „Ich fürchte, an der Idee mit den Briefkastenfirmen war ich nicht ganz unbeteiligt…“, gab er zerknirscht zu. „Aber das meiste ist den Menschen ganz ohne teuflische Einflüsterungen eingefallen“, fügte er eilig hinzu: „Insidergeschäfte, Leerverkäufe und Derivat-Wetten auf den Zusammenbruch ganzer Volkswirtschaften.“ Nach einem tiefen Atemzug fiel ihm noch etwas ein: „Nicht zu vergessen das Durchschleusen schmutziger Gelder durch Banken, Stiftungen und Immobilien und das systematische Aushebeln von Kontrolle durch Lobbyismus, Parteispenden und Datenmacht.“ Er seufzte schwer.

Die anderen Dämonen lauschten aufmerksam. Auch Gabriel hatte genau zugehört und nahm jetzt den Faden auf: „Und als wäre das alles nicht schlimm genug, kaufen Tech-Milliardäre sich inzwischen erfolgreich in Regierungen ein, Gesetze werden auf Zuruf geändert und die Superreichen geben sich ganz ungeniert ihren Machtträumen hin.“ Dann sah er mit einer hochgezogenen Augenbraue zu Crowley hinüber und fragte: „Wirklich, Crowley? Ausgerechnet Briefkastenfirmen?“ Der Dämon zuckte schuldbewusst mit den Schultern.

Milgreth und die wachhabende Dämonin hatten mit großen Augen zugehört. „Ich habe nicht wirklich verstanden, wovon ihr da redet, aber wenn das alles so perfide ist, wie es klingt, haben sie die ewige Qual verdient“, stellte der Soldat fest.

Crowley witzelte in einem vergeblichen Versuch, die Stimmung aufzuheitern: „Dann müssen wir den Vierten wohl demnächst die Hölle der Lobbyisten und Finanzmarktjongleure nennen.“

Varka widersprach: „Das sind doch nur die Methoden. Die Sünde bleibt immer die gleiche: Egal, ob der Getreidehändler im Mittelalter seine Kunden mit falsch geeichten Gewichten betrog, oder ob heute ein Konzern allzu kreative Steuerschlupflöcher nutzt. Heute wie damals ist es dieselbe nackte Gier, das gleiche Immer-mehr-Wollen, das ewige Nie-zufrieden-Sein, das unvergängliche Nicht-Teilen-Können.“

Gabriel zeigte auf die endlose Ebene und die dort in ihren sinnlosen Handlungen gefangenen Sünder und fragte: „Warum haben wir davon auf dem Weg nach unten eigentlich nichts gesehen?“ Auch Crowley wartete gespannt auf die Antwort. Ein Tastendruck und eine Sichtschutzwand fuhr hoch. „Diese fruchtlose Quälerei für ein bisschen irdischen Mammon schlägt selbst dem abgebrühtesten Dämon auf den Magen“, erklärte die Wächterin trocken. „Wir vermeiden es nach Möglichkeit, dabei zuzuschauen.“

***

Erziraphael sah ihn erwartungsvoll an, als er in den hinteren Raum der Buchhandlung zurückkam. „Die Ausweise sind echt. Ich habe sie fotografiert. Sie wollen mit Muriel im Café warten und später mit uns sprechen.“ Ben war erkennbar irritiert. „Wir müssen herausfinden, was sie wirklich bei euch wollten“, sagte er ratlos. „Danach können wir immer noch die Polizei rufen.“

Der Engel nickte nur und zeigte dann auf die Bildschirme. „Die Verhandlungsparteien haben eine Frage an dich.“ An die beiden Journalistinnen dachte Ben erst viel später wieder.

Sammy und Mary-Anne saßen derweil an einem der Café-Tische unmittelbar vor der Kuchen-Vitrine und warteten. Beim Hereinkommen hatte die Inhaberin sie mit hochgezogenen Augenbrauen und einem süffisanten „Na, sieh mal einer an!“ empfangen. Die Buchhändlerin hatte sie wortlos zu diesem Tisch weit weg vom Fenster dirigiert und gleich danach die beiden Frauen hinter dem Tresen umarmt. Das erklärte dann wohl, warum sie vorhin in dieses unangenehme Verhör geraten waren. Und richtig, schon tauschten sich die Frauen über sie aus.

„Stellt euch vor, die haben drüben spioniert“, teilte die Buchhändlerin kopfschüttelnd mit, während sie sich wie selbstverständlich eine Schürze umband.  „Sie sind mitten in eine Videokonferenz der Welten geplatzt.“ Sie klang genauso entrüstet wie sie aussah.

„Warum habt ihr nicht gleich die Polizei gerufen?“, fragte die Dunkelhaarige. „Sie haben die Buchhandlung vorher schon von hier aus beobachtet“, sagte sie. „Die da hat fotografiert. Und die Kleinere hat Skizzen gemacht.“ Fassungslos wandte die Buchhändlerin sich den Journalistinnen zu: „Was um alles in der Welt wollen Sie von uns?“, fragte sie vorwurfsvoll. Sie schüttelte den Kopf: „Ben und Erziraphael kommen später her, um mit ihnen zu reden, danach werden wir weitersehen.“ Ohne ein weiteres Wort schnappte sie sich ein leeres Tablett und ging von Tisch zu Tisch, um das gebrauchte Geschirr einzusammeln.

Eine Weile sahen Sammy und Mary-Anne dabei zu, wie sie von Tisch zu Tisch ging und jedem Gast ein Lächeln und ein paar freundliche Worte schenkte. Niemand schien besonders auf sie zu achten, deshalb zog die Fotografin so unauffällig wie möglich ihr Handy heraus. Sie würde versuchen, ein paar Schnappschüsse von den Frauen zu machen, die offensichtlich mit den Buchhändlern befreundet waren. Sie hielt das Handy unter der Tischplatte verborgen und probierte damit herum, um den besten Winkel für ihr Foto zu finden. Sie hatte noch nicht auf den Auslöser gedrückt, da stand die blonde Frau neben ihnen und zischte: „Ich würde nicht einmal daran denken!“ Auffordernd streckte sie eine Hand aus. Mary-Anne ignorierte die Geste und wollte das Handy in ihre Tasche gleiten lassen, als die Partnerin der Blonden sich ebenfalls vor ihr aufbaute. „Her mit dem Ding!“ Himmel, die Frau konnte einem Angst machen! Resigniert legte Mary-Anne ihr Telefon in die ausgestreckte Hand der anderen. „Deins auch!“ Sammy versuchte erst gar nicht zu widersprechen und legte ihr Smartphone zu dem ersten.

„Wenn ihr bewegte Bilder braucht, guckt dorthin“, blaffte die Inhaberin und wedelte nachlässig in Richtung eines Fernsehgeräts, das in der Zimmerecke hinter der Theke hing und lautlos das Programm eines Nachrichtensenders zeigte. Mangels Alternativen verfolgten die wartenden Frauen die teilweise untertitelten Bilder und die vorbeiflimmernden Kurz-Meldungen.

Sie bemerkten nicht, wie das Café sich langsam leerte, die Buchhändlerin das Schild in der Tür auf „Geschlossen“ drehte und die Aufräumarbeiten begannen. Auch die Ankunft des Journalisten und des Buchhändlers entging ihnen. Sie sahen erst auf, als Miss Bennet wortlos Kaffee und Kuchen vor ihnen abstellte. Die blonde Frau kam mit weiteren Tellern und Tassen und flüsterte ihnen zu: „Von mir hätten Sie nichts bekommen, da können Sie sich sicher sein!“ Sammy sah ihr erstaunt nach und konnte deshalb beobachten, wie der Buchhändler von ihr mit einer herzlichen Umarmung begrüßt wurde. Mit der Wahl ihres Beobachtungspostens hatten sie heute definitiv einen Missgriff getan. Wie konnte man so viel Pech haben? Sie sah den Männern entgegen und zuckte zusammen, als ihre Partnerin hinter ihr plötzlich hervorstieß: „Das ist jetzt nicht wahr, oder?“ Sie drehte sich zu ihr um und folgte ihrem Blick zum Fernsehbildschirm. Dort lächelte der Mann gewinnend in die Kamera, der eben mit Mister Fell das Café betreten hatte. Der unter dem Bild durchlaufende Text verriet auch ohne Ton, um was es ging: „Überraschende Entwicklung nach Aufstand in der Hölle: Die drei Welten richten Angebot an die aufständischen Dämonen.“

***

Crowley hatte Milgreths zunehmende Unruhe genau registriert und war deshalb nicht überrascht gewesen, als dieser zum Weitergehen mahnte. Schon hatte er sich wieder in Bewegung gesetzt und sie mussten sich beeilen, um ihm zu folgen. Und er beschleunigte weiter.

Bald erreichten sie die Stelle, an der sie nach dem Vorfall am Notfallausstieg auf Furfur gewartet hatten. Hier blieb Milgreth stehen und wies auf die Sitzgelegenheiten, auf die Gabriel und Crowley sich dankbar fallen ließen, um nach Luft zu schnappen.

„Gleich kommt es darauf an“, kündigte der Dämon an. „Wir müssen bei der nächsten Kontrolle womöglich etwas improvisieren.“

Crowley warf Gabriel einen besorgten Blick zu. Seiner Erfahrung nach war „improvisieren“ viel zu oft gleichbedeutend mit „höchst riskant“ oder „wir haben nicht die geringste Vorstellung davon, was alles passieren könnte“.

Milgreth hatte den Blickwechsel entweder nicht gesehen oder vorsätzlich ignoriert. Sein Tonfall verriet Sorge: „Ihr zeigt nur die neuen Passierscheine – nicht die vom Abstieg, verstanden?“ Der Dämon und der Engel nickten. Nun waren sie endgültig beunruhigt. Milgreth sprach weiter: „Benehmt euch möglichst unauffällig“, forderte er. „Und lasst euch nicht anmerken, falls ihr überrascht seid, ok?“

Sie nickten erneut und warteten auf eine Erklärung. Aber Milgreth ging schon weiter, fiel jetzt sogar in einen leichten Trab. Der Engel und der Dämon schauten sich unschlüssig an, dann folgten sie, so schnell sie konnten. Es dauerte nicht lang, bis sie sahen, wohin Milgreth sie führte. „Das ist der direkte Ausstieg nach oben“, keuchte Crowley, „der von dem Furfur gesagt hat, dass er nur im absoluten Notfall freigegeben wird.“ Gabriel beschränkte sich darauf zu nicken. Auch jetzt bewachten zwei Dämonen den Zugang.

Als sie zu ihm aufschlossen, hatte Milgreth gerade Namen und Rang genannt. Dann fügte er hinzu:

„Ich habe Order, die Parlamentäre auf direktem Weg zurück auf die Erde zu bringen. Tretet zur Seite, Kameraden!“ Er wedelte nachlässig mit einer Art Scheckkarte, offenbar ein Dienstausweis. An Crowley und Gabriel gerichtet sagte er: „Passierscheine zeigen!“

Der größere der beiden Wachmänner an der Tür interessierte sich aber viel mehr für das Dokument, mit dem Milgreth herumgefuchtelt hatte und das er schon wieder einstecken wollte. „Nicht so schnell, Kamerad. Du weißt doch: neue Vorschriften, weil der Sechste gefallen ist.“

Er hielt ihm auffordernd die Hand hin, bis dieser den Ausweis hineinlegte. Widerstrebend hineinlegte, wenn Crowley seine Körpersprache richtig deutete. Aber er erinnerte sich an die Anweisung und gab sich alle Mühe, gelassen auszusehen. Das fiel ihm schwer, vor allem, weil der korrekte Soldat nach seinem Sprechgerät griff und es aktivierte. „Hauptmann?“

Offenbar wollte er sich rückversichern, dass alles seine Richtigkeit hatte. Dabei beobachtete Milgreth ihn mit schlecht verborgener Anspannung. Crowley ließ ihn nicht aus den Augen. Er rechnete damit, dass ihr Begleiter jeden Augenblick „Rennt!“ oder „Deckung!“ schreien könnte. Auch Gabriel wurde zunehmend unbehaglich zumute. Hatte der Gesprächspartner am anderen Ende nicht gerade „aufhalten“ gesagt?

Unbewusst spannte er alle Muskeln an, bereit, aus dem Stand loszusprinten, falls es notwendig werden sollte. Aber wohin konnten sie flüchten, fragte er sich besorgt.

Dann nahm der Dämon am Funkgerät Haltung an. Es wirkte, als wolle er vor dem Apparat in seiner Hand salutieren. „Ja, Hauptmann, ich verstehe.“ Nun wirkte er ziemlich angespannt. „Natürlich nicht, Hauptmann!“, sagte er und schließlich: „Nicht länger aufhalten, verstanden! Zielort Oberfläche, jawohl Hauptmann!“ Er knallte so energisch die Hacken zusammen, dass sein Vorgesetzter es ohne jeden Zweifel ebenfalls gehört hatte. Er beendete die Verbindung und schnauzte seinen Kameraden an: „Hast du nicht gehört? Sofort Ziel programmieren!“

Er wendete sich wieder Milgreth und den von ihm eskortierten Parlamentären zu: „Deine Order wurde bestätigt. Du sollst keine Zeit verlieren und umgehend Meldung machen, wenn die Gesandten die Hölle sicher verlassen haben.“

Milgreth nickte, als habe er keine andere Antwort erwartet. Er hob nachlässig die Hand zum Gruß und wandte sich Crowley und Gabriel zu. „Ihr habt es gehört“, sagte er im Befehlston. „Keine Zeit verlieren, also rein mit euch!“ Beim Einsteigen nickte er den beiden Wachhabenden wohlwollend zu: „Der Hauptmann wird euer Pflichtbewusstsein sicher honorieren.“ Er stieg hinter den Parlamentären ein, kontrollierte das eingegebene Ziel und ordnete an: „Abfahrt!“ Sobald die Fahrstuhltüren lautlos zugeglitten waren, ließ er sich gegen die Fahrstuhlwand fallen, mit plötzlich weichen Knien. Hörbar stieß er den Atem aus, als hätte er ihn seit Minuten angehalten – seine Erleichterung sagte alles.

Crowley schmunzelte. „Beeindruckendes Pokerface“, sagte er anerkennend, konnte sich aber eine kleine Spitze nicht verkneifen: „Auch wenn es kurz so aussah, als hättest du zu hoch gepokert.“

Milgreth hatte sich schon wieder gefangen und grinste ihn an: „Ach was! Wenn man seine Mitspieler kennt, kann man auch mal was riskieren.“ Er zwinkerte ihnen zu. „Sind wir unterwegs nach oben oder nicht?“ Dann sagte er nichts mehr und die drei Männer versanken in ihre je eigenen Gedanken, aber keiner von ihnen ließ auch nur eine Sekunde die leuchtende Stockwerksanzeige aus den Augen.

Sie ließen den Aufstand in der Hölle hinter sich. Aber was würde sie oben erwarten?

***

„Das dürfte Sie interessieren“, sagte Erziraphael mit einem Blick auf den Bildschirm. „Lassen Sie sich währenddessen gern Ihren Kuchen schmecken.“ Er schnippte mit den Fingern und sofort erklang aus dem Fernsehgerät die Stimme des Journalisten, der im wirklichen Leben gerade an ihrem Tisch Platz nahm und mit einem genießerischen Seufzer den ersten Schluck Kaffee trank.

Mary-Anne und Sammy dagegen würdigten die Getränke und das Gebäck vor ihnen keines Blickes. Sie verfolgten gebannt, wie Ben Powers die Zuschauerinnen und Zuschauer zu einer Sondersendung begrüßte und eine gemeinsame Erklärung der Führungsebenen der drei Welten ankündigte. „Wir haben diese Statements im Rahmen einer Videokonferenz unmittelbar vor der Sendung aufgenommen“, hörten sie ihn sagen.

Während Sammy recht gefasst den Erklärungen von Furfur, dem Sprecher des Himmels und dem Vertreter der Vereinten Nationen folgte, murmelte ihre Partnerin unablässig „Shit!, Shit!, Shit!“ vor sich hin. Das hätte ihre Story werden können, verdammt!

Als der Bildschirm-Ben Powers schließlich die kurze Sondersendung abmoderierte, übergab er an seinen Kollegen Kenneth Foster, der mit eilig eingeladenen Studiogästen, in Live-Schalten zu Pressekonferenzen auf der ganzen Welt und in Video-Konferenzen mit Experten die aktuellen Entwicklungen zusammenfassen, kommentieren und bewerten würde.

***

Die Verantwortlichen der BBC hatten keinen Moment gezögert, als der Verleger von Kenneth und Ben und ihr Chefredakteur ihnen diesen Deal angeboten hatten: Die Exklusivrechte an den aufgezeichneten Statements, hochrangige Gesprächspartner aller drei Welten und nie dagewesene Einblicke in das Räderwerk von Himmel und Hölle im Austausch dafür, dass zwei brillante Journalisten einer Regionalzeitung mit neuerdings explodierender Auflage all diese Gespräche führen und die Sondersendungen moderieren würden.

Die Einzelheiten des Vertragspakets zwischen Verlag und Sender würden ein kleines Heer von Fachanwälten, Finanzexperten, Ressortchefs, Vertrieblern, Strategen und Entscheidungsträgern noch eine Weile beschäftigen, aber über den Kern der Vereinbarung waren die Vertragsparteien sich in nur zwei Telefonaten einig geworden: Seriöse, ausgewogene Berichterstattung, gut recherchierte und solide aufbereitete Inhalte, klare Trennung zwischen Information und Meinung, Verzicht auf polarisierende und sensationsheischende Schlagzeilen und Formate auch bei Eilmeldungen und Sondersendungen, kurz: Verantwortungsvoller Qualitätsjournalismus, smart, flexibel, auf der Höhe der Zeit.

Die Führungsebenen der ungleichen Partner hatten erkannt, dass sie es auf der jeweils anderen Seite mit Ihresgleichen zu tun hatten: Profis mit einem Gespür für gute Geschichten und dem Bewusstsein für ihre Verantwortung, denen es um die Sache und um die Menschen ging, nicht nur um Titelseiten und Sendezeit. Was nicht hieß, dass sie Coverstorys, Primetime-Sendeplätze, Reichweite und Marktanteile nicht zu schätzen gewusst hätten; das Gegenteil war der Fall.

Ben lächelte zufrieden in sich hinein, während er noch einmal die kurze Telefonkonferenz mit Kenneth, ihrem Chefredakteur und dem Verleger Revue passieren ließ, in der sie skizziert hatten, welches Angebot ihnen von Himmel und Hölle gemacht worden war. So hatten die beiden Führungskräfte in fortgeschrittenem Alter sicher nicht mehr gestrahlt, seit sie zuletzt mit Kinderaugen ihre Geschenke unter dem Weihnachtsbaum bewundert hatten.

Wenige Minuten später saßen sie bereits in einem Videocall mit der BBC-Spitze und stellten die Weichen für einen ungewöhnlichen Pakt.

***

Erziraphael schnippte ein weiteres Mal mit den Fingern und das Fernsehgerät verstummte. Er verschwendete keinen Gedanken daran, wie penibel er üblicherweise darauf achtete, dass kein Mensch Zeuge seiner Wunder wurde. Er hatte wirklich keine Kraft mehr für Diskretion und Geduld.

Der Live-Ben Powers tupfte sich gerade etwas Sahne von der Oberlippe und trank den letzten Schluck Kaffee. „So“, sagte er dann und wandte den Kolleginnen auf der anderen Seite des Tisches seine Aufmerksamkeit zu.  Er kam direkt zur Sache, für Höflichkeiten sah er absolut keinen Anlass.

„Was hatten Sie heute in der Buchhandlung meiner Freunde zu suchen? Von der Videokonferenz konnten Sie de facto vorher nichts wissen. Was war also der Grund? Wem spionieren Sie nach?“

Mary-Anne schaute hilfesuchend zu ihrer Partnerin. „Meiner Freunde“, hatte der Journalist gesagt, er war also nicht objektiv.

Was konnten sie unter diesen Umständen preisgeben, was behielten sie lieber für sich? Aber bevor Mary-Anne sich einen Reim auf Sammys Gesichtsausdruck machen konnte, meldete sich der Buchhändler zu Wort:

„Ich würde es begrüßen, wenn Sie uns die Halbwahrheiten und die Ausflüchte von vornherein ersparen. Ich darf Ihnen versichern, dass ich am Ende dieses Gesprächs entweder die Wahrheit kennen oder die Polizei anrufen werde. Verschwenden Sie also bitte nicht meine und Ihre Zeit!“

Klang da eine Drohung mit? Die Fotografin schaute sich nach dem Personal und der Buchhändlerin um. Alle waren damit beschäftigt, das Café für den nächsten Tag vorzubereiten, niemand schenkte ihnen die geringste Aufmerksamkeit. Trotzdem würden die Männer doch sicher nicht hier in aller Öffentlichkeit Gewalt anwenden, oder? Mit einem Schaudern dachte Sammy an das beängstigende Gefühl, das sie in der Buchhandlung ergriffen hatte. Konnte der Blonde in ihren Kopf schauen? Konnte er sie auf diese Weise manipulieren? Sie hatte Angst, wurde ihr klar, eine vage, aber sehr reelle, existenzielle Angst. Wozu war dieser Mann fähig?

Der Buchhändler sah sie abwartend an, schien sie allerdings nicht wirklich wahrzunehmen. Er wirkte eigentlich nicht bedrohlich. Nun seufzte er vernehmlich. „Hören Sie: Es ist spät und wir hatten einen wirklich langen, sehr anstrengenden Tag. Ich weiß weder, seit wann Sie uns vorhin schon belauscht hatten, noch, was Sie von uns wollen. Aber vielleicht haben Sie genug gehört, um zu verstehen, dass wir aktuell wirklich ganz andere Probleme haben als neugierige menschliche Journalistinnen.“

Ben zuckte bei dem Wort „menschliche“ zusammen. Erziraphael musste wirklich erschöpft sein. Ein solcher Ausreißer wäre ihm nicht unterlaufen, wenn er in Form war. Zum Glück schienen die Kolleginnen sich nicht daran gestört zu haben.

Die Frauen waren noch immer unschlüssig.

Der Buchhändler hatte zweimal lustlos mit der Kuchengabel in seinem Kuchen herumgestochert, jetzt schob er den Teller von sich und sah ihnen wieder direkt in die Augen. „ Sie hatten um dieses Gespräch gebeten. Wenn Sie jetzt nicht zu reden beginnen, haben Sie Ihre Chance vertan. Dann erstatte ich Anzeige wegen Hausfriedensbruchs und beschwere mich in aller Form bei Ihren Vorgesetzten. Alles Weitere wäre mir in diesem Fall egal.“

Sammy fasste einen einsamen Entschluss. „Bitte warten Sie“, sagte sie schnell. „Ich erzähle Ihnen, was Sie wissen wollen. Kann ich dafür meinen Laptop herausholen?“ Der Buchhändler signalisierte mit einer kraftlosen Geste sein Einverständnis.

Sammy war noch mit ihrer Technik beschäftigt, da blieb die Besitzerin des Cafés an ihrem Tisch stehen. Nina hieß sie, das hatte sie vorher aufgeschnappt. „Was ist hier los, Ben?“, fragte der Wachhund, wie Sammy sie früher am Tag genannt hatte. Warum interessierte die Frau sich so für sie?

„Ben, schau ihn dir an“, sagte Nina gerade und Sammy fragte sich frustriert, ob die alle miteinander befreundet waren. Konnte man so viel Pech bei einer Recherche haben?

Die Chefin des Cafés redete weiter auf den Journalisten ein: „Du siehst doch auch, dass er stehend k.o. ist. Allein die Sorge um …“ Sie brach mitten im Satz ab, fuhr dann aber energisch fort: „Er braucht Ruhe. Bring ihn nach Hause.“

Sammys Laptop war endlich hochgefahren und eilig rief sie das Ergebnis der Bildersuche auf. „Gehen Sie noch nicht! Bitte!“ Auch Mary-Anne hatte offenbar eine Entscheidung getroffen. „Alles, was wir Ihnen bei unserem letzten Gespräch erzählt haben, stimmte“, sagte sie mit fester Stimme. „Wir leben seit vielen Jahren zusammen und haben Erfahrung mit Intoleranz und Hate-Speech. Und Sie und Ihr Partner taten uns leid, weil Sie offensichtlich so unvorbereitet auf diese Reaktionen waren.“

Sie unterbrach sich kurz und suchte nach den richtigen Worten. „Wir hatten um das Gespräch gebeten, um Material für einen Beitrag zu sammeln, der Sie und Ihr Kinderprogramm objektiv vorstellen sollte. Wir wollten den Unterstellungen etwas entgegensetzen, wollten Ihnen Gelegenheit zur Richtigstellung geben. Aber als wir das Gespräch nachbereitet haben, kamen uns einige Ihrer Antworten spanisch vor. Und es schien dabei ein System zu geben: So freimütig Sie über die aktuellen Ereignisse gesprochen haben, so bedeckt hielten Sie sich bei allen Fragen nach Ihrer Vergangenheit.“

Bei diesen Worten schaute der Buchhändler endlich auf. Ahnte er bereits, worauf dieses Gespräch hinauslief?

„Wir wollten online recherchieren“, fuhr Mary-Anne – nun etwas selbstbewusster – fort. „Aber es war nicht viel zu finden. Abgesehen hiervon.“ Sie schob ihren Laptop über den Tisch zu ihm hinüber. Der Bildschirm zeigte Fotos von Mister Fells aus verschiedenen Epochen. Und jeder dieser Herren hatte das Gesicht und die Statur des Buchhändlers, der die Bilder gerade betrachtete.

Er warf nur einen Blick darauf, dann schob er das Gerät wieder zurück. „Deswegen wollten Sie mich heute aufsuchen?“, fragte er ausdruckslos.

Die Journalistin schüttelte den Kopf. „Eigentlich waren wir auf der Suche nach Mister Powers.“

Ben widersprach sofort: „Ich habe Ihnen vorhin schon gesagt, dass Ihre Geschichte unglaubwürdig ist.“

Sie hatten sich da wirklich in Erklärungsnot gebracht, sahen die Frauen ein. Sammy ergriff das Wort: „Sie haben recht: Ihre Redaktion hat uns nur gesagt, dass Sie unterwegs nach London sind. Aber wir hatten auch über Sie Recherchen angestellt.“

Der Kollege setzte zu einer Erwiderung an und sein Gesicht verriet, dass sie nicht freundlich ausfallen würde.

Sammy ließ ihn nicht zu Wort kommen, sondern redete ungerührt weiter: „Wir sind bei Bild-Vergleichen darauf gestoßen, dass das Jesus-Interview Ihres Kollegen offensichtlich in dieser Buchhandlung geführt wurde. Als Nächstes haben wir Sie auf unseren Fotos von der vorigen Lesung entdeckt. Und Bilder, die Mister Crowley mit Ihrer Tochter auf dem Arm zeigen.“

Diesmal versuchte Ben nicht, Sammys Sprechpause für eine Entgegnung zu nutzen.

Sie kam zum Ende: „Wir wissen also, dass es eine Verbindung zwischen Ihnen, den Herren Fell und Crowley sowie zu Miss Bennet gibt. Was wir aber immer noch nicht wissen, ist, wer von Ihnen den Kontakt zum Himmel hat.“

Mary-Anne hatte bis dahin aufmerksam zugehört, jetzt fügte sie schnell hinzu: „Und, was es mit den Fotos auf sich hat.“

Sie tippte auf ihrem Laptop herum, dann schob sie ihn erneut den beiden Männern hin. „Und dann wäre da noch das Mysterium, das diese Aufnahme zu umgeben scheint.“ Der Journalist und der Buchhändler wechselten einen kurzen Blick. Er war den Frauen nicht entgangen. Sie waren auf der richtigen Fährte, sagte ihnen dieser Blickwechsel.

„Das sind unsere Fragen: Erstens: Wer hat Ihnen den Kontakt zum Gottessohn vermittelt? Und: Ist das dieselbe Person, die auch die Verbindung zu Hölle und UN hat?“

Sie unterbrach sich und versuchte, die Wirkung Ihrer Worte auf die Männer abzuschätzen. Zu Ihrem Erstaunen sahen beide sehr gelassen aus. Wenn sie überhaupt Sorge in einem der Gesichter sah, dann in dem der Café-Inhaberin.

Egal, sie war noch längst nicht am Ende! „Zweite Frage: Wie erklären Sie die Fotostrecke, die wir Ihnen zuerst gezeigt haben, Mister Fell? Da Sie ja kaum sowas wie der Highlander sind, bleibt eigentlich nur eine Schlussfolgerung.“ Sammy beobachtete ihre Kollegin und Partnerin dabei, wie sie mit jedem Wort die Schlinge enger zog.

Schon sprach Mary-Anne weiter: „Sie haben sich in jedes dieser historischen Fotos hineinretuschiert. Aber was beabsichtigen Sie damit?“

Jetzt musste er doch klein beigeben! Oder wenigstens reagieren. Aber er tat etwas, womit keine der beiden gerechnet hatte. Überrascht sahen die Frauen auf. Der Buchhändler lachte! Es war ein freudloses, vielleicht ein zynisches Lachen, aber er lachte! Sie sahen sich ratlos an.

Das Lachen endete so plötzlich, wie es eingesetzt hatte. „Jetzt enttäuschen Sie mich aber.“ Er schüttelte den Kopf so heftig, dass seine weißblonden Locken flogen. „Da haben Sie all das herausgefunden, haben vorher diese Videokonferenz belauscht und können immer noch nicht die richtigen Schlüsse ziehen?“

Die Frauen konnten seine Reaktion nicht deuten. Sie waren noch kein Stück schlauer und es blieb ihnen nur noch eine Frage. Bevor sie aber dazu kamen, sie zu stellen, schob der Buchhändler den Laptop in die Tischmitte, auf dem Bildschirm noch immer die Aufnahme vom Jüngsten Gericht.

„Lassen Sie mich raten“, sagte er: „Ihre dritte Frage hat mit diesem Foto zu tun. Also fragen Sie, damit wir das hier zu Ende bringen können.“ Er musterte sie aufmerksam.

Mary-Anne räusperte sich. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie sich diese Frage, die vermutlich entscheidende Frage, nicht vorab zurechtgelegt hatte, jedenfalls nicht gut genug. „Wer ist auf diesem Bild zu sehen?“, fragte sie schließlich steif.

Mister Fell lächelte, aber das Lächeln erreichte seine Augen nicht. „Ein Zeuge der Verteidigung beim sogenannten Letzten Gericht in Israel“, antwortete er und fügte hinzu: „Aber die Bildunterschrift hat Ihnen das ja sicher bereits verraten. Was also wollen Sie von mir hören?“

Sammy verlor langsam die Geduld und ihr Temperament sprudelte über: „Versuchen Sie nicht, uns für dumm zu verkaufen“, blaffte sie ihn an. „Wie wäre es mit der Wahrheit?“ Ihre Augen funkelten vorwurfsvoll. Oder war es der Jagdeifer?

„Jetzt nichts überstürzen!“, mahnte sie sich selbst. Ruhig erklärte sie deshalb: „Bei einer KI-gestützten Bildersuche wurde uns mehrmals dieses Bild gezeigt, obwohl keine der gesuchten Personen darauf abgebildet ist.“

Sie hielt inne und legte sich die nächsten Sätze zurecht: „Aber die Ähnlichkeit zu den fraglichen Personen ist zu offensichtlich, um allein auf einem Zufall zu beruhen. Was hat es also mit diesem Foto auf sich? Sind das Doppelgänger?“

Eine letzte Kunstpause, dann fragte sie: „Raus damit! Was verbergen Sie?“ Triumphierend lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück und wartete auf die Antwort.