Am Ziel (hier endet der Montag)
Am Ziel (hier endet der Montag)
Erziraphael seufzte. Künstliche Intelligenz ließ sich also nicht so leicht austricksen wie das menschliche Auge? Das war eine interessante Erkenntnis. Aber es leuchtete ihm ein. Ein solches Wunder beruhte zu einem großen Teil auf dem Effekt der Ablenkung. Eine KI arbeitete jedoch so viele Aufgaben gleichzeitig ab, dass das Wunder wohl nicht alle Prozesse umlenken konnte. Faszinierend! Natürlich war es auch bedauerlich.
Andererseits: War dieser Moment nicht längst überfällig? Es war – trotz aller Wunder, derer er sich bedient hatte – im Grunde unerklärlich, dass ihn in all diesen Jahrhunderten niemand als das erkannt hatte, was er war. Er musste mehr als einmal kurz vor der Entdeckung gestanden haben. Wenigstens waren Hexenverbrennungen inzwischen aus der Mode gekommen.
War er nachlässig geworden, fragte er sich. Leichtsinnig? Vielleicht überheblich? Vermutlich rächte sich nun, dass er so lange an einem Ort geblieben war. Sicher war auch seine Eitelkeit nicht unschuldig daran. Seine Begeisterung für dieses neue Medium der Fotografie ebenso wenig. Er hatte allzu gerne vor den unter dunklen Tüchern verborgenen Fotografen mit ihren großen Kisten posiert. Ja, er war eitel. Eine der eher lässlichen Sünden, hatte er immer geglaubt. Auf einer Ebene mit der Genusssucht. Er hatte damit niemandem je geschadet.
Wie hätte er ahnen können, dass der menschliche Erfindergeist diese Bilder so lange konservieren und noch Dekaden später öffentlich zugänglich machen konnte?
Und jetzt also Künstliche Intelligenz! Vermutlich war es nur eine Frage der Zeit, bis das zarte Gewebe, das ihn bisher vor der Entlarvung geschützt hatte, durch den technischen Fortschritt endgültig zerrissen und fortgezogen wurde. Er lächelte wehmütig. Dann fasste er einen Entschluss.
Erziraphael setzte sich aufrecht hin, strich seine Weste glatt und kontrollierte den Sitz seiner Fliege. Schließlich fuhr er sich mit den Fingern durchs Haar und räusperte sich. Ben beobachtete diese Vorbereitungen alarmiert. Was plante der Engel?
„Nun“, sagte der Buchhändler freundlich, „vielleicht ist es wirklich Zeit, das Versteckspiel zu beenden.“
„Erziraphael, nein!“ Ben schnellte vor und griff nach seinem Arm. „Tu das nicht! Denk an die Folgen!“
Der Engel lächelte ihn aufmunternd an. „Schon gut, Ben. Es war ohnehin nur eine Frage der Zeit.“ Er wirkte nun fast schon fröhlich. „Wenn wir wollen, dass der Große Vertrag Bestand hat, müssen wir diesen Schritt früher oder später gehen.“ Er tätschelte den Arm des Freundes. „Mach dir keine Sorgen, ich weiß, was ich tue.“
„Warte!“ Nina hatte nach seiner Schulter gegriffen und drehte ihn zu sich herum. „Willst du diese Entscheidung wirklich allein treffen? Solltet ihr nicht erst darüber reden? Ihr alle?“ Sie sah ihn eindringlich an.
„Nina, Liebes.“ Erziraphael war aufgestanden und fasste sie nun an den Oberarmen. „Ich glaube nicht, dass wir eine Wahl haben. Ist es nicht besser, wir geben uns selbst zu erkennen? Es wird nicht mehr lange dauern, bis jemand die richtigen Schlüsse zieht. Die Menschen wissen doch längst, dass es uns gibt.“ Nina starrte ihn unglücklich an, aber ihr fiel nichts ein, das ihn umstimmen würde.
Maggie hatte inzwischen die Aushilfen nach Hause geschickt und stand plötzlich mit Muriel neben Nina. Auch aus ihrem Gesicht sprach Sorge, aber sie blieb stumm. Stattdessen ergriff der Engel das Wort. „Ich glaube, Erziraphael hat recht“, sagte Muriel leise, aber bestimmt. „Es hat etwas mit Vertrauen zu tun und mit Ehrlichkeit. Wir können uns nicht ewig verleugnen.“ Sie trat neben den ehemaligen Erzengel.
Er nickte ihr zu, schloss kurz die Augen, dann wandte er sich an die Journalistinnen, die dem Austausch verständnislos gefolgt waren und mit offenen Mündern alle anderen im Raum anstarrten. „Was hatten all diese Menschen zu verbergen? Wovon um alles in der Welt sprachen sie?“ Mary-Anne griff nach der Hand ihrer Freundin und nickte ihr aufmunternd zu. Was auch immer es war, sie würden es nun jeden Moment erfahren.
Aber so leicht machte es ihnen Erziraphael nicht. „Ich respektiere Ihre Hartnäckigkeit“, sagte er lächelnd. In seinen Augen blitzte der Schalk. „Aber Ihre Schlussfolgerungen sind wirklich erschreckend weit von der Wahrheit entfernt. Sie müssen sich schon ein bisschen mehr Mühe geben.“ Seine menschlichen Freunde trauten ihren Augen kaum, aber es sah ganz eindeutig so aus, als hätte er gerade einen Heidenspaß!
Die Beobachtung stimmte. Er fühlte sich regelrecht befreit, ach was: beschwingt! „Kommen Sie“, forderte er die beiden Frauen gutmütig auf. „Das können Sie doch besser!“ Er dachte nach. „Vielleicht hilft es Ihnen, wenn ich Ihnen verrate, dass ich mich mit Computern wirklich schlecht auskenne? Ich besitze keine Bildbearbeitungssoftware und ich habe keine Ahnung von KI.“ Er schaute Sie erwartungsvoll an. „Na los! Machen Sie noch einen Versuch.“
Sammy starrte Mary-Anne an und die starrte zurück. Machte der Mann sich lustig über sie? Auf was wollte er hinaus?
Auch Muriel schien an der Situation langsam Freude zu finden. „Ich glaube, sie brauchen noch einen Tipp“, sagte sie fröhlich zu Erziraphael, bevor sie sich direkt an die Frauen wandte: „Wissen Sie noch, was die erste Ihrer drei Fragen war? Wenn ja, dann denken Sie doch noch einmal über das nach, was in der Videokonferenz der Welten vorhin gesagt wurde.“
Erziraphael drehte sich strahlend zu ihr um. „Ein wirklich guter Tipp, Muriel!“
Nina hatte aufgehorcht: „Die Video-Konferenz, von der eben im Fernsehen die Rede war? Bei der wart ihr alle dabei?“ Muriel drehte sich zu ihrer Freundin um: „Eingeladen waren natürlich nur Bee und er“, gab sie bereitwillig Auskunft. „Aber Ben und ich durften zuhören!“ Ihre geröteten Wangen und die glänzenden Augen verrieten auch jetzt noch, wie aufregend das für sie gewesen war.
Ben klang deutlich weniger gut gelaunt, als er anklagend auf die Journalistinnen zeigte und zischte: „Und die haben gelauscht!“
Damit wandte sich die allgemeine Aufmerksamkeit wieder den beiden Frauen zu, die noch immer versuchten, die losen Enden zu verknüpfen, die sich in ihren Köpfen dem bewussten Zugriff entzogen.
Plötzlich begann Sammy zu sprechen, aber es klang zusammenhanglos, offenbar sprach sie mit sich selbst, im Versuch, ihre Gedanken zu ordnen. „Konferenz der Welten, … Himmel und Hölle, … der Kontakt, wer ist der Kontakt?, … was gesagt wurde, … was wurde gesagt?, wer hat gesprochen?... der Kontakt …, der Höllenrat, ja, Furfur hat gesprochen.“
Zwischendurch wurden die Worte undeutlich, die Zuhörenden vernahmen nur noch ein Brabbeln, genuschelte Laute, allenfalls ein einzelnes verständliches Wort. „Jesus!“, sagte die Journalistin einmal, eine ganze Weile später war ein isoliertes „zu wem?“ zu verstehen.
Ihr Gesicht war ausdruckslos, bis sie plötzlich die Augen schloss und die Stirn in Falten legte. Als sie weitersprach, war sie wieder gut zu verstehen: „Jesus, … Jesus hat gesprochen, ja…, mit Furfur, mit der Generalsekretärin, .. mit wem noch?, da war noch jemand…“
Mary-Anne hatte ihrer Partnerin bis zu diesem Zeitpunkt ebenso gespannt zugehört, wie alle anderen. Jetzt aber schlug sie sich mit der Hand an die Stirn. „Sie!“ Am Ende ihres ausgestreckten Arms zeigte ein Finger direkt auf Erziraphael. „Der Gottessohn hat Sie angesprochen, mit Namen! … Sie sind der Kontakt.“ Sie stöhnte. „Wie konnten wir nur so blind sein?“ Sie sah sich wieder mit angehaltenem Atem in der Buchhandlung stehen. Sie hatte es doch genau gehört! Warum hatte sie das wieder aus den Augen verloren?
Der Buchhändler lächelte noch immer. „Ah, ein kleiner Fortschritt, bravo!“ Er sagte es ohne jede Herablassung. „Geben Sie nicht auf“, ermunterte er sie erneut.
Mary-Anne nickte. In ihrem Kopf fand das nächste Puzzle-Teilchen seinen Platz im Gesamtbild. „Er hat mit Ihnen über Furfur gesprochen, Sie kennen auch den Höllenrat, Sie wussten, wie er verhandelt…“ Sie schlug frustriert mit der Hand auf den Tisch. Die Lösung musste direkt vor ihrer Nase sein, aber es gelang ihr einfach nicht, sie zu greifen.
Es war schließlich Sammy, die das entscheidende Puzzle-Teilchen legte: „Sie waren dabei, als die drei Welten den Großen Vertrag verhandelt haben“, sagte sie. Plötzlich war sie sich ihrer Sache ganz sicher: „Sie haben bei diesen Verhandlungen mit am Tisch gesessen!“ Vor Aufregung sprang sie von ihrem Stuhl auf. „Warum war ein Buchhändler dabei, als die drei Welten verhandelt haben?“
Sie hatte die Frage an sich selbst gerichtet, aber Muriel zog den Laptop der Journalistin zu sich, wischte und tippte einige Male auf dem Touchpad herum und drehte den Bildschirm dann so, dass die Journalistinnen ihn sehen konnten. Er zeigte die Bilder von Erziraphael aus den unterschiedlichen Epochen und nun konnten sie zuschauen, wie das Verstehen sich auf Sammys Gesicht ausbreitete.
„Das ist nicht manipuliert“, flüsterte sie.
„Das sind wirklich alles Sie!“ Sie schüttelte ausdauernd ihren Kopf. „So verdammt offensichtlich!“, schien sie sich selbst zuzumurmeln.
Sie ließ sich auf ihren Stuhl fallen, als hätte ihr jemand den Stecker gezogen, aber sie sprach schon wieder weiter. „Sie sind allen Ernstes unsterblich!“, sagte sie, es klang kein Zweifel in ihren Worten mit.
„Zu welchen gehören Sie?“, fragte sie ihn plötzlich, ganz direkt. „Himmel oder Hölle?“
Und wieder lächelte Erziraphael. „Team Himmel“, beantwortete er die Frage ohne Zögern. „Inzwischen aber im Ruhestand, nur gelegentlich als Berater aktiv.“ Er lehnte sich zurück und wartete gelassen auf die Reaktion.
Die größere der blonden Frauen saß mit offenem Mund dabei und ließ keinen Laut hören. Wieder war es Sammy, die das Sprechen übernahm. „Also sind Sie ein …“ Sie stockte. Konnte das wirklich sein? „Sie sind also … ein Engel?“ Fast rechnete sie damit, dass sie einem Scherz aufgesessen war, dass alle um sie herum in Lachen ausbrechen würden, aber nichts geschah. Auch Erziraphael blieb stumm, nickte aber.
Sie sah um sich herum, schaute in all die Gesichter und hatte plötzlich einen Verdacht. „Sie alle?“, fragte sie misstrauisch. „Sind Sie etwa alle Engel?“ Jetzt wurde doch gelacht.
Muriel hatte sich erhoben. „Nur ich“, antwortete sie schlicht. „Wir beide und unsere Freunde Sa ….“
„Nicht!“ Schnell hatte Erziraphael nach ihrem Handgelenk gegriffen. „Das müssen sie selbst entscheiden.“ Sie nickte betreten. Natürlich! Was war in sie gefahren?
Nun stand auch der Buchhändler auf. „Wie schon gesagt: Es war ein langer Tag und ich würde mich jetzt gerne zurückziehen.“ Er unterdrückte ein Gähnen. „Ich vermute, Sie haben ohnehin erstmal viel nachzudenken. Nehmen Sie sich dafür ruhig Zeit. Wir laufen Ihnen nicht weg.“ Er sah zu seinen Freunden auf. „Ben, du kannst gerne noch mit zu uns kommen. Nina, Maggie, ich vermute, ihr wollt jetzt auch nach Hause.“ Die Angesprochenen nickten. „Dann war es das für heute“, entschied der Engel. „Wahrscheinlich werden Sie noch Fragen haben.“ Er sah Bens Kolleginnen gelassen an. „Ab morgen Nachmittag können Sie gerne anrufen, vorher werde ich nicht mit Ihnen sprechen.“
Augenblicke später standen die Journalistinnen auf dem Bürgersteig und sahen zu, wie Nina und Maggie an der nächsten Straßenecke abbogen, während die anderen im Buchladen verschwanden. Sie sahen sich lange an. Dann machten sie sich auf den Weg zu ihrem Auto. Sie sprachen während der gesamten Rückfahrt kein einziges Wort. Erst, als sie ihre Wohnungstür hinter sich ins Schloss zog, fiel Mary-Anne auf, dass sie immer noch nicht wussten, was es mit dem Foto vom Jüngsten Gericht auf sich hatte.
***
„Gleich sind wir da“, Milgreth sah die beiden Männer an. Verwundert registrierte er das leichte Bedauern, das er bei dieser Feststellung empfand. Irgendwie waren Crowley und Gabriel ihm in diesen wenigen Tagen…. Der Gedanke hing unfertig in seinem Kopf und er wusste nicht, wie er ihn zu Ende denken sollte. Das Gefühl war neu – und ihm fehlten die Worte dafür. Vertraut? Er prüfte das Wort, betrachtete es von allen Seiten. Ja. Aber da war noch mehr… Er machte noch einen Versuch. Die Männer waren ihm wichtig geworden. Ja. Er verstand nicht wirklich, wie es dazu gekommen war, aber so war es. Allerdings änderte das nichts daran, dass sie in wenigen Augenblicken wieder aus seinem Leben verschwunden sein würden. Sie hatten ihren Alltag auf der Erde und er hatte seine Pflichten in der Hölle. Warum bereitete ihm eine solche Selbstverständlichkeit plötzlich Unbehagen?
„Wo genau ist eigentlich „da“? Gabriel unterbrach die Stille, als die Leuchtanzeige auf „1“ gesprungen war, und Milgreth wurde aus seinen Gedanken gerissen.
„Habe ich das noch gar nicht gesagt?“ Der Dämon rief sich zur Ordnung. Er war im Dienst, wie konnte er so abschweifen? „Ihr verlasst die Hölle genau dort, wo ihr sie auch betreten habt“, antwortete er. „Unter King’s Cross.“
Crowley sah überrascht auf. „Du bringst uns direkt zurück nach London? Dann kommen wir ja heute noch nach Hause.“
Ein unsicheres Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.
„Nach Hause.“ Das war ein weiteres Konzept, mit dem Milgreth nichts anfangen konnte. Der Rothaarige war doch ein Dämon wie er, wie konnten sich ihre Lebenswelten so völlig voneinander unterscheiden? Er verdrängte die Frage, schob sie zu den anderen, auf die er heute keine Antwort finden würde, vielleicht nie finden würde.
„Wie spät ist es jetzt auf der Erde?“, fragte Gabriel. Das war eine Frage, die Milgreth mit einem Blick auf das Steuerelement beantworten konnte. „dreiundzwanzig Stunden, fünfundvierzig Minuten“, las er ab. Die irdische Zeiteinteilung war ihm wohl nicht geläufig.
„Und welcher Wochentag?“ Gabriel wurde erst jetzt bewusst, wie wenig er in den letzten Tagen in Kategorien wie Wochentagen und Tageszeiten gedacht hatte. Crowley konnte die Anzeige von seinem Platz aus erkennen und antwortete: „Noch Montag.“
Seine Gedanken wanderten voraus in die Wickberstreet und in die Buchhandlung. Fast Mitternacht, ob der Engel da überhaupt noch wach war? Aber sicher könnte er ihn doch wecken, wenn er nach sechs Tagen in der Hölle endlich nach Hause zurückkam, oder? Oder sollten sie besser bis zum Morgen warten, bevor sie sich bemerkbar machten?
Wieder wallte die Sorge in ihm auf: Was, wenn er gar nicht da war? Wenn er in ein leeres Haus zurückkam? Er spürte wieder die Unsicherheit, die ihn während der langen Wartezeit in ihrer Unterkunft im Fünften Kreis befallen hatte. Wurde er überhaupt noch erwartet? Oder hatte der Engel in den Tagen ohne ihn schon festgestellt, wie viel besser er dran war, wie viel leichter das Leben war, wenn man es nicht Tag für Tag mit einem in jeder Hinsicht verkorksten Dämon teilen musste? Er spürte, wie eine kalte Faust sich um sein Herz schloss, wie die alte Einsamkeit nach ihm griff.
Der Fahrstuhl kam abrupt zum Stillstand und beendete damit seine Grübeleien. Die Türen blieben geschlossen. „Seid ihr bereit?“ Milgreth sah sie abwartend an. Die Parlamentäre atmeten tief durch, nickten sich zu, dann sagte Gabriel: „Bereit.“ Er drehte sich zu ihrem Begleiter um und streckte ihm die Hand entgegen. „Danke für alles“, sagte er. Der Dämon starrte zögernd auf die ausgestreckte Hand, dann ergriff er sie unsicher. Auch diese Geste war ihm offenbar nicht vertraut, aber er entspannte sich, als der Engel die Hand herzlich schüttelte. „Ich nehme an, ich sehe euch nicht so bald wieder?“, fragte Milgreth. „ Unten jedenfalls hoffentlich nicht“, bestätigte Gabriel.
Crowley betrachtete Milgreth nachdenklich, während auch er sich mit einem Handschlag verabschiedete. Dann gab er sich einen Ruck und sagte: „Ich gehe mit meinem Respekt nicht verschwenderisch um. Mit meinem Vertrauen auch nicht. Schon gar nicht in der Hölle.“ Er zögerte, wollte nicht herablassend klingen, gab sich aber beim Blick in Milgreths Gesicht einen Ruck: „Du hast dir beides redlich verdient. Ohne dich wären wir jetzt wohl kaum hier.“ Er legte auch seine zweite Hand auf Milgreths Rechte, zog sie aber gleich darauf wieder zurück. Vielleicht war das zu vertraulich. Aber er lächelte ihn ganz bewusst warm und offen an. „Ich möchte auch nicht allzu bald zurück nach unten “, räumte er ein. Zu Milgreths großer Überraschung (und ein bisschen auch zu seiner eigenen) fragte er jedoch gleich darauf: „Aber vielleicht möchtest du mal die Erde kennenlernen? Wenn du irgendwann frei bekommst?“
Der Soldat sah ihn unsicher an. War das so gemeint, wie es für ihn geklungen hatte? Vorsichtig fragte er nach: „Wenn das so wäre, dürfte ich mich dann bei dir melden? Sicher nicht zu bald, nicht mit der Revolte und den vielen Reformen, aber irgendwann? Könntest du mir dann vielleicht etwas von der Welt der Menschen zeigen?“
Jetzt grinste Crowley. „Besser wär‘s! Du musst noch ‘ne Menge über die Menschen lernen, bevor wir dich allein auf sie loslassen können.“ Er nickte dem Dämon zu, der ihn immer wieder neu beeindruckt hatte. Er würde sich über ein Wiedersehen unter weniger dramatischen Umständen wirklich freuen, wurde ihm klar.
Dann legte Milgreth einen Hebel um und die silbernen Türen glitten zur Seite. Crowley und Gabriel traten hindurch und standen in der geschützten Nische, hinter der eine unsichtbare Tür zu einem Besprechungsraum mit Videokonferenz-Technik führte, wie sie inzwischen wussten. Sie hatten die Hölle endgültig verlassen. Als sie sich für ein letztes Wort des Abschieds zu Milgreth umschauten, war der Dämon bereits verschwunden, genau wie die Fahrstuhltüren.