Durch die Nacht (immer noch Dienstag)
Durch die Nacht (immer noch Dienstag)
Draußen vor der Buchhandlung begann die Stadt schon wieder zu erwachen, als Gabriel und Bee sich verabschiedeten, um in ihre eigene Wohnung zurückzukehren.
Die Daheimgebliebenen hatten alles über die Zeit der Freunde in der Hölle erfahren wollen und mit großen Augen gelauscht. Crowley und Gabriel hatten berichtet, wie entschlossen Furfur die Reform der Hölle vorantrieb und wie viel sich schon verändert hatte. Crowley hatte ausführlich von den Begegnungen mit Codimor und Milgreth erzählt und kein Geheimnis daraus gemacht, wie sehr beide ihn beeindruckt hatten. Bee und Erziraphael hatten diese Schilderung mit ihren eigenen Erlebnissen mit Furfur und seinem Meister des Rechts aus der überweltlichen Videokonferenz ergänzt und waren übereinstimmend zu dem Schluss gelangt, dass sie Codimor gerne näher kennen lernen würden.
„Hört sich fast an, als müsste ich doch noch mal in die Hölle zurückkehren“, hatte Bee Gabriel ins Ohr geflüstert. „Vielleicht kann ich dann eines Tages meinen Frieden damit machen.“ Laut hatte sie gesagt: „Ich gestehe, dass ich Furfur das nicht zugetraut hätte.“ Die anderen nickten zustimmend.
„Crowley hat dazu eine interessante Theorie“, hatte Gabriel eingeworfen und damit die Aufmerksamkeit auf den Dämon gelenkt. Der hatte überrascht aufgesehen und nicht gewusst, worauf Gabriel hinaus wollte. „Bei der Besprechung in King’s Cross?“, hatte der Engel souffliert und – weil Crowley nicht reagierte – hinzugefügt: „Was du über Codimor gesagt hast, über Höflichkeit und Vertrauen?“
Erst da hatte der Rothaarige genickt. „Ach so, das meinst du!“ Er hatte in die gespannten Gesichter der Freunde geschaut und gesagt: „Theorie klingt so hochtrabend“, um dann zu erklären: „Ich habe nur gedacht, dass die Dämonen zum ersten Mal in ihrer Geschichte eine Zukunft haben, die sie selbst gestalten können.“ Dann hatte er weiter erklärt: „Wäre alles nach dem Großen Plan gelaufen, wäre für uns nach Armageddon Schluss gewesen. Es war doch alles vorbestimmt.“ Bee und Erziraphael hatte er ansehen können, dass sie begannen zu verstehen, worum es ihm ging. Nur Muriel hatte scheinbar noch auf weitere Erklärungen gewartet, deshalb hatte er hinzugesetzt: „Jetzt spielt es plötzlich eine Rolle, wie sie sich anderen gegenüber benehmen, wie sie ihr Leben gestalten. Sie sind zum ersten Mal die Herren in ihrem eigenen Leben.“ Mit einem Schulterzucken hatte er weitergesprochen: „Deshalb glaube ich, dass diese Veränderungen echt sind, und von dem meisten unten wirklich gewollt werden.“
„Spannend!“, hatte Muriel kommentiert, bestätigt vom Nicken der anderen. „Aber eigentlich ist es für die Engel doch nicht viel anders, oder?“, hatte sie als Nächstes gefragt. „Ok, wir hätten noch das Tausendjährige Friedensreich erlebt, aber dann wär’s das doch auch für uns gewesen, oder nicht? Zumindest in dieser Form.“ Sie hatte an sich herunter gezeigt, offensichtlich von den menschlichen Körpern gesprochen. Daraufhin hatten die Freunde geschwiegen und ihren je eigenen Gedanken nachgehangen.
Crowley war schließlich noch etwas eingefallen: „Furfur hat gesagt, ich sollte mich daran gewöhnen, dass ich nicht der einzige Dämon bin, der sich eine bessere Zukunft vorstellen kann.“ Daraufhin hatte Erziraphael seinen Arm um die Taille seines Partners gelegt. „Das konntest du schon immer“, hatte er gesagt, sich weiter zu ihm hinübergebeugt und in sein Ohr geflüstert: „Dafür liebe ich dich ganz besonders.“ Für einen Moment hatten die Freunde um sie herum aufgehört zu existieren.
Muriel hatte nur wenig zu der Unterhaltung beigetragen. Zwischen den beiden leitenden Erzengeln, der Höllenfürstin und Crowley mit seinem stillen Mut und seiner dramatischen Vergangenheit fühlte sie sich in dieser Nacht furchtbar unerfahren und naiv. Sie war unaussprechlich erleichtert gewesen, dass die beiden Freunde wieder mit ihnen am Tisch saßen und weitgehend unversehrt wirkten. Das war ihr das Allerwichtigste. Gelegentlich hatte sie einen forschend-fürsorglichen Blick auf Crowley geworfen, weil sie unter der Oberfläche erahnte, dass der Abstieg in die Hölle ihn stärker aufgewühlt hatte, als er bisher verraten hatte. Sie wusste aber auch, dass er darüber jetzt nicht sprechen würde.
Erst als der dringlichste Informationshunger gestillt und die Pausen zwischen den Fragen länger geworden waren, hatte sie schließlich die andere Frage gestellt, die ihr auf der Seele lag: „Habt ihr denn irgendwelche Hinweise auf das Schicksal von Arwens Vater gefunden?“ Als die Frage heraus war, hatte sie die Augen geschlossen, als wäre eine negative Antwort dann weniger enttäuschend. Crowley hatte sie betrachtet, die zusammengepressten Lippen, die geballten Fäuste, und sich sofort Vorwürfe gemacht, diese Nachricht nicht als allererste auf den Tisch gebracht zu haben.
„Du kannst die Augen aufmachen, Kleine“, hatte er beruhigend gesagt und sie nicht länger zappeln lassen. „Wir haben nicht nur Hinweise, wir haben Balgran, oder Barry, selbst gefunden.“ Muriel hatte die Augen aufgerissen, als könnte sie es nicht glauben. Aber sie hatte nicht gewagt, die nächste Frage zu stellen. „Er ist in diesem Lager, es geht ihm gut und wir konnten mehrmals mit ihm sprechen“, hatte er gesagt und ohne Pause weitergeredet: „Er hat uns eine Videobotschaft für Arwen und ihre Mutter mitgegeben. Er vermisst sie sehr.“
Muriel war aufgesprungen und hatte Crowley und Gabriel abwechselnd umarmt. „Das ist ja unglaublich!“, hatte sie mehrmals gerufen und dann: „Ich bin so froh, dass ich euch mit meiner Idee nicht für nichts und wieder nichts in die Hölle getrieben habe!“ Mit abgewandtem Gesicht und Tränen in der Stimme hatte sie schließlich geflüstert: „Das war meine größte Angst. Ihr seid doch nur gegangen, weil ich die Sache nicht auf sich beruhen lassen konnte.“ Und dann: „Ich hätte mir nie verzeihen können, wenn euch etwas zugestoßen wäre.“
Normalerweise konnte Crowley mit dem Wechselbad der Gefühle, in das Muriel oft tief eintauchte, recht gut umgehen, er war es nun schließlich schon eine Weile gewöhnt. Diesmal jedoch hatte es ihn vollkommen überfordert und er war dankbar gewesen, dass Bee eingesprungen war und den Engel in den Arm genommen hatte, bis die Tränen versiegt waren. Er hatte schweigend das Handy aus der Hosentasche gezogen und zur Ladeschale auf der Anrichte getragen. Bei seiner Rückkehr an den Tisch hatte Erziraphael eine Hand auf seinen Oberschenkel gelegt, ein stilles Signal der Ermutigung und der Fürsorge. Und dort war sie für den Rest des Abends liegen geblieben.
Über die Schwierigkeiten und Gefahren, die ihnen auf dem Weg nach unten begegnet waren, hatten sie so wenig preisgegeben wie möglich, um die Freunde nicht nachträglich noch in Angst und Schrecken zu versetzen. Crowley hatte lediglich als Anekdote erzählt, dass Zerberus genauso begeistert Stöckchen zurückholte wie jeder zahme Pinscher, während Gabriel gegen Ende der Unterhaltung entschieden hatte, dass er in dieser Runde und bei der heiteren Stimmung, in der sie nach der zweiten Flasche Wein alle waren, gefahrlos ausplaudern konnte, wer aktuell der aussichtsreichste Kandidat bei der Wahl zum „Sexiest Demon alive“ war. Crowley hatte mit den Augen gerollt, dann aber in das Lachen eingestimmt. „War ja klar, dass du dir das nicht verkneifen kannst“, hatte er nur geseufzt.
Es hatte dagegen keiner Absprache bedurft, dass sie heute nicht über den Vorfall am Notfallausstieg auf dem Weg nach unten sprechen würden, und auch die anfangs sehr feindselige Reaktion einiger Gefangener auf Gabriels Anwesenheit aussparen sollten.
Zu guter Letzt hatten sich die Parlamentäre danach erkundigt, was während ihrer Abwesenheit auf der Erde losgewesen war. Erziraphael hatte von Bens Besuch berichtet, woraufhin Crowley eilig aufgesprungen war, das Handy aus der Ladeschale genommen und noch im Stehen eine Textnachricht an Laura getippt hatte: „Bin wieder da. Alles ok, melde mich morgen.“ Muriel hatte die gute Nachricht währenddessen auch an Nina und Sariel getextet.
Anschließend war noch die Debatte im House of Commons nach der Beantwortung der Open Questions durch die britische Regierung zur Sprache gekommen, ebenso die Informationen der auf der Erde eingesetzten Engel, über die Jesus sie in Kenntnis gesetzt hatte. Dabei war Crowley klar geworden, woher dieses vage Gefühl von Anspannung, Sorge und Dissens gekommen war, das ihn auf dem Weg durch London begleitet hatte. Zuletzt hatten Bee und Erziraphael auch noch von der überweltlichen Videokonferenz und dem unglaublichen Deal erzählt, den Bens Verlag auf seine und Kenneths Initiative hin mit der BBC ausgehandelt hatten. „Du hättest sehen sollen, wie stolz er war“, hatte Muriel gesagt. „Er war mindestens einen Kopf größer als sonst.“
Worüber in all diesen Stunden niemand ein Wort hatte fallen lassen, das waren die erneuten Schmierereien am Haus und das hartnäckige Interesse der beiden Journalistinnen. Erziraphael und Muriel waren sich einig darüber gewesen, dass das nichts war, womit sie Crowley ohne Vorbereitung und einen sorgfältig gewählten günstigen Moment belasten wollten.
Sie hatten sich erst getrennt, als keiner von ihnen mehr die Augen offenhalten konnte.
***
„Gut, dass ihr darauf bestanden habt, dass Bee hier solange einzieht“, sagte Muriel, als sie ihr und Gabriel hinterhersahen. Erziraphael nickte: „Ja, ich glaube, wir haben uns gegenseitig gut getan.“ Schweigend leerten sie ihre Gläser. Crowleys Kopf auf der Schulter des Engels wurde schwerer und er betrachtete liebevoll, wie sich bei jedem Ausatmen seine Gesichtszüge mehr entspannten. Schließlich streckte er die Hand aus und streichelte sanft seine Wange. „Wach auf, Darling“, flüsterte er. „Lass uns schlafen gehen.“ Obwohl er so vorsichtig wie möglich gewesen war, fuhr der Dämon zusammen und sah sich mit schreckgeweiteten Augen um. Als sein Blick Erziraphael erreicht hatte, murmelte er: „Engel! Wo…?“ Sein Blick klärte sich und er erkannte nun auch Muriel und die vertraute Umgebung. Er atmete erleichtert aus und griff nach der Hand des Engels. „Hast du was gesagt?“, fragte er. Die blauen Augen leuchteten sanft, wieder strich Erziraphael ihm behutsam über die Wange. „Komm schlafen, Darling“, wiederholte er, stand auf und zog auch den Dämon hoch. Der lächelte, schien aber selbst im Stehen noch mit dem Schlaf zu kämpfen.
Muriel sprang ebenfalls auf und umarmte Crowley noch einmal fest und lange. „Ich bin sooooo froh, dass du wieder da bist, wo du hingehörst“, sagte sie mit einem Augenzwinkern, das nicht verbergen konnte, wie bewegt sie war. Dann wünschte sie ihren Freunden eine gute Nacht und wartete, bis sich oben die Schlafzimmertür hinter ihnen und Hexe geschlossen hatte.
Jetzt spürte auch sie plötzlich die Müdigkeit und die Anspannung der letzten Tage. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass die Nacht schon bald vorbei war, deshalb entschied sie, dass das Aufräumen ausnahmsweise bis zum Morgen warten konnte. Sie würde früh aufstehen und versuchen, alle Störungen möglichst lange von Crowley und Erziraphael fernzuhalten. Sie wusste, dass das schwierig werden konnte, weil Alec sich angekündigt hatte, um mit dem Fenstertausch im Erdgeschoss zu beginnen, aber sie würde das schon hinkriegen. Sie knipste kurzentschlossen das Licht aus und ging zu Bett.
Hinter der anderen Schlafzimmertür war Crowley förmlich ins Bett gefallen. Erziraphael hatte ihm Schuhe und Strümpfe ausgezogen, mit einem Fingerschnippen seine Kleidung gegen einen weichen schwarzen Pyjama ausgetauscht und ihn zugedeckt. Kurz darauf war auch er selbst fertig für die Nacht und zu Crowley unter die Decke geschlüpft. Auf einen Ellenbogen gestützt sah er auf ihn hinunter und streichelte seine Wange. Die goldenen Augen glänzten und der Dämon murmelte: „Ich müsste dir noch so viel sagen, Engel.“ Weil er vor Müdigkeit die Lippen kaum noch auseinanderbekam, klang es eher wie: „Imüssdi nofil ssahn“, aber Erziraphael verstand ihn trotzdem. „Schlaf dich erstmal aus, mein Liebling“, sagte er und fügte hinzu: „Wir können später reden.“ Crowley gab die Gegenwehr auf, seine Augen fielen zu und gleich darauf hob und senkte sich seine Brust mit seinen tiefen, gleichmäßigen Atemzügen. Der Engel küsste ihn sanft auf die Stirn, streckte sich behutsam neben ihm aus und schlang einen Arm um Crowleys Taille.
Vielleicht zwei Stunden später drehte Crowley sich im Schlaf um und tastete nach der Bettdecke, um sie sich bis zur Nase zu ziehen. Sie war weich und roch so vertraut, dass er wohlig seufzte. Mit der flachen Hand strich er sanft darüber und stockte. Das war keine Bettdecke!
Mit einiger Mühe öffnete er die schläfrigen Augen. Das, worüber seine Hand da strich, war Erziraphaels Flügel.
Der Engel lag neben ihm und schaute ihn an. Er wirkte hellwach.
„Oh, entschuldige“, murmelte der Dämon. Die Flügel gehörten zum wahren Wesen jedes Engels und jedes Dämons. Normalerweise zeigten sie sich nur bei starken Emotionen oder sie wurden zu einem bestimmten Zweck entfaltet. Die Flügel eines anderen zu berühren war eine überaus intime Geste, so als lege man Hand direkt an seine Seele. Machte das ein Fremder, war es ein Akt der Gewalt. Kurz: Man tat das nicht einfach so! Noch einmal stotterte der Dämon: „Das wollte ich nicht, Engel, verzeih. Ich hab geschlafen!“
Der Engel lächelte, wie nur er es konnte: liebevoll, zärtlich, voller Verständnis, … und gleichzeitig ein bisschen spöttisch. „Wie schade“, sagte er. „Ich fand es schön.“
Crowley errötete und war froh, dass Engel in der Dunkelheit nicht gut sehen konnten. „Was tust du da eigentlich?“, fragte er.
„Ich übe meine edelste Aufgabe aus, so wie es dem Wächter von Edens Osttor geziemt“, antwortete Erziraphael mit einem Augenzwinkern.
Crowley schob sich im Bett ein Stück nach oben, um ihm ins Gesicht sehen zu können. „Und was genau bewachst du? Das Osttor gibt es nicht mehr, soweit ich weiß.“ Der Flügel war seiner Bewegung gefolgt und hüllte ihn noch immer in weiche Wärme. Der obere Flügelrand strich sanft über seine Wange und es fühlte sich an wie eine Liebkosung.
„Ich wache über deinen Schlaf“, sagte der Engel leise, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
Wieder fühlte Crowley die unirdisch weichen Federn in seinem Gesicht. Es war eine Liebkosung, wurde ihm klar, und sein Herz floss über. „Engel!“, flüsterte er. „Ich hatte solche Sehnsucht nach dir! Und solche Angst, dich nie wiederzusehen.“ Er spürte die Tränen in seiner Kehle, bevor sie seine Augen erreichten.
„Oh, mein armer kleinmütiger Dämon. Weißt du denn nicht, dass ich gekommen wäre, dich zu holen? Nach Hause zu holen?“ Der Engel tupfte mit einem Finger die Tränen weg, die in den goldenen Augen schimmerten, und fuhr dann sanft mit seinen Fingern die Linien von Crowleys Gesicht nach. Er küsste ihn zärtlich auf die Lippen, strich mit der Hand tröstend durch sein Haar und ließ schließlich seinen Flügel wieder auf ihn sinken — eine lebendige Decke.
„Schlaf, Crowley“, flüsterte er. „Schlaf dich aus. Ich werde hier sein, wenn du aufwachst. Genau hier.“ Crowley nickte stumm und schloss gehorsam die Augen. Im Einschlafen strich er mit vorsichtigen Bewegungen über die weißen Federn. „Soooo weich!“, murmelte er und Erziraphael liefen Schauer über den ganzen Körper.