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Fürsorge (immer noch Dienstag)

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Fürsorge (immer noch Dienstag)

„Was ist denn hier passiert?“, fragte David und zeigte auf die Hauswand der Buchhandlung. Alec folgte zerstreut seinem Blick. „Ach das, eine widerwärtige Schmiererei. Hab‘ ich Samstag überstrichen.“ Sein Auszubildender hatte die Hecktüren des Transporters geöffnet und lud das Werkzeug aus. „Du kannst das schon reintragen, während ich Bescheid gebe, dass wir jetzt anfangen“, sagte der Schreiner. Die Ladentür öffnete sich, bevor er die Hand zum Anklopfen erhoben hatte. „Guten Morgen, Muriel“, begrüßte er sie lächelnd und fragte: „Sind Erziraphael und Anthony nicht da?“

Der Engel schloss ganz gegen seine Gewohnheit schnell die Ladentür hinter sich. Sie sprach auch leiser als sonst. „Doch“, sie flüsterte es fast. „Aber Anthony ist erst mitten in der Nacht von seiner Reise zurückgekommen und wir haben noch bis spät in den Morgen zusammengesessen.“ Sie lächelte entschuldigend. „Ich weiß, dass er Ihnen bei den Fenstern anfassen wollte, aber ich würde die beiden gerne noch ein bisschen schlafen lassen.“

Alec nickte. „Das ist doch überhaupt kein Problem“, sagte er etwas lauter, als Muriel lieb war. Er dämpfte seine Stimme weiter: „Ich habe heute wieder David mit, da komme ich gut ohne Hilfe aus.“

„Danke Alec.“ Sie hatte sich schon halb wieder umgedreht, da hielt sie inne. „Zum Frühstück sind sie natürlich trotzdem herzlich eingeladen“, ließ sie ihn wissen. „Kommen Sie her oder soll ich es Ihnen lieber rüberbringen? Ich nehme an, David möchte seine Pause lieber nicht mit uns verbringen.“

Ein Schatten zog über das Gesicht des Schreiners. „Das mag sein, ist aber ganz allein sein Problem.“ Muriel hörte den Ärger, der bei dieser Antwort mitklang, ging aber nicht darauf ein. Sie wartete ab, bis Alec weitersprach: „Ich würde herzlich gern meine Pause mit Ihnen verbringen.“ Die Buchhändlerin verkniff sich ein Kichern. „Gut, dann erwarte ich Sie später. Kommen Sie einfach rein, wenn es mit der Arbeit passt.“ Sie verabschiedeten sich und Muriel kehrte in den Laden zurück.

Sie hörte, wie oben sehr leise eine Tür geöffnet wurde. Hexe wurde – offenbar mit sanfter Gewalt – durch den Türspalt geschoben und die Tür schloss sich ebenso leise wieder. „Na komm“, sagte Muriel daraufhin zu der Hündin. „Dann haben wir zwei wohl noch Zeit für einen Spaziergang, bevor deine Herrchen aufstehen.“

***

Erziraphael legte sich wieder zu Crowley. Er hatte Wort gehalten und die ganze Nacht gewacht, hatte seine Hand gehalten, hatte ihn in den Arm genommen, wenn er unruhig wurde, und hatte ihn unverwandt angesehen. Er war so dankbar, dass sein Dämon wieder bei ihm war, dass er nicht wusste, wohin mit dem großen Gefühl.

Früher hätte er ein Dankgebet gesprochen, aber der Adressat dafür war ihm abhandengekommen.

Seine Wangen nahmen ein zartes Rosa an, als ihm bewusst wurde, was er eben gedacht hatte. „Mein Dämon“, hatte er gedacht. Für die besitzergreifende Formulierung schämte er sich fast. Er wusste, dass er klammerte. Er wusste auch, dass er Crowley mit seinem Verhalten manchmal überforderte. Warum konnte er nicht etwas zurückhaltender sein?

„Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über“, plötzlich kam ihm diese Stelle aus dem Lukas-Evangelium in den Sinn. Und, oh, sein Herz war voll, so übervoll mit Glück und Dankbarkeit, dass er es am liebsten aus dem Fenster gerufen hätte! Wieder sah er in das von roten Locken umrahmte Gesicht. Alles, was wirklich von Bedeutung war, lag hier in seinem Arm. Wie hatte er all diese Jahrhunderte über so blind sein können? Crowley war sein ganzes Glück! Zusammen würden sie mit allem fertig werden!

In diesem Moment begann sein ganzes Glück, sich neben ihm zu räkeln. Crowley sortierte seine langen Gliedmaßen um, gähnte herzhaft und tastete nach Erziraphael. Als seine Hand den Bauch des Engels fand, ließ er sie dort liegen und öffnete die Augen, nur einen Spalt weit.

„Hallo Schönheit“, murmelte er und Erziraphael verschluckte sich fast vor Überraschung.

„Guten Morgen“, erwiderte er und ärgerte sich über seine spröde Reaktion. Crowley hatte ihn wirklich überrumpelt. Er griff nach der Hand auf seinem Bauch und drückte einen sanften Kuss in die Handfläche. „Möchte der schlafende Prinz mit einem Kuss geweckt werden?“, fragte er und war erleichtert, dass das leicht und neckend herauskam.

Der Dämon lächelte und schloss die Augen wieder. „Gilt das Angebot auch noch in einer halben Stunde?“ Er klang noch extrem schläfrig. Der Engel hauchte ihm einen Kuss auf die Augenlider. „Das Angebot gilt unbegrenzt“, flüsterte er in sein Ohr und beobachtete fasziniert, wie die Gesichtszüge des Dämons weich wurden. Er war sich nicht sicher, ihn schon einmal so gesehen zu haben, so ohne jede Wachsamkeit oder Bitterkeit. Was würde er dafür geben, wenn das immer so wäre!

Sobald Crowley wieder eingeschlafen war, hob Erziraphael vorsichtig die Hand von seinem Bauch und setzte sich auf. Die Atemzüge des Dämons blieben unverändert gleichmäßig. Behutsam stand der Engel auf und ging auf Zehenspitzen zur Tür. Er hatte entschieden, dass es nichts schaden konnte, die Wirkung der angekündigten Küsse mit Koffein zu verstärken.

Muriel sah ihn schon, bevor er einen Fuß auf die oberste Stufe gesetzt hatte. Sie schüttelte heftig mit dem Kopf und zeigte auf ein Tablett, das am Fuß der Treppe bereitstand. Darauf sah er ein mehrgängiges Frühstücksmenü mit Joghurt, Waffeln, Obst, Konfitüre und Sahne, außerdem Teller, Becher und Besteck. Sie zeigte fragend auf die Uhr. Er verstand und zeigte mit den Fingern fünfzehn bis dreißig Minuten an. Muriel bestätigte mit einer Geste und winkte ihn energisch zurück in sein Schlafzimmer. Selten war sie so in ihrem Element, wie wenn sie Gelegenheit bekam, ihre Lieben zu verwöhnen. Außer natürlich beim Entwickeln neuer Ideen für ihre Kinderbuchhandlung, beim Philosophieren mit Sariel, beim Lesen … Amüsiert beendete Erziraphael seine stille Aufzählung. Die Wahrheit war, dass dieser Engel einfach alles, was er tat, mit Begeisterung und Hingabe tat. Muriel war wirklich ein Phänomen!

Leise kehrte er ins Schlafzimmer zurück, ließ die Tür angelehnt und setzte sich vorsichtig auf die Bettkante. Crowleys Haare waren auf dem Kissen ausgebreitet und leuchteten in den Sonnenstrahlen, die sich durch die Vorhänge mogelten, wie ein roter Heiligenschein. Wenn er malen könnte, würde er ihn genau so malen: Die Züge weich und entspannt, sein Körper wie hingegossen auf dem Bett, die Haare ein flammender Kontrast zum Schwarz des Pyjamas und der blassen Haut. Nein, vielleicht doch nicht, in diesem Gemälde fehlte der Honigton seiner Augen…

Der Engel war noch immer in die Bewunderung seines Partners versunken, als Muriel sich hinter ihm leise durch die Tür schob. Der Duft von Kaffee und Tee begleitete sie und ein fruchtig süßer Geruch, den er nach einem Blick auf das Tablett, das sie balancierte, dem großen Stück Himbeer-Sahne-Torte zuordnete. „Von Nina und Maggie, sie kommen nachher vorbei“, flüsterte sie fast unhörbar, stellte das Tablett auf dem Bett ab und verschwand so geräuschlos, wie sie gekommen war. Beim Anblick des saftigen Omeletts, das Muriel offenbar frisch zubereitet hatte, lief Erziraphael das Wasser im Mund zusammen.

Die verlockenden Düfte hatten auch die Nase des schlafenden Dämons erreicht. „Mir war Wachküssen versprochen“, protestierte er und verkündete im selben Atemzug: „Ich lasse mich nicht mit Kaffee abspeisen!“

„Euer Wunsch ist mir Befehl, mein Prinz!“ Erziraphael beugte sich zu ihm hinunter und küsste ihn auf den Mund. Er bekam keine Gelegenheit, sich wieder aufzurichten.

Crowley hatte seine Arme um ihn geschlungen und murmelte: „Bin noch gar nicht wach.“

„Na sowas!“, der Engel ließ sich auf das Spiel ein. „Was machen wir denn da?“

– „Mehr Küsse!“, forderte der Dämon und bekam seinen Willen. Das wiederholte sich einige Male, bis er – immer noch widerstrebend – einräumte: „Ok, wach. Jetzt der Kaffee!“

„Mein Prinz, ihr seid ein Tyrann!“, mit diesen Worten reichte Erziraphael ihm den randvollen Becher. „Immer noch ein Dämon“, erwiderte Crowley und zuckte mit den Schultern. „Was hast du erwartet?“ Er blies auf die Oberfläche des inzwischen abgekühlten Getränks und sofort stieg wieder Dampf aus dem Becher auf. Wortlos hielt ihm auch Erziraphael seinen Becher hin und Crowley brachte auch den Tee auf die perfekte Trinktemperatur.

Als Nächstes zog der Engel das üppig gefüllte Tablett näher heran. „Wenn ich Muriel richtig verstanden habe, sind die süßen Sachen ein Geschenk von Nina und Maggie“, erklärte er und nahm einen leeren Teller zur Hand. „Zu was kann ich dich verführen?“

Crowley hob seinen Becher und sagte: „Ich bin versorgt, danke.“

Auf der Stirn unter den weißblonden Locken bildete sich eine steile Falte. „Damit kommst du heute nicht durch!“ Erziraphaels Tonfall ließ keinen Zweifel daran, wie ernst es ihm war. „Ich habe sechs Tage lang um dich gezittert, und da sind die Tage vor eurem Aufbruch noch gar nicht mitgezählt! Du wirst dich heute gefälligst von mir verwöhnen lassen, du sturer Esel!“ Er wusste, dass er theatralisch war und viel zu laut, aber hatte er nicht alles Recht dazu, verdammt? Er biss sich auf die Zunge und versuchte, sich vor dem nächsten Satz zu beruhigen. Wenn er eines nicht wollte, dann war es ganz sicher, sich ausgerechnet heute mit Crowley zu streiten. Er schloss die Augen und atmete tief durch, da griff der Dämon nach seiner Hand.

„Entschuldige, Engel. Ich habe nicht nachgedacht!“ Crowley streichelte mit dem Daumen seinen Handrücken und augenblicklich war Erziraphaels Wut verraucht.

„Oh Liebling, ich wollte dich nicht anschreien! Bitte verzeih!“ Schon hatte er Tränen in den Augen.

Crowley sagte nichts, streichelte nur weiter seine Hand. Als Erziraphael zu den nächsten Entschuldigungen ansetzte, legte er einen Finger auf seine Lippen und brachte ihn so zum Schweigen. „Ich bin ein Idiot. Du hast ja recht.“ Nun nahm er den Finger von seinem Mund und küsste ihn, bis nichts mehr die blauen Augen trübte. „Ich denke, ich fange mit zwei Gabeln voll von deinem Omelett an“, sagte er dann. Der Engel teilte einen kleinen Bissen davon ab und hielt ihm die Gabel hin. Als der Dämon sie ihm nicht abnahm, sondern stattdessen nach seiner Hand griff und sie mit der Gabel an seinen Mund führte, strahlte Erziraphael über das ganze Gesicht. Mit Hingabe machte er sich daran, Crowley mit Kostproben der Leckereien auf dem üppig bestückten Tablett zu füttern. Sein Favorit war die Himbeer-Torte, die nicht nur himmlisch schmeckte, sondern sich auch als Eistorte herausstellte. Häppchen um Häppchen akzeptierte der Dämon, genoss die Kühle in seinem Hals vielleicht noch mehr als den Geschmack, bis er fast die Hälfte des Tortenstücks gegessen hatte.  Schließlich hielt er die Hand mit der Gabel fest und sagte: „Gnade, Engel! Noch ein Krümel und ich platze!“

Erziraphael ließ den Blick über das Tablett wandern und nickte zufrieden. Er konnte sich nicht erinnern, seinen Dämon jemals so viel essen gesehen zu haben. Fast hatte er ein schlechtes Gewissen, aber als es besorgt aufsah, schaute er direkt in Crowleys Augen, der sich gerade ein Restchen von Irgendwas aus den Mundwinkeln leckte. Er hatte sich gegen das Betthaupt gelehnt und sah aus wie eine satte zufriedene Katze. Er griff nach der Hand des Engels und zog ihn näher zu sich heran. „Nachtisch!“, murmelte er genießerisch. Einige Küsse später war auch diese Anforderung erfüllt und er schaute nur allzu gern Erziraphael dabei zu, wie der sein Frühstück beendete.

Der Engel hatte gerade das Geschirr zusammengestellt, das Tablett vom Bett auf die Erde gehoben und sich noch einmal in Crowleys Arm gekuschelt, da hörten sie von unten eine Männerstimme. „Dann bis später und danke für das Essen“, rief sie. Gleich darauf klingelte das Glöckchen über der Ladentür. „War das Alec?“, fragte der Dämon. Erziraphael nickte. „Ja, vermutlich. Er hatte sich für heute angekündigt, die Fenster für den Laden sind da.“ Crowley reckte sich, um einen Blick auf seine Armbanduhr werfen zu können. „Das muss schon seine Mittagspause gewesen sein. Mist! Ich hatte doch versprochen, ihm zu helfen.“ Er rutschte ein Stück herum, um dem Engel besser in die Augen sehen zu können. „Habe ich mich für’s Erste genug verwöhnen lassen?“, fragte er ganz ernsthaft und fügte hinzu: „Dann könnte ich ihm drüben eine Weile zur Hand gehen.“

Erziraphael lächelte und strich ihm zärtlich eine der roten Strähnen hinters Ohr, die sofort wieder zurück in sein Gesicht fiel. „Du hast meine Fürsorge ertragen wie ein wahrer Held“, bestätigte er neckend. „Geh und halte dein Versprechen.“

Crowley sah ihn nachdenklich an und sagte: „Es ist nicht nur das Versprechen. Es wäre auch ein Stück Normalität. Könnte ich heute echt gut gebrauchen.“ Das verstand der Engel nur allzu gut. „Dann geh und sei normal“, sagte er, begleitet von einem weiteren vergeblichen Versuch, die störrische Strähne hinter das Ohr zu bannen. Der Dämon grinste, schwang die Beine aus dem Bett und ersetzte die Morgen-Routine durch ein schnelles Wunder. Schon war er in Arbeitshose und einen Pullover mit Farbspritzern gekleidet und beugte sich zu seinem Engel hinunter, der noch auf der Bettkante saß. Er küsste ihn und strich mit dem Handrücken über seine Wange. „Ich liebe dich so“, sagte er und flüsterte an seinem Ohr: „Verwöhnen lassen hat auch gar nicht weh getan!“

Schon war er durch die Tür und der Engel hörte ihn die Treppe hinunter gehen. Versonnen lächelte er vor sich hin, während er hörte, wie Crowley unten Muriel und Hexe begrüßte, dann machte auch er sich fertig für den Tag.