Beast (immer noch Dienstag)
Beast (immer noch Dienstag)
In einem Antiquitätengeschäft in Camden, das aus guten Gründen nur selten von Kennern, dafür aber umso häufiger von Touristen besucht wurde, nahm an diesem Dienstag etwas Ungewöhnliches seinen Anfang. Das Geschäft hatte kürzlich den Besitzer gewechselt und gehörte nun einem ungehobelten Burschen mit dem Spitznamen „Beast“. Anders als man zunächst vermuten könnte, war ihm dieser Name nicht aufgrund charakterlicher, ja nicht einmal wegen körperlicher Besonderheiten gegeben worden. Nein, der Grund war das Motiv, das auf dem Rücken seiner Lederkutte prangte: The Beast of Dean, ein riesiges mythologisches Wesen, das Merkmale von Stier, Wildschwein und Hirsch in sich vereinte, mit gespaltenen Hufen, Hörnern und beeindruckenden geweihartigen Hauern. Die Augen bestanden aus künstlichen Rubinen und der Träger der Jacke war besonders stolz auf den Grusel-Effekt, den diese in einem unheimlichen Rot glühenden Augen hervorriefen. Das Glühen war Ergebnis eines einfachen Wunders, kaum mehr als ein Taschenspieler-Trick. Weil er das aber niemandem verraten hatte, färbten das Geheimnis und der milde Horror vom Fabelwesen auf den Träger der Kutte ab. Für ihn war das eine mehr als willkommene Nebenwirkung.
Es dürfte kaum erstaunen, dass es sich bei dem Kerl, von dem hier die Rede ist, um einen Dämon handelte. Diesem Dämon war am Morgen eine unscheinbare Anzeige ins Auge gefallen, tatsächlich eine altmodische Kleinanzeige in der Printausgabe einer Stadtteilzeitung, deren Spalten fast ausschließlich von Menschen gelesen wurden, die ihr Geld mit Antiquitäten, Trödel oder Diebesgut verdienten, mit Haushaltsauflösungen, Pfandleihen oder Hehlerei.
„Garagenflohmarkt XXL Deluxe“ war die Anzeige wenig subtil betitelt und sie versprach: „Alles muss raus – wir räumen einsturzgefährdetes Herrenhaus.“ Beast hatte sich umgehend auf sein Motorrad geschwungen und sich auf den Weg zu der angegebenen Adresse gemacht, irgendwo im Londoner Umland. Unterwegs kämpfte er wie üblich mit den Macken seines Oldtimers, einer Brought Superior SS100 aus dem Jahr 1930, die er aus dem Depot eines Zweirad-Museums gestohlen hatte. Sie hatte dort auf ihre Restaurierung gewartet und war nur bedingt fahrtüchtig. Genau genommen war sie nicht fahrtüchtig und tat ihren Dienst nur, weil Beast sich voll und ganz auf die dazu notwendigen Wunder konzentrierte. Es hätte weniger Konzentration benötigt, wenn er über mehr technisches Verständnis verfügt hätte, aber … Nun ja!
Das Schalten, die Vergaserabstimmung, er musste an tausend Dinge gleichzeitig denken. Und das Anlassen erst! Die verdammte Kiste war anspruchsvoller als die Höllenrösser, die sie vor der Motorisierung bei ihren Außendiensten auf der Erde hatten nutzen müssen, und ebenso launisch. Er wollte erst gar nicht daran denken, wie unbequem das Scheißding auf längeren Touren wurde!
Einmal mehr verfluchte er die Tatsache, dass er sich vom Namen „Hells Angels“ hatte verführen lassen. Hätte er sich vielleicht doch besser an die albanische oder türkisch-zypriotische Mafia halten sollen? Dann könnte er jetzt wahrscheinlich in einem bequemen Auto sitzen, in dem er sich nicht den Arsch abfror, und das von alleine fuhr, ohne ihm den größten Teil seiner Gehirnkapazität abzuverlangen. Aber er hatte sich grob über das Geschäftsmodell dieser Verbindungen informiert und das hatte ihn allzu sehr an die dunkelsten Tage der Hölle und die übleren Gestalten unter seinen damaligen Vorgesetzten erinnert.
Die Hells Angels hatten im Vergleich dazu regelrecht friedfertig geklungen, der Name in seinen Ohren fast schon poetisch… Er hatte schnell genug erfahren müssen, dass er a) mit dieser Einschätzung gründlich daneben gelegen hatte, und dass b) dieser Fehler sich nicht so ohne Weiteres revidieren ließ. Und zu allem Überfluss krümmte er sich jetzt auch noch im eisigen Fahrtwind auf dieser launischen Maschine, die unter ihm bockte wie ein zickiger Hengst.
Beschäftigt mit solchen wenig erbaulichen Gedanken kam er schließlich an dem Herrenhaus an. Zu seinem Leidwesen hatten offenbar auch viele andere die Kleinanzeige gelesen, jedenfalls stand die Zufahrt voller Fahrzeuge, überwiegend Transporter der professionellen Konkurrenz. Von außen sah die Hütte nicht gerade vielversprechend aus. Es erschien Beast mehr als glaubhaft, dass das Gebäude einsturzgefährdet war, auch die Nebengebäude wirkten nur wenig vertrauenerweckender. Umso erstaunlicher war es, dass das zum Verkauf stehende Inventar nicht im Freien oder wenigstens in der halbwegs standfest aussehenden Remise aufgebaut war. Stattdessen befand sich offenbar alles an seinem angestammten Platz im Haupthaus, eine mutige Entscheidung in Beasts Augen. Das sahen wohl auch die anderen zahlreich erschienenen Interessierten so, jedenfalls standen oder wanderten die meisten von ihnen um das Haus herum und versuchten, durch die halbblinden Fenster zu beurteilen, ob die mit dem Betreten verbundene Gefahr es wert war. Nur vereinzelt wagte ein besonders Verwegener sich in die Grand Hall oder einen direkt daran anschließenden Raum vor.
Der Dämon betrachtete das Geschehen eine Weile, dann marschierte er schnurstracks durch die unschlüssig wartenden Menschen hindurch zum Haupteingang. Er betrat die zentrale Halle und sah sich um. Auch seine übrigen Sinne waren geschärft und verrieten ihm die Schwachstellen der Gebäudestruktur. Hier knirschten tragende Balken deutlich zu laut, dort spürte er, wie ein Riss in der Decke sich ausbreitete, und ein Stück weiter warteten morsche Dielen nur darauf, dass jemand sie betrat, um unter ihm nachzugeben. In der Halle weckte keines der Möbelstücke sein Interesse. Schlechte Kopien antiker Stilmöbel und wahllos aus den verschiedensten Epochen zusammengestückelte Ölschinken, Kaminuhren und Nippes-Figuren verrieten, dass es den letzten Bewohnern nicht nur an Geld, sondern auch an geschultem Geschmack gefehlt hatte.
Mit einer Handbewegung stabilisierte er provisorisch einen Türsturz und die Decke des dahinter liegenden Raums, dann verschaffte er sich einen Überblick. Auch in diesem Durchgangszimmer sah er nur billige Imitate. Er wagte sich bis zur nächsten Türöffnung und spähte hindurch. Gebannt hielt er den Atem an. Seit er mit der Fälschung von Stilmöbeln sein Geld verdiente, hatte er sich eine beachtliche Expertise angeeignet, und er hätte seinen Arsch darauf verwettet, dass die Möbel in diesem Raum originale Queen Anne-Stücke waren: Zierliche Teetische mit elegant geschwungenen Beinen, zwei exquisite Kommoden mit feinem Nussbaumfurnier und eine umwerfend schöne Doppelkommode, ein sogenannter Highboy, mit edlen Mahagoni-Intarsien und zahllosen Schubladen mit verspielten Metallgriffen.
Beast ließ den Anblick auf sich wirken. Sein Puls beschleunigte sich und seine Augen leuchteten. Die musste er einfach haben! Von seiner Position in der Tür aus sahen die Möbel zwar einigermaßen ramponiert aus, das musste aber nichts heißen. Nachdem er auch diesen Raum mit einem Wunder gesichert hatte, nahm er das Ensemble genauer in Augenschein und nickte selbstgefällig: Professionell aufbereitet würde er dafür Höchstpreise erzielen. Er sah die Käufer schon Schlange stehen! Er kehrte in die Grand Hall zurück und schaute sich nach einem Verkäufer um. Ein junger Mann mit zu stark gegelten Haaren lehnte an einer Wand, die das nicht mehr lange tolerieren würde. „Bist du hier zuständig?“, herrschte der Dämon ihn an. Der Gefragte war zuständig, hätte das aber gegenüber dem finster blickenden Rocker, der sich da vor ihm aufbaute, gerne geleugnet. Die Chance bekam er nicht. „Komm mal mit“, wies der Dämon ihn an und der Verkäufer folgte ihm widerstrebend. In dem Raum mit den Queen Anne-Möbeln blieb Beast stehen und fragte: „Was willst du hierfür, wenn ich es komplett nehme?“ Er machte eine weit ausholende Handbewegung. „Ist zwar nicht besonders gut imitiert“, behauptete er, „aber ein nettes Ensemble.“ Sehr gut, der Kerl da vor ihm hatte erkennbar keine Ahnung von Stilmöbeln. Er nickte ihm aufmunternd zu. „Wenn du mir die für einen guten Preis überlässt“ (er nannte einen mittleren vierstelligen Betrag, über den jeder Kenner der Materie herzlich gelacht hätte), „dann sorge ich dafür, dass alles hier raus ist, bevor die Decke runterkommt.“ Er grinste ihn hinterhältig an - dieses spezielle Grinsen hatte er lange vor dem Spiegel geübt und inzwischen perfektioniert. Betont nachlässig zeigte er auf eine Stelle direkt über dem Verkäufer: „Der Balken da hält jedenfalls nicht mehr bis morgen durch.“
Der eingeschüchterte Verkäufer nahm seinen bereits arg angefressenen Mut zusammen und sagte: „Ein bisschen mehr müsstest du dafür aber schon springen lassen.“ Beast zog eine Augenbraue hoch und musterte ihn mit dem Interesse eines Insektenkundlers an einem unbekannten Käfer. Er schüttelte bedächtig den Kopf: „Keinen Penny mehr. Hör mal Jungchen: Wir beide wissen doch, dass du hier Sperrmüll zu Geld machst.“ Er wandte sich ab, so dass die Rubinaugen auf seinem Rücken den anderen direkt anfunkelten. Der Wirkung halber zögerte er den Show-Down noch einige Augenblicke hinaus, dann sagte er: „Wenn gleich das Obergeschoss auf dem Teetisch liegt, kriegst du gar nichts mehr dafür, nicht mal den mitleidigen Blick eines Schrotthändlers. Ein besseres Angebot wirst du heute nicht mehr kriegen.“ „In Ordnung!“, willigte der bemitleidenswerte Verkäufer eilig ein und fügte – um wenigstens den kläglichen Rest seiner Würde zu wahren – hinzu: „Dann erwarte ich aber Barzahlung.“
Beast schenkte ihm ein echtes Lächeln, was ihn wegen seiner spitz zugefeilten Eck- und Schneidezähne nicht unbedingt sympathischer aussehen ließ. „Barzahlung?“, wiederholte er amüsiert. „Ist immer wieder rührend, euer Vertrauen in Papier und Metall. Hier, Kleiner.“ Er zählte ihm den Preis in großen Scheinen auf die Hand. „Ich verspreche dir sogar, dass keiner die Seriennummern zurückverfolgen kann.“ Gutmütig klopfte er dem verstummten Mann auf den Rücken, auch wenn das ein bisschen grob ausfiel. Beast hatte mit solchen freundlichen Gesten nicht besonders viel Übung. Aber er hatte tatsächlich Respekt dafür, wie das Kerlchen sich gegen ihn gehalten hatte. Er hatte deshalb sogar ein paar echte Scheine unter die Blüten gemischt. Er verfluchte sein weiches Herz. Wenn er keinen Ärger mit seinen neuen „Freunden“ riskieren wollte, durfte ihm so was nicht passieren, wenn einer von ihnen in der Nähe war.
Dann wandte er sich praktischen Fragen zu. Er prüfte, ob das Fenster des Raumes sich öffnen ließ. Das tat es. Es würde sich danach zwar nicht wieder schließen lassen, aber wen sollte das noch stören? Der Fensterflügel schwang erstaunlich leicht auf und krachte geräuschvoll gegen die Hauswand. Eilig gebot der Dämon dem herabrieselnden Putz und dem sich mit einem tiefen Seufzen nach außen neigendem Mauerwerk Einhalt und lehnte sich weit aus dem Fenster. Er musterte die dort versammelten Menschen und entschied sich für eine Frau mittleren Alters, die sich gerade auf den Weg zu ihrem Transporter gemacht hatte. „Hey, du da“, rief er gut gelaunt hinaus. Da sie sich nicht umdrehte, wurde er konkreter: „Hey! Du mit dem geschmacklosen Karorock und dem Pferdeschwanz.“ Er beobachtete, wie sie ihre Schritte verlangsamte und zwischen Ignorieren und Zur-Sau-Machen schwankte. Sofort setzte er nach: „Willst du nicht lieber 200 Pfund verdienen, als mit leeren Händen nach Hause zu gehen?“
Sie blieb stehen und drehte sich langsam zu ihm um. „Was soll ich dafür tun?“, fragte sie misstrauisch.
„Meinen Einkauf zu meinem Laden in Camden kutschieren“, gab er zur Antwort. „Mit meinem Motorrad würde das nämlich schwierig.“
Sie nickte bedächtig. „Das Geld gibt’s aber vorher!“, forderte sie.
Unwillkürlich kicherte Beast. „Als ich heute Morgen in den Spiegel geschaut habe, sah ich nicht halb so dämlich aus, wie ich dafür sein müsste“, verkündete er fröhlich. „Damit du dich dann mit meinem Geld UND meinen Möbeln dünnemachen kannst, oder wie hast du dir das gedacht?“
Sie zuckte mit den Achseln, als wollte sie sagen: „Versuchen kann man’s ja“, und ging widerwillig zu ihrem Transporter.
Beast sah ihr hinterher, noch immer ein Lächeln auf den Lippen. „Menschen“, sagte er leise. „So durchschaubar, und doch immer wieder für eine Überraschung gut.“
Nachdem er die Möbel aus dem Fenster gehoben und im Wagen verstaut hatte, nannte er ihr die Adresse seines Ladens und wandte sich seiner Brough Superior zu. Er seufzte, als er ihre Schutzbleche im Wind klappern hörte, schwang sich auf den Sattel und tätschelte den Tank wie den Hals eines nervösen Pferdes. „Komm, Mädchen, bring uns heil nach Hause. Zehn Meilen ohne Katastrophen, das schaffst du doch, oder?“ Er folgte dem Transporter mit den Augen. Hinter seinem Rücken spuckte die Maschine eine Rauchwolke aus. Sie klang, als würde sie kichern.