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Ausflug in den Alltag (immer noch Dienstag)

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Ausflug in den Alltag (immer noch Dienstag)

„Anthony!“ Als Crowley die Tür zu Muriels künftiger Buchhandlung öffnete, wurde er von Alec mit einem strahlenden Lächeln begrüßt. Der Dämon war beim Eingang stehen geblieben und fragte nun: „Ist das Betreten der Baustelle erlaubt?“

Der Tischler überprüfte gerade die Ausrichtung der überbreiten Fensterbank, die den Boden des neuen Schaufensters bilden würde. Schnell legte er die Wasserwaage aus der Hand und begrüßte Crowley mit einem herzlichen Handschlag. „Ich habe schon gehört, dass Sie wieder im Lande sind“, sagte er. „Muriel hat auch erzählt, dass Sie noch ein bisschen Schlaf nachholen mussten“, fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu.

„Ja, es war wirklich spät gestern“, bestätigte der Dämon, „aber es war vor allem die Reise, die anstrengend war.“

Alec sah ihn prüfend an und sagte: „Ich hoffe, ich habe Sie nicht geweckt.“ Ohne die Antwort abzuwarten, fragte er: „Waren Sie geschäftlich unterwegs?“

Crowley verkniff sich ein Grinsen. Er war sich ziemlich sicher, dass der Tischler nicht seine eigene Neugier befriedigen wollte, sondern eher die seiner Frau und der beiden Töchter. Er sah förmlich vor sich, wie am Abendbrottisch der Gibsons Sarah vorwurfsvoll brummelte: „Warum hast du ihn denn nicht danach gefragt?“ Daran war nichts verkehrt, entschied er und verriet: „Nein, die Reise selbst war eigentlich privat, aber ich musste dafür zu meinem ehemaligen Arbeitgeber.“ Eine Welle von Unbehagen überlief ihn. Er schob das schnell beiseite und ergänzte: „Das hat ein paar unschöne Erinnerungen geweckt. Aber jetzt ist es erledigt.“ Er sah sich auf der Baustelle um. „Ich sehe, ich bin noch nicht zu spät, um wie versprochen Fenster mit Ihnen zu schleppen“, sagte er.

Alec erkannte, wenn ein Gesprächspartner vorsätzlich das Thema wechselte, und er akzeptierte es. „Das stimmt.“ Er zeigte auf die Fensterbank und fuhr fort: „Das Monstrum hat uns ziemlich aufgehalten. Zweimal hätte David es beinahe schon beim Abladen fallen lassen.“ Der Auszubildende – der Crowley mit keinem Wort begrüßt hatte und ihn jetzt mürrisch ansah – lief sofort rot an.

Der Dämon ging wortlos darüber hinweg, genauso wie über die unverkennbare Abneigung, die der junge Mann ausstrahlte. Er nickte ihm stumm zu und fragte: „Dann kann ich im Moment nichts helfen?“ Es klang enttäuscht.

„Das habe ich nicht gesagt!“, widersprach Alec schnell und zeigte auf die Fensterlaibung. „Das ist schon so weit vorbereitet, dass wir es gleich ruckzuck draußen haben. Wenn Sie so lange bleiben können, dürfen Sie mir gerne helfen, das Ding zum Auto zu bugsieren.“

Crowley nickte und ging ein Stück zur Seite. „Sagen Sie einfach, wenn ich etwas tun soll.“ Interessiert sah er dabei zu, wie Alec und David die Bodenplatte abschließend ausrichteten und dann das alte Schaufenster ausbauten. Es fehlten wirklich nur noch wenige Handgriffe.

„Du bereitest Sturz und Laibung sauber vor“, wies der Tischler seinen Auszubildenden an und wandte sich dann Crowley zu. „So, nun können Sie sich nützlich machen“, kündigte er an. „Rückwärts oder vorwärts?“ Weil es Crowley egal war, entschied Alec, dass er vorangehen sollte. Die Ladentür war nicht sehr breit und der Bürgersteig uneben, trotzdem erreichten sie das Auto unfallfrei. Crowley hätte im Normalfall versucht, sich das Fluchen zu verkneifen, aber der Handwerker begleitete den Weg nach draußen selbst mit so vielen Kraftausdrücken, dass er die Zurückhaltung aufgab.

Als sie das alte Fenster auf die Ladefläche gehievt hatten und einen Augenblick verschnauften, fragte Crowley: „Darf ich Sie mal etwas fragen, Alec?“

Der Tischler nickte und sah ihn abwartend an. „Können Sie mir verraten, was David gegen mich hat?“ Dem Dämon entging nicht, dass sich auf Alecs Stirn eine steile Falte bildete, er fuhr aber dennoch fort: „Ich hatte schon beim letzten Mal den Eindruck, dass er sich in meiner Gegenwart mehr als unwohl fühlt. Und heute ist es nicht anders.“

Alec wich seinem Blick aus und starrte auf den Boden. Crowley bemerkte, dass er mechanisch mit dem rechten Fuß scharrte. Als er schließlich antwortete, kam der Fuß zur Ruhe. „Es tut mir leid, dass das so offensichtlich ist“, sagte er geknickt. „Ich hatte mir den Jungen schon einmal zur Brust genommen, das hat aber offensichtlich nicht gereicht.“ Crowley war noch keinen Deut schlauer, wartete aber geduldig ab. „Es ist nichts Persönliches“, sagte Alec schnell, um sich sofort zu korrigieren: „Na ja, eigentlich ist es doch sehr persönlich.“ Er wand sich.

„Spucken Sie es schon aus, Alec“, ermunterte ihn der Dämon, der inzwischen glaubte zu ahnen, worauf das hinauslief. Deshalb soufflierte er: „Er hat was gegen Schwule, ist es das?“

Alecs Gesicht zeigte jetzt eine Mischung aus Erleichterung und Wut.

„Ein verdammter Idiot ist er!“, fauchte er. „Das ist es!“

Crowley wunderte sich, wie wenig ihn die Erkenntnis schmerzte. Es war, als hätte er es von Anfang an geahnt. „Ärgern Sie sich nicht, Alec“, erwiderte er. „Sie können doch nichts an den Vorurteilen der Leute ändern.“

Der Schreiner sah ihn dankbar an, widersprach aber: „Nein, sicher nicht. Aber er ist mein Angestellter und ich kann verdammt noch eins verlangen, dass er sich unseren Kunden gegenüber korrekt verhält.“ Er stampfte mit dem Fuß auf.

Crowley klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. „Lassen Sie es gut sein, Alec. Danke für Ihre Ehrlichkeit. Wir haben längst erfahren müssen, dass er mit seiner Meinung nicht alleinsteht.“

Bevor er vorschlagen konnte, mit dem neuen Schaufenster weiterzumachen, ging die Tür der Buchhandlung auf und Erziraphael kam heraus. „Ich wollte wenigsten schnell Hallo sagen“, erklärte er und schüttelte dem Schreiner die Hand. „Macht er sich nützlich oder steht er mehr im Weg?“, fragte er. Dabei strich er Crowley liebevoll über den Rücken.

Der Dämon rollte demonstrativ mit den Augen, hielt dem Engel aber trotzdem die Wange für einen flüchtigen Kuss hin. Alec schmunzelte und Crowley ahnte, dass auch diese Szene beim Abendessen der Gibsons zur Sprache kommen würde. Weil er aber sicher war, dass die ganze Familie ihm und Erziraphael ihr Glück gönnte, störte ihn das nicht weiter.

Auffordernd wandte er sich an Alec: „Wollen wir Männer fürs Grobe weitermachen, während der feine Herr Buchhändler mit seinen manikürten Händen zurück zu seinen Schriftrollen geht?“ Er hatte es mit einem Augenzwinkern gefragt und strich dem Engel schnell zärtlich durchs Gesicht, bevor er ihn sanft Richtung Tür schob.

Den Rest des Nachmittags über trug Crowley mit dem Schreiner die neuen Fenster hinein und fasste auch beim Einbau mit an. Interessiert beobachtete er die Arbeitsschritte und schaute sich schnell die wichtigsten Handgriffe ab. „Sie stellen sich wirklich geschickt an“, bemerkte Alec kurz vor Feierabend. „Habe ich Sie eigentlich schon mal gefragt, was Sie beruflich machen?“

Die Frage traf den Dämon unvorbereitet. Er strich sich abwesend durchs Haar, sein Blick schweifte ab, dann hatte er sich wieder gefangen. „Sie meinen, wenn ich nicht gerade einer Horde Kinder Geschichten vorlese oder unbezahlte Frondienste für einen mir flüchtig bekannten Handwerker leiste?“, fragte er zurück und Alec grinste.

„Ja, das ist so ungefähr das, was ich meine“, bestätigte er. „Vorleser ist kein Ausbildungsberuf, wenn ich mich nicht irre. Irgendwas sagt mir, dass Sie kein Buchhändler sind.“

Crowley musste lächeln. Er wusste, dass Alec nur aus freundlicher Neugier fragte, aus Interesse an ihm. „Sagen wir, ich war im Außendienst“, begann er. „Aber für meine ursprüngliche Qualifikation hat heute keiner mehr Verwendung.“ Das entsprach den Tatsachen, fand er.  Schnell fügte er hinzu: „Eine Weile habe ich in einem sozialen Projekt gearbeitet und dort auch die eine oder andere Wohnung renoviert.“

Er blinzelte dem Schreiner zu und sagte: „Um ehrlich zu sein: Im Moment lasse ich mich von einem leichtgläubigen Buchhändler aushalten, notfalls würde mich aber wahrscheinlich auch

Muriel für die Hilfe im Buchladen durchfüttern.“

Alec lachte leise. „So wie ich Ihre Muriel bisher kennen gelernt habe, würde sie uns alle durchfüttern und halb Soho noch dazu!“ Jetzt lachten sie beide. Kurz darauf legte der Schreiner sein Werkzeug aus der Hand und verkündete: „Schluss für heute!“ Er bedankte sich bei Crowley für die Hilfe und fragte: „Denken Sie, ich kann bei Ihnen noch einen Kaffee kriegen, während David hier aufräumt?“ Er ignorierte den finsteren Blick seines Lehrlings und klopfte sich den Baustellendreck von der Jacke.

„Ich bin mir sicher, den kriegen wir. Ich mache uns einfach einen“, erwiderte Crowley und gemeinsam gingen die Männer Richtung Feierabend.