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Geständnisse (immer noch Dienstag)

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Geständnisse (immer noch Dienstag)

Heute ein kürzeres Kapitel, aber zum Wochenende kommt noch Nachschub -- versprochen!

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Erziraphael hatte nicht damit gerechnet, sich am Tag nach Crowleys Rückkehr plötzlich allein wiederzufinden. Nachdem der Dämon ins Nachbarhaus verschwunden war, wusste er deshalb zunächst nichts mit sich anzufangen. Er schaltete den Fernseher an und verfolgte die Berichterstattung rund um die eskalierte Unterhaussitzung. Das gab er auf, als er zum dritten Mal innerhalb weniger Minuten das dringende Bedürfnis verspürte, den Bildschirm anzubrüllen. Sonst war es Crowley, der seinen Gefühlen so lautstark Luft machte. Der Engel verwahrte zahllose dämonische Wutausbrüche sorgsam in seinem Gedächtnis. Meist reagierte er mit mildem Tadel, aber die Wahrheit war, dass er Crowleys Reaktion meist nur allzu gut verstehen konnte – und dass sein Toben auch auf ihn selbst eine befreiende Wirkung hatte.

Ihre Vergangenheit war voll solcher Momente – Momente, in denen sie ihre unterschiedlichen Rollen hatten spielen müssen und sich doch – oder gerade deshalb – perfekt ergänzten. Der Engel fungierte als externe Impulskontrolle für den Dämon und verhinderte, dass er mit seinen ungezügelten Emotionen unnötig Porzellan zerschlug. Im Gegenzug brachten oft erst Crowleys ungestümes Temperament und seine Ungeduld Erziraphael dazu, gegen Ungerechtigkeit aufzustehen und seine Position energisch zu vertreten. Seine Langmut und sein sanftes Gemüt standen ihm sonst oft im Weg.

Als die Geburt des Antichristen bevorstand, hatte Crowley ihn erst überzeugen müssen, sich der Apokalypse in den Weg zu stellen. Nur seiner Beharrlichkeit war es zu verdanken, dass die Welt – ihre Welt – heute noch existierte. Kein anderer hätte ihn zu einem so vermessenen, so aussichtslosen Unterfangen überreden können. Und niemand anders als Crowley hätte ihm so viel Mut und Selbstvertrauen einflößen können.

Ohne je darüber zu sprechen oder auch nur darüber nachzudenken, hatte er immer gespürt, wie nah sie einander gekommen waren. Zahllose Begegnungen hatten sie einander vertraut werden lassen. Die gemeinsamen Abenteuer und so mancher alkoholschwangere Abend hatten aus dem zarten Band zwischen ihnen eine fest geschmiedete, belastbare Kette gemacht. Sie kannten die Stärken und Schwächen des Anderen, seine Wünsche und Sorgen genau wie seine Gewohnheiten und seine Marotten „Wie ein altes Ehepaar“, dachte er, und bei diesem Gedanken wurde ihm warm ums Herz. Er errötete und schalt sich selbst einen sentimentalen Narren.

Trotzdem war es natürlich ein ungeheurer Schritt, völlig unvorbereitet zusammenzuziehen und plötzlich als Paar zu leben! Erziraphael war vielleicht ein Romantiker und er liebte Crowley ohne Wenn und Aber – dennoch war ihm bewusst, welche Herausforderungen ihre Partnerschaft mit sich brachte.  Aber sie hatten immer alles geschafft, also würden sie auch das schaffen.

Unwillkürlich sah er zur Tür, hoffte, Crowley dort auftauchen zu sehen. Er seufzte tief. Nein, so ging das nicht weiter, machte er sich klar. Er musste jetzt irgendetwas tun, das sein Gedankenkarussell zum Halten brachte, damit er aussteigen konnte. Muriel hatte den Laden kurz nach Crowley verlassen, um Sariel zu besuchen. Sie würde so schnell nicht wiederkommen. Dann sollte er sich vielleicht um ein Abendessen kümmern, entschied er und fand endlich die Energie, aufzustehen.

Später, als Alec und Crowley für einen Feierabend-Kaffe in den Laden kamen, fanden sie Erziraphael deshalb in der Küche vor. Links von ihm lagen verschiedene Herbstgemüse auf der Arbeitsfläche, rechts von ihm stand eine schon mehr als halb gefüllte Schüssel mit einer bunten Mischung aus Gemüsespalten. Crowley erkannte Möhren, rote und gelbe Beete sowie einige Porree-Ringe, als er sich von hinten über den Engel beugte, um ihn auf die Wange zu küssen. „Störe ich dich, wenn ich uns schnell einen Kaffee mache?“, fragte der Dämon. Erziraphael schaute über seine Schulter, nickte Alec zu und lächelte. „Überhaupt nicht. Machst du für mich einen Tee mit? Dann setze ich mich zu euch.“

Der Engel ließ sich von den Arbeiten berichten und sparte nicht mit Interesse und Lob. Der Nachmittag mit Alec hatte Crowley offensichtlich gutgetan. Er wirkte entspannt und zufrieden, auch wenn er den Kopf und die Schultern kreisen ließ und seine Halsmuskulatur knetete. „Morgen dürften Sie einen ausgewachsenen Muskelkater haben“, prophezeite der Handwerker. „Den haben Sie sich auch redlich verdient.“

Erziraphael erzählte von den ernüchternden Interviews und Kommentaren, die ihn vom Fernseher vertrieben hatten, und Alec und Crowley quittierten das mit Kopfschütteln. „Warum können wir in diesem Land nicht wenigstens einmal alle an einem Strang ziehen?“, fragte der Schreiner gereizt. „Wenn wir uns schon nicht einig werden, wie soll das dann mit Engeln und Dämonen gelingen?“ Wieder schüttelte er den Kopf. „Ich meine“, er zögerte kurz. „Ich bin auch beunruhigt, wenn ich diese Geschichten von kriminellen Dämonenrockern höre oder die Berichterstattung aus Amerika sehe.“ Er schien kurz nachzudenken, dann fuhr er fort: „Andererseits: Es hat noch nie was gebracht, sich im Voraus verrückt zu machen. Wenn sie uns hätten vernichten oder unterjochen wollen, hätten sie dazu doch auch früher schon jede Gelegenheit gehabt…“ Als die beiden anderen stumm blieben, sprach er weiter: „Es ist ja nicht so, als wären plötzlich überall Engel und Dämonen. Die meisten von uns werden vielleicht nie einem davon begegnen, oder?“ Erwartungsvoll sah er die Männer an.

Verstohlen schaute der Engel sich zu Crowley um. Als er sich aufrichtete und nervös nach seiner Fliege griff, die völlig faltenfreie Weste glattstrich, sah er ihn zusammenzucken. Crowleys Herz geriet für einen Moment aus dem Takt, der Engel konnte es spüren. Aber das hier war überfällig – und die Gelegenheit war günstig. Jetzt nickte Crowley ihm fast unmerklich zu, seine goldenen Augen voller Vertrauen. Er war bereit für das, was jetzt kommen musste. „Alec“, begann Erziraphael. „Es gibt da etwas, das ich Ihnen…“

Er wurde unterbrochen, als es energisch an der Tür klopfte. Sie fuhren herum und sahen Daniel draußen stehen. Selbst durch die Scheibe war seine missmutige Miene nicht zu übersehen. „Dann muss ich jetzt wohl los“, Alec zuckte bedauernd mit den Schultern. „Was wollten Sie noch sagen?“ Der Buchhändler schüttelte den Kopf. „Ach, nichts Wichtiges, lassen Sie sich nicht aufhalten, Alec.“ Sie verabschiedeten sich wie üblich herzlich. Der Schreiner würde am nächsten Tag wiederkommen. Erziraphael ließ die Schultern hängen. „Mach dir nichts draus, Engel“, sagte Crowley und legte ihm einen Arm um die Schulter. „Auf einen Tag mehr oder weniger kommt es jetzt auch nicht mehr an.“ Der Engel lehnte sich dankbar an ihn. „Hoffentlich hast du recht!“, seufzte er.

***

„Hast du hier noch lange zu tun?“, fragte Crowley, als Erziraphael sich wieder dem Gemüse zuwandte. „Das hängt davon ab, ob Muriel mit uns isst“, antwortete der Engel. „Für uns beide wäre es genug.“ Der Dämon grinste. „Da sie bei Sariel ganz sicher kein Abendessen bekommt, sollten wir sie mit einplanen“, gab er zurück. Er bot an: „Kann ich dir was helfen? Oder soll ich lieber solange mit Hexe unsere Abendrunde drehen?“ Erziraphael sah ihn nachdenklich an. „Ich würde gerne mit euch gehen“, sagte er dann, „ich brauche hier nicht mehr lange.“

Der Dämon nickte zustimmend. Er blieb an den Türrahmen gelehnt stehen und beobachtete lächelnd, wie der Engel die Kerne aus einem kleinen Hokkaido-Kürbis schabte, einige Kartoffeln schälte und alles in Spalten schnitt. Er widmete diesen immer noch eher ungewohnten Handgriffen seine ganze Aufmerksamkeit. Kürbis und Kartoffeln folgten dem bereits früher geschnittenen Gemüse in die große Schüssel und Erziraphael nickte zufrieden. „Das sollte reichen!“ Er wusch sich die Hände und drehte sich zu Crowley um. „Hast du mir etwa die ganze Zeit zugesehen?“, fragte er erstaunt.

Crowleys Lächeln wurde breiter, als er nickte und auf ihn zukam. Er strich ihm eine blonde Locke aus der Stirn und tippte mit einem Finger seine Nasenspitze an. „Du bist süß, wenn du dich so konzentrierst“, sagte er.

Erziraphael spürte, wie er errötete, und sah die gleiche Reaktion auch auf Crowleys Wangen. Er schüttelte leicht abwehrend den Kopf, erwiderte aber nichts. „Ziehst du dich noch um für den Spaziergang?“, fragte er stattdessen. Der Dämon verneinte und so stieg Erziraphael allein die Treppe hinauf, um sich etwas Wärmeres anzuziehen. Die Herbstabende waren inzwischen ausgesprochen kühl. Auf dem Weg zurück nach unten zog ein Schatten über sein Gesicht. Er hatte nicht nur Alec etwas zu beichten. Er musste auch Crowley ein Geständnis machen. Mit zusammengepressten Lippen stieg er die letzten Stufen hinab, wo er und Hexe ihn bereits erwarteten. Der Dämon sah ihn aufmerksam an. „Alles in Ordnung, Engel?“, fragte er.

Erziraphael zwang sich zu einem Lächeln. „Ja, alles bestens“, gab er zurück und ging zur Tür, während Crowley Hexe anleinte.

Es fühlte sich an wie eine Lüge.