Tag 4, Dienstag
Tag 4, Dienstag
Am nächsten Tag kamen sie nachmittags gut gelaunt zurück in die Buchhandlung, in einer kleinen Aktentasche steckten neben den Schlüsseln für Erziraphaels neue Immobilie beglaubigte Urkunden über den Kauf und die Schenkung, die sie im Ritz mit einem Glas Champagner gefeiert hatten. Im Anschluss daran waren sie im St. James-Park spazieren gegangen. Erziraphael legte die beiden Verträge nebeneinander auf den Tisch und strich zufrieden darüber. „Sehr gut“, sagte er. „Dann haben wir jetzt viel zu tun. In einer Stunde kommt der Gutachter, der uns sagen wird, ob die Wohnung im neuen Haus saniert werden muss, bevor jemand einziehen kann. Vielleicht kann Victoria ja gleich mitkommen und es sich anschauen, vielleicht hat sie auch selbst Fragen an ihn.“
„Muss ich auch dabei sein?“ Crowley hatte eine Tüte Milch aus dem Kühlschrank genommen und trank sie leer. „Ich müsste mich eigentlich für Samstag vorbereiten. Ich habe mich noch nicht für den nächsten Vorlesetext entschieden. Und ein paar Leseempfehlungen müsste ich auch mal wieder schreiben.“ Der Engel zog ihn an sich. „Wann bist du eigentlich so ein Softie geworden?“, fragte er, während er begann, sanft an Crowleys linkem Ohrläppchen zu knabbern. „Muriel hat mir verraten, dass du ein ausgewiesener Kinderbuchexperte bist. Warum hast du mir das nie erzählt?“ Crowley war abgelenkt von Erziraphaels Lippen an seinem Ohr und fragte sich nebenbei, woher er all diese zärtlichen Gesten kannte. „Ein Engel, den ich kenne, hatte mich mit seinem Bücherfimmel angesteckt. Das war der Anfang.“ Erziraphaels Lippen waren von Crowleys Ohr zu seinem Hals gewandert, wo seine Bemühungen aller Voraussicht nach sichtbare Spuren hinterlassen würden. „Der erwähnte Engel macht es mir übrigens gerade extrem schwer, mich auf unsere Unterhaltung zu konzentrieren.“ „Sorry, not sorry“, raunte es etwa eine Handbreit unter seinem Ohr. „Ich höre dir aber zu.“ Der Dämon musste sich sammeln. „Du erinnerst dich, dass ich jahrelang Nanny war? Warlocks Eltern kauften ständig Bücher für ihn und ich musste fast jeden Abend vorlesen. Bücher, die er nicht mochte oder für die er zu alt geworden war, haben sie meistens verschenkt, an Waisenhäuser und ein Kinderkrankenhaus. Danach habe ich angefangen, selbst Bücher an solche Einrichtungen zu verschenken, auch mal an Kinderhospize, an Schul- und Gemeindebüchereien. Während der Zeit in der Suppenküche habe ich auch welche direkt an Familien verschenkt. Und seit ich Hannah kenne, muss ich auch bei den aktuellen Veröffentlichungen auf dem Laufenden sein. Die möchte nämlich nicht nur vorgelesen bekommen, wenn wir uns sehen, sondern sich auch mit mir über alle Bücher unterhalten, die sie in der Zwischenzeit gelesen hat.“
„Mir scheint, Hexe ist nicht die Einzige, die dich gut erzogen hat. Auch die kleine Hannah scheint dafür ein Talent zu haben. Wenn sie dich das nächste Mal besucht, sollte ich sie nach einigen Tipps für den täglichen Umgang mit Dämonen fragen.“ Crowley sah Erziraphaels amüsiertes Lächeln und beschwerte sich: „Mach dich gefälligst nicht lustig über mich! Ohne dich wäre ich nie auf die Idee gekommen zu lesen, schon gar nicht Kinderbücher. Du vernachlässigst außerdem meinen Hals.“ Der Engel musste nicht zweimal gemahnt werden. Er nahm seine Aktivitäten genau an der Stelle wieder auf, an der er sich unterbrochen hatte, und arbeitete sich als Nächstes zu Crowleys Adamsapfel und von dort hinauf zu seinem Kinn vor. Bei seinem Mund angekommen, begann er, zärtlich an der Unterlippe zu knabbern, um dann seine Zunge zuerst an der Oberlippe und schließlich an der oberen Zahnreihe entlangwandern zu lassen. Er wusste nur zu genau, dass nichts an diesen Zärtlichkeiten keusch oder platonisch war. Ihm war schmerzlich bewusst, dass er sich schändlich benahm, lüstern, wollüstig, was auch immer der Himmel dafür für Vokabeln kannte. Aber er wollte es so sehr, wollte wissen, wie Crowley schmeckte, wie er sich anfühlte, wollte herausfinden, worauf er mit einem Blick, einer Bewegung, einem Laut reagierte. Sei eigener Körper sagte ihm schon wieder unmissverständlich, dass er genoss, was Erziraphael ihm bot. Die Hitze, das Kribbeln an den unterschiedlichsten Stellen, das begierige Zittern seiner Hände riefen ihn erfolgreicher zur Ordnung, als die Scham es je gekonnt hätte. Er musste aufhören, solange sein Verstand noch stärker war als seine Lust. Diesen Kuss noch, dann musste er um Crowleys willen stoppen. Er war froh, dass der geliebte Mann seine Berührungen und Küsse bisher ohne jedes Anzeichen von Furcht oder Panik auszukosten schien. Vermutlich hatten solche verspielten Zärtlichkeiten nicht zu Luzifers Repertoire gehört, weshalb sie Crowley nicht an die Folterkammern der Hölle erinnerten.
„Ich liebe dich, du frisch gebackener Immobilienbesitzer.“ Zärtlich fuhr er ihm durchs Haar. „Und ich habe mich nicht über dich lustig gemacht. Ich musste mir nur gerade vorstellen, wie Ligur und Hastur dich bei einem ihrer Kontrollbesuche über einen Stapel von Kinderbüchern gebeugt vorfinden, während du versuchst, die Entscheidung zu treffen, welche Pippi-Langstrumpf-Ausgabe für ein katholisch geführtes Mädchenheim wohl die unverfänglichste wäre.“ Sie sahen sich an und prusteten los. Wann immer sich einer von beiden beruhigt hatte und dem anderen ins Gesicht sah, war es wieder um ihn geschehen. Sie krümmten sich vor Lachen und waren nach Herzenslust albern. Sie kicherten noch immer, als bald darauf Muriel nach Hause kam. „Ich hätte mich vor Ligur damit gebrüstet, dass ich in die autonome Kindertagesstätte mit dem veganen Mittagstisch eine alte Pippi-Ausgabe mit dem N-Wort im Text geschmuggelt habe.“ Ein neuer Lachanfall hinderte ihn am Weiterreden. Muriel beobachtete kopfschüttelnd, wie die beiden sich die Bäuche hielten und während der nächsten Lachsalve nach Luft schnappten. Sie fingen sich langsam, weil sie nicht mehr den Partner ansahen, sondern Muriel, die mit stoischem Gesichtsausdruck abwartete, bis sie wieder ansprechbar schienen. „Was genau sagtest du im Park darüber, wer sich für wen wegen seines kindischen Benehmens schämen müsste?“ „Sie ist streng, Crowley.“ Erziraphael hatte sich bemüht, das mit ausdruckslosem Gesicht zu sagen und ohne den feixenden Crowley dabei anzusehen. Der Dämon rang um Worte. „Und wie niedlich sie dabei aussieht!“ Und wieder brachen sie in Gelächter aus. Muriel hockte sich zu Hexe, die den Männern mit begeistertem Schwanzwedeln zusah. „Und du findest das auch noch gut, oder? Du ermutigst sie noch…“ Sie streichelte Hexe und fragte sie: „Meinst du, dein Herrchen erinnert sich noch dunkel daran, dass in spätestens zehn Minuten der Vertreter kommt, dem wir die Klappstühle abschwatzen wollen?“ Bei diesen Worten horchte Crowley auf. „Engel, wir müssen aufhören. Bei dem Termin muss ich seriös wirken!“ Erziraphael nickte verständnisvoll, sagte dann aber: „Ist der Vertreter auch so streng?“ Muriel stöhnte entnervt, als sie ein weiteres Mal loskicherten. Dann rissen sich aber beide am Riemen. „Ist es ok, wenn ich hierbleibe, oder soll ich nach oben gehen?“ Erziraphael hatte die Frage an Muriel gerichtet. „Du störst nicht. Wahrscheinlich bleibt der auch nicht allzu lange.“
***
Sie sahen sich dann doch erst am Abend wieder. Der Vertreter hatte sich länger aufgehalten, als sie vermutet hatten, und Erziraphael war deshalb zu seinem Gutachter-Termin aufgebrochen, ohne noch einmal mit Crowley oder Muriel zu sprechen. Als er wieder nach Hause kam, waren beide ausgeflogen. Da auch Hexes Platz leer war, nahm er an, Crowley wäre mit ihr unterwegs. Er machte sich einen Tee und setzte sich an seinen Sekretär. Seit er auf die Erde zurückgekehrt war, überschlugen sich die Ereignisse. Er war erst wenige Tage wieder hier, aber alle gaben ihm das Gefühl, dass er dazugehörte, immer dazugehört hatte. Und er war ununterbrochen beschäftigt gewesen. So gut sich das auch anfühlte, es ließ ihm nicht die Zeit, auch innerlich anzukommen. Noch immer hatte er mit Crowley nicht über die Monate gesprochen, die er außerhalb von London verbracht hatte, nicht über Hannah und ihre Eltern, nur in groben Zügen über die Zeit, von der Satan vor Gottes Richterstuhl erzählt hatte. Er hatte keine Vorstellung davon, wie er sein zukünftiges Leben gestalten sollte, abgesehen davon, dass er es mit Crowley verbringen wollte. Und ebenso wenig wusste er, welche Pläne der Dämon für die nächsten Monate und Jahre hatte und ob er darin dauerhaft eine Rolle spielen könnte. Jetzt, wo sie frei waren, würde Crowley da nicht über kurz oder lang jemandem begegnen, der ihm mehr bieten konnte, der interessanter war als ein behäbiger, langweiliger Buchhändler? Attraktiver als der mollige Engel mit dem Kindergesicht und der spießigen Garderobe? Und selbst, wenn es keinen anderen geben sollte: Würde er selbst ein guter Partner sein oder wenigstens werden können, nachdem er fast sein ganzes Leben lang ein schlechter Freund gewesen war? Oder würde er Crowley mit seinen Marotten und seinen Fehlern in die Flucht schlagen?
Er schrak aus seinen Grübeleien auf, als die Ladentür aufgestoßen wurde und eine schwer bepackte Muriel hereinschnaufte. Sie ließ mehrere Taschen auf den Boden gleiten, die zum Teil offensichtlich Bücher enthielten. Aus einer anderen dagegen schauten lange bunte Rollen heraus, Geschenkpapier vielleicht. Er hörte aber auch metallisches Klirren und ein Rascheln heraus. „Große Pläne …?“, fragte er, wobei er sich bemühte, seine Neugier nicht zu deutlich werden zu lassen. Muriel lachte. „Ja, und sie werfen Bastelmaterialien aller Art voraus.“ Sie wickelte sich aus einem langen Schal und ließ sich ächzend aufs Sofa fallen. „Ich hatte ein spannendes Gespräch mit der Direktorin unserer Grundschule und habe gefühlt ihre halbe Lehrmittelbibliothek mitgebracht. Und dann habe ich einen sehr teuren Besuch in einem Bastelgeschäft gemacht. Sie strahlte. Ganz offensichtlich war der Besuch nicht nur teuer, sondern auch erfolgreich gewesen. Der Schal, den Muriel nachlässig über die Sofalehne geworfen hatte, erinnerte Erziraphael an etwas. „Wie sind eigentlich deine Geschenke angekommen?“, fragte er mit ehrlichem Interesse. Muriels Vorfreude war ansteckend gewesen. „Noch gar nicht“, gab sie zur Antwort. „Ich wollte sie nicht einfach im Laden abgeben. Am liebsten würde ich Nina und Maggie zum Essen einladen und ihnen dann die Geschenke geben.“ Er glaubte, ein stummes „aber“ wahrgenommen zu haben. „Und warum tust du es nicht?“ Sie betrachtete aufmerksam ihre Fingernägel, bis sie sich aufraffte, zu antworten. „Ich muss erst wieder was verdienen. Diesen Monat habe ich ziemlich viel Geld ausgegeben, weißt du? Und im Restaurant sind die Getränke so teuer.“ Erziraphael sah sie erstaunt an. „Warum willst du denn überhaupt ins Restaurant? Lade sie doch hierher ein!“ Muriel schüttelte den Kopf. „Das ist nett gemeint, aber ich kann doch nicht einfach so tun, als wäre das meine Wohnung. Ich kann euch doch nicht ungefragt Gäste einladen.“
Erziraphael rutschte auf seinem Stuhl ein Stück nach vorne. „Ich will dir etwas erzählen, Muriel, etwas, das Crowley gestern gesagt hat. Er hat mir sehr anschaulich erklärt, dass du es warst, die dieses Haus zu einem Zuhause gemacht hast, zuerst für Beelzebub und Gabriel, dann auch für ihn und Hexe. Er hat erzählt, mit welcher Selbstverständlichkeit du ihn aufgenommen hast und wie willkommen er sich gefühlt hat. Er ist dir sehr dankbar dafür und ich bin es auch.“ Muriels Wangen hatten einen rötlichen Schimmer angenommen. Sie sah so furchtbar jung aus. Erziraphael musste sich immer wieder daran erinnern, dass sie höchsten ein paar Jahre jünger, aber auch älter sein konnte als Crowley und er. Gott hatte alle Engel in relativer kurzer Zeit erschaffen, im Vergleich zu den Jahrtausenden, die seitdem vergangen waren, fielen die Unterschiede überhaupt nicht ins Gewicht. „Und bevor du jetzt behauptest, das sei nichts Besonderes, lass mich noch etwas hinzufügen: Ich weiß ganz genau, was Crowley meint. Auch ich habe mich in diesen Mauern noch nie so zuhause gefühlt, wie seit meiner Rückkehr aus dem Himmel.“ Wie erwartet protestierte Muriel heftig. „Du bist ja auch hier zu Hause, immer gewesen. Und jetzt ist zusätzlich noch Crowley hier. Das macht es für dich perfekt. Ich glaube nicht, dass du vorher oft dein Schlafzimmer mit jemandem geteilt hast!“ Erschrocken schlug sie sich auf den Mund. „Erziraphael, Erzengel! Entschuldige! Ich weiß gar nicht, was in mich gefahren ist, das geht mich natürlich überhaupt nichts an…!“ Er lächelte sie an. „Muriel! Muriel! Beruhige dich! Es gibt nichts zu entschuldigen, hörst du? Dass ich mein Schlafzimmer und mein Bett mit Crowley teile, dürfte inzwischen jeder in dieser Straße wissen, der unsere Existenz zur Kenntnis genommen und auch nur das entfernteste Interesse an uns hat. Und natürlich hast du Recht: Dass Crowley hier ist und meine Gefühle zu erwidern scheint, macht einen sehr großen Unterschied zu allem, was vorher war. Aber dennoch sind es deine Anwesenheit, deine Herzlichkeit, deine selbstverständliche Fürsorge, deine Güte, deine Neugier auf das Leben und deine Tatkraft, die allen um dich herum das Gefühl geben, gesehen zu werden, Teil von etwas zu sein, Heimat zu erleben. Glaubst du, es hätte in all diesen Jahrhunderten auch nur einmal eine Gemüsesuppe auf mich gewartet beim Heimkommen oder Pfannkuchen beim Aufstehen? Oder jemand hätte mir Ratschläge gegeben, weil ihm wichtig war, dass Crowley und ich eine Chance auf Glück haben? Du bist die Seele dieses Hauses, Muriel!“
Die Ladentür war erneut aufgegangen und Hexe kam hereingestürmt. Sie begrüßte die beiden Engel begeistert. Crowley hatte nur den letzten Satz gehört. Während er seine Jacke an die Garderobe hängte, rief er: „Muriel die Seele dieses Hauses? Lass das aber nicht unsere Weiße Frau hören, die ist extrem eifersüchtig.“ Muriel drehte sich zu ihm um. „Du bist schrecklich, Crowley, wirklich schrecklich!“ Sie wickelte ihren Schal zu einer festen Kugel und warf damit nach ihm.
„Crowley, Muriel möchte ein Fest geben. Aber die Buchhandlung ist ihr dafür nicht gut genug.“ Crowley setzte sich auf die Armlehne von Erziraphaels Sessel, wie er es schon vor dem zweiten Weltuntergang gelegentlich getan hatte. Aber diesmal legte Erziraphael den Arm um seine Hüfte, kaum, dass er saß, und zog ihn liebevoll an sich. Auch Muriels Anwesenheit hinderte ihn nicht daran, sein Gesicht in Crowleys Pullover zu vergraben und zu fragen: „Kriegt der Hausherr einen Kuss, wenn sein Lieblings-Dämon nach Hause kommt?“ Natürlich bekam der Hausherr einen Kuss. Und einen Vorschlag. „Warum soll eigentlich Muriel ein Fest geben? Müsstest du nicht erstmal deinen Einstand geben?“ Der Engel gab sich entrüstet. „Einen Einstand? Für lauter Fremde, die sich in meinem Haus eingenistet haben, während ich die Welt gerettet habe? Hätte ich nicht stattdessen eine Willkommens-Party erwarten dürfen?“ Muriel hatte amüsiert zugehört. „Das ist es!“, rief sie jetzt. Sie strahlte. „Crowley, wir geben eine Willkommens-Party für den emeritierten Erzengel, bist du dabei?“
***
Muriel hatte kurz darauf ihre Taschen vom Boden aufgesammelt und sich verabschiedet. Sie war für den nächsten Tag mit Sariel verabredet und hing mit der gemeinsamen Lektüre hinterher, obwohl sie schon die Nacht im Lesesaal der Bibliothek verbracht hatte. Sie wollte sich den restlichen Abend in ihr Buch vertiefen.
Nachdem Hexe versorgt und Crowley umgezogen war, streckte er sich auf dem Sofa aus. Der Engel stand unschlüssig vor dem Kühlschrank. „Eigentlich hätte ich Lust auf was Süßes“, sagte er mehr zu sich selbst, „aber wir hatten heute noch gar keine richtige Mahlzeit.“ Vom Sofa rief ihm Crowley zu: „Mach dir doch Crêpes. Oder Pancakes nach Muriels Rezept, das hat sie irgendwo aufgeschrieben.“ Erziraphael wirkte unzufrieden. „Und du?“ „Ich brauche nichts, das weißt du doch.“ Jetzt stand der Engel vor dem Vorratsschrank und murmelte vor sich hin, was er von den Packungen ablas: „Linsen, Bohnen, Nudeln, Bulgur, Hirse, Grieß, Haferflocken, Mehl, Zucker, Reis. Oh, ich weiß!“ Er griff zielstrebig nach einer Schürze, die er sich umband, nahm prüfend mehrere Gläser in die Hand, von denen er schließlich eins ins Gefrierfach stellte, und stellte einen Topf auf den Herd. Crowley hatte ihn anfangs beobachtet, nun aber die Augen geschlossen und wartete darauf, dass der Engel sich irgendwann zu ihm setzte. Vielleicht war er kurz eingeschlafen, jedenfalls hatte er nicht gemerkt, dass er aus der Küche herübergekommen war. Er hörte nun, wie Geschirr auf dem Couchtisch abgestellt wurde, Besteck klapperte, ein Twist-off-Verschluss aufgedreht wurde und es ploppte, als das Vakuum entwich. Die Augen öffnete er erst, als seine Beine angehoben wurden. „Was hast du vor?“ Er blinzelte. „Ich würde gerne neben dir sitzen.“ Crowley setzte sich auf und machte Erziraphael Platz. „Essen auf dem Sofa? Das ist doch gar nicht dein Stil.“ Der Engel hielt ihm einen Teller hin. „Ich dachte, heute wäre vielleicht Gemütlichkeit wichtiger als Stil. Kann ich dich zu einem Teller Milchreis mit kaltem Kirschkompott überreden?“ Der Dämon seufzte. „Ich weiß, du meinst es gut, aber mir wäre lieber, du würdest dir meinetwegen nicht so viel Mühe machen. Wir wissen beide, dass wir nicht essen müssen .“ Erziraphael stellte den Teller auf dem Tisch ab. „Ja“, räumte er ein. „So, wie wir auch wissen, dass wir es unserem Körper wesentlich leichter machen, wenn wir es doch tun.“ Plötzlich wirkte er verlegen. „Außerdem gehören zu meiner Vorstellung von Familienleben gemeinsame Mahlzeiten einfach dazu. Ist das spießig? Oder kitschig?“ Crowley schluckte. „Weder noch, Engel.“ Er schluckte noch einmal. „Wenn du es darauf angelegt hast, mich zu überrumpeln, dann ist dir das gelungen. Familienleben .“ Er schien sich das Wort auf der Zunge zergehen zu lassen. „Das ist definitiv ein Begriff, von dem ich bisher nicht dachte, er könnte etwas mit mir zu tun haben.“ Er wartete, bis Erziraphael wieder aufsah und ihm sein Gesicht zuwandte. Dann küsste er ihn und nahm Teller und Löffel vom Tisch. „Lass uns essen, bevor es kalt wird. Danke fürs Kochen, Engel.“
Als Teller und Schüsseln leer waren, griff Crowley nach Erziraphaels Hand und begann, sie zu küssen. Er widmete sich der Aufgabe mit Konzentration und Gründlichkeit, küsste die Fingerkuppen, die Nägel, den Handrücken. Dann kehrte er zu den Fingern zurück und begann, sanft daran zu knabbern. „Da ist noch etwas Zimt“, behauptete er und leckte imaginäre Gewürze aus den Fingerzwischenräumen. Der Engel hatte sich zurückgelehnt und genoss das Gefühl von Crowleys Lippen und seiner Zunge an seinen Händen. Hin und wieder seufzte er wohlig. Es war das erste Mal, dass die Initiative zu Zärtlichkeiten von Crowley ausging. „Ich wusste nicht, dass du auch so praktische Begabungen hast. Ich hätte dich nicht für einen Koch gehalten“, sagte der Dämon nach einer Weile, lehnte seinen Kopf an Erziraphaels Schulter und streichelte seinen Handrücken mit dem Daumen. „Bist du womöglich auch noch ein Heimwerker?“ Der Engel lächelte. „Das müssten wir bei Bedarf herausfinden.“ Das Stichwort Heimwerken brachte sein Gehirn auf kleinen Umwegen zu dem neuen Verkaufstresen im Laden und von dort zu den Sitzmöbeln. „Habt ihr eigentlich die Klappstühle bekommen? Konntet ihr den Vertreter überzeugen?“ Der Dämon nickte nachdenklich. „Bekommen haben wir sie, aber der Kerl hat hart verhandelt.“ Erziraphael bemerkte einen besorgten Unterton. „Sie hat alle Stühle bekommen, die sie haben wollte, sogar noch ein paar für Erwachsene, aber sie hat auch einen Vertrag unterschrieben, der eine ziemlich hohe Mindestabnahme vorschreibt. Sie wollte es sich nicht ausreden lassen.“ Der Engel hatte aufmerksam zugehört. „Machst du dir Sorgen deswegen?“ Crowley schien zu überlegen, verneinte dann aber. „Nicht ernsthaft. Vor allem nicht, weil sie bald genug Platz für all ihre Ideen haben wird. Jedenfalls, wenn sie einwilligt, nach nebenan umzuziehen. Außerdem kann sie rechnen.“ Erziraphael lächelte. „Vor allem hat sie einen Star-Vorleser unter Vertrag. Wenn das keine guten Verkaufszahlen garantiert, weiß ich es auch nicht!“ Er stand auf und griff nach dem Geschirr. Crowley folgte ihm und gemeinsam räumten sie die Küche auf.
„Du hast auch noch nicht von dem Termin mit dem Gutachter erzählt“, sagte er, während sie es sich wieder auf dem Sofa gemütlich machten. „Was hat er gesagt? Oder musst du auf einen schriftlichen Bericht warten?“ Mit leuchtenden Augen berichtete der Engel daraufhin von der gemeinsamen Objektbegehung. Es war alles erstaunlich gut gelaufen. Er hatte damit gerechnet, dass in einem Gebäude, das so lange ungenutzt gewesen war – abgesehen vom gelegentlichen Betrieb des Fahrstuhls, der zum Personaleingang führte – viele Arbeiten überfällig sein würden. Er hatte sich nie gefragt, ob die Räume beheizt wurden und ob dort überhaupt jemand nach dem Rechten sah. Umso erstaunter war er, dass sie alles in auffallend gutem Zustand vorgefunden hatten. Es gab eine Heizung, die regelmäßig gewartet worden war, und der Verteilerkasten entsprach ebenso den aktuellen Anforderungen wie die Wasserleitungen und die Verbrauchszähler. Die Räume waren im Grunde bezugsfertig. Dies galt sowohl für die Wohnräume im ersten und zweiten Stock als auch für das Ladengeschäft im Erdgeschoss. „Sogar die Fenster genügen den geltenden Energiespar-Verordnungen. Nur zwei Steckdosen müssen ausgetauscht werden. Die hat wohl jemand übersehen. Offenbar hat eine so strikt durchorganisierte Bürokratie wie oben auch ihre Vorteile“, schloss er seinen Bericht. Crowley grinste. „Wäre das eine Immobilie von unten gewesen, hättet ihr sicher jede Menge Leergut vom letzten Trinkgelage der Wachen vorgefunden, vielleicht sogar eine Feuerstelle und andere unappetitliche Hinterlassenschaften.“ Erziraphael verzog das Gesicht. „Vermutlich.“ Dann fiel dem Dämon ein, wonach er noch gar nicht gefragt hatte: „War Victoria mit dabei? Was hat sie gesagt?“ Das war für ihre weiteren Pläne mit dem Nachbarhaus schließlich die wichtigste Information. „Sie war hellauf begeistert, sogar die Fliesen im Bad haben ihr gefallen.“ Erziraphael strahlte. Er war glücklich, dass er so gute Nachrichten hatte. „Ich werde die Steckdosen diese Woche noch ersetzen lassen. Dann kann ich Victoria am Samstag die Schlüssel geben.“ Er lächelte zufrieden. „Sie konnte es gar nicht abwarten, zurückzugehen und schonmal mit dem Packen zu beginnen.“
Er versuchte, an Crowleys Miene abzulesen, wie er über die Entwicklung dachte. „Wann willst du es Muriel sagen?“ Die Antwort kam prompt: „Am Wochenende, denke ich. Bevor sie woanders irgendwas entdeckt, was ihr besser gefällt.“ Der Engel nickte zufrieden. Bis zum Wochenende würde er alles Notwendige in die Wege geleitet haben. Er wünschte sich für Crowley, dass Muriel sein Angebot annahm. Ihre Nähe bedeutete ihm so viel und Erziraphael würde alles in seiner Macht Stehende tun, um ihn glücklich zu machen. „Willst du mir von ihren Ideen für einen Kinder-Buchladen erzählen?“ Das wollte Crowley. Er erzählte davon mit solcher Anteilnahme und Begeisterung, als wären es seine eigenen Ideen. Wahrscheinlich waren einige der Einfälle wirklich von ihm. Muriels Enthusiasmus hatte auf ihn abgefärbt und er schien voller Vorfreude auf den Moment, wenn er ihr den Laden und die Wohnung würde anbieten können. Er war aber auch sehr nervös. „Denkst du, sie wird es annehmen? Sie hätte ihr eigenes Reich, aber immer noch Wand an Wand mit uns. Vielleicht will sie unabhängiger sein.“ Erziraphael zuckte mit den Schultern. „Du kennst sie besser als ich, Crowley. Aber ich habe den Eindruck, dass du ihr genauso wichtig bist wie sie dir. Ich denke nicht, dass es ihr darum geht, Distanz zu schaffen.“ Der Dämon nickte, schien aber nicht wirklich beruhigt. „Wahrscheinlich mache ich dich schon wahnsinnig, oder? Bitte entschuldige.“ Der Engel winkte ab. „Bis zum Wochenende halte ich das problemlos aus. Ich bin doch selbst gespannt.“ Er zog seine Uhr hervor. „Du musst morgen wieder früh raus, oder? Wie wäre es, wenn wir schlafen gehen?“
Später, als sie sich bereits gute Nacht gesagt und das Licht gelöscht hatten, zog er Crowley noch etwas näher an sich heran und fragte leise: „Kann ich noch irgendwas tun, um dich zu beruhigen?“ Er spürte das Kopfschütteln mehr, als er es sah, aber er hörte umso deutlicher, was der Dämon flüsterte: „Lass mich nur nicht los.“ Sie schliefen beide mit einem Lächeln auf den Lippen ein.