Klärungen (immer noch Dienstag)
Klärungen (immer noch Dienstag)
Vor der Ladentür blieb Crowley stehen und sah die Straße entlang, ließ den Blick über die Häuserfronten zu beiden Seiten gleiten und atmete tief durch. „Gestern um diese Zeit war ich noch unten “, murmelte er mehr zu sich selbst.
Erziraphael legte ihm eine Hand an die Wange und drehte sein Gesicht sanft zu sich herum. „Ich bin so froh, dass ich dich wiederhabe“, flüsterte er.
Crowley lächelte. Er versuchte, sich auf den Mann an seiner Seite zu fokussieren, auf die fröhlich wedelnde Hexe, auf die vertraute Straße, aber es fiel ihm schwer. Seine Gedanken wanderten zurück in den Fahrstuhl, zu Milgreth, in das Lager zu Balgran, Diplor und den anderen, in den kleinen Raum, in dem Codimor sie erwartet hatte, zu Furfur, der sich zu seinem Schutz geprügelt und sich dabei die Hand gebrochen hatte.
„Gab es heute gar keine Nachrichten aus der Hölle?“, fragte er. Seine Stimme war heiser und Erziraphael sah ihn überrascht an. Beim Blick in Crowleys Augen verstand er sofort: „Du machst dir Sorgen um sie.“ Mitfühlend drückte er die Hand des Dämons und sagte schnell: „Doch, es gab etwas Neues!“ Er versuchte sich auf den Wortlaut der Nachrichten zu besinnen, dann sagte er: „Sie haben berichtet, dass irdische und himmlische Truppen auf dem Weg nach unten sind, um die Hölle zu unterstützen.“ Crowley sagte nichts. Er nickte, dann gab er sich einen Ruck, tätschelte Hexe den Kopf und setzte sich in Bewegung. Erziraphael folgte ihm, griff nach seiner Hand und ging schweigend neben ihm her durch die Dämmerung.
Erst als sie an einem begrünten Platz ankamen und Crowley Hexe von der Leine ließ, sprach er wieder. „So, Mädchen, dann beweg dich ein bisschen.“ Zu Erziraphael gewandt fragte er: „Wollen wir uns solange setzen?“ Sie ließen sich auf einer Bank nieder, die auf zwei Seiten von einer Hecke umgeben war. Das hielt den kühlen Wind ab. Der Engel lehnte sich an ihn und Crowley legte einen Arm um seine Schultern. Wieder wanderten seine Gedanken zurück in die Hölle. Die ganze Zeit unten hatte der Rückweg durch die Höllenkreise als dunkle Drohung vor ihm gestanden. Dann hatte Milgreth sie stattdessen auf dem direkten Weg sicher nach oben gebracht. Die unerwartete Wendung hatte irgendwie sein Koordinatensystem durcheinandergebracht – Das ungute Gefühl einer vor ihm liegenden Gefahr war trotz der Erleichterung nicht ganz von ihm gewichen. Er zog Erziraphael enger an sich und bemühte sich, seine Unruhe zu verscheuchen.
Eine ganze Weile saßen sie still aneinandergeschmiegt und folgten mit ihren Blicken der großen weiß-grauen Gestalt, die sich in der zunehmenden Dunkelheit durch die Grünfläche schnupperte. Während Crowleys Nervosität langsam von ihm abfiel, bemerkte er, dass Erziraphael in seinem Arm immer unruhiger wurde. Schließlich ließ er ihn los, drehte sich zu ihm um und fragte: „Was ist los, Engel? Was beschäftigt dich?“
Er sah, dass Erziraphael um Worte rang, und drängte ihn nicht. Als der Engel begann, nervös seine eigenen Finger zu kneten, legte er sanft seine Hände darum und hielt sie fest. Schließlich nickte Erziraphael bedächtig und holte noch einmal tief Luft. Dann begann er: „Ich muss dir noch etwas erzählen, was während eurer Abwesenheit passiert ist.“ Crowley nickte und wartete ab. „Erinnerst Du dich an die beiden Journalistinnen, die angeboten hatten, nach dem Shitstorm einen objektiveren Bericht über uns zu machen?“
Wieder nickte der Dämon. „Natürlich, das blonde Pärchen“, bestätigte er. „Die waren doch extra nochmal da und haben alle möglichen Fragen gestellt.“
„Genau!“ Eziraphael seufzte. „Leider ist ihnen bei der Nachbereitung des Interviews aufgefallen, dass ich wohl etwas zu ausweichend auf Fragen nach der Geschichte der Buchhandlung und nach meinem Leben geantwortet habe.“ Er sah Crowley unglücklich an, bevor er fortfuhr: „Und dann haben sie alles Mögliche recherchiert und überprüft…“ Seine Stimme war ein bisschen weinerlich geworden und er wartete, bis er sich wieder besser im Griff hatte. Crowley sagte noch immer nichts, schaute ihn nur aufmerksam und geduldig an und hielt weiterhin beruhigend seine Hände.
„Sie sind auf Unstimmigkeiten gestoßen und auf die Lücken in unseren Lebensläufen“, nahm er schließlich den Faden wieder auf. „Auf Bilder von mir vor dem neu eröffneten Buchladen, darauf, dass der Bentley nie den Besitzer gewechselt hat, solche Sachen.“
Crowley spürte Erziraphaels Anspannung wie ein Kribbeln auf der Haut. Er kannte dieses unglückliche Gesicht, den besorgten Blick. Das war der überforderte Engel, in dessen Kopf alle möglichen Komplikationen und Dramen um Aufmerksamkeit heischten und ihn fahrig werden ließen. Dieser Erziraphael brauchte einen Anker, einen sicheren Halt. Crowley zwang sich zur Ruhe, gab seiner Stimme einen anteilnehmenden, aber gelassenen Klang: „Und was haben sie daraus geschlossen?“, fragte er.
„Anfangs nicht viel“, antwortete der Engel, bevor er leiser weitersprach: „Aber dann… dann sind sie irgendwie darauf gekommen, dass Kenneth das Interview mit Jesus in der Buchhandlung geführt hat. Dass einer von uns Kontakt zum Himmel haben muss.“ Wieder stockte sein Bericht, dann brach es aus ihm heraus:
„Sie haben sich an Bens Fersen geheftet.“
Er schluckte.
„Sind mitten in die überweltliche Konferenz geplatzt. Haben uns belauscht.“
Seine Stimme wurde brüchig.
„Und dann… haben sie mich damit konfrontiert. Mit allem.“
Er war inzwischen so aufgewühlt, dass Crowley ihn näher zu sich heranzog und ihm beruhigend über den Rücken streichelte. „Schhh…, Engel, tief durchatmen“, flüsterte er. „Lass dir Zeit.“ Er ließ sein Kinn auf die blonden Locken sinken. „Wir wussten doch im Grunde, dass wir uns nicht ewig verstecken können. Nicht nach dem Überweltlichen Vertrag. Und nicht, wenn wir weiterhin mitten unter den Menschen leben wollen.“
Zum ersten Mal war er es, der den ängstlichen Engel fest an sich gedrückt hielt und beruhigend hin- und herwiegte. Diesmal summte er sanft in Erziraphaels Ohr und strich in gleichmäßigen Kreisen über seinen Rücken.
Er wunderte sich darüber, wie wenig ihn beunruhigte, was der Engel erzählte – und dass er zuvor im Laden nicht in Panik geraten war, als er begriff, dass Erziraphael sich Alec offenbaren wollte.
Es war unvermeidlich, sagte er sich.
Dies war eine neue Welt, in der die Unsterblichen keine Hirngespinste mehr waren, keine imaginären Geistwesen, sondern reale Personen in einer geteilten Realität.
Früher waren sie gezwungen gewesen, sich im Schatten zu bewegen, sich hinter Rollen und Tarnidentitäten zu verbergen. Nicht auszudenken, wenn man sie erkannt hätte! Für ihre Zentralen wären sie sofort nutzlos geworden – verbrannt, wie enttarnte Spione… mit denselben unausweichlichen Konsequenzen.
Aber jetzt? Jetzt wurden Menschen mit Engeln nach unten gesandt, um der Hölle beizustehen. Und er saß hier mit seinem Engel im Arm, Hexe immer in ihrer Nähe, und mit Freunden, die ihn kannten und trotzdem zu ihm standen.
Wenn sie hier leben wollten, dieses Leben mitgestalten und Anteil daran haben wollten, dann mussten sie es als Engel und Dämonen tun. Und das hieß, irgendwann mussten sie sich zu erkennen geben und zeigen, wer sie wirklich sind.
Vielleicht war dieses „Irgendwann“ einfach jetzt.
Wenn diese beiden Journalistinnen sie durchschaut hatten, dann war es eben jetzt soweit. Machte das wirklich einen Unterschied?
Er riss sich aus seinen Gedanken und konzentrierte sich ganz auf den aufgeregten Mann in seinem Arm. „Schhh…, Engel“, flüsterte er beruhigend. „Lass uns froh sein, dass wir uns nicht länger verstellen müssen. Keine Lügen mehr erfinden.“
Erziraphael überließ sich seiner Zärtlichkeit und seinen Worten und schien sich langsam zu beruhigen.
Dann durchlief ihn ein neues Zittern und er versteifte sich in Crowleys Armen.
„Nein!“ Er wimmerte fast.
„Du weißt ja noch nicht alles, Liebling“, brachte er mühsam hervor.
„Sie haben vorhin noch einmal angerufen, als ich allein zu Hause war.“
Er wand sich aus der Umarmung heraus, um dem Dämon ins Gesicht sehen zu können.
„Sie wollten wissen, warum ich bei den Vertragsverhandlungen dabei war. Haben nach dem Foto vom Jüngsten Gericht gefragt.“
Crowley legte seine Hände sanft um die bebenden Finger des anderen. „Und du hast es ihnen erklärt?“, fragte er ruhig.
Der Engel nickte, in seinen Augen sammelten sich Tränen.
„Aber nicht nur das“, stammelte er. „Sie, … sie haben auch nach dir gefragt, … wollten wissen, ob du auch ein Engel bist …“
Erziraphael schluckte hart und schlug die Augen nieder.
Der Dämon hatte ihm aufmerksam zugehört, hatte weiter seine Hände gehalten, hatte beruhigend seine Daumen über die Handrücken kreisen lassen. Jetzt hob er seine Rechte, fasste ihn am Kinn und hob es vorsichtig an. Er sah ihn an. „Und du hast ihnen die Wahrheit gesagt.“ Es war keine Frage. Er musste nicht fragen. Sein Engel hatte auf eine direkte Frage nicht mit einer Lüge geantwortet, natürlich nicht! Er zog ihn näher zu sich heran und drückte ihm einen zärtlichen Kuss auf die Stirn.
„Es tut mir so leid!“, flüsterte Erziraphael und befreite sich aus Crowleys Armen.
Seine Stimme zitterte. „Ich hätte dir diese Entscheidung nicht abnehmen dürfen! Ich hätte… ich hätte nein sagen müssen!“
Crowley sah ihn an, ruhig und aufmerksam. Dann hob er langsam die Hand, legte ihm einen Finger an die Lippen.
„Hättest du nicht, Engel“, sagte er leise. „Wir wollen nicht lügen, nicht mehr.“ Er schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln.
„Aber sie werden morgen über uns schreiben“, warf Erziraphael kläglich ein.
„Daran können wir sie nicht hindern“, antwortete Crowley. „Es ist ok, Engel, glaub mir. Ob die Menschen es heute aus der Zeitung erfahren oder in ein paar Tagen oder Wochen von uns. Was macht das für einen Unterschied?“ Er tupfte mit dem Finger einzelne Tränen von Erziraphaels Wangen. „Wir werden viel erklären müssen“, sagte er und fuhr fort: „Und wahrscheinlich werden nicht alle zuhören.“ So waren die Menschen eben, so waren letztlich auch Engel und Dämonen. Aufmunternd lächelte er Erziraphael an. „Wir kriegen das hin, Engel. Du und ich und Muriel, wir kriegen das hin.“
Nach und nach beruhigte sich Erziraphael und bei ihrer Rückkehr in die Buchhandlung war er fast schon wieder der Alte. Als kurz darauf auch Muriel nach Hause kam, konnte er ihr schon gefasst von der neuesten Entwicklung erzählen. Sie nahm die Eröffnung fast noch gelassener auf als zuvor Crowley. Sie war pragmatischer als der Buchhändler und neigte nicht zum Dramatisieren. Ihre ruhige Zuversicht vollendete, was Crowleys demonstrative Ruhe vorbereitet hatte: Erziraphael fand sein Lächeln und seinen Frieden wieder.
Kurz danach standen Nina und Maggie mit einer Flasche Wein in der Tür, umarmten Crowley besonders herzlich und setzten sich zu ihnen. „Wir wollen alles aus der Hölle hören“, verkündete Nina ohne Umschweife und Maggie fügte eilig hinzu: „Aber vor allem wollen wir uns überzeugen, dass es dir gut geht. – Gabriel natürlich auch!“
Crowley erzählte pflichtschuldig und ausführlich. Er spürte, dass die wenigen Stunden Abstand zu den Geschehnissen und die Gesellschaft der beiden Engel, die Nähe seiner Wahlfamilie ihn bereits merklich geerdet hatten. Es fiel ihm nicht mehr so schwer, nun auch von den bedrohlicheren Momenten und den verstörenden Erlebnissen zu erzählen. Die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Freunde, die ihm mit aufgerissenen Augen (Maggie), anteilnehmenden Fragen (Muriel), trockenen Kommentaren (Nina) und tröstenden Berührungen (Erziraphael) lauschten, halfen ihm auch über die schwierigen Stellen hinweg.
Als die Engel später am Abend für alle Abendessen auf den Tisch brachten (sie hatten das von Erziraphael vorbereitete Ofengemüse mit Sour Cream und einem Salat ergänzt) und die Gespräche sich langsam anderen Themen zuwandten, saß Crowley still dabei und ließ seinen Blick von einem zum anderen wandern. Ein ungewohntes Gefühl breitete sich in ihm aus, ließ ihn entspannter gegen die Stuhllehne sinken, ließ seine Wachsamkeit nachlassen und seine Augen wärmer strahlen. Er spürte ihm nach, bis er ihm den richtigen Namen geben konnte: Es war Dankbarkeit.
Als die Freundinnen sich schließlich verabschiedeten, war es spät geworden. „Gehst du morgen mit Hexe in die Schule?“, fragte Muriel beim Aufräumen und bot an: „Ich könnte dich auch nochmal vertreten, wenn du noch Zeit für dich brauchst.“ Aber Crowley winkte ab. „So viel Alltag wie möglich!“, sagte er knapp. „Und so viel Schlaf wie möglich“, ergänzte Erziraphael. „Meinst du, du erträgst schon wieder etwas Fürsorge?“ Der Dämon grinste. „Wenn das für deinen Seelenfrieden wichtig ist“, neckte er ihn. Der Blick, den der Engel ihm zuwarf, ließ daran keinen Zweifel und so folgte er ihm ohne Gegenwehr die Treppe hinauf.
***
Als Crowley umgezogen aus dem Bad kam, saß Erziraphael noch auf der Bettkante, tief in Gedanken versunken. Er schrak auf, als
Crowley sich neben ihn setzte und nach seiner Hand griff.
„Schon wieder dunkle Gedanken?“ Er drehte Erziraphaels Kopf zu sich herum und strich mit den Daumen über die Sorgenfalten auf seiner Stirn.
Sein Engel sah zu ihm auf. „Mir wird jetzt erst wirklich klar, wie gefährlich euer Ausflug in die Hölle war.“ Seine Stimme zitterte leicht.
„Alles, was du letzte Nacht noch nicht erzählt hattest…, ich … ihr …“ Er brach ab, die Schultern unbehaglich bis zu den Ohren gezogen.
„Wie oft ich dich beinah verloren hätte…“ Sein Blick schweifte ab.
„Diese Felsbrocken, der Höllenhund, feindselige Dämonen…“ Er klang gequält. „Ich weiß nicht, ob ich diese Bilder je wieder loswerde.“ Seine Augen glänzten.
„Jetzt bin ich doch wieder hier“, sagte Crowley zärtlich und legte Erziraphael eine Hand auf die Schulter. „Kein Grund mehr, sich Sorgen zu machen.“
Er stieß seinen Engel spielerisch mit dem Ellenbogen an. „Würde es dich aufheitern, wenn ich mich widerspruchslos von dir umsorgen lasse?“
„Das ist nicht witzig!“, fuhr Erziraphael ihn an. Seine Stirn schlug wütende Wellen.
Erschrocken sah Crowley ihn an. Was hatte er da schon wieder angerichtet?
Fragend zog er eine seiner Augenbrauen so hoch, dass sie fast den roten Haaransatz erreichte.
„Engel?“, fragte er vorsichtig. Er traute sich nicht, nach Erziraphael zu greifen, wartete ab. Was hatte er falsch gemacht?
Und plötzlich war sie wieder da: Die Angst, nicht zu genügen. Nicht gut genug für seinen Engel zu ein.
Im Grunde hatte er es doch gewusst: Partnerschaft, Freundschaft, ihr kleines Glück – so etwas war nicht für Dämonen. Die neue Welt war vielleicht doch nicht so neu. Die Dämonen blieben die Kellerkinder. Parias. Bestenfalls geduldet.
Ein unartikuliertes Geräusch stieg aus seiner Kehle auf und ihm schossen Tränen in die Augen. Er wandte sich von Erziraphael ab. Wollte die Ablehnung in seinen Augen nicht sehen. Mit aller Kraft unterdrückte er ein Schluchzen.
Crowley spürte, wie die Angst sich an ihn heranpirschte. Die vertraute Dunkelheit hatte auf der Lauer gelegen. Auf ihre Gelegenheit gewartet. Jetzt griff sie nach ihm. Er hatte ihr nichts entgegenzusetzen.
***
„Crowley, Liebling!“ Erziraphaels Stimme klang laut und schrill in seinen Ohren. Crowley war verwirrt.
Zwei starke, weiche Arme schlossen sich fest um ihn. Die Stimme, die für ihn schöner klang als jeder Engelschor, die nach Zuhause klang und nach Geborgenheit, redete aufgeregt auf ihn ein. Crowley verstand nicht, was sie sagte, aber er ließ sich von ihr einhüllen und tragen.
Die Dunkelheit wich zurück – verblasste. Crowley blinzelte.
„Liebling, bleib bei mir! Atme! Sieh mich an!“
Da war eine weiche warme Hand in seinem Gesicht. Crowley zwang sich, die Augen zu öffnen, blinzelte. Erziraphaels Augen waren weit aufgerissen, voller Sorge.
„Endlich, Crowley, mein Schatz!“
Dann waren da nur noch der weißblonde Schopf, die goldenen Kringel unter seinem Kinn, Arme, die ihn hielten. Er lehnte sich in die Berührung, genoss die Wärme des anderen Körpers.
„Engel.“ Crowley erkannte seine eigene Stimme nicht. Er klang wie ein sprechender Rabe. Noch ein Krächzen. Er räusperte sich. Machte noch einen Versuch: „Engel… Erziraphael. Was…?“
„Oh, dem Himmel sei Dank… äh, du weißt schon.“ Erziraphael lächelte ihn an. „Verzeih mir, Crowley.“ In die Erleichterung mischte sich Schuldbewusstsein. „Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist.“ Eine warme Hand an seinem Hinterkopf. „Ich wollte dich nicht anschreien, bitte glaube mir.“ Eine leichte Berührung an seiner Wange.
Crowley sah ihn an, konzentrierte sich auf die sanften Berührungen und versuchte zu verstehen, was Erziraphael sagte.
„Ich bin so egoistisch. Unverzeihlich.“ Erziraphaels Stimme war matt. „Da jammere ich dir von meiner Angst um dich vor… dabei muss deine Angst so viel größer gewesen sein.“ Jetzt klang Zärtlichkeit aus seinen Worten. „Mein armer Schatz. Es muss so schwer für dich gewesen sein. Du bist so tapfer.“
„Ngk!“ Crowley wusste selbst nicht, was er damit meinte. Worte, wo waren die Worte?
„Nich tapfer!“, brachte er über die Lippen. „Erbärmlich!“ Langsam fand er die Sprache wieder.
„Psst!“ Erziraphael schüttelte traurig den Kopf. „Nicht!“, sagte er leise.
Er rückte ein Stück von Crowley ab, dann zog er ihn behutsam zu sich heran, bis der Kopf mit der roten Mähne in seinem Schoß lag. Zärtlich fuhr er mit seinen Fingern durch die Locken, streichelte Crowleys Wangen. „Kannst du mir jetzt erzählen, was du bisher nicht sagen konntest?“, fragte er sanft. „Was quält dich so?“ Nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: „Willst du deine Last nicht mit mir teilen?“
Sehr lange sagte Crowley nichts. Die Gedanken rotteten sich in seinem Kopf zusammen und wenn er nach ihnen greifen wollte, stoben sie in alle Richtungen davon. Er sah die Schatten der Dinge, die ihn vor Angst erstarren ließen, aber die wahren Bilder bekam er nicht zu fassen.
„Lass los“, flüsterte Erziraphael an seinem Ohr.
„Du bist in Sicherheit. – Bei mir. – Zuhause.“
Er begann zu summen.
Das sanfte Geräusch ließ Crowleys Geist zur Ruhe kommen. Und nun lösten sich die Bilder zögernd aus den Schatten: Da war Magura, die zudringliche Dämonin. Dort die beiden Wachen, die ihm zweifellos Gewalt angetan hätten, wenn Furfur nicht eingeschritten wäre. Codimor, Milgreth, Furfur, all die anderen Dämonen, von denen jeder wusste, dass er Satans Spielzeug gewesen war. Die hinter seine Maske sahen, auf die Bruchstücke seiner Seele, auf die Scherben seiner Existenz. Er sah sie in einer langen Reihe vor sich aufmarschieren und wartete darauf, dass sie anfangen würden, ihn zu beschimpfen, mit Dreck oder Steinen nach ihm zu werfen, sich über ihn lustig zu machen, sich an ihm zu vergehen.
Dann änderte sich etwas an diesem Traumbild. Zuerst drang Erziraphaels Summen in sein Bewusstsein, dann fühlte er plötzlich eine warme tröstliche Existenz an seiner Seite. Aus dem Augenwinkel erkannte er die blonden Locken, das sanfte Lächeln seines Engels.
Crowley entspannte sich, richtete sich auf. Er trug seinen Kopf höher.
Und dann traten die Dämonen einer nach dem anderen aus dem Schatten vor ihn hin.
Magura machte den Anfang. Sie nickte ihm mit einem bedauernden Lächeln zu, wandte sich ab und verschwand. Codimor war der Nächste. Er legte ihm eine Hand auf die Schulter, sah ihm aufmunternd in die Augen und folgte Magura. Varka grüßte ihn militärisch respektvoll und trat ab. Balgran griff nach seinen Händen und verneigte sich vor ihm – ein Bild der Dankbarkeit. Diplor folgte kurz darauf, ließ seinen Blick nachdenklich auf ihm ruhen, dann stahl sich ein anerkennendes Lächeln auf seine Lippen und mit einem kleinen Nicken eilte er Balgran hinterher.
Viele weitere Dämonen erschienen aus seinem Gedächtnis, grüßten ihn und verschwanden. Kein einziger von ihnen lachte ihn aus oder behandelte ihn respektlos. Niemand versuchte ihn zu verletzen. Niemand wurde anzüglich oder überschritt Crowleys Grenzen. Aus keinem Blick sprach Verachtung oder Ablehnung.
Der Letzte in der langen Reihe war Furfur. Er sah mehrmals zwischen Erziraphael und Crowley hin und her, am Ende nickte er ihnen nachdenklich zu, schenkte Crowley noch ein trauriges kleines Lächeln und löste sich in Rauch auf. Als Crowley sich umschaute, war er mit seinem Engel allein.
Die Bilder verblassten. Die Stimmen verstummten. Nur die Wärme blieb.
***
„Crowley? Mein Liebling?“ -- Erziraphaels Stimme kam nicht von der Seite, sondern von irgendwo über ihm.
Crowley schlug die Augen auf und sah direkt in das Gesicht seines Engels.
„Geht es dir wieder besser? Du hast mir Angst gemacht, mein Schatz.“ Liebevoll legte Erziraphael eine Hand an seine Wange. „Es tut mir so leid, dass ich so heftig war.“
Crowley schloss noch einmal seine Augen, um sich zu sammeln. Dann richtete er sich auf und wandte sich seinem Engel zu.
„Furfur hat etwas gesagt, das ich erst jetzt wirklich verstehe“, sagte Crowley leise. Erziraphael sah ihn aufmerksam an, sagte aber nichts. Er wartete ab.
„Er hat gesagt, dass die Sehnsucht keinen Unterschied macht zwischen den Sündern und den Dämonen“, fuhr Crowley fort. „Ich habe aber nicht begriffen, dass das für alle Strafen gilt.“
Er sah Erziraphael jetzt direkt in die Augen, vergewisserte sich, dass der ihm zuhörte.
„Ich habe immer geglaubt, dass die Dämonen in die Hölle gehören. Dass die Hölle der Platz ist, der uns von der Schöpfung zugewiesen wurde.“
„Und das glaubst du jetzt nicht mehr?“, fragte Erziraphael ernst. Er lauschte gespannt auf Crowleys Worte.
„Nein“, bestätigte Crowley. „Jetzt glaube ich, dass die Hölle uns das nur vorspiegelt. So funktioniert die Hölle.“ Seine Erklärungen wurden langsam lebhafter. „Im Ersten Kreis werden alle von der Sehnsucht erfasst, auch die Dämonen, die sich dort länger aufhalten.“ Aufgeregt fasste er nach Erziraphaels Hand. „Verstehst du? Ich glaube, dass die Hölle selbst uns das Gefühl gibt, dass wir dort hingehören, dass dort unser Platz ist. Sie nimmt uns den Wunsch nach Veränderung, sie hält uns fest.“ Crowleys Augen waren jetzt wach und klar.
„Wenn ich in die Hölle zurückkehre, fühle ich mich dort fremd, weil ich so lange auf der Erde war.“ Er zögerte, fuhr dann aber fort: „Diesmal war ich zu lange unten.“ Es kostete ihm Mühe, Erziraphael in die Augen zu sehen. „Ich habe vergessen, wohin ich gehöre. Ich habe nicht mehr an uns geglaubt.“ Sein Griff um Erziraphaels Hand wurde immer fester.
„Ich habe nicht mehr geglaubt, dass du mich lieben kannst.
Fast wäre ich dort geblieben.“ Seine Stimme versagte.
Stille. Nur der Atem. Sein pochendes Herz.
Er hatte es gesagt. Hatte endlich ausgesprochen, was ihn fast zerriss.
Und sein Engel gab ihm die Antwort, die er brauchte: Erziraphael zog ihn in seine Arme und sah ihn mit einem Blick an, mit dem ihn kein anderer je angeschaut hatte – einem Blick, der ebenso voll von Liebe wie von Traurigkeit war, voller Zuneigung und Mitgefühl. „Mein großer, dummer Dämon, mein Geliebter…“ Crowley badete in diesen Worten wie in Sonnenstrahlen. Er trank sie von den Lippen seines Engels.
„Was kann ich nur tun, um dir deine Zweifel zu nehmen? Wann glaubst du endlich, dass du liebenswert bist, wertvoll, genug?“
Crowley vergrub sein Gesicht in Erziraphaels Halsbeuge, atmete den vertrauten Geruch tief ein, lauschte auf den ruhigen, kräftigen Herzschlag, ließ die süßen Worte, die der Engel flüsterte, in sein Herz sinken und hörte auf zu denken. Hier und jetzt konnte er diese Worte glauben. Und für heute hatte Erziraphael seine Zweifel vertrieben, sein Engel, der an ihn glaubte und der für ihn da war.
Die sommersprossige Nase kräuselte sich und ein seliges Grinsen fand seinen Weg in Crowleys Gesicht. Er murmelte etwas Unverständliches unter Erziraphaels Kinn. Der umfasste sanft sein Gesicht und hob es zu sich an. „Was hast du gesagt, Liebling?“
„Ich habe gesagt: Ich glaube, mein Knöchel tut wieder ein bisschen weh, seit ich mit Alec das Schaufenster vom Auto gehoben habe.“ Crowley spürte die Röte in seine Wangen steigen und versuchte nach Kräften, sie zu ignorieren. Erziraphael unterdrückte ein Lächeln. „Dann sollte ich mir das nochmal ansehen. Leg dich am besten schon mal hin.“ Crowley verzog keine Miene. „Wenn du meinst“, sagte er.
Als er später in Erziraphaels Arm lag und sie sich schon eine gute Nacht gewünscht hatten, fiel ihm noch etwas Wichtiges ein: „Morgen müssen wir Arwen endlich erzählen, dass wir ihren Vater gefunden haben. Aber als Erstes reden wir mit Alec. Er sollte es wirklich von uns und nicht aus der Zeitung erfahren.“ Sein Engel brummte zustimmend.