News - Tag 26, Mittwoch
News - Tag 26, Mittwoch
Alec kam nicht.
Muriel war früh aufgestanden, weil sie ihr übliches kurzes Schwätzchen mit dem Schreiner halten wollte, bevor er mit der Arbeit begann. Sie machte sich in der Küche zu schaffen und bemerkte seine Verspätung erst, als Crowley mit Hexe herunterkam und erstaunt nach ihm fragte. Sie antwortete unbekümmert: „Auch Alec kann mal verschlafen“, und er nickte dazu.
„Hast du dir schon Gedanken gemacht, wie wir Arwen auf ihren Vater ansprechen wollen?“, fragte er als Nächstes. „Wir können sie ja schlecht einfach damit überfallen, oder?“
„Drüber nachgedacht habe ich schon“, antwortete Muriel. „Aber einen wirklichen Plan habe ich nicht.“ Sie nagte nachdenklich an ihrer Unterlippe, dann fuhr sie fort: „Ich könnte sie zu uns einladen und irgendwie das Gespräch auf die Hölle bringen.“ Sie sah Crowley forschend an. „Ich wollte abwarten, bis du richtig angekommen bist. Traust du dir so ein Gespräch schon zu?“
Sein Nicken kam ohne Zögern. „Vielleicht könnten wir erst von den letzten Gesprächen mit Himmel und Hölle erzählen, vor allem von den geplanten Hafterleichterungen“, schlug er vor. „Dann wäre es kein ganz so großer Schritt mehr, auch über unseren Ausflug in die Hölle zu sprechen.“
„Das könnte klappen“, stimmte Muriel zu. „Ein Schreck bleibt es sicher trotzdem“, ergänzte sie nachdenklich. „Mir fällt aber nichts ein, womit wir das verhindern könnten.“ Sie sahen sich leicht ratlos an.
„Dann lass uns nicht länger warten“, schloss Crowley mit einem Blick auf die Uhr. „Lade sie einfach ein und dann sehen wir, wie es läuft.“ Während des kurzen Gesprächs hatte er zwei Tassen Kaffee getrunken, jetzt machte er sich zum Aufbruch bereit. „Den Rest können wir besprechen, wenn ich aus der Schule wieder da bin“, bot er an. Von der Tür aus rief er ihr noch zu: „Grüß Alec. Ich fasse nachher gern wieder mit an, wenn er mich brauchen kann.“
Muriel bestätigte mit gehobenem Daumen und schaute dem Dämon und der Wolfshündin lächelnd nach, bis der Bentley am Schaufenster vorbeigefahren war. Kurz darauf kamen die ersten Kunden. Sie nahm Bestellungen auf und verkaufte eine wunderschön illustrierte Neuauflage von „Der Wind in den Weiden.“ Ihr Blick fiel auf die Uhr. „Komisch“, murmelte sie. So spät war Alec noch nie gewesen. Sie begann, sich vage zu sorgen.
Kurz darauf kam Erziraphael die Treppe hinunter. Nach der Begrüßung fragte Muriel ihn: „Hat Alec zu dir etwas darüber gesagt, dass er heute später kommt – oder vielleicht gar nicht?“
Aber Erziraphael verneinte. Er bereitete sich einen Tee zu und folgte ihr in den Laden. „Das sieht ihm gar nicht ähnlich“, merkte er an und verstärkte damit das flaue Gefühl in ihrem Bauch. Ob er sich wieder mit Daniel gestritten hatte? Er war sonst doch so zuverlässig wie ein Uhrwerk!
Sie sah noch einmal auf die Uhr. „Wenn er in einer halben Stunde nicht da ist, rufe ich ihn an“, entschied sie. „Aber vorher lade ich Arwen ein.“ Das Telefonat dauerte nicht lange und Muriel verabschiedete sich fröhlich mit: „Dann bis nachher. Die Männer sind auch da. Wir freuen uns.“
Sie hatte gerade aufgelegt, da klingelte das Telefon schon wieder. Es war Ben. Muriel begrüßte ihn überschwänglich, fragte aber gleich darauf: „Nein, wieso?“ Sie klang plötzlich angespannt und Erziraphael hob alarmiert den Kopf. „Nein, der ist mit Hexe in der Schule“, sagte Muriel gerade und dann: „Ja, der ist da. Warte, ich mache den Lautsprecher an.“ Erziraphael warf ihr einen fragenden Blick zu, aber sie zuckte mit den Schultern. „Er hört dich jetzt, Ben“, sagte sie etwas lauter.
Nach der Begrüßung fragte Ben sofort: „Habt ihr heute schon Radio gehört?“ Er klang besorgt.
„Nein“, antworteten die Engel wie aus einem Mund.
„Unsere blonden Freundinnen haben nicht lange gefackelt“, sagte Ben. „Der Bericht über euch ist heute Nacht schon online erschienen.“
Erziraphaels und Muriels Augen trafen sich, aber keiner von ihnen antwortete Ben. Sie rückten ein Stückchen näher zusammen.
Ben fuhr fort: „Getitelt haben sie mit ‚Die Engel von Soho – Unsterbliche mitten unter uns‘.“
Er schwieg und auch in der Buchhandlung blieb es still.
Muriel starrte Erziraphael an – und er starrte zurück. Dann schloss er müde die Augen.
Muriel schluckte. Sie fasste sich ein Herz und fragte: „Und was war im Radio?“ Sie ahnte, dass Bens Antwort ihr nicht gefallen würde.
Sie sollte Recht behalten.
„Seit 6 Uhr berichten die Nachrichten über, ich zitiere: ‚Die Buchhändler-Engel von Soho‘ und…“ Erziraphael stöhnte genervt auf und Ben unterbrach sich. Nach einer angespannten Stille sagte er leise: „Das war leider noch nicht alles. Der vollständige Titel der Meldung ist ‚Die Buchhändler-Engel von Soho und der Teufel mit der Samtstimme. Die Unsterblichen von nebenan.‘ Wenig subtil, aber offenbar wirksam.“ Er wartete die Reaktion der Engel ab.
Muriel ließ ein erschrockenes Keuchen hören. Erziraphael rieb sich über die Wange, als hätte ihn jemand geschlagen. „Der Teufel?!“, platzte er heraus. „Hätten sie nicht wenigstens vernünftig recherchieren können?“ Der sonst so gemäßigte Engel schäumte vor Wut. „Wie können sie sich erdreisten, so etwas…“ Er verstummte mitten im Satz. Dann fragte er leise: „Seit 6 Uhr, sagst du?“
Ben bestätigte das und ergänzte: „Nach den Acht-Uhr-Nachrichten kam ein Sonderbericht mit Interviews und allem Pi-Pa-Po. Der Premierminister höchstpersönlich hat bestätigt, dass ‚mehrere hochrangige Engel‘ ihren Wohnsitz in London haben.“
Wieder folgte ein angespanntes Schweigen.
„Sollen wir vielleicht vorbeikommen?“, bot er vorsichtig an. „Wir könnten zusammen überlegen, wie ihr damit am besten umgeht.“
„Oh ja, bitte!“, rief Muriel spontan in den Hörer, um sich nach einem Blick auf Erziraphael zu revidieren. „Vielleicht auch lieber nicht?“ Als der andere Engel schwieg, wandte sie sich wieder an Ben: „Kann man das nicht unterbinden? Hätten wir das nicht erst freigeben müssen?“
„Leider nicht“, sagte er bedauernd. „und sie berichten ja nicht unbedingt die Unwahrheit.“
Das wollte Muriel nicht so stehen lassen: „Aber sie behaupten doch, Crowley sei ein Teufel.“ Erschrocken sah sie zu Erziraphael, weil der unerwartet ihren Arm gefasst hatte.
„Das macht für die meisten Religionen keinen oder zumindest keinen großen Unterschied“, sagte er leise. Ben bestätigte das.
Muriels Gerechtigkeitssinn fand sich mit dieser Auskunft nicht ab. „Dann müssen wir es ihnen erklären“, schlug sie eifrig vor. „Außerdem hatten die beiden uns doch versprochen, dass sie sachlich berichten wollten. Jetzt haben sie stattdessen alles noch schlimmer gemacht!“ Sie hatte Tränen in den Augen und ballte in hilfloser Wut die Fäuste.
Ben warf ein, dass in solchen Fragen der Chefredakteur das letzte Wort habe. „Vielleicht hatten sie wirklich die besten Absichten“, ergänzte er, auch wenn er nicht überzeugt klang.
„Das hilft uns jetzt auch nichts mehr“, brummte es plötzlich hinter ihnen. Muriel und Erziraphael fuhren erschrocken auf. Crowley war unbemerkt hereingekommen
„Was machst du denn schon hier?“, fragte Muriel überrascht. „Oh!“, sagte sie sofort darauf, weil sie den Grund ahnte. Betreten schwieg sie.
Erziraphael war aufgesprungen und stand nun direkt vor Crowley. „Weitere Eltern?“, fragte er ahnungsvoll.
Der Dämon schüttelte den Kopf. „Die Direktorin“, sagte er tonlos. „Sie ist mitten in den dritten Termin geplatzt und hat das Mädchen weggeschickt.“ Er schluckte. „Sie hatte es wohl gerade im Radio gehört. Und sie hat nicht lange drum rum geredet.“ Er schnaubte, aber es klang nicht wütend. Nur müde. Erschreckend müde. „Das Projekt ist beendet – mit sofortiger Wirkung“, sagte er und sank wie eine Marionette auf dem nächstbesten Stuhl zusammen. Erziraphael ging zu ihm und legte ihm von hinten tröstend die Hände auf die Schultern. Crowley ließ wortlos den Kopf gegen seinen Bauch sinken und schloss die Augen.
Die beiden Engel sahen sich ratlos an. Aus dem Lautsprecher hörten sie Bens Stimme: „Ich hole Laura und Hannah, wir kommen zu euch.“ Bis Muriel den Hörer wieder ans Ohr genommen hatte, hatte er schon aufgelegt.
Crowley öffnete die Augen. „Alec?“, fragte er nur. Muriel schüttelte stumm den Kopf.
***
Beast saß im Hinterzimmer seines Ladens, das er großspurig „Büro“ nannte, das aber nicht viel mehr als ein Verschlag voller Gerümpel war. Als er die Antiquitätenhandlung übernommen hatte, hatte er einen schweren Schreibtisch im Stil der vierziger Jahre und einen alten Bürostuhl hineingezwängt und eine verstellbare Schreibtischlampe an den Tisch geschraubt. Inspiriert hatten ihn dabei alte Detektivserien, und so baumelte hinter ihm ein altmodischer Herrenhut am Garderobenhaken und Jalousien hielten das Tageslicht draußen.
In dieser Höhle also hockte er und starrte missmutig auf den Kleinanzeigenteil der Zeitung, den er gerade durchgearbeitet hatte. Nicht eine einzige Anzeige hatte er gesehen, für die er aufgestanden wäre und sich auf sein Motorrad geschwungen hätte. Er erkannte inzwischen auf Anhieb, welche Anzeigen den Aufwand lohnten — heute war keine dabei. Ärgerlich, dass er nicht nochmal in das Herrenhaus fahren konnte. Da hätten sich sicher noch ein paar lukrative Stücke gefunden. Aber das Gebäude war in dem Moment in einer beeindruckenden Wolke von Staub und Schutt zusammengestürzt, als Beasts Konzentration wieder voll und ganz von seinem Motorrad in Anspruch genommen wurde und seine kleinen Wunder deshalb nicht mehr wirkten…
Knurrend raffte er die restlichen Teile der Zeitung zusammen, um sie in den Papierkorb zu werfen.
Natürlich trennte er seinen Müll, warum erstaunt Sie das? Er war unsterblich – und würde mit erschöpften Ressourcen, Artensterben, Klimawandel und all dem anderen Scheiß noch klarkommen müssen, wenn die Menschheit sich schon längst abgeschafft hätte. Deshalb sparte er Wasser und Energie, trennte seinen Müll und hatte in der zum Laden gehörenden Werkstatt die alten Leuchtstoffröhren durch LEDs ersetzt. Zum Schutz seiner Mitarbeiter hatte er außerdem auf wasserlösliche oder wenigstens lösungsmittelfreie Farben umgestellt.
„Boss?“ Einer dieser Mitarbeiter stand nun vor seinem Schreibtisch. „Wir sind mit den Truhen fertig. Willst du einen Blick drauf werfen oder können wir sie direkt in den Laden bringen?“ Nicht einmal Beast selbst hätte aus dem gebrummten Konsonantenhaufen eine Antwort herauslesen können. In Verbindung mit einer unwirschen Geste und einem vorwurfsvollen Blick verstand der Mitarbeiter aber, dass die Truhen offensichtlich in den freigeräumten Bereich der Antiquitätenhandlung gebracht werden sollten, auf die der Zeigefinger seines Chefs gerade wies. Er nickte eilig.
„Was denn noch?“, blaffte Beast, weil der Kerl gleich darauf wieder vor ihm stand.
Der Angesprochene unterdrückte mit Mühe das Zähneklappern, das ihn befallen wollte, wann immer er mit seinem Chef allein war. „Womit sollen wir weitermachen?“, fragte er tapfer. „Sollen wir erstmal die Holzwurmlöcher in die Neuzugänge machen?“
Er hatte bisher nicht gewusst, wie schnell sein Boss sich bewegen konnte. Er erkannte es, als der ihn plötzlich an den Aufschlägen seiner Jacke gepackt hielt. Der unglückliche Mitarbeiter hatte nicht mehr gesehen als einen Schatten, da blickte er schon direkt in Beasts Augen, deren Pupillen aus der Nähe orangerot schimmerten, als würden Flammen in ihnen tanzen.
„Wagt es nicht!“, zischte er und gab dabei seine spitzen Zähne frei. „Wenn einer von euch die Queen-Anne-Möbel auch nur anfasst, wird er sich wünschen, er hätte mich nie kennengelernt!“
Das glaubte ihm sein Mitarbeiter aufs Wort. „Verstanden!“, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Dann stattdessen d-d-d… der kleine Bauernschrank?“, schlug er vor und wartete mit zugekniffenen Augen auf Beasts Reaktion.
Der ließ ihn los, strich sich den schwarzen Pony aus dem Gesicht, zog sein T-Shirt zurecht und setzte ein angestrengtes Lächeln auf (es erforderte einige Übung, dabei nicht die bedrohlichen Zahnreihen zu entblößen). „Is oke“, murmelte er und nickte dazu. Mit einer Handbewegung entließ er den Mitarbeiter, der sich eilig zurückzog. Beast sah ihm nach und ärgerte sich über sich selbst. Er wollte nicht immer gleich so explodieren. Aber er war auch wirklich mit besonders dämlichen Helfern gestraft, oder?
Seufzend bückte er sich nach der Zeitung, die er hatte fallen lassen. Beim Aufheben fiel sein Blick auf die Titelseite des Lokalteils. Er las die Schlagzeile, betrachtete das Bild eines Eckhauses, über dessen mit zwei Säulen versehenem Eingang ein Schild mit goldenen Lettern „Seltene und antiquarische Bücher“ anpries. Er ließ die übrigen Seiten achtlos in den Papierkorb gleiten und setzte sich mit dem Lokalteil wieder an seinen Tisch. Als er den Bericht und den dazugehörigen Kommentar gelesen hatte, lächelte er.
Ein Teufel in einer Buchhandlung also? Seine Augen glühten leicht. Da hatte sich das Zeitunglesen ja heute doch noch gelohnt!
***
Laura war nicht im Zimmer gewesen, während Ben mit den Freunden telefonierte, sie hatte am Computer gesessen und gearbeitet. Als sie jedoch ihren und Hannahs Namen hörte, stand sie auf und wollte hinübergehen – und stand schon im Flur vor Ben. „Sie nehmen es gar nicht gut auf“, sagte er. „Wir sollten hinfahren.“ Laura zögerte keine Sekunde. „Ich pack ein paar Sachen zusammen, falls wir bis morgen bleiben“, warf sie ihm zu, schon auf dem Weg ins Kinderzimmer. Wenige Minuten später stand sie mit einer kleinen Reisetasche und einer Kühltasche wieder neben ihm. Auf dem Weg zum Auto fragte Ben: „Was sagen wir in der Schule, warum wir Hannah abholen?“ „Die Wahrheit“, antwortete seine Frau. „Ein familiärer Notfall.“ Kurz darauf saß die aufgeregte Hannah auf dem Rücksitz und sie waren unterwegs nach London.
*
Auf der Feuerwache der Stadt, die sie gerade hinter sich ließen, war es an diesem Vormittag ruhig. Der Wachhabende behielt die Monitore und Anzeigen im Auge, notierte gelegentlich etwas für den Tagesbericht und griff hin und wieder in die Tüte mit gesalzenen Erdnüssen, die neben der Tastatur auf der Tischplatte lag. Der Leiter der Feuerwache hatte gerade die Dienstpläne für den kommenden Monat geschrieben, jetzt zog er sein Handy aus der Tasche und lehnte sich für eine Verschnaufpause in seinem Stuhl zurück. Er scrollte durch eine Nachrichtenseite und blieb an einem Foto hängen. „Ich glaub’s ja nicht“, entfuhr es ihm. Er stieß den Kollegen an und schob ihm sein Handy hin, auf dem eine Fotostrecke zu sehen war. Er zeigte auf das Foto eines rothaarigen Mannes und die Bildunterschrift. Der zweite Feuerwehrmann pfiff unwillkürlich durch die Zähne. „Na, dann brauchen wir uns ja nicht mehr wundern, warum er bei der Aktion nicht erstickt ist.“ Er schüttelte ungläubig den Kopf und fragte: „Unser Held ist also ein echter Engel?“ Sein Vorgesetzter nahm sein Handy wieder an sich und scrollte zu dem kurzen Bericht, der die Fotos ergänzte. „Ne“, sagte er. „Wenn das hier stimmt… dann ist er der Teufel.“
*
In derselben Stadt saßen zwei Obdachlose in der örtlichen Suppenküche, wärmten ihre Hände an Kaffeebechern und verfolgten die Nachrichten auf dem Fernseher, der in einer Ecke hing. „Ich hab’s dir gleich gesagt“, sagte der Ältere der beiden und zeigte auf den Bildschirm. „Der mit den Schlafsäcken war ein Schutzengel!“ Debbie hatte das Gespräch von ihrem Tisch aus verfolgt und gesellte sich nun zu den beiden Männern. „Was redest du denn da, Henry?“, fragte sie und zog sich einen Stuhl heran. Sie kannte diesen Mann schon lange. Er hatte vor Jahren den Boden unter den Füßen verloren, nachdem er zu lange zu viele Pillen mit zu viel Alkohol hinuntergespült hatte. Besorgt sah sie ihn an. Aber seine Augen waren klar und sein Atem roch nicht nach Schnaps oder Bier. Er zeigte auf den Bildschirm und sein Begleiter sagte: „Er hat Recht, Debbie. Der Kerl da ist ein paar Monate lang nachts bei uns unter den Brücken aufgetaucht und hat warme Schlafsäcke verschenkt.“ Henry zeigte immer noch auf das Fernsehgerät: „Die sagen, er ist unsterblich.“ Ungläubig folgte die Leiterin der Sozialstation seinem Blick. „Anthony!“, murmelte sie, als das Bild des überschlanken großen Mannes ganz in Schwarz erneut im Abspann auftauchte. „Was für eine verrückte Geschichte ist das, mein Junge? Und was machst du darin?“
*
In einem Hörsaal in London vibrierte ein Handy in einer Hosentasche. Es gehörte Liam, der zu diesem Zeitpunkt in einer Politik-Vorlesung saß. Der Dozent hatte ihnen heute zum Einstieg Szenen aus der Parlamentsdebatte über den Umgang mit Unsterblichen gezeigt und sie diskutierten engagiert über die vorgebrachten Thesen. Was bedeutete die Anwesenheit von Unsterblichen in einem Land für dessen Gesellschaft und den Staat? Waren sie eine Gefahr? Würde man Unsterbliche erkennen, wenn man sie auf der Straße sah? Hatten sie womöglich Hörner oder einen Heiligenschein? Galten die Grund- und Menschenrechte auch für Engel und Dämonen?
Es war eine der spannendsten Vorlesungen seit langem, was vor allem daran lag, dass der Dozent nicht dozierte, sondern ihre Diskussion moderierte.
Liam ignorierte sein Handy. Als es jedoch zum vierten Mal in Folge ausdauernd vibrierte, zog er es entnervt aus der Tasche, um den Flugmodus zu aktivieren. Sein Blick blieb an einer WhatsApp-Nachricht von Vicky hängen. Ungläubig starrte er auf das Foto und klickte den Link an, den sie ihm geschickt hatte. Gleich aus mehreren Bildern blickten ihn sein Vermieter und dessen Partner an. Mister Fell und Mister Crowley, die ihm und Vicky noch vor Kurzem beim Umzug geholfen hatten. Er brauchte ein paar Minuten, bis er sich wieder auf seine Vorlesung konzentrieren konnte.
Kurz darauf meldete er sich zu Wort. „Ich kann eine der Fragen beantworten“, sagte er stockend, als der Dozent ihn aufrief. Er erkannte seine eigene Stimme kaum. „Keine Hörner“, sagte er leise. „Kein Heiligenschein.“ Er schaute sich im Hörsaal um, sah in die erstaunten Gesichter seiner Kommilitoninnen und Kommilitonen. „Man erkennt sie nicht“, sagte er. „Nicht mal, wenn man ihnen die Hand gibt.“ Sein Sitznachbar zog ihn am Ärmel. Erst jetzt merkte Liam, dass er sich noch immer meldete.
*
„Newt? – Newt!!?“ Eine großgewachsene dunkelhaarige Frau betrat das kleine Cottage, das sie etwas außerhalb von Tadfield mit ihrem Freund bewohnte. Sie hörte ihn antworten, konnte das gepresste „Hier!“ aber nicht orten. Sie ging einige Schritte in den Flur hinein und rief noch einmal: „Wo bist du?“ „Küche“, erhielt sie zur Antwort und folgte der Stimme. „Ich muss dir was…“
Sie blieb mit der Klinke der Küchentür in der Hand stehen und schaute ungläubig auf das Szenario, das sich ihr bot: Newts Brille hing schief auf seiner Nase und schien nur noch ein Glas zu haben. Die widerspenstigen Haare, die ihm normalerweise über die Brille hingen, fehlten und der Haaransatz hatte die falsche Farbe: Er war schwarz. Wie auch Newts Hände, die er vergeblich unter der Tischplatte zu verbergen versuchte. Unter der Tischplatte, auf der ein ebenfalls schwarzes Objekt stand, das Anathema vage bekannt vorkam.
Sie rollte mit den Augen. „Bitte sag mir, dass das nicht unser Toaster ist“, schnaubte sie. Die Augen unter den angekokelten Haaren und hinter der Brillenruine verrieten, dass er es doch war. „Ich dachte wirklich, dass es keine große Sache ist, das Kabel zu tauschen“, sagte er geknickt und sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Sie sah sich das Häufchen Elend auf der anderen Seite des Küchentischs an, die rauchenden Reste ihres Toasters, und konnte nicht anders: Sie brach in Lachen aus. „Wann siehst du es endlich ein?“, fragte sie prustend. Kurz darauf hielt sie besorgt inne. „Hast du dir wehgetan?“, wollte sie wissen. „Abgesehen von den versengten Haaren nicht“, murmelte er, erleichtert, dass sein Wirbelwind heute offenbar gute Laune hatte.
„Du kaufst den neuen!“, beschied sie und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Aus der Tasche, die sie dabei auf den Boden stellte, ragten Zeitschriften mit Titeln wie „Die moderne Hexe“ und „Der Okkultist“. Sie bückte sich danach, fischte aber nicht die Zeitschriften aus der Tasche, sondern ihr Handy. „Sie tippte und wischte kurz darauf herum, dann schubste sie es schwungvoll über den Tisch. „Sieh mal“, sagte sie, während Newt auf das Foto mit den vielen Bücherregalen blickte. „Ich denke, ich weiß endlich, wo Agnes‘ Prophezeiungen zu finden sind.“
*
Maggie atmete tief und genüsslich ein, während sie das Paket Kaffeebohnen in die Espressomaschine füllte. Der Kaffeeduft mischte sich mit dem der frischen Scones, die sie unmittelbar zuvor aus dem Ofen genommen hatte. Dann wurde sie von einem lauten Poltern abgelenkt.
„Was ist denn da hinten los?“, fragte sie Nina und warf einen unbehaglichen Blick quer durch das Café. An einem Tisch am Fenster waren vier Stammgäste offenbar miteinander in Streit geraten. Sie hatten schon eine ganze Weile heftig gestikuliert und hitzig diskutiert. Jetzt war einer der vier aufgesprungen, hatte dabei seinen Stuhl umgestoßen und schrie die anderen an. Nina legte das Messer aus der Hand, mit dem sie Bagel aufgeschnitten hatte, und steuerte entschlossen den Tisch der Streithähne an. „Sei doch nicht so blauäugig“, rief der Stehende gerade. „Was sollte sie wohl daran hindern, einfach die Macht an sich zu reißen?“
Die Besitzerin des Cafés hatte keine Ahnung, worum es bei diesem Streit ging, und es interessierte sie auch nicht. Resolut schob sie den Schreihals ein Stück zur Seite. „So Herrschaften, wir beruhigen uns jetzt mal wieder!“, sagte sie bestimmt. „Das hier ist ein Café. Und Sie sind nicht die einzigen Gäste.“ Sie hob den umgekippten Stuhl auf und zeigte auffordernd darauf. Der Mann setzte sich zwar, war aber immer noch aufgebracht. Nina schaute in die Runde. „Sie haben genau zwei Möglichkeiten“, sagte sie mit Nachdruck. „Eins: Sie beruhigen sich, trinken in aller Ruhe aus — und Schwamm drüber. Oder, zwei: Sie begleiten mich jetzt zur Kasse und verlassen nach dem Zahlen sofort das Café.“
Sie überprüfte die Wirkung ihrer Worte. Die Frau, die ihr direkt gegenübersaß, entschuldigte sich. „Alles klar, wir benehmen uns.“ Ihre Nachbarin nickte ebenfalls. Dann stellte sie jedoch eine Frage: „Was halten Sie denn davon, Nina? Machen Sie sich bei dieser Nachbarschaft keine Sorgen um Ihr Café?“
„Was denn für eine Nachbarschaft?“, fragte die Eigentümerin des „Give me coffee or give me death“ verwundert zurück.
Die Frau zeigte durch das Fenster des Cafés auf die andere Straßenseite. „Na, mit Geflügelten direkt vor der Nase. Mit den Engeln und Teufeln da gegenüber.“
Ninas Blick war zur Buchhandlung gewandert, während die Frau sprach, nun schloss sie die Augen. Sie versuchte vergeblich, ruhig zu bleiben. Ihr Puls beschleunigte und sie spürte, wie ihr Gesicht zu glühen begann. Sie zählte stumm bis Fünf, wie sie es sich angewöhnt hatte, als sie und Lindsay beinahe täglich stritten. Im letzten Vierteljahr ihrer Beziehung war eine Menge Geschirr zu Bruch gegangen. Sie wusste, wie impulsiv sie werden konnte. Mühsam beherrscht sah sie schließlich die Fragerin an und antwortete: „Wenn Sie die überaus liebenswerten Buchhändler im Haus gegenüber meinen, so fühle ich mich mit diesen ganz reizenden Nachbarn ausgesprochen wohl.“
Sie machte eine Pause und rang wieder um Selbstbeherrschung. Mit mäßigem Erfolg.
„Erheblich wohler als mit manchen Idioten, die hier regelmäßig verkehren“, schleuderte sie den Gästen entgegen, machte auf dem Absatz kehrt und ging zurück zur Theke, wo Maggie ihr besorgt entgegensah.
„Worum ging es?“, fragte sie und griff beruhigend nach der Hand ihrer Partnerin. „Offenbar um Muriel und die Männer.“ Nina starrte Maggie ausdruckslos an. „Der Artikel unserer beiden verhinderten Enthüllungsjournalistinnen muss wohl erschienen sein. Und ich vermute, in den Kommentarspalten laufen die ‚besorgten Bürger‘ Amok.“ Sie schüttelte angespannt den Kopf. „Ich wünschte, Erziraphael und Muriel hätten sich anders entschieden, aber… dafür ist es nun eindeutig zu spät. Der Geist ist aus der Flasche.“ Sie griff nach ihrem Smartphone, das hinter der Kuchentheke lag, und suchte nach aktuellen Meldungen. Als sie die Schlagzeilen las, wurde sie blass, auf ihrer Stirn bildeten sich Sorgenfalten.
„Nina, Darling, was hast du?“ Maggie beobachtete sie besorgt. Ihre Freundin schaute zu ihr auf, ihr Blick eine Mischung aus Wut und Traurigkeit. „Wenn das der angekündigte Beitrag zu einer Versachlichung der Debatte sein soll, ist das schwer nach hinten losgegangen.“ Ihr Seufzer klang mehr wie ein Stöhnen, aber Maggie wartete vergeblich auf eine weitere Erklärung.
Nina drehte sich zum Gastraum um und zögerte. Sie musste sich Gehör verschaffen, aber wie? Sie pfiff — zu leise, denn niemand reagierte. Daraufhin steckte sie zwei Finger in den Mund und gab einen gellenden Pfiff von sich.
Der wirkte.
Als alle Köpfe sich zu ihr umgewandt hatten, sagte sie laut: „Ich muss Sie leider bitten, das Café zu verlassen. Wir haben einen privaten Notfall und müssen für heute schließen.“ Sie fing Maggies alarmierten Blick auf.
„Jetzt“, sagte sie fest.