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Aufheiterungen (immer noch Mittwoch)

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Aufheiterungen (immer noch Mittwoch)

In der Buchhandlung herrschte bleierne Stille. Selbst Muriel war der Optimismus ausgegangen – sie saß in sich zusammengesunken auf einem Stuhl und ließ den Kopf hängen. Zum ersten Mal brachte sie nicht die Kraft auf, mit pragmatischer Geschäftigkeit und keinen Widerspruch duldender Fürsorge über die Tiefschläge des Lebens hinwegzugehen. Sie hatte Erziraphael zugestimmt, als er entschied, sich als Engel zu outen. Hätte sie wissen müssen, was daraufhin passieren konnte? Sie hätte es zumindest ahnen können.

Mitleidig wanderte ihr Blick zu Crowley, der schon so viel erlitten hatte, und dem jetzt wieder etwas weggenommen wurde. Eine Aufgabe, die er liebte, mit der er Gutes bewirkt hatte. Durch ihre Schuld! Oder jedenfalls Mitschuld… Sie fühlte sich schlecht und sie konnte den Dämon nicht ansehen, ohne sich noch schlechter zu fühlen.

Seit er nach Alec gefragt hatte, war kein weiteres Wort über Crowleys Lippen gekommen. Erziraphael hatte einen Stuhl herangezogen und der Dämon war in seine Arme gesunken, kaum dass er sich zu ihm gesetzt hatte. Der Engel machte sich heftige Vorwürfe. Das hier hatte er zu verantworten. Er hatte eine Entscheidung getroffen und Crowley keine Chance gelassen, sich anders zu entscheiden. Er hörte sich zu Ben sagen: „Mach dir keine Sorgen, ich weiß, was ich tue.“ Von wegen! Wie hatte er so selbstgerecht sein können? So naiv? Er kannte doch alle Mechanismen der Meinungsmache, die die Menschheit über Jahrtausende perfektioniert hatte. Er schüttelte ärgerlich den Kopf, wütend auf sich selbst. Und der geliebte Mann in seinem Arm musste es nun ausbaden. Dabei hatte er jedes Recht, endlich einmal unbehelligt zu leben und glücklich zu sein. Crowley atmete flach und bewegte sich nicht. Nur hin und wieder lief ein Zittern durch seinen Körper.

Die Minuten schlichen vorbei.

Dann klingelte das Telefon. Sie sahen sich an, unentschlossen und sorgenvoll. Es klingelte weiter.

Schließlich stand Muriel auf, ging die paar Schritte zu dem altmodischen Apparat und nahm ab. Ihre hochgezogenen Schultern verrieten all ihre Befürchtungen.

Erziraphael beobachtete sie mit offenem Mund und atmete erst wieder aus, als sie sagte: „Liam, das ist furchtbar lieb von euch. Danke! Nein, im Moment nicht, aber danke für das Angebot. Wir sind alle hier. Ja gut, dann melden wir uns. Grüß Vicky von uns.“

Während die Engel einen erleichterten Blick wechselten, richtete Crowley sich plötzlich auf. „Ich leg mich mal ne Weile hin“, murmelte er, stand auf und ging zur Treppe. „Crowley!“, Erziraphael eilte ihm hinterher. „Jetzt nicht, Engel“, wehrte der ab und stieg die ersten Stufen hinauf. Seine Füße waren schwer und schienen mit jedem Schritt schwerer zu werden, während in seinem Kopf zwei Worte aus der Schlagzeile widerhallten: „Der Teufel…“ Er schloss die Augen und sah wieder die Angst und die Ablehnung in den Augen der Direktorin. Ihr Mund öffnete und schloss sich im Rhythmus seines Herzschlages: „Der Teufel, der Teufel, …“

Im selben Moment klingelte das Glöckchen über der Ladentür und mit einem kalten Luftzug kam Arwen hereingeweht. „Hallo miteinander“, grüßte sie beschwingt, bemerkte aber im selben Moment die bedrückte Atmosphäre. Sie sah von einem zum anderen. Crowley schien auf der Treppe eingefroren zu sein, sah sich nicht um, stieg aber auch nicht weiter hinauf.

Sie ging auf Muriel zu und umarmte sie. „Was ist los?“, flüsterte sie. Muriel antwortete nicht. Stattdessen sah sie zu Crowley, stand dann auf und ging zu ihm. Von hinten griff sie vorsichtig nach seiner Schulter.

„Bleibst du bitte bei uns?“

Sie wartete.

Fügte hinzu: „Diese Geschichte solltest du erzählen, meinst du nicht?“

Hatte er genickt? Oder hatte sie es sich eingebildet?

Er sah sie über seine Schulter hinweg an, die Bewegung so langsam, als leiste die Luft verbissenen Widerstand. Seine Augen schlossen sich für einen Moment, bevor er seufzte und umkehrte.

Muriel riss sich zusammen, so gut sie konnte. „Lasst uns am Tisch reden“, schlug sie vor. „Erziraphael, willst du uns nicht einen Tee machen?“ Arwens Ankunft hatte sie aus der Erstarrung erlöst.

Kurz darauf saßen sie um den Tisch und nippten an ihrem Tee. Sie hatten Arwen kurz in die Ereignisse dieses Vormittags eingeweiht. Sie hatte den ganzen Morgen über mit ihrer Band geprobt und deshalb nichts von dem Bericht und seinen Folgen mitbekommen. Jetzt war sie ebenso erschüttert wie die anderen und hatte sich von der resignierten Stimmung anstecken lassen.

Alle starrten in ihre Tassen.

Schließlich fasste sich Muriel ein Herz.

„Deswegen hatte ich dich aber vorher nicht angerufen“, sagte sie mit ein wenig frischer Energie. Immerhin hatten sie eine gute Nachricht. Und sie musste nicht erst lange nach einem Vorwand suchen, um auf das Thema „Unsterbliche“ zu kommen.

„Hast du mitgekriegt, dass die Hölle Hafterleichterungen für Gefangene angekündigt hat?“, fragte sie so beiläufig wie möglich.

„Hm“, bestätigte Arwen. „Warum fragst du?“

Muriel tastete sich näher heran: „Sie wollen wohl in Kürze das Kontaktverbot für die Inhaftierten lockern oder aufheben.“

Arwen hatte bis dahin nicht besonders aufmerksam gewirkt. Sie sah nun auf, weil Muriel nicht weitersprach.

„Hast du dich…“- sie stockte, griff nach ihrer Teetasse, um die trockenen Lippen zu befeuchten. „Habt ihr euch mal gefragt, ob sich dein Vater dann vielleicht bei euch meldet?“, sagte sie schnell. Gut, jetzt war es raus!

Wenn Arwen sich darüber wunderte, wie aufmerksam auch die Männer sie jetzt ansahen, ließ sie es sich nicht anmerken. „Ne“, sagte sie erstaunt und fügte nach einem kleinen Zögern hinzu: „Nach all den Jahren? – Bringt doch nichts, sich falsche Hoffnungen zu machen.“

Sie starrte auf die Tischplatte. Unwillkürlich dachte sie an die Zeit nach dem Verschwinden ihres Vaters. Monatelang hatte sie jedem rothaarigen Mann sehnsüchtig „Papa?“ hinterhergerufen – und geweint, wenn sich ein Fremder zu ihr umdrehte.

„Was?“, fragte sie abweisend, als Muriel nach ihrer Hand griff.

„Und wenn es keine falschen Hoffnungen wären?“ Muriel hielt die Luft an und hätte am liebsten auch die Augen zugekniffen.

Arwen rückte mit ihrem Stuhl ein Stück vom Tisch weg und zog ein Bein unter sich auf die Sitzfläche. Es sah nicht wirklich bequem aus. „Was wird das hier?“, fragte sie jetzt. Sie klang misstrauisch.

Das konnte sie ihr nicht verdenken, dachte Muriel. Sie verstärkte den Griff um Arwens Hand und sagte: „Ich weiß nicht, wie ich dir das schonender beibringen kann, aber – dein Vater lebt und… und Crowley hat mit ihm gesprochen.“

Arwens Stirn legte sich in Falten, die junge Frau war die personifizierte Skepsis. Eine anmutige rothaarige Skepsis. Sie schaute Crowley an, erwartete ganz offensichtlich, dass er diese befremdliche Behauptung aufklärte.

Er seufzte. „Äh…, ja…, stimmt“, begann er zögernd. „Du Depp“, schalt er sich innerlich. „Nun mach schon!“

Er räusperte sich.

Noch einmal.

„Ngk! … Also, ja…, ich hatte mich bei Gabriel und Beelzebub erkundigt, ob sie sich nicht mal nach deinem Vater umhören könnten.“ Er verstummte wieder.

Arwens Wangen hatten bei diesen Worten eine zarte Röte angenommen, ihre Augen noch immer eher skeptisch, ihr Mund leicht geöffnet. „Und?“, fragte sie. Sie hatte es neutral klingen lassen.

„Es gab keine verlässlichen Informationen“, fuhr er fort. „Na ja, und dann waren wir unten und…, und haben ihn gefunden.“ Er sah sie nicht direkt an. Wie würde sie das aufnehmen?

„Wie – ihr wart unten? … Und wer ist überhaupt wir?“

In wenigen Sätzen erzählte Crowley – mit der Unterstützung von Muriel – von den Geschehnissen in dem Gefangenenlager.

Sein Angebot an Balgran ließ er aus.

Dafür erzählte er Arwen ganz bewusst, welchen Respekt er in der kurzen Zeit für ihren Vater entwickelt hatte. Wie angesehen Balgran war und wie verantwortungsvoll er handelte. Dass es den Gefangenen, abgesehen vom Entzug ihrer Freiheit, gut ging.

Erziraphael beteiligte sich nicht aktiv an dem Gespräch. Er beobachtete. Er sah, wie Arwen Muriels Behauptung zuerst ungläubig aufnahm, und wie sie sich bei Crowleys Worten nach und nach erlaubte, zu glauben, was sie da hörte. Ein schmerzliches Lächeln stahl sich auf seine Lippen, als er daran dachte, wie grausam diese Familie getrennt worden war und wie lange sie auf ein Lebenszeichen hatten warten müssen. Er versuchte, den Gedanken an den Aufstand zu verdrängen, der jeden in der Hölle bedrohte – Gefangene ebenso wie Wärter, Schuldige ebenso wie Unschuldige.

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis Arwen ihren Blick von Crowleys Lippen löste. Sie fuhr sich abwesend mit einer Hand durch ihre langen Locken, während sie versuchte, sich über ihre Gefühle klar zu werden. Sie hatte Crowley und Muriel unterbrochen, bevor sie darüber sprechen konnten, ob ihr Vater noch an sie dachte, ob er sie vermisste, ob er sie noch… liebte. Ihre Kindheitserinnerungen flatterten an ihr vorbei und sie lächelte unwillkürlich. Aber… war das noch ihr Vater? Konnte sie noch seine Tochter sein? Waren sie nicht längst Fremde?

Die Tränen, die ihr bei diesem Gedanken in die Augen schossen, gaben den Ausschlag:

„Erinnert er sich noch an mich?“, fragte sie.

Dabei starrte sie Crowley so flehend an, dass er dankbar war, keine andere Antwort geben zu müssen. Und er erzählte: Von den Erinnerungen, die Balgran mit ihm geteilt hatte. Davon, wie er das Wenige aufgesaugt hatte, was Crowley über Arwen erzählen konnte. Wieviel Sehnsucht er in dem anderen Dämon gespürt hatte. Und von Old Mac Donald.

In diesem Augenblick brachen alle Dämme: Arwen fiel ihm um den Hals und weinte laut und schluchzend, ließ alles hinaus, was sie in den vergangenen Jahren an Trauer und Einsamkeit in sich weggesperrt hatte, ließ ihrem Kummer freien Lauf – und schließlich auch ihrer Freude.

Am Ende richtete sie sich auf, löste sich vorsichtig aus seinem Armen und nahm seine Hände. „Danke, Anthony Crowley“, sagte sie. „Das werde ich dir niemals vergessen.“ Dann beugte sie sich vor, küsste ihn auf beide Wangen und umarmte ihn noch einmal fest und lang. Als sie aufstand, fiel ihr Blick auf die durchweichte Vorderseite seines Shirts. „Ihr habt doch hoffentlich einen Trockner?“, fragte sie.

Und endlich löste sich die drückende Stimmung in befreitem Gelächter auf.

„Wartet, wartet!“, machte Muriel sich jetzt bemerkbar. „Das ist ja noch gar nicht alles!“ Sie griff nach Arwens Händen und sah der Freundin ernst in die Augen. „Crowley hat dir eine Nachricht mitgebracht. Du kannst ihn sehen, seine Stimme hören.“ Sie reichte ihr ein Smartphone und Arwen starrte ungläubig auf das Bild auf dem Display.

„Papa“, flüsterte sie.

„Möchtest du allein sein, wenn du es anschaust?“ Muriel suchte ihren Blick.

Arwen griff nach ihrer Hand und umklammerte sie. „Auf gar keinen Fall!“, sagte sie bestimmt. Und dann drückte sie mit einem leicht zitternden Zeigefinger auf den Play-Pfeil.

*

Als wenig später Nina und Maggie in die Buchhandlung kamen, erkennbar besorgt und darauf gefasst, einen tobenden Dämon und zwei sich mit Selbstvorwürfen quälenden Engeln zu begegnen, starrten sie ungläubig auf den Anblick, der sich ihnen bot: Erziraphael hatte einen Arm um Crowleys Schultern gelegt und sie beobachteten Muriel, die Arwen im Arm hielt. Alle vier mit einem warmen Lächeln und leise schniefend.

„Maggie“, sagte Nina kopfschüttelnd, wobei sich die Sorge in ihrem Gesicht langsam in Erleichterung verwandelte. „Ich fürchte, wir haben unsere Kunden umsonst rausgeschmissen.“

***

Arwen fiel den Neuankömmlingen um den Hals — auf die Phase der tränenfeuchten Rührung folgte offenbar gerade die nächste Welle überschäumender Freude. „Stellt euch vor!“, rief sie, „mein Vater lebt, er lebt!“ Nina grinste. „Das wissen w…“ Sie unterbrach sich, weil Maggie ihr einen energischen Stoß in die Rippen versetzte. „Was?“, setzte sie an, dann wurde auch ihr klar, wie unangemessen ihre Antwort gewesen wäre. „Was … für eine schöne Überraschung!“, rettete sie sich und erwiderte die Umarmung. Arwen glühte vor Aufregung — sie hatte von Ninas Fauxpas zum Glück nichts mitbekommen. Auf Maggies vorwurfsvolles Stirnrunzeln wären später sonst sicher noch ernste Vorhaltungen gefolgt. So aber begnügte sich die Freundin mit einem Kopfschütteln, schob sich an Nina vorbei und zog Arwen mit zurück an den Tisch. „Erzähl uns alles! Was ist passiert?“

Überglücklich erzählte Arwen nur zu gern, was sie keine halbe Stunde zuvor erfahren hatte. „Er denkt an mich“, wiederholte sie mehrmals. „Und an meine Mutter natürlich!“, setzte sie mit einem versonnenen Lächeln hinzu. „Ist das nicht romantisch?“ Die junge Frau strahlte abwechselnd Maggie und Muriel an.

Nina hatte sich währenddessen zu Erziraphael und Crowley gesellt. „Wenn ich gewusst hätte, dass hier eine Familien-Wiedervereinigung gefeiert wird, hätte ich mir weniger Sorgen um euch gemacht“, sagte sie — nur, um sich unmittelbar danach auf die Zunge zu beißen, als Crowleys Lächeln einfror. „Glanzleistung, Nina!“, gratulierte sie sich sarkastisch im Stillen. „Zwei Fettnäpfe in knapp fünf Minuten, das ist selbst für dich zu viel.“ Sie griff nach Crowleys Hand und suchte seinen Blick. „Tut mir leid, Mann!“ Sie sah ihn anteilnehmend an. Auch wenn sie ihre sanfte Seite gerne hinter ihrem rauen Ton verbarg, schmerzte es sie, den Freund so zu sehen. Schon wieder.

„Im Moment kommt’s echt dicke, oder?“, fragte sie mitfühlend. Erziraphael nickte ihr dankbar zu und zeigte auf den Stuhl neben Crowley. „Woher wisst ihr es?“, erkundigte er sich, sobald sie saß. Nina erzählte von den streitenden Gästen und von ihrer kurzen Recherche in den Sozialen Medien. „Und ihr?“ Ihre Frage war an Crowley gerichtet, aber der schien der Unterhaltung nicht zu folgen. Sein Blick war teilnahmslos auf einen unbestimmten Punkt irgendwo hinter Nina gerichtet. Sie sah stattdessen zu Erziraphael und musste trotz allem lächeln, als sie ihn beobachtete. Er hielt ununterbrochen Körperkontakt zu Crowley, als hätte er Angst, der Dämon könne sonst einfach verschwinden. „Ben“, antwortete er schlicht, während er seine Hand sanft auf Crowleys Rücken kreisen ließ.

„Und Crowley hat es in der Schule erfahren“, ergänzte er, um dann traurig hinzuzusetzen: „Zusammen mit der Mitteilung, dass man dort auf ihn und Hexe ab sofort verzichten will.“ Ninas Kopf ruckte nach oben. „Sie haben ihn rausgeschmissen? — Oh Mann!“ Wieder griff sie nach Crowleys Hand. „Es tut mir so leid“, sagte sie — diesmal ganz sanft.

„Meine Mum!“, rief es plötzlich vom anderen Tischende und sie wandten sich nach der Stimme um. „Ich muss es doch meiner Mum erzählen!“, rief Arwen. Sie sprang auf, wehte einmal um sie herum, hielt bei Crowley kurz inne, fasste sein Gesicht mit beiden Händen, drückte in Windeseile einen Kuss auf seine Stirn und zwei weitere auf die Wangen und schwups, war sie auf dem Weg zum Ausgang. „Danke, danke, danke“, rief sie ihnen noch einmal zu, warf ihnen vom Ausgang aus Kusshändchen zu und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen.

Hinter ihr blieb Stille zurück.

Maggie lächelte noch, als sie ihre Aufmerksamkeit den Freunden zuwandte, sah aber sofort, dass hier eine andere Stimmung herrschte. „So schlimm?“, fragte Maggie leise, direkt an Ninas Ohr, als sie sich auf den Stuhl neben der Freundin gleiten ließ. „Sie haben das Schulprojekt deswegen beendet“, erklärte Nina schnell.

Bei diesen Worten regte sich Crowley. Er gab ein Geräusch von sich, das entfernt nach einem bitteren Lachen klang. „Rausschmiss“, krächzte er. „Vor den Kids.“ Sein Blick ging immer noch ins Leere. „Oh, Lieber, das ist so ungerecht!“ Maggie griff an Nina vorbei nach Crowleys Unterarm und drückte ihn tröstend. „Wo du doch so viel für die Kinder erreicht hast!“ Bei ihren Worten flatterten seine Lider, vielleicht war es auch die Berührung. Auf jeden Fall zeigten seine Augen, dass er die Freunde jetzt wieder wahrnahm. Er sah in die Runde, dann legte er seine Hand über die Maggies und erwiderte dankbar den Druck. Als Nächstes wanderte sein Blick zu Erziraphael, der seine Hand noch immer auf Crowleys Rücken hatte. Kurz lehnte er sich bei ihm an, nur einen Augenblick, aber der Engel wusste, dass das Crowleys Art war, ihm zu sagen: „Danke, dass du bei mir bist.“ Er unterdrückte einen erleichterten Seufzer.

„Und sonst?“, fragte Maggie beklommen. „Wieder böse Anrufe?“ Erziraphael schüttelte den Kopf. „Bisher zum Glück nicht.“ „Am Haus ist auch nichts“, ergänzte Nina. „Ich habe extra drauf geachtet, als wir gekommen sind.“

Muriel war am Tisch stehengeblieben, nachdem sie Arwen zur Tür begleitet und ihr nachgesehen hatte. „Alec ist heute einfach nicht gekommen“, sagte sie ausdruckslos. „Keine Nachricht, nichts.“

Das erschrockene „Oh!“ Ninas verriet, dass sie die gleichen Schlüsse aus dem Ausbleiben des Tischlers zog wie Crowley und die beiden Engel.

Schließlich fragte Maggie unglücklich: „Und nun? – Wir können doch nicht einfach hier sitzen und abwarten, was passiert, oder?“ Fragend sah sie den Freunden ins Gesicht, einem nach dem anderen.

„Ich habe keine Ahnung, liebe Maggie“, bekannte Erziraphael. Er wandte sich zu Crowley um, streichelte seine Wange, hielt seine Hand, betrachtete schmerzerfüllt, wie die Enttäuschung und die Bitterkeit aus jeder seiner Bewegungen, aus seinem Schweigen und seinen Zügen sprachen. Langsam änderte sich die Haltung des Engels, die Schultern strafften sich, das Kinn wanderte nach oben. Als er von Crowley wieder zu den Freundinnen schaute, waren seine Augen stahlblau und voller Entschlossenheit. „Ich werde nicht zulassen, dass wir schon wieder verletzt werden“, sagte er. Der feste Klang seiner Stimme und der Nachdruck hinter seinen Worten schienen ihn selbst zu überraschen. — Er hielt kurz inne. Was genau war es, das sein Fass zum Überlaufen gebracht hatte? Dann schüttelte er die Irritation ab und bekräftigte: „Nicht schon wieder!“

*

„So will ich das hören!“, erklang plötzlich eine Frauenstimme von der Ladentür. Alle sahen auf. Es war Laura, die in den Laden gestürmt kam — mit Ben und Hannah im Schlepp. Sie kam um den Tisch herum, klopfte Erziraphael aufmunternd auf den Rücken und wandte sich dann ganz Crowley zu. „So will ich das auch von dir hören, Anthony!“ Sie beugte sich über ihn und schloss ihn fest in ihre Arme. Sie ließ ihn erst wieder los, als Hannah sie eingeholt hatte und energisch ihr Recht forderte. Sobald Laura ihn freigab, kletterte die Kleine auf Crowleys Schoß. Zwei leicht klebrige Kinderhände umfassten das Gesicht des Dämons. „Es wird alles wieder gut!“, sagte sie voller Überzeugung. Sie sah sich nach Zustimmung heischend um, dann krähte sie fröhlich: „Jetzt sind wir ja da!“ Die Erwachsenen lachten und selbst Crowley lächelte ein kleines schmerzliches Lächeln, während er Hannah an sich drückte und sein Gesicht in ihren Haaren verbarg. Als letzter kam Ben an den Tisch. Auch er griff aufmunternd nach Crowleys Schulter. „Du hast die Chefin gehört, Kumpel“, sagte er flachsend.

Nach der Begrüßungsrunde ließen Ben und Laura sich erzählen, wie es den Freunden an diesem Tag ergangen war. Bedauernd schüttelten sie den Kopf, als Nina aus dem Café erzählte, Muriel entrüstet von der Schuldirektorin und Erziraphael traurig von Alec. Ben rieb sich die Hände: „Ihr braucht einen Schlachtplan“, sagte er entschieden. Und Laura ergänzte: „Wir haben uns unterwegs schon mal ein paar Gedanken gemacht.“