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Ein Engel hat Angst (immer noch Mittwoch)

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Ein Engel hat Angst (immer noch Mittwoch)

Zögernd näherte sich Berechiel dem Sitzungsraum, zu dem Furfur sie geführt hatte. Trotz der freundlichen Begrüßung und trotz des erfreulichen Anlasses fühlte er sich unwohl. Es hatte begonnen, sobald sich die Tür des Aufzugs hinter ihm und Jesus geschlossen hatte. Als bald darauf der Abgesandte der UN und der Journalist zugestiegen waren, war das unangenehme Gefühl in den Hintergrund getreten, während sie sich begrüßten und Höflichkeiten austauschten. Umso stärker hatte es ihn wieder überfallen, als sie angekommen waren und die Fahrstuhltür sich vor ihnen geöffnet hatte.

Die Tür zur Hölle.

Berechiel war zum ersten Mal unten .

Er hatte eine schlaflose Nacht hinter sich, während der sein ruheloser Geist ihm immer wieder neue Katastrophen-Szenarien präsentierte. Jedes einzelne endete mit einem Scheitern der Mission. Einmal gerieten sie in einen Hinterhalt aufständischer Dämonen und wurden getötet, ein anderes Mal als Geiseln genommen. In einem anderen Traumbild beleidigte er unwissentlich Furfur und andere Mitglieder der höllischen Delegation, was zu seiner Festnahme und dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen führte. In einer weiteren Variante eröffneten ihnen die Vertreter der Menschheit, dass sie künftig nur noch mit der Hölle zusammenarbeiten würden, weil man die himmlische Führung verdächtigte, hinter den Aktivitäten von Winged Pride zu stecken.

Vergeblich hatte er sich wieder und wieder die Gespräche mit Gabriel und Jesus in Erinnerung gerufen, die ihm versicherten, dass ihnen unten bei diesem Termin keine Gefahr drohte, dass die Hölle längst nicht mehr der Ort war, den man ihnen früher in manipulativen Schulungsfilmen gezeigt hatte. Sie hatten ins Feld geführt, dass sie Furfur seit den Verhandlungen zum Großen Vertrag gut kannten, dass er ein Ehrenmann war, ja sogar ein Freund. Gabriel hatte ihn mehrfach daran erinnert, dass der Stab des Höllenrats aus ebenso vertrauenswürdigen Mitarbeitern bestand, und dass er persönlich für die Sicherheit der gemischten Delegation gebürgt hatte, der Berechiel angehören würde. Seine Elite-Truppe würde dieses Treffen schützen. Es hatte nichts geholfen – Berechiel hatte Angst. Er wusste, dass seine Angst irrational war. Aber sie war da. Und sie war alt.

Unten war der Ort, der ihm seit Beginn seiner Existenz als Heimat des Bösen vertraut war, als Rückzugsort des Feindes, als das absolute Dunkel, das alles Licht und alles Gute verschlang. Und obwohl er es längst besser wissen müsste, hatte er noch immer Angst. Existenzielle Angst. Natürlich kannte sein Verstand alle Argumente. Natürlich war es längst überfällig, dass sie endlich eines der vielen überweltlichen Treffen in der Welt des dritten Vertragspartners abhielten. Und natürlich konnte er sich der Teilnahme an diesem Treffen nicht entziehen, ohne entweder zu lügen oder einen Eklat zu provozieren.

An der Tür zu diesem Konferenzraum war nichts Bedrohliches. Furfur stand noch immer abwartend vor ihm, um ihm den Vortritt zu lassen. Furfur, den er schätzen gelernt hatte, dem er vertraute und den er mochte , Himmel noch mal! Aber plötzlich erschien ihm sein Lächeln verschlagen und sein eigenes Vertrauen naiv. Er drehte sich zu Jesus um, dessen Hand er in seinem Rücken fühlte und wollte ihn warnen, wollte…

„Berechiel, was hast du?“ Die Stimme des Gottessohnes war gewohnt sanft, enthielt aber einen nicht zu überhörenden Anteil von Ungeduld. Oder war es Besorgnis?

„Lasst mich “, sagte eine vertraute Stimme von der anderen Seite der Tür. Codimor erschien in der Türöffnung und lächelte verständnisvoll. „Vergebt ihm“, sagte er zu den wartenden Delegationsmitgliedern. „Es ist sein erstes Mal. Habt ihr schon vergessen, wie es euch damit erging?“ Betreten schauten Jesus und die Vertreter der Menschheit sich an. Daran wurden sie nur ungern erinnert, aber der Meister des Rechts sah, dass seine Worte wirkten.

Er trat nun auf Berechiel zu und nahm dessen Hände in seine. Er sah ihn freundlich an und sagte mit warmer Stimme: „Berechiel, mein Freund, ich heiße dich in meiner Heimat willkommen.“ Der hochrangige Engel war noch unverkennbar angespannt, aber er sah auf und in Codimors Augen. „Erinnerst du dich an unsere erste Begegnung?“, fragte der. Berechiel nickte stumm. „Erinnerst du dich auch an meine Begleiter, die beiden Dämonen, die nicht einmal die Erde kannten und nun zum ersten Mal im Himmel standen?“ Wieder nickte der Engel, jetzt spielte jedoch die Andeutung eines Lächelns in seinen Mundwinkeln „Sie hatten Angst“, antwortete er und Codimor ergänzte: „Ja, sie hatten Angst. Furchtbare Angst. Sie waren mitten in der Heimat des Feindes, geblendet von dem Licht, das unsere Augen nicht gewohnt waren und das sich wie Folter anfühlte. Sie waren im Herzen der Welt, die ihre Auslöschung anstrebte.“ Berechiel hatte sich merklich entspannt, während Codimor ihm diese Begebenheit ins Gedächtnis rief. Sie schwiegen beide einen Moment.

Jemand war aus dem Sitzungsraum hinter Codimor getreten, hatte den Angekommenen freundlich zugenickt und fragte nun: „Und was geschah dann?“ Es war Samael, der die Engel gegen die rebellierenden Dämonen geführt hatte.

„Dann“, alle sahen zu Jesus, als er das Wort ergriff. „Dann nahm Berechiel die Hand eines der beiden verängstigten Dämonen und legte sie auf sein Herz“, sagte der Gottessohn. Er lächelte bei dieser Erinnerung. „Und er sagte: ‚Ich weiß so gut wie du, dass du mein Herz jetzt mit einem einzigen Gedanken zum Stillstand bringen könntest. Aber ich vertraue darauf, dass du es nicht tust.“ Alle warteten schweigend auf die Fortsetzung. Berechiel selbst erzählte die Geschichte zu Ende: „Und dann fragte ich: ‚Könnt auch ihr darauf vertrauen, dass wir euch nicht schaden werden?‘ “ Er fuhr fort: „Ich sagte: ‚Ihr seid keine Eindringlinge. Wir heißen euch in unserer Heimat willkommen.‘ “

Codimor nickte zufrieden. „So war es“, bestätigte er. „Die beiden haben noch immer den allergrößten Respekt vor dir.“ Er ließ Berechiels Hände los und schlug ihm kameradschaftlich auf die Schulter. „Sie können einem mit ihren Lobeshymnen auf dich sogar regelrecht auf die Nerven gehen.“

Der Engel lachte. „Du beschämst mich, mein Freund.“ Aber Codimor schüttelte abwehrend den Kopf. „Wir haben damals etwas Wichtiges von dir gelernt“, sagte er. „Die beiden – und ich auch.“ Er trat neben Furfur, der die Szene mit einem kaum merklichen Nicken verfolgt hatte, blinzelte ihm zu und brummte: „Willst du sie nicht endlich hereinbitten?“

***

Der Kriegsrat in der Buchhandlung hatte lange gedauert und die Freunde waren erschöpft. Alle außer der kleinen Hannah, die sich irgendwann am frühen Abend zu Hexe in ihren Korb gelegt hatte und eng an die Wolfshündin gekuschelt eingeschlafen war. Nun saßen sie stumm um den Tisch und ließen ihre Gedanken schweifen.

Ihre Unterhaltung war mehrfach unterbrochen worden. Kurz nach der Ankunft von Hannah und ihren Eltern hatte das Telefon geklingelt. Weil die Unsterblichen sich nur gequält ansahen, war Laura aufgesprungen und hatte den Anruf angenommen. Sie konnte nur ein paar Worte gehört haben, da sagte sie genervt: „Erzähl das der Parkuhr, du Idiot!“, und legte auf. Nina und Maggie bissen sich auf die Lippen, um nicht zu lächeln. Keiner fragte nach. Laura war froh, dass sie den Freunden diese Beschimpfungen erspart hatte. Von da an nahm sie ganz selbstverständlich alle Anrufe entgegen, würgte feindselige Anrufer ab, ohne mit der Wimper zu zucken, und gab die unterstützenden Botschaften wort-wörtlich an die Engel und den Dämon weiter. Nachdem sie dreimal in Folge mit einer Beleidigung auf den Lippen aufgelegt hatte, hatte Crowley sie gebeten, den Stecker zu ziehen und das hatte sie getan.

Die hellsten Momente des Nachmittags hatten ihnen zwei unerwartete Besucher beschert. Die erste, die verhalten an die Ladentür geklopft hatte, war Cathy gewesen. Sie hatte Boomer dabei und fasste sich kurz, als Crowley an die Tür kam: „Ich habe Nachrichten gehört“, sagte sie. Auf diese Feststellung folgte ein überraschendes Angebot: „Falls du heute lieber nicht aus dem Haus möchtest, könnten wir Hexe mit auf unseren Spaziergang nehmen“, sagte sie schlicht. „Wir könnten euch aber auch auf eurem Spaziergang begleiten“, schob sie hinterher, während sie versuchte, den Bobtail von allzu rabiaten Liebesbeweisen abzuhalten. „Du entscheidest.“ Crowley starrte sie aus großen Augen an, dann beugte er sich zu Boomer hinunter, um ihn zu streicheln. Auf sein Zeichen kam Hexe zu ihnen, begeistert vom Wiedersehen mit ihrem liebsten Spielgefährten. Er befestigte die Leine an ihrem Halsband und hielt sie Cathy hin. „Danke“, war alles, was er über die Lippen brachte. Sie nickte ihm noch einmal zu, dann machte sie sich mit den Hunden auf den Weg.

Auch, als sie ihm später die erschöpfte, aber rundum zufriedene Wolfshündin zurückbrachte, machte sie nicht viele Worte. Sie legte eine Hand auf Crowleys Arm und sagte leise: „Die Hunde lieben dich Anthony. Mehr muss ich nicht wissen.“ Wieder fand er nichts zu sagen. Stattdessen streichelte er Boomer über den Kopf. Cathy winkte hinüber zu Erziraphael und den Gästen und verabschiedete sich. „Morgen zur gleichen Zeit“, sagte sie im Hinausgehen, ohne auf eine Antwort zu warten. Hexe folgte Crowley zum Tisch. Sobald er saß, stupste sie ihn mit der Nase an und beobachtete ihn mit schief gelegtem Kopf, bis er sie streichelte.

Der zweite Besucher war womöglich noch überraschender: Ben hatte gesehen, dass jemand sich an der Tür zu schaffen machte und war sofort aufgesprungen, um den Fremden zu stellen. Muriel war ihm mit einigem Abstand gefolgt und erkannte, dass dort kein Unbekannter stand: Es war der aramäische Koch, der Ben eine große Tüte entgegenhielt. Er hatte vergeblich versucht, sie an der Türklinke zu befestigen. „Ich habe etwas aus unserer Küche mitgebracht“, erklärte er. „Als Zeichen, dass ihr bei uns weiterhin willkommen seid.“ Erziraphael hatte die Szene verwundert beobachtet, nun kam er zur Tür, um sich zu bedanken. Alin winkte ab. „Ich ahne, wie ihr euch fühlen müsst“, sagte er und begann zu erzählen: „Vor zwei Jahren gab es eine Hasskampagne gegen unser Restaurant. Ein entlassener Kellner hatte den Medien gegenüber behauptet, wir würden mit der Hamas sympathisieren.“ Erziraphael und Ben sahen, dass die Erinnerung ihm immer noch zu schaffen machte. Die Traurigkeit zog wie ein Schleier über seine Augen. Dann fuhr er fort: „Die meisten unserer Gäste haben uns später erzählt, dass sie die Vorwürfe nie geglaubt haben. Aber als es am schlimmsten war, war niemand da.“ Er sah Erziraphael direkt in die Augen. „Seitdem wissen wir, dass es nicht reicht, neutral zu sein oder zu schweigen. Solidarität muss sich zeigen, damit sie etwas bewirkt…“

Während er erzählt hatte, waren auch Muriel und Crowley an die Tür gekommen. Der Dämon warf ein: „Ist nicht ganz dasselbe. Bei euch war es Verleumdung – bei uns ist es die Wahrheit.“ „Darauf kommt es überhaupt nicht an“, widersprach Alin heftig. „Wir wurden ebenso ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt, wie jetzt ihr – mit unseren Familien und unseren Freunden, die nicht das Geringste mit dem Restaurant zu tun haben. Auch euer Privatleben geht niemanden etwas an und eure Abstammung ebenso wenig!“ Crowley bedankte sich mit einem stummen Handschlag. Ben hatte Alin die Tüte abgenommen und reichte ihm ebenfalls bewegt die Hand zum Abschied. „Ich freue mich, dass ihr nicht allein seid“, sagte der Koch mit einem Blick zu den Menschen im Hintergrund, dann ging er.

„Eine große Geste“, hatte Ben beeindruckt bemerkt, während sie dem Besucher nachsahen. In der darauffolgenden Stunde hatte ihre Diskussion zum ersten Mal wieder etwas Hoffnungsvolles.

Jetzt, eine weitere Stunde später, erinnerte er sich an die Tüte. Sichtbare, nein nahrhafte Solidarität, dachte er und musste lächeln beim Gedanken an Alins Großzügigkeit. Sie alle konnten jetzt eine Pause gebrauchen, entschied er und fragte: „Bin ich der Einzige, der einen Happen vertragen könnte?“