Reaktionen (immer noch Mittwoch)
Reaktionen (immer noch Mittwoch)
Alec hatte an diesem Mittwoch nicht gearbeitet. Früh am Morgen, als er dabei war, das Auto für den nächsten Einsatz in der Buchhandlung vorzubereiten, war David gekommen und hatte ihm aufgeregt sein Handy hingehalten. „Hab‘n Sie schon gesehen, Chef?“, fragte er. „Ich wusste schon, warum mir die Bücher-Schwuchteln gegen den Strich gehen…“ Alec spürte die Welle heißer Wut in sich aufsteigen und hatte den Mund schon zu einem befreienden Donnerwetter geöffnet, als David triumphierend auf eine Schlagzeile deutete. Der Schreinermeister starrte darauf, den Mund immer noch weit offen. Die Wörter „Engel“ und „Teufel“ schienen ihn aus dem Display anzuschreien. Fassungslos nahm er seinem Azubi das Handy ab und las die Schlagzeile, las den kurzen Bericht, betrachtete die Bilder, las alles ein zweites Mal. Alles in ihm lehnte sich auf: Das konnte nicht wahr sein… Das durfte nicht wahr sein! Ohne dem Auszubildenden in die Augen zu schauen, gab er das Smartphone zurück.
David wirkte ungemein zufrieden.
„Geflügel“, sagte er hämisch. „Alle drei. – Federvieh!“
Die Worte trafen Alec wie ein Schlag in die Magengrube. Und bevor er auch nur merkte, was er tat, hatte er dem Auszubildenden eine schallende Ohrfeige versetzt. Er hatte David so unvorbereitet erwischt, dass er nicht einmal protestierte. Er starrte ihn nur wortlos an. „Du fährst heute mit Patrick“, sagte der Schreiner ohne weitere Erklärungen, bevor er den Auszubildenden stehen ließ und in sein kleines Büro stürmte. Er schloss die Tür hinter sich ab und ließ sich dort auf einen Stuhl fallen. Eilig fuhr er den Computer hoch und tippte „Engel Teufel Soho“ in ein Suchfeld ein. Dann begann er zu lesen.
Um die Mittagszeit bemerkte Sarah, dass sein Wagen noch auf dem Hof stand, und machte sich auf die Suche nach ihrem Mann. Als sie seine Bürotür verschlossen vorfand, klopfte sie an. „Alec, bist du da drin?“ Es kam keine Antwort. „Alec!? Ist alles in Ordnung?“ Besorgt zog sie ihren Schlüsselbund aus der Jackentasche und schloss die Tür auf. „Alec? Was ist denn bloß los?“ Er hatte bei ihrem Eintreten den Kopf gehoben. Er sah sie ausdruckslos an, antwortete aber nicht. Er wartete, bis sie fast neben ihm stand, dann drehte er seinen Laptop so, dass Sarah die Schlagzeilen lesen konnte, die den Bildschirm bedeckten. Sie streckte ihren Finger nach dem Foto aus und berührte ungläubig das freundliche Gesicht unter den hellblonden Locken. „Oh, Alec!“, flüsterte sie. Ihre Hand fand seine Schulter. Alec reagierte nicht.
*
Die Gibson-Schwestern erfuhren es in der Schule. Die Top-Meldung dieses Mittwochs breitete sich mit der Geschwindigkeit eines hoch ansteckenden Virus aus und befiel jeden – ausnahmslos. Bald wurde auf dem Schulhof, in den Klassenräumen und im Lehrerzimmer über nichts anderes mehr gesprochen. Alecs Töchter hatten sich aus den Diskussionen und wilden Spekulationen herausgehalten und sich erst recht nicht an den Vor-Verurteilungen, Unterstellungen und der Panikmache beteiligt. Umso größer war ihr Bedürfnis, nach Schulschluss miteinander über all das zu reden. Auf dem gemeinsamen Heimweg drehte sich ihr Gespräch schnell nur noch um die Frage, ob ihr Vater schon davon wusste und wie er reagieren würde. Sie hofften inständig, dass nicht sie es sein würden, die ihm davon erzählen mussten. Die Antwort erhielten sie, sobald sie das Grundstück betraten.
*
„Das lasse ich nicht so einfach mit mir machen!“, schrie David gerade Alec an. „Ich kann ja wohl noch meine Meinung sagen.“ „Deine Meinung kannst du dir sonst wohin stecken!“, schrie ihr Vater zurück. Die Mädchen sahen sich ungläubig an – so etwas hatten sie von ihrem Vater noch nie gehört. Sie konnten sich auch nicht erinnern, ihn jemals so außer sich erlebt zu haben. Josie schickte sich an, auf die beiden Streithähne zuzugehen, aber eine Hand auf ihrer Schulter hielt sie zurück. Es war die Hand von Patrick, einem der jüngeren Gesellen, den die Mädchen gerne mochten. Er stand an einen der Transporter gelehnt da und beobachtete das Geschehen. „Das war überfällig“, sagte er. „Der kleine Dummschwätzer hatte längst mal `ne Abfuhr verdient.“ Die Mädchen stellten sich neben ihn, allerdings deutlich weniger gelassen als der junge Schreiner. „Aber wenn sie aufeinander losgehen…“, warf Lizzie besorgt ein, der Satz blieb unvollendet zwischen ihnen hängen. „Dann geh ich dazwischen“, beruhigte Patrick sie. „Deswegen steh ich ja hier. Sicher nicht wegen dem Unterhaltungswert.“
Aber so weit kam es nicht. David warf dem Schreiner noch ein paar Beschimpfungen an den Kopf, dann riss er sich zusammen und unternahm einen neuen Anlauf, Alec zu überzeugen: „Ich versteh Sie echt nicht, Meister. Wie können Sie dieses Pack auch noch verteidigen? Was haben Sie mit Schwanzlutschern und Federvieh zu schaffen?“
Josie war vor Wut schon so rot angelaufen, dass ihre Schwester sie an der Hand nahm, bevor sie Dummheiten machen konnte.
„Sie haben doch Töchter“, sagte David gerade. „Wollen Sie die nicht vor solchen Perversen schützen?“ Diese Frage ließ bei Josie alle Sicherungen durchbrennen. Sie rannte auf die streitenden Männer zu und wollte sich gerade auf den Azubi stürzen, als Patrick von hinten die Arme um sie legte und sie aus der Gefahrenzone zog. Zappelnd und sich windend rief sie dem Auszubildenden zu: „Er sollte uns lieber vor so Abschaum wie dir schützen.“
„Schluss jetzt!“ Das Eingreifen seiner Tochter schien die Erregungsspirale unterbrochen zu haben, denn Alec stand jetzt ruhig da und versuchte sich zu sammeln. Schließlich sah er zu den Mädchen und Patrick hinüber, die noch immer auf dem Sprung zu sein schienen, jederzeit bereit, einzugreifen. Der Schreiner nickte seinem Gesellen zu: „Danke Patrick. Du kannst Feierabend machen.“ Leicht verlegen setzte er hinzu: „Ich hab‘ mich wieder im Griff.“ Der junge Mann nickte, lächelte die Schwestern an und ging. Alecs Blick wanderte zu seinen Töchtern. „Und ihr geht bitte rein“, sagte er. „Das hier ist nicht eure Sache.“
Widerstrebend folgten die Mädchen der klaren Anweisung. Aber sie blieben in stillem Einvernehmen direkt hinter der Tür stehen und lauschten. Ihr Vater klang jetzt müde: „David, ich habe dich oft genug verwarnt und hatte viel zu lange Geduld mit dir.“ Mit einer barschen Handbewegung hinderte er den Auszubildenden daran zu sprechen. „Spar dir die Worte! Ich habe dein Benehmen und deine Intoleranz schon lange satt. Jetzt ist das Maß endgültig voll.“ Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und seufzte. „Ich kündige dir hiermit außerordentlich. Sollte das aus irgendeinem Grund nicht möglich sein, kündige ich dir sicherheitshalber auch fristgerecht zum nächstmöglichen Zeitpunkt.“ Er atmete vernehmlich aus. „Morgen kriegst du es schriftlich. Und jetzt such deinen Kram zusammen und hau‘ ab, ich will dich hier nicht mehr sehen.“ Alec wandte sich ab. Unerklärlicherweise fühlte er sich besser. Er hatte zum ersten Mal an diesem Tag das Gefühl, das Richtige getan zu haben.
*
Josie und Lizzy hatten erst beim Abendessen Gelegenheit, mit ihrem Vater zu sprechen. Bis dahin war er ihnen ausgewichen. Auch ihre Mutter hatte sie abblitzen lassen, als sie sich erkundigten, wie die Stimmung in der Buchhandlung war. „Danach fragt ihr am besten euren Vater“, hatten sie zur Antwort bekommen. Der dazugehörige Blick war ein ziemlich eindeutiges Zeichen für dicke Luft. Das hatte zwischen ihren Eltern Seltenheitswert – deshalb warteten die Mädchen weniger neugierig als besorgt auf den passenden Moment, um herauszufinden, weshalb der Haussegen schief hing und was das mit drei Unsterblichen zu tun hatte.
***
Ben hatte, kurz bevor sie in London angekommen waren, mit Kenneth telefoniert. Er wollte die Einschätzung seines Kollegen hören, weil er selbst in dieser Angelegenheit nicht objektiv sein konnte. Er wollte es nicht einmal sein. Es ging um seine Freunde und das alles ging ihm viel zu nah, um es rein professionell zu betrachten.
Sein Kollege war auf dem Sprung gewesen und spürbar aufgeregt. „Stell dir vor!“, war er herausgeplatzt. „Dir kann ich es ja erzählen: Ich darf die Vertreter von Himmel und Menschheit zu dem Treffen in der Hölle begleiten! Ich bin schon unterwegs zum Treffpunkt.“ Ben musste unwillkürlich lächeln. Er spürte förmlich, wie die Spannung sich in Kenneth aufbaute. „Mann!“, hörte er ihn sagen. „Als erster Journalist überhaupt in die Hölle zu dürfen, und dann bei einem solchen Ereignis!“ Ben verkniff sich den Hinweis, dass Kenneth streng genommen bestenfalls der zweite Journalist in der Hölle war. Er gönnte dem Kollegen diesen kleinen Triumph und er wollte seine Freude nicht durch eine kleinliche Bemerkung trüben. Kenneth war ein fantastischer Journalist, ein echter Aufklärer, und würde seriös berichten. Und er selbst war ja tatsächlich nur als Mensch, als Freund in der Hölle gewesen und hatte nie darüber geschrieben. Kenneth verdiente die Lorbeeren, die er zweifellos wieder einmal ernten würde. „Ich wage zu behaupten, dass sich da unten `ne Menge Vertreter unserer Zunft finden dürften“, gab er stattdessen zu bedenken. „Ich denke, dass es nicht viele Paparazzi, Klatsch- und Skandalreporter in den Himmel geschafft haben.“ Kenneth kicherte. „Da dürftest du Recht haben.“
Trotz seiner Vorfreude hatte er ein offenes Ohr für die Sorgen, die Ben mit ihm teilen wollte. Er hatte seine Sicht der Dinge bestätigt: Die Berichte und insbesondere die Schlagzeile waren reißerisch und sensationslüstern. Er empfand es nicht nur so, weil seine Freunde betroffen waren. Kenneth hatte versprochen, sich zu melden, sobald die Gespräche vorbei waren. Falls sie seine Hilfe brauchen würden, könnten sie auf ihn zählen.
Als Ben das später den Freunden berichtete, hatte Crowley aufgehorcht. „Er wird Codimor treffen? Denkst du, er könnte ihn in meinem Namen um etwas bitten?“ Ben hatte spontan genickt. „Wenn sich die Gelegenheit bietet, macht er das sicher. Vorausgesetzt natürlich, ich erreiche ihn noch.“ Schnell hatte Crowley ihm erklärt, welche Bitte er hatte: Codimor sollte – falls er diesen Regelverstoß auf sich nehmen würde – Milgreth informieren, dass Balgrans Nachricht ihr Ziel erreicht hatte und glücklich aufgenommen worden war. Ben hatte Kenneth eine Textnachricht geschickt. Sie würden erfahren, ob er sie rechtzeitig bekommen hatte, um die Bitte auszurichten.
Bisher hatte Ben nicht wieder daran gedacht. Die Gespräche mit den niedergeschlagenen und enttäuschten Freunden hatten seine gesamte Aufmerksamkeit beansprucht. Die Anspannung war belastend gewesen, und sie wurde von jedem Klingeln des Telefons und jedem Geräusch an der Tür befeuert. Aber Ben und Laura hatten nicht lockergelassen. Ebenso wenig wie Nina und Maggie, von deren echter Zuneigung zu Crowley und den beiden Engeln er und Laura sich heute wieder überzeugt hatten.
Wie konnte es sein, dass drei Wesen, die ihnen allen so schnell und so sehr ans Herz gewachsen waren, dass sie alles stehen und liegen ließen, um ihnen zur Seite stehen zu können, drei Wesen, die so mitfühlend waren, ganz selbstverständlich Verantwortung für andere übernahmen und kaum etwas für sich selbst forderten – wie konnte es sein, dass diese Wesen immer wieder solche Ablehnung und solchen Hass erfahren mussten? Ben seufzte. Es war das alte Lied: Seine Artgenossen urteilten einfach viel zu leicht und zu streng über Dinge und über Menschen, die sie gar nicht kannten. Konnte er selbst sich davon völlig freisprechen? Wahrscheinlich nicht.
Er war dankbar, mit Maggie und Nina zwei Menschen zu kennen, die sich genauso für Crowley und die beiden Engel einsetzen wollten wie er und Laura. Gemeinsam hatten sie in den letzten Stunden zahllose Vorschläge gemacht, ausdiskutiert und wieder verworfen. Phasen der Hoffnungslosigkeit, der Wut und der Trauer hatten sich abgewechselt, aber am Ende hatten sie sich einen Plan zurechtgelegt, mit dem Muriel, Crowley und Erziraphael einverstanden waren.
Nach der Pause, in der sie – nicht zuletzt dank Alins schmackhafter Geschenke und zwei Flaschen Wein – zum Glück wirklich kurz auf andere Gedanken gekommen waren und sich von der emotionalen Berg- und Talfahrt erholt hatten, sah Ben noch einmal unauffällig in die Runde. Dann schlug er vor: „Wollen wir heute schon mit ein paar Vorbereitungen anfangen? Ich nehme an, dass wir sowieso auf Kenneths Anruf warten wollen, oder?“ Er rechnete damit, dass Nina sich vielleicht verabschieden würde, weil sie am nächsten Morgen das Café wieder aufmachen und früh aufstehen musste, aber sie war die erste, die nickte. „Den lassen wir uns auf keinen Fall entgehen, oder Maggie?“ Ihre Freundin stimmte zu. „Wollten wir nicht Plakate malen?“, fragte sie und krempelte unternehmungslustig die Ärmel hoch. „Muriel, hast du dafür was hier? Wenn nicht, könnte ich Stifte und Tafeln aus dem Café holen“, bot sie an.
Aber die umtriebige Buchhändlerin hatte alles, was sie brauchten: Große Bahnen Papier, Pinselstifte und Marker in allen Farben, Schablonen und Spraydosen… „Du bist wirklich auf jede Eventualität vorbereitet, oder?“, staunte Maggie. Muriel lächelte, aber es hatte etwas Wehmütiges. „Das war ursprünglich für eine gemeinsame Aktion mit der Grundschule gedacht“, sagte sie. „Aber wer weiß, ob daraus noch was wird, jetzt wo…“ Sie vollendete den Satz nicht. Maggie griff mitfühlend nach ihrer Hand. Aber Muriel war nicht bereit, sich von diesem Gedanken entmutigen zu lassen. Sie setzte sich mit Maggie und Hannah zusammen und sie begannen, Seite um Seite mit Bildern und großer Schrift zu füllen. Nina half mit guten Ideen und hängte die fertigen Plakate übersichtlich über die vielen Bücherregale. Schmunzelnd betrachtete sie die ersten Exemplare: Hannah hatte Crowley und Hexe gemalt, beide mit großen Flügeln, und Muriel hatte darüber geschrieben: „Ab sofort jeden Mittwoch ab 17.30 Uhr. Hexe wartet auf ihre Vorleser.“ Auf dem zweiten türmten sich bunte Bücherstapel um einen Sessel, Nina erkannte den sicheren Strich und die farbenfrohe Gestaltung, die typisch für Maggie war. Hier lautete der Text: „Wir machen weiter. – Diesen Samstag: Verbotene Bücher.“
Während sie auf das nächste Plakat wartete, sah sie sich in der Buchhandlung um. Ben und Erziraphael hatten sich ein ruhiges Eckchen gesucht, um ihre Vorschläge für Kenneth auszuformulieren. Laura hatte sich zu Crowley gesellt, um mit ihm über die Liste von Telefonaten und Besuchen zu reden, die sie zusammengetragen hatten. Diese Gespräche würden sicher nicht einfach werden, jedenfalls nicht alle. Sie sammelten Stichpunkte und Strategien und Laura achtete darauf, dass sie zu jedem Punkt auch ein realistisches Gesprächsziel notierten. Vor allem aber bemühte sie sich, ein bisschen von ihrem Optimismus auf ihn abfärben zu lassen. Nina beobachtete, wie sie ihn sanft mit dem Ellenbogen anstieß und etwas zu ihm sagte. „Das wird schon“, glaubte sie, von ihren Lippen ablesen zu können – und Nina ertappte sich dabei, wie sie dachte: „Hoffentlich behält sie auch diesmal Recht.“
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„Oh, Pizza!“ Josie zog bedeutungsvoll die Augenbrauen hoch, als sie ihrer Schwester einen schnellen Blick zuwarf. Pizza war das gemeinsame Lieblingsgericht der Familie Gibson. Selbstgemachte Pizza gab es deshalb normalerweise zu besonderen Gelegenheiten: Wenn sie etwas zu feiern hatten. Wenn sie sich für etwas belohnen wollten. Wenn sie Trost brauchten.
Und wenn ein heikles Gespräch anstand.
Die Schwestern tippten heute auf den letzten Grund.
Sie plauderten so unangestrengt wie möglich über harmlose Themen: Die Hausaufgaben, den neuen Haarschnitt des Englischlehrers, die Halloween-Dekoration der Nachbarn, und warfen zwischendurch möglichst unauffällige Blicke auf ihre Eltern. Ihre Mutter machte sich noch in der Küche zu schaffen und ihr Vater hatte eine Fachzeitschrift mit an den Tisch gebracht – ein weiteres eindeutiges Zeichen für eine Ausnahmesituation – in der er zu lesen vorgab. Allerdings verharrten seine Augen an einer einzigen Stelle. Er war noch nie ein guter Schauspieler gewesen.
Als der Backofen mit schrillem Piepen verkündete, dass die Pizza fertig war, schlug er die Zeitschrift erleichtert zu und legte sie zur Seite. Die Mutter kam mit dem Backblech an den Tisch, setzte es ab und begann, mit einem Pizzarad Stücke zu schneiden, die sie auf die ihr entgegengehaltenen Teller verteilte. Erst als auch sie sich gesetzt hatte, wünschten sich alle einen guten Appetit und griffen nach dem Besteck. „Hm, lecker!“, lobte Josie nach den ersten Bissen und Lizzie nickte zustimmend. „Das hatten wir länger nicht. Schmeckt super – wie immer.“ Ihre Mutter lächelte sie an und schaute dann stirnrunzelnd zu ihrem Mann. Pflichtschuldig nickte auch er und murmelte „Gut.“ Das war ja nicht zum Mitansehen! Lizzie entschied, den Stier Alec jetzt bei den Hörnern zu packen.
„Das war ja wohl eine Überraschung heute, oder? In der Schule wurde über nichts anderes mehr geredet.“ Sie schaute zu ihrem Vater. „Von wem habt ihr es denn erfahren?“ Weil er nicht antwortete, sah sie fragend zur Mutter. Die aber zeigte wortlos auf Alec. Josie kam ihrer Schwester zur Hilfe. „Wenn Mum es von dir weiß, woher wusstest du es dann?“, fragte sie unschuldig. „David“, murmelte er fast unhörbar, den Blick fest auf seinen Teller gerichtet, als könnte die Pizza in einem unbeobachteten Moment verschwinden. „Na, danke! War ja klar, dass der Idiot das brühwarm verbreiten muss.“ Josie zog missbilligend die Nase kraus. „Fand ich super, dass du dem mal richtig Paroli geboten hast!“, lobte sie. Ihr Vater musste doch irgendwie aus der Reserve zu locken sein! Und warum hatte ihre Mutter noch immer kein Wort gesagt? „Ich hätte den schon längst rausgeworfen!“, warf Lizzie unterstützend ein. Die Mädchen waren weiterhin die einzigen, die bei Tisch sprachen. Dabei war das Familien-Abendessen üblicherweise eine lebhafte Angelegenheit, bei der alle von ihrem Tag berichteten und sich gegenseitig überboten bei dem Versuch, ihre Familie zum Lachen zu bringen.
Lizzie war es jetzt leid. Was auch immer zwischen ihren Eltern vorgefallen war, sie würde nicht länger über den Elefanten im Raum schweigen. Sie suchte Blickkontakt zu ihrer Schwester, dann fragte sie: „Wusste Mister Fell vorher davon oder hat es die drei kalt erwischt?“ Beide sahen fragend zwischen den Eltern hin und her. Die Antwort blieb aus. Josie griff den Faden auf: „Wie geht es ihnen denn damit? So ein plötzliches Outing ist sicher nicht einfach.“ Ihre Schwester ergänzte: „Gerade mit dem Laden und so. Die kennen ja wahnsinnig viele Leute.“ Immer noch blieb es still. Lizzie schaute ihre Mutter an und machte eine fragende Geste. Was war hier nur los? Dann brach ihre Mutter ihr Schweigen. „Willst du deinen Töchtern nicht antworten, Alec?“, fragte sie. „Ich finde ihre Fragen durchaus berechtigt.“
Alec starrte seine Frau vorwurfsvoll an. „Ich weiß es nicht!“ Er spuckte die Antwort förmlich aus, als wüsste er genau, was nun folgen würde. „Wie, du weißt es nicht?“ Lizzie sah ihn verständnislos an. „Du warst doch heute dort. Ihr wolltet doch heute mit dem neuen Laden fertig werden.“
Schweigen.
Dann legte ihre Mutter geräuschvoll das Besteck aus der Hand. Der Vater zuckte zusammen, als das Messer klirrend an den Teller schlug. „Euer Vater war nicht dort. Er hat sich in seinem Büro eingeschlossen und geschmollt.“ Zwei weitere Bestecke landeten unsanft auf dem Tisch. „Was heißt, du warst nicht da?“, fragte Josie und Lizzie stieß gleichzeitig aus: „Das kann doch wohl nicht wahr sein. Jetzt sag doch mal was! Du machst mich wahnsinnig!“
„Er hätte wohl gerne eine handschriftliche Mitteilung auf Büttenpapier und mit drei Unterschriften bekommen, das ihn persönlich in Kenntnis setzt.“ Sarahs Worte trieften vor Gehässigkeit. Bitter fügte sie hinzu: „Der Familienhandwerker ist beleidigt, weil er es aus der Presse erfahren hat, wie der Rest der sterblichen Welt auch.“ Josie schob ihren Teller von sich. Ihr war plötzlich der Appetit vergangen. „Du hast abgesagt? An einem solchen Tag? Bitte sag, dass das nicht stimmt, Papa!“ Ihre Stimme war fast flehend. „Abgesagt?“ Die Mädchen hatten nicht gewusst, dass ihre Mutter so schneidend klingen konnte. „Wenn er wenigstens abgesagt hätte! Der Feigling ist einfach nicht hingefahren. Er hat sie vergeblich warten lassen.“ Lizzies Teller folgte dem ihrer Schwester in die Tischmitte und stieß heftig gegen das Pizza-Blech. „Papa!?“
Endlich legte auch der Vater sein Besteck aus der Hand. Sein Stück Pizza war noch fast unberührt. „Versteht ihr das denn nicht?“ Er spielte nervös mit seinem Messer. „Seit Jahrhunderten glaubt unsere Familie, dass die Fells unsere Wohltäter sind, dass sie es aus irgendeinem Grund besonders gut mit uns meinen. Und jetzt das! Es gab nie eine Familie Fell!“ Wenn er nicht so schrecklich unglücklich ausgesehen hätte, hätten die Schwestern ihn in diesem Moment wahrscheinlich im Duett angeschrien. So aber fragte Josie: „Unsere Familie steht seit Generationen unter einem ganz besonderen Schutz. Ist das plötzlich weniger wert, weil nicht eine Familie von Fells auf uns aufgepasst hat, sondern immer der gleiche Mister Fell?“ Als ihr Vater nicht reagierte, stieß sie ihn an. „Ich versteh’s nicht. Erklär’s mir!“
„Was gibt es denn da nicht zu verstehen?“, antwortete ihr Vater müde. „Es war alles eine Lüge, eine Illusion. Wahrscheinlich hat er sich köstlich darüber amüsiert, wie leichtgläubig meine Vorfahren waren, wie naiv ich war!“ Er schüttelte traurig den Kopf. „Der sanfte Buchhändler mit den albernen Gewohnheiten und dem antiquierten Getue! – Das hätte mir doch längst verdächtig vorkommen müssen!“ Josie sah frustriert zu ihrer Schwester. „Begreifst du, wo sein Problem ist?“ Lizzie schüttelte den Kopf. „Ich habe den Verdacht, er weiß es selber nicht“, sagte sie wie zu sich selbst. Dann fragte sie: „Papa, jetzt mal Klartext: Was genau wirfst du ihm vor?“ Zum ersten Mal, seit sie sich um den Esstisch versammelt hatten, erhob der Vater seine Stimme: „Was ich ihm vorwerfe? Ich kann dir sagen, was ich ihm vorwerfe: Belogen hat er uns, immer und immer wieder. Sie haben uns alle belogen!“
„Ich habe dir gleich gesagt, dass deine Töchter das nicht verstehen werden“, warf plötzlich ihre Mutter ein. „So wenig, wie ich es verstehe.“ Sie seufzte. „Was hättest du wohl gesagt, wenn Mister Fell dich irgendwann zur Seite genommen und dir zugeraunt hätte: ‚Ach übrigens, Alec, was ich Ihnen schon lange mal sagen wollte: Ich bin in Wirklichkeit ein Engel‘?“ Die Falten auf ihrer Stirn verrieten, wie nah ihr dieses Gespräch ging. „Dann hätte ich dich mal hören wollen!“ Der Schreiner schwieg. Plötzlich kicherte Lizzie und ihre Familie sah sie erstaunt an. „Ich muss gerade daran denken, wie Paps gestern erzählt hat, dass er Mister Crowley nach seinem Beruf gefragt hat. Stellt euch vor, er hätte geantwortet: ‚Ich? Ach wissen Sie, Alec, ich bin ein Teufel, aber damit kommt man ja heute nicht mehr weit.‘“ Josie prustete los. „Oder Muriel hätte ihn beim Frühstück gefragt: ‚Habe ich Ihnen eigentlich schonmal meine Flügel gezeigt, Alec? Die möchten Sie doch sicher mal sehen.“ Sie keuchte fast vor Lachen. Lizzie allerdings verstummte. „Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Meint ihr, sie haben wirklich richtige Flügel?“ Das Glänzen ihrer Augen verriet, wie aufregend sie die Vorstellung fand.
Ihr Vater sah sie vorwurfsvoll an. „Macht ihr euch ruhig lustig über mich. Wer weiß, in welcher Gefahr wir waren! Wenn ich daran denke, dass ich euch mit ihm allein gelassen habe…“ „Alec, hör sofort auf!“ Sarah funkelte ihn an. „Du bist ja nicht du selbst! Du kennst diesen Mann, seit du ein Kind warst. Ich kenne ihn fast so lange, wie ich dich kenne. Deine Töchter kennen ihn bereits ihr ganzes Leben. Willst du uns erzählen, dass du ihn plötzlich für gefährlich hältst?“ Sie schnaubte ärgerlich. „Wer bist du und was hast du mit meinem Mann gemacht? Mit dem Mann, der in jedem Menschen das Gute sieht?“ „Das ist es ja gerade“, donnerte Alec. „Er ist kein Mensch! Sie sind alle keine Menschen! — Wir haben nichts mit ihnen gemeinsam!“
Die Mädchen, die bis zu diesem Moment immer noch leise gekichert hatten, erstarrten. „Papa,“ sagte Josie betroffen. „Du klingst wie David. Das kannst du nicht ernst meinen!“ Alec gab ein unartikuliertes Geräusch von sich. Dann sagte er fast trotzig: „Der Teufel, Josie! Hast du nicht verstanden, was das heißt? Dieser Anthony ist der Teufel! Ich kann doch nicht für den Teufel arbeiten!“ Lizzie und Josie sahen sich ungläubig an, dann nickten sie sich zu. Lizzie sprach als Erste: „Wenn du deinen verletzten Stolz mal eben vergessen könntest, würdest du hören, was für einen Blödsinn du redest.“ Ihre Schwester nickte ihr ermutigend zu. „Gut so, weiter!“, sagte ihr Nicken. „Der Teufel, also Satan, hat unser Universum verlassen. Das kam in allen Nachrichten. Anthony kann also schlimmstenfalls ein Teufel sein.“ „Und das soll mich jetzt beruhigen, oder was?“, fragte ihr Vater aggressiv. „Und ich bin eine Gibson“, warf Lizzie ihm an den Kopf. „Außerdem eine Schülerin, eine Londonerin, eine Europäerin, eine Frau, eine Feministin, eine schlechte Köchin, eine Leserin…“ „Was soll das, Kind?“, unterbrach sie ihr Vater. „Das soll dich daran erinnern, dass all das nur einzelne Fassetten von mir sind. Ich bin aber vor allem ich, Lizzie, deine Tochter, ein Mensch mit einem freien Willen.“ Sie hatte sich so ereifert, dass ihr kurz die Luft wegblieb. Ihre Schwester sprang ein: „So hast du uns erzogen, Papa: Immer den Menschen zu sehen, das Individuum, nicht das Etikett, das andere ihm angeklebt haben. Hast du das etwa vergessen?“ Sie sah so furchtbar enttäuscht aus, dass es Alec wehtat. „Vorher, als du David raugeworfen hast, da war ich so stolz auf dich. Da warst du mein Vater, der mir beigebracht hat, wie wichtig Toleranz und ein eigenes Urteil sind.“ „Stimmt“, führte Lizzie die Argumentation nahtlos fort. „Aber jetzt klingt du wie ein David. Wir und die? So ist mein Vater nicht!“ Sie hatte Tränen in den Augen, als sie die letzten Worte aussprach: „Zum ersten Mal in meinem Leben schäme ich mich für dich.“
Sie sah ihren Vater stumm an. Als er nichts erwiderte, schob sie ihren Stuhl zurück und stand auf. Ihre Schwester tat es ihr nach. Ihre Mutter griff nach ihrem Arm, ließ sie dann aber gehen. „Gute Nacht“, sagten die Mädchen. Sie sahen ihren Vater nicht mehr an und gingen stumm in ihr Zimmer. „Sie sind deine Töchter“, sagte Sarah, zu dem in sich zusammengesunkenen Alec. „Dir musste klar sein, dass sie dich grillen.“ Plötzlich stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen. „Sie sind dir so furchtbar ähnlich“, sagte sie leise. „Findest du, sie haben recht?“ Seine Frage klang kläglich. „Denk nochmal in Ruhe drüber nach“, antwortete sie und strich ihm zärtlich durchs Gesicht. „Dann kommst du selbst drauf.“