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Am Ende eines langen Tages (immer noch Mittwoch)

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Am Ende eines langen Tages (immer noch Mittwoch)

Bens Handy klingelte und alle fuhren zusammen. Auf dem Display stand der Name Kenneth und Ben atmete erleichtert aus. „Hey, gut, dass du anrufst! Wir saßen schon auf heißen Kohlen!“ Alle hingen an Bens Lippen. „Wie waren die Gespräche?“ Er hörte aufmerksam zu, nickte langsam. „Ja klar, der ist hier. Warte.“ Mit diesen Worten ging er zu Crowley und hielt dem überraschten Dämon das Telefon hin. „Da will dich jemand sprechen.“

Crowley griff nur widerwillig zu. Seine Miene war skeptisch, ja schon misstrauisch, aber unmittelbar darauf lächelte er. „Codimor!“, sagte er. „Es ist gut, deine Stimme zu hören. Bist du in Sicherheit? Du und die anderen?“ Die Freunde beobachteten ihn neugierig. „Schon? Ich danke dir. Ich war mir nicht sicher, ob das gegen Vorschriften verstößt…“ Crowley schwieg und hörte zu. Ein Lächeln begann, sich auf seinem Gesicht auszubreiten. „Das ist eine fantastische Nachricht“, sagte er und nach der nächsten kurzen Pause: „Wirklich? Das ist sehr großzügig von dir, aber…“ Offenbar war er unterbrochen worden. Dann sagte er: „In Ordnung. Danke. Danke auch in Arwens Namen. Wir rufen sie gleich morgen an.“ Wieder hörte er eine Weile zu, sein Lächeln füllte sich mit Schmerz. „Ja, das ist es“, sagte er. „Danke, ich richte es ihnen aus. Nein, nein, wir geben uns Mühe.“ Sein letzter Satz war: „Ja gerne, bis bald.“ Dann reichte er das Telefon zurück an Ben: „Kenneth für dich.“

Ben hatte nach ein oder zwei Fragen nach Kenneths Befinden seinen Block zu sich herangezogen und begann, Seite um Seite mit seiner großen, geschwungenen Handschrift zu füllen. Aus seinen kurzen Zwischenfragen konnten die Freunde nicht ablesen, was Kenneth ihm berichtete, und so ließen sie sich zunächst von Crowley erzählen, was Codimor zu sagen gehabt hatte. „Er hat die Nachricht an Balgran noch vor dem Treffen abgeschickt und wusste jetzt schon, dass sie ihn erreicht hat.“ Erziraphael nickte zufrieden. „Das wird Arwen freuen.“ Crowley grinste: „Warte, warte, das Beste kommt erst noch“, sagte er. „Arwen und ihre Mutter dürfen ihm antworten.“ Er schaute in die aufmerksamen Gesichter seiner Freunde. „Codimor hat sich vorläufig bereit erklärt, die Nachrichten in beide Richtungen weiterzuleiten.“ Muriel sah ihn skeptisch an. „Macht er sich damit nicht angreifbar? Es gibt doch eine Nachrichtensperre für die Gefangenen, dachte ich.“

Der Dämon lächelte und erklärte bereitwillig: „Nein, das ist die eigentliche großartige Nachricht: Die Sperre ist mit sofortiger Wirkung aufgehoben.“ Er sah in die ungläubigen Gesichter seiner Freunde und bestätigte: „Die Rebellion ist beendet. Friedlich beendet, noch dazu.“ „Gott sei Dank!“, machte Muriel ihrer Erleichterung Luft. Als ihr klar wurde, was sie gesagt hatte, sah sie unter sich, ihre Wangen hatten einen leichten Rosa-Ton angenommen. „Sicher waren andere dafür verantwortlich“, fügte sie leise hinzu. Crowley beobachtete sie amüsiert. „Ja, ganz sicher“, bestätigte er und fügte hinzu: „Viele andere. Als die Verstärkung aus Engeln und Menschen eintraf, zeigte sich wohl schnell, dass die Aufständischen absolut in der Minderheit waren. Offenbar gab es keinen ernsthaften Kampf mehr. Die rebellierenden Dämonen wurden entwaffnet, viele haben ihre Waffen sogar freiwillig niedergelegt.“ Bei dieser Mitteilung machte ein erleichtertes Seufzen die Runde. „Es wird noch besser“, griff Crowley den Faden wieder auf. „Soweit sie bisher wissen, hat es keine Toten gegeben, auch keine Schwerverletzten. Die Aufständischen wollten offenbar vor allem Verhandlungen erzwingen.“

Erziraphael fiel ein Stein vom Herzen. Er hatte mit Crowley um die Dämonen gezittert, die er gerade erst kennen gelernt hatte, und die für den neuen Weg der Hölle standen. Es wäre furchtbar gewesen, wenn die friedliche Revolution durch einen blutigen Aufstand gestoppt oder gar rückgängig gemacht worden wäre. Und es hätte eine Versöhnung so viel schmerzhafter gemacht. Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder Crowley zu, der gerade sagte: „…Nachrichtensperre und Kontaktverbot wurden mit sofortiger Wirkung aufgehoben. Himmel und Erde werden schon in den nächsten Tagen das versprochene Verwaltungspersonal entsenden, um in allen Lagern vollständige Listen der Gefangenen zu erstellen und Kontaktwünsche zu erfassen. Währenddessen wird die Hölle versuchen, schnell ein provisorisches Kommunikationsnetz aufzubauen, damit das Recht auch ganz praktisch genutzt werden kann.“

Die Freunde waren beeindruckt. „Und das hat den Aufständischen genügt, um klein beizugeben?“, fragte Erziraphael. „Das und die Zusammensetzung der Verhandlungskommission“, bestätigte Crowley. „Dass Furfur, der Soldat, einen Zivilisten entsandt hat, einen engen Vertrauten, war ein starkes Zeichen. Auch, dass Jesus persönlich teilgenommen hat und dass bei den Vertretern der Menschheit ein Journalist war.“ Alle nickten. „So konnten sie glauben, dass ihr Anliegen und ihr Schicksal niemandem egal waren. Dass nichts totgeschwiegen werden sollte.“ „Genau“, bestätigte Crowley.

Er sah auf: Ben war wieder an den Tisch getreten und setzte sich nun zu ihnen. Er nickte erst Erziraphael zu, dann Crowley. „Es wird so, wie wir es vorgeschlagen haben. Kenneth wird die Serie der täglichen Einblicke in Himmel, Hölle und die gemeinsame Geschichte nutzen, um jeden zweiten Tag Menschen über ihre Erfahrungen mit Unsterblichen berichten zu lassen. Das wird hoffentlich helfen, Vorurteile abzubauen. Gleich morgen kommen wir zu Wort, Laura, Hannah und ich.“ „Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das schlau ist“, warf Nina ein. „Setzt ihr euch nicht doch dem Vorwurf aus, befangen zu sein und eure Position auszunutzen?“ Ben musste lächeln. Da war sie wieder, diese ganz besondere Freundschaft, die die Menschen in diesem Raum mit den drei Unsterblichen verband. Crowley hatte ihm und Laura schon kurz nach seiner Rückkehr nach London erzählt, wie willkommen er sich gefühlt hatte. „Es kommt mir vor, als wäre Muriels Freundschaft zu diesen beiden Frauen so eng und so tief, dass sie andere in sich hinein saugen kann wie ein schwarzes Loch“, hatte er damals am Telefon gesagt, erinnerte sich Ben. So hatte es nach seiner Rückkehr aus dem Himmel auch Erziraphael empfunden und nun erlebten Laura, Hannah und er selbst es ebenfalls. So, wie sie Crowley längst als Mitglied ihrer Familie betrachteten, schienen inzwischen auch Muriel, Nina und Maggie ihre Wahlfamilie auf sie ausgedehnt zu haben. Sie gehörten drei verschiedenen Welten an, aber ihre Verbindung war so stark wie eine sehr alte Freundschaft – und so einfach wie Atmen.

Ninas Augen waren abwartend auf ihn gerichtet und Ben wurde klar, dass er mal wieder gedankenverloren vor sich hin gestarrt hatte. Mit einem schuldbewussten Lächeln wandte er sich wieder den Freunden zu. „Es ist sehr lieb, dass du dir darüber Gedanken machst, Nina“, antwortete er, „aber die Gefahr ist gering. Die Entscheidung, worüber und wie berichtet wird, liegt letztlich beim Chefredakteur. Das heißt: Ich mag nicht objektiv sein, aber Kenneth und unser Chef haben die nötige Distanz, um das auszugleichen. Und was diese Serie angeht, schaut ja sogar die BBC noch darauf, bevor es durchgeht.“ Nina nickte, nachdenklich, aber überzeugt. „Ich glaube, dann können wir halbwegs beruhigt nach Hause gehen, oder?“, fragte sie. „Die Neuigkeiten von unten sind mehr als vielversprechend und für unseren kleinen Kosmos haben wir einen Plan und schon eine Menge vorbereitet.“ Sie sah fragend in die Runde. „Können wir euch für heute guten Gewissens alleine lassen?“ Die Unsterblichen nickten. Crowley stand auf, um die Frauen zum Abschied zu umarmen und die anderen taten es ihm nach. „Danke, dass ihr so lange geblieben seid“, murmelte Erziraphael und Muriel flüsterte den Freundinnen ins Ohr: „Ich bin so froh, dass wir euch haben.“ „Na, das hoffe ich doch“, brubbelte Nina mit einem Blick auf die Uhr. „Schließlich opfern wir für euch mindestens drei Stunden Schlaf.“ „Hört nicht auf sie“, sagte Maggie mit einer entschuldigenden Geste. „Sie hat euch auch lieb.“ Dann schob sie ihre protestierende Freundin energisch Richtung Ladentür.

***

„Ich glaube, bessere Nachbarinnen könntet ihr kaum haben, oder?“, fragte Laura, die den beiden nachsah. Die drei Unsterblichen nickten vehement. Während Muriel noch kicherte, war Erziraphael schon wieder ganz bei der Sache. „Kann Kenneth wirklich das Thema für den morgigen Sonderbericht so einfach umstoßen?“, fragte er übergangslos und sah zu Ben. „Der wurde doch sicher in der heutigen Ausgabe schon angekündigt.“ „Welche Themen waren denn überhaupt bisher schon dran?“, fragte Muriel dazwischen. „Mit der ganzen Aufregung habe ich noch gar nicht daran gedacht, in die Zeitung zu schauen.“ „Wir haben mit Oben und Unten angefangen“, gab Ben bereitwillig Auskunft. „Gestern war die Führung des Himmels dran, mit Namen, der aktuellen Organisationsstruktur und einer Liste aller Engel, die sich ziemlich sicher nicht mehr in unserem Universum aufhalten.“ Er grinste. „Das hat übrigens eine Lawine von Anrufen verursacht. Mindestens 250 Leserinnen und Leser sind ganz sicher, wenigstens einen Erzengel, wenn nicht gleich Gott, in ihrem Supermarkt oder einem Vor-Ort-Zug gesehen zu haben.“ Laura schüttelte den Kopf, aber Crowley warf ein: „Den Spaß hätte ich mir unter anderen Umständen bestimmt auch erlaubt.“ Erziraphaels konsternierten Blick retournierte er mit: „Komm schon Engel, das ist komisch, das musst sogar du zugeben.“ Er gab es nicht zu, aber er schenkte dem Dämon ein liebevolles Lächeln, weil er froh war, dass die Vorstellung Crowley aufgeheitert hatte.

„Aber warum habt ihr mit Oben angefangen?“, hakte Muriel nach. „Das ist doch wieder die alte Reihenfolge – der Himmel geht vor.“ „Genau das habe ich auch gedacht“, antwortete ihr Laura, aber nachdem ich den heutigen Bericht gelesen habe, finde ich die Entscheidung richtig.“ Als sie nicht weitersprach, griff Ben den Faden auf: „Das war tatsächlich Absicht. So konnten wir den Vorsprung, den die Hölle im Moment mit ihren Reformen hat, im Vergleich zum Himmel richtig herausarbeiten.“ Das leuchtete den Freunden ein. „Aber müsste morgen nicht der Aufstand in der Hölle und sein friedliches Ende Thema sein?“, gab Erziraphael zu bedenken. „Nein, das ist doch aktuell, das kommt wahrscheinlich auf die Titelseite“, erklärte Ben. „Das andere sind Hintergrundberichte, die planen wir weitgehend unabhängig vom aktuellen Tagesgeschehen. Als Hilfe, das große Ganze zu verstehen.“ Er sah plötzlich etwas schuldbewusst aus, als er fortfuhr: „Morgen werden wir das aber miteinander verbinden. Es sollte um den Überweltlichen Vertrag gehen, das bringen wir nun unter der Schlagzeile ‚Ein Buchhändler aus Soho am Verhandlungstisch der Welten‘ Zusätzlich gibt es dann noch unsere Perspektive als Freunde“. Ben versuchte, Crowleys Miene zu deuten. War das zu reißerisch? Zu viel? Eben, beim Telefonat mit Kenneth, hatte er die Idee gut gefunden. Aber jetzt, im Gespräch mit seinen Freunden, war er sich plötzlich nicht mehr sicher. Aber Crowley schien keine Bedenken zu haben. Er klopfte Erziraphael auf die Schultern und sagte: „Find ich gut. Erzählt der Welt, was der Engel für sie getan hat!“ Entzückt beobachtete er, wie der ehemalige Erzengel rot wurde. „Was wir für sie getan haben“, versuchte Erziraphael zu korrigieren, aber der Dämon winkte ab. „Das interessiert keinen, Engel. Die Leute wollen einen Helden zum Anhimmeln und die Rolle ist dir wie auf den Leib geschrieben.“ Er hielt Muriel eine Hand zum Abklatschen hin: „Wir sind raus, Kleine, und damit geht es mir deutlich besser!“, verkündete er.

Laura lehnte sich zu ihrem Mann hinüber: „Gehe ich recht in der Annahme, dass wir bis morgen bleiben?“ Ben nickte. „Das würde ich gern. Fühlst du dich damit nicht auch wohler?“, fragte er zurück. „Auf jeden Fall“, bestätigte Laura. „Aber dann sollten wir uns jetzt um ein Zimmer kümmern.“ Mit einem Blick zu Hexe und Hannah, die noch immer friedlich Seite an Seite in dem gemütlich gepolsterten Hundekorb schliefen, zog sie eine Grimasse. „Unsere Prinzessin würde wahrscheinlich lieber hierbleiben“, prophezeite sie. Als sie die beiden kurz darauf weckten, war Hannah aber so schlaftrunken, dass der Protest ausblieb. Sie ließ sich von ihrem Vater auf den Arm nehmen und ins Auto tragen, während Crowley Hexe hinausließ und sich auf dem Bürgersteig von Laura verabschiedete. „Danke“, sagte er und fügte leise hinzu: „Ich wüsste nicht, was wir ohne euch tun sollten.“ Eine Minute später sah er dem Wagen nachdenklich hinterher.

***

Crowley hörte nicht, wie die Ladentür sich hinter ihm öffnete. Ebenso wenig hörte er, dass sie sich wieder schloss. Aber er spürte, wie sich ein Arm um seine Taille legte. Da war eine Schulter, an die er sich lehnen konnte. Eine Stimme, die seinen Namen sagte.

Crowley drehte sich nicht um. Er brauchte diese Schulter zum Anlehnen. Er brauchte den warmen Arm in seinem Rücken. Und er musste die sanfte Stimme hören. „Es wird nie einfacher, oder?“, fragte er leise. „Es hört niemals auf.“ Er schloss die Augen. „Damals war es der Scheiterhaufen, heute sind es die Sozialen Medien.“

Der Engel holte mehrmals Luft, als wollte er etwas sagen, aber es kam kein Wort über seine Lippen. Schließlich ließ er den Kopf zur Seite sinken, lehnte ihn an Crowleys. „War es die falsche Entscheidung?“ Es war nicht zu erkennen, ob er Crowley fragte oder mit sich selbst sprach. „Oder war es der falsche Zeitpunkt?“, fuhr er fort. „Hätten wir warten sollen, bis alles etwas normaler geworden ist, bis die öffentliche Meinung den nächsten Aufreger gefunden hat?“ — Was war das für ein Geräusch, dass da aus Crowleys Mund kam? Auf jeden Fall eins, das Erziraphael nicht erwartet hatte. Er hob den Kopf. Tatsächlich — der Dämon lachte. Und es klang … erleichtert. „Eigentlich sollte uns das nicht wundern“, sagte er. „Waren wir nicht schon immer mittendrin? Da, wo die Aufregung gerade am größten ist?“ Er hatte den Kopf von Erziraphaels Schulter genommen und sah ihm nun ins Gesicht.

Der Engel gluckste unwillkürlich. „So könnte man es sehen“, stimmte er zu. Crowley ergänzte: „Wir kennen `ne Menge Leute, die das schon lange so sehen.“ Er lachte in sich hinein. Erziraphael folgte ihm nur zu gern zurück auf die helle Seite. „Michael, Uriel und Sandalphon würden sicher sogar behaupten, dass meistens wir es sind, die die Aufregung verursachen“, warf er ein. „Und Hastur, Shax und Dagon wären mit ihnen ganz einer Meinung“, spielte Crowley den Ball zurück.

Der Engel zog ihn näher zu sich heran und strich ihm mit einer zärtlichen Geste durchs Gesicht. „Rückblickend habe ich mich immer ganz wohl dabei gefühlt, mit dir Aufregung zu verursachen“, bemerkte er lächelnd. Der Dämon nickte, noch nachdenklich, aber nicht mehr niedergeschlagen. „Dann machen wir wohl einfach weiterhin das, was wir am besten können“, schlug er vor. Ein freches Grinsen deutete sich an, die Nase kräuselte sich und er blinzelte dem Engel zu. „Einverstanden.“ Erziraphael zog die Schultern hoch. „Könnten wir reingehen? – Mir klappern schon die Zähne.“ Sie nickten sich still zu und kehrten in die Buchhandlung zurück.

Muriel stand zwischen den Regalreihen und betrachtete zufrieden die Plakate, die sie gleich morgen früh in die Schaufenster hängen wollte. Als ihr Blick an der Darstellung der geflügelten Hexe hängen blieb, schaute sie instinktiv zur Tür. Dort drängte sich die Irische Wolfshündin gerade von hinten an die Beine der hereinkommenden Männer, was ihr liebevollen Tadel einbrachte. „Warte nur ab“, drohte Crowley ihr mit erhobenem Zeigefinger. „Es kommt der Tag, da lasse ich mich einfach auf dich plumpsen, wenn du dich aufführst wie eine lebende Stolperfalle.“ Muriel mischte sich lächelnd ein. „Bei deinem Gewicht zählt das kaum als Drohung“, flachste sie. Die drei standen einen Augenblick schweigend beieinander, als würde der Tag kurz innehalten, da sagte Crowley unvermittelt: „Ich soll euch Grüße von Codimor ausrichten. Er missbilligt die Art der Berichterstattung und bedauert die persönlichen Angriffe.“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Er hat auch gesagt, dass er es trotzdem für den richtigen Weg hält, dass wir uns jetzt aus der Deckung wagen. Es war ihm wichtig, uns wissen zu lassen, dass er großen Respekt vor der Entscheidung hat.“ Die Engel antworteten nicht darauf, aber sie lächelten sich an, bewegt und plötzlich sehr müde.

Wenig später blieb Crowley in der Bad-Tür stehen und sah zu Erziraphael, der still auf der Bettkante saß. „Engel?“, sagte er. Erziraphael rieb sich müde die Augen, dann sah er zu ihm auf. „Ja?“ Der Dämon zeigte zurück ins Bad, bevor er seinen ausgestreckten Zeigefinger durch das Schlafzimmer wandern ließ und bei jeder Lücke im Regal und bei jedem freien Stück Oberfläche kurz verweilte. „Ich frage mich schon seit gestern Morgen, was hier anders ist. Jetzt weiß ich es.“ Der Engel lächelte, schwieg aber. „Hier fehlen jede Menge Sachen“, stellte Crowley fest. „Und wenn ich so drüber nachdenke“, fügte er hinzu, „ist es unten genau dasselbe. Da sind `ne Menge Lücken in den Regalen.“ Er kam hinüber und setzte sich zu Erziraphael. „Wo ist das alles hingekommen? Wurde für einen Wohltätigkeitsbasar gesammelt? Musstest du Wertsachen versetzen? Oder planst du größere Neuanschaffungen, für die du Platz brauchst?“ Erwartungsvoll sah er den Engel an. „Verrätst du es mir?“

Ein sanftes Leuchten verdrängte die Müdigkeit in den blau-grauen Augen. „Dreimal nein, einmal ja“, kam leise die Antwort. Crowley stieß den Engel spielerisch mit der Schulter an. „Nun lass dich nicht so bitten. Ich seh‘ doch, dass es dir auf der Zunge brennt.“ Erziraphaels Lächeln wurde breiter. Er griff nach Crowleys Hand, sah ihm aber nicht in die Augen. Stattdessen ruhte sein Blick auf ihren ineinander verschränkten Händen. „Kein Basar. Kein Besuch in der Pfandleihe.“ Er atmete tief durch. War das hier kitschig? Ziemlich sicher. Aber es war auch wahr. Und wenn schon! Er straffte seine Schultern und begann: „Wir hatten doch gesagt, dass wir uns hier ein Nest bauen wollen.“ Er sprach leise und konnte das leichte Zittern seiner Stimme fast verbergen, als er fortfuhr: „Ich fand, wenn ein zweiter Vogel einziehen soll, muss der erste ein Stück zur Seite rücken.“ Warum bemühte er ein so schräges Bild? Konnte er nicht einfach sagen, worum es ihm wirklich ging? Wann lernten sie endlich, zu ihren Gefühlen zu stehen? Offen darüber zu sprechen?

Er räusperte sich, griff etwas fester nach Crowleys Hand und hob den Blick. Er sah direkt in die goldenen Augen, die jetzt ein bisschen glänzten, und sagte: „Ich möchte, dass diese Wohnung, dass das ganze Haus nicht so aussieht, als seist du nur zu Besuch.“ Er legte eine Hand an Crowleys Wange und strich mit dem Daumen eine einzelne Träne weg. „Ich möchte, dass du unserem Zuhause deinen Stempel aufdrückst. Ich möchte dir Raum geben – dir und allen Dingen, die dir wichtig sind.“ Schließlich setzte er noch hinzu: „Ich möchte, dass dieses Haus unser Zuhause ist.“ Er verstummte. Als Crowley immer noch nichts sagte, fragte er beklommen: „Ich bin kitschig, oder? Ist es zu viel?“

Obwohl immer noch Tränen in Crowleys Augen glänzten, strahlten sie jetzt, leuchteten ruhig und warm. „Natürlich bist du kitschig“, sagte er. „Umwerfend und wundervoll kitschig. Und lass dir bloß nicht einfallen, damit irgendwann aufzuhören!“ Ihre Finger verschränkten sich noch etwas fester miteinander. „Ich hatte gesagt, dass ich nichts brauche, nur einen Platz für Hexe und mich“, fuhr er fort. „Das habe ich auch so gemeint.“ Er sah sich um, lächelte, während er überlegte, wovon der Engel sich getrennt hatte, welche Dinge noch letzte Woche auf dem Bord an der Wand gestanden hatten, was den Platz auf dem Nachttisch hatte räumen müssen.

„Trotzdem bedeutet mir das viel.“ Noch einmal wanderten sein Blick und seine Gedanken durch den Raum.

„Sehr viel, Engel.“

Sie schwiegen. Ließen den Moment sich ausdehnen. Gaben ihm Gewicht.

Dann brachte Crowley sie wieder zurück in den Alltag. Er gluckste leise und kündigte an: „Ich werde überall Rankpflanzen hinstellen. Die begraben in Windeseile all deine staubigen Bücher unter sich und verwandeln deine Erstausgaben in Humus.“ Erziraphael zog ihn zu sich heran und küsste ihn. „Natürlich, Liebling. Alles, was dich glücklich macht“, sagte er trocken. „Aber glaub mir: Ich war nicht elf Jahre Gärtner, ohne etwas über Pflanzenschnitt und Unkrautvernichtung zu lernen.“ Crowley quiekte empört: „Du Unhold! Das würdest du nicht wagen!“ Er ließ sich aufs Bett sinken und krabbelte auf seine Seite hinüber. Für Erziraphael sah es aus dem Augenwinkel so aus, als wären mindesten sechs schwarze Beine an der Bewegung beteiligt. Sechs nicht besonders gut koordinierte Beine. Er gähnte. Dann stand er kurz auf, schlug die Decke zurück und schlüpfte darunter. Er rückte nahe an Crowley heran, strich rote Strähnen hinter ein Ohr und flüsterte hinein: „Ich würde es nicht darauf ankommen lassen.“ Dann zog er ihn noch näher an sich. Bald atmeten sie beide ruhig und gleichmäßig.