Fremde Freunde 2 (immer noch Donnerstag)
Fremde Freunde 2 (immer noch Donnerstag)
Crowley kam mit Hexe auf den Fersen die Treppe hinunter. „Guten Morgen!“ Muriel war wie immer schon auf und küsste ihn zur Begrüßung auf die Wange. „Bist du aus dem Bett gefallen?“ Er schüttelte wortlos den Kopf, füllte den Wasserkocher und stellte ihn an. Als er nicht nur seinen Kaffee vorbereitete, sondern auch Tee in eine Kanne gab, fragte sie: „Ist Erziraphael etwa auch schon auf? Habt ihr was Besonderes vor?“ Wieder schüttelte er stumm den Kopf. Sie gab ihm spielerisch eine Kopfnuss. „Warum stehst du so früh auf, wenn du in Wahrheit noch schläfst?“, stichelte sie. „Weiß nicht“, brummelte er. Eigentlich klang er ganz wach, fand Muriel. „Gibt Tage, da fühlt Liegenbleiben sich feige an“, sagte er widerstrebend.
Wie immer, wenn Crowley sie unvermutet einen Blick auf seine Gefühle werfen ließ, bekam Muriel Gänsehaut. Diese Vertrauensbeweise waren noch immer so selten, dass sie jeden dieser besonderen Momente einzeln hätte aufzählen können. Sie behandelte sie wie die Kostbarkeiten, die sie waren, und verwahrte sie sorgfältig in ihrem Gedächtnis. Crowleys Vertrauen fühlte sich an wie ein Ritterschlag.
Sie ging zu ihm und rieb ihm aufmunternd über den Rücken. „Und was macht man an einem solchen Tag?“, fragte sie behutsam. Er zuckte mit den Schultern. „Erstmal mit Hexe gehen, denke ich.“ Muriel dachte kurz nach. „Wie wär’s, du nimmst den Erzengel mit auf den Spaziergang, ihr geht beim Bäcker vorbei und holt auf dem Heimweg Hannah und ihre Eltern im Hotel ab?“, schlug sie vor. „Bis dahin habe ich das restliche Frühstück fertig.“ Der Dämon nickte langsam. „Klingt nach nem Plan.“
Die Tür ihres Schlafzimmers ging auf, und Erziraphael rief Muriel schon von oben sein „Guten Morgen“ zu. „Habe ich richtig gehört?“, fragte er noch auf der Treppe, „Muriel hat schon über unsere ersten Aufgaben entschieden?“ Auch er bekam einen Begrüßungskuss. „War bloß’n Vorschlag“, grinste sie. Crowley hielt ihm seinen Tee hin und Erziraphael blieb damit bei ihm stehen. Schweigend tranken sie ihre Becher leer. Kaum hatten sie die Tassen abgesetzt, stand Hexe wie aus dem Boden gewachsen neben ihnen. Sie wedelte erwartungsvoll mit dem Schwanz und tippelte aufgeregt auf der Stelle. „Die Frauen im Haus scheinen sich hinsichtlich unserer Pflichten einig zu sein, Crowley“, frotzelte der Buchhändler. „Am besten tun wir, was sie wollen.“ Und so zogen sie sich für den Spaziergang an. Der Engel bestand darauf, dass auch Crowley seine Jacke ordentlich bis obenhin zuknöpfte und wickelte ihm fürsorglich einen warmen Schal um den Hals. Dabei murmelte er liebevoll etwas von „längst Oktober“, von „Kälte“ und von „Tod holen“, während er die Schalenden sorgfältig unter das Revers von Crowleys Jacke schob. Der Dämon knurrte leise. „Tu nicht so“, Erziraphael setzte ein entwaffnendes Lächeln auf und gab ihm einen nicht zu überhörenden Kuss. Muriel schüttelte von der Küchentür aus lächelnd den Kopf über die zwei. Sie taten einander so gut! Es machte sie froh, die Männer so zu sehen. Beschwingt machte sie sich an die Frühstücksvorbereitungen.
Sie waren noch nicht lange weg, da hörte sie die Tür gehen. Für Kunden war es eindeutig zu früh, deshalb rief sie: „Wer ist da?“ Sie erkannte die Stimme, die mit einem besorgten Unterton antwortete: „Wir sind’s!“ Bee und Gabriel kamen eilig zu ihr in die Küche. „Muriel, wie geht es dir? Und den Jungs?“ Bee, die nur selten jemanden in den Arm nahm, legte ihr die Hände auf die Schultern und sah sie forschend an. „Wir haben das alles eben erst mitbekommen“, sagte Gabriel und klopfte ihr auf den Rücken. Die Dämonin nickte. „Wir brauchten ein bisschen Zeit für uns, nachdem Gabriel so lange mit Crowley unterwegs war“, erklärte sie. „Wir haben gestern einfach alle Stecker gezogen und uns zu Hause verkrochen.“ Sie klang schuldbewusst.
„Ach, ihr Lieben!“ Muriel umarmte sie gerührt. „Das hattet ihr doch auch verdient. Macht euch keine Sorgen.“ Sie zeigte auf den halb gedeckten Tisch, der schon richtig einladend aussah. „Ihr frühstückt doch mit uns? Crowley und Erziraphael sind mit Hexe draußen und bringen gleich Ben und Laura mit.“ Die beiden nickten. Gabriel hatte schon einen Stapel Teller aus dem Schrank geholt und drückte ihn Bee in den Arm. Bee griff noch einmal nach ihrem Arm. „Ich bin froh, dass ihr nicht allein wart. Waren Nina und Maggie auch hier?“
„Klar“, antwortete Muriel. Dieses eine Wort, diese einfache Aussage, löste eine Welle von Dankbarkeit in ihr aus. „Wie gut wir es haben, oder?“, sagte sie bewegt. „Dass wir uns so selbstverständlich darauf verlassen können, dass jemand für uns da ist, wenn wir ihn brauchen…“
Ihr schoss eine Zeile aus „Winnie The Pooh“ in den Sinn und sie murmelte: „How lucky am I to have something that makes saying goodbye so hard.“ „Was sagst du?“, fragte Bee. Muriel schüttelte lächelnd den Kopf. „Entschuldigt, das ist wieder mein Kinderbuchfimmel. Kennt ihr ‚Pu der Bär?‘“ Beide verneinten. „Ein Kinderbuch-Klassiker“, erzählte Muriel. „Der Held ist der Teddy-Bär von Christopher Robin und er erlebt viele Abenteuer mit seinen Freunden im Hundert-Morgen-Wald.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Das eben war eins der ganz bekannten Zitate: ‚Wie glücklich ich bin, dass ich etwas habe, das mir den Abschied so schwer macht.‘ Ist das nicht ein wunderschöner Satz über Freundschaft?“
Die Dämonin nickte. „Auch über Liebe“, sagte sie bewegt.
Versonnen starrte Muriel auf die Arbeitsplatte, wo ihre Hand mit dem Messer zum Stillstand gekommen war. Langsam schob sie die Apfelschnitze vom Brett in eine Schüssel und entkernte den nächsten Apfel. „Wenn ich daran denke, dass ich im Himmel nie, in all der Zeit seit dem Beginn wirklich nie einen Freund oder eine Freundin hatte…“ Gabriel nickte verständnisvoll. „Sag es, wie es ist“, forderte er sie nüchtern auf. „Der Himmel war kein Ort für Freundschaft.“ Sie sahen sich an. So viel schien sie von dieser Zeit und dieser Welt zu trennen… Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit – dabei war es kaum mehr als ein Wimpernschlag der Geschichte.
Bee zog Muriel behutsam das Messer weg. „Nur bis du wieder hinschaust“, sagte sie lächelnd. „Wie war das in der Hölle mit Freundschaft?“, fragte der Engel die ehemalige Höllenfürstin. Gespannt wartete sie auf die Antwort, aber Bee ließ sich Zeit. „Ähnlich, aber nicht ganz“, sagte sie schließlich. „Ich erinnere mich an eine Reihe von Zweckfreundschaften, die nur so lange hielten, bis Verrat sich mehr lohnte als Treue.“ Ihre Stimme war bitter. Auch Bee hatte die Hölle nicht einfach hinter sich gelassen, stellte Muriel nicht zum ersten Mal fest. Auch die Dämonin trug ihre Narben. Jetzt aber lächelte sie. „Erstaunlicherweise gab es aber auch eine ganze Reihe echte Freundschaften, soweit man das von außen beurteilen kann.“ Sie sah Gabriel an. „Ich denke, Ligur und Hastur waren richtige Freunde, ausgerechnet… Hastur hat wirklich gelitten nach Ligurs Tod.“ Sie verstummte. Gabriel nahm ihre Hand und streichelte sie, bis sie aus der Erinnerung wieder auftauchte.
„Seltsam, oder? Dass Freundschaften es unten leichter hatten als oben?“, fragte Muriel. „Nicht unbedingt“, widersprach Bee. „Das Böse hat viel mehr mit Gefühlen zu tun, mit Leidenschaften, mit Regelverletzungen. Du musst die Menschen zu einem gewissen Grad verstehen, wenn du sie verführen willst.“ Muriel hörte aufmerksam zu. „Das Gute ist im Vergleich dazu sehr abstrakt“, überlegte die Dämonin laut. „Es ist eher… mehr sowas wie ein geistiges Konstrukt.“ Fragend wandte sie sich an Gabriel „Trifft es das halbwegs, was meinst du?“ Er antwortete nicht sofort, aber dann nickte er. „Ich glaube, das trifft es gut. Der Himmel forderte Gehorsam. Die Hölle Treue. Zwei grundlegend verschiedene Konzepte…“
„Wie wahr, wie wahr“, schnarrte Crowley, der mit dem restlichen Trüppchen während der letzten Sätze hineingekommen war. „Mein Pech war nur, dass ich in beidem nie gut war.“ „Das stimmt nicht, Liebling.“ Erziraphael hatte ihre Mäntel aufgehängt und gesellte sich nun zu ihnen. „Du bist dir immer treu geblieben. Ist das nicht die wichtigste Treue überhaupt?“ Er drückte ihm einen Kuss auf die Schläfe. „Und ich konnte mich auch immer auf dich verlassen.“
„Was für philosophische Diskussionen so früh am Morgen“, bemerkte Laura. „Das klingt, als hätten wir richtig was verpasst.“ Während sie und Ben alle begrüßten, entschuldigte Gabriel sich auch bei Erziraphael und Crowley dafür, dass sie nicht früher gekommen waren. Aber die Freunde winkten ab. „Is‘ schon oke“, nuschelte Crowley. „Setzt euch doch erstmal, Muriel hat mit Frühstück gedroht.“ Er schnitt ihr eine Grimasse, fasste dann aber mit an und in Windeseile war der Tisch fertig gedeckt.
Sobald alle dabei waren, sich die Teller zu füllen, sagte Muriel: „Das mit den Leidenschaften verstehe ich nicht so ganz. Das ist doch etwas rein Menschliches.“ Sie sah erwartungsvoll in die Runde. „Da würde ich widersprechen“, sagte Bee trocken und schaute Gabriel demonstrativ vielsagend tief in die Augen. Alle lachten. Alle außer Muriel und Hannah. Der kleine Engel sah verwirrt in die Runde. „Ich verstehe es wirklich nicht“, sagte sie ratlos. „Ich kann absolut nachempfinden, wenn in Büchern oder Filmen Menschen Zuneigung füreinander empfinden, und die Gegenwart des anderen genießen. Freundschaft, Liebe, das sind wunderbare Konzepte.“ Sie hielt kurz inne, bevor sie erklärte: „Aber bei Szenen mit Lust und Leidenschaft bin ich raus. Ihr doch auch, oder? Ich habe nicht die geringste Vorstellung, wie sich das anfühlen könnte. Das ist einfach nichts, was in Engeln angelegt ist, denke ich.“
Sie sah in verwunderte Gesichter und fühlte sich plötzlich, als hätte sie etwas sehr Dummes gesagt. „Also, in mir ist das definitiv angelegt!“, rief Ben in den Raum und brachte die Runde damit zum Lachen. Muriel lächelte vorsichtig, sah nachdenklich in die Gesichter der Freunde, ließ die Sache aber auf sich beruhen. Sie war erleichtert, als die Freunde zum nächsten Thema übergingen.
Verstohlen beobachtete die Dämonin sie aus den Augenwinkeln. Das erklärte so manches. Nun verstand sie, warum die gutmütige Muriel manchmal so indiskret war, scheinbar rücksichtslos indiskret. Crowley und Erziraphael zuliebe würde sie das bei nächster Gelegenheit mal mit Muriel durchsprechen, nahm sie sich vor.
Kurz darauf ging es schon wieder sehr fröhlich zu am Tisch. Hannah unterhielt die ganze Runde mit Geschichten aus der Schule und von ihren Freunden. Sie saß auf Crowleys Schoß und genoss die Aufmerksamkeit. Sie erzählte mit Händen und Füßen und er hörte lächelnd zu, achtete aber auch gewissenhaft darauf, dass sie bei dem ganzen Gezappel nicht plötzlich von seinen Knien rutschte.
Es ging so lebhaft zu, dass keiner von ihnen die Ladenglocke hörte. Muriel sah auf, als sie ihren Namen hörte. Sie sah sich suchend um und entdeckte Josie, die unsicher neben den Regalen stehen geblieben war. „Josie!“ Muriel war so schnell aufgesprungen und auf das Mädchen zugeeilt, dass die gesamte Aufmerksamkeit ihr folgte. Schlagartig war es mucksmäuschenstill am Tisch. Selbst Hannah unterbrach ihre Erzählungen. Josie wurde unter der geballten Aufmerksamkeit ganz heiß und sie verfluchte das Blut, das ihr in den Kopf stieg. „Ich will nicht lange stören…“, sagte sie schüchtern und trat einen halben Schritt zurück.
Inzwischen waren auch Erziraphael und Crowley aufgestanden und Muriel gefolgt. Der Buchhändler erkannte, wie unwohl Josie sich vor all den Fremden fühlte und zeigte einladend Richtung Laden. Sie nickte und zog sich mit einem Nicken zur übrigen Tischgesellschaft dankbar hinter die Bücherregale zurück. Crowley reagierte, sobald er hinter ihr ihren Vater stehen sah. „Alec!“ Er ging eilig auf den Schreiner zu, blieb aber wie angewachsen stehen, als der Mann reflexartig vor ihm zurückwich.
Crowleys Lächeln gefror auf seinem Gesicht. Josie beobachtete die Szene mit Sorgenfalten auf ihrer Stirn. Gut, dass sie mitgekommen war, es ging offensichtlich ganz und gar nicht von selbst.
Sie schaute den drei Unsterblichen aufmerksam ins Gesicht. Sie suchte nach Merkmalen, die ihr hätten verraten können, dass sie keine Menschen waren. Aber sie wirkten noch genauso vertraut wie immer… und das irritierte sie mehr, als sie erwartet hatte. Nein, es ging definitiv nicht von selbst!
Josie fasste sich ein Herz und trat auf Muriel zu, dankbar, dass die ihr beide Hände zur Begrüßung hinhielt. Sie ergriff sie und mit der Berührung fiel die befremdliche Scheu so plötzlich von ihr ab, wie sie Besitz von ihr ergriffen hatte. „Muriel“, sagte sie, schluchzte es fast, und fiel ihr um den Hals. „Seid bitte nicht böse auf Paps wegen gestern, ja? Und auf uns bitte auch nicht.“ Sie löste sich von der Buchhändlerin und wandte sich den Männern zu. „Mr. Fell, Anthony“, sie schluckte. „Das gilt auch für Sie. Wir mussten das alles erstmal begreifen, verstehen Sie das? Aber jetzt sind wir ja hier. Es ist doch noch nicht zu spät, oder? Mama und Lizzie kommen auch noch und wir sollen Sie herzlich grüßen, und …“
„Josie“, Erziraphael unterbrach sanft den Wortschwall, kam auf sie zu, blieb einen halben Meter vor ihr stehen und sagte: „ich bin sehr, sehr froh, dass du hier bist.“ Mehr brauchte es nicht. Einladend breitete er die Arme aus, die dazugehörige Frage las sie in seinem Gesicht. Und von einem Augenblick auf den anderen war wieder alles, wie immer: Schon stand sie direkt vor ihm und ließ sich von ihm umarmen, wie er sie schon umarmt hatte, als sie gerade erst Laufen gelernt hatte. Fragend sah sie zu Crowley und auch er drückte sie kurz, aber herzlich. Dann aber schaute er über ihre Schulter zu ihrem Vater.
„Alec, das…“ Seine Stimme klang brüchig und er nahm einen neuen Anlauf. „Bitte glauben Sie uns Alec, wir wollten das so nicht.“ Der Schreiner nickte, blieb aber immer noch in der Nähe der Ladentür stehen. „Wir wollten, dass Sie es von uns erfahren“, sagte Crowley leise. „Aber es ging alles so schnell…“ Hilflos sah er zwischen Josie, Erziraphael und Alec hin und her und wartete.
„Ich verstehe, dass das ein Schock für Sie sein muss, Alec.“ Der Engel war bei diesen Worten zu Crowley gegangen und hatte nach seiner Hand gegriffen. „Aber Sie kennen mich doch. Und im Grunde kennen Sie auch Crowley… und Muriel!“ Bittend sah er dem Schreiner in die Augen. „Wir sind vielleicht nicht, was Sie geglaubt haben, Alec. Aber wir sind noch immer, wer wir waren. – Noch genau die, die Sie kennen.“ Dann verstummte auch er.
Josie war kurz davor, zu ihrem Vater zu gehen und ihn einfach auf den Buchhändler und seinen Partner zuzuschubsen. Er wirkte wie in Trance. Aber die plötzliche Stille schien in sein Bewusstsein zu dringen. Er schaute auf und sah zwischen den Personen vor sich hin und her, sah den blonden Engel dort stehen, Hand in Hand mit dem rothaarigen Mann, mit dem er noch vorgestern Seite an Seite gearbeitet hatte, sah seine Tochter und die kleine Buchhändlerin nah beieinander stehen, Josies Hand aufgeregt an Muriels Oberarm, und begriff erst langsam, dass sie alle auf seine Reaktion warteten. Es kam nur auf ihn an. Und auch die Lösung seines Problems lag nicht bei den Menschen… den Personen da vor ihm, … sie lag einzig und allein in seinem Kopf. Keiner der drei hatte ein Problem mit ihm oder Josie, genauso wenig hatte Josie ein Problem mit den drei… Anderen. Nur er hatte ein Problem. Er war das Problem.
Alec schüttelte ärgerlich den Kopf. Seit wann war er so… schwierig, so verbohrt? Warum stand er sich ausgerechnet bei dieser Geschichte so sehr selbst im Weg? Er hatte die Gesellschaft Muriels so genossen, die Gespräche mit Anthony, mit dem er sich auf Anhieb gut verstanden hatte, und in den seine drei Frauen gleichermaßen verschossen waren… Er schloss die Augen und holte tief Luft. „Alec Wrong-a-Lot Gibson, du Ritter von der traurigen Gestalt“, schalt er sich stumm. „Mach deine Tochter endlich wieder stolz!“
Noch einmal schüttelte er seinen Kopf, als könne er damit die unwillkommenen Gedanken aus ihm herausschütteln. Dann streckte er den Rücken durch, ging auf die Vier zu und streckte seine Hände den beiden Pärchen entgegen. „Können Sie einem alten Esel noch einmal verzeihen?“, bat er. „Ich wusste plötzlich nicht mehr, was ich denken sollte, ich habe mich selbst nicht wiedererkannt…“
„Glauben Sie mir, Alec“, sagte Crowley, auf dessen Gesicht jetzt ein Strahlen lag, „im Verzeihen ist der Engel wirklich gut. Da macht ihm so schnell keiner was vor.“ Und damit war der Bann endlich gebrochen. Schultern wurden geklopft, weitere Entschuldigungen gemurmelt und Hände geschüttelt. Schließlich sagte Erziraphael: „Wir sollten sicher über Vieles reden und wahrscheinlich haben Sie eine Menge Fragen, aber können wir das noch etwas aufschieben? Wir versprechen, Ihnen nicht auszuweichen, aber… wollen Sie nicht erstmal mit uns und unseren Freunden frühstücken?“
Bevor ihr Vater die Chance bekam, das Wort „Schule“ in den Mund zu nehmen, hatte Josie genickt und war Muriel schnurstracks zum Esstisch gefolgt, wo Laura schon zwei weitere Plätze eingedeckt hatte und alle etwas näher zusammengerückt waren. Neugierig sah Josie in die Runde. Sie fühlte sich plötzlich sehr jung, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen. „Also… Sie sind alle Engel?“ Sie zögerte. „Ich meine… irgendwie jedenfalls, oder?“ Crowley grinste. „Irgendwie jedenfalls trifft’s ganz gut, denke ich.“ Muriel trat hinter sie und ergänzte: „Auf jeden Fall sind sie alle Freunde.“ Dann begann sie, Josie und Alec alle vorzustellen.
Crowley sah, wie Muriel Josie eine Hand auf die Schulter legte und wie die Vorgestellten den Frauen zulächelten. Und plötzlich waren da wieder diese Wörter, zwei Wörter mit drei Buchstaben, die der Engel gerade gesagt hatte und die in seinem Kopf echoten:
„Wir“ und …
… „uns“.
Und dabei erinnerte er sich daran, wie er am Ende einer verzweifelten Ansprache in diesem Raum gestanden hatte, mit nichts als den Scherben seiner Hoffnung in den Händen und der Gewissheit, dass es nie ein „Uns“ geben würde. Zumindest keines, das ihn einschloss.
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Zum zweiten Mal gibt es leider nur ein eher kurzes neues Kapitel.
Die vorweihnachtliche Stimmung hat mich so leichtsinnig gemacht, einen Adventskalender zu beginnen, dessen Türchen jetzt mit Geschichten gefüllt werden wollen. Und dann haben auch Crowley und sein Engel Anspruch auf etwas adventlichen Fluff angemeldet... Wenn ihr die "Buchhandlung im Weihnachtskleid" noch nicht gelesen habt, könnt ihr euch hoffentlich damit trösten.