Eine spontane Führung (immer noch Donnerstag)
Eine spontane Führung (immer noch Donnerstag)
Ich lebe noch! Und diese Geschichte lebt auch noch!
Für die lange Funkpause bitte ich um Entschuldigung. Ende 25 habe ich alle Energie in den Adventskalender gesteckt. Im ersten Quartal 26 hatte ich mehr als genug mit mir selbst zu tun. Aber ab sofort geht es hier wieder weiter. Regelmäßig, aber vorerst in kleineren Schritten und voraussichtlich erstmal nur alle zwei Wochen.
Ich hoffe, ihr bleibt weiter dabei bzw. findet den Weg zurück zu Next Omens.
***
„Das geht nicht!“, sagte Furfur entschieden. Codimor konnte die steile Falte auf seiner Stirn förmlich vor sich sehen, obwohl sie sich über eine reine Sprachverbindung unterhielten. Jeder aus der direkten Umgebung des Höllenrats kannte dieses zuverlässige Zeichen für seine Unzufriedenheit. Der Meister des Rechts lächelte. „Darf ich erfahren, warum nicht?“ Die spontane Reaktion war ein frustriertes Knurren. „Wir können das Lager im Fünften nicht als Normalfall ausgeben. Schon gar nicht, wo wir gerade erst mit knapper Not eine Gefangenenrevolte beendet haben.“ Codimor meinte zu hören, wie Furfur heftig den Kopf schüttelte. „Ich will mir nicht vorwerfen lassen, dass wir unsere Partner täuschen.“
„Das habe ich ja auch gar nicht vor“, antwortete Codimor. Er verkniff sich ein Grinsen. Furfur war der erste Anführer der Hölle, der Skrupel hatte, die Realität großzügig zu seinen Gunsten zu schönen. Nur einer der Gründe, aus denen sein Rechtsberater ihn so achtete. „Aber die Delegierten wollen kein Abenteuer erleben, sondern einen Einblick bekommen“, fuhr Codimor ungerührt fort. „Und dort können wir ihre Sicherheit gewährleisten.“ Er saß entspannt auf einer Tischplatte und baumelte mit den Beinen. Er zweifelte nicht an der Wirkung seiner Argumente.
Und wirklich, kurz darauf brummte der Höllenrat in die Leitung: „Warum lasse ich mich immer wieder auf Debatten mit dir ein?“ „Wahrscheinlich, weil ich dir nicht nur sage, was du hören willst.“ Seine Augen blitzten und er streckte den Arm mit dem Telefon weit von sich, solange der Höllenrat ihm farbige Flüche und phantasievolle Beschimpfungen an den Kopf warf. Als er Luft holen musste, fragte Codimor: „Wirst du uns begleiten?“ Er entschied, die Fortsetzung der Tirade als Zustimmung zu interpretieren. Mit einem freundlichen „Dann bis gleich“ legte er auf.
Nach den erfreulich kurzen und unaufgeregten Verhandlungen mit den Aufständischen hatte Codimor den Besuchern aus den beiden anderen Welten spontan eine Führung angeboten. Sie wollten gerne eines der Gefangenenlager besuchen, in das sie in Kürze die versprochenen Verwaltungskräfte entsenden würden. Dafür hatte er sich das Einverständnis des Höllenrates geholt.
Nun kehrte der Meister des Rechts in den Verhandlungssaal zurück, wo die Delegationen von Himmel und Erde auf ihn warteten. Er führte sie zum Aufzug. Furfur traf fast zeitgleich dort ein und gratulierte den Verhandlungsführern zu ihrem Erfolg. Dann traten sie in Gruppen den Weg in den Fünften Kreis an.
Vor dem Tor des Lagers wurden sie von Milgreth in Empfang genommen. „Danke, dass du einspringst“, raunte ihm Codimor zu, bevor er sich an die Delegierten wandte. „Ich möchte Euch einen Soldaten vorstellen“, sagte er, „der mit seinem Pflichtbewusstsein und seinem Respekt für das Recht dazu beigetragen hat, dass Ihr heute mit einer überweltlichen Delegation vor dem Tor eines geheimen Lager stehen und Euch sicher fühlen könnt.“ Bei diesen Worten suchte er Berechiels Blick und lächelte, als der ihm vertrauensvoll zunickte. So entging ihm allerdings die Reaktion Milgreths.
Ein Dämon wurde nicht gelobt, schon gar nicht vor Fremden oder von einem so viel Ranghöheren. Für Milgreth war das schlicht undenkbar.
Der Soldat war fassungslos. Musste er sich Sorgen machen, weil der Meister des Rechts seinen Namen kannte? War er unangenehm aufgefallen? Hatte er sich etwas zuschulden kommen lassen? Er versuchte, Furfurs Miene zu deuten. War auch der Höllenrat überrascht? Milgreth trat unbehaglich auf der Stelle.
Codimor nickte, wie um das zuvor Gesagte noch einmal zu bekräftigen. „Milgreth hat den direkten Befehl einer ranghohen Dämonin missachtet, weil dieser Befehl im Widerspruch zum geltenden Vertrag mit dem Himmel stand“, erklärte er den Besuchern. „Deshalb konnten die damaligen Delegierten Satan ihren Vorschlag zur Verhinderung der Apokalypse unterbreiten.“
Milgreth stand noch immer kerzengerade auf seinem Posten, aber seine Hände zitterten und auf seiner Stirn hatten sich Schweißperlen gebildet. Codimor bemerkte das erst jetzt, reagierte aber sofort: Mit zwei Schritten war er bei dem Soldaten und legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Du hast nichts zu befürchten“, versicherte er ihm leise. „Ich meine es genau so, wie ich es gesagt habe.“ Dann fuhr er mit seiner Ansprache fort: „Sein Hauptmann ist ein ebenso pflichtbewusster und vertrauenswürdiger Offizier“, erklärte er. „Er hat sich, ebenso wie jeder seiner Männer, freiwillig für diese Aufgabe gemeldet. Sie alle wissen, was von ihnen abhängt.“
Codimor nickte Milgreth noch einmal ermutigend zu und sah dann zu Furfur.
„Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass alle Gefangenenlager der Hölle diesem hier ähneln“, sagte er zur Überraschung des Höllenrates. „Das tun sie nicht. Dieses Lager ist eine Ausnahme und das gleich in mehrfacher Hinsicht.“ Er ließ seinen Blick über die Gesichter der Delegierten wandern und stellte zufrieden fest, dass er ihre volle Aufmerksamkeit hatte. „Es gibt unter den Insassen weder Schwerverbrecher noch Gewalttäter. Die auf Widerruf gewährten Hafterleichterungen wurden von keinem ausgenutzt.“ Er schaute erneut in die Runde, bevor er fortfuhr: „Dass die Wachen mein volles Vertrauen genießen, habe ich bereits erwähnt.“ Er vergewisserte sich mit einem schnellen Blick zur Seite, dass Milgreth das erneute Lob gelassener aufnahm. Dann kam er zum Ende: „Dieses Lager ist ein Vorbild für das, was wir nach und nach auch in allen anderen anstreben, — nicht mehr, aber auch nicht weniger. Sicher versteht Ihr, dass ich Euch nicht spontan irgendwohin führe, wo ich Eure Sicherheit nicht gewährleisten kann.“ Mehrere Delegierte nickten zustimmend. Jesus lächelte ihm zu, während Kenneth sich etwas notierte. Der Meister des Rechts suchte Furfurs Blick.
Auch der Höllenrat nickte ihm zu, dann klatschte er in die Hände und gab das Signal zum Aufbruch.
Er überließ Codimor die Führung und sprach nur, wenn jemand eine direkte Frage an ihn richtete. Bei einigen Antworten wunderte er sich vielleicht selbst am meisten, dass seine Reformvorschläge bisher kaum Widerstand provoziert hatten. Berechiel ging schweigend neben ihm. Verstohlen musterte Furfur die Mitglieder der himmlischen Delegation. Die meisten unterhielten sich angeregt mit den anderen Delegierten, — mit Dämonen genauso wie mit ihresgleichen oder den wenigen Menschen. Dabei waren sie über Jahrtausende Erzfeinde gewesen, vom Augenblick des ersten Falls an.
Sein Blick fiel auf Jesus, der neben Codimor an der Spitze der Gruppe ging und sich lebhaft mit dem Meister des Rechts unterhielt. Furfurs Blick wurde weich. Dieser Mann war noch nie jemandes Feind gewesen. Niemand sonst verkörperte den unbedingten Willen zum Frieden zwischen den Welten so glaubhaft wie der Gottessohn. Furfur dagegen war schon immer Soldat gewesen und er müsste lügen, um zu behaupten, dass Diplomatie ihm leicht fiel…
Furfur hätte lieber hundert Schlachten geschlagen als diese eine geführt – ohne Waffen, ohne klare Fronten, ohne den Trost eines Feindbildes.
Aber verdammt: Diesmal war Diplomatie kein Luxus, sondern Pflicht. — Es war der einzige Weg zu einem gerechten Frieden. Der einzige Weg in eine Zukunft, in der sie alle frei und gleichberechtigt miteinander leben konnten.
Er seufzte innerlich, dann wandte er sich wieder seinen Begleiterinnen und Begleitern zu.