Fremde Freunde 3 (immer noch Donnerstag)
Fremde Freunde 3 (immer noch Donnerstag)
Falls euch der Beginn des Kapitels verwirrt, liegt das wahrscheinlich an der langen Pause vor dem letzten Kapitel. Tipp: Kehrt nochmal zu "Fremde Freunde 2" zurück, dann wisst ihr wieder, bei welchem Tag Crowley hier mit seinen Gedanken ist.
Crowley ließ den Blick durch den Raum gleiten, über das zusammengeschobene Geschirr und die vertrauten Gesichter. Alle waren in Gespräche vertieft, mal mit den direkten Sitznachbarn, mal quer über den Tisch hinweg. Wer Crowleys Augen auf sich spürte, hob den Kopf und lächelte ihm zu – ganz selbstverständlich. Er fühlte fast schmerzhaft deutlich, wieviel sich seit jenem Tag geändert hatte.
Das „Wir“ war kein verzweifelter Wunsch mehr, sondern seine Realität. Und es war gewachsen, meinte ihn und Erziraphael, aber eben auch alle anderen, die mit ihnen hier saßen. Und dieses „Wir“ endete nicht am Tisch. Josies Schwester und ihre Mutter, Cathy, Vicky und Liam, Arwen, … - sie alle hatten sich von der Enthüllung nicht abschrecken lassen, akzeptierten ihn als den, der er war…
Er spürte Erziraphaels Hand in seiner Taille, warm und selbstverständlich, und etwas in ihm, das er allzu lange festgehalten hatte, lockerte sich unmerklich. Vielleicht, dachte er, musste er sich endlich erlauben zu hoffen. Auch wenn es sich immer noch grundfalsch anfühlte. War es möglich -- konnten sie ihren Platz in dieser neuen Welt behaupten, auch als Engel und Dämonen?
Er schaute zu Muriel, die neben Alecs Tochter saß. Nachdem ihre anfängliche Scheu sich gelegt hatte, löcherte Josie den Engel mit Fragen. Ihre Augen leuchteten und ihre Wangen glühten. Die Buchhändlerin antwortete ihr geduldig, unterstützt von Erziraphael, Bee und Gabriel. Crowleys Anspannung ließ weiter nach und auch er konnte sich nun auf die Unterhaltung konzentrieren.
Muriel hatte ohne viel Erfolg versucht, auch Alec ins Gespräch zu ziehen. Er antwortete einsilbig, hörte aber aufmerksam zu. Er schien die Informationen förmlich aufzusaugen, die um ihn herumschwirrten.
Als Josies drängendste Fragen beantwortet waren, nahm sie ihr Handy heraus, um ihrer Mutter und ihrer Schwester zu texten. Sie hatte gerade „Kommt am besten gleich her, es ist mega-spannend!“ getippt und abgeschickt, als ihr Vater sich räusperte. Er wartete, bis Muriel ihm ihre Aufmerksamkeit zuwandte. „Meine Frauen hatten recht: Ich habe mich unmöglich aufgeführt“, sagte er mit bedrückter Miene. „Danke, dass Sie Geduld mit mir haben.“ Die Buchhändlerin griff nach seiner Hand. Sie wirkte entrüstet. „Das ist ja wohl das Mindeste, was Sie von Ihren Freunden erwarten dürfen“, sagte sie vorwurfsvoll. „Schließlich haben wir Ihnen ohne Vorwarnung eine Menge zugemutet.“
Alec sah sie einen Moment nachdenklich an. Dann schüttelte er den Kopf, als wollte er sich von einer lästigen Fliege befreien. „Wie auch immer!“ Er klatschte sich entschlossen mit beiden Händen auf die Oberschenkel. „Sie dürfen erwarten, dass ihr Schreiner nicht länger herumtrödelt, sondern endlich auf die Baustelle zurückkehrt!“ Er ließ Muriel keine Gelegenheit zu widersprechen. Schon war er aufgesprungen und hatte sich ein paar Schritte vom Tisch entfernt.
„Bitte, warten Sie noch kurz, Alec.“ Erziraphaels Bitte ließ ihn innehalten. „Sie waren so schweigsam“, fuhr der Buchhändler fort, der ihm mit Crowley gefolgt war. „Geben Sie mir doch bitte Gelegenheit zu erklären, wa…“ Der Schreiner unterbrach ihn. „Sie schulden mir keine Erklärung. Sie schulden mir gar nichts.“ Er rieb unbehaglich die Hände aneinander. „Es ist allein Ihre Entscheidung, wen Sie wann ins Vertrauen ziehen. Ich trage Ihnen das nicht nach.“ Seine Augen wanderten zwischen dem Buchhändler und Crowley hin und her. Schließlich zuckte er mit den Schultern und sagte: „Ich musste mich erst an den Gedanken gewöhnen, das ist alles. Lassen wir es dabei bewenden, ja?“
Erziraphael lächelte ihn unsicher an. „Dann…, dann ist zwischen uns wieder alles wie vorher?“, fragte er. Er richtete zum dritten Mal hintereinander seine Fliege, ließ Alec dabei nicht aus den Augen. Der Schreiner sah vor sich auf den Boden und Erziraphael wartete stumm auf seine Antwort. Schließlich seufzte Alec tief und murmelte: „Ich weiß es ehrlich gesagt nicht.“ Er schob seine Hände in die Hosentaschen, die Schultern hochgezogen.
„Oh, Alec!“ Der Buchhändler machte instinktiv einen Schritt auf ihn zu und griff nach seinem Unterarm, ließ aber sofort wieder los, als der andere sich versteifte. „Bitte sagen Sie das nicht! Sie kennen mich schon so lange. Es muss sich doch nichts ändern zwischen uns.“ Flehend sah er den Mann an, aber Alec wich seinem Blick aus.
Als er schließlich antwortete, klang er traurig: „Es tut mir leid, Mr. Fell. Aber alles ist ganz anders, als ich immer geglaubt habe.“ Er schüttelte langsam den Kopf. „Wir können doch nicht so tun, als wäre alles beim Alten. Ich kann es jedenfalls nicht.“ Mit diesen Worten ließ er die beiden Männer stehen und ging mit schweren Schritten zur Tür, ohne sich umzublicken.
Sie sahen sich hilflos an. Bevor der Engel Worte des Trostes für Crowley finden konnte, trat Josie zu ihnen. „Entschuldigung, ich habe gelauscht. Ich würde gerne versuchen, Ihnen Papas Verhalten zu erklären.“ Sie hatte den Buchhändler bei den Händen gefasst. „Bitte, darf ich?“
***
Gabriel zog die Tür der Buchhandlung hinter sich und Bee zu. Er ließ seine Hand auf der alten Türklinke liegen, obwohl die Tür schon ins Schloss gefallen war, und blieb unschlüssig auf dem Gehweg stehen. „Haben wir das Richtige getan?“, fragte er. „Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir womöglich eine überstürzte Entscheidung getroffen haben.“ Die Dämonin legte ihm liebevoll eine Hand an die Wange und fragte: „Seit wann ist in deinem Kopf Platz für Selbstzweifel?“ Ihre Augen blitzten und sie verkniff sich nur mit Mühe ein Grinsen. Der Engel rollte mit den Augen. „Vielleicht seit ich einsehen musste, dass ich nicht unfehlbar bin?“, gab er zurück. „Die Reaktionen der Menschen kommen mir immer noch so unvorhersehbar vor.“
„Da hast du natürlich recht“, räumte sie ein. „Jedenfalls sind sie das für uns.“ Auch sie war jetzt ernst. „Aber was wäre denn die Alternative gewesen? Hätten wir unsere Freunde allein im Feuer stehen lassen und uns wegducken sollen?“ Bee schüttelte den Kopf. „Wir hätten uns morgen beide nicht mehr im Spiegel ansehen können.“ Ihre Stimme war fest. „Wir hätten keinem Unsterblichen einen Dienst erwiesen, wenn wir warten, bis wir ohne unser Zutun geoutet werden.“
Gabriel nickte langsam, immer noch zögernd. „Komm schon, du weißt, dass ich recht habe!“ Sie gab ihm einen behutsamen Stups. Schließlich hob er den Kopf und lächelte ihr zu. „Hast du das nicht meistens?“, fragte er, hob dann aber warnend einen Zeigefinger: „Ich werde das nicht vor Zeugen wiederholen!“ – Bee griff nach dem Finger und schob ihn weg. „Gar nicht nötig!“ Sie strahlte ihn an. „Das übernehme ich gerne für dich!“ Dann fasste sie seine Hand und zog den entrüstet prustenden Ex-Erzengel hinter sich her. „Komm, wir machen uns zuhause noch einen richtig schönen Tag, bevor morgen die große Aufregung losbricht.“
Keiner von ihnen bemerkte die Blicke, die ihnen von der anderen Straßenseite folgten. Jemand schälte sich aus dem Schatten, sobald die beiden aus seinem Sichtfeld verschwunden waren. „Wenn das nicht Lord Beelzebub war, fresse ich dein Auspuffrohr“, murmelte er seinem Motorrad zu. „Was hat die denn hier verloren?“ Nachdenklich kratzte er sich am Kopf. „Wir müssen wohl nochmal wiederkommen“, brummte er schließlich und schwang sich in den Sattel. Niemand in der Buchhandlung widmete dem laut aufheulenden Motor die geringste Aufmerksamkeit.