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Tag 5, Mittwoch (Teil 1)

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Tag 5, Mittwoch (Teil 1)

Am nächsten Morgen stand Erziraphael mit Crowley auf und leistete ihm bei dem schnellen Espresso Gesellschaft, der sein Frühstück darstellte. Nachdem sich der Dämon und Hexe auf den Weg in die Schule gemacht hatten, schaute er sich in der Küche um. Er war schon fast eine Woche wieder auf der Erde und hatte sich noch nicht einmal Gedanken um Vorräte und Einkäufe machen müssen. Muriel, die gute Seele, hatte sich um alles gekümmert, ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren. Bei seinem einzigen Einkauf hatte er nur an Crowley und sich selbst gedacht. Es wurde Zeit, dass auch er seinen Teil der Verantwortung übernahm. Sein Blick fiel auf einen gut gefüllten Obstkorb, einige der Früchte schienen schon fast überreif zu sein. Kurz entschlossen krempelte er die Ärmel hoch, band sich eine Schürze um, die er an der Tür fand, und begann, die reifsten Früchte sorgfältig zu würfeln. Nach kurzer Zeit stand eine große Schüssel appetitlich bunter exotischer Obstsalat auf der Anrichte. Er schmeckte ihn mit etwas Dattelsirup und Orangenlikör ab und stellte ihn kalt. Er konnte sich nicht erinnern, dass es diese Zutaten früher in seiner Küche gegeben hatte, aber kaum hatte er sie gekostet, hatte er entschieden, dass er sie von jetzt an immer im Haus haben wollte. Er legte in seinem Kopf eine Liste für solche „Must-haves“ an. Er hatte gerade zwei Scheiben Brot in den Toaster gesteckt und eine Pfanne auf den Herd gestellt, als er ein Geräusch auf der Treppe hörte. „Muriel, guten Morgen! Ich wusste nicht, dass du noch geschlafen hast. Habe ich dich geweckt?“ Sie wirkte etwas zerknittert und gähnte herzhaft, bevor sie seinen Gruß erwiderte. „Du bist doch nicht etwa krank, Liebes?“ Sie winkte ab und stieg die letzten Stufen herunter. „Guten Morgen Erziraphael. Nein, ich bin nur müde. Ich war gestern lange bei Sariel und hatte nicht allzu viel Schlaf.“ Sie bemerkte den Toast-Duft, die vielen Obstschalen und die Pfanne. „Ich hätte doch auch Frühstück machen können.“ „Daran habe ich keinen Zweifel.“ Erziraphael lächelte. „Ich wollte Spiegeleier braten. Möchtest du auch welche?“ Muriel fühlte sich bei dem Angebot sichtlich unwohl. „Lass mich das doch schnell machen.“ Erziraphael schüttelte den Kopf. „Ich wüsste nicht, warum du in diesem Haushalt die Arbeit allein machen solltest. Du kannst sehr gerne Teewasser aufsetzen. Aber ich bin absolut in der Lage, für uns beide Spiegeleier zu braten.“ Muriel wandte sich dem Wasserkessel zu. „Dann nehme ich sehr gerne zwei Spiegeleier und zwei Scheiben Toast.“

Sie setzten sich zusammen zum Frühstücken hin und schwiegen, während sie aßen. Dann schob Erziraphael satt und zufrieden seinen Teller von sich. Muriel lächelte ihn an: „Du hattest recht: Es ist zur Abwechslung sehr schön, sich auch mal an den gedeckten Tisch zu setzen. Obwohl ich das ja auch bei Nina und Maggie oft genug darf.“ Erziraphael stellte das Geschirr zusammen und sofort sprang Muriel auf, um den Tisch abzudecken. Als sie mit einem leeren Tablett zurückkam, hielt Erziraphael sie am Handgelenk fest. „Bitte setz dich, Muriel.“ „Natürlich, lass mich nur schnell fertig…“ Der Griff an ihrem Handgelenk lockerte sich nicht und sie sah irritiert auf. Der Blick des Erzengels war freundlich, aber bestimmt. „Bitte setz dich“, wiederholte er und Muriel gehorchte. „Muriel, ich bin dir mehr als dankbar dafür, was du hier geleistet hast, solange ich im Himmel war, ich hoffe, das weißt du.“ Sie nickte, aber sie war verunsichert. „Wir brauchen keine Haushälterin, Muriel. Wir sind uns nicht zu fein, die ganz alltäglichen Dinge selbst zu erledigen. Und wir haben im Moment auch wahrlich Zeit genug. Es muss uns niemand bedienen.“ Sie sah auf die Tischplatte hinunter. „Ich verstehe“, sagte sie tonlos und dachte: „Das ging ja schnell! Schon bin ich überflüssig.“ Verzagt antwortete sie: „Ich wollte mich nicht aufdrängen. Das bisschen Arbeit macht mir auch gar nichts aus. Ich finde es schön, wenn ich mich um jemanden kümmern kann. Ich fand auch, dass Crowley das gebraucht hat.“ Erziraphael lächelte sie unbekümmert an. Er fand offenbar gar nichts dabei, ihr die Aufgabe wegzunehmen, mit der sie ihr schlechtes Gewissen beruhigen konnte, weil sie keine Miete zahlte. „Das ist wirklich sehr lieb von dir und ich bin von Herzen froh, dass du für Crowley da warst. Aber jetzt sind wir eben zu zweit und sollten für uns selbst sorgen können.“ In Muriels Kopf ratterte es. Das war doch ungerecht! Er wusste doch, dass sie auf der Suche war! Kleinlaut sagte sie: „Ich habe ja auch schon nach Wohnungen Ausschau gehalten. Ich hatte dir doch gesagt, dass es schwierig ist.“ Sie gab sich alle Mühe, sich nicht anmerken zu lassen, wie enttäuscht sie war.

Erziraphael sah sie verwirrt an. „Habe ich mich missverständlich ausgedrückt, Muriel?“, fragte er vorsichtig. „Ich weiß nicht, womit ich dir Anlass gegeben habe zu weinen.“ Rasch wischte sie sich die Tränen weg. „Natürlich nicht. Entschuldige Erziraphael.“ Sie dachte fieberhaft nach. „Ich werde Nina und Bee fragen, vielleicht kann ich vorübergehend bei einer von ihnen unterkommen.“ Erziraphaels Augen wurden immer größer. „Muriel, was soll das? Was hast du nur? War denn nicht alles klar zwischen uns? Es geht doch nur darum, dass ich kein Amt mehr bekleide und jetzt Zeit habe für die normalen Alltagsdinge.“ Er war völlig ratlos, weshalb seiner Stimme der gewohnte liebenswürdige Ton fehlte. Plötzlich straffte Muriel den Rücken. Jetzt glaubte sie endlich zu verstehen, worum es hier ging. Sein Amt! Seine Position! Sie hatte es an Respekt fehlen lassen! „Ich muss mich wirklich entschuldigen“, sagte sie verlegen. „Nicht nur wegen meiner unglaublichen Indiskretion gestern, sondern für meinen ganzen Umgang mit Euch. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist, einen Erzengel wie meinesgleichen zu behandeln.“ Erziraphael holte schon nach ihrem ersten Satz tief Luft, um zu widersprechen, fand aber in ihrem Wortschwall keine Lücke, die es ihm erlaubt hätte, sie zu unterbrechen. „Es muss daran liegen, dass Eure Buchhandlung so viel über Euch zu verraten scheint, dass ich durch meine Zeit hier den Eindruck gewonnen habe, Euch zu kennen. Und weil so viel über Euch gesprochen wurde, von Sariel, von Nina und Maggie, selbst von Gabriel.  Und weil Crowley Euch liebt. Bitte verzeiht mir!“ Sie sah schuldbewusst aus, als sie zum Ende gekommen war. „Ich werde mir mehr Mühe geben!“

„Muriel!“ Erziraphael griff nach ihrer Hand. „Bitte hör sofort wieder damit auf, mich zu siezen. Es gibt keine Erzengel mehr, hast du das schon vergessen?“ Er schüttelte ratlos den Kopf. „Wie sind wir nur in diese Situation geraten?“ Sie sah ihn an und wagte nicht, etwas zu sagen, aus Angst, dass es das Falsche sein könnte. „Ich fange wohl am besten noch einmal ganz vorne an: Alles, was ich sagen wollte, ist, dass wir keine Haushälterin brauchen. Du hast keinen Grund, uns zu bedienen. Ich wollte eigentlich nur mit dir darüber reden, wie wir die Aufgaben im Haushalt in Zukunft besser unter uns aufteilen können. So, wie sich das in einer Wohngemeinschaft gehört.“ Sie sah ihn aus großen Augen an. Ihre Gesichtszüge veränderten sich. Die Oberlippe begann zu zittern. „Muriel, habe ich es immer noch nicht richtig erklärt? Bitte weine doch nicht.“ Sie presste die Lippen fest zusammen, ihre Augen glänzten, sie versuchte wegzusehen, aber dann konnte sie sich nicht mehr zurückhalten. Sie prustete los, lachte so sehr, dass ihr Körper davon geschüttelt wurde und ihr die Tränen kamen, sie lachte und lachte. Erziraphael hatte sie kurz verwundert beobachtet, aber ihr Lachen war zu ungezügelt, zu ansteckend, zu herzlich, er konnte nicht anders als mitzulachen. Schließlich öffnete er einladend die Arme und sie warf sich hinein, immer noch Tränen lachend und sich den Bauch haltend. „Ich habe wirklich geglaubt, du wolltest mich vor die Tür setzen, oh , Erziraphael, du hast mir den Schreck meines Lebens eingejagt!“ „Es tut mir leid, Muriel.“ Er hielt sie noch eine Weile an seine Brust gedrückt, bis sie sich beide wieder beruhigt hatten.

„Ich höre jetzt schon, wie du die Geschichte Bee, Nina und Maggie erzählst“, grollte er gutmütig. „Bestimmt werdet ihr euch auf meine Kosten köstlich amüsieren.“ „Die Geschichte werden wir beide noch oft erzählen, glaube ich …“ Sie wischte sich die Tränen von den Wangen. Hast du wirklich gesagt, wie in einer Wohngemeinschaft?“ Sie ließ sich wieder auf ihren Stuhl fallen. „Für einen der Väter des Friedensvertrages, für den eloquenten Verhandlungsführer des Himmels hast du dich eben wirklich ein bisschen ungeschickt angestellt. Ich war aber auch besonders begriffsstutzig.“ Sie ließ ihren Kopf auf die Arme sinken und kicherte noch ein bisschen vor sich hin.

Als sie wieder aufsah, hatte sich etwas verändert. Erziraphaels Körperhaltung und sein Gesichtsausdruck zeigten nichts mehr von der gerade eben noch überschäumenden Fröhlichkeit und Erleichterung. „Der eloquente Verhandlungsführer?“, fragte er bitter. „Ja, das habe ich auch gelesen. Der Retter der Menschheit. Der Vollstrecker. Der weiße Ritter. Der Unsterbliche an Jesus Seite.“ Sein Lachen klang freudlos. „Das alles haben sie geschrieben, Muriel. Ist das nicht furchtbar? Das bin nicht ich. Ich bin kein Held und wollte auch nie einer sein.“ Er legte den Finger an ihre Lippen, als sie protestierend den Mund öffnen wollte. „Lass mich bitte erst ausreden. Ich war und bin nichts anderes als ein Buchhändler. Na ja, eigentlich nicht mal das. Um ehrlich zu sein, bin ich nur ein spleeniger Sammler, der diesen Laden benutzt hat, um halbwegs glaubhaft die Rolle eines Menschen zu spielen.“ Er sah traurig aus bei diesen Worten. „Der Himmel war nicht nur ein miserabler Arbeitgeber, sondern eine ebensolche Geißel der Menschheit wie die Hölle. Hätte ich mich nicht so davor gefürchtet, aus der göttlichen Gnade zu fallen, hätte ich das schon viel früher erkennen müssen. Ich habe tatsächlich an Gott geglaubt, an seine unergründlichen Wege und seinen Großen Plan. Ist das zu fassen? Das ist unverzeihlich. Wie naiv mir das im Rückblick erscheint! Und wie viel Leid ich damit verursacht habe!“ Er schüttelte fassungslos den Kopf. „Selbst nach der Ernennung zum Erzengel war ich eitel und blind genug, an eine Alternative zu glauben. Ich dachte doch allen Ernstes, ich könnte den Himmel umkrempeln!“

Jetzt konnte Muriel nicht mehr an sich halten. „Aber das hast du, du hast doch den Himmel umgekrempelt.“ Die Trauer in seinen Augen war für sie schwer auszuhalten. „Nein, Muriel, nicht ich und nicht umgekrempelt. Wir haben ihn abgeschafft . Weil es dort nichts gab, was zu bewahren wert gewesen wäre.“ Er seufzte. „Aber damit haben wir auch Millionen von Menschen ihren Glauben genommen, die tröstliche Hoffnung, die sie durch die Phasen von Leid und Sorge in ihrem Leben getragen hat. Die Hoffnung auf das himmlische Paradies, in das sie nach ihrem Tod eingehen würden.“ Obwohl Erziraphael nicht weitersprach, versuchte Muriel nicht mehr, etwas zu sagen. Es schmerzte sie, den ehemaligen Erzengel so niedergeschlagen zu sehen. „Und die Engel? Wie vielen Engeln haben wir ihre Daseinsberechtigung genommen, wie viele haben wir heimatlos gemacht? Für die Dämonen gilt natürlich das Gleiche. Auch ihnen haben wir alle Gewissheiten geraubt und lassen sie mit leeren Händen dastehen. War es das wert, Muriel? Ist die Wahrheit so viel Leid wert? Wenn man einem Individuum jede Orientierung raubt, überlässt man es der Angst und den Wölfen. Es wird anfällig für vermeintlich einfache Wahrheiten, für Neid, Wut und Hass. Mir graut vor den Folgen, die unser Handeln haben könnte. Waren wir nicht vermessen, zu denken, wir wüssten, was gut für die Welt ist?“

Sie schwieg betreten. Sie hatte keine Ahnung gehabt, dass Erziraphael den Großen Vertrag nicht als den Sieg von Recht über Unrecht, nicht als Triumph und Befreiung sah. Alles in ihr rebellierte gegen seine Sichtweise, wollte daran glauben, dass das Gute gesiegt hatte oder zumindest noch siegen würde. Es konnte doch noch alles gut werden, oder etwa nicht? Sie saß hilflos neben dem Mann, den die öffentliche Meinung als Vater des Friedensvertrages feierte, auch wenn die Identität des Helden aus den internationalen Nachrichten geheim gehalten worden war, um ihm eine Rückkehr in sein Leben als Buchhändler Mister Fell in London zu ermöglichen. Konnte er recht haben? Konnte die Stimmung so umschlagen, wie er es zu befürchten schien? Er hatte sie nicht mehr angesehen nach seiner Selbstanklage. Jetzt hob er den Blick. „Verstehst du nun, warum ich keine Verehrung verdiene? Ich bin einfach nur Erziraphael, ein lebendes Paradox, ein Engel, der geholfen hat, den Himmel abzuschaffen.“

„Du bist sehr viel mehr als das, Erziraphael.“ Die beiden Engel fuhren überrascht herum, als Crowley hinter ihnen zu sprechen begann. Keiner von ihnen hatte die Tür gehen gehört, keiner die Schritte auf dem Boden, keiner das Hecheln der Hündin, die ausnahmsweise angeleint war und direkt hinter der Tür auf ein stummes Kommando hin liegen geblieben war. Muriel rutschte von ihrem Stuhl. „Crowley, ich bin so froh, dass du da bist. Wie lange stehst du schon da?“ „Lange genug, Muriel. Ich habe das Wesentliche gehört, denke ich.“ Mit drei Schritten hatte er den ganzen Laden durchquert und umarmte sie. „Du siehst ja ganz verstört aus!“ Er strich ihr durchs Gesicht. „Wie seid ihr bloß in diese Diskussion geraten?“ Sie hielt sich an ihm fest, bis gerade genug von seiner Gelassenheit auf sie abgefärbt hatte, dass sie wieder einen klaren Gedanken fassen konnte. Die pragmatische Muriel gewann die Oberhand zurück, die Muriel, die die menschlichen Hausmittel gegen die kleinen und großen Katastrophen des Lebens zu schätzen gelernt hatte. „Ich mache uns erstmal Tee. Mit Rum!“ Sie verschwand hinter der Trennwand und Crowley hörte sie an der Küchenzeile rumoren. Er zog sich einen Stuhl heran, auf den er sich rittlings setzte, so nah an Erziraphael, dass er seine Arme um den Hals des Engels legen und die Stirn an seine lehnen konnte. „Wie lange trägst du das schon mit dir herum?“, fragte er sanft. Mehr als einen tiefen Seufzer erhielt er nicht als Antwort. „Engel? Warum hast du nicht mit mir darüber gesprochen?“

„Du hast doch genug eigene Sorgen, warum soll ich dich da auch noch mit meinen belasten?“

„Oh, da fallen mir gleich mehrere Gründe ein.“ Crowley nickte Muriel dankbar zu, die zwei Becher dampfenden Tee vor ihm abstellte. Eine davon drückte er Erziraphael in die Hand. „Hier. Anordnung von Dr. Muriel. Möglichst heiß trinken!“ Muriel hatte sich zu ihnen gesetzt, sichtbar erleichtert, dass Crowley gekommen war und weder rat- noch sprachlos schien. Er nahm einen Schluck Tee. „Warum also hättest du mit mir über deine Zweifel und Ängste sprechen sollen? Nun, vor allem, weil sie deutlich zu groß sind, um sich ihnen ganz allein zu stellen. Und weil Freunde auch dafür da sind, dass man seine Sorgen mit ihnen teilt.“

„Du bist so viel mehr als ein Freund.“ Erziraphaels Stimme war kaum zu erkennen, so mutlos klang sie. „Noch ein Grund mehr, mich Anteil nehmen zu lassen, an dem, was dich umtreibt! Sind die Zeiten nicht vorbei, in denen es einen Unterschied zwischen meinen und deinen Sorgen gab? Aber als Freund darf ich dir auch sagen, wenn du im Unrecht bist.“

Der Engel sah ihn aus rotgeränderten Augen an. „Womit?“

„Womöglich mit so ziemlich allem. Aber fangen wir mit dem einfachsten an: Du hast niemandem seine Heimat weggenommen!“ Muriel nickte heftig. „Crowley hat recht.  Ich habe schon nach wenigen Wochen auf der Erde begriffen, dass der Himmel keine Heimat war. Heimat ist da, wo ich ich selbst sein kann, wo ich Rechte habe, wo ich respektiert werde und wachsen darf.“ Der Dämon nickte: „Hörst du, Engel? Und was glaubst du, wo meine Heimat ist? In der Hölle, wo nicht eine einzige Seele mir beigestanden hat, als Satan mich als seinen Besitz, als sein Haustier betrachtet hat, mit dem er machen konnte, was immer er wollte? Oder im Himmel, dem der erstbeste Vorwand recht war, um mich aus dem Weg zu schaffen, bevor ich vielleicht lästig geworden wäre?“ Er hob Erziraphaels Kinn mit den Fingern an, damit er ihn ansah. „Wenn meine Heimat ein Ort ist, dann ist es diese Buchhandlung, vielleicht noch London oder sogar der Bentley. Aber sicher nicht die Hölle oder der Himmel. Aber eigentlich ist meine Heimat nicht an einem Ort, sondern bei denen, die mir wichtig sind, die ich liebe. Hier bei dir. Bei Muriel. Bei Nina und Maggie. Bei Hannah und ihrer Familie. Ja, sogar bei Bee und Gabriel!“

Ein leises Lächeln stahl sich in die Augen des Engels. „Du hast recht“, flüsterte er. „Aber das gilt doch nicht für alle.“

Crowley blieb gelassen. Er schlang seine Arme wieder um Erziraphaels Hals und ging auf seine Einwände ein. „Nein, es gilt nicht für alle, weil nicht alle so glücklich sind, solche Freunde zu haben wie wir.“ Muriel errötete, als Crowley sie dabei ansah und auch Erziraphael sie anlächelte. „Aber ihr habt doch niemanden aus dem Himmel oder aus der Hölle vertrieben. Wer an seiner vertrauten Umgebung festhalten will, kann doch weiterhin dort wohnen. Was wirfst du dir vor?“ Der Engel suchte nach den richtigen Worten. „Aber wir haben ihnen ihre Aufgabe genommen, den Sinn in ihrer Existenz. Was wird aus ihnen werden?“ Muriel hatte schon heftig den Kopf geschüttelt, während Erziraphael noch sprach. „Aber was war denn die Alternative? Wärst du zufriedener, wenn es zur Letzten Schlacht gekommen und das Jüngste Gericht abgehalten worden wäre? Dann wären alle Dämonen tot, sehr viele Engel und Menschen auch, das kannst du doch nicht für besser halten!“ Crowley sagte nicht sofort etwas, sondern sah den Freund erst forschend an. Als der zögernd nickte, so leicht, dass man es auch für eine Täuschung hätte halten können, atmete er auf. „Siehst du, dass ihr viel Schlimmeres verhindert habt? Muriel hat völlig recht. Ohne die Revolte hätten Millionen von Menschen, Engeln und Dämonen sehr viel mehr verloren als nur ihre bisherige Aufgabe.“ Er schob Muriel Erziraphaels leeren Becher hin. Sie verstand die stumme Aufforderung. Crowley blieb schweigend bei ihm sitzen, den Kopf an seinen gelehnt, so dass ihre Stirnen sich berührten.

Muriel kam mit dem frischen Tee zurück, in Erziraphaels Becher war der Rumanteil diesmal etwas höher und Crowley lächelte zufrieden, als er ihn dem Engel in die Hand drückte. „Muriel, was bleibt noch von seinen Selbstbezichtigungen übrig? Habe ich etwas vergessen?“ Nach kurzem Nachdenken antwortete sie: „Die Menschen, denen wir den Glauben an das Paradies genommen haben.“ „Ach ja, bei dem Punkt kam ich gerade herein. Tut mir wirklich leid, Engel, aber auch hier irrst du dich. Ihr habt niemandem seinen Glauben genommen. Der Glaube an den einen Gott oder an die Dreifaltigkeit, an seinen Propheten Mohammed, an Buddha, an Zeus oder Jupiter, an Ra, Shiva oder an das fliegende Spaghettimonster ist genau das, was er schon immer war: Ein Glaube - Etwas, das man glaubt, nicht etwas, das man weiß.“ Bei diesen Worten richtete Erziraphael sich auf und versuchte zu protestieren. „Aber wir haben sie doch erkennen lassen, dass Gott nicht der ist, für den sie ihn gehalten haben!“

„Ach Engel!“ Crowley strich ihm über den Kopf. „Du weißt doch so gut wie ich, dass die meisten Menschen glauben, was sie glauben wollen, egal, welche Fakten dagegensprechen. Meinst du etwa, das gelte nur für populistische Parolen, Verschwörungserzählungen und bequeme Feindbilder?“

Muriel starrte Crowley mit wachsendem Erstaunen an. Sie hatte noch nie erlebt, dass er so viel am Stück gesprochen hatte. Ihr war klar gewesen, dass auch er einen scharfen Verstand hatte, der Erziraphaels Klugheit in nichts nachstand. Aber sie kannte ihn vor allem wortkarg, oft bitter, manchmal sarkastisch, in letzter Zeit auch mal albern. Jetzt aber lauschte sie ihm fasziniert. Nicht nur, dass er Erziraphaels Selbstanklagen mit wenigen Sätzen widerlegte, er war dabei, ihn zu überzeugen, ihn tatsächlich zu trösten. Aus seinen Worten sprachen nicht nur Wissen und Erfahrung, sondern Empathie, Verständnis, eine Lebensklugheit, ja Weisheit, die sie in dieser Kombination nicht von ihm erwartet hatte. Jetzt rutschte Crowley auf seinem Stuhl etwas nach hinten, um dem Engel besser ins Gesicht sehen zu können. „Ich finde ja, ihr habt es denen, die glauben wollen, sogar leichter gemacht: Die Existenz Gottes und Satans darf als bewiesen gelten. Himmel und Hölle existieren nachweislich als Orte. Engel und Dämonen gibt es wirklich, sie sind sogar sichtbar und haben Flügel. Wir können Wunder vollbringen. Gottes Sohn ist zurückgekehrt. Was willst du denn noch? Glaube mir, dagegen fällt die unbequeme Wahrheit, dass Gott nicht gut und gerecht ist, sondern chaotisch, cholerisch und egozentrisch, gar nicht ins Gewicht. Das lässt sich bei Bedarf sehr leicht übergehen beziehungsweise übersehen. Hast du die Fernsehbilder nicht gesehen? Die Kirchen sind voll wie lange nicht. Und jeden Tag gründen sich neue.“

Erst jetzt griff auch Crowley nach seiner zweiten Tasse Tee. Er hielt den Becher mit beiden Händen und suchte Muriels Blick. Sie nickte ihm bestätigend zu. „Mich hast du überzeugt“, sagte ihr Blick. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder Erziraphael zu und wartete in aller Ruhe auf dessen Reaktion. Irgendwann würde er wieder zu sprechen beginnen. Er sah förmlich, wie es im Kopf des Engels arbeitete, wie ein Ja, aber nach dem anderen in seinem Gehirn aufpoppte, von allen Seiten betrachtet und dann zur Seite gelegt wurde. Seine Stirn glättete sich nach und nach, seine Augen gewannen ihren Glanz zurück, seine Schultern strafften sich. Endlich lächelte er Crowley und Muriel an. „Ich bin ein Idiot, oder? Schon wieder.“ Muriel lachte erleichtert laut auf. „Du hast es geschafft, Crowley. Er ist zurück!“ Sie drückte dem Dämon in ihrer Erleichterung einen Kuss auf die Wange.

Die Männer schmunzelten über ihren Gefühlsausbruch, wurden aber schnell wieder ernst. „Mit einer Sache hattest du trotzdem recht, Engel: Natürlich wird es auch Probleme geben, Proteste, vielleicht sogar Übergriffe. Wölfe hat es schon immer gegeben und sie werden auch jetzt wieder erschnüffeln, wo sie leichte Beute machen können.“ Erziraphael nickte, wirkte aber dennoch gefasst. „Gefahren gab es immer. Die Autoritäten kennen die Situation und werden sich so gut wie möglich vorbereiten. Und auch wir werden die Augen offenhalten, schließlich geht es ja auch um unsere Sicherheit.“ Crowley nickte, zustimmend und gleichzeitig beruhigt. Jetzt konnten die Engel wieder das Reden übernehmen. Er lehnte sich zurück und trank schweigend seinen Tee aus.

„Wie war dein Vormittag?“ Erziraphael war es gelungen, seine schwarzen Gedanken hinter eine solide Tür zu verbannen. Dank Crowley hatte er es geschafft, sie doppelt abzuschließen. Wie dankbar er war, dass sein engster Vertrauter wieder bei ihm war! „Unspektakulär. Aber für Hexe war es anstrengend. Sie braucht unbedingt Bewegung.“ Er sah die beiden Engel an. „Und ihr braucht noch etwas Aufheiterung nach eurem Tauchgang in finsteren Gedanken. Macht euch fertig, in fünfzehn Minuten fahren wir los. Dresscode: Freizeitkleidung und bequeme Schuhe! Vielleicht wollt ihr noch eine kurze Hose mitnehmen.“ Erziraphael sah, wie das Strahlen auf Muriels Gesicht zurückkehrte. Auch ihm selbst war wieder leichter ums Herz. „Wir gehorchen. Und wir fragen nicht nach dem Ziel. Aber wir fahren nicht los, ehe du nicht dein Frühstück nachgeholt hast.“ Er sprang auf und holte einen hohen Trinkbecher aus dem Kühlschrank, den er vor Crowley hinstellte. „Milch, Obst und ein paar Haferflocken. Ich dulde keine Widerworte!“ Obwohl Crowley demonstrativ mit den Augen rollte, küsste er den Engel so zärtlich, dass Muriel verlegen den Blick abwandte. „Komm Muriel, wir gehen uns umziehen, bevor der Dämon uns maßregelt.“