Schwierige Gespräche (immer noch Donnerstag)
Schwierige Gespräche (immer noch Donnerstag)
Crowley stand vor der Tür des Nebenhauses und starrte auf den Schlüssel, den er zwar schon ins Schloss gesteckt, aber noch nicht umgedreht hatte. Wollte er das wirklich tun? Es konnte doch kaum etwas Gutes daraus entstehen. Entweder Alec ließe auch ihn abblitzen oder er würde widerwillig, bestenfalls halbherzig seine Hilfe akzeptieren. Crowley war sich nicht sicher, welches die schmerzhaftere Variante wäre. Er wollte weder das Misstrauen in Alecs Blick aushalten noch seine höfliche Distanz.
Vielleicht war es aber gar kein Misstrauen, rief er sich in Erinnerung. Er sah Josies erhitztes Gesicht vor sich, den Eifer, mit dem sie auf ihn und den Engel eingeredet hatte…
Josie hatte versucht, sie davon zu überzeugen, dass hinter dem Verhalten ihres Vaters nicht Misstrauen oder gar Angst steckten. Sie hatte stattdessen von einer tiefen Verunsicherung gesprochen. Hatte von ihrer Unterhaltung erzählt, von seinen Gedanken zur Unsterblichkeit im Vergleich zur kurzen Lebensspanne eines Menschen. „Ich denke, er stellt sich vor, dass wir für Sie nicht mehr Bedeutung haben können als eine Stubenfliege für mich oder ihn“, hatte sie erklärt. Die roten Flecken auf ihren Wangen verrieten, wie wichtig es ihr war, dass die beiden Männer ihr glaubten. Dann hatte sie plötzlich gestockt und sie aus großen Augen angesehen. „So ist es nicht, oder?“ Sie hielt den Atem an, bis der Buchhändler ihre Hände mit seinen umschloss und ihren Blick offen erwiderte. „Habe ich dir jemals dieses Gefühl gegeben, Josie?“ Seine Stimme zitterte ganz leicht.
Das Mädchen suchte ein weiteres Mal in seinem Gesicht nach irgendeinem Anzeichen dafür, dass der blonde Mann vor ihr kein Mensch war. Vergeblich. Diese blauen Augen, die schon in ihre Wiege gelächelt hatten, zeigten nur Freundlichkeit und Wärme. Sie schüttelte den Kopf und ließ ihre Zweifel los. Vielleicht war es wirklich so einfach. „Nein“, antwortete sie. Die plötzliche Gewissheit wärmte sie von innen. „Sie waren immer mein Freund.“
Erziraphael waren in diesem Moment Tränen in die Augen gestiegen, er hatte die Arme fragend ausgestreckt und Josie hatte sich hineingeworfen. „Josie, liebe Josie“, hatte der Engel mit vor Rührung rauer Stimme gemurmelt. „Ich bin so froh!“ Er hielt sie an seine Brust gedrückt, bis er seine Gefühle halbwegs beherrschen konnte, dann drückte er aufgeregt Crowleys Hand. „Alec wirst du so leicht nicht überzeugen, Engel“, warnte der Dämon. Daraufhin hatte Josie zu seiner Überraschung auch ihn umarmt. Als sie ihn wieder losließ, hatte sie gesagt: „Das müssen auch Sie übernehmen, Mr. Crowley.“
Ihr Lächeln war plötzlich so schüchtern geworden wie das eines viel jüngeren Mädchens. Sie hatte einen Moment lang herumgedruckst, dann gab sie sich einen sichtbaren Ruck. „Wissen Sie, von Mr. Fell hat mein Vater immer nur mit dem größten Respekt gesprochen“, erklärte sie frei heraus. „Er hat uns immer vermittelt, wie dankbar wir sein müssen. Das hat er von seinen Eltern und Großeltern so übernommen.“ Ihr Lächeln wurde schelmisch. „Scheinbar kann man Ehrfurcht vererben“, sagte sie. Der Engel hatte still zugehört und dann den Kopf geschüttelt. „Josie, das habe ich nie erwartet. Das ist auch nicht, was ich will.“
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich denke, da kann Paps einfach nicht aus seiner Haut“, sagte sie leise, jetzt ganz ernst. Dann kehrte das Lächeln zurück und sie sah Crowley an. „Mit Ihnen war das vom ersten Moment an ganz anders.“ Sie sah die Frage in seinen Augen und sprach weiter. „Vielleicht weil er Ihnen nichts schuldig ist, oder weil Sie sich anders benehmen.“ Sie suchte erkennbar nach einer besseren Umschreibung. „Sie sind irgendwie… alltäglicher. Nahbarer? Sagt man das so?“
Crowley zeigte keine Reaktion. Sie sah ihn verunsichert an. „Wissen Sie, Mr. Crowley, von Ihnen hat er spätestens nach der zweiten Begegnung gesprochen wie von einem Freund.“ Sie grinste. „Und wer ihm bei der Arbeit zur Hand geht, der hat sowieso einen Stein im Brett bei ihm.“ Weil der Dämon immer noch nicht antwortete, fasste sie sich ein Herz. Eindringlich sagte sie: „Wenn Sie keinen Freund verlieren wollen, müssen Sie den ersten Schritt machen, fürchte ich.“ Crowley machte ein undefinierbares Geräusch, irgendwo zwischen Grunzen und Stöhnen. Seine Hände waren zu Fäusten geballt, die Knöchel weiß von der Anspannung. Hilflos sah Josie zu Erziraphael. „Habe ich was Falsches gesagt?“, flüsterte sie ihm zu.
Der Engel strich ihr gerührt über die Schulter. „Im Gegenteil, liebes Kind. Ich glaube, er muss das einfach verdauen.“ Er nickte ihr aufmunternd zu. „Danke“, sagte er. „Tausend dank“, dann schlug er vor: „Willst du nicht noch ein bisschen zu Muriel und den andern gehen?“
Sie hatte gezögert, aber weil auch Crowley ihr schließlich zunickte, war sie an den Tisch zurückgekehrt. Dann hatte Erziraphael ihm zugeredet, dass er Josies Rat annehmen sollte. „Vielleicht wartet er nur auf dich“, hatte er schließlich gesagt.
Und jetzt stand Crowley vor dieser Tür und zögerte schon wieder. Frustriert schlug er mit der flachen Hand gegen die Wand. Vielleicht war es der Schmerz, der ihn aus seiner Starre holte. Mit zusammengebissenen Zähnen drehte er den Schlüssel im Schloss und ging hinein.
***
Unten neigte sich der erste Besuch einer gemischten himmlisch-irdischen Delegation seinem endgültigen Ende zu. Furfur hatte sich als erster verabschiedet und war auf dem Weg zurück von Milgreths Hauptmann abgepasst worden. Der wirkte fast genauso alarmiert wie der Soldat kurz zuvor. Der Höllenrat hatte ihn damit in Erstaunen versetzt, dass er – gleich nach einem unwilligen Knurren und wüstem Augenrollen (alte Gewohnheiten!) – geseufzt hatte: „Dann komm gleich mit.“ Furfur hatte auf dem Absatz kehrtgemacht und ihn unwirsch hinter sich hergewinkt.
Drinnen hatte er die erstbeste Tür aufgerissen, den dort sitzenden Wachmann hinausgescheucht und gebrummt: „Setz dich!“
Eine Audienz beim Höllenrat.
Spontan. Ohne schriftliche Eingabe. Ohne Instanzenweg.
Keine gelangweilten Vorzimmer-Dämonen, die sich einen Spaß daraus machen, die Bittsteller zu demütigen.
Der Hauptmann war ein Offizier mit fast zweitausend Jahren Erfahrung – jetzt konzentrierte er sich auf seine Atmung und zwang sich zum Blickkontakt mit dem Höllenrat.
Furfur sah das.
Er lehnte sich an den verwaisten Schreibtisch und nickte dem Dämon vor sich zu.
„Abariel“, sagte er und der Hauptmann verschluckte sich fast. Der Höllenrat nannte ihm beim Namen! Das war nicht gut!
Oder war es doch gut?
Furfur ließ ihm keine Zeit zum Grübeln, er hatte ohne Pause weitergesprochen. „Du hast dich freiwillig für deine jetzige Aufgabe gemeldet, richtig?“
Der Hauptmann nickte. Nur mit Mühe formten seine trockenen Lippen ein hörbares „Ja, Höllenrat!“
„Gilt das auch für den Soldaten Milgreth?“
Abariels Gedanken rasten – Ging es hier um Milgreth? Oder um ihn selbst? Egal, er musste Milgreth schützen. „Ja, Höllenrat. Es gilt für alle Männer meiner Einheit, Höllenrat. Aber wenn Milgreth einen Fehler gemacht hat, dann nur, weil ich missverständliche Anweisungen erteilt habe, Höllenrat. Milgreth ist ein hervorragender Soldat, Höllenrat!“
Furfur rollte mit den Augen. „Nun, mal langsam, Abariel. Rede dich nicht um Kopf und Kragen.“ Er sah den Offizier prüfend an. „Welchen Fehler hat Milgreth denn gemacht, Hauptmann?“ Er wartete.
Abariel schwitzte. Er rieb seine Hand an der Hose trocken. „Keinen, von dem ich wüsste, Höllenrat“, beeilte er sich zu versichern. „Ich nahm an,…“
Furfur unterbrach ihn mit einer unmissverständlichen Geste. „Du solltest nicht spekulieren, Abariel. Das könnte schlimme Folgen haben.“ Er lächelte in sich hinein.
Der Hauptmann hörte inzwischen das Blut in seinen Ohren rauschen. „Höllenrat,…“, brachte er mühsam hervor, wurde aber wieder unterbrochen.
„Machen wir es kurz Hauptmann, wir haben heute beide sicher noch Wichtigeres zu tun.“ Furfurs Stimme war deutlich freundlicher, als die Worte vermuten ließen. - Irritierend freundlich für Abariels Geschmack.
„Du bist ein hervorragender Offizier, Abariel. Keine Hintergedanken, kein Aber.“
Der Hauptmann war verstummt. Sein Mund stand leicht offen.
Furfur war jetzt ganz ernst. „Offenbar bist du auch ein guter Vorgesetzter. Oder einfach ein gutes Vorbild.“ Sein Nicken war unmissverständlich anerkennend. „Ein guter Vorgesetzter sollte seine Leute kennen“, sagte er. „Ich kenne Codimor. Er sagt, was er denkt.“
Furfur lächelte und Abariel begann, sich zu fragen, ob er nicht vielleicht träumte.
„Zu meinem Leidwesen ist das für mich nicht immer angenehm.“ Er schüttelte den Kopf, als müsse er sich zur Ordnung rufen. „Wie auch immer, Hauptmann: Codimor hat dich für diese Aufgabe empfohlen.“
Furfur schwieg. Eine Uhr tickte. Abariel zählte mit.
Dann sagte der Höllenrat: „Außerdem hat er … Milgreth für eine Beförderung vorgeschlagen.“ Der Höllenrat rieb sich die Augen. „Hast du noch Fragen, Hauptmann? Oder Einwände?“ Er sah plötzlich müde aus.
Abariel schüttelte stumm den Kopf. Dann riss er sich zusammen. „Nein, Höllenrat. Danke für Eure Zeit, Höllenrat.“ Er war aufgesprungen und salutierte, aber Furfur winkte ab. „Dann geh und beruhige deinen Mann, Abariel.“ Mit einer Handbewegung wurde der Offizier entlassen.