Wendungen (immer noch Donnerstag)
Wendungen (immer noch Donnerstag)
Alec sah erst auf, als Crowley sich hinter ihm räusperte. Dabei musste er spätestens sein Klopfen an der Wohnungstür gehört haben. „Ich wollte mal sehen, ob Sie Hilfe brauchen können, Alec“, sagte er. Die Frage klang in seinen Ohren steif und seine eigene Stimme fremd.
Der Schreiner schien durch ihn hindurchzusehen. Seine Antwort kam einen Moment zu spät. „Sie brauchen sich hier nicht mehr die Hände dreckig zu machen“, wehrte er ab.
Der Dämon schluckte. Wie sollte er zu Alec durchdringen? Eine kleine Stimme in seinem Kopf flüsterte: „Sag ihm einfach, was du fühlst.“ Sie klang nach Muriel. Oder eher nach Josie? Beinahe wäre ihm ein sarkastisches Lachen entwischt. Na klar! Nichts leichter als das! … Verdammt, er war ein Dämon!
Er verlagerte sein Gewicht und hob hilflos die Hände. „Alec“, krächzte er. Noch ein Räuspern.
„Alec, ich vermisse unsere … Zusammenarbeit.“
Der Schreiner sah ihn kurz an, dann wandte er die Augen wieder ab. „Warum sollten Sie? Sie könnten Ihre Zeit doch sicher für viel wichtigere Dinge verwenden. Wunder vollbringen oder so.“ Er schüttelte den Kopf. Es wirkte ärgerlich.
Crowley seufzte. Es hatte keinen Sinn! Es war egal, dass der nächste Seufzer so frustriert und traurig klang, wie er sich fühlte. Alec würde es gar nicht merken. Und er wollte ihn hier eindeutig nicht haben.
„Hören Sie, Mister Crowley …“ Der Dämon riss den Kopf nach oben, ihm entfuhr ein Wimmern. Er wandte sich zum Gehen.
Er hörte einen Laut hinter sich und blickte sich unwillkürlich um. Dort stand Alec, deutlich näher als im Moment zuvor, und hatte eine Hand in seine Richtung ausgestreckt.
„Crowley!“, sagte er leise. Crowley war in der Bewegung erstarrt. „Anthony, ich …“ Jetzt zwang sich der Dämon, dem Mann hinter ihm in die Augen zu sehen. Diesmal hielt der andere seinem Blick stand. „Warum wollen Sie eigentlich hier mit mir arbeiten?“, fragte er schließlich und ließ seine Hand sinken. Aber er sah Crowley immer noch an.
Da brach es aus dem Dämon heraus: „Weil es sich gut anfühlt, zum Teufel! Weil es mir gut tut.“ Er schüttelte hilflos den Kopf, aber schon sprudelten die Worte weiter, er konnte sie nicht mehr zurückhalten.
„Sie haben ja keine Ahnung, wie es für mich ist, neben Ihnen zu arbeiten!
Wie es sich anfühlt, einmal nur ich zu sein.
Nur das, was Sie sehen.
Nur das, was ich tue!
Nur daran gemessen zu werden, wie ich bin –
und nicht, was ich bin…“
Er sah Alec jetzt offen an, obwohl ihm inzwischen Tränen übers Gesicht liefen. „Eine Person sein zu können, Alec. Ein Individuum. Kein Vertreter einer Seite. Kein Klischee. Nur ich.“
Crowleys Stimme war immer leiser geworden. Nun verstummte er. Er fühlte sich leer. Keine Worte mehr.
Er wagte es lange nicht, den Handwerker anzusehen… Dann fühlte er eine schwere Hand auf seiner Schulter und riskierte es doch. „Anthony“, sagte Alec und er sagte es in der Stimme, die Crowley kannte. „Anthony,… ich… ich vermisse es auch!“
***
Als Abariel den Raum verließ, stand in einiger Entfernung der Wachmann, den Furfur hinausgeschickt hatte, um mit ihm sprechen zu können. Er unterdrückte den Impuls, den obersten Kragenkopf zu öffnen, und setzte ein gefasstes Lächeln auf. Im Vorbeigehen nickte er seinem Untergebenen zu. „Der Höllenrat wird uns gleich verlassen. Nimm dann deinen Posten wieder ein.“ Die Wache grüßte und ließ ihn passieren.
Die meisten Offiziellen waren bereits auf dem Weg zurück nach oben. Der Hauptmann hatte die entsprechenden Instruktionen schon erteilt, als sich das Ende des Besuchs abzeichnete. Umso überraschter war er, als er Jesus, Berechiel und den menschlichen Journalisten noch antraf. Er war auf der Suche nach Milgreth und entdeckte ihn in dem mit einer Glasscheibe unterteilten Verhörraum. Die Tür zum Flur stand offen und der Soldat stand mit den beiden Vertretern des Himmels auf dieser Seite der Scheibe. Sie waren in ein Gespräch vertieft und schienen nicht darauf zu achten, was in der anderen Hälfte des Raums vor sich ging. Dort saß der Journalist mit Balgran und machte sich eifrig Notizen, während der Dämon sprach. Abariel sah genauer hin – Der Rothaarige redete mit lebhaften Gesten, machte aber einen keinen erregten oder gar aggressiven Eindruck. Die beiden würden gar nicht merken, wenn sie einen Moment unbewacht blieben, entschied der Hauptmann und trat zu der Gruppe auf dieser Raumseite. „Herr Jesus, Berechiel, bitte verzeiht die Unterbrechung, aber ich muss Milgreth kurz sprechen.“
Der Soldat sah überrascht auf und folgte seinem Hauptmann nach draußen. Abariel schloss die Tür und drehte sich zu ihm um. „Der Mensch bat darum, mit einigen Gefangenen persönlich sprechen zu dürfen“, sagte Milgreth, ohne abzuwarten, was sein Vorgesetzter zu sagen hatte. „Ich sah keinen schwerwiegenden Grund, der dagegen gesprochen hätte, und habe der Bitte entsprochen. Balgran ist der erste, sie sprechen seit etwa zehn Minuten.“ Er hatte sehr schnell gesprochen und Haltung angenommen, aber er hielt Abariels Blick stand. „Falls ich damit meine Kompetenzen überschritten habe, übernehme ich die Verantwortung, Hauptmann.“
Der Offizier erwiderte nichts, nickte nur. Erst als Milgreth sich anschickte weiterzureden, unterbrach er ihn mit einer lässigen Handbewegung. „Ich hätte ebenso entschieden“, sagte er. „Ich schätze es, wenn meine Leute eigenständige Entscheidungen treffen“, fuhr er fort und lächelte über Milgreths verunsicherten Gesichtsausdruck. Dann ließ er die eigentliche Bombe platzen: „Dein Engagement wird offenbar auch an höherer Stelle gesehen. Der Höllenrat hat mich darüber informiert, dass Codimor dich für eine Beförderung vorgeschlagen hat.“
Milgreth starrte ihn an. Der hängende Unterkiefer entsprach sicher nicht den Dienstvorschriften zum korrekten Auftreten der Mannschaftsgrade gegenüber Vorgesetzten, aber Abariel hatte volles Verständnis für diese Reaktion. Er dachte an das in Führungskreisen seit einigen Jahrzehnten verbreitete Bonmot, demzufolge Beförderungen wegen guter Leistungen in der Hölle seltener waren als FedEx-Lieferungen.
Er legte dem Soldaten beruhigend eine Hand auf die Schulter. Auch das ein eindeutiger Verstoß vermutlich gleich gegen eine ganze Reihe von Vorschriften, aber die Geste hatte die beabsichtigte Wirkung. Milgreths Gesichtsmuskeln nahmen ihre Funktion wieder auf und er holte abrupt Luft. „Durchatmen, Soldat!“, sagte der Hauptmann und klopfte ihm auf die Schultern. „Gewöhnen wir uns besser dran, dass die neue Führung das mit den Änderungen ernst meint“, sagte er forsch und wandte sich zum Gehen. Nach ein paar Schritten wandte er sich noch einmal zu Milgreth um. „Weitermachen!“, ordnete er an. Dem Befehl folgte ein väterliches Lächeln. „Ich bin stolz auf dich, Milgreth“, sagte er leise. Damit ließ er den Soldaten stehen.
***
In einer leeren Wohnung in Soho hockten zwei Männer nebeneinander auf einer Fensterbank. Der Stämmigere mit braunem Haar und grau-melierten Schläfen in Arbeitshose und Karohemd saß vornübergebeugt, die Arme auf den Knien abgestützt und die rechte Fußspitze mechanisch wippend. Sein Kopf nickte im selben Takt, der Blick war auf den Boden gerichtet.
Der schlaksige Rothaarige neben ihm hatte die Hände hinter sich auf der breiten Fensterbank abgestützt und die gespreizten Beine in engen schwarzen Jeans lang ausgestreckt. So, wie er den Kopf in den Nacken gelegt hatte, hätte er entspannt wirken können – wenn dieser Kopf nicht so frei gebaumelt hätte wie bei einer Marionette, der man die Fäden durchtrennt hat. Sein Blick ging zu einem unbestimmten Punkt des Fenstersturzes.
Sie schwiegen.
Das taten sie bereits seit geraumer Zeit.
Auf der Straße lärmte eine Autoalarmanlage los und als wäre das ein Signal, auf dass sie gewartet hatten, sahen beide gleichzeitig auf die Uhr.
„Tja“, sagte der Handwerker, nachdem er sich mehrmals geräuspert hatte. „Schätze, ich sollte langsam mal mit der Arbeit anfangen.“
Er blieb sitzen.
„Meinen Sie?“, fragte der Schwarzgekleidete.
„Nicht?“, kam die Gegenfrage.
„Sollten wir nicht vorher noch… ich weiß auch nicht … reden, oder so?“
Der Kopf des Rothaarigen hatte aufgehört zu baumeln, richtete sich langsam auf und verursachte ein unschönes Knirschen, als er zu dem anderen Mann hin gewendet wurde.
„Kann sein.“
Alec hatte die Hände ineinander verschränkt und ließ die Fingerknöchel knacken.
„Vertrackte Sache, das.“ Er überließ es Crowley, sich Gedanken darüber zu machen, was genau alles unter „das“ fiel.
Der Dämon richtete sich auf, schüttelte seine Hände aus und ließ die Schultern kreisen.
Er seufzte. „Was würden Sie denn machen, wenn nicht ich hier säße, sondern… weiß nicht…, einer Ihrer Gesellen?“
„Keine Ahnung. Ich glaube aber nicht, dass einer von denen auch ein Dä…“
„Mensch, Alec! Sie wissen, was ich meine. Sagen wir, Sie hätten sich gestritten. Was dann?“
„Ooch, das wäre einfach.“
„Ja?“
Der Schreiner hatte nun auch den Kopf gehoben. Er sah Crowley an. „Wir würden uns nach Feierabend zusammen betrinken.“
Crowley lachte auf. „Damit kann ich arbeiten, Alec.“
Er stand auf und klopfte dem anderen auf die Schulter. „Kommen Sie, der Dirty Donkey ist dafür der perfekte Platz.“
Alec widersprach nicht. Er rappelte sich auf und griff nach seiner Jacke. „Der Fairness halber muss ich Sie warnen, Anthony. Ein Handwerker, der auf sich hält, der kann eine Menge vertragen.“ Er betrachtete den mageren Körper des Dämons. „Wollen Sie sich das wirklich antun?“
Crowley grinste. „Das lassen Sie mal meine Sorge sein, Alec. Ich werd‘ schon mithalten.“ Er war vorgegangen und hielt dem Schreiner nun die Tür auf. „Wenn ich mir Ihre Freundschaft ersaufen kann, dann los. Ich bin dabei!“
Die Männer stiegen hintereinander die Treppe hinunter. Ihre Schritte waren beschwingt.