Annäherungen (immer noch Donnerstag)
Annäherungen (immer noch Donnerstag)
In der Buchhandlung ging es weiterhin lebhaft zu. Kurz nachdem Bee und Gabriel sich verabschiedet hatten, trafen Sarah und Lizzie ein. Während sich das Mädchen direkt auf seine Schwester stürzte, sah Alecs Frau sich suchend um. Schließlich beugte sie sich zu Muriel hinunter, die gerade zu ihr getreten war, um sie zu begrüßen. „Hallo, Kindchen. Wo ist denn mein Mann abgeblieben?“, fragte sie. „Der offenbar nicht müde wird, heute seine Familie zu blamieren.“ Muriel kicherte und umarmte Sarah zur Begrüßung. „Seien Sie nicht zu streng, Sarah. Er hat gerade viel zu verdauen. Aber es wird Sie freuen zu hören, dass er mit Crowley drüben auf der Baustelle ist.“ Sarah schnaubte. „Papperlapapp! Wir haben alle gerade viel zu verdauen. Führen wir uns deshalb auf wie Idioten ohne Kinderstube? Nein!“ Muriel musste sich zurückhalten, um nicht loszulachen. Sarah war erfrischend wie immer. „Aber wenn er mit Crowley zusammen ist, kommt er wohl langsam wieder zu Verstand“, schimpfte Sarah – nun schon deutlich leiser – weiter.
Dann sah sie sich nach dem Buchhändler um, der bereits in einigen Metern wartete, um sie willkommen zu heißen. Mit weit ausgebreiteten Armen ging sie auf ihn zu. „Lieber Erziraphael, da haben Sie uns aber ganz schön was zu beißen gegeben!“ Lächelnd schloss sie ihn in ihre Arme, nur um ihn gleich wieder von sich zu schieben und auf Armeslänge Abstand prüfend zu betrachten. Schließlich schüttelte sie den Kopf. „Ich gebe auf!“, platzte sie nach einer Weile heraus. „Man sieht es nicht, oder?“ Erziraphaels Wangen hatten sich unter ihrer Beobachtung rosig verfärbt. „Nein, man sieht es nicht“, bestätigte er.
„Ein Trick?“ -- „Kein Trick.“
„Dann ein Wunder? – „Auch kein Wunder.“
Sie standen sich gegenüber und sahen sich in die Augen. Schließlich fragte Sarah: „Wie kann das sein, Erziraphael? Helfen Sie mir, es zu verstehen.“
Der Engel wirkte überfordert. Sein Blick wanderte ziellos durch den Raum. Schließlich sagte er: „Es gibt nichts zu verstehen, Sarah. Mein Körper ist genauso menschlich wie Ihrer.“ Er überlegte einen Moment. „Der Unterschied ist nur im Innern“, fügte er schließlich hinzu. „Und die Flügel und der Heiligenschein existieren nur als Teil unseres himmlischen Bewusstseins. – Solange, bis wir sie aktiv auf die materielle Ebene holen.“ Sarah nickte langsam. „Also wie Strom? Den sehe ich auch nicht, bis das Licht angeht, aber er war die ganze Zeit da.“ Erziraphael strahlte. „Ein sehr passendes Bild, liebe Sarah! Ja, so in etwa können Sie sich das vorstellen.“
Er wandte sich um und zeigte auf die Tischgesellschaft. „Setzen Sie sich doch zu uns. Ich denke, Josie würde gerne noch ein bisschen bleiben.“ Alecs Frau fasste ihn an der Schulter und schob ihn vor sich her. „Glauben Sie mir, Erziraphael. Das würde ich mir um nichts in der Welt entgehen lassen!“ Sie ließ sich auf einen der freien Stühle sinken und klopfte auffordernd auf die Sitzfläche neben sich. „Schließlich werden Sie mir jetzt alle meine Fragen beantworten. Und ich habe viele Fragen!“ Sie schaffte es, ihm gleichzeitig bedeutungsvoll zuzuzwinkern, ein sauberes Weinglas zu identifizieren, es sich von ihrer Großen füllen zu lassen und Muriel ein warmes Lächeln zu schenken, während sie ihr im Vorbeigehen die Wange tätschelte. Dann hob sie ihr Glas und wartete, dass Erziraphael mit ihr anstieß. Als beide Gläser wieder auf dem Tisch standen, leckte sie sich noch einmal genießerisch über die Lippen, dann sagte sie: „Und jetzt erzählen Sie mal, Erziraphael. Warum die Familie Gibson?“
***
„Da wären wir also“, stellte Alec fest, nachdem Crowley sein Bier vor ihm abgestellt und sich mit einem Whiskey zu ihm gesetzt hatte. Der Dämon hob ihm dem Tumbler wortlos zum Anstoßen entgegen. Die Gläser klirrten leise. „Cheers!“ – „Cheers!“ Die Männer tranken. Die Gläser wurden abgestellt. „Mmh, das tut gut!“, sagte Alec, während er sich den Bierschaum von der Oberlippe wischte. Mit einem Blick auf Crowleys Whiskey fügte er hinzu: „Sie haben es wohl eilig, Anthony?“ „Ich wollte nur für faire Voraussetzungen sorgen“, antwortete Crowley. „Als Dämon hab‘ ich die Konstitution von ‘nem Ochsen. Mich wirft so schnell nichts um.“ Er rückte die Sonnenbrille auf der Nase zurecht. Alec schnaubte. „Hört, hört! Na, wir werden sehen.“
Der Schreiner schob sein Bierglas einige Male von rechts nach links und wieder zurück. Dann zeigte er auf Crowleys Sonnenbrille. „Warum hab’n’Se die eigentlich immer auf? Spleen? Oder verstecken Sie was dahinter?“ Crowley sah sich um. Niemand schien besonders auf sie zu achten. „Ich verstecke was, Alec.“ Mit einer Hand zog er die Sonnenbrille von der Nase und fügte hinzu: „Die hier.“ Alec starrte ihn an. Er blinzelte. Aber er schreckte nicht zurück. Langsam beugte er sich über den Tisch nach vorne. Crowley kam ihm ein Stück entgegen und wartete geduldig ab. Er zog sich erst wieder zurück, als auch Alec sich wieder aufrichtete. „Interessant.“ Der Schreiner hatte einen tiefen Zug aus seinem Glas genommen. „So sehen also Dämonen-Augen aus!“ „Nein“, sagte Crowley schnell. „So sehen meine Augen aus. Sie finden auch Dämonen mit schwarzen Käferaugen, Facetten-Augen oder ganz unauffälligen Menschenaugen.“ Auch er nahm einen Schluck aus seinem Glas und wartete ab, ob Alec noch Fragen hatte. Der starrte aber nur in sein Glas, bis er es mit einer plötzlichen Bewegung an den Mund setzte und leerte. Dann stand er auf und streckte seine Hand nach Crowleys Glas aus. „Die nächste geht auf mich. Nochmal dasselbe?“
Als er die Getränke abstellte, hatte Alec schon die nächste Frage auf den Lippen: „Und wie viele von euch haben hier all die Zeit unbemerkt zwischen uns gelebt?“ „Von uns Dämonen? Oder von uns Unsterblichen?“, fragte Crowley zurück. „Egal.“ -- „Offizielle Repräsentanten der Hölle auf der Erde gab es nur ganz wenige“, antwortete der Dämon daraufhin. „Neben mir nur noch fünf weitere, soweit ich weiß.“ Er nahm einen tiefen Schluck aus seinem Tumbler und seufzte. „Es waren nie alle sechs Posten gleichzeitig besetzt“, fuhr er fort und fügte fast nur noch murmelnd hinzu: „An irgendwem wurde immer gerade ein Exempel statuiert.“ Er schauderte und sein Blick schien nach innen gerichtet zu sein. Oder in die Vergangenheit. Einige Zeit verging, bevor ein weiteres Schauern seinen Körper durchlief. Sein Blick fand wieder zu Alec. „Ganz ähnlich bei den Himmelsbotschaften. Der Engel musste immer ziemlich viel reisen.“ Ein Lächeln erhellte kurz sein Gesicht. „Dann noch die Engel und Dämonen, die man mit speziellen Aufträgen losschickte.“ „Wie Hastur und Ligur“, blitzte es in seinem Kopf auf und er hatte Mühe, den Gedanken abzuschütteln. „Zu guter Letzt noch Dissidenten wie Arwens Vater Balgran“, ergänzte er. „Aber wie viele das waren? Erfahren wir vielleicht nie.“ Wieder zuckte er mit den Schultern. „Das dürfte es gewesen sein“, zog er schließlich Bilanz.
Alec starrte lange in sein Bier. „Dann haben die anderen Schutzengel gar nicht auf der Erde gelebt?“ Er klang ratlos. „Welche Schutzengel, Alec?“ Crowley sah ihn verständnislos an. „Na, wenn Erziraphael der Schutzengel meiner Familie war, wo waren dann all die Schutzengel der anderen Familien?“ Diesmal war es an Crowley, lange in sein Glas zu starren. Schließlich seufzte er tief, stürzte seinen restlichen Whiskey in einem Zug hinunter und stand auf. „Bevor ich Ihnen das erkläre, brauchen Sie vielleicht auch einen härteren Drink“, sagte er nur und streckte die Hand nach Alecs Glas aus. Dann ging der Dämon zur Bar.