Erschöpfung (Donnerstag)
Erschöpfung (Donnerstag)
Für das lange Pfingstwochenende gibt es heute mal wieder mehr Lesestoff am Stück.
Genießt die Zeit.
***
Laura hatte mit Hannah zusammen einen Spaziergang mit Hexe gemacht. Sie verabschiedete sich, als sie den Hund zurückbrachte, um Hannah ins Bett zu bringen. Erziraphael und Muriel erzählten in der Zwischenzeit Arwens Mutter noch einmal in Ruhe, was sie von Crowley und Gabriel über ihren Aufenthalt in der Hölle erfahren hatten.
Ben hielt sich abseits, bis Arwens Mutter irgendwann auf ihn zeigte: „Sie kenn ich doch aus dem Fernsehen! Ich frag mich schon die ganze Zeit, warum Sie mir bekannt vorkommen.“ Ben bestätigte das und erklärte kurz, welche Rolle er bei alledem spielte. Anschließend gab er noch einmal wieder, was Kenneth ihm am Telefon über den Delegationsbesuch und seine Interviews erzählt hatte. „Er müsste im Lauf der nächsten halben Stunde kommen. Dann können Sie ihn direkt nach seinen Eindrücken und seinen Gesprächen fragen.“ Arwens Mutter hatte sich alles schweigend angehört, aber keine Reaktion gezeigt.
Als plötzlich das Telefon klingelte, sahen Ben und die Engel sich alarmiert an. Erziraphael nahm den Anruf an. „Hallo Mister Fell, hier spricht der Wirt des Dirty Donkey.“ Der Engel hielt unwillkürlich die Luft an und konnte nur mit einem Brummen antworten. „Ich möchte vorschlagen, dass Sie Ihren Partner und seinen Begleiter nach Hause holen“, sagte der Anrufer. Sofort fand Erziraphael seine Sprache wieder: „Um Gottes Willen – Er belästigt doch nicht etwa die anderen Gäste?“, platzte er heraus. „Nein, ganz im Gegenteil. Die unterhalten sich blendend. Aber lassen Sie es mich so sagen: Die beiden Herren erörtern inzwischen Themen, die sie nüchtern wahrscheinlich nicht öffentlich diskutieren würden.“ – „Komme sofort!“ Erziraphael war schon unterwegs zur Tür, bevor er aufgelegt hatte. Sarah heftete sich an seine Fersen, ohne auf eine Einladung oder Erklärung zu warten. Die beiden eilten quer über die Straße, den Eingang des Pubs fest im Blick. Sie rissen die Tür auf und blieben direkt dahinter stehen. Suchend sahen sie sich um. Crowley und der Schreiner waren nicht zu überhören, auch wenn sie hinter der Traube aus um sie versammelten Pub-Gästen nicht zu sehen waren. Als Erziraphael sich mit höflichem Nicken nach rechts und nach links und unter gemurmelten Entschuldigungen durch den Pulk drängte, sagte Alec gerade mit weinerlicher Stimme: „In meinem Alter frag ich mich schon mansch-mal, ob ich für meine Sarah noch lei…, leien…, leienschafft-ich genuch bin. So ’ne Sogen kennscht du doch be-schtimmt gannich, so als Dämon.“ Crowley setzte zu einer Antwort an: „Du hascht ja keine Ahnung, nisch die leiseste Ahnung hascht du.“ Mit einer vagen Geste zeigte er an sich herunter und nuschelte: „Alles to-taaal nutzlos, un – brauch-baa…“
In diesem Moment hatte Erziraphael sich bis zum Tresen vorgearbeitet, legte einen Arm um Crowleys Schulter und sagte leise: „Komm Liebling, lass uns nach Hause gehen.“
„Engel!“ Der eben noch tieftraurige Gesichtsausdruck des Dämons machte einem seligen Lächeln Platz. „Das ist mein Engel“, erklärte er Alec bedeutungsschwer. Der Schreiner winkte ab: „Den kennisch doch!“ „Ich hoffe, mich kennst du auch noch“, begrüßte Sarah ihn trocken, sobald auch sie hinter Erziraphael die Theke erreicht hatte. „Meine Schöne!“ Auch auf Alecs Gesicht breitete sich ein unwiderstehliches Lächeln aus. „Grad‘ habbich von dir geree-ded“, verkündete er stolz. „Na, super!“, antwortete seine Frau ohne jede Begeisterung, legte sich einen seiner Arme über die Schulter und fasste ihn fest um die Taille. „Auf jetzt, wir gehen!“, kommandierte sie und Alec rutschte widerspruchslos von seinem Hocker. Sarah griff noch ein bisschen fester zu, bis sie sicher war, dass er aufrecht blieb, dann dirigierte sie ihn energisch Richtung Ausgang. Erziraphael hatte etwas länger zu tun, bis auch der Dämon seine Beine stabilisiert hatte. Er rief dem Wirt noch zu: „Danke für den Anruf! Ich komme morgen vorbei und zahle die Zeche“, dann folgte er den Gibsons und zog Crowley sanft mit sich. Die anderen Gäste kehrten unter bedauerndem Murmeln an ihre Tische zurück.
Der Rückweg in die Buchhandlung dauerte erheblich länger als Sarah und Erziraphael für den Hinweg gebraucht hatten, aber am Ende saßen die beiden Zecher sicher neben ihnen am Tisch und lehnten die schweren Köpfe auf die aufgestützten Arme. „Habt ihr uns vermisst?“, fragte Alec treuherzig, worauf Sarah lediglich mit einem Augenrollen antwortete. „Liebling, du musst dich ausnüchtern“, sagte der Engel sanft zu Crowley. „Arwens Mutter ist hier und gleich kommt Kenneth mit Neuigkeiten aus der Hölle. Du brauchst einen klaren Kopf.“ Der Dämon schüttelte energisch den Kopf, hielt aber sofort wieder inne, weil ihm dabei schwindelig wurde. „Kannichnich“, nuschelte er. „Natürlich kannst du das“, widersprach Erziraphael geduldig. „Nur ein kleines Wunder. Soll ich dir helfen?“ Crowley wedelte ungeduldig mit einer Hand. „Neee, isch kannich. Habs vasprochen. Großes Dämonen-Ehrenwort und so.“
„Stimmt genau!“, meldete sich Alec triumphierend von seinem Platz. „Weil das nämlich unsportlich wär, so is das. Wer mit mir säuft, hat auch mit mir nen Kater, das ist nur gerecht.“ Seine Aussprache war schon wieder erstaunlich klar. „Du hörst jetzt auf mit diesem Kinderkram und deiner Besoffenen-Logik. Natürlich kann Anthony sich ausnüchtern“, entschied Sarah mit einem Nicken zu dem Rothaarigen. „Du wachst morgen so oder so allein mit deinem Kater auf.“ Crowley sah unsicher zwischen Alec und Sarah hin und her. „Du hast es gehört, Schatz. Es ist okay. Jetzt fang bitte an“, redete ihm Erziraphael gut zu. Schließlich stieß Crowley einen langen Seufzer aus und sagte: „Naaa guuud.“ Gebannt sahen die anwesenden Menschen ihm zu, während er sich ausnüchterte. Der Vorgang war nicht angenehmer als ein Kater, aber schneller vorbei. Nach wenigen Minuten schüttelte Crowley die roten Locken und rieb sich mit der flachen Hand mehrmals durchs Gesicht. Angeekelt streckte er die Zunge heraus und bat: „Wasser! Ne Menge Wasser, bitte.“ Muriel schob ihm eilig eine Flasche und ein Glas über den Tisch. Er ignorierte das Glas und leerte die Flasche in wenigen Zügen. Anschließend schüttelte er sich noch einmal und sagte: „Ok. Bin wieder da. Was ist los?“
Crowley blickte fragend in die Runde. Arwen ergriff das Wort. „Crowley, das ist meine Mutter. Sie hat mir nicht geglaubt, dass das Video wirklich meinen Vater zeigt. Sie glaubt, ihr wollt uns irgendwie betrügen.“ Der Dämon nickte langsam und sah Arwens Mutter lange an. „Verstehe“, sagte er leise. Er schloss die Augen und atmete mehrmals tief ein und aus. „Ich war mit einem ehemaligen Erzengel im Fünften Kreis der Hölle, um dort nach Arwens Vater zu suchen“, sagte er dann ohne Einleitung. Er sprach sachlich und gelassen. „Wir hatten vergeblich versucht, von hier aus nach ihm zu suchen, mussten uns aber sagen lassen, dass sich das wahrscheinlich nur vor Ort klären lässt.“ Er räusperte sich, bevor er fortfuhr: „Wir sind hinuntergestiegen, weil wir vorher schon zweimal erfolgreich zusammen in der Hölle eine Aufgabe gelöst hatten. Fremde hätten wahrscheinlich nichts erreicht.“ Er sah Arwen und ihre Mutter forschend an. Der Blick der Mutter war ausdruckslos, aber Arwen nickte ihm zu, deshalb sprach er weiter. „Ich hatte Balgran, Barry, angeboten, seinen Platz einzunehmen, damit er zu euch zurückkehren kann.“ Crowley vermied Erziraphaels und Muriels Blick, weil er sich vor dem Vorwurf fürchtete, der darin zu lesen sein würde. „Er hat abgelehnt, weil er befürchtet hat, dass die anderen Gefangenen die Geduld verlieren, wenn er allein in die Freiheit zurückkehrt. Es hat ihm fast das Herz gebrochen, aber er hat sich für die Solidarität und gegen die Freiheit entschieden.“ Der Dämon sah weiterhin nur Arwen und ihre Mutter an. „Er hatte gefragt, ob Arwen sich überhaupt noch an ihn erinnert, und hat jede kleine Information aufgesaugt, die ich ihm über sie geben konnte.“ Er machte eine Pause, beobachtete die kleinen Veränderungen im Verhalten der Mutter. Die Schultern wirkten weniger angespannt, die Gesichtszüge weicher als vor seinem Bericht. Er glaubte, einen Anflug von Hoffnung in ihren Augen zu erkennen. „Der neue Meister des Rechts, ein Vertrauter von Furfur und ein anständiger Mann, hat angeboten, dafür zu sorgen, dass ihr Barry antworten könnt und dass die Nachricht ihn erreicht. Er heißt Codimor, ich habe ihn kennengelernt und glaube ihm, was er sagt.“
Damit schloss Crowley seinen Bericht. Schweigend wartete er auf eine Reaktion. Erst als er Erziraphaels Hand auf seiner Schulter fühlte, wagte er es, ihn wieder anzusehen. Er sah den Rest von Schmerz in seinen Augen, aber vor allem sah er dort – Verständnis. Wie hatte er daran zweifeln können? Der Engel kannte ihn so gut. Er verstand, warum Crowley dem anderen Dämon dieses Angebot hatte machen müssen. Natürlich verstand er es. Und er akzeptierte es, ohne ihm Vorwürfe zu machen. Wann würde er endlich wirklich glauben können, dass der Engel ihn genug liebte, um seine Entscheidungen zu akzeptieren, auch wenn sie schmerzhaft für ihn waren? Crowley lächelte unsicher, dann legte er seinen Kopf an Erziraphaels Schulter und ließ sich in eine feste Umarmung ziehen.
Sarah, Alec und ihre Töchter hatten Crowleys Schilderung gebannt gelauscht. Nun kündigte Sarah an: „So gerne ich noch bleiben würde, aber diese Schnapsleiche muss ins Bett.“ Liebevoll klopfte sie ihrem Mann auf die Schultern. Dann nickte sie ihren Töchtern auffordernd zu. Gemeinsam gelang es den drei Frauen, Alec sicher auf den Rücksitz des Transporters zu bugsieren. Sie verabschiedeten sich von Erziraphael, der sie nach draußen begleitet hatte. „Ich weiß ja zum Glück nicht, worüber die beiden im Pub noch so diskutiert haben, aber ich behaupte mal, sie haben das zwischen sich geklärt“, sagte Sarah, bevor sie die Fahrertür zuzog. „Morgen ist Paps bestimmt wieder der Alte“, waren sich auch Josie und Lizzie sicher. Der Buchhändler fühlte sich deshalb sehr erleichtert, während er der Familie Gibson hinterherwinkte. Er blickte suchend die Straße entlang, aber von Kenneth war noch nichts zu sehen. Fröstelnd kehrte der Engel in die Buchhandlung zurück.
***
Ben saß über sein Notebook gebeugt und las Agenturmeldungen. Gelegentlich notierte er sich einige Stichworte. Er arbeitete konzentriert und sah nur kurz auf, als der Engel wieder hereinkam. Muriel und Arwen saßen dicht nebeneinander und unterhielten sich leise. Auch sie hoben ihre Köpfe bei Erziraphaels Rückkehr und lächelten ihm zu. Arwens Mutter dagegen nahm keinerlei Notiz von ihm. Sie hielt ihr Smartphone in der Hand und ließ wieder und wieder die Videobotschaft ihres Mannes ablaufen. Gebannt beobachtete der Engel sie dabei. Auf ihrem Gesicht wechselten die Emotionen schneller als die Wolkenformationen an einem Aprilhimmel. Ihre Augen glänzten. Sie wollte glauben, erkannte Erziraphael, hatte aber gleichzeitig Angst davor, enttäuscht zu werden. Er verstand sie gut.
Er setzte sich zu Crowley, rückte nah heran und legte ihm einen Arm um die Taille. Der Dämon schmiegte sich wortlos an ihn und ließ wieder den Kopf auf seine Schulter sinken. Der Engel zog ihn noch ein bisschen näher an sich. „Wie fühlst du dich?“, fragte er leise. Die Antwort ließ auf sich warten. „Müde“, sagte Crowley schließlich zögernd. „Irgendwie leer.“ „Willst du dich eine Weile hinlegen?“, schlug Erziraphael vor. Er drückte einen sanften Kuss in die roten Locken. „Ich würde dich wecken, wenn Kenneth kommt.“ Der Dämon schüttelte den Kopf. „Ich will hier bei dir bleiben“, nuschelte er mit vor Erschöpfung schwerer Zunge. Erziraphael verbarg sein Gesicht in Crowleys Haaren und atmete den vertrauten Duft tief ein. Er konzentrierte sich auf seine Atmung, auf sein heftig pochendes Herz, zwang seinen Pulsschlag zu einem langsameren Tempo und begann, sich mit Crowley in seinem Arm langsam hin und her zu wiegen. Er spürte, wie der schlanke Körper sich entspannte und der Dämon den Kampf gegen den Schlaf endlich aufgab. Behutsam wiegte er ihn weiter in seinem Arm.
Erst jetzt bemerkte er, dass er beobachtet wurde. Er hob den Kopf und sah genau in die Augen von Arwens Mutter. „Anna“, erinnerte er sich plötzlich. Sie hieß „Anna“, hatte Muriel gesagt. Unsicher lächelte er sie an. „Er ist ein Dämon“, sagte sie mit einem Nicken in Crowleys Richtung. Es war keine Frage, aber Erziraphael nickte trotzdem. „Und Sie sind ein Engel, oder?“ Er spürte, dass die Frage viel umfassender war, als die Worte allein verrieten, aber er antwortete wieder nur mit einem Nicken. Arwen hatte alarmiert aufgeschaut und beobachtete nun ihre Mutter. Sie hatte die Beine zu sich herangezogen, die Muskeln angespannt, bereit, im nächsten Moment aufzuspringen. Anna beachtete sie nicht. „Wie ist das möglich? Was verbindet Sie?“ Arwen war aufgestanden und legte ihrer Mutter nun eine Hand auf die Schulter. „Mama, nicht!“, sagte sie leise. „Was wird das?“
Erziraphael hatte seine sanfte, wiegende Bewegung nicht unterbrochen. Er lächelte Arwen beruhigend an, bevor er Anna antwortete. „Alles“, sagte er, „das Leben.“ Er machte eine Pause, sah, dass Anna noch nicht verstand. „Sechstausend gemeinsame Jahre“, fügte er deshalb hinzu. „Vertrauen… Nähe.“ Er erklärte nichts, ließ seine Worte zwischen ihnen stehen, bis Anna nickte. Sie griff nach der Hand ihrer Tochter, die noch immer auf ihrer Schulter lag und drückte sie. „Mach dir keine Sorgen“, sagte die Geste. Die Frauen lächelten sich an, dann kehrte Arwen auf ihren Stuhl neben Muriel zurück.
Anna nickte noch einmal. „Liebe also“, sagte sie und es war wieder keine Frage. Dann nahm sie wieder ihr Smartphone zur Hand und drückte ein weiteres Mal auf „Play“. Diesmal lächelte sie dabei.
Niemand sagte mehr ein Wort, bis kurz darauf die Glocke über der Ladentür ertönte. Kenneth war gekommen.
***
Kenneth war direkt hinter der Tür stehen geblieben und sah sich im Laden um. Erziraphael hatte ihm zur Begrüßung zugenickt und war jetzt dabei, Crowley vorsichtig zu wecken. Muriel war aufgestanden und kam ihm ein paar Schritte entgegen. „Hallo, Kenneth. Komm doch rein“, sagte sie mit einem herzlichen Lächeln. Der Journalist erwiderte das Lächeln, nickte den beiden ihm unbekannten Frauen zu und ging dann zu seinem Kollegen. „Ben.“ – „Kenneth.“ Ben stand auf und nahm ihn zur Begrüßung in den Arm. Die Männer klopften sich gegenseitig auf die Schultern. „Gut, dich wiederzusehen, du Teufelskerl“, sagte Ben lächelnd. „Aber jetzt spann uns nicht so lange auf die Folter.“
„Nun lass ihn doch erstmal ankommen“, mahnte Muriel und schob Ben zur Seite. „Was möchtest du trinken?“, fragte sie Kenneth. „Hast du auch Hunger?“ Der Journalist nickte dankbar. „Wie ein Wolf!“, bestätigte er. „Und kann ich einen Kaffee haben?“ – „Das übernehm‘ ich“, sagte Crowley und klopfte Kenneth im Vorbeigehen freundschaftlich auf die Schulter. „Ich brauch auch einen.“ Er machte sich an der Kaffeemaschine zu schaffen und stellte kurz darauf einen großen Becher vor Kenneth ab, der sich inzwischen gesetzt hatte. Einen zweiten schob er für sich selbst unter die Ausgabe. „Noch jemand?“ Er sah sich um und machte als Nächstes Cappuccino für Arwen und einen doppelten Espresso für Ben. Zuletzt goss er Tee auf und stellte die Kanne mit mehreren Gläsern auf den Tisch. In der Zwischenzeit hatte Muriel eine Platte mit Sandwiches vorbereitet und stellte sie in die Tischmitte. Auch Arwen und Anna setzten sich nun zu ihnen und Muriel machte sie mit Kenneth bekannt.
Mit vollem Mund forderte der Journalist Ben auf: „Fah ma den Rechner hoch“, und schob sein Handy über den Tisch, damit der Kollege es mit dem Computer verbinden konnte. Als er es wieder in der Hand hielt, begann er – immer noch kauend – mehrere Dateien hinüberzukopieren. Schließlich waren auf dem großen Bildschirm sieben Dateien zu sehen, jedes Vorschaubild zeigte einen Kopf. „Papa“, sagte Arwen und streckte die Hand nach dem dritten Bild in der Reihe aus. Anna starrte den Bildschirm wortlos an. Crowley nickte. „Hm, das ist Barry“, bestätigte er, deutete dann aber auf zwei weitere Bilder, die Uniformierte zeigten. „Das ist Milgreth“, sagte er, „und das hier sein Hauptmann.“ Er ließ seinen Blick auf den beiden Gesichtern ruhen, bevor er hinzufügte: „Ich habe beide kennengelernt. Milgreth hatte viele Fragen… und hohe Achtung für seinen Vorgesetzten. Wundert mich nicht, dass du diese beiden interviewen durftest.“ Er sah noch einmal die vier verbleibenden Stills an. „Das ist Diplor, oder?“, fragte er Kenneth, den Finger auf das Foto eines blonden Dämons mit rundem Gesicht gerichtet. „Der Gefangenensprecher?“ Der Journalist nickte.
„Können wir das Interview anhören, bitte?“ Anna sah noch immer unverwandt auf das Standbild von Arwens Vater, ihrem Mann. Sie war blass, ihre Stimme leise. Arwen griff nach ihrer Hand. „Ja, bitte“, sagte sie an die beiden Journalisten gewandt. Ben nickte Kenneth stumm zu, startete das Video und erhöhte die Lautstärke. Sie hörten, wie Kenneth den rothaarigen Dämon mit den grünen Augen bat, sich vorzustellen. „Als Dämon hieß ich Balgran“, gab dieser bereitwillig Auskunft. „Aber auf der Erde habe ich als Barry Carpenter gelebt, das ist heute mein Name. Erziraphael beobachtete aus dem Augenwinkel, wie Arwen bei diesen Worten die Hand ihrer Mutter drückte. Die Augen beider Frauen glänzten. Als Nächstes hatte Kenneth gefragt, wie lang der Dämon bereits ein Gefangener war und für welches Vergehen er verurteilt worden sei. Während seiner Antwort hätte man in der Buchhandlung eine Nadel fallen hören können, so still saßen alle und so aufmerksam hörten sie zu. „Wie ist es Ihnen gelungen, bis heute die Hoffnung nicht aufzugeben?“, hörten sie Kenneth fragen. „Oh, wir hatten längst die Hoffnung verloren“, antwortete Barry sachlich. Anna schluchzte bei diesen Worten leise auf und von Crowley kam ein Wimmern, das klang wie von einem verletzten Tier. Erziraphael zog ihn etwas näher zu sich heran und strich ihm zärtlich durchs Haar.
„Ein Dämon, den die Hölle von der Erde zurückgeholt und interniert hatte, hatte nie viel Grund für Hoffnung“, fuhr der blasse Rothaarige fort. „Spätestens als man uns ohne jede Erklärung in den Fünften Kreis verlegt und in ein bereits überfülltes Lager gesteckt hatte, haben auch die letzten von uns jede Hoffnung aufgegeben.“ Wieder strich der Engel Crowley beruhigend über den Kopf. Arwen sah besorgt ihre Mutter an, der inzwischen Tränen über die Wangen liefen. Anna machte keine Anstalten, sie wegzuwischen.
„Erst als Abariels Einheit das Lager übernahm und plötzlich die Willkür und die Misshandlungen aufhörten“, er hatte bei diesen Worten an der Linse vorbei auf jemanden gezeigt, der hinter Kenneth stehen musste, „haben wir geglaubt, dass man uns vielleicht am Leben lassen würde.“ Für die beiden Engel war es am schwersten auszuhalten, wie stark Arwen, Anna, aber auch Crowley auf diese Antwort reagierten. Erziraphael begann wieder, den Dämon in seinem Arm behutsam zu wiegen. Er ahnte, dass Crowley mit seinen eigenen Erinnerungen an die Hölle kämpfte und hätte ihm die Fortsetzung gerne erspart. Aber Anna schüttelte energisch den Kopf, als Ben fragte: „Sollen wir eine Pause machen?“
„Neue Hoffnung haben wir erst an dem Tag geschöpft, als Crowley und Gabriel hier auftauchten“, waren Barrys folgende Worte und in der Buchhandlung richteten alle Augen sich auf Crowley, der unter der plötzlichen Aufmerksamkeit unbehaglich auf seinem Stuhl zusammensank. Dankbar registrierte er, wie die Köpfe sich wieder dem Bildschirm zuwandten, als Barry weitersprach. „Nicht so sehr, weil man sie zu uns gelassen hatte“, erklärte der nun. „Sondern vor allem, weil das so unvorstellbar war: Ein Engel und ein Dämon, die in den Fünften Kreis der Hölle hinabstiegen, um einen fremden Dämon aufzustöbern.“ Barry musste eine Pause machen, bevor er weitersprechen konnte. Annas Augen trafen die von Erziraphael und sie lächelte ihm vielsagend zu. „Ein Dämon, der mir anbot, sich für meine Freiheit zu opfern, obwohl er mir nichts schuldete.“ Bei diesen Worten Barrys musste Erziraphael ein Schluchzen in Crowleys Haaren ersticken. Er wusste, dass alle ihre Freunde jetzt auf sie schauten, und ließ den Kopf zwischen den roten Locken vergraben, bis das Interview weiterging.
Barry sprach danach noch über das Leben im Lager, über den Umgang der Gefangenen miteinander, über den Aufstand und den Besuch der Verhandlungsdelegation, der gerade erst zu Ende gegangen war. Kenneths letzte Frage war: „Was ist Ihr größter Wunsch für die Zukunft?“ Barry hatte erst geantwortet, als der Journalist schon zu einer Wiederholung seiner Frage ansetzte. „Mein einziger Wunsch ist, dass man mir erlauben wird, auf die Erde zurückzukehren, und dass ich meine Anna und unsere Tochter Arwen noch einmal in meine Arme schließen kann.“ Kenneth hatte die Aufzeichnung noch weiterlaufen lassen und so sahen sie, wie Barry nach der letzten Antwort um seine Fassung kämpfte, bevor er schließlich eine Hand ausstreckte und die Linse damit verdeckte. Erst dann endete das Video.
In der Buchhandlung blieb es lange still. Es war Anna, die als Erste das Schweigen brach. Sie stand auf, strich langsam ihre Kleidung glatt und ging dann zu dem Platz, wo Kenneth saß. Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter und nickte ihm zu. Dann wandte sie sich zu Crowley um. Auch ihm legte sie die Hand auf die Schulter, bevor sie ihm schüchtern über den Arm strich. „Danke“, sagte sie und es klang heiser. Sie nickte Arwen zu. „Ich warte draußen auf dich“, sagte sie und ging zur Tür. Arwen stand ebenfalls auf, gab Ben und Kenneth die Hand, umarmte Muriel und ging schließlich zu Crowley und Erziraphael, die beide aufgestanden waren, um sich zu verabschieden. Arwen nahm sie beide gleichzeitig in den Arm und drückte sie lange. „Ich danke euch“, flüsterte sie. Dann folgte sie ihrer Mutter nach draußen, winkte ihnen noch einmal zu und zog die Ladentür hinter sich ins Schloss.
***
Die Zurückgebliebenen sahen stumm auf die Tür der Buchhandlung, die Arwen hinter sich und ihrer Mutter geschlossen hatte. Nach einer Weile sagte Muriel leise: „Anna hat sich bewundernswert gehalten, findet ihr nicht auch?“ Ben stimmte ihr zu: „Vor allem, wenn man bedenkt, welchen Weg sie zurückgelegt hat, seit sie heute hergekommen ist.“ Niemand sonst sagte etwas. Dann begann Kenneth, in seinem Notizbuch zu blättern. „Schade, ich hätte den beiden gerne noch ein paar Fragen gestellt“, sagte er nachdenklich. „Meint ihr, sie könnten morgen oder übermorgen dazu bereit sein?“ „Arwen auf jeden Fall. Und Anna bestimmt auch, wenn sie die Neuigkeit erstmal verarbeitet hat.“ Muriel klang überzeugt.
Kenneth sah sich um. „Ich sollte dann mal gehen. Es ist spät und ihr seht müde aus.“ Erziraphael sah zu Crowley. Er rechnete damit, dass der Dämon diese Gelegenheit nutzen würde, um sich zu verabschieden und ins Bett zu gehen. Er sah so erschöpft aus. Der Engel griff nach seiner Hand.
Zu seiner Überraschung richtete sich Crowley jedoch in seinem Stuhl auf und zeigte auf den Bildschirm. „Ich würd‘ gerne vorher noch die anderen Videos sehen, wenn’s geht.“ Auch Kenneth wirkte überrascht, fragte dann aber nur: „Gilt das für euch alle?“ Um sich herum sah er zustimmendes Nicken und so startete er die nächste Wiedergabe.
Als der Journalist das letzte Video gezeigt hatte und die Datei schloss, versuchte er zu erkennen, welche Wirkung die Interviews auf Ben und die drei Unsterblichen gehabt hatten. Sie sahen nachdenklich aus. „Was haltet ihr davon?“, fragte er schließlich. Muriel sah auf. „Berührende Schicksale“, sagte sie. „Was für eine Ungerechtigkeit, dass sie noch immer in der Hölle festgehalten werden.“
Ben nickte zwar zu ihren Worten, warf aber ein: „Das kann ganz schön Wellen schlagen, wenn wir das zeigen, das ist dir klar, oder?“ „Was heißt hier, ‚wenn wir das zeigen‘?“, fragte Kenneth zurück. „Das ist brandheißes Material, natürlich wird die BBC das zeigen. Und unsere Redaktion wird es sich auch nicht nehmen lassen, diese Interviews zu drucken.“ Ben widersprach nicht. „Das weiß ich doch“, sagte er. „Aber wenn die Frauen und Kinder dieser Männer noch leben, werden sie auf diese Berichte reagieren. Entweder, weil sie immer noch auf ihre Männer und Väter warten wie Anna und Arwen.“ „Ja, genau!“, unterbrach Kenneth ihn. „Was wären das für Geschichten, wenn wir Familien wiedervereinen können.“ Ben sah ihn ernst an. „Natürlich wäre das schön. Ein herzzerreißendes Happy End. Es kann aber genauso gut sein, dass sie irgendwann eine neue Partnerschaft eingegangen sind, vielleicht weitere Kinder von anderen Männern bekommen haben.“
Ben wartete auf eine Reaktion seines Kollegen, aber stattdessen nutzte Erziraphael die Pause, um seine eigenen Gedanken zu ergänzen: „Ja, natürlich. Manche dieser Dämonen sind seit vierzig oder sechzig Jahren interniert, andere bestimmt noch deutlich länger.“ Seine Hände flatterten ruhelos die Knopfleiste seiner Weste entlang. „Dass ich daran noch nicht gedacht habe“, fuhr er atemlos fort: „Da wird es Witwer, Kinder, Halbgeschwister, vielleicht Enkel geben, die von diesem Teil ihrer Familie gar nichts wussten, oder die beim Auftauchen eines lange verschollenen Familienmitglieds um ihren ererbten Besitz fürchten. Sie könnten zig andere Gründe haben, um nicht unbedingt erfreut zu reagieren.“
Betreten sah Muriel zwischen den Männern hin und her. „Ihr meint also, dass auf viele der Dämonen, die jetzt auf ihre baldige Freiheit hoffen, eine Enttäuschung wartet? Das wäre ja schrecklich!“ Sie stützte den Kopf auf die Hände und schwieg. „Damit müssen wir aber rechnen“, sagte Crowley. Er hatte so lange nichts gesagt, dass alle sich augenblicklich zu ihm umdrehten. Er hatte erkennbare Schwierigkeiten, die Augen offenzuhalten – selbst seine Stimme klang erschöpft. „Da warten auch Tragödien und Konflikte, es wird Unverständnis geben, Ängste und Ablehnung. Das ist nur realistisch, wenn zwei sich fremde Welten aufeinander prallen“, gab er zu bedenken. Und Ben ergänzte: „Dazu kommt, dass unser Rechtssystem auf solche Fälle nicht vorbereitet ist. Abgesehen vielleicht von ein paar Parallelen zur Rückkehr von Totgeglaubten aus langer Kriegsgefangenschaft oder unrechtmäßigen Enteignungen. Aber das ist ja alles lange her.“
Muriel ließ den Kopf hängen. Ben und Kenneth starrten wortlos auf den Bildschirm, obwohl sich dort nichts bewegte. Erziraphael schaute sich nach Crowley um, der sich auf seinem Stuhl kaum noch aufrecht halten konnte. Es war für alle ein langer Tag gewesen und ein emotional anstrengender noch dazu. „Wir können wenig tun, um das aufzuhalten“, sagte Erziraphael leise. „Schon gar nicht mitten in der Nacht, wenn wir längst zu müde zum Nachdenken sind.“ Er schaute in die Gesichter der Freunde. „Lasst uns schlafen gehen. Vielleicht sehen wir morgen klarer.“ Ben stand als Erster auf. „Du hast Recht. Laura wartet sicher schon auf mich.“ Er sah seinen Kollegen an. „Willst du noch zurückfahren? Oder kommst du mit ins Hotel? Du kannst die Dateien online schicken, das WLAN ist dort stabil.“ Kenneth dachte einen Moment nach, dann stimmte er zu. „Das wäre nach dem Tag sicher vernünftig.“ Auch er stand auf. Die Männer verabschiedeten sich von den beiden Engeln und dem Dämon und brachen auf.
Erziraphael sah zwischen seinen Freunden hin und her. Muriel hatte Tränen in den Augen und ballte hilflos ihre Fäuste. Crowley hatte sich gegen die Stuhllehne sinken lassen und die Augen geschlossen. Der Buchhändler stand seufzend auf. Er drückte Muriel einen Kuss auf die Schläfe. „Geh schlafen, Liebes. Morgen sieht manches vielleicht schon wieder anders aus“, versuchte er sie zu trösten. Es klang nicht überzeugt. Crowley stand widerspruchslos auf, als Erziraphael ihn sanft rüttelte, und folgte ihm stumm die Treppe hinauf. Er ließ seine Kleidung achtlos auf den Boden fallen, schlüpfte mechanisch in eine Pyjamahose und unter die Bettdecke. Erst als Erziraphael sich zu ihm legte, sagte er: „Ich bin trotzdem froh, Engel. Wegen Arwen und Barry. Und wegen Alec.“ Er legte seinen Kopf auf Erziraphaels Brust, schloss aber die Augen noch nicht. „Alecs Freundschaft wäre jeden Kater wert. Und Annas Blick, als sie sich erlaubt hat, uns zu glauben, wiegt alles andere auf – die Gefahren hinter uns und die Unsicherheit vor uns.“ Er gähnte, sah Erziraphael aber immer noch unverwandt an. Erst als dieser ihm mit der inzwischen so vertrauten Bewegung eine Strähne hinters Ohr strich und ihn liebevoll anlächelte, schloss er die Augen. „Gute Nacht, Engel“, murmelte er. Die Antwort hörte er schon nicht mehr.