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Langschläfer - Tag 28, Freitag

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Langschläfer - Tag 28, Freitag

Erziraphael schlug die Augen auf, und versuchte sich zu orientieren. Gerade eben war er noch im Himmel gewesen, hatte unter dem immer gleichen künstlichen Licht Dokumente unterzeichnet. Jetzt umgaben ihn warme Farben und ein Sonnenstrahl kitzelte ihn an der Nase. Er hob den Kopf und lächelte. Crowley hatte sich neben ihm zusammengerollt, den Kopf jetzt auf Erziraphaels weichen Bauch gebettet, die Haare verdeckten wie ein roter Vorhang sein Gesicht. Seine magere Schulter drückte gegen die füllige Hüfte des Engels, die angezogenen Knie gegen seine Beine. Immer noch lächelnd ließ Erziraphael seinen Blick über Crowleys Körper wandern, bis er plötzlich innehielt. Der Dämon hatte eine seiner Hände zwischen Erziraphaels Oberschenkel geschoben, vielleicht auf der Suche nach Wärme, vielleicht um Halt zu finden. Das wäre keinen zweiten Gedanken wert gewesen, wenn der Körper des Engels nicht so unzweifelhaft auf die intime Berührung reagiert hätte. Erziraphael brauchte keinen Spiegel, um zu wissen, dass seine Wangen und sein Hals sich gerade feuerrot gefärbt hatten. Wäre das Gefühl ihm vertrauter gewesen, hätte er auch den Blick an sich herunter nicht benötigt, der ihm nun zeigte, was sich unter dem dünnen Stoff seiner himmelblauen Boxershorts abzeichnete. Der Engel erstickte einen Schreckenslaut und hoffte beschämt, dass er Crowley damit nicht geweckt hatte.

Als der Dämon ihm einen Einblick in die Torturen gewährt hatte, denen er in der Hölle ausgesetzt gewesen war, den Missbrauch durch Satan und andere, hatte Erziraphael alle Gedanken an die Möglichkeit körperlicher Liebe, an Sexualität aus seinem Bewusstsein verdrängt. Er erinnerte sich an sein Versprechen, keine solchen Erwartungen zu hegen. Um Crowley seine Angst zu nehmen, hatte er sogar erklärt, Engel könnten nur Agape oder Philia empfinden. Dabei hatte er offenbar etwas Wesentliches außer Acht gelassen: Seinen menschlichen Körper. Und dieser Körper hatte eine andere Meinung zu Eros , wie er nun erkannte.

Unwillkürlich bewegte sich der Engel in Crowleys Umarmung, versuchte, etwas mehr Abstand zwischen den gespannten Stoff und die schlanken Finger des Dämons zu bringen, bevor er aufwachen und den Beweis für seine mangelnde Selbstbeherrschung entdecken konnte. Offenbar störte er mit seinen Bewegungen Crowleys bis dahin ruhigen Schlaf. Er murmelte etwas Unverständliches, das nach leisem Protest klang. Er drehte sich auf die andere Seite, wobei seine Hand zwischen den Schenkeln des Engels herausglitt und ihn so streifte, dass er scharf einatmete und sich auf die Zunge beißen musste, um ein Aufseufzen zu unterdrücken. Dann drängte der schmale Körper des Dämons sich wieder so nah wie möglich an Erziraphael heran und kam erneut zur Ruhe. Erst als auch Crowleys Brust sich wieder gleichmäßig unter seinen Atemzügen hob und senkte, wagte es der Engel, sich ebenfalls umzudrehen und seine Arme vorsichtig um Crowleys nackten Oberkörper zu legen.

Es war das erste Mal, dass er auch die schlecht verheilten Narben auf Crowleys Rücken und Oberarmen betrachten konnte. Bisher hatte der Dämon immer sehr gewissenhaft darauf geachtet, diese Zeugnisse seiner tragischen Vergangenheit vor ihm zu verbergen. Diesmal hatte ihm offenbar die Kraft dafür gefehlt. Der Engel schloss mit voller Absicht die Augen, ließ dafür aber seine Hände vorsichtig über die nackte Haut wandern, streichelte zärtlich jede wulstige Naht, jede Narbe und jede Verfärbung, spürte den Verspannungen und Verhärtungen nach und massierte mit sanften Fingern, bis sie weich und nachgiebig wurden. Er hörte Muriel schon pfeifend in der Buchhandlung hantieren, als er den Dämon fest in seine Arme zog und noch einmal einschlief.

Das nächste Mal wachte er auf, weil er ein lautes Trappeln auf der Treppe hörte, gefolgt von einer weiblichen Stimme, die laut und energisch rief: „Hannah, nein. Bleib da stehen!“ Das Trappeln verstummte, eine helle Kinderstimme antwortete: „Ich muss mich aber doch verabschieden!“, und schon waren die kleinen Füße vor der Schlafzimmertür angekommen. Mit einem Fingerschnippen sorgte Erziraphael dafür, dass Crowleys Oberkörper von einem weichen grauen T-Shirt bedeckt wurde, da sprang schon die Tür auf und ein kompakter Wirbelwind stürmte ins Zimmer. Hannah schaute zwischen den kurzen weißblonden und den langen roten Haaren hin und her und umrundete das Bett. Kaum, dass sie auf Crowleys Seite angekommen war, warf sie ihre Arme um ihn. Der Dämon erwachte mit einem erschrockenen Schnarcher, sah von Hannah zur Tür, wo jetzt Laura aufgetaucht war, außer Atem und resigniert die Hände vor sich ausstreckend. Crowley schielte über seinen Rücken hinweg zu Erziraphael, der sich gerade genug gesammelt hatte, um Hannah und Laura mit einem freundlichen „Guten Morgen!“ zu begrüßen. Einen Moment lang sagte niemand ein Wort, dann brach der Dämon in Lachen aus.

„Guten Morgen, Prinzessin“, sagte er, während er versuchte, sich aufzusetzen, ohne Hannah dabei von der Bettkante zu schubsen. „Warum bist du schon so früh auf?“ „Wir müssen nach Hause“, erklärte das Mädchen wichtig. „Papa muss zur Zeitung und ganz viel telefonieren“, fügte sie hinzu und machte ein bedeutendes Gesicht. Crowley unterdrückte sein Lachen und schaute fragend zu Laura. „Das stimmt sogar“, gab diese Auskunft und erklärte: „Offenbar laufen die Telefone in der Redaktion heiß. Halb England will Hinweise auf die Dämonen geben, die Kenneth interviewt hat, oder sich nach anderen Dämonen erkundigen, die ebenfalls vermisst werden.“ Sie grinste. „Die Redaktion hat SOS gefunkt, Ben und Kenneth sollen beim Eindämmen der Flut helfen. Sie sind schon auf dem Rückweg.“

Entschuldigend blickte sie die beiden Männer an. „Tut mir leid, dass ich den unsanften Weckruf nicht verhindern konnte. Ich war einfach zu langsam.“ Erziraphael zog die Bettdecke noch etwas höher und lächelte Laura zu. „Schon in Ordnung.“ Gerührt sah er zu, wie Hannah Crowley einen feuchten Schmatzer auf die Wange drückte und anordnete: „Jetzt schlaft weiter. Mama hat gesagt, ihr seid doll müde und müsst heute viel Ruhe haben.“ Laura rollte mit den Augen. „Da hört ihr es“, sagte sie lachend. „Passt auf euch auf. Wir telefonieren.“ Sie winkte ihre Tochter energisch zu sich, schob sie nach draußen und zog die Tür hinter sich zu.

„Wo sie Recht hat, hat sie Recht“, flüsterte Erziraphael. „Komm her, mein müder Dämon. Lass uns noch ein bisschen schlafen.“ Crowley blinzelte ihn schläfrig an. „Da kann ich nicht widerstehen“, murmelte er. Er kuschelte sich in den einladend erhobenen Arm, seufzte zufrieden, als der Engel ihn an sich zog, und atmete schon wieder tief und gleichmäßig, als Erziraphael die Decke über sie beide zog.

Unten in der Buchhandlung hörte er Muriel summen, Hexe beobachtete ihn aus halbgeschlossenen Augen und wedelte müde mit dem Schwanz, seine kleine Welt war in diesem Moment in Ordnung. Mit diesem Gedanken schlief auch der Engel wieder ein.

***

Ben und Kenneth waren bei ihrem Eintreffen in der Redaktion sofort von Menschen umringt worden. Der Chef vom Dienst hatte versucht, Kenneth zur Seite zu ziehen: „Mit dem Material hast du einen Nerv getroffen, Mann. Das wird ganz groß, wenn wir’s richtig angehen.“ Bevor der Journalist reagieren konnte, wurden sie von einem der Online-Redakteure unterbrochen. Er zeigte auf ein Whiteboard in einer Ecke des großen Raumes: „Die Audience-Redaktion hat frische Zahlen, schaut euch das bloß mal an. Die Klickzahlen gehen gerade durch die Decke, das ist der reine Wahnsinn!“

Ben drehte sich um, weil ihm von hinten jemand ein Headset in die Hand drückte. „Wir brauchen gerade jede Hilfe bei den reinkommenden Telefonaten, die Volontäre schaffen es nicht allein.“ Es war Patricia vom Newsdesk. Ben hielt große Stücke auf die Kollegin, die stets den Überblick und einen kühlen Kopf behielt, wenn es in der Redaktion mal wieder hektisch zuging. Die Dringlichkeit in ihrer Stimme signalisierte ihm, dass selbst sie bald an ihre Grenzen kommen würde. Deshalb fragte er nur: „Wo brauchst du mich?“, folgte ihrem ausgestreckten Zeigefinger zu einem der blinkenden Telefone und setzte das Headset auf. „Du kriegst die Vorsortierten“, rief Patricia ihm hinterher.

Kenneth nahm ihr wortlos das zweite Headset ab, das sie noch in der Hand hielt. „Du nicht“, widersprach der Chef vom Dienst. „Wir müssen nachlegen, bevor das Interesse nachlässt. Ich brauch Stoff von dir.“ Kenneth hatte das Mikrofon schon in Position geklappt und Patricia beruhigend zugenickt. „Der Stoff wird uns gerade frei Haus geliefert“, sagte er und zeigte auf die eifrig telefonierenden Volontäre und Redakteure. „Frag mich in einer Stunde noch mal.“ Damit ließ er den Chef vom Dienst stehen, zwängte sich hinter den letzten freien Schreibtisch und nahm das erste Telefonat an.

***

Hexe hatte geduldig Erziraphaels Hand geleckt, bis er die Augen öffnete. Sie stellte sich abwartend an die Schlafzimmertür und er ließ sie hinaus. Dabei winkte er Muriel zu und schickte ihr dann eine kurze Nachricht: „Alles ok bei uns. Möchte Crowley noch schlafen lassen.“ Wenn der Dämon unruhig wurde, zupfte er die Decke zurecht, nahm ihn in den Arm oder strich ihm durchs Haar, bis er wieder entspannt schlief.

Es war schon später Vormittag, als Crowley wach wurde. „Was ist heute für ein Tag?“, fragte er. Bei Erziraphaels Antwort „Freitag“ ließ er seine Augen noch einmal zufallen, fragte aber: „Wie spät?“ Die Auskunft kommentierte er mit einem Brummen. Trotzdem setzte er sich langsam auf. „Alec?“, war seine nächste Frage. Der Engel zuckte mit den Schultern. „Ich habe ihn leider nicht gehört.“ Zu seiner Erleichterung wirkte Crowley nicht alarmiert. „Der wird mit seinem Kater zu tun haben.“ Der Dämon lächelte ihm zu: „Was für ein Glück, dass du mich von meinem Ehrenwort freigekauft hast.“ Er schüttelte den Kopf bei der Erinnerung. „Alec steckt wirklich was weg. Ich dachte zwischendurch, er trinkt mich unter den Tisch.“ Erziraphael kicherte. „Ihr wart beide noch sehr gesprächig, als wir euch abgeholt haben.“ Crowleys Wangen färbten sich rosa, aber der Engel verzichtete auf einen Kommentar. „Schon irgendwelche Neuigkeiten?“ Erziraphael hörte die Anspannung in Crowleys Stimme. Er schüttelte den Kopf. Der Dämon schaute ihn nachdenklich an. „Dann lass uns den Tag angehen, oder? Erst Kaffee, dann Nachrichten?“ Der Engel schlug die Decke zurück. „Klingt nach einem Plan“, antwortete er.

***

Als Bee am späten Vormittag aufwachte, war das Bett neben ihr leer. Das war nichts Ungewöhnliches, denn sie hörte abends oft noch lange Musik oder schmökerte in Musiker-Biographien und Sachbüchern, während Gabriel gerne früh schlafen ging. Am Frühstückstisch wartete zwar frischer Kaffee auf sie, aber der Engel saß nicht mehr dort. Sie goss sich einen großen Becher Kaffee ein und wanderte damit von Zimmer zu Zimmer.

Sie fand Gabriel schließlich in seinem kleinen Büro, wo er mit gerunzelter Stirn über sein Tablet gebeugt saß und las. Die Dämonin begrüßte ihn mit einem Kuss auf die Wange, aber der Engel hob nicht einmal den Kopf. Sie beugte sich über ihn und versuchte zu erkennen, was genau er las. „Was fesselt dich denn so, dass du mir nicht einmal einen guten Morgen wünschst?“, fragte sie. Gabriel schreckte zusammen. „Was? Stehst du schon länger da? Was hast du gesagt?“ So abwesend kannte Bee ihren Partner nicht. Besorgt zog sie sich einen Stuhl heran und setzte sich neben ihn. „Was liest du da?“

Der Engel scrollte nach oben. Nun erkannte Bee, dass es sich um die Startseite des Online-Angebots einer Zeitung handelte. Ihr sprang zuerst die Schlagzeile „Dämonen-Schicksale – Fünf brisante Exklusiv-Interviews“ ins Auge. Dann erkannte sie das Bild neben dem Namen des Autors. „Ach, das ist Bens Zeitung“, stellte sie fest. „Sein Kollege ist also aus der Hölle zurück?“ Gabriel nickte und erklärte: „Die Verhandlungen waren offenbar erfolgreich. Die Delegation konnte sogar ein Lager besichtigen und Kenneth durfte einige der Internierten interviewen.“ Er zeigte auf eines der Porträtfotos. „Das ist Arwens Vater.“ Bee überflog den dazugehörigen Text und lächelte: „Das ist doch toll, dass euer Einsatz so gewürdigt wird. Warum siehst du so besorgt aus?“ Sie küsste ihn auf die Nasenspitze, aber Gabriels Miene blieb ernst. „Deswegen.“ Er scrollte wieder nach unten und nun sah Bee, dass er offenbar in Leserkommentare vertieft gewesen war. „Schon wieder ein Shitstorm?“, fragte sie. Plötzlich schien ihr Magen zu revoltieren und sie stellte den Kaffeebecher weg. Aber Gabriel winkte ab. „Nein, so gut wie keine Hasskommentare“, antwortete er. „Aber eine regelrechte Lawine von Anfragen. In fast allen Kommentaren fragt jemand nach vermissten Dämonen oder Engeln.“ Sie griff nach Gabriels Hand und hinderte ihn am Weiterscrollen. „Was macht dir daran solche Sorgen?“, fragte sie. „Ist doch schön, dass so viele Familien die Verschwundenen nicht abgeschrieben haben, sondern wiedersehen möchten.“ Sie sah ihn erwartungsvoll an. „Die Vorbereitungen laufen ja sogar schon. Vielleicht haben viele von denen bald Kontakt zu ihren Männern oder Vätern. Die Hölle ist doch wirklich kooperativ.“

Erst jetzt wandte Gabriel sich ganz zu Bee um. „Wegen der Hölle mache ich mir auch keine Sorgen“, sagte er leise. „Aber viele dieser Menschen suchen auch nach Engeln.“ Langsam wurde Bee ungeduldig. „Ja, und?“, fragte sie und hob fragend die Hände. „Oben ist das doch sicher viel besser dokumentiert. Und auch der Himmel wird doch Gefangene schnell überprüfen und nach Möglichkeit frei lassen.“ Gabriel seufzte tief und rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her. „Viele der Vermissten sind aber gar nicht interniert“, sagte er, ohne ihr in die Augen zu sehen. „Intime Beziehungen zu Menschen hat man meistens nicht mit Gefängnisstrafen oder Lagerhaft geahndet.“ „Um so besser“, unterbrach ihn Bee, sprach aber nicht weiter, als sie die hängenden Schultern und den unsteten Blick des Engels sah. Gabriel schüttelte den Kopf. Er war kaum zu verstehen, als er schließlich erklärte: „Die übliche Strafe für Fraternisierung war es, das Gedächtnis der überführten Engel zu löschen.“ Dann starrten beide wortlos auf die weiterhin in schneller Folge auf dem Bildschirm auftauchenden Suchmeldungen.

***

Sarah stellte eine Flasche Wasser und einen Becher Kaffee auf Alecs Nachttisch ab und legte einen Streifen Kopfschmerztabletten dazu. Sie rüttelte ihren Mann, bis das Schnarchen abbrach. „Noch zehn Minuten“, brummte er fast unverständlich, sein Gesicht in das Kopfkissen gedrückt. „Die sind um“, erwiderte Sarah und versuchte, ihm die Bettdecke wegzuziehen. Alec hielt sie jedoch so fest an sich gepresst, dass der Versuch scheiterte. „Noch zehn mehr“, forderte er schläfrig. „Auch schon um“, antwortete sie und drohte dann: „Wenn du jetzt nicht aufstehst, komme ich mit einem Eimer kaltem Wasser wieder.“ Alec drehte sich auf die andere Seite. „Das machst du niiiicht“, gähnte er. Dann öffnete er ein Auge und schielte in ihre Richtung. „Oder?“ Seine Frau stöhnte, dann gab sie ihm einen Klaps auf den Hinterkopf und sagte: „Verlass dich nicht drauf!“ Als sie merkte, dass sie dabei lächelte, wandte sie den Kopf ab. „Wer trinken kann, kann auch arbeiten“, sagte sie entschieden. „Los, auf jetzt! Letzter Aufruf für den Passagier an Flugsteig 2.“ Sie rüttelte ihn noch einmal heftig und ignorierte seinen Protest. „Ich habe Muriel angerufen und ihr gesagt, du kommst mittags. Und es ist halb Zwölf.“ Sie nutzte einen Moment der Unachtsamkeit und schnappte Alec die Bettdecke weg. Im Hinausgehen ließ sie sie neben der Zimmertür auf den Boden gleiten.

Aus der Küche hörte sie das Wasser in der Dusche laufen und lächelte zufrieden. Als sich Alec kurz darauf in Arbeitskleidung an den Küchentisch setzte, servierte sie ihm kommentarlos ein Omelett mit Speck, zwei Scheiben Toast und die nächste Tasse Kaffee. Er aß und trank schweigend, dankbar für die Pause, die sie ihm gewährte. Der Schlüssel für den Transporter lag auf dem Tisch, aber als Alec seine Hand danach ausstreckte, schlossen sich gerade Sarahs Finger darum. „Ich glaube nicht, dass du schon wieder fahrtüchtig bist.“ Kampfeslustig funkelte sie ihn an, aber Alec schwieg. Es klang etwas Enttäuschung mit, als sie sagte: „Lass uns fahren. Ich bring dich hin und hol dich auch nachher wieder ab.“ Alec war nicht in der Verfassung zu widersprechen.

Nach etwa der Hälfte der Strecke hatten Kaffee, Frühstück und Schmerztabletten ihre Wirkung so weit entfaltet, dass Alec merkte, wie nervös er war. Er hatte die Zähne so fest zusammengebissen, dass es ihm jetzt schwerfiel, den Kiefer wieder locker zu lassen. Und das Ziehen in der Magengegend hing wahrscheinlich nicht mit dem Omelett zusammen, gestand er sich ein. „Was für einen Eindruck hattest du gestern Abend?“, fragte er. „War Anthony noch wütend?“ Sie schielte vom Fahrersitz zu ihm hinüber. „Ich glaube nicht, dass Anthony überhaupt wütend war“, sagte sie. „Bestimmt war er enttäuscht, wahrscheinlich auch verunsichert und traurig.“ Sie unterbrach sich, weil sie Alec sein schlechtes Gewissen ansah. Er rutschte auf dem Beifahrersitz hin und her und ließ immer wieder das Handschuhfach auf- und zuschnappen. Sarah griff nach seiner Hand und drückte sie. „Es kam mir so vor, als wäre zwischen euch alles wieder beim Alten“, sagte sie aufmunternd. „Das haben wir auch Erziraphael gesagt“, fügte sie noch hinzu.

Sie stieg nicht mit aus, als sie die Buchhandlung erreicht hatten. Stattdessen klopfte sie ihm auf die Schultern und schob ihn mit sanfter Gewalt aus dem Auto. „Nun geh schon, niemand wird dich beißen“, versicherte sie ihm. Sie wartete noch, bis Alec seine Hand auf die Klinke der Ladentür gelegt hatte, dann fuhr sie hupend davon.

Der Schreiner holte noch zweimal tief Luft, setzte ein Lächeln auf und betrat den Laden. Muriel drehte sich zu ihm um, als die Glocke über der Tür läutete, und strahlte ihn an, sobald sie ihn erkannte. „Alec, wie schön! Geht es Ihnen wieder gut? Möchten Sie erstmal einen Kaffee? Setzen Sie sich doch!“

Der Schreiner spürte, wie sich der Knoten in seinem Innern löste und seine Schultern lockerer wurden. Er erwiderte Muriels breites Lächeln. „Das ist sehr lieb, Muriel, aber ich möchte direkt an die Arbeit gehen. Ich habe schließlich einiges aufzuholen.“ Sie hatte zur Antwort genickt und er wandte sich zur Tür. Auf halbem Weg drehte er sich noch einmal um: „Muriel, würden Sie Anthony bitte etwas von mir ausrichten? Falls er rüberkommen möchte, freue ich mich. Sagen Sie ihm das bitte?“

***

Hexe machte den Weg die Wendeltreppe hinunter zu einem halsbrecherischen Unterfangen. Am Tag zuvor war das Haus seit dem Frühstück voller Gäste, Crowley aber die meiste Zeit nicht da gewesen. Und abgesehen von dem kurzen Morgenspaziergang hatte niemand sich wirklich Zeit für die Irische Wolfshündin genommen. Jetzt aber waren der blonde und der rothaarige Engel endlich aufgestanden und Hexe schien fest entschlossen, sie nicht entkommen zu lassen, bevor sie nicht die ihr zustehenden Streicheleinheiten bekommen hatte.

Insbesondere Crowley musste auf jeder Stufe aufpassen, dass sie ihn nicht zu Fall brachte. Sie drängte sich an ihn oder schlüpfte zwischen seinen Beinen hindurch, versuchte ihn anzuspringen oder stellte sich ihm in ihrer ganzen Größe in den Weg. Erziraphael hatte mindestens zweimal einen Sturz verhindert, indem er geistesgegenwärtig einen Arm um Crowley schlang und ihn stabilisierte. Zuletzt hatte er am Fuß der Treppe gewacht, bereit, den Dämon aufzufangen, falls die Hündin ihn doch noch aus dem Gleichgewicht brachte.

Glücklich unten angekommen, ließ Crowley sich auf den Boden sinken und breitete die Arme aus. „Komm her, du Monster, du gibst ja sonst doch keine Ruhe.“ Nur einen Wimpernschlag später hatte er die frenetisch wedelnde Hündin im Arm, die so ungestüm versuchte, ihm Gesicht und Hände zu lecken, dass er kurz darauf umkippte und sie wohl oder übel gewähren ließ. Lachend und fluchend wartete er ab, bis sie sich etwas beruhigt hatte. Dann bekam er ihr Halsband zu fassen und es gelang ihm, sie ein Stück zur Seite zu schieben und sich wieder aufzusetzen. „Ich hab’s ja verstanden, Mädchen“, sagte er, während er sie streichelte. „Du bist zuletzt zu kurz gekommen, ich weiß, ich weiß.“ Es dauerte noch einige Minuten, dann stand sie endlich still und sah ihn erwartungsvoll an. „Hilfe!“, flüsterte er über ihren Kopf hinweg dem Publikum zu.

Muriel und Erziraphael hatten das Schauspiel genossen, jetzt eilten sie zu seiner Rettung: Muriel lockte Hexe mit einer Tüte Leckerli zum Frühstückstisch und Erziraphael hielt ihm eine Hand hin und half ihm vom Fußboden auf. Crowley führte einen kleinen Tanz auf, fast wirkte es, als würde das Parkett ihm die Füße verbrennen. Der Engel beobachtete ihn, die Stirn besorgt in Falten gelegt, während er sich gleichzeitig bemühte, nicht loszulachen. „Geweihter Boden, mein Schatz?“, fragte er und biss sich auf die Lippen. Der Dämon schubste ihn unsanft. „Wo bleibt dein Mitgefühl? Meine Beine sind eingeschlafen!“ Er stakste zum Tisch hinüber und ließ sich auf den erstbesten Stuhl fallen. Muriel reichte ihm ein feuchtes Handtuch, mit dem er seine Hände und sein Gesicht von den Spuren befreite, die Hexes Zärtlichkeitsoffensive hinterlassen hatte. Mürrisch sah er zwischen den beiden Engeln und der Hündin hin und her, die ihn beobachteten, als könnten sie allesamt kein Wässerchen trüben.

„Wenn ihr euren Spaß hattet, kann ein gemobbter Dämon dann endlich einen Kaffee kriegen?“, brummte er. Kurz darauf, als Muriel ihn mit einem großen Becher Kaffee und schon entkernten und herrlich kalten Pflaumen versorgt hatte und die Wolfshündin ihren Kopf auf seine Oberschenkel legte, war er bereits versöhnt und streichelte sie liebevoll hinter den Ohren.

Sobald er sein Frühstück beendet hatte, sah er zu Muriel hinüber. „Wir müssten dringend über die Bücher für morgen sprechen. Mehr als ‚verbotene Bücher‘ hatten wir noch nicht entschieden, oder?“ Sie nickte. „Wie wäre es, ich treffe wieder eine Vorauswahl für dich und du entscheidest heute Abend?“, fragte sie. „Ich soll dir nämlich von Alec sagen, dass er sich über deine Hilfe freuen würde.“

Crowley schob Hexes Kopf von seinem Bein und ruckartig seinen Stuhl zurück. „Das sagst du erst jetzt?“ Er stand auf und machte einige Schritte Richtung Ladentür. Dann blieb er stehen und sah sich zu den beiden Engeln um. Er kam wieder zurück und legte eine Hand an Erziraphaels Wange. „Ist es okay, wenn ich jetzt gehe, Engel?“, fragte er leise. Erziraphael schmiegte sein Gesicht in die warme Hand mit den schlanken Fingern und lächelte. „Natürlich“, sagte er nur. Crowley ging als Nächstes zu Muriel. „Entschuldige“, murmelte er. „Danke für das Angebot. Ich kümmere mich um die Lesetexte, sobald wir drüben Feierabend machen. Versprochen.“ Sie winkte ab. „Weiß ich doch. Nun geh schon.“

Als die Ladentür hinter dem Dämon ins Schloss fiel, sahen die Engel sich an und kicherten. Dann zog Erziraphael einen Teller zu sich heran und griff nach einer Scheibe Toast. „Das heißt dann wohl, ich kann mir Zeit für mein Frühstück nehmen“, seufzte er zufrieden und tauchte einen Löffel in die Orangenmarmelade.