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Neue Sorgen (Freitag)

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Neue Sorgen (Freitag)

Das lebhafte Morgengeschäft war vorbei und im Café war Zeit für eine Verschnaufpause, bevor sie sich für den Ansturm zur Mittagszeit wappnen mussten. Nina hatte sich einen großen Becher Milchkaffee gezapft und stand damit in der geöffneten Eingangstür, um die Strahlen der Herbstsonne zu genießen. Entspannt beobachtete sie die Passanten und kommentierte für Maggie, wenn es etwas Erwähnenswertes zu sehen gab.

Ihre Partnerin hatte sich mit einer Tasse Kräutertee und einigen Keksen an einen der Tische gesetzt und blätterte in der Morgenzeitung, die ein Gast liegengelassen hatte. Sie hatte von hinten begonnen, die Sportberichte, die Werbung und die Todesanzeigen überschlagen und bei den Veranstaltungstipps gestutzt. Ein schneller Blick auf die Titelseite erklärte, warum ihr keine der genannten Locations bekannt vorkam: Sie hatte eine Regionalzeitung in der Hand, und zwar das Blatt, für das Crowleys Freund Ben schrieb. Sie überflog die Klatschseiten, die über eine Erkrankung des Königs spekulierten, Gerüchte über Hygienemängel in einem Szene-Lokal verbreiteten und über vermeintliche Fehltritte und Schicksalsschläge von Prominenten berichteten. Auf der Wissenschaftsseite erkannte sie Bens Bild neben einem der Artikel und las seine Ausführungen über die wissenschaftliche Bedeutung der Bilder, die das James-Webb-Teleskop aus dem All lieferte. Er konzentrierte sich auf verschiedene Nebel und erklärte, dass man auf den Aufnahmen von sogenannten „Sternenfabriken“ tatsächlich Sterne sehen kann, die gerade erst entstehen. Ben schrieb wirklich gut, fand Maggie. So allgemeinverständlich wurde über dieses Thema noch nicht einmal im Fernsehen berichtet.

Sie knabberte einen Keks und beobachtete lächelnd Nina, die ihr Gesicht mit geschlossenen Augen in die Sonne hielt, bevor sie den nächsten Schluck Kaffee nahm. Maggie sah, dass etwas Ninas Aufmerksamkeit erregte und gleich darauf drehte sich ihre Freundin zu ihr herum. „Erziraphael ist gerade im Dirty Donkey verschwunden“, sagte sie und schüttelte verwundert den Kopf. „Ich wusste nicht einmal, dass er dort überhaupt hingeht. Er ist doch gar kein Kneipen-Typ.“ Sie starrte hinaus, als könne die geschlossene Tür des Pubs ihr verraten, was dahinter vor sich ging. „Was will er da am späten Vormittag?“ Schließlich zuckte sie mit den Schultern, nahm den letzten Schluck aus ihrem Becher und sah noch einmal die Wickber Street hinauf und hinunter.

„Maggie!“ Ihre Stimme war deutlich lauter als vorher und Maggie hob sofort den Kopf. „Da kommt schon wieder das Motorrad, das mir schon zweimal aufgefallen ist. Das ist doch kein Zufall.“ Ihre Freundin stand auf und gesellte sich zu Nina. „Stimmt. Aber heute kriegen wir auch mal den Fahrer zu Gesicht.“ Der Oldtimer kam nur wenige Meter vom Eingang des Cafés entfernt zum Stehen. Der bullige Kerl in seiner Lederkluft, der nun abstieg und seine Maschine aufbockte, sah keinesfalls vertrauenerweckend aus. Als er sich umdrehte und ihnen den Rücken zuwandte, stieß Nina scharf die Luft aus. Maggie schauderte. Über der gruseligen Abbildung eines Monsters mit glühenden Augen thronte unübersehbar der Schriftzug „Hells Angels“. Sollte Nina Recht haben mit ihrer Befürchtung, dass die Geschäfte der Wickber Street von Kriminellen ausgekundschaftet wurden? Mussten sie womöglich damit rechnen, über kurz oder lang Opfer von Schutzgelderpressern zu werden?

Unbehaglich zog sie an Ninas Ärmel. „Komm von der Tür weg. Sonst sieht er noch, dass wir ihn beobachten.“ Ihre Freundin rührte sich jedoch nicht vom Fleck. Sie folgte der Gestalt mit den Augen. Nach wenigen Metern blieb der Mann unter der Markise eines Ladens stehen und schien zu prüfen, was er von dort aus sehen konnte. Dann wich er hinter zwei Postkartenständer zurück und wurde von den Schatten verschluckt. Jetzt griff Nina nach Maggies Arm. „Hast du das gesehen?“, fragte sie heiser. „Ich könnte wetten, der beobachtet die Buchhandlung.“ „Sollen wir drüben anrufen und sie warnen?“, fragte Maggie, aber Nina schüttelte den Kopf. „Die drei haben im Moment genug Sorgen. Aber jemanden anrufen werde ich.“ Mit diesen Worten zog sie ihr Handy aus der Hosentasche und rief die Kontakte auf.

Maggie räumte den Tisch ab, an dem sie gesessen hatte, faltete die Zeitung zusammen und nahm sie mit hinter die Kuchentheke. Dann hörte sie zu, wie Nina telefonierte.

***

Auch Muriel war am Telefon. Sie hatte Arwen angerufen, um sich zu erkundigen, wie es ihr und vor allem ihrer Mutter nach den Erlebnissen des vorigen Tages ging. „Mama schwebt durch den Tag wie auf Wolken“, berichtete ihr die Freundin und Muriel sah förmlich vor sich, wie die Sommersprossen auf ihren eigentlich blassen Wangen gerade rosig aufleuchteten. Selbst Arwens Stimme strahlte. „Abgesehen von den Momenten, wo sie vor einem Spiegel stehenbleibt und jammert.“ Sie kicherte leise. „Dann lässt sie kein gutes Haar an sich. ‚Dein Vater sieht noch aus, wie an dem Tag, als er uns verlassen hat!‘, damit geht es jedes Mal los: ‚Aber mir, mir sieht man jeden Tag an, der seitdem vergangen ist. So viele Falten! Sogar graue Haare bekomme ich schon. Bestimmt habe ich auch zugenommen!‘ Immer fällt ihr noch etwas Neues ein.“ Arwen seufzte. „Ihr letzter Satz ist immer: Was wird dein Vater nur sagen?‘“ Die Freundin schwieg.

„Aber deine Mutter sieht doch sehr gut aus. Vor allem, wenn sie lächelt“, warf Muriel ein. „Das sage ich ihr ja auch. Aber ich musste alle Fotos von früher verstecken, weil sie sonst zwanzig Jahre alte Bilder mit ihrem Spiegelbild vergleicht.“ Muriel fühlte mit der Freundin. „Will sie deshalb kein Video als Antwort aufnehmen?“, erkundigte sie sich. „Wahrscheinlich ist das zumindest einer der Gründe“, bestätigte Arwen. „Aber ich kriege sie noch rum. Das habe ich mir fest vorgenommen.“ Sie klang kämpferisch. „Darf ich nachher vorbeikommen?“, fragte sie schließlich. „Ich muss wenigstens mal kurz raus aus diesem Wechselbad der Gefühle.“ Jetzt kicherte Muriel. „Das verstehe ich. Du musst aber nicht extra fragen, das weißt du doch hoffentlich.“

Muriel war in Gedanken noch bei dem Gespräch mit der Freundin, da klingelte das Telefon schon wieder. Erziraphael, der noch immer am Frühstückstisch saß, hob den Kopf und wartete auf Muriels Begrüßung, um zu hören, wer dran war. „Bee!“, sagte sie fröhlich. „Schön, dass du dich meldest!“ Der Buchhändler hatte sich schon wieder seinem letzten Bissen Toast zugewandt, da änderte sich Muriels Stimmlage. Er hörte jetzt eine gewisse Anspannung heraus. „Ja, Erziraphael ist hier. Aber Crowley ist nebenan, mit Alec. Soll ich ihn holen?“ Sie schwieg. „Ja, heute Abend sind wir alle zuhause. Natürlich könnt ihr kommen. Ok, ich sage es den Männern.“ Ihr „bis später“ hatte nichts mehr von der Fröhlichkeit der Begrüßung.

Sie sah vom Telefon auf und direkt in Erziraphaels Gesicht. „Ich kann dir nicht viel sagen“, nahm sie seine Frage vorweg. „Bee hat nur erwähnt, dass Gabriel etwas mit uns besprechen möchte. Und dass er hofft, dass wir alle dabei sind.“ Die beiden Engel sahen sich unbehaglich an. Wie immer war Muriel die erste, deren Pragmatismus wieder die Oberhand gewann. „Dann haben wir heute wohl wieder volles Haus. Kannst du ein paar Einkäufe machen, damit wir sie alle satt kriegen?“, erkundigte sie sich. „Ich habe Crowley versprochen, dass ich die Buch-Auswahl eingrenze, bevor er sich entscheiden muss. Und ich habe so ein Gefühl, als würde uns nachher nicht viel Zeit dafür bleiben.“

***

Maggie hätte Nina gerne über ihr Telefonat ausgefragt, aber die Mittagspause hatte begonnen. Der stete Strom von Gästen, die ihre Lebensgeister mit einem schnellen Imbiss und einem Koffein-Kick erfrischen wollten, ließ den beiden keine Zeit für ein persönliches Gespräch. Das Mittagsgeschäft ging nahtlos in einen lebhaften Nachmittag über und als Maggie endlich eine kurze Pause einlegen konnte, wurde Nina von einem Vertreter mit Beschlag belegt. Maggies Blick fiel auf die Tageszeitung, in der sie am Vormittag geblättert hatte. Sie schlug sie wieder auf und wurde diesmal auf Kenneths Artikelserie aufmerksam. Sie überflog den Bericht über die Verhandlung in der Hölle und das erzielte Ergebnis sowie den dazugehörigen Kommentar, dann las sie das erste Interview. Es dauerte nicht lange, da glänzten ihre Augen, mit der Hand vor dem Mund unterdrückte sie mehr als einmal ein leises Seufzen und sie war so vertieft in die Geschichten der Dämonen, dass sie zusammenschrak, als Nina sie ansprach. „Hast du die Herzschmerz-Rubrik gefunden?“, fragte sie in einem Ton, als würde sie sich nach den Börsenkursen erkundigen. Maggie fuhr auf und hatte für eine gepfefferte Antwort Luft geholt, als sie bemerkte, wie Ninas Mundwinkel sich kräuselten. Sie beschränkte sich deshalb auf ein vorwurfsvolles „Ach, duuu!“ und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der Zeitung zu. Ihr Blick blieb an einer Überschrift hängen. „Identität geklärt – geflügelte Prominente in Soho“ war der Titel über einem kürzeren zweispaltigen Artikel. Maggie überflog den Text und ihr entfuhr ein „Ach, du Scheiße!“ Ihre Freundin lachte. „Ein Schimpfwort aus deinem Mund?“, fragte sie. „Ist heute der jährliche Maggie-lässt-sich-gehen-Tag oder wurde das Datum für den Weltuntergang festgelegt?“ Maggie schüttelte den Kopf, schob ihr die Zeitung hin und tippte mit dem Finger auf die Schlagzeile. Darunter las Nina:

„Nachdem die britische Regierung vor kurzem bestätigt hatte, dass mehrere hochrangige Engel und Dämonen ihren Wohnsitz in London haben, haben sich nun vier von ihnen zu erkennen gegeben.“

Die schwarzen Augenbrauen waren weit hochgezogen, als sie einen schnellen alarmierten Blick mit Maggie wechselte. Dann las sie weiter:

„Wie bereits berichtet, wird eine Buchhandlung in Soho von zwei Engeln und einem Dämon betrieben. Jetzt wurde bekannt, dass ein weiterer Engel und ein zweiter Dämon in unmittelbarer Nähe leben. Bei den Dämonen soll es sich um zwei ehemalige Mitglieder der höllischen Führung handeln: den offiziellen Repräsentanten der Hölle für diesen Teil der Erde und den direkten Vertreter Satans, einen Lord der Hölle. Zwei der Engel hatten nacheinander die Funktion des leitenden Erzengels inne. Die Aussage der Regierung wurde damit bestätigt.“

Nina starrte schweigend auf den Punkt am Ende der Nachricht. Maggie wartete auf eine Reaktion der Freundin, die gefühlt minutenlang schwieg. Als Nina schließlich den Kopf hob, murmelte sie: „Das erklärt dann wohl, warum Gabriel sagte, sie müssten heute sowieso etwas mit Erziraphael und Crowley besprechen.“ Sie schaute sich im Café um, wo nur noch zwei Tische besetzt waren und ihre Aushilfen schon mit dem Aufräumen und Saubermachen begonnen hatten. „Lass uns hier fertig werden. Danach gehen wir in der Buchhandlung vorbei“, sagte Nina. Es gelang ihr, Maggie zuliebe nicht zu besorgt zu klingen. Aber während sie die Kaffeemaschine und die Sahnemaschine putzte, ging ihr immer wieder derselbe Satz durch den Kopf: „Hoffentlich war das keine dumme Idee!“

***

Crowley war einfach losgegangen. Beinahe wäre er aus der Buchhandlung gerannt, ohne sich auch nur von den beiden Engeln zu verabschieden. Warum war er nur immer wieder ein solcher Idiot? Muriel und Erziraphael hatten so viel Geduld mit ihm, nahmen ständig Rücksicht und zeigten Verständnis für seine emotionalen Achterbahnfahrten. Ja, er war ein Wrack. Aber er musste lernen, im Alltag besser zu funktionieren. Im Moment war er nur Ballast. Selbst Erziraphael würde früher oder später…

Crowley hatte die Eingangstür des Nachbarhauses hinter sich geschlossen und stand nun am Fuß der Treppe. Er stand vornübergebeugt, stützte sich mit den Unterarmen an der Wand ab, an der auch seine Stirn lehnte, die Fäuste geballt und die Augen geschlossen. Sein Atem ging stockend. „Nicht schon wieder!“, hörte er eine Stimme in seinem Kopf. „Das ist nur dein Gedankenkarussell“, flüsterte sie. „Steig aus. Du kannst das!“ Er hörte das Knirschen seiner eigenen Zähne. „Atmen“, mahnte die Stimme. „Einatmen, ausatmen“, wiederholte er stumm. Sein Puls begann, sich zu beruhigen. Es war, als würden schwarze Wolken aus seinem Kopf abziehen. Jetzt hörte er Erziraphaels Stimme, die leise sagte: „Komm Liebling, lass uns nach Hause gehen.“ Das war seine neue Realität. Er hatte ein Zuhause. Ein Zuhause, in dem der Engel Platz für ihn und Hexe geschaffen hatte. Einen Ort, an dem er er selbst sein konnte. An dem er ankommen durfte. Er musste endlich auch selbst daran glauben.

Frustriert schüttelte er den Kopf. Warum sabotierte er sich immer wieder selbst? „Weil du ein Dämon bist!“, beantwortete er sich die Frage. „Weil die Welt nicht so eingerichtet ist, sie hat für Dämonen nichts Gutes vorgesehen.“ Crowley öffnete die Augen und schaute die Treppe zum ersten Stock hinauf. „Da wartet Alec“, flüsterte die Stimme in seinem Kopf. Das gab den Ausschlag. Crowley nahm einen tiefen Atemzug und richtete sich auf. „Das ist eine neue Welt“, erinnerte er sich und unerwartet spürte er ein Lächeln auf seinen Lippen. Eine Welt, die auch einen Platz für ihn hatte, wenn er es nicht vermasselte. Er legte eine Hand aufs Geländer und stieg die Treppe hinauf.

Vor der Wohnungstür hielt er nochmal inne. „Alec freut sich auf dich“, musste er sich in Erinnerung rufen. Dann trat er ein.

Der Schreiner schaute von seiner Arbeit auf, als er die schwarze Gestalt im Türrahmen stehen sah. Er lächelte. „Na, ausgeschlafen?“, fragte er mit einem Zwinkern. Crowley spürte, wie die Anspannung von ihm abfiel. Er erwiderte das Lächeln und erkundigte sich: „Wie geht’s dem Kopf?“ „Brummt nur noch leise“, antwortete Alec. „Sarah hat dem Kater Beine gemacht.“ Crowley konnte es sich lebhaft vorstellen. Er klopfte Alec auf die Schulter. „Sarah ist toll. Ich glaube, sie ist gut für dich.“ Die Augen des Schreiners waren leicht geweitet und seine Antwort ließ einen Augenblick auf sich warten. „War er zu weit gegangen?“, fragte Crowley sich sofort. Über so persönliche Dinge hatten sie vor dem Abend in der Kneipe noch nie gesprochen. Er atmete auf, als Alec nach seinem Arm griff und mit einem breiten Lächeln antwortete: „Das ist sie. Das ist sie wirklich.“ Er schien kurz zu zögern, dann fügte er hinzu: „So wie du für Erziraphael. Und er für dich.“ Crowley sah ihn nachdenklich an. Er schluckte. Dann legte er seine Hand über Alecs und nickte.

Alec griff nach dem Schraubendreher, den er bei Crowleys Ankunft aus der Hand gelegt hatte. „Bist du nur zum Schwatzen gekommen oder willst du auch was arbeiten?“, fragte er. Der Dämon grinste. Schnell zog er seine Jacke aus, hängte sie über die Zimmertür und krempelte die Ärmel seines Pullis hoch. „Sag mir einfach, was ich tun soll.“ Den Rest des Nachmittags arbeiteten sie mit der entspannten Selbstverständlichkeit weiter, die sich von Anfang an zwischen ihnen eingestellt hatte. Sie sprachen wenig und lächelten viel. Schließlich klopfte Alec sich die Hose ab und sagte: „Feierabend für heute. Wenn wir weiter so gut vorankommen, werden wir Montag auf dieser Etage fertig.“ Crowley fühlte dabei einen leisen Stich. Aber als er fragte: „Noch einen Kaffee im Laden?“, wusste er, wie die Antwort ausfallen würde.

***

Schon beim Öffnen der Ladentür hörten Alec und Crowley, dass sie nicht mit den beiden Engeln allein sein würden. Der Blick auf den Tisch, um den wieder einmal alle Sitzgelegenheiten zusammengeschoben waren, bestätigte das. Die Gespräche brachen ab und mehrere Personen wandten sich den beiden Männern zu. Für einen Augenblick sah Crowley nur Gesichter: Neben Nina und Maggie saßen Bee und Gabriel. Auch Anna und Arwen waren wieder da. Er nickte den Gästen schweigend zu. Er spürte, dass sein Puls beschleunigte, und suchte Erziraphaels Blick.

Alec lächelte. Sein „Guten Tag“ war an niemand bestimmten gerichtet. Er rieb die Hände aneinander und fügte schnell hinzu: „Lassen Sie sich bitte nicht stören. Ich wusste nicht, …“ Muriel ließ ihn nicht ausreden. „Aber Alec, Sie stören doch nicht!“, rief sie und winkte ihn zu sich. „Trinken Sie wenigstens einen Kaffee mit uns!“ Das Lächeln des Schreiners entspannte sich und er nahm zwischen Muriel und Erziraphael Platz. „Alec, wie schön“, begrüßte ihn der Buchhändler und zeigte in die Runde. „Die meisten hier kennen Sie doch.“ Nach einer kleinen Pause setzte er hinzu: „Erinnern Sie sich von gestern Abend vielleicht auch an Anna?“ Crowley erkannte den spöttischen Unterton und sah das Funkeln in Erziraphaels Augen. Er ahnte, was als Nächstes kam: „Aber dafür war es gestern sicher ein paar Pints zu spät!“ Alec verzog keine Miene. „Ich weiß gar nicht, worauf Sie anspielen“, erwiderte er und nickte Anna höflich zu. „Natürlich erinnere ich mich an Arwens reizende Mutter!“ Er strahlte.

Crowley lachte laut auf. „Richtig so, Alec. Der Engel kann ein Bastard sein. Lassen Sie ihn nicht damit durchkommen.“ Alle stimmten in das Lachen ein, auch Erziraphael. „Schon gut, schon gut“, lenkte er ein. „Aber sind Sie auch Nina und Maggie bereits begegnet?“ Crowley hörte mit einem halben Ohr zu, wie der Engel die Freundinnen vorstellte und Muriel ein paar Sätze über den Schreiner sagte. Dabei hantierte er an der Kaffeemaschine.

Als er sich gleich darauf mit zwei Bechern zu den andern an den Tisch setzte, erkundigte er sich: „Gibt es was zu besprechen oder ist die Versammlung rein zufällig?“ Maggie schien nur auf eine solche Frage gewartet zu haben: „Habt ihr euch wirklich öffentlich geoutet?“, platzte sie heraus. Nina ergänzte im gleichen Augenblick: „Ist das nicht ganz schön gewagt?“ Beide Frauen sahen Crowley erwartungsvoll an, aber der starrte auf den Becher in seiner Hand. Er glaubte, die Blicke aller auf sich zu spüren. Er konzentrierte sich auf seinen Atem. Dieser Frage fühlte er sich gerade nicht gewachsen.

Er schaute wieder auf, als Gabriel das Wort ergriff. Der Engel hatte die Antwort nicht abgewartet, sondern kam unverzüglich auf seine Sorgen zu sprechen. „Habt ihr die Flut von Anfragen nach vermissten Engeln und Dämonen verfolgt?“, fragte er. Bee griff nach seiner Hand und drückte sie. Sie nickte nachdenklich, als Gabriel weitersprach. „Darüber sollten wir unbedingt sprechen.“ „Stimmt“, antwortete Erziraphael und Crowley beobachtete, wie Sorgenfalten das Lächeln des Engels ablösten. „Das war bei uns heute auch schon Thema.“

Anna und Arwen schauten sich unschlüssig an, als die Aufmerksamkeit der Runde sich auf sie richtete.  Schließlich nickte die Mutter, räusperte sich und sah dann auf. „Bei uns ist es viel banaler…“, begann sie, aber Arwen kam ihr zuvor: „Wir wollten heute einfach nicht allein sein!“, brach es aus ihr heraus. Anna sah sie mit großen Augen an. „Ich wollte eigentlich vor allem um Hilfe bei dem Antwort-Video bitten…“ Arwen sprang auf und fiel ihrer Mutter um den Hals. „Ich wusste nicht, dass du dich entschieden hast!“, sagte sie mit Tränen in den Augen. „Ich bin so froh!“ Crowley beobachtete die Szene lächelnd. Er sah Barrys Gesicht vor sich, als der das Video für seine Familie aufgenommen hatte. Hoffentlich würde er bald wieder mit den beiden vereint sein.

Erziraphael wartete, bis Crowleys ihn ansah, bevor er ergänzte: „Wir erwarten auch noch Kenneth.“  An Anna und Arwen gerichtet erklärte er: „Er hofft, euch einige Fragen stellen zu dürfen.“ Die Frauen nickten. „Außerdem will auch er über die vielen Vermisstenmeldungen sprechen. Er hat wohl eine Menge davon selbst entgegengenommen.“ Er schwieg und hörte plötzlich die Standuhr ticken. Ein Becher wurde auf den Tisch gestellt.

Dann räusperte sich Alec. „Bei diesen Themen fühle ich mich jetzt doch fehl am Platz“, begann er und hinderte Erziraphael mit einer kleinen Handbewegung daran, ihn zu unterbrechen. „Das finde ich überhaupt nicht schlimm“, fügte er hinzu. „Außerdem war es gestern schon spät, da freuen sich Sarah und die Mädchen, wenn ich heute pünktlich komme.“ Dieses Argument akzeptierte auch der Buchhändler, dessen Hände in seinem Schoß zur Ruhe kamen. „Ich denke, wir sehen uns morgen früh“, sagte Alec im Aufstehen, nickte allen noch einmal freundlich zu und wandte sich zum Gehen. Crowley begleitete ihn zur Tür. „Plan mich für Montag mit ein“, bat der Dämon und reichte dem Schreiner zum Abschied die Hand. Alec schlug ein. „Verlass dich drauf!“ Sie trennten sich lächelnd.

„Wie können wir euch denn bei eurem Video helfen?“, fragte Muriel gerade Arwen, als Crowley sich wieder setzte. Er und Erziraphael rückten spontan näher heran. Die drei Unsterblichen schwiegen, bis Anna ihre Zweifel und Sorgen geschildert hatte, die Arwen gleich mit konkreten Ideen zu entkräften versuchte. Kurz darauf waren sie so in ihr Gespräch vertieft, dass ihnen nicht auffiel, dass Nina, Maggie, Bee und Gabriel sich an das andere Tischende zurückgezogen hatten.

„Habt ihr ihn noch gesehen?“, fragte Nina den Engel leise. „Ja, er stand noch da. Und er hatte nur Augen für die Buchhandlung“, bestätigte Gabriel. „Aber als wir näherkamen, ist er ganz schnell verschwunden.“ Sie schwiegen. „Das gefällt mir überhaupt nicht!“, sagte Nina schließlich. „Was führt der bloß im Schilde?“ Aus den Augenwinkeln beobachtete sie Crowley und Erziraphael. Ihre Lippen waren schmal. „Ich glaube nicht, dass er eine unmittelbare Gefahr ist“, erwiderte Bee. Ninas Augenbrauen verrieten ihre Skepsis. „Vielleicht ist er nur die Vorhut“, gab sie zu bedenken. Gabriel schüttelte den Kopf. „Ich sehe es eher wie Bee“, sagte er. „Bis jetzt wissen wir nur, dass er den Laden beobachtet hat.“ Der Engel wartete, bis die beiden Frauen ihn anschauten, dann ergänzte er: „Eine Waffe habe ich auch nicht gesehen.“ Maggie fröstelte. An so etwas hatte sie noch gar nicht gedacht! Bee legte ihr einen Arm um die Schulter. „Es stimmt, Maggie. Ich habe extra auf mögliche Waffen geachtet. Da war nichts.“ Gabriel fügte hinzu: „Und den Überraschungseffekt habt ihr ihm vermasselt. Ich denke, wir passen erstmal weiter auf. Wir vier.“ Nina stieß ihre Partnerin aufmunternd an: „Hey, solange er mit dieser röhrenden Höllenmaschine unterwegs ist, können wir ihn doch gar nicht verpassen.“ Das entlockte Maggie endlich ein Lächeln. Sie nickten sich noch einmal zu, dann wandten sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Rest der Gruppe zu. Einer nach dem anderen rückten sie näher heran und beteiligten sich kurz darauf an dem Gespräch über das Video für Barry.