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Menschen, Engel und Dämonen - Teil 2 (immer noch Freitag)

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Menschen, Engel und Dämonen - Teil 2 (immer noch Freitag)

„Woher wisst ihr denn, dass so viele nicht ernst zu nehmen sind?“ Muriel beugte sich vor und wartete mit offenem Mund und hochgezogenen Augenbrauen, dass Kenneth antwortet. Erziraphael beobachtete sie schmunzelnd von der Seite. Ihr nahezu unstillbarer Wissensdurst und ihr lebhaftes Interesse an allem und jedem faszinierten ihn immer wieder. Er mochte sich nicht vorstellen, wie schwer es für Muriel im Himmel gewesen sein musste, wo sie als kleine Schreiberin nur selten anderen Engeln begegnet war und nie etwas Neues erlebt hatte. Oder hatte ihre Neugier auf die Welt erst auf der Erde ihren Anfang genommen, war ihr wacher Geist erst hier geweckt worden? Von Muriel wanderte Erziraphaels Aufmerksamkeit zu Crowley, der mit gerunzelter Stirn Kenneths Erklärungen folgte. Der Engel sah ihm förmlich an, wie viele Fragen auch ihn beschäftigten, aber der Dämon ließ den Journalisten ausreden. Erziraphaels Herz schlug schneller, als Erinnerungen in ihm wach wurden. Sein kritischer Geist, sein Bedürfnis, alles zu hinterfragen, waren Crowley damals zum Verhängnis geworden. Gut, dass Muriel diese Erfahrung nie machen musste, dachte er, als ihre unverwechselbare Stimme wieder in sein Bewusstsein drang.

Erziraphael amüsierte sich über Muriels leuchtende Augen, bevor er sich wieder auf die Gesprächsinhalte konzentrierte. „Was sind denn Cranks?“, fragte sie Kenneth gerade. „Leute, die sich immer wieder und zu den verschiedensten Themen bei uns melden, oft mit fragwürdigen Behauptungen und abstrusen Theorien, auch mit glatten Lügen“, erklärte der Journalist. Muriel sah ihn mit offenem Mund an. „Aber warum macht man denn so etwas?“, fragte sie entrüstet. „Das ist doch völlig nutzlos!“ „Schlimmer“, meldete Crowley sich zu Wort. „Oft genug ist es schädlich. Ihre angeblichen Informationen führen in die Irre und kosten Zeit, binden die Kapazitäten im Fact-Checking.“ Kenneth pfiff leise durch die Zähne: „Beeindruckend“, sagte er. „Du bist schon zu lange mit einer Journalisten-Familie befreundet“, er boxte den Dämon spielerisch gegen den Oberarm. Er ergänzte: „Schlimmstenfalls gehen die wertvollen Hinweise in der Flut von Mitteilungen und ‚Fake-Infos‘ unter.“

Muriel hatte aufmerksam zugehört. Sie stützte ihr Kinn in die rechte Hand, ein Finger lag an der Nasenspitze. „Das heißt also…“, sagte sie langgezogen, „dass ihr schon alles ausgeschlossen habt, was von bekanntermaßen unglaubwürdigen Anrufern stammt, wo Zeit und Ort nicht passen können oder wo die Angaben sich aus anderen Gründen nicht mit den bekannten Fakten vereinbaren lassen.“ Sie sah fragend zu Kenneth. „Soweit richtig?“ Er nickte. „Ein Beispiel: Ich hatte einen Mann an der Strippe, der ganz sicher war, dass Balgran, also Barry, seit einem halben Jahr jeden Morgen mit ihm in die U-Bahn steigt und bei King’s Cross wieder aussteigt.“ Bee und Muriel kicherten.

Neben Erziraphael hatte Crowley begonnen, mit den Füßen zu wippen. Das Wippen wurde schneller. „Dann erzähl doch jetzt mal von den brauchbaren Hinweisen“, forderte er Kenneth auf. „Gab es auch welche direkt zu den interviewten Dämonen?“ „Allerdings!“, bestätigte der Journalist. „Z. B. hat jemand berichtet, dass Barry mehrere Jahre lang in seiner Straße gewohnt haben soll, bevor er von einem auf den anderen Tag spurlos verschwunden sei.“ „Und?“, fragte Muriel. Es klang fast atemlos. „Stimmt das?“ Kenneth nickte. „Yep! Es ist Annas Straße und der Zeitraum passt auch.“ Er grinste: „Ein netter Kerl sei er gewesen und auffallend hilfsbereit“, zitierte er weiter. „Deswegen könne das unmöglich ein Dämon sein.“ Kenneth zwinkerte erst Crowley und dann Bee zu und gab seiner Bemerkung Zeit, ihre Wirkung zu entfalten. „Allerdings haben wir auch zwei angebliche Geliebte, einen Lehrer, der in ihm einen ehemaligen Schüler wiedererkannt zu haben glaubt, und zu guter Letzt natürlich auch Leute, die behaupten, dass er ihnen Geld schuldet.“ Er zeigte mit einer frustrierten Handbewegung auf den Stapel Papier.

„Können wir dir dabei helfen?“, fragte Muriel. „Wir könnten die Meldungen unter uns aufteilen und dann… - ich weiß ja nicht…“ Sie verstummte. Erziraphael verstand sie gut. Auch er würde gerne etwas beitragen… für Kenneth, aber vor allem für die Menschen und die Unsterblichen, die darauf hofften, sich wiederzusehen. Aber Kenneth antwortete: „Das ist lieb gemeint, aber gesichtet und geordnet werden die von unseren Volontären mit Unterstützung einer KI.“ Er seufzte. „Für alles, was mit irdischen Mitteln und menschlichen Erfahrungen geklärt werden kann, haben wir etablierte Prozesse.“ Erziraphael beobachtete den Journalisten mit gerunzelter Stirn. Natürlich, Kenneth war investigative Arbeit gewöhnt. Die Auswertung von Hinweisen war sein täglich Brot, grundlegendes journalistisches Handwerkszeug. Erziraphael spürte Crowleys Hand auf seinem Oberschenkel. Die zusammengepressten Lippen und die steile Falte über der Nasenwurzel passten zu dem fast schmerzhaft festen Druck seiner Finger. Erziraphael versuchte, seinen Hemdkragen zu lockern. Wobei brauchte Kenneth dann ihre Hilfe?

„Nun rück schon raus mit der Sprache!“, sagte unvermittelt Crowley. „Was ist das für ein heißer Brei, um den du da herumredest? Was willst du wissen?“ Er klang wie immer – demonstrativ lässig, mit leicht schnarrendem Tonfall, aber Erziraphael wusste es besser. Er legte seine Hand über die des Dämons und strich mit den Daumen über die weiß hervortretenden Knöchel, bis der schmerzhafte Griff sich löste. Kenneth starrte unter sich, auf die Daumen seiner verschränkten Hände, die er unablässig umeinander kreisen ließ.

„Ich habe da so eine Ahnung…“, sagte Bee. Sie und Gabriel wirkten schon seit ihrem Kommen ungewohnt still und verschlossen, realisierte der Buchhändler jetzt. Bees Rechte war zur Faust geballt, lag aber unbeweglich auf der Tischplatte. „Nicht alle Anrufer suchen schmerzlich vermisste Familienmitglieder, oder?“, fragte die Dämonin bitter. „Lass mich raten: Da war heute alles dabei von Verführung über drohende Vaterschaftsklagen bis hin zu Körperverletzung, Vergewaltigung und Mord, von Eigentumsdelikten und Wirtschaftskriminalität oder der Anstiftung zu Straftaten gar nicht erst zu reden.“ Sie sah Kenneth offen an, das Kinn vorgestreckt. „Du brauchst uns nicht zu schonen“, sagte sie. Erziraphael wandte sich zu Crowley um, der Bee zustimmte: „Wir sind Dämonen, Kenneth. Wir wissen, wie die Hölle gearbeitet hat und welche Aufgaben unsereins auf der Erde üblicherweise hatte.“ Der Engel beobachtete besorgt seinen Partner und registrierte erstaunt, dass er die Sonnenbrille abnahm und den Journalisten nun offen ansah. „Wenn es das ist, weiß ich aber immer noch nicht, wie wir helfen könnten.“

Kenneth nickte, dann schüttelte er den Kopf. Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder, räusperte sich. Er fasste sich an den Kopf. „Nein“, sagte er schließlich gedehnt, „oder ja, aber…“ Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und sprang auf, begann, vor einer Regalreihe hin- und herzulaufen. „Verdammt!“, stieß er hervor und blieb endlich stehen. „Ja, um solche Anrufe geht es. Um erschreckend viele solche Anrufe.“ Er fuhr sich durchs Haar. „Und nein: Ihr könnt mir nicht dabei helfen, die zu verifizieren oder sonstwie zu bearbeiten. Das übergeben wir an die zuständigen Stellen, Jugendämter, Kommunen, Polizei oder Staatsanwaltschaft, je nachdem halt.“ Wieder schwieg er, sein Blick wanderte durch den Raum, ohne irgendwo zu verharren.

Erziraphael hatte Kenneth nicht aus den Augen gelassen, wie wahrscheinlich auch die anderen nicht. Er sah den unsteten Blick, die hochgezogenen Schultern, die unruhigen Finger... „Was also erwartest du dann von uns?“, fragte er so sanft wie möglich. Er spürte Crowley näher heranrücken, seine beruhigende Körperwärme. Dankbar legte der Engel einen Arm um ihm und hauchte einen flüchtigen Kuss auf seine Schläfe. „Ich hatte gehofft, dass ihr…“ Wieder unterbrach sich Kenneth. Die Fortsetzung des Satzes war so leise, dass die Freunde genau hinhören mussten: „Ich hatte auf euren… sagen wir ‚diplomatischen’ Rat gehofft.“ Er klopfte auf den Papierstapel. „Das ist gesellschaftlicher Sprengstoff! – Ist euch klar, wie sich das auf das überweltliche Miteinander auswirken wird, wenn wir darüber berichten?“ Kenneth schnaufte wie nach einem Sprint, während er sich auf den nächstbesten Stuhl fallen ließ.

Die Freunde schwiegen und tauschten Blicke. Crowley nickte Bee zu und sie begann zu sprechen: „Es ehrt dich, dass du dir darüber Sorgen machst und ich bin … wir sind dankbar dafür.“ Sie versicherte sich mit einem Blick zu Crowley, dass er mit dem Gesagten einverstanden war. Er nickte ihr zu. „Aber weißt du, ich sehe da gar nicht so viel Sprengkraft“, fuhr Bee fort. „Nur relativ wenige Dämonen konnten sich auf der Erde frei bewegen. Und noch weniger wurden mit dieser Art von…“, Bee schluckte. Gabriel griff nach ihrer Hand und Crowley versuchte ein Lächeln in ihre Richtung. Bee fasste sich wieder. „Noch weniger wurden mit dieser Art von Aufgaben betraut. Ich rechne fest damit, dass nicht hinter jedem Fall ein anderer Dämon steckt. Das wird sich auf relativ wenige Namen konzentrieren.“ Die Dämonin schaute sich um. Sie spürte ein Prickeln auf ihrer Haut. „Aber…“ Die Aufmerksamkeit wandte sich Muriel zu, die nach diesem einen Wort wieder verstummt war. „Aber“, setzte sie erneut an: „Könnten das nicht auch irgendwelche anderen Dämonen gewesen sein, auch wenn sie nicht damit beauftragt waren?“

Crowley drückte noch einmal sanft Erziraphaels Knie, dann rückte er auf seinem Stuhl nach vorne. „Das ist nicht sehr wahrscheinlich“, sagte er. „Es gab Regeln für sowas. Eigeninitiative und Übereifer waren in der Hölle nicht gern gesehen.“ Er sah zu Bee hinüber, bevor er weitersprach. „Letztlich musste auf der Erde immer das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse gewahrt werden. Nicht genehmigte böse Taten waren ein ernstes Vergehen. Mehr Ärger hättest du nur riskiert, wenn du für einen persönlichen Vorteil gegen die Vorschriften verstoßen hättest.“ Nach einer Pause murmelte er noch: „So verrückt dürfte aber kaum jemand gewesen sein.“

Diesmal griff Erziraphael nach Crowleys Hand. Schuldgefühle und ungebetene Erinnerungen an ein Bad in Weihwasser stritten um seine Aufmerksamkeit. Der Engel zwang seine Gedanken zurück ins Jetzt, zurück in die Buchhandlung. „Das glaube ich euch“, hörte er Kenneth sagen. „Aber das betrifft leider nur einen Teil der Fälle.“

Was sollte das heißen? Er hörte Kenneth wie durch Watte: „Die meisten Anschuldigungen richten sich gegen Engel.“ Jemand keuchte laut auf. Danach dachte und hörte Erziraphael nichts mehr.

***

„Endlich!“, war das erste Wort, das Erziraphael wieder verstand. Er öffnete die Augen – alles war rot. Er ließ die Lider wieder zufallen. „Hey, Engel!“ Das war Crowleys Stimme, direkt an seinem Ohr. „Ich bin hier“, flüsterte sie. Wieder öffnete der Engel die Augen, bewegte vorsichtig seinen Kopf. Rote Haare, seine Wange lag auf Crowleys Schulter. Da war ein Arm um seine Taille. Er räusperte sich und hob langsam den Kopf. Er sah das Gesicht des Dämons und lächelte. Als er sich weiter aufrichtete und sich umschaute, sah er die Freunde und Kenneth. Muriel war sofort bei ihm und umarmte ihn fest. „Erziraphael, jag uns doch nicht einen solchen Schreck ein!“ Nach und nach orientierte er sich im Raum. „Was…“, sagte er, aber die Erinnerung kam schneller zurück, als er die Frage beenden konnte.

„Engel“, murmelte er. Ein kalter Schauder lief ihm über den Rücken und Crowley zog ihn enger an sich. Das konnte doch nicht… Das durfte nicht…! Erziraphael schaute sich um. Er suchte Gabriel. „Gabriel!… Kann das…?“ Gabriels Blick wanderte durch den Raum, bevor er Erziraphael ansah. „Ich fürchte ja.“ – „Warum hat der Himmel…? - Man hätte verhindern müssen…“ Gabriel schüttelte den Kopf. – „Weil der Himmel es befohlen hatte… Vielleicht nicht in allen Fällen, aber…“ Erziraphaels Unterkiefer klappte nach unten. Er starrte den anderen Engel wortlos an. „Wer?“, brachte er schließlich mühsam hervor. Gabriel sah ihm direkt in die Augen, auch wenn seine Lider flatterten. Seine Stimme war heiser. „Ich“, sagte er.

Auf Gabriels Stirn bildeten sich Schweißperlen und er atmete schneller, aber er hielt den Blicken stand. „Es sollte so aussehen, als wären es Untaten der Hölle.“ Er sprach leise, aber deutlich. „Als würden sie sich nicht an das vereinbarte Gleichgewicht halten.“ Ein Muskel über seinem rechten Auge zuckte. Er fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht. Erziraphael hatte sich nicht gerührt seit seiner letzten Frage. Jetzt sagte er: „Das hätte uns das Recht gegeben, die Hölle ohne Vorwarnung anzugreifen. Ein Vergeltungsschlag.“ Nur seine Lippen bewegten sich. „Das war der Plan. Und Gottes Wille“, antwortete Gabriel. Er zögerte. Sein Blick begann zu flattern. „Ich habe nie an Metatrons Worten gezweifelt.“ Bee saß stumm neben ihm und strich ihm liebevoll über den Arm.

„Aber…“, sagte Muriel. „Aber… das kann Gott doch unmöglich gewollt haben! Das wäre doch Betrug gewesen.“ Sie sah von einem zum anderen. „Habe ich nicht recht?“ Ihre Stimme war schrill.

„Ich fürchte, genau das hat Gott gewollt.“ Crowley klang bitter. „Genau wie Satan. Die anderen sollten vernichtet werden. Und dafür war ihnen jeder Vorwand recht.“ Er sah zu Erziraphael. „Ob es den Großen Plan jemals wirklich gab, Engel? War es nicht eher ein Großes Spiel zwischen Gott und Satan? Immer dasselbe Spiel…, seit Hiob…, seit Noah?“ Erziraphael starrte ihn an, öffnete den Mund, um zu antworten, aber kein Ton kam über seine Lippen. Er ließ den Kopf sinken, seine rechte Hand knetete unablässig die linke. Hilflos zuckte er mit den Schultern. Er ließ zu, dass Crowley ihn zu sich heranzog, und lehnte sich an seine Schulter. Der Dämon begann, ihm langsam übers Haar zu streichen. Er senkte den Kopf und murmelte etwas in die blonden Locken, was keiner der Umsitzenden verstehen konnte.

Bee beobachtete die beiden. Dann sah sie auf ihre eigenen, unablässig wippenden Fußspitzen. „Wir waren alle nur Figuren in ihrem Scheiß-Spiel“, murmelte sie.

Muriel zeichnete mit einem Finger Kreise auf die Tischplatte. Crowley streichelte immer noch Erziraphaels Kopf. Der Engel hatte die Augen geschlossen, ballte immer wieder seine Hände zu Fäusten. Gabriel nickte mechanisch. Kenneth tippte stumm Notizen in sein Tablet und schaute immer wieder auf, aber niemand sprach.

Dann stampfte Bee unvermittelt heftig mit beiden Füßen auf. Alle sahen zu ihr. Sie hatte sich aufgerichtet, ihre Füße waren zur Ruhe gekommen und standen nebeneinander fest auf dem Boden. Die Dämonin klatschte energisch mit den Händen auf ihre Oberschenkel. „Aber die beiden sind nicht mehr hier. – Wir schon!“ Sie wandte den Kopf zu Gabriel. „Stimmt“ erwiderte der Engel. „Und deshalb übernehme ich die Verantwortung.“ Bee griff nach seiner Hand: „Wir tun das, Schatz, wir.“

Kenneths Hände schwebten bewegungslos über der Tastatur.