Menschen, Engel und Dämonen - Teil 3 (Immer noch Freitag)
Menschen, Engel und Dämonen - Teil 3 (Immer noch Freitag)
Muriel hatte dem kurzen Gespräch mit offenem Mund und geweiteten Augen gelauscht. „Das kann nicht euer Ernst sein!“ Sie schüttelte heftig den Kopf. „Gott und Satan haben sich mit ihren Vertrauten aus dem Staub gemacht, und ihr wollt jetzt für ihre Fehler geradestehen?“ Sie hatte nach Bees Arm gegriffen und rüttelte sie. Die Dämonin seufzte und legte ihre Hand über die des Engels. „Nein, Muriel, nicht für ihre Fehler. Ich habe die Letzte Schlacht vorbereitet. Ich habe Crowley befohlen, in eine Badewanne voller Weihwasser zu steigen.“ Ihre Stimme war fest, auch wenn ihr Blick zwischen Crowley, Erziraphael und Muriel hin- und her flackerte. Muriel starrte sie stumm an. An ihrem Hals pochte eine Ader. „Und ich konnte es kaum erwarten, Erziraphael im Höllenfeuer sterben zu sehen.“ Gabriels Augen trafen die des Engels. „Ehrlich gesagt“, sagte er leise, „weiß ich nicht, wie ihr unsere Gesellschaft ertragen könnt.“ Er schluckte. „Nach alledem.“
Die Zeiger der alten Standuhr rückten hörbar vor. Das einzige weitere Geräusch in der Buchhandlung war ein leises Klicken: Kenneth hatte wieder begonnen zu tippen.
„ Nach alledem“, sagte Crowley in die Stille hinein, „habt ihr mit uns das Letzte Gericht verhindert.“ Sein Tonfall war sachlich. Er sah Gabriel an: „Ohne dich hätte ich Satan nicht überzeugen können. Ich hätte es gar nicht erst versucht. Und wenn doch, wäre ich nicht heil wieder zurückgekommen.“ Der Engel erwiderte den Blick. Schließlich nickte er. „Das stimmt vermutlich.“
Muriel begann auf ihrem Stuhl herumzurutschen. „Seht Ihr? Ihr habt euch verändert! Keiner von euch würde wieder so entscheiden.“ Sie hatte die Arme auf die Tischplatte gestützt und sich weit vorgebeugt, ließ die anderen Unsterblichen nicht aus den Augen. „Muriel.“ Bee legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter. „Wir haben doch vorhin schon darüber gesprochen.“ Der kleine Engel biss sich auf die Unterlippe, wich Bees Blick aus. Schließlich warf sie sich heftig gegen die Rückenlehne ihres Stuhls. Von hinten fasste jemand sie fest bei den Schultern. Sie drehte sich um und sah in Erziraphaels Gesicht. Sie schluckte. „Du weißt, dass es richtig ist“, stellte er fest. Muriel zog die Schultern hoch und verschränkte störrisch die Arme vor der Brust. Die Hände des blonden Engels strichen in ruhigen Bewegungen über ihre Schultern, bis ihre Arme sich voneinander lösten und die Schultern sich senkten. „Ja, weiß ich“, flüsterte sie. Ihre Augen schimmerten. „Es muss mir aber nicht gefallen!“
Erziraphael ging zurück und setzte sich wieder neben Crowley. Ihre Knie berührten sich. „Ihr werdet den Himmel informieren?“, fragte der Dämon ruhig. „Das müssen wir.“ Ein Nicken. „Bee?“ Die Dämonin antwortete ohne Zögern. „Furfur sollte es von uns erfahren.“ Wieder nickte der Dämon. „Dann ist für heute alles besprochen?“
Kenneth schaute von seiner Tastatur auf. Sie hatten noch nicht wieder über die Leseranrufe gesprochen. Konnte er die Unsterblichen damit noch behelligen? Crowley klang erschöpft, oder? Gabriel nahm ihm die Entscheidung ab: „Leider nicht.“ Vier Augenpaare richteten sich auf den Engel. Nur Bee regte sich nicht. Gabriel strich sich mit beiden Händen übers Haar. „Du hast gesagt, viele Anrufe galten auch Engeln?“ Er sah Kenneth an. „Ja, genau.“ Gabriel reagierte nicht. Erst, als Bee ihn sanft in die Rippen stieß, atmete er hörbar ein und wieder aus und sagte: „Dann müssen wir mit dem Himmel noch über etwas Anderes sprechen.“ In knappen Worten berichtete er den Freunden, was Bee bereits wusste.
Crowley hatte nach Erziraphaels Hand gegriffen, sobald er verstanden hatte, worauf Gabriels Erklärung hinauslief. Als der Engel es ebenfalls begriff, gruben sich seine Fingernägel in den Handrücken des Dämons. Crowley gab keinen Laut von sich. Muriel war auf ihrem Stuhl in sich zusammengesunken und hatte ihre Hände fest ineinander verschränkt. Kenneth tippte, so schnell er konnte.
Als Gabriel endete, atmete er tief durch. „Wie viele?“ Erziraphael sah bei seiner Frage nicht auf. Muriel dagegen richtete ihren Blick direkt auf Gabriels Lippen. „Ich weiß es nicht. Leider.“ Seine Finger trommelten auf dem Tisch, bis Bee ihre Hand darüberlegte. „Wenn du nur nach denen fragst, an die sich heute noch ein Mensch erinnern könnte, …“ Gabriel holte hörbar Luft. „Allein das sind sicher mehr als hundert. Aber über die Jahrtausende…“ Muriel ließ sich gegen die Rückenlehne sinken. Erziraphael schloss die Augen. Crowley strich mit dem Daumen sanft über den Handrücken des Engels. Sie schwiegen.
Kenneth klappte heftig sein Tablet zu und räusperte sich. Nur Gabriel wandte ihm daraufhin den Kopf zu. „Frag“, sagte er, mehr nicht. Kenneth überlegt nicht, sondern platzte sofort mit der ersten Frage heraus: „Warum eine so extreme Strafe?“ Niemand antwortete und er fügte hinzu: „Für etwas so Menschliches…, Harmloses?“ Ein ersticktes Lachen. Kenneth sah fragend zu Crowley, von dem es kam. Die Lippen des Dämons waren kaum mehr als ein Strich. „Ganz falsche Frage, Kenneth“, sagte er bitter. „Doppelt falsch, wenn du so willst.“
„Inwiefern?“ Der Journalist schaute Crowley an, aber es war Gabriel, der ihm antwortete. „Harmlose Vergehen kannte der Himmel nicht.“ Sein Tonfall war vollkommen neutral. Nur seine unregelmäßig auf der Tischplatte trommelnden Finger passten nicht dazu. „Unsere menschlichen Körper waren eine Notlösung. Engel hatten über den primitiven Emotionen der Menschen zu stehen und erst recht über körperlichen Genüssen.“ Kenneth schüttelte den Kopf, ließ Gabriel aber weiterreden. „Liebe und Sexualität waren nicht nur verboten und verwerflich, sie galten auch als…“ Sein Mund bewegte sich, aber die Wörter, die er formte, blieben unausgesprochen. „Ausgesprochen unappetitlich?“, schlug Erziraphael vor. Crowley grunzte. „Widerwärtig?“, bot Bee an. Kenneth winkte ab: „Schon klar. – Und die Strafe?“ Erwartungsvoll sah er von einem zum anderen. „War gang und gäbe“, warf Crowley ein. „Wurde für alles Mögliche verhängt.“ Gabriel hatte Crowley beobachtet und unterbrach ihn: „So war es. Verrat natürlich, es reichten aber auch Ungehorsam, Zweifel an der Unfehlbarkeit Gottes oder eben Fraternisierung mit Menschen oder – noch schlimmer – mit dem Feind.“
Muriel hatte den Kopf geschüttelt, seit der ehemalige Erzengel das Wort ergriffen hatte. In Gabriels Pause hinein fragte sie: „Das ist doch … einfach falsch… Hat sich denn nie jemand gewehrt?“ Sie sah abwechselnd die beiden anderen Engel an. „Erziraphael!“ Er zuckte zusammen, als sie ihn direkt ansprach, senkte aber den Kopf. Crowley atmete scharf ein, als die Hand des Engels sich wieder tief in seine krallte. Auf seiner Stirn bildeten sich Schweißperlen. „Manche haben es versucht, Muriel.“ Bee hatte die Unterarme auf ihren Oberschenkeln abgestützt und sah zu dem Engel auf. „Was denkst du? Mit welchem Ergebnis?“ Sie legte den Kopf schräg und wartete, aber Muriel sah sie nur aus großen Augen an. Bee wandte sich zu Gabriel um. Der Engel seufzte, dann straffte er die Schultern und nickte. „Ich war leitender Erzengel, als sie planten, mein Gedächtnis zu löschen.“ Er sprach leise, aber sehr artikuliert. „Was glaubst du wohl, Muriel, was sie mit niederrangigen Engeln gemacht hätten?“ Er sah sie unverwandt an. „Widerspruch war Verrat. Schon die falschen Fragen waren Verrat.“ Crowley schnaubte und Muriel drehte sich ruckartig zu ihm um. Der Dämon wich ihrem Blick aus. Sein Gesicht war bleich und er murmelte etwas, das sie nicht verstand. „Die Löschung?“, fragte sie mit zitternder Stimme. „Mindestens!“ Gabriel nickte. „Und sehr wahrscheinlich auch der Fall.“
„Moment!“ Kenneth hatte eine Hand gehoben. Gabriel nickte ihm zu und er fragte: „Hast du gerade gesagt‚ und der Fall‘? Beides?“ Der Journalist runzelte die Stirn. „Das übliche Gesamtpaket.“ Crowleys Einwurf war kaum zu verstehen, sein Gesicht ausdruckslos. Bee stieß Gabriel an und er sagte: „Das war der Normalfall, ja.“ Er zuckte mit den Schultern. „Niemand sollte Informationen über den Himmel mit nach unten nehmen“, fügte er hinzu. Kenneth starrte den Engel an. Er holte Luft und sah zu Crowley hinüber, schloss aber seinen Mund wieder, ohne etwas zu sagen. Vor ihm auf dem Tisch lag noch immer der Stapel mit Ausdrucken. Er nahm das oberste Blatt, schaute es flüchtig an und legte es zur Seite. Dann nahm er das nächste, warf einen kurzen Blick darauf, legte es weg. Er griff nach dem dritten, ohne hinzusehen, zögerte – und ließ die Hand mit dem Blatt auf den Tisch sinken.
„Ich kann die kritischen Themen einen Tag zurückhalten“, sagte er zu niemand bestimmtem. „Wenn ich aus dem Rest genug Stoff für Herz-Schmerz-Stories zusammenkriege, vielleicht auch zwei. Ich versuche es auf jeden Fall.“ Der Journalist seufzte. „Danach muss ich liefern, länger lässt sich der Chefredakteur keinesfalls hinhalten und es wissen zu viele Leute davon.“ Ernst sah er Gabriel und Bee an. „Bis dahin sollten Oben und Unten ihre Strategien fertig haben, wissen, wie sie mit dem Ganzen umgehen wollen.“ Er hielt immer noch das einzelne Blatt in der Hand. Er sah es verwundert an, dann legte er es mit den beiden anderen zurück auf den Stapel und schob den ganzen Haufen in seine Tasche. „Ich fahre in die Redaktion. Es ist besser, ich bin dort, falls die Sache aus dem Ruder läuft.“ Er stand auf und gab zuerst Gabriel und Bee die Hand. Er hielt sie auch Muriel hin, aber der Engel sprang auf und umarmte ihn stürmisch. Auch Erziraphael und Crowley erhoben sich, als Kenneth zu ihnen kam. „Ihr wisst, dass das einen handfesten Skandal geben kann?“ Er warf ihnen ein trauriges Lächeln zu. Wie würden die Engel und Dämonen, an die er noch vor wenigen Wochen nicht hatte glauben wollen, diesmal damit fertig werden? Kenneth schob den Gedanken beiseite. Er würde sie beschützen, wenn er irgendwie konnte. Er richtete sich auf und klopfte beiden Männern zum Abschied auf die Schultern. „Viel Erfolg. Wir sehen uns.“
Die Zurückgebliebenen schauten ihm nach und schwiegen. Gabriel nahm Bee in den Arm, Crowley und Erziraphael setzten sich mit ineinander verschränkten Händen wieder an den Tisch und Muriel stellte Kenneths Geschirr zusammen. Sie schob es in die Tischmitte, wo es an eine Wasserflasche stieß. Das Geräusch ließ die Paare aufblicken. „Und jetzt?“, fragte Muriel.
Erziraphael löste sich langsam von Crowley, drückte noch einmal seine Hände. „Wir sollten jetzt Berechiel informieren“, sagte er dann zu Gabriel. Der nickte. Bee stand auf und zog ihr Telefon aus der Tasche. „Dann rufe ich besser auch Furfur gleich an.“ Sie sah fragend zu Crowley, aber der winkte ab. „Mach du nur. Ich misch mich da nicht mehr ein.“ Sie zog sich in eine Ecke der Buchhandlung zurück. Crowley wandte sich stattdessen zu Muriel um. „Wir müssen noch über die Bücher für morgen reden. Willst du mir erst etwas zu deiner Auswahl erzählen oder soll ich einfach anfangen?“ Sie reagierte nicht sofort, sah den beiden Engeln und Bee nach. Er stand vor ihr, beugte sich zu ihr herunter und berührte sie sanft am Kinn. Sie wandte ihm den Kopf zu. „Sie erzählen es uns nachher“, sagte er. Sie sah zu ihm auf, dann stand sie ebenfalls auf. „Lass uns erst drüber reden. Komm!“ Sie winkte ihn mit sich in den vorderen Bereich des Ladens, wo ein kleiner Bücherstapel auf der Verkaufstheke bereit lag. Crowley sah sich noch einmal nach Erziraphael um, suchte in seinem Gesicht aber vergeblich nach einem Hinweis darauf, wie das Telefonat verlief. Achselzuckend folgte er Muriel nach vorn.
***
Crowley saß auf dem kleinen Sofa, das sein bevorzugter Leseplatz war. Vor ihm auf dem Tisch die von Muriel vorgeschlagenen Bücher, einige von den Blankokarten für seine Empfehlungen, Stifte und die kleinen Klebefähnchen, die ihm als Lesezeichen dienten. Hexe saß neben ihm, ihren Kopf auf seinem Bein. Er kraulte sie abwesend, sein Blick ruhte auf den sechs Buchrücken in dem kleinen Stapel.
Muriel hatte ihm erklärt, nach welchen Kriterien sie die Bücher ausgesucht hatte: Jedes war aus einem anderen Grund irgendwo auf der Welt verboten oder war es gewesen. „Harry Potter“ wegen der Zauberei, „Alice im Wunderland“, weil Tiere darin sprechen können und sich wie Menschen benehmen, und „Der kleine Prinz“ vermutlich, weil er Autoritäten in Frage stellt. Bei „Emil und die Detektive“ ging es um die Haltung des Autors. Als Crowley erzählte, dass er Erich Kästner bei einer Bücherverbrennung der Nazis begegnet war, bei der auch dessen eigene Bücher auf dem Scheiterhaufen brannten, wollte Muriel natürlich mehr erfahren. Er hatte bereitwillig berichtet, hatte vor allem von Kästner erzählt, der ihn sehr beeindruckt hatte. Sein Pazifismus, seine beißende Sozialkritik, die enge Verbindung mit seiner Mutter und daneben seine humoristischen Texte und die fröhlichen Kinderbücher, die trotzdem fest im realen Leben verwurzelt waren… - Er staunte selbst darüber, an wie viele Fakten er sich noch erinnerte.
Die Bücher Nummer fünf und sechs waren deutlich neueren Datums. „Zwei Papas für Tango“ und „George“ bzw. „Melissa“ waren nirgendwo wirklich verboten, soweit Crowley wusste. Allerdings war er sich fast sicher, dass das in einigen Ländern nur eine Frage der Zeit war. Deshalb hatte er keine Einwände gegen Muriels Auswahl erhoben. Sie hatten darüber gesprochen, was Menschen dazu brachte, Bücher zu verbieten oder sogar zu verbrennen. Das hatte sie zwar nicht aufgeheitert, aber immerhin abgelenkt.
Dann hatte Crowley seine Siebensachen zusammengesucht und sich auf dem Sofa eingerichtet. Muriel hatte ihn allein gelassen und begonnen, den Tisch abzudecken.
Jetzt hörte er sie mit Geschirr klappern und in der Küche hantieren und lächelte. Gut, dass sie sich beschäftigte! Gabriel und Erziraphael saßen wieder am Tisch, telefonierten aber immer noch. Crowley forschte in ihren Gesichtszügen nach Antworten. Beide wirkten ernst, aber nicht aufgeregt. Selbst Erziraphael schien unerwartet gefasst, ein Anblick, der Crowley mehr beruhigte, als die leicht überheblich wirkende Gelassenheit Gabriels es gekonnt hätte.
Crowley zwang seine Augen zurück zu den Kinderbüchern und begann mit der Arbeit. Er wollte die Kinder nicht enttäuschen, auch wenn er nicht sicher war, wie viele am nächsten Morgen überhaupt kommen würden.
Er griff nach dem obersten Buch, dem über George, der eigentlich Melissa war, und blätterte ziellos darin herum. Es war eines der Bücher, die Muriel immer vorrätig hatte. Sie empfahl es gerne Eltern, die – wie sie es nannte – einen „Augenöffner“ brauchten. Meist lehnten sie zunächst ab. „Das ist doch kein Thema für Kinder“, war eine der hilflosen Begründungen, die sie oft hörte. Dann antwortete Muriel mit dem ihr eigenen entwaffnend strahlenden Lächeln: „Lesen Sie es doch einfach zuerst selbst und überzeugen Sie sich davon, dass es nicht schaden wird.“ Crowley grinste bei der Vorstellung. Aber er dachte auch an die Vorwürfe der Pädophilie und die Lawine des Hasses, die nur deshalb über sie hereingebrochen war, weil er und Erziraphael als Paar zusammenlebten. Die Enthüllung, dass er ein Dämon war, hatte ausgereicht, um ihm und Hexe die Schulbesuche zu verbieten. Er schluckte. Manche von den Kindern vermisste er wirklich. Und sie alle hatten so von Hexe profitiert!
Er schob das Buch beiseite, auch wenn er sich nicht wohl dabei fühlte. Es war feige, sagte er sich, aber er hatte nicht die Kraft, noch ein weiteres Fadenkreuz auf seine Stirn zu pinseln. Wer würde schon danach fragen, ob weitere Behauptungen der Realität entsprachen? Und wer konnte sagen, welche Folgen es für den Engel, ihn und ihre Freunde haben konnte? Nein, dieses Buch musste warten!
Crowley nahm das zweite Buch vom Stapel, das über Tango und seine Väter. Er lächelte, als er die fröhliche kleine Pinguinfamilie auf dem Cover betrachtete. Aber auch dieses Buch, das nur harmlose Alltagsszenen zeigte, wurde in bestimmten christlichen Kreisen kontrovers diskutiert, weil es angeblich gegen die „gottgegebene natürliche Ordnung“ verstieß. Dabei war Crowley sich absolut sicher, dass Gott sich nicht im Geringsten dafür interessierte, welcher Mensch welchen anderen liebt. Schließlich interessierte ihn auch sonst nicht viel an den Menschen.
Wie „Melissa“ war auch „Tango“ aus mehreren Schul- und Gemeindebüchereien bereits verbannt worden. Er schnaubte unwillkürlich. Manchmal verstand er die Menschen auch nach all diesen Jahrtausenden noch nicht. Er schüttelte den Gedanken ab. Es war nicht der Zeitpunkt für kultur-anthropologische Betrachtungen. Dieses Buch war gesetzt. Er kannte es gut genug, dass die Entscheidung für Textstellen zum Vorlesen ihm leichtfiel. Schnell markierten rote Fähnchen die Stellen und er legte das Buch zurück.
Der Harry Potter-Band starrte ihn an. Er liebte die Geschichte seit ihrem Erscheinen und hatte immer gefunden, dass eine Welt, in der Menschen und Zauberer friedlich nebeneinander existierten, viel Ähnlichkeit mit der Realität hatte. Welcher Mensch hatte noch vor wenigen Tagen geahnt, dass Engel und Dämonen mitten unter ihnen lebten? Aber er war nicht bereit, für ein Buch zu werben, dessen Autorin so verbissen gegen die Anerkennung von Trans-Rechten agitierte. Er legte das Buch zu „Melissa“, auch wenn er ein leises Bedauern spürte – fast so, als würde ihm etwas weggenommen. Dann fiel ihm jedoch ein weiteres seiner Lieblingsbücher ein: Auch in „Krabat“ ging es um Zauberei. Die düstere Mühle als Kulisse und die Verwandlung der Müllersburschen und Zauberlehrlinge in Raben hatten ihn von Anfang an fasziniert. Der Sieg der Liebe über das Böse war in der aktuellen Situation eine geeignete Botschaft, fand er. Er holte das deutsche Original aus seiner Flohmarktkiste, suchte zwei Stellen heraus und packte es zu „Tango“.
Ein weiteres Buch sollte reichen. Er betrachtete die verbliebenen Titel. Mit „Krabat“ hatte er bereits ein deutsches Buch ausgewählt, noch dazu eines, das wahrscheinlich viele der Kinder (und ihre Eltern) bei der Lesung nicht kannten. Deshalb schob er den „Emil“ beiseite. Kleiner Prinz oder Alice?
Crowley seufzte. Plötzlich fühlte er sich unfassbar müde. War er seit Erziraphaels Rückkehr auf die Erde auch nur einen einzigen Tag lang zur Ruhe gekommen, ohne dass etwas Neues, Aufregendes oder Beunruhigendes passiert war? Er sehnte sich nach seinem Bett, ihrem Bett und nach der beruhigenden Präsenz seines Engels neben ihm. Er schaute verstohlen zum Tisch hinüber und sah, dass die beiden Engel ihr Telefonat offenbar beendet hatten. Bee konnte er von seinem Platz aus nicht sehen.
Ein Buch noch. Nur noch ein Buch! Ohne weiteres Nachdenken griff er nach dem Klassiker, den jedes der Kinder kennen würde. Bestimmt würden sie bei Alice mitfiebern. Und der Grund für das Verbot in China unter Mao war so abwegig, dass es selbst die jüngeren der Zuhörer verstehen würden. Sprachen Tiere nicht in ungezählten Kinderbüchern und Animationsfilmen? Entschlossen klappte er das Buch auf, lächelte wie immer über die Zeichnungen vom weißen Kaninchen und der Grinsekatze, blätterte kurz zum Hutmacher weiter, ermahnte sich aber zur Konzentration. Die Auswahl fiel ihm nicht schwer: Wenn Alice wegen sprechender Tiere verboten gewesen war, dann würde er natürlich morgen diese Tiere zu Wort kommen lassen. Es dauerte nur wenige Minuten, da blitzten auch zwischen den Seiten von „Alice“ kleine Klebestreifen, und er legte sie mit einem tiefen Seufzer auf den Stapel mit Tango und Krabat. Alle anderen Bücher und Utensilien schob er auf der anderen Seite des Couchtischs zusammen. Bevor er aufstand, rollte er mit den verspannten Schultern, reckte und streckte sich. Hoffentlich war dieser Tag bald vorbei!
Er gähnte, atmete noch einmal tief durch. Aber vor dem Schlafengehen wollte er erfahren, was Bee und die Engel bei ihren früheren Zentralen erreicht hatten. Er sah hinüber: Die Freunde saßen alle wieder um den Tisch, zwei geöffnete Flaschen Rotwein zwischen sich, eine davon schon fast leer. Sie schienen sich angeregt zu unterhalten, wirkten aber auch jetzt nicht alarmiert. Erleichtert stand Crowley auf und strich seine Jacke glatt. Mit einem Glas Rotwein würde er die Zeit überstehen, bis er endlich die Wendeltreppe zum Schlafzimmer hinaufsteigen könnte.