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(Immer noch) Tag 5, Mittwoch

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(Immer noch) Tag 5, Mittwoch

Sie waren seit einer halben Stunde unterwegs. Crowley hatte beim Einsteigen gesagt: „Anschnallen und festhalten!“, und das hatte er ernst gemeint. Nach der dritten Kreuzung warf Erziraphael einen besorgten Blick nach hinten, aber Muriel sah gutgelaunt aus dem Fenster und strahlte vor Aufregung. Hexe hatte ihren Kopf auf Muriels Schoß gelegt und war schon an der zweiten Ampel eingeschlafen gewesen. Aber sie war Crowleys Fahrstil auch gewohnt, was auf Erziraphael nicht zutraf. Offenbar war er allzu lange nicht mehr Passagier im Bentley gewesen, jedenfalls war ihm flau im Magen. „Du bist so still, Engel.“ Erziraphael griff nach Crowleys Hand und hielt sie so fest, als könnte er dadurch verhindern, dass der Bentley vom Asphalt abhob. Ein Blick zur Beifahrerseite genügte und das Auto wurde deutlich langsamer. „Entschuldige, Engel“, murmelte Crowley. Da Erziraphael seine Hände nun nicht mehr zum Festhalten brauchte, legte er seine Rechte auf Crowleys Oberschenkel. Dort ließ er sie liegen, bis der Bentley auf einem Parkplatz zum Stehen kam. Crowley hatte immer wieder verstohlen nach unten gespäht, hatte gelegentlich seine Linke darauf gelegt, vorsichtig, als könne er sie versehentlich verscheuchen, um sich zu vergewissern, dass es keine Illusion war. Er war sich sicher, dass er die Hand des Engels noch den ganzen Nachmittag auf seinem Schenkel fühlen würde. Als das Motorgeräusch verstummt war, musste er sich zwingen, die restliche Welt wieder zur Kenntnis zu nehmen. „Raus mit euch! Wir sind da. Muriel, nimmst du Hexe bitte an die Leine? Hier kennt sie sich nicht aus.“ Als alle auf dem Parkplatz standen, hielt Muriel die Spannung nicht mehr aus. „Wo sind wir denn hier?“ Crowley lächelte nur geheimnisvoll, aber Erziraphael gab ihr einen Tipp. „Du müsstest es eigentlich riechen.“ Sie verstand nicht gleich, aber dann hielt sie die Nase in den Wind: „Die Luft riecht salzig. Was wird denn hier…“ Sie brachte die Frage nicht zu Ende. „Oh! Wir sind doch nicht etwa ...? Crowley, du hast uns doch nicht etwa …?“ Auch dieser Satz blieb unvollendet. Muriel war so aufgeregt, dass sie nicht still stehen konnte. „Falls du wissen willst, ob wir am Meer sind, ist die Antwort ja.“ Muriel geriet völlig aus dem Häuschen. Sie hüpfte auf der Stelle, dann fiel sie erst Crowley, dann Erziraphael um den Hals. „Ich fasse es nicht! Ich fasse es nicht! Ich war noch nie am Meer!“ Crowley wies in die Richtung, in der der Strand lag. „Na, geh schon! Und nimm Hexe mit. Wir holen euch gleich ein.“ Er drehte sich zu Erziraphael um, zog ihm den Schal zurecht und strich ihm durchs Haar. „Ist verdammt lange her, dass wir zusammen an einem Strand waren, oder?“ Er schloss den Engel in seine Arme und sie küssten sich.

„Deinen Bart von damals vermisse ich nicht.“

Crowley lächelte. „Du hättest aber viel mehr zu kämmen gehabt. Kaum zu glauben, dass ich dich damals erst zum Essen verführen musste.“

„Dafür musst du heute mit meinem Bauch und den Speckröllchen leben.“

„Nichts lieber als das, Engel.“ Langsam machten sie sich auf den Weg zum Strand. Schon von weitem sahen sie Muriel mit Hexe im nassen Sand toben. Crowley versuchte, die Wasserlinie zu erkennen. „Ich glaube, wir haben Glück. Die Flut dürfte nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen. Was wird Muriel dann erst sagen?“ Sie sagte an diesem Nachmittag ungewöhnlich wenig. Stattdessen stand sie immer wieder bewegungslos am Ufer und sah ehrfürchtig der Flut entgegen. Wenn sie gerade nicht mit offenem Mund und kindlichem Staunen das Meer bewunderte, tollte sie mit Hexe über den Strand, lief mit dem Wasser um die Wette und stapfte mit hochgekrempelten Hosenbeinen am Spülsaum entlang. Als die aufgesammelten Muscheln und Treibholzstückchen nicht mehr alle Platz in ihrer Hand fanden, hielt Crowley ihr wortlos eine Tüte hin, die er aus der Jackentasche gezogen hatte. Auch die Tüte füllte sich schnell. Die beiden Männer hatten ebenfalls ihre Schuhe ausgezogen und wanderten barfuß und Hand in Hand an der Wasserkante entlang. Die meiste Zeit schwiegen sie. Einmal fragte Crowley: „Denkst du, Anathemas Vorfahrin hatte auch das vorhergesehen?“ „Die alte Agnes Nutter? Möglich. Andererseits betraf die Mehrzahl ihrer Voraussagen ja die eigene Familie. Und ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass der zweite Band mit dem zweiten verhinderten Weltuntergang endete.“ „Gut, mir gefällt sowieso die Vorstellung besser, dass wir unsere Zukunft selbst gestalten können.“

Der Dämon bückte sich nach einem Stück Treibholz und pfiff nach Hexe. Die ließ Muriel einfach stehen und kam den Strand entlang gesaust, wobei sie einen Wasserschleier hinter sich herzog. Crowley warf das Holzstück in einem weiten Bogen ins Wasser und Hexe stürzte hinterher. Bis Muriel außer Atem und mit roten Wangen zu ihnen aufgeschlossen hatte, war die Hündin mit dem Stock schon zurück. „Warum machst du das?“ Neugierig sah Muriel zu, wie Crowley Hexe mit einem Stück Hundekeks belohnte. „Nun sag bloß, unser bücherverschlingender Engel weiß nicht, was Apportieren ist?“ Sie boxte dem Dämon spielerisch in den Bauch. „Mach dich nicht lustig über mich!“ Crowley drückte ihr das Stöckchen in die Hand. „Ganz einfaches Prinzip: Du wirfst es weg, Hexe holt es zurück und lässt es sich von dir abnehmen. Dafür belohnst du sie. Und wieder von vorn. Du kannst ihr kaum eine größere Freude machen. Die meisten Hunde lieben es.“ Er drehte sich zu Erziraphael um: „Sag mir, dass du das schon gemacht hast!“ Der Engel lächelte entschuldigend. „Wie du selbst gesagt hast: Keiner von uns hatte jemals ein Haustier.“ Crowley sah ihn ungläubig an, dann ging er neben Hexe in die Hocke und flüsterte ihr ins Ohr: „Du hast es mit lauter Anfängern zu tun. Sei geduldig mit ihnen, Mädchen!“ Er ließ sich das Holz von Muriel noch einmal zurückgeben und hielt es stattdessen Erziraphael hin. „Wenn ich dir das Sorgerecht nicht wieder aberkennen soll, musst du das können. Also los!“ Der Engel griff nicht gleich zu. Einen Moment lang fragte er sich, ob das mit seiner Würde vereinbar sei. „Jetzt hör aber auf!“, schalt er sich im Stillen. „Was kümmert dich deine Würde? Lebe das Leben!“ Entschlossen nahm er das Holz an sich und warf es so weit hinaus, wie er konnte. Das war nicht besonders weit, aber Hexe holte es deswegen nicht mit weniger Eifer zurück. Mit leuchtenden Augen nahm der Engel es ihr ab und belohnte sie mit dem Leckerchen, das Crowley ihm zugesteckt hatte. „Nochmal?“ Jetzt wirkte auch er wie ein Kind, das ganz in sein Spiel vertieft war. Crowley nickte und beobachtete Erziraphaels zweiten und dritten Versuch mit einem breiten Lächeln. Muriel hängte sich bei ihm ein. „So gelöst ist er selten, oder?“ Sie sah ihn forschend an. „Du übrigens auch.“ Er griff nach ihrer Hand an seinem Arm und drückte sie kurz und fest. „Es ist gut, dass ich euch habe“, sagte er, ohne sie dabei anzusehen. „Das finde ich allerdings auch!“ Sie drückte noch einmal seinen Arm, lächelte noch einmal zu ihm hinauf und rief dann Erziraphael zu: „Jetzt bin ich aber auch mal dran!“ Er überließ ihr das Holzstück und ging zu Crowley zurück. Der nahm seine beiden Hände und hielt ihn mit ausgestreckten Armen ein bisschen auf Abstand. Er beobachtete den Engel von oben bis unten und stellte fest: „So gefällst du mir schon viel besser als vorhin zuhause.“ Als Erziraphael sich daraufhin an seine Brust kuschelte, nahm er ihn fest in die Arme und pustete zärtlich auf die kurzen Härchen in seinem Nacken. „Du wirst das schaffen, Engel“, wisperte er ihm ins Ohr.

***

„Wir sollten umdrehen“, Crowley war Muriel und Hexe ein Stück entgegengegangen. „Es wird bald dunkel. Außerdem habt ihr doch sicher Hunger.“ Damit hatte er recht, stellte Muriel erstaunt fest. „Mach sie auf dem Rückweg ruhig noch müde, umso pflegeleichter ist sie nachher im Auto.“ Das ließen sich weder Muriel noch Hexe zweimal sagen, schon stoben sie in einer Wolke aus Wassertropfen davon. Crowley drehte sich zu Erziraphael um, der nachgekommen war, und nahm seinen Arm. „Auf der Promenade ist ein Fischrestaurant. Das soll gut sein. Wollen wir dort zu Abend essen?“ – „Das klingt verlockend. Sehr gern.“

Auf dem Weg zurück sprachen die Männer kein Wort. Sie beobachteten mit leichten Herzen Muriel und Hexe, die nach und nach langsamer wurden, so dass sie sie bald eingeholt hatten. Muriel lächelte so selig, dass sie nicht fragen mussten, ob sie ihren ersten Nachmittag am Meer genossen hatte. Sie hängte sich bei Crowley ein. „Ein Engel auf jeder Seite, wenn du da nicht gut behütet bist!“ Sie fanden das Restaurant auf Anhieb. Es wirkte schon von außen einladend und war auch innen warm und gemütlich. An mehreren Tischen saßen Paare oder Familien, aber sie bekamen trotzdem noch einen schönen Tisch am Fenster. Die anderen Gäste hatten kurz aufgesehen, als sie hereinkamen, hatten zur Begrüßung wortlos genickt, die einen höflich, die anderen freundlich, um sich dann wieder ihrem Essen zu widmen. Auf einer großen schwarzen Tafel war mit Kreide die Tageskarte notiert. „Austern!“ Erziraphaels Augen leuchteten. „Ich habe seit einer Ewigkeit keine Austern mehr gegessen!“ Muriel entschied sich für Backfisch, während Crowley lediglich ein Glas Wein und eine Flasche Wasser bestellte. Er bat um Wasser für Hexe, das ihnen der freundliche Kellner gleich darauf an den Tisch brachte. Vor Crowley stellte er einen Teller mit Hundekuchen und verschiedenen Hunde-Snacks ab. „Ich hoffe, es ist etwas dabei, was sie mag. Geht aufs Haus.“ Hexe trank die Schüssel fast leer, aber schon nach den ersten Happen, die Crowley für sie ausgesucht hatte, rollte sie sich zu seinen Füßen ein und war innerhalb von Sekunden eingeschlafen. Muriel schien in Gedanken versunken zu sein, vielleicht war sie auch einfach nur müde. Unvermittelt hob sie den Kopf. „Ich nehme zurück, was ich heute Morgen gesagt habe, Erziraphael. Es lag nicht an dir. Es lag an mir. Es gibt Momente, in denen ich immer noch nicht ganz glauben kann, dass andere Engel es gut mit mir meinen. Das heute früh war einer davon.“ Er antwortete nicht, fasste nur kurz nach ihrer Hand, die auf dem Tischtuch lag, und schenkte ihr ein Lächeln. Crowley fragte nicht, wovon die beiden gesprochen hatten. Was auch immer morgens geschehen sein mochte, jetzt war zwischen ihnen offensichtlich alles gut. Mehr musste er nicht wissen. Muriel aber gluckste, als müsse sie sich das Lachen verkneifen. „Wir haben ihm noch gar nicht von unserem Frühstück erzählt, Erziraphael! Oh, das muss ich dir erzählen, Crowley: Der ehrwürdige Erzengel hat geruht, für mich Frühstück zu machen!“ Ihr Kichern war ansteckend, von den anderen Tischen schauten Gäste interessiert oder amüsiert zu ihnen hinüber, aber niemand schien sich gestört zu fühlen. Erziraphael hob die Hand, als wolle er sich zu Wort melden. „Bevor unsere liebe Muriel das Geschehen gleich für dich in allen Farben ausschmücken und mich ohne jeden Zweifel schlecht aussehen lassen wird, beantrage ich, als Augen- und Ohrenzeuge gehört zu werden.“ Die beiden anderen sahen ihn erwartungsvoll an. „Die Kurzfassung ist: Muriel nahm an, ich würde sie auf die Straße setzen, weil ich ihr ein Spiegelei braten wollte.“ Es gelang ihm nicht, dabei so todernst zu bleiben, wie er gewollt hatte. Kaum hatte Muriel erwartet farbenfroh zu erzählen begonnen, war es um seine Fassung ganz geschehen. Auch der Kellner, der ihre Speisen vor ihnen abstellte, konnte seine Mundwinkel nur mit Mühe unter Kontrolle halten. Die überbordende Fröhlichkeit der drei Gäste schien auf ihre Umgebung abzustrahlen. Mit einem Lächeln auf den Lippen ging er von Tisch zu Tisch und nahm Getränkebestellungen auf. Selten zuvor waren alle Gäste ihm so freundlich und sympathisch vorgekommen.

An dem Tisch, von dem die gute Atmosphäre ausging, fassten sich die drei Gäste gerade bei den Händen und wünschten sich guten Appetit. Aus nachvollziehbaren Gründen sprachen sie kein Tischgebet. Muriel starrte gebannt auf die große silberne Platte, auf der die Austern auf einem Berg aus Eis sorgfältig angerichtet waren. Dann wandte sie sich ihrem eigenen Abendessen zu, schloss kurz die Augen und schnupperte aufmerksam. „Wie das duftet!“ Während sie mit gutem Appetit zu essen begann und ihr Teller sich zügig leerte, dachte Crowley an ihre allererste Begegnung zurück. Das schien in einem anderen Leben gewesen zu sein. Nein, korrigierte er sich: Das war in einem anderen Leben, in einer anderen Welt. „Warum guckst du mich so an? Grins nicht so!“ Muriel fuchtelte mit ihrer Gabel vor seiner Nase herum. „Oh, ich genieße nur die Erinnerung an eine menschliche Polizistin, die ihre erste Tasse Tee in der Hand hält.“ „Ich wusste es! Du machst dich lustig über mich!“ Ihr Zorn war ebenso gespielt, wie es damals die Polizistin gewesen war. Aber heute war sie ungleich überzeugender. Crowley lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und sah von Muriel zu Erziraphael und wieder zurück. Ein Wort formte sich in seinem Gehirn. Oder in seinem Herzen? Er schaute unter den Tisch zu der schlafenden Wolfshündin, sah seinem geliebten Engel dabei zu, wie er die nächste Auster aus ihrer Schale schlürfte, und ließ seinen Blick kurz auf Muriel ruhen, die gerade einen Schluck Wein trank. Das Wort leuchtete vor seinen Augen, es wärmte sein Herz und schob die anderen Erinnerungen ein Stück in die Schatten zurück, aus denen sie immer wieder hervorkriechen wollten. Das Wort schimmerte warm und golden, als es seinen endgültigen Platz in seinem Herzen einnahm. Das Wort war „Familie“.

***

Er spürte eine Hand auf seiner. „Crowley?“ Erziraphael sah ihn besorgt an. „Alles tickety-boo, Engel“, flüsterte er. Noch ein forschender Blick, dann ein offenbar beruhigtes Nicken. „Die Austern sind köstlich! Willst du nicht eine kosten?“ Crowley hatte schon zu seinem üblichen Kopfschütteln angesetzt, als der leichte Geruch der Auster, die der Engel ihm hinhielt, in seine Nase stieg. Er roch das Meer, die Mineralien, den Hauch Zitrone, den Erziraphael darüber geträufelt hatte. Er spürte die Kälte, die von ihr aufstieg. Der Engel nickte ihm ermutigend zu und er hatte Recht. Was unterschied die Auster schon von einem Schluck Milch oder einem Löffel Eis? Zaghaft nahm er sie ihm aus der Hand. Ihre Finger berührten sich kurz. Er spürte Erziraphaels Blick, der ihm folgte, als er die Schale an den Mund hob, den Kopf leicht in den Nacken und seine Lippen an die Auster legte, als er sie ausschlürfte, den Geschmack nach Meer und Zitrone auf seiner Zunge genoss und sie dann vorsichtig schluckte. Kein Schmerz, kein zusätzlicher jedenfalls, nur Geschmack und Kühle. Erst als er die Augen wieder öffnete, bemerkte er, dass er sie überhaupt geschlossen hatte. Er leckte sich noch einmal über die Lippen.  Obwohl er gespürt hatte, dass die Augen des Engels die ganze Zeit auf ihm geruht hatten, sah er erst jetzt, was in seinem Blick lag. Crowley nickte auffordernd auf die Platte mit den restlichen Austern hinunter. Erziraphael nahm eine in die Hand und führte sie zum Mund. Crowley konnte nicht wegsehen. Er sollte auch nicht wegsehen, das war mehr als eindeutig. Erziraphaels Lippen berührten die Schale, diese weichen Lippen, deren Geschmack er inzwischen kannte, von denen er wusste, wie sie sich auf seinem Mund, auf seiner Haut anfühlten. Zwischen ihnen sah er die Zunge hervorkommen, sie leckte am Fleisch der Auster, schob es in der Schale zurecht, dann hörte er das leise Schlürfen, sah die Auster in den leicht geöffneten Mund gleiten, sah sie auf der Zunge liegen, die sie mit in die Dunkelheit der Mundhöhle nahm. Er sah den Genuss auf den Zügen des Engels. Und er sah, dass die blauen Augen auf ihn gerichtet waren und die Wirkung dieser kleinen Vorstellung auf den einzigen Zuschauer kontrollierten. Nun hielt der Engel wieder ihm eine Auster hin. Er streckte die Hand danach aus, griff aber nicht nach der narbigen Schale, sondern nach der Hand, die sie hielt. Er führte sie zu seinem Mund, berührte sie mit seinen Lippen, bevor er die Lippen um die Austernschale schloss. Er ließ den Engel nicht aus den Augen und sah genau, welche Wirkung er auf ihn hatte. Wie gerne würde er dieses Spiel mit ihm spielen! Wenn auch nicht unbedingt in einem gut besuchten Restaurant. Aus dem Augenwinkel sah er sich nach Muriel und den anderen Gästen um. Niemand schien ihnen die geringste Aufmerksamkeit zu schenken. Er sah das kleine Lächeln um Erziraphaels Mundwinkel, das ihm erklärte, warum das so war. Er zog die Hand mit der Muschel noch etwas näher heran, schob die Fingerspitzen mit der Schale in seinen Mund, schloss die Lippen darum und schlürfte das Muschelfleisch heraus. Er genoss den Geschmack und das Gefühl auf seiner Zunge, schluckte es hinunter, solange es noch kühl war, hielt aber die Finger noch kurz in seinem Mund fest, saugte zärtlich daran und hauchte auf jeden einen Kuss, nachdem er sie schließlich freigegeben hatte. Dann lächelte er Erziraphael bedauernd an. Er wusste, er würde den Einsatz nicht zahlen können, und deshalb stieg er aus dem Spiel aus. Er sah die Sehnsucht in Erziraphaels Augen und sie tat ihm weh, aber er konnte nicht anders. Schließlich nickte der Engel ihm kaum merklich zu. Sein Lächeln war ungetrübt und liebevoll, als er ihm die Platte mit den Austern hinschob. „Nimm bitte noch, es wäre ein Jammer, welche übrig zu lassen.“ Muriel schaute staunend zu, wie schnell der Berg der leeren Schalen wuchs. „Die scheinen lecker gewesen zu sein.“ „Köstlich!“, bestätigten die Männer wie aus einem Mund. Als alle Teller leer waren, plauderten sie noch eine Weile über Alltägliches, aber bald kämpfte Muriel mit der Müdigkeit.  Sie leerten ihre Gläser und ließen sich die Rechnung bringen. Auf dem Heimweg schaute Crowley immer wieder liebevoll in den Rückspiegel, in dem er Muriel und Hexe friedlich schlafen sah, und auf den Beifahrersitz, von wo ihn sein Engel unverwandt ansah.

Vor der Buchhandlung angekommen, weckte Crowley Muriel und Hexe. „Muriel, wenn du nicht willst, dass ich dich in dein Bett trage, musst du jetzt aufwachen.“ Sie öffnete verschlafen die Augen und ließ sich aus dem Fonds helfen. Am Fuß der Treppe umarmte sie Crowley. „Danke für diesen wunderschönen Ausflug“, flüsterte sie. „Das vergesse ich dir nie. Dir natürlich auch nicht, Nicht-mehr-Erzengel.“ Sie sah von einem zum anderen. „Ihr seid so ein wunderbares Paar! Und ich habe euch wirklich sehr lieb!“ Müde, aber glücklich stieg sie die Stufen zu ihrem Schlafzimmer hinauf, drehte sich in der Tür nochmal nach ihnen um und winkte, dann waren sie allein. Sie folgten Muriel die Treppe hinauf. Als sie sich nebeneinander ausgestreckt hatten, streichelte Crowley die Hand, die der Engel auf seiner Brust abgelegt hatte. „Machst du mir ab jetzt die Rolle des Versuchers streitig, Engel?“ Der fuhr ihm mit den Fingern über die Lippen. „Keineswegs. Du hättest sehen müssen, was ich gesehen habe, als du die erste Auster gegessen hast. Da kann der standhafteste Engel nicht widerstehen.“ Nach einer Pause setzt er hinzu: „Auch wenn ich sicherlich nicht der standhafteste Engel bin. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist, mitten in diesem Restaurant. Ich sollte mich schämen! Ein Engel, der versucht, sich auf offener Bühne verführen zu lassen!“ Er streichelte weiter Crowleys Lippen, seine Wangenbögen, seine Brauen. „Du führst mich ständig in Versuchung, Crowley. Ich beginne aber zu verstehen, dass du das gar nicht absichtlich tust. Einfach alles an dir ist eine Versuchung für mich.“ In seinem Blick lag so viel Liebe, dass Crowley glaubte, sein Glück nicht aushalten zu können. „Kannst du mich festhalten, bis ich eingeschlafen bin?“ Erziraphael ließ ihn den Kopf auf seinen ausgestreckten Arm betten und zog seine Decke über sie beide. Seine Hand ruhte auf Crowleys Hüfte. „Schlaf gut, Crowley. Ich liebe dich. Jeden Tag mehr.“ Der Dämon wollte noch möglichst lange seine Berührung spüren und in seine Augen sehen, aber die Erschöpfung ließ ihn nach wenigen Minuten einschlafen. Der Engel aber sah seinem geliebten Dämon noch lange beim Schlafen zu. Wie hatte er morgens nur zweifeln können am Erfolg der Revolte? Allein, dass Crowley ohne Angst in seinen Armen schlafen konnte, war jede Mühe und jede Gefahr wert gewesen.