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Engel und Dämonen (immer noch Freitag)

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Engel und Dämonen (immer noch Freitag)

Erziraphael reichte ihm ein gefülltes Glas, kaum dass er saß. Crowley nickte dankbar und kippte es in zwei Zügen hinunter. Bestimmt war der Rote viel zu schade dafür, aber heute hätte er nicht einmal den Unterschied zu einem Billigwein aus dem Fünf-Liter-Karton geschmeckt. Wortlos hielt er das Glas dem Engel zum Nachfüllen hin. Er versuchte gar nicht erst, seine Unruhe zu verbergen. „Was habt ihr erfahren?“, fragte er mit einem Blick in die Runde. Sie alle sahen müde aus, stellte er dabei fest. Genau so müde, wie er sich fühlte. Bee war noch blasser als gewöhnlich, ihr Augen-Make-Up verwischt und sie hatte tiefe Schatten unter den Augen. Gabriel wirkte noch am unberührtesten, aber die in verschiedene Richtungen abstehenden Haare verrieten, wie oft er sie sich beim Telefonat gerauft haben musste. Muriels so gut wie unerschütterliches Strahlen schien… gedimmt. Besorgt suchte Crowley auch Erziraphael nach Anzeichen von Erschöpfung und Sorge ab, aber er wirkte jetzt deutlich gefasster als direkt nach Kenneths Enthüllungen. Seine sonst rosigen Apfelbäckchen ließen zwar den üblichen Glanz vermissen, davon abgesehen wirkte er jedoch konzentriert und wach. „Entschlossen“, dachte er und war sich nicht sicher, ob ihm das Sorgen machen sollte. Der Engel lächelte ihn an, aber das war keine Garantie. Crowley studierte die Lachfältchen um Mund und Augen. Schließlich entschied er, sich erst zu sorgen, wenn Erziraphael ihm einen Grund gab. Er spürte die Wirkung des Alkohols und fand die Energie, das Lächeln zu erwidern.

„Nun…“ In Crowleys Rücken räusperte sich Gabriel. „Wir haben mit Berechiel und seinem Stab gesprochen“, begann er seinen Bericht. „Jesus ist etwas später dazugestoßen, er ist …“, Gabriel senkte den Kopf. „Er ist sehr… betroffen“, beendete er den Satz. Crowley nickte. Er hatte nichts Anderes erwartet. „Aber die Ereignisse treffen den Himmel nicht ganz unvorbereitet“, fuhr der ehemalige Leitende Erzengel fort. „Nach den Berichten über Barry und seine beiden Mitgefangenen haben sie mit einer Reaktion gerechnet und verschiedene Szenarien durchgespielt.“ Das hatte Crowley nicht erwartet. „Woher wussten sie denn…“ Er wandte sich mitten im Satz zu Erziraphael um, als der gerade begann, hektisch an seiner Fliege zu zupfen. „Aha.“

Mehr musste der Dämon nicht wissen. Er grinste, wurde aber sofort wieder ernst, als Gabriel fortfuhr: „Der Himmel hat bereits begonnen, alte Gerichtsakten zu prüfen.“ Crowley pfiff leise durch die Zähne. „Gericht?“, fragte er ungläubig. „Was – um alles in der Welt – nennt der Himmel ein Gericht?“ „Auch ein Standgericht ist ein Gericht“, presste der Engel zwischen den Zähnen hervor. Der Dämon widersprach nicht. Mit einer Handbewegung bat er Gabriel fortzufahren. „Eine Mammutaufgabe, wie ihr euch vorstellen könnt.“ Die Freunde nickten. „Jedes noch so willkürliche Urteil sicher akribisch und ausführlich dokumentiert?“, spöttelte Crowley. Der Engel beschränkte sich auf ein gequältes Nicken. „Mist!“, durchfuhr es den Dämon. Unter den meisten dieser Schnellurteile würde zweifellos Gabriels Siegel zu finden sein. Er war ein Idiot, in dieser Wunde zu stochern. „Sorry“, murmelte er. Der Engel seufzte. „Du hast ja leider recht.“

„Es gibt noch eine wirklich gute Nachricht“, warf Erziraphael in diesem Moment ein. Er strahlte und Crowley ahnte, dass er die Begeisterung etwas übertrieb, um Gabriel einen Moment der Ruhe zu geben. Crowley verwünschte seine eigene lose Zunge und überhörte dabei fast den nächsten Satz. „Sariel? Moment…, was?“ Ruckartig hob er den Kopf. „Sariel ist damit beauftragt, alle Fälle der letzten zweihundert Jahre zu prüfen, die direkt mit der Erde und den Menschen in Zusammenhang stehen“, wiederholte Gabriel. „Er hat einen ganzen Verwaltungsstab, der ihn dabei unterstützt.“ „Das ist gut, oder?“, fragte nun Muriel, die bis dahin nur zugehört hatte. „Ja, Liebes, das ist es“, bestätigte Erziraphael. „Sie werden außerdem auch alle Geheimdienstakten prüfen. Jesus hat sehr klar gemacht, dass er über jeden einzelnen vertragswidrigen Befehl und jede überzogene Strafe persönlich informiert werden will.“

„Da hat er sich `ne Menge vorgenommen“, murmelte Crowley vor sich hin. „Das weiß er, Liebling.“ Erziraphael hatte seine Hand ergriffen und sah ihn ernst an. Der Druck seiner Finger verstärkte sich. Der Dämon schluckte. Natürlich wusste er das. Und natürlich würde der Gottessohn nicht ruhen, bis alles aufgearbeitet war. Crowley spürte seine Mundwinkel nach oben wandern und ein warmes Gefühl machte sich in seiner Brust breit. Es war eine neue Welt, rief er sich in Erinnerung. Der Himmel hatte endlich eine Führung, der es um Gerechtigkeit geht. Der Gedanke war fremd, aber er war wunderbar. Crowley verschränkte seine Finger mit denen seines Engels. „Ich weiß“, sagte er lächelnd.

Erziraphael sah ihn aufmerksam an, dann erwiderte er das Lächeln und drückte erleichtert seine Hand. „Er lässt dich bitten, den Kontakt zwischen Sariel und Codimor herzustellen.“ Die blauen Augen suchten Crowleys goldene. Der Engel wartete, bis seine Pupillen sich weiteten. Wartete, bis er verstand. Sein Lächeln wurde breiter, der Druck seiner Hand fester. „Die Zeit ist reif, Crowley. Endlich ist die Zeit reif.“

***

„Und wie geht es nun weiter?“

Crowley merkte, wie still es in der Buchhandlung gewesen war, weil seine Stimme sich unangemessen laut anhörte. „Was genau soll ich Codimor denn sagen?“, setzte er etwas leiser hinzu. Er fühlte sich noch immer wie erschlagen, aber die Neuigkeiten schienen irgendwelche Reserven aktiviert zu haben. „Die Wahrheit.“ Fragend sah der Dämon zu Gabriel, erhielt aber keine weitere Antwort. Deshalb wandte er sich wieder Erziraphael zu. „Geht’s auch etwas genauer?“ Er wartete ab, den Kopf schief gelegt, als müsse er besonders aufmerksam hinhören. Gerade begannen seine Finger wieder, auf seinem Oberschenkel zu trommeln, als der Engel antwortete. „Er wird inzwischen von Furfur erfahren haben, was Bee ihm berichtet hat.“ Erziraphael beobachtete stirnrunzelnd Crowleys tanzende Finger, dann legte er seine Hand darüber und brachte sie sanft zur Ruhe. „Der Himmel wird noch heute Nacht versuchen, Furfur zu kontaktieren. Sie werden ein Treffen auf neutralem Boden anbieten, um ihn und seinen Stab umfassend zu informieren.“ Der Engel spürte, wie Crowleys Hand in seiner unruhig wurde und unterbrach sich. „Und wo soll dieser neutrale Ort sein?“, fragte der Dämon. „Hier.“ Erziraphaels andere Hand fuhr in einem großen Bogen durch die Luft.

„In der Buchhandlung?“ Er schüttelte ungläubig den Kopf. „Eine überweltliche Krisenkonferenz an deinem Esstisch?“ Crowley sah Erziraphaels Mundwinkel zucken. „An unserem Esstisch, Liebling. Sei nicht so sarkastisch. – Aber, wenn du eine andere Idee hast…“ Crowley öffnete den Mund, verzichtete dann aber auf eine schlagfertige Antwort. Er musste sich konzentrieren! Unwirsch wedelte er mit der Hand, als wolle er Fliegen verscheuchen. „Und ich soll Codimor zu diesem Treffen einladen?“ Seine hochgezogenen Augenbrauen wirkten wie Fragezeichen. „Nein, die Einladung selbst läuft über die offiziellen Kanäle. Aber Jesus hat vorgeschlagen, dass Sariel und Codimor die Konferenz gemeinsam vorbereiten und leiten.“ Crowleys Mund stand offen. Schließlich brachte er mühsam „Wow!“ über die Lippen. Kurz darauf gelang ihm die halbwegs verständliche Frage: „Und warum ich?“ Erziraphaels Lächeln erschien ihm gerade so undurchschaubar wie das einer Sphinx. Er biss die Zähne zusammen. Wofür, bitte, brauchte der Himmel ihn? Die Antwort des Engels unterbrach sein stummes Hadern: „Weil du Codimor vertraust und er dir, … und weil ihr euch gegenseitig schätzt.“ Crowley sah ihn skeptisch an. „Und das weiß Jesus…, weil…?“ Erziraphaels Lachfältchen kräuselten sich und Crowley wusste genug. „Vergiss, dass ich gefragt habe!“ Musste der Engel unbedingt mit Jesus über ihn sprechen? Hatte man ihn nicht schon oft genug auf dem Schachbrett der Welten herumgeschoben?

„Entschuldige, Liebling!“ Der Engel strich ihm liebevoll über den Arm. „Wenn es nicht Jesus wäre, hätte ich zuerst mit dir gesprochen.  Aber du weißt doch wohl inzwischen, wie sehr er deinem Urteil vertraut.“ Crowley errötete. Hatte er überreagiert? „Ngk“, brummte er. „Und wenn schon.“ Er klang schon halb versöhnt und Erziraphael versuchte, sich das Lächeln zu verkneifen. Bereitwillig erklärte er: „Uns allen ist doch klar, wie viel bei dieser Konferenz schief gehen kann. Und da hatte Jesus die Idee, die Verhandlung von der diplomatischen Ebene auf die praktische zu holen.“ Aufmerksam beobachtete er Crowleys Reaktion, aber der hörte konzentriert zu und machte keine Anstalten, ihn zu unterbrechen. „Wir wissen schon, dass Sariel und Codimor Experten sind und dass ‚Recht‘ für sie immer auch ‚Gerechtigkeit‘ meint. Aber die beiden sind sich noch nie begegnet.“ Er hielt die Hand des Dämons noch immer in seiner und registrierte zufrieden, dass sie dort entspannt lag. Und tatsächlich: Crowley nickte nachdenklich. Das war keine schlechte Überlegung, fand er. Nachvollziehbar. Erziraphael drückte seine Hand sanft. „Ist es nicht besser, sie wissen, auf was sie sich einlassen? Auf wen sie sich einlassen? Wenn es um so viel Verantwortung geht?“ Crowley ließ die Frage auf sich wirken. Doch, das klang gerecht. Hui, das war ein großes Wort! Er schüttelte den Kopf über seine Selbstgespräche. „Ich soll sie also wirklich nur miteinander bekannt machen?“ Die Andeutung eines Nickens genügte ihm: „Ok, das kann ich übernehmen. Und wenn er einverstanden ist, meldet Sariel sich bei ihm?“ Crowley hatte das Smartphone schon in der Hand. „Genau!“ Der Engel wollte sich diskret zurückziehen, aber Crowley hielt ihn am Handgelenk fest. „Keine Geheimnisse, Engel. Außerdem brauch ich dich vielleicht für Nachfragen.“

„Aber Bee hat noch gar nicht von dem Gespräch mit Furfur erzählt“, wandte Muriel ein. „Wollt ihr gar nicht wissen, wie das gelaufen ist?“ Sofort schlug sie sich die Hand vor den Mund, als alle sich zu ihr umdrehten. „Bitte entschuldigt. Ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht habe! Mich in so etwas Wichtiges einzumischen.“ Sie ließ den Kopf hängen, wobei ihre Wangen feuerrot aufleuchteten. Erziraphael lehnte sich zu ihr hinüber und legte ihr einen Arm um die Schultern. „Lass bitte die Selbstvorwürfe, Liebes“, sagte er und beugte den Kopf, um ihr von unten in die Augen sehen zu können. „Gut, dass du daran gedacht hast. Natürlich ist das vorher noch wichtig!“ Er lächelte sie an, als sie unsicher aufblickte, und nickte ihr aufmunternd zu. Sie sah, dass auch Bee und Crowley lächelten, nur Gabriel wirkte genervt. War sie doch zu weit gegangen? Aber der Engel polterte los, bevor sie sich weitere Sorgen machen konnte: „Das will ich doch wohl meinen! Könntest du das Geheimnis jetzt bitte lüften, Bee?“ Crowley warf den Kopf in den Nacken und lachte schallend los. Innerhalb von Sekunden stimmten Erziraphael, Bee und Muriel ein. Es war befreiend! Nur Gabriel hatte die Arme vor dem Körper verschränkt und wartete mit gerunzelter Stirn, bis sie sich beruhigt hatten. „Nun?“, fragte er. Beinahe hätte er damit die nächste Lachsalve ausgelöst. Aber er fing Bees Lächeln auf und lockerte die Schultern. „Ich bin wirklich neugierig“, schob er fast schon kleinmütig nach. Daraufhin fing Bee an zu berichten.