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Telefonate und ihre Folgen (immer noch Freitag)

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Telefonate und ihre Folgen (immer noch Freitag)

Was willst du, Beelzebub?

Furfur! Bist du es wirklich? Willst du nicht wortlos auflegen, oder mich wenigstens anschreien und beschimpfen?

Du hast noch genau einen Versuch!

Ok, ok, hab’s begriffen. Es gibt hier neue Entwicklungen, von denen du wissen solltest.

Gibt es auf der Erde nicht immer neue Entwicklungen? Ist nicht mein Problem!

Das hier könnte aber zu deinem Problem werden, du Sturkopf. Die Interviews sind erschienen, die der Journalist im Fünften Kreis geführt hat.

Ja, und? Codimor hat doch schon eingewilligt, Nachrichten an diese Dämonen weiterzuleiten, auch ihre Antworten an die Menschen. Er prüft sogar schon Möglichkeiten für eine direkte Kommunikation zwischen Gefangenen und ihren Familien.

Und du lässt ihn machen? Mensch, Furfur, ich bin schwer beeindruckt!

Hör bloß auf oder ich überlege es mir noch anders! War es das?

Leider nicht. Ich rufe nicht wegen der interviewten Dämonen an.

Sondern? Komm zur Sache, Beelzebub!

Die Veröffentlichung hat eine Welle von Anfragen ausgelöst. Nicht nur Familienmitglieder, die ihre Liebsten suchen. Auch 'ne Menge Vorwürfe und Beschwerden wegen echten oder vermeintlichen Verstößen durch Dämonen.

Und was willst du mir damit sagen? Das war doch wohl zu erwarten.

Hey! […] Sprichst du nicht mehr mit mir?

Es war vielleicht zu erwarten, aber jetzt schon? Und so viele? Macht dir das überhaupt keine Sorgen?

Sorgen? Was würde mir das nützen? Außerdem werden die ja kaum die Hölle stürmen, um Selbstjustiz zu üben.

Furfur, nun bleib doch mal ernst!

Ich bin vollkommen ernst, Beelzebub. Wenn mir etwas Sorgen macht, dann dass Codimor bei den Menschen etwas gesehen hat, was er „Beschwerdemanagement“ nennt. Jetzt versucht er nämlich, so was für uns hier unten aufzubauen. Das pure Grauen, sag ich dir.

Tja, dann ist meine Warnung wohl tatsächlich überflüssig. Alles Gute, Furfur. Bis bald.

Wirst du jetzt auch noch sentimental, Beelzebub? Für sowas hab‘ ich keine Zeit! Bei Satan, ich hab‘ eine Hölle zu verwalten!

„Damit hat er aufgelegt.“ Bee sah mit einem Grinsen in die Runde und in lauter aufmerksame Gesichter. Muriel hatte beide Hände vor dem Mund, so gespannt hatte sie zugehört. Gabriel nickte bedächtig mit dem Kopf. Erziraphael hatte eine Hand nach Crowley ausgestreckt. Eine unwillkürliche Geste, vermutete Bee, die sie oft beobachtete, wenn der Engel Halt suchte. „Mehr habe ich nicht zu berichten“, fügte sie mit einem Schulterzucken hinzu, weil noch niemand etwas gesagt hatte. Muriel seufzte. „Wahnsinn! Du hast so anschaulich erzählt, dass ich Furfur richtig vor mir gesehen habe!“ Bee lächelte. So war es ihr bei dem Telefonat auch gegangen. Sie wusste genau, an welcher Stelle der Dämon mit den Augen gerollt und wo er genervt den Kopf geschüttelt hatte. Aber darum ging es jetzt nicht.

„Also ist auch die Hölle vorbereitet“, sagte Erziraphael und Bee nickte. „Das ist gut zu wissen.“ Crowley sagte nichts, aber er griff wieder nach seinem Telefon und wählte Codimors Nummer.

***

Codimor lehnte sich mit einem tiefen Seufzer in seinem Stuhl zurück und schaute auf die Tür, die Furfur bei seinem dramatischen Abgang hinter sich zugeschmettert hatte. Der Meister des Rechts spürte die Erschütterung noch in der Luft um sich herum. Ein gutmütiges Lächeln in seinem Mundwinkel konkurrierte mit den Sorgenfalten auf seiner Stirn. Er seufzte noch einmal. Auch wenn er den Ausbruch des Höllenrats mit Humor nahm, war er über die Neuigkeiten, die Furfur gebracht hatte, tief beunruhigt. Er warf einen Blick auf die Stichworte, die er sich kurz zuvor notiert hatte. „Vertragsverstöße“, war eines der Stichworte, aber nicht das, das ihm die größten Sorgen machte. So viele Fälle es auch gewesen sein mochten, die Zahl der Übeltäter war sicher sehr überschaubar. Allerdings konnte es schwierig werden, sie zu belangen. Sie hatten auf Befehl gehandelt, sich also nach damaligem Verständnis bewährt. Deshalb würde er sie wahrscheinlich in keinem der Gefangenenlager finden und ein Meldewesen hatte die Hölle noch nicht. So weit ging selbst Furfurs Reformwille bislang nicht. Der Höllenrat würde ihm schon für die Anregung womöglich den Kopf abreißen. Bei dem Gedanken musste Codimor nun doch grinsen. Im Grunde war es egal, entschied er. Die eigentliche Schuld lag bei denen, die die Befehle gegeben hatten, nicht bei den Befehlsempfängern. Und wenn er den Gedanken weiterverfolgte, - war dann nicht Gott der wahre Verantwortliche für all das? Schließlich war er der allmächtige Schöpfer, der die Hölle geschaffen und ihre Funktion festgelegt hatte. Jeder Engel war sein Geschöpf – mit allen Qualitäten, aber auch mit den Fehlern, die manche Engel zum Fall verurteilten.

Einer seiner Mitarbeiter öffnete vorsichtig die Tür und spähte durch den Spalt. Codimor sah überrascht auf, als der blasse Dämon mit der feuerroten Narbe im Gesicht sich räusperte. „Stehst du da schon lange?“, fragte er und winkte ihn herein. Der Mitarbeiter schüttelte den Kopf. „Du sahst so nachdenklich aus, ich wusste nicht, ob ich stören kann.“

Codimor nahm einen Stapel Papiere in Empfang, hörte sich die Erläuterungen seines Mitarbeiters an, gab eine angemessene Antwort und bedankte sich. Kurz darauf war er wieder allein in seinem Büro. Sofort sanken seine Schultern wieder nach vorn. Gut, dass er unterbrochen worden war. Es brachte gar nichts, sich jetzt in rechtsphilosophischen Betrachtungen zu ergehen oder über Verantwortungsethik zu sinnieren. Es gab deutlich dringendere Aufgaben.

Er beugte sich vor und zog seine Notizen zu sich heran. „Vermisste Dämonen“ war der zweite Eintrag in seiner kurzen Liste. Es gab neben Balgrans Frau und Tochter also noch mehr Menschen, die einen Dämon so sehr vermissten, dass ein neuer Hinweis ausreichte, um sich an die Medien zu wenden. Offenbar warteten manche der Menschen seit mehr als fünfzig Jahren auf einen Lebensgefährten oder ein Elternteil und hatten die Hoffnung auf ein Wiedersehen noch immer nicht aufgegeben. Er schluckte. Er fühlte etwas auf seiner Wange und wischte sich mit der Hand durchs Gesicht. Erstaunt sah er, dass sie feucht war. „Du bist ein sentimentaler Idiot!“, warf er sich vor. „Du wirst doch nicht eifersüchtig auf Dämonen sein, die seit Jahren in höllischen Gefängnissen schmoren, nur weil auf der Erde jemand noch an sie denkt!?“ Energisch schüttelte er den Kopf. Außerdem hatten sich nicht nur Familienmitglieder gemeldet, sondern auch Freunde und Nachbarn, Kollegen und Vereinskameraden. So manchem Dämon war es offenbar gelungen, sich in menschliche Kollektive und soziale Strukturen so gut zu integrieren, dass sein Fehlen eine Lücke hinterließ… War Balgran gar kein Einzelfall? Stand dieser Weg womöglich ihnen allen offen? Codimor spürte plötzlich sein Herz schlagen. Hatte er das schon jemals so deutlich gespürt?

Wieder seufzte er und versuchte, sich auf die unmittelbaren Aufgaben zu konzentrieren. Die Vermisstenmeldungen beschäftigten ihn deutlich mehr als die Vertragsverstöße. Hoffentlich betrafen die meisten Fälle Gefangene aus den beiden Lagern, die von Abariel und seinen Leuten geführt wurden! Die würden noch am einfachsten zu regeln sein. Mit seinem Konzept für eine direkte Kommunikation zwischen den Gefangenen und ihren Familien kam er gut voran und eine Haftprüfung könnte bei diesen Haftgründen vielleicht schon innerhalb der nächsten Monate erfolgen. Eine Rückkehr der Vermissten auf die Erde sollte in diesen Fällen spätestens nach einem Jahr möglich sein – wenn die Betroffenen das wollten.

Natürlich war es auch gelegentlich vorgekommen, dass Dämonen bei oder nach ihrer Ergreifung entkörpert worden waren. Dann hätte er die traurige Pflicht, den Angehörigen das mitzuteilen, aber auch hier verbarg sich kein gesellschaftlicher Sprengstoff.

Was ihm wirklich Kopfzerbrechen bereitete, waren die Dämonen, die er in anderen Lagern in den tieferen Kreisen der Hölle aufstöbern müsste. Er konnte sich allzu lebhaft vorstellen, in welchem Zustand zumindest einige dieser bemitleidenswerten Kreaturen waren. Jahre unter erbärmlichen hygienischen und klimatischen Bedingungen, viel zu oft unter der Aufsicht grausamer und sadistischer Wächter…, daran konnte auch der stärkste Dämon zerbrechen. Und den Aufschrei, den die Rückkehr traumatisierter, gebrochener, womöglich verstümmelter Dämonen zu ihren Menschen auslösen musste, würden sie bis in die Hölle hören können.

***

Codimor verbarg sein Gesicht in den Händen und saß lange Minuten reglos auf seinem Stuhl. Erst das Klingeln seines Telefons riss ihn aus den trüben Gedanken. Er straffte die Schultern, räusperte sich und streckte die Hand nach dem Hörer aus.

Es dauerte einen Moment, bis er die Stimme zuordnen konnte. „Crowley! Ich freue mich, von dir zu hören! Sicher willst du mir erzählen, wie Balgrans Familie reagiert hat?“

Seine Stirn glättete sich, während er zuhörte, wie Crowley von der Aufnahme des Videos früher am Tag erzählte. Sie wurden endgültig von Lachfältchen um seine Augen und seine Mundwinkel abgelöst, als der Bericht bei ihren gemeinsamen Versuchen angekommen war, Ana davon zu überzeugen, wie gut das Video geworden war. Und Codimors Kopf wurde frei, weil Crowley mit so großem Respekt von Anas Stärke und ihrer tiefen Zuneigung zu Balgran sprach. „Barry“ nannte er ihn und der Meister des Rechts nahm sich vor, das in Zukunft ebenfalls zu tun. Er glaubte jetzt zu verstehen, warum es Anas Mann, Arwens Vater, wichtig war.

„Crowley, darf ich dich …“ Codimor suchte nach dem Ausdruck, den er mehrmals von Kenneth gehört hatte, als dieser die Gefangenen interviewte. „… darf ich dich etwas Persönliches fragen?“ Er wartete die Antwort ab. Und obwohl diese ohne Zögern gegeben worden war, war seine Stimme bei der Frage ganz leise: „Hast du eigentlich… Freunde unter den Menschen?“ Die Stille schien sich auszudehnen. War er mit seiner Frage zu weit gegangen? Aber dann antwortete Crowley und Codimor atmete auf. „Das hatte ich gehofft“, sagte er. „Wie schön für dich.“

Er wurde wieder ernst, als Crowley zu dem anderen, dem eigentlichen Grund seines Anrufs kam. Unwillkürlich senkte er den Kopf und schloss die Augen, so konzentriert hörte er zu. Es war wichtig, genau zu verstehen, was der Himmel ihm Crowley zufolge anbieten würde und was er ihm über Sariel sagte. Immer noch mit geschlossenen Augen antwortete er: „Ich muss darüber nachdenken… und mich natürlich mit Furfur beraten.“ Er zögerte. „Was würdest du an meiner Stelle tun?“, fragte er schließlich, nickte langsam zu Crowleys Antwort. „Danke, Crowley. Sariel kann mich natürlich jederzeit anrufen und ich freue mich darauf, ihn kennenzulernen. Du hattest das ja sowieso schon mal vorgeschlagen.“ Er räusperte sich. „Zu allem anderen kann ich erst morgen etwas sagen, oder ist das zu spät?“ Als er Crowleys Antwort hörte, wurde ihm leichter ums Herz. Sein Lächeln kehrte zurück. „Ja klar, schick mir das Video. Das habe ich doch versprochen. Heute ist es leider schon zu spät, aber Balgran bekommt es gleich morgen.“ Noch einmal horchte er. „Ja, ich mich auch. Gute Nacht, Crowley. Grüß Gabriel von mir. Die anderen bitte auch.“

Codimor legte auf und ließ sich gegen die Rückenlehne seines Stuhles sinken. Der Himmel wollte sich also diesmal den Problemen gemeinsam mit der Hölle stellen? Das war neu. Nie dagewesen! Oder könnte es eine Falle sein? Crowley schien diese Befürchtung nicht zu haben. Codimor kratzte sich den Kopf, versuchte zu einer Entscheidung zu gelangen. Schließlich stand er abrupt auf, zupfte seine Kleidung und seine Frisur zurecht und setzte ein grimmiges Grinsen auf. Er vertraute Crowley. Und ja, er vertraute auch Jesus und Berechiel. Und das wiederum hieß, dass eine weitere Begegnung mit Furfur sich nicht auf morgen verschieben ließ. Er wappnete sich für einen neuen Temperamentsausbruch des Höllenrats und ging lächelnd zur Tür.

***

Als Crowley seine Wiedergabe des Telefonats mit Codimor beendet hatte, wich die Anspannung aus den Zügen der Freunde und sie ließen sich einer nach dem anderen gegen die Rückenlehnen ihrer Stühle sinken. Und auch er merkte, wie ihn innerhalb weniger Augenblicke die bleierne Müdigkeit einholte, die er im Grunde schon gespürt hatte, als er sich zur Auswahl seiner Lesetexte zurückgezogen hatte. Aber in seinem Kopf drehte sich das Gedankenkarussell in voller Fahrt und wenn er die Augen schloss, sahen ihn bei jeder Runde andere Gesichter an: Gesichter von Menschen, Engeln und Dämonen, Fratzen aus Albträumen, Gesichter von Lebenden und von Toten, lachende, ernste, weinende Gesichter, geschminkte, entstellte, verzerrte… Dazwischen immer wieder blinkende Lichter in grellen Farben. Er zwang sich, die Augen zu öffnen und setzte sich etwas aufrechter hin. Er konnte noch nicht ins Bett, er würde sowieso keinen Schlaf finden. Er rieb sich mit den Händen über die Augen und schüttelte energisch den Kopf, um die Schattenbilder zu vertreiben. „Ich denke, ich dreh noch ne Runde mit Hexe“, sagte er. „Ich brauch frische Luft und etwas Bewegung wird mir auch gut tun.“

Bee war aufgestanden, streckte sich und beugte vorsichtig den Kopf in alle Richtungen. Als sie ihn zur linken Schulter sinken ließ, knackste es vernehmlich und sie stöhnte leise auf. „Nehmt’s mir nicht übel, aber ich möchte nur noch in mein Bett“, sagte sie. Sie drehte sich zu Gabriel um und streckte ihm ihre Hand entgegen. Crowley grinste, als der großgewachsene muskulöse Engel sich von der kleinen Dämonin hochziehen ließ. Auch Gabriel stöhnte. „Mir geht’s nicht anders“, sagte er. „Wenn es für euch ok ist…?“ „Na klar!“, antwortete Muriel sofort, „Sicher!“, im selben Moment Erziraphael. Auch die beiden Engel erhoben sich und begleiteten das ungleiche Paar zur Tür. Der Abschied war kurz – als Crowley die Tür erreichte, waren die beiden längst nicht mehr zu sehen. Hexe hatte schon in ihrem Korb gedöst, aber sobald Crowley die Leine vom Haken nahm, war sie hellwach. Jetzt drängte sie sich heftig wedelnd an ihn. Er legte seine Hand an Erziraphaels Wange. „Und du?“, fragte er. „Bett? Oder Hunderunde?“ Der Engel schmiegte sein Gesicht in Crowleys Handfläche. „Ich begleite euch. Im Moment bin ich viel zu unruhig.“ Sie schauten sich fragend zu Muriel um, aber sie winkte ab. „Wie Arwen sagen würde: Mein Bett ruft.“ Sie umarmte die Männer mit einem erkennbar müden, aber echten Lächeln und wandte sich von der Tür ab. Erziraphael hatte Luft geholt, um etwas zu erwidern, aber Crowley schob ihn zur Tür. Diesen Blick erkannte er sofort. „Nein, Engel: Keine Analyse jetzt! Das Bett ruft. Ich höre es auch. Nimm es einfach hin!“ Muriel hatte bei Crowleys ersten Worten irritiert aufgesehen. Jetzt aber kicherte sie und sagte: „Ja, Erziraphael, lass doch die arme Metapher in Ruhe!“

Der Engel zog einen Schmollmund, aber er schwieg. Und Crowley sah das Funkeln in seinen Augen zu genau, um sich von der vorgestülpten Unterlippe beeindrucken zu lassen. Er ließ den Karabiner von Hexes Leine in den Ring ihres Halsbands einschnappen, griff nach Erziraphaels Hand und zog ihn hinter sich her. Beide Männer lächelten, als ihre Finger sich ganz selbstverständlich ineinander verschränkten und fielen in einen gleichmäßigen Schritt. Den Lieferwagen mit der Aufschrift „Stilmöbel & Antiquitäten, Nachlass- und Haushaltsauflösungen“, der wenige Meter entfernt parkte, und den unbeweglichen Schatten unter der Markise des französischen Restaurants bemerkten sie ebenso wenig wie wenige Augenblicke zuvor Bee und Gabriel. Der Schatten aber brummte mürrisch vor sich hin, während er sich aus der Deckung zu seinem Auto schlich: „Wie soll ein einfacher Dämon daraus schlau werden? Verdammich! Wie hängen die bloß alle miteinander zusammen?“ Dann ließ er den Motor an und fuhr nach Hause.

Crowley und Erziraphael gingen schweigend nebeneinander, blieben stehen, wenn die Hündin stehenblieb, gingen weiter, wenn es auch Hexe weiterzog. Der Engel schaute mehrmals verstohlen in Crowleys Gesicht. Weil es zwar müde und nachdenklich wirkte, aber nicht traurig oder besorgt, begnügte er sich damit, seinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Sie drehten sich vor allem um einen Satz, den Gabriel früher am Tag gesagt hatte: „Und deshalb übernehme ich die Verantwortung.“ Musste für ihn selbst nicht das Gleiche gelten? Auch er war Leitender Erzengel gewesen. Und er hatte diese Praxis nicht unterbunden und auch diese Vorschriften nicht abgeschafft. Musste er sich das nicht zum Vorwurf machen lassen? Erziraphael unterdrückte einen Seufzer, weil er Crowley an seiner Seite nicht beunruhigen wollte. Fakt war aber: Er fühlte sich mitschuldig. Und es war eine große Schuld! Er hatte ja keine Ahnung gehabt, eine wie große Schuld! So viele gelöschte Leben, so viele zerstörte Existenzen, auseinandergerissene Familien, so viele Dämonen, die sich nicht viel mehr zuschulden hatten kommen lassen als zu lieben. Wie sollten die Menschen, aber auch die Dämonen, wie sollten sie dem Himmel jemals vergeben können, ihm jemals vergeben können? Er fühlte die Schuld fast körperlich auf seinen Schultern.

Der Engel schrak auf, weil Crowley stehenblieb, ihre verschränkten Hände an seinen Mund hob und seine Fingerknöchel küsste. Langsam und systematisch setzte er einen Kuss auf jedes Knöchelchen, drehte dann ihre Hände um und fuhr mit den Fingerspitzen fort. „Hey, Engel“, sagte Crowley und er antwortete: „Hey, Crowley.“ „Worüber grübelst du nach?“, fragte der Dämon sanft, ließ die Hände wieder sinken und sah ihm abwartend in die Augen. Aber Erziraphael schüttelte nur den Kopf. „Jetzt nicht“, murmelte er. „Lass uns nach Hause gehen.“ Crowley zeigte mit seiner freien Hand stumm nach vorn. Sie standen direkt vor der Tür der Buchhandlung. „Es war wirklich ein langer Tag“, sagte der Engel und ging als erster hinein. Crowley folgte schweigend.