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Schuldgefühle und ein neuer Tag (Samstag)

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Schuldgefühle und ein neuer Tag (Samstag)

Erziraphael hielt nur inne, um seinen Mantel und seinen Schal an die Garderobe zu hängen, dann strebte er direkt zur Wendeltreppe und begann den Aufstieg, ohne sich nach Crowley umzusehen.

Crowley nahm sich mehr Zeit, füllte noch Hexes Trinknapf auf, ging für ein paar Streicheleinheiten neben ihr in die Knie und räumte schließlich die Verkaufstheke und die Tische frei, damit sie das morgen früh nicht mehr erledigen mussten. Am Fuß der Treppe blieb er stehen und schaute nachdenklich zur Schlafzimmertür hinauf, die Erziraphael hinter sich angelehnt gelassen hatte. Er befürchtete zu wissen, was den Engel beschäftigte, und er konnte nur hoffen, dass er mit ihm sprechen würde, bevor er überstürzte Entscheidungen traf. Seufzend setzte er seinen Fuß auf die erste Stufe.

Wie er gehofft hatte, saß Erziraphael noch vollständig bekleidet auf der Bettkante und starrte die Wand an. Er setzte sich neben ihn und griff nach seiner Hand. Behutsam streichelte er mit seinem Daumen über den Handrücken. „Verrat mir doch, was dich so beschäftigt, Engel. Wieder einmal die Grausamkeit, zu der der Himmel fähig war?“ Die blauen Augen waren trüb von Müdigkeit, aber sie wichen ihm nicht aus. Er nickte widerstrebend. „Aber du weißt doch längst, dass es so ist“, wandte er sanft ein. „Warum trifft es dich trotzdem immer wieder so tief?“ Erziraphael schloss die Augen und ließ seinen Kopf auf Crowleys Schulter sinken. „Ich weiß es“, räumte er schwach ein. „Aber ich will es wohl einfach nicht wahrhaben. Verdrängung?“ Crowleys Daumen kreiste sanft weiter. „Möglich. Erzähl mir, was in deinem Kopf herumspukt. Bitte.“ Sanft drehte er das Gesicht des Engels zu sich herum und sah ihm direkt in die Augen. „Lass die Gedanken wenigstens einmal heraus. Vielleicht hilft das.“

Erziraphael sah ihn zweifelnd an. Dann begann er zu reden. „Ich habe das alles nicht gewusst, Crowley. Diese ruchlosen, diese falschen Engel!“ Unablässig drehte er den goldenen Ring an seinem Finger. „Vorsätzlich gegen das Gleichgewicht zwischen den Welten zu verstoßen! Zu schummeln, nein: zu betrügen, Crowley! Vorsätzlich zu betrügen, stell dir das doch nur vor.“ Seine Hände waren an seine Knopfleiste weitergewandert und Crowley rechnete damit, dass jeden Moment einer der Knöpfe in Erziraphaels nervösen Fingern landen würde. „Engel zu korrumpieren, damit sie wissentlich gegen den Vertrag mit der Hölle verstoßen, gegen den Göttlichen Plan!“ Entrüstet schüttelte er den Kopf. Seine Stimme war inzwischen kräftiger geworden, klang zu Crowleys Beruhigung nun eher wütend als traurig. „Diese Dreistigkeit, diese unvorstellbare Infamie! Und dass ich nichts davon gemerkt habe! Wie konnte ich das nur übersehen? Ich habe mich wie ein Maulwurf durch Stapel von Akten gewühlt, Crowley. Warum habe ich das nicht entdeckt?“ Bei dieser Frage klang er wieder kleinlaut und verunsichert. Der Dämon zog ihn enger an sich, legte einen Arm um seine Taille und wiegte den Engel vorsichtig hin und her. „Weil du nicht wusstest, wonach du suchen musst, Engel. Und weil sie dir diese Akten natürlich nicht von sich aus vorgelegt haben.“ Das ließ Erziraphael nicht gelten. Er verzog angewidert das Gesicht. „Damit kann ich mich nicht herausreden. Ich hätte es sehen müssen, hätte irgendwas merken müssen. Aber ich bin immer so… gutgläubig, so vertrauensselig. Immer bin ich der nützliche Idiot.“ Der jetzt eindeutig weinerliche Tonfall passte zu dem feuchten Glanz in seinen Augen. Das konnte Crowley nicht zulassen. So ging das nicht weiter! Er rückte ein Stück herum und fasste den Engel bei beiden Schultern. „Hör mir jetzt mal gut zu, Engel. Du standest allein gegen den ganzen Himmel. Ein Einzelner gegen eine Clique von miteinander verschworenen Erzengeln. Selbst ein Leitender Erzengel ist kein Superman. Du konntest das nicht alles überblicken. Wie hättest du das leisten sollen?“

Erziraphael duldete die Hände auf seinen Schultern, schüttelte aber dennoch energisch den Kopf. „Ich hatte die Verantwortung, Crowley, ob es uns gefällt oder nicht. Und das ist ja noch nicht alles. Die ganze Zeit, während ich mir eingebildet habe, den Himmel unbemerkt von innen heraus zu reformieren, grundlegend umzubauen, in dieser ganzen Zeit haben diese herzlosen Bürokraten immer weiter Engel dafür verurteilt, ein mitfühlendes Herz oder einen wachen Verstand zu haben, die falschen Fragen zu stellen und die Menschen nicht genug zu drangsalieren und zu prüfen.

Wie viele Engel erinnern sich nicht mehr daran, wer sie waren, was sie geleistet haben und wen sie liebten, weil ich nicht verhindert habe, dass meine Mitengel ihr Gedächtnis löschen ließen? Wie viele Engel habe ich zu ewigen Qualen verurteilt, weil ich nicht einmal geahnt habe, dass man sie zu Gefallenen machen würde, zu Dämonen, auf ewig der Willkür der Hölle ausgesetzt? Nein, Crowley, es gibt keine Entschuldigung dafür, dass ich so verantwortungslos war, so blind und selbstgerecht. Ich hätte diese Engel schützen müssen, ebenso diese Menschen und Dämonen. Wer sonst hätte sie schützen sollen?“

Crowley ertrug die Selbstbezichtigungen seines geliebten Engels nicht länger. Mit aller Kraft hielt er Erziraphaels Arme fest. Er befürchtete, dass der Engel sich sonst aus Verzweiflung seine blonden Locken büschelweise ausraufen würde. Die ersten Haare hafteten schon an seinen Händen und reflektierten das Licht, wenn er sie bewegte. „Engel!“, sagte er eindringlich, „du tust schon wieder, was du so oft tust: Du gibst dir die Schuld für Dinge, an denen du mit absoluter Sicherheit nichts ändern konntest. Warum suchst du die Schuld nicht bei Gott? Er hätte das alles nämlich mit einer Handbewegung beenden können.“ Der Widerspruch gegen die vermeintliche Blasphemie war ein Reflex, den der Engel einfach nicht ablegen konnte. „Crowley, wir können nicht nach Belieben Gott kritisieren. Seine Wege sind…“ „Stopp! Kein Wort mehr, Engel!“ Jetzt schüttelte er Erziraphael so heftig, dass die blonden Strähnen zu wehen schienen. „Wenn du noch einmal ‚unergründlich‘ sagst, fange ich an zu schreien. Und hör endlich auf, diesen lieblosen Egomanen in Schutz zu nehmen. Was immer sein Plan sonst noch war, er war grausam und willkürlich, und nichts, aber auch gar nichts an ihm war von Güte oder Liebe bestimmt.“ Noch einmal schüttelte er seinen geliebten Engel, dann ließ er kraftlos seine Hände sinken. „Du bist so viel besser, als Gott je war“, murmelte er mit gesenktem Kopf.

Er schaute wieder auf, weil er ein leises Schluchzen hörte. Erschrocken zog er Erziraphael in seine Arme und hielt ihn an seine Brust gedrückt. „Nicht doch, Engel. Nicht weinen, Liebling. Das wollte ich nicht, bestimmt nicht!“ Hilflos schaukelte er ihn in seinen Armen und küsste ihn auf den Kopf. Der Engel versenkte sein Gesicht in seiner Halsbeuge. Crowley spürte, wie die Tränen sich in der Vertiefung über seinem Schlüsselbein sammelten, bis sie überlief und sich ein Rinnsal auf seiner Brust bildete. „Engel, ich liebe dich so sehr. Ich wollte dir nicht weh tun, entschuldige! Wenn du mir doch nur glauben könntest, dass du wirklich nichts hättest ändern können. Dich trifft keine Schuld!“ Langsam schien das Rinnsal zu versiegen. Nach einer Weile schaute der Engel zu ihm herauf. Auf seinen Wimpern glänzten zarte Tröpfchen, aber er lächelte zaghaft. „Das ist die Liebe, die aus dir spricht, Crowley. Aber auch, wenn ich vielleicht nicht schuldig bin, ich fühle mich schuldig. Da hilft alles nichts.“ Er ließ den Kopf wieder sinken und nahm einige bewusste, tiefe Atemzüge. Dann richtete er sich auf. „Ich weiß, dass jetzt ich es bin, der dir weh tut, Liebling, und das tut mir furchtbar leid. Aber ich kann nicht aus meiner Haut: Ich muss mich mit Gabriel und Bee meiner Verantwortung stellen. Ich könnte sonst nicht mehr in den Spiegel sehen.“

Crowley gab den Kampf auf. Hilflos streichelte er den Hinterkopf des Engels, wickelte zwischendurch eine der goldenen Locken auf einem Finger auf und schaute versonnen zu, wie sie sich wieder entrollte, und wiegte sich mit Erziraphael in seinem Arm wie zuvor, nur dass er jetzt sich selbst beruhigen musste. Er versuchte, die Tränen und die aufsteigende Panik wegzuatmen, seinen Puls unter Kontrolle zu bringen, und den Engel nicht so fest an sich zu pressen, dass er kaum noch Luft bekam. „Liebling, shhh, ganz ruhig, ich bin ja hier“, flüsterte Erziraphael, dann traf er eine Entscheidung. „Wir können heute Nacht sowieso nichts mehr ausrichten. Und morgen müssen wir zuerst die Lesung hinter uns bringen, dafür brauchen wir wenigstens ein Minimum an Schlaf.“ Er streifte seine Schuhe ab und strich dann Crowley durchs Haar. „Komm, Liebling. Legen wir uns hin. Morgen ist ein neuer Tag.“

So machten sie es. Ein kleines Wunder ließ ihre Kleidung gefaltet auf den Sessel schweben und hüllte sie in ihre Pyjamas. Erziraphael zog Crowley mit sich in die Horizontale, breitete die Decke über sich und den Dämon und legte dann seinen Arm um ihm. „Schlaf jetzt, Liebling. Morgen sind wir schlauer.“ Crowley nickte, drückte ihm einen zaghaften Kuss auf die Lippen und wünschte ihm eine gute Nacht. Er lag ungewohnt steif in Erziraphaels Armen und bewegte sich nicht. Keiner von ihnen konnte einschlafen. Und zum ersten Mal lagen sie nebeneinander und fühlten sich dennoch beide sehr einsam.

***

Mitten in der Nacht musste Erziraphael wohl doch eingeschlafen sein, denn plötzlich begann er zu stöhnen und zu brabbeln. „Nein, nicht“, konnte Crowley verstehen, dann „Geh nicht, bitte nicht“, einmal auch „vergeben“. Vorsichtig drehte er sich um und sah in das schweißnasse Gesicht des Engels, der seine Kiefer mit so viel Gewalt aufeinanderpresste, dass der Dämon das Knirschen hören konnte. Nun begann er, sich unruhig hin und her zu werfen, seine Gliedmaßen zuckten. „Albträume“, dachte Crowley und rückte näher heran. Vorsichtig schob er einen Arm zwischen Erziraphaels Kopf und Schulter hindurch, den anderen Arm schlang er um seine Taille. Sanft zog er den zappelnden Engel zu sich heran und begann, ihm beruhigende Worte und Kosenamen ins Ohr zu flüstern. Er streichelte ihm über den Rücken, küsste ihn auf die flatternden Lider, kraulte seinen Hinterkopf und redete dabei immer weiter. „Du bist in Sicherheit, Engel. Du bist hier, bei mir, zuhause. Du trägst keine Schuld, Engel, nicht für die Verurteilungen zum Fall, nicht an den Vertragsbrüchen. Ich bin sicher, niemand macht dir deswegen Vorwürfe, niemand außer dir selbst.“ Als sein Widerspruch Erziraphael mehr aufzuregen als zu beruhigen schien, änderte er seine Taktik. „Ich bin hier Engel, ich stehe zu dir, ich gehe jeden Weg mit dir.“ Nach der dritten Wiederholung spürte er, wie der geliebte Mann in seinem Arm gleichmäßiger atmete und wie sein Körper zur Ruhe kam. Erleichtert ließ er den Kopf an Erziraphaels Hals sinken und küsste ihn liebevoll. „Gut so, Engel. Jetzt schlaf, du brauchst deine Kraft. Ich bin hier, ich bleibe bei dir, egal, was du tust, solange du mich haben willst.“ Er begann zu summen. Für den Rest der Nacht wachte er über seinen Engel.

Als Erziraphael erwachte, tastete er neben sich nach Crowley, aber seine Hand fand nur ein kühles Laken. Crowley war fort. Er spürte das schlechte Gewissen wie einen üblen Geschmack im Mund. Hatte er mit seinen endlosen Selbstvorwürfen gestern den Dämon von seiner Seite vertrieben? Er setzte sich im Bett auf und lauschte. Er hörte, wie Geschirr klapperte und Möbel verschoben wurden. Muriel summte ununterbrochen, während sie geschäftig im Erdgeschoss unterwegs war. Der Kessel pfiff, aber er konnte nichts hören, was auf Crowleys Anwesenheit schließen ließ. Eilig zog er sich an. Er hatte gerade die Klinke der Schlafzimmertür in der Hand, als die Türglocke ging. Fröhliches Gebell ertönte und als nächstes Crowleys vorwurfsvolle Stimme. „Du solltest doch mit den schweren Sachen auf mich warten! Wir haben noch so viel Zeit.“ Lächelnd zog Erziraphael die Tür auf. Die Erleichterung trug ihn die Treppe hinunter. „Guten Morgen, Muriel“, warf er ihr im Vorbeigehen zu und ging direkt zu Crowley. „Guten Morgen, Liebling. Ich habe dich vermisst beim Aufwachen.“ Er umarmte ihn und gab ihm einen Kuss. Dann nahm er ihm die Brille ab und erschrak: Crowleys Augen waren rotgerändert und darunter waren tiefe Schatten. „Liebling! Was hast du?“ Er legte die Hand sanft um Crowleys hagere Wange. „Ist es wegen gestern? Habe ich etwas Gemeines gesagt? Ich war so dermaßen fassungslos über alles, was ich erfahren hatte… Entschuldige, wenn ich dich überfahren habe.“ Der Dämon schüttelte stumm den Kopf. Er strich Erziraphael eine Strähne aus der Stirn und küsste ihn dorthin. Traurig sagte er: „Nein, Engel. Ich war es, der falsch reagiert hat. Du warst so aufgeregt, ich hätte merken müssen, dass du Trost gebraucht hättest. Aber ich habe dir immer nur widersprochen… Ich hätte dich unterstützen sollen, nicht kritisieren.“ Forschend sah er ihn an. „Wie geht es dir?“ „Gut, Liebling. Aber du stehst gleich im Mittelpunkt. Da ist die Frage viel wichtiger: Wie geht es dir?“ Crowly versuchte zu lächeln, aber es geriet mehr zu einem schiefen Grinsen. „Ich habe mich noch nie so schlecht vorbereitet gefühlt“, sagte er und zeigte auf die ausgewählten Bücher. „Aber es wird schon gut gehen. Ich mach‘ das ja nicht zum ersten Mal.“

Hand in Hand gingen sie zu Muriel und halfen ihr stumm bei den letzten Vorbereitungen: Sie stellten die Stühle auf und verteilten die bunten Sitzpolster, sie brachten Gläser und Cookies aus der Küche und schalteten die Stehlampe hinter dem Sessel an, damit Crowley genug Licht zum Lesen hatte. Die vertrauten Handgriffe taten ihnen gut nach den emotional anstrengenden Tagen und nach einer Nacht ohne bzw. mit wenig Schlaf. Als die Türglocke wieder ging, war alles fertig. Sie drehten sich zum Eingang um, alle mit einem freundlichen Lächeln, um die ersten Besucher zu begrüßen.

Dort stand jedoch Nina, die nach draußen zeigte und sagte: „Ihr habt es noch gar nicht gesehen, oder?“ Nur Muriel lächelte noch, die Männer wussten im Grunde schon, was Nina als nächstes sagen würde. Und so war es: „Da sind schon wieder Schmierereien am Haus!“, sagte sie. „Widerliches Zeug, und mehr als die letzten Male. Wir müssen irgendwas machen!“, drängte sie. Diesmal reagierte Muriel am schnellsten. „Alec hat mir Farbe und Werkzeug hiergelassen beim letzten Mal. Ich hole sie.“ Als sie zurückkam, nahm Nina ihr energisch den Eimer aus der Hand und zeigte auf Erziraphael: „Du hilfst mir, Azi! Die beiden stehen gleich auf der Bühne, die will ich draußen nicht haben.“ Der Erzengel nickte nur, griff nach dem Werkzeug und folgte der Freundin nach draußen. „Ich muss mir wirklich angewöhnen, morgens erst einen Kontrollgang ums Haus zu machen“, murmelte Erziraphael. „Aber ist das nicht furchtbar? Wer tut denn so etwas? Denkst du, es ist einer der Nachbarn?“ Er hatte währenddessen die Ärmel hochgekrempelt und eine Farbrolle in den Eimer getaucht.

Nina beobachtete ihn amüsiert, dann hielt sie ihn am Arm fest und ließ ihn zusehen, wie sie die Rolle hielt, wie sie diese eintauchte und abstreifte und wie sie sie schließlich gleichmäßig über die Wand führte. „So, jetzt kannst du anfangen“, verkündete sie grinsend. „Nein, ich glaube eigentlich nicht, dass es Nachbarn sind, gab sie dann die Antwort, mit der er schon nicht mehr gerechnet hatte. Aber wer weiß das heute schon noch?“ Sie zeigte auf die Schmierereien und Erziraphael nahm erst jetzt zur Kenntnis, was da stand. Neben Beschimpfungen, die er schon von den ersten Malen kannte, wie „Federvieh“ und „Schwanzlutscher“, las er jetzt auch „Kinderschänder“, „Satanisten“ oder „abartig“. Er erkannte den Stil wieder. Gab es beim Sprayen eine Handschrift? Wenn ja, war es wieder dieselbe. Über all diesen Beleidigungen stand in grellroter Schrift: „Haut ab, sonst wird es weh tun!“ Er keuchte auf. Das war eine unverhohlene Drohung. Was sollte er bloß tun? Wie konnte er Muriel und Crowley schützen? Und seine Buchhandlung? Hilflos drehte er sich zu Nina um. Sie nickte verständnisvoll. „Ich weiß, Azi, ich weiß. Aber jetzt lass uns das hier fertigkriegen, bevor die Kunden kommen.“ Schweigend und verbissen überpinselten sie die Schmähungen. Als Rahul, der treue Kunde, mit seinen Zwillingen kam und Crowley zur Begrüßung umarmte, brachte Erziraphael gerade den Farbeimer nach hinten und Nina wusch die Farbrollen und das Abstreichgitter aus.

Danach füllte die Buchhandlung sich schnell. Wie schon beim letzten Mal fehlten einige Gesichter, die früher regelmäßig gekommen waren. Dafür waren neue Zuhörer vom vorigen Samstag wieder dabei, bewegten sich unauffällig zwischen den anderen Erwachsenen und Kindern und wirkten, als wären sie schon viele Male hier gewesen. Es waren auch einige unerwartete Gäste dabei: Ihre junge EDV-Expertin Helen und ihre Großmutter, Cathy, die ihren Bobtail Boomer glücklicherweise zuhause gelassen hatte, und Vicky, die ehemalige Mieterin der Wohnung im Nebenhaus. Sie entschuldigte ihren Freund Liam, der für eine Klausur lernen musste. Erziraphael unterhielt sich angeregt mit ihnen.

Was für Crowley noch entscheidender war als die Solidarität ihrer Nachbarn und Bekannten aus dem Viertel, war, dass auch einige der Kinder kamen, für die er mit Hexe in die Schulen gegangen war. Der sich cool gebende Michael, der Crowley abklatschte und dann ausgiebig die Hündin knuddelte, und zwei von den älteren Schülerinnen waren offenbar zusammen gekommen. Ein fremder Vater mit einem auffallend blassen Kleinkind auf dem Arm trat zögernd ein und sah sich suchend um. Muriels Begrüßung schien er nur mit halbem Ohr anzuhören. Dann rief hinter ihm eine helle Kinderstimme plötzlich: „Da ist Anthony, Papa, das ist Anthony.“ Der kleine Blondschopf hüpfte mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger aufgeregt neben seinem Vater auf und ab. Crowley hatte seinen Namen gehört und schaute zur Tür. Sein Lächeln wurde wärmer, als er den kleinen Robin erkannte. Dann war das der Vater, der der Direktorin gesagt hatte, er wolle erst einmal abwarten, bevor er seinen Sohn wieder zum Vorlesen kommen ließe. Und das auf seinem Arm war dann Robins kleiner Bruder, der an Leukämie erkrankt war. Er ging auf die kleine Familie zu und hielt dem Vater die Hand hin. „Mister Cooper? Herzlich willkommen, ich bin Anthony Crowley. Und das ist Hexe.“ Die Hündin war hinter ihm aufgetaucht, ohne dass er sie hätte rufen müssen. Auch sie hatte den kleinen Robin erkannt. Der hatte sich flüchtig an Crowleys Bein gedrückt und „Hallo Anthony“ genuschelt. Dann hatte er schon beide Arme um Hexes Hals geschlungen und drückte sie, so fest er konnte. „Und du bist dann wohl Justin?“, fragte Crowley den kleinen Jungen auf dem Arm seines Vaters. Mister Cooper nickte. „Ja, er hat heute einen ganz guten Tag und Robin hat keine Ruhe gegeben, dass er hierher kommen wollte.“ Crowley lächelte. „Ich freue mich sehr, dass er gekommen ist. Aber ich finde es besonders schön, dass Sie mitgekommen sind.“ Einladend zeigte er auf die Stuhlreihen: „Fühlen Sie sich bitte wie zuhause. Die Jungs können bei Ihnen sitzen oder weiter vorne auf den Kissen. Machen Sie sich selbst ein Bild, das ist immer das Beste.“ Robins und Justins Vater bedankte sich und ging dann mit seinen Söhnen nach hinten. Den Kleinen behielt er auf dem Schoß, Robin hatte sich einen Kinderstuhl ganz nah heran gezogen und kuschelte sich an seinen Vater.

Crowley war gerade wieder auf dem Weg zur Bühne, da hörte er schon wieder seinen Namen. Der Ruf kam von der Tür. „Anthony!“ Bevor er sich ganz herum gedreht hatte, flog Carter in seine Arme. Er drückte ihn kurz an sich, und stellte ihn schnell wieder auf die Füße. „Carter, ich freue mich sehr, dass du hier bist. Aber wenn dein Vater es nicht erlaubt hast, musst du leider wieder gehen. Dann rufe ich dir ein Taxi.“ „Das wird nicht nötig sein“, sagte eine resolute Stimme. Crowley schaute auf und sah eine ältere Dame in einem geschmackvollen dunkelroten Kleid und mit einem grauen Pagenschnitt vor sich. „Ich bin Carters Großmutter“, stellte sie sich vor. Sie zeigte auf Carter: „Sein engstirniger Vater ist bedauerlicherweise mein Sohn. Ich muss wohl eine Menge falsch gemacht haben bei seiner Erziehung, meinen Sie nicht auch?“ Sie zwinkerte ihm zu und hielt ihm die Hand hin. Überrumpelt ergriff er sie. „Ich bin Crowley, Anthony Crowley. Sehr erfreut, Sie kennen zu lernen, Ms. Bell.“ „Hook“, korrigierte sie ihn. Den Namen ‚Bell‘ habe ich mit dem dazugehörigen Mann schon vor langer Zeit aufgegeben.“ Crowley grinste. Er mochte Carters resolute Großmutter schon jetzt. „Machen Sie es sich gemütlich, Ms. Hook. Carter, Kumpel, willst du bei Hexe sitzen?“ Der Junge strahlte. „Oh darf ich? Oma, darf ich?“ Sie erlaubte es mit einem Lächeln und suchte sich selbst ebenfalls einen Sitzplatz. Crowley machte sich wieder zur Bühne auf, wo Muriel schon bereitstand. „Die Gibson-Töchter sind auch da“, wisperte sie ihm zu. Er drehte sich suchend um und winkte Josie und Lizzie zu, als er sie entdeckt hatte. „Ich dachte eigentlich, Bee und Gabriel würden auch kommen, aber es ist Zeit. Fangen wir an?“ Crowley nickte und machte es sich im Sessel bequem.