Aus dem Schatten (immer noch Samstag)
Aus dem Schatten (immer noch Samstag)
Er lauerte im Schatten schräg gegenüber der Buchhandlung. Das war etwas, worin er gut war. Alle Dämonen waren gut im Lauern. Grundfertigkeit, sozusagen.
Auf dem Bürgersteig auf seiner Straßenseite näherten sich zwei Männer seiner Position. Er wich bis an die Hauswand zurück und verharrte dort bewegungslos. Sie sahen sich aufmerksam um, wirkten aber nicht wie Touristen oder Spaziergänger. Ein seltsames Paar: Ein ungepflegter Alter mit verkniffenen Gesichtszügen und ein junger Mann, vielleicht noch ein Teenager, mit weiten Jeans, Hoodie und verkehrt herum getragener Cap. Er gab sich cool, aber der Beobachter im Schatten konnte seine Nervosität riechen . Die Männer wurden immer langsamer, schauten sich immer häufiger um. Dann nickten sie sich zu, traten unter seine Markise und zogen sich weit vom Bürgersteig zurück. Ausgerechnet! Verdammt, konnte man jetzt nicht mal mehr in Ruhe ein Geschäft belauern? Er gab sich alle Mühe, mit der Wand in seinem Rücken zu verschmelzen.
Zu seinem Glück widmeten die Kerle dem Prospektständer in ihrem Rücken und den Schatten dahinter keine Aufmerksamkeit. Sie starrten auf die andere Straßenseite hinüber. Beobachteten die etwa auch die Buchhandlung? Bei Satan, wie viel Pech konnte man haben? Wer waren die beiden? Und was hatten sie vor?
Der Junge hatte eine offenbar schwere Sporttasche neben sich abgestellt. Nun bückte er sich zu ihr hinunter und öffnete schwungvoll den Reißverschluss. „Mach nicht so’n Krach, du Idiot!“ Der Alte stieß ihn unsanft an. Der Jüngere sagte nichts, griff in die Tasche und nahm mehrere schwere Gegenstände heraus.
Hinter ihnen bewegte sich der Beobachter so vorsichtig, dass nicht einmal ein Knarren seiner Lederjacke oder ein Reiben seiner Jeans an der rauen Wand zu hören war. Als er freie Sicht auf die Tasche bekam, erstarrte er: Was da zwischen den beiden aufgestapelt war, waren Backsteine! Und in der Hand hielt der Junge … Scheiße, nein! Es war eine Glasflasche ohne Etikett, gefüllt mit einer klaren Flüssigkeit. Verdammich! Was tat der Knabe da? Beinahe hätte er aufgestöhnt, als er es erkannte. Mister Cool pfriemelte ungeschickt einen Streifen Stoff in den Flaschenhals. Das roch nach Ärger, nach verdammt großem Ärger. Und, was noch schlimmer war: nach sehr viel Aufmerksamkeit, die er ganz und gar nicht erregen wollte.
„Fertig, Jungchen?“, zischte der Alte und der Junge nickte. Er ließ ein Feuerzeug aufschnappen, sein Daumen glitt über das Zündrad … und er hielt die aufflackernde Flamme an den Streifen Stoff. Er zitterte dabei und die Flamme erlosch. „Nu‘ mach dir mal nicht ins Hemd, Jungchen, gib her!“ Wieder züngelte die Flamme hervor. Der Alte drehte das Gas weit auf und sie loderte höher. Er hielt sie an den Flaschenhals und der Stoff fing gehorsam Feuer.
Diese Idioten würden seine Deckung auffliegen lassen. Und es würde Verletzte geben, mindestens. „Scheiße, scheiße, scheiße!“, dachte er mit aufsteigender Panik. Und dann traf er eine Entscheidung.
Der Alte hatte inzwischen einen Backstein in der Hand und holte mit dem Arm weit aus. „Auf drei“ flüsterte er heiser. „Bist du soweit?“ Der Junge war blass, Schweiß tropfte ihm von der Stirn und aus den Haaren. Aber er nickte. „Fertig.“ Der Dämon hatte sich von der Wand gelöst und schob sich möglichst unauffällig nach vorne. „Eins“, zählte der Alte. Hinter ihm rollte der Prospektständer zur Seite und einige Prospekte flatterten heraus. Irritiert drehte er sich um, aber da war niemand.
„Nochmal“, kommandierte er. „Eins, zwei...", er schaute noch einmal auffordernd zu dem Jungen hinüber, dann fuhr er fort: „uuuuund: Drei!“ In diesem Moment schloss sich eine Faust um sein Handgelenk, so eisern, dass er den Backstein fallen ließ und mit schmerzverzerrtem Gesicht versuchte, sich aus dem Griff zu befreien. Er ging in die Knie. „Mach schon, du Memme!“, zischte er dem Jungen zu, aber der stand stocksteif da. Die Flasche mit der brennenden Lunte hielt er wie eine Lampe. Das Feuer erhellte die Gesichter des Alten und des Angreifers. „Wirf das Ding weg, du Idiot!“, brüllte sein Komplize. „Das fliegt uns gleich um die Ohren!“
Der Junge aber starrte auf die Hand, die sich jetzt um die lodernde Flamme schloss. Es roch nach verbranntem Fleisch und als die Hand sich öffnete, war die Flamme erloschen. Die Hand griff nach der Flasche. „Die stellen wir jetzt mal ganz vorsichtig auf den Boden“, kommentierte eine Stimme, die zu der Hand zu gehören schien. Sie klang nicht einmal unfreundlich. Er versuchte sich umzudrehen, um zu sehen, ob die Stimme auch ein Gesicht hatte, aber die Hand hatte ihm fast unbemerkt die Flasche abgenommen, hatte sie auf den Boden gestellt und war jetzt frei, um sich in seine Schulter zu krallen. „Nicht doch, Kleiner. Augen weiter schön geradeaus. Wir wollen doch nicht,…“
Die Stimme verstummte mitten im Satz. Eine neue Stimme löste sie ab: „Das gilt auch für dich, Großer“, sagte sie trocken. „Was auch immer das hier für eine Versammlung ist, ihr setzt euch jetzt alle brav auf den Boden und sagt kein Wort mehr, bis die Polizei da ist.“
Er ließ sich zu Boden sinken. Was ebenfalls alle Dämonen gut konnten: Erkennen, wenn das Spiel vorbei war. Und diese Stimme kannte er. Kein Dämon würde einen Befehl dieser Stimme verweigern, wenn ihm sein Körper lieb war. Den Jungen hatte er gleich mit sich zu Boden gezogen, weil er immer noch seine Hand in dessen Schulter gekrallt hatte. Direkt neben seinem Ohr hörte er plötzlich eine Klinge aufschnappen. Oh Fuck! Der Alte hatte offenbar keine Antenne für echte Autorität. Aber bevor der Dämon sich schützen konnte, fiel das Messer zu Boden und eine sonore Männerstimme sagte jovial: „Nicht doch Alterchen. Nicht, dass du noch jemandem weh tust. Und jetzt runter mit dir, oder hast du nicht gehört, was die Chefin gesagt hat?“
Danach sprach niemand mehr ein Wort, bis sie Sirenen näherkommen hörten. „Ich bin wirklich gespannt auf eure Geschichten.“ Das war die Männerstimme von eben, aber jetzt war sie eiskalt.
***
Crowley war nervös. Er saß im Sessel des Vorlesers und hörte mit einem halben Ohr Muriel zu, die wie meistens die Begrüßung übernahm. Sie erklärte in wenigen Sätzen, warum sie sich an diesem Samstag mit verbotenen Büchern beschäftigten, ging aber nicht auf Details ein. Über seine Verbannung aus den Schulen sagte sie nichts, darum hatte er sie am Morgen noch gebeten. Er wollte nicht, dass in dieser Wunde gestochert wurde. Sie war noch zu frisch.
Weil einige neue Gesichter im Publikum waren, schilderte Muriel auch noch, wie die Vorlese-Samstage abliefen. Das gab Crowley Zeit, seiner Nervosität auf die Schliche zu kommen. Etwas Lampenfieber hatte er immer, das gehörte zu einem Auftritt einfach dazu, aber das heute war etwas Anderes. Etwas Stärkeres. Es schmeckte fast wie… Angst. Aber warum? Er sah sich aufmerksam in der Buchhandlung um. Die meisten Erwachsenen und Kinder hier kannte er, entweder von früheren Samstagen, aus der Schule oder, weil er ihnen oft im Viertel begegnete. Aber auch an den anderen bemerkte er nichts, das auf eine Gefahr hindeutete. War er heute vielleicht empfindlicher als sonst? Er spürte ja schon seit seiner Rückkehr aus der Hölle eine ständige Unruhe, die irgendwie mit der öffentlichen Stimmung und der allgemeinen Verunsicherung zusammenhing, mit dem steten Strom beunruhigender Nachrichten: Winged Pride, die dämonischen Hells Angels, die Revolte in der Hölle. Dieses Gefühl einer diffusen Bedrohung war ihm mittlerweile sehr vertraut, aber heute war es stärker. Viel stärker. Konnte das mit den neuen Schmierereien und der unverhüllten Drohung zusammenhängen? Crowley war mit seinen Grübeleien gerade an dieser Stelle angekommen, als er Muriel sagen hörte: „Seid ihr schon gespannt, welche Bücher Anthony euch heute mitgebracht hat? Das wird er euch jetzt selbst erzählen.“
Ein kurzer, warmer Applaus ließ ihm gerade noch Zeit für den Vorsatz, heute ganz besonders aufmerksam zu bleiben und sich nicht überraschen zu lassen. Dann noch ein schneller Blick nach unten, um zu überprüfen, dass er das richtige Buch aufgeschlagen in der Hand hatte, und er war startklar.
„Krabat war ein Waisenjunge“, begann er seine Einführung. „Er lebte auf dem Kontinent, weit entfernt von den großen Städten und zu einer Zeit, als Waisenkinder oft ganz auf sich allein gestellt waren. So erging es auch Krabat. Er hatte kein Zuhause, kein Bett, kein Spielzeug und an vielen Tagen auch nicht genug zu essen.“ Er beobachtete, welche Wirkung seine Worte auf seine jungen Zuhörerinnen und Zuhörer hatte, und er musste lächeln, als er das Mitleid auf vielen der kleinen Gesichter sah. Die meisten waren bereits in die Geschichte eingetaucht.
Crowley beugte sich vor. „Das Buch beginnt, als Krabat gerade mit zwei anderen Jungen mitten im Winter durch einen kalten Landstrich wandert. Sie haben sich als die drei Weisen aus dem Morgenland verkleidet und ziehen von Dorf zu Dorf, um dort an den Haustüren zu singen und zu betteln…“
Während der rothaarige Dämon seine Zuhörerinnen und Zuhörer immer mehr in seinen Bann – oder besser: in den Bann seiner Geschichte – zog, beobachtete Erziraphael das Publikum. Viele der Kinder saßen mit offenen Mündern auf ihren Polstern und Stühlen und hatten entweder die Hände vor dem Mund oder vor den Augen. Die meisten Erwachsenen hatten sich in die letzten Reihen zurückgezogen. Die einen erfreuten sich mehr an der Freude ihrer Kinder, andere schenkten dem vorlesenden und erzählenden Dämon ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Sie saßen nach vorn gebeugt auf ihren Stühlen, als wollten sie sich kein einziges Wort entgehen lassen. Ihre Finger waren ineinander verschränkt oder fest um die Armlehnen geschlossen, ihre Wangen waren gerötet und ihre Augen leuchteten wie die der Kinder. Das waren Erziraphaels Lieblings-Besucher. Sie waren bereit, sich von einer Stimme – Crowleys Stimme – in eine andere Welt entführen und sich von einer Geschichte gefangen nehmen zu lassen. Das waren die Eltern, die in ihren Kindern die Liebe zu Büchern wecken und am Leben erhalten konnten!
Es waren aber auch Erwachsene im Publikum, die nicht dem Geschehen in der Buchhandlung folgten, sondern nur auf die Displays ihrer Smartphones starrten. Zwei Männer fielen Erziraphael besonders auf: Sie hatten sich auf Stühle ganz am Rand der Reihen gesetzt und tippten fast ununterbrochen auf ihren Telefonen herum. Der eine war schon zweimal aufgesprungen und zur Tür gegangen, nur um dann unverrichteter Dinge wieder zu seinem Platz zurückzukehren. Der andere hatte bei Crowleys ersten Sätzen noch aufgeregt in sein Telefon geflüstert, jetzt sah er immer wieder nervös zur Tür oder zum Fenster hinaus, genauso häufig auch auf seine Uhr. Erziraphael schüttelte den Kopf. Er kannte die Männer nicht, hatte auch nicht gesehen, mit welchem Kind sie gekommen waren. Aber dieses Verhalten war doch unmöglich! Sie steckten die um sie herum Sitzenden mit ihrer Unruhe schon an. Spätestens in der Pause würde er sie darauf ansprechen, beschloss er. Er versuchte, sich bis dahin ausschließlich auf Crowley zu konzentrieren.
Crowley hatte inzwischen seine Einführung beendet und las die Szene vor, in der Krabat und seine beiden Begleiter zum ersten Mal an die Tür der schwarzen Mühle klopfen. Es war mucksmäuschenstill in der Buchhandlung, so still, dass man die Stimmen draußen vorbeischlendernder Passanten hören konnte – und die sich schnell nähernden Sirenen mehrerer Streifenwagen. Zuerst begannen einige Erwachsene zu tuscheln, schnell wurden aber auch die Kinder abgelenkt. Die Aufmerksamkeit wandte sich von Crowley ab und dem immer weiter anschwellenden Martinshorn zu. Als blaue Lichter über die Schaufenster tanzten und dann direkt vor der Buchhandlung zum Stehen kamen, sprangen die ersten Kinder auf und liefen zu den Fenstern. Dort drückte sie sich die Näschen an den Scheiben platt.
Crowley hatte längst aufgehört zu lesen, das aufgeklappte Buch noch in der Hand. Er suchte Erziraphaels Blick hinter den Reihen der Zuhörenden und fand einen Engel, der ebenso ratlos schien wie er selbst. Was war da draußen los? Hatte das etwas mit ihnen zu tun? Etwas mit dem unguten Gefühl, das ihn nicht verlassen wollte? Zuerst hörten sie vor der Tür mehrere Stimmen, die in schneller Folge Befehle brüllten, die eiligen Schritte schwerer Stiefel, die sich entfernten. Auch die Stimmen wurden leiser und waren kurz darauf nicht mehr zu hören.
„Sollen wir weitermachen?“, flüsterte Muriel Crowley zu, aber der schüttelte den Kopf und zeigte auf die Zuschauerreihen. Die Anwesenden interessierten sich nur für das Geschehen außerhalb der Buchhandlung. Die Kinder drängten sich an den Schaufenstern und hinter der Tür. Einer der Jungen zog an der Türklinke und versuchte, durch den Spalt hinauszusehen. Da sprang jemand auf und rief „Komm sofort da weg!“ Es war Nina, die sich durch die Stuhlreihen quetschte, um möglichst schnell zur Ladentür zu gelangen. Dort zog sie den Jungen an der Kapuze seines Hoodies zurück und rief über ihre Schulter: „Könnten die Eltern bitte ihre Kinder hier wegholen? Wir haben keine Ahnung, was da draußen los ist. Halten Sie sich am besten so weit wie möglich von den Fenstern entfernt.“
Die Menschen gehorchten, holten eilig ihre Kinder zu sich und schoben sie noch weiter in die Buchhandlung hinein. Nina winkte Muriel zu sich heran und flüsterte ihr zu: „Ich versuche herauszufinden, was da los ist. Behalt dein Handy im Blick, ich melde mich, wenn ich was weiß.“ Muriel nickte und ging zurück zur Bühne, wo Crowley immer noch in seinem Sessel saß. Nina schob die Tür vorsichtig etwas weiter auf, schaute sich aufmerksam um und schlüpfte dann hinaus. Die Tür wurde von außen zugedrückt und die Zurückgebliebenen sahen sich ratlos an.
„Ich schlage vor, wir ziehen die Pause vor!“, rief Erziraphael in den Raum. „Es gibt wie immer Limonade und Cookies.“ Seine Stimme klang fröhlich, aber Muriel und Crowley hörten die Sorge heraus – das kleine Vibrato, das seine Stimme sonst nicht hatte, verriet ihn.
***
Nina war in den Hauseingang des Nachbarhauses geglitten und versuchte zu erkennen, was auf der anderen Straßenseite vor sich ging. Sie kniff die Augen zusammen und schaute noch einmal genauer hin. Das waren doch… Ja, das waren definitiv Bee und Gabriel, die da gerade mit den Polizisten sprachen. Die Unterhaltung wirkte lebhaft, besonders Bee gestikulierte raumgreifend. Das ließ sie aus der Entfernung deutlich größer wirken, als sie war. Der Engel dagegen stand leicht breitbeinig neben ihr, den Rücken durchgedrückt, eine Verkörperung der Standhaftigkeit. Er ließ seinen Blick aufmerksam die Straße hinauf- und hinunterwandern. Als er ihre Position streifte, trafen sich ihre Blicke. Nina deutete ein Winken an und Gabriel winkte zurück. Einer der Polizisten wurde auf die Bewegung aufmerksam und sah sich um. Er sah Nina und winkte sie mit einer Geste zu sich, die sie beim besten Willen nicht missverstehen konnte. Zögernd begann sie, die Straße zu überqueren. Erst mitten auf der Fahrbahn wurde ihr bewusst, dass sie dort ganz allein war. Keine Passanten, keine Touristen, keine quietschenden Reifen, keine röhrenden Auspuffe, kein wildes Gehupe. Irritiert sah sie zum Ende der Straße und erstarrte: Zwei quergestellte Streifenwagen bildeten eine Straßensperre und ein Uniformierter mit kugelsicherer Weste und einem Sturmgewehr im Arm stand dahinter.
Was um alles in der Welt war hier los? Vorsichtig schaute sie wieder auf die gegenüberliegende Straßenseite, wo der Polizist ihr ungeduldig Zeichen machte. Sie schüttelte den Schreck ab und folgte der non-verbalen Aufforderung. „Sie kennen diesen Mann?“, rief der Uniformierte schon von Weitem. Nina nickte und beantwortete die Frage erst dann mündlich, als sie direkt neben dem jungen Beamten stehenblieb. „Ja, er ist ein Freund.“ Sie lächelte Gabriel zu und erkannte erst jetzt, dass auch Bee neben ihm stand. Sie wollte näher treten, wurde aber von einer streng blickenden Polizistin zurückgehalten, die sich ihr in den Weg stellte. Dadurch entstand eine Lücke zwischen den uniformierten Beinen und Nina erkannte, auf was die anderen Beamten herunterblickten. Ihr stockte der Atem. Denn da auf dem Boden saß…
„Duuuuu!“ Eine steile Zornesfalte bildete sich auf ihrer Stirn und mit einem erstickten Geräusch, das fast wie ein Knurren klang, stürzte sie auf den bulligen Kerl in der Hells Angels-Kutte zu. „Du schon wieder!“ fauchte sie. „Was treibst du dich dauernd In unserem Viertel herum, du traurige Entschuldigung für einen echten Engel der Hölle?“ Die drei jungen Uniformierten waren so überrumpelt, dass sie Nina erst nach einem scharf geknurrten Befehl der Polizeibeamtin aufhielten. Sie zappelte und versuchte, sich aus dem unnachgiebigen Griff herauszuwinden. „Officers!“, rief sie mit blitzenden Augen. „Was auch immer hier los ist, dieser Kerl hat Dreck am Stecken, so sicher, wie ich den besten Kaffee in Soho verkaufe!“ Als die jungen Männer – Nina schätzte sie auf nicht älter als Anfang zwanzig – fragend die Polizeibeamtin ansahen, drehte auch sie sich zu ihr um. „Inspector!“, sagte sie beschwörend, „dieser Mann“ – sie zeigte mit dem Zeigefinger anklagend auf den bulligen Mann am Boden – „dieser Kerl lungert schon seit Tagen in der Gegend herum. Der führt was im Schilde, darauf verwette ich meinen A…“ „Das reicht, Ma’am!“, unterbrach die Beamtin sie mit versteinerter Miene. „Sie halten jetzt den Mund, bis meine Männer Sie befragen.“ „Aber…!“ Ein vernichtender Blick brachte sie zum Schweigen. Sie sah zu Bee und Gabriel und zuckte hilflos mit den Schultern. Bee hatte sich im Rücken der Einsatzleiterin einen Schritt näher an sie herangeschoben. Jetzt berührte sie Nina vorsichtig an der Hand und schüttelte den Kopf. „Der Dämon wollte helfen“, flüsterte sie. Nina starrte sie ungläubig an. Sie musste sich verhört haben! Bevor sie nachfragen konnte, fuhr der Polizist, der sie herangewinkt hatte, zu ihnen herum und schnauzte Bee an: „Keine Unterhaltung! Haben Sie den Officer nicht gehört, Ma’am? Das gilt auch für Sie. Sie halten jetzt einfach alle mal die Klappe.“ Ninas Telefon meldete mit einem Signalton eine Messenger-Nachricht. Automatisch zog sie das Gerät aus der Hosentasche und las Erziraphaels besorgte Fragen. Gerade hatte sie auf „Antworten“ gedrückt, da drehte der Constable sich zu ihr herum und zeigte vorwurfsvoll auf ihre Hände. „Stecken Sie das Handy bitte weg. Keine Nachrichten, solange wir nicht mit Ihnen allen geredet haben.“ Sein Tonfall ließ keinen Zweifel daran: Seine vermeintliche Bitte war keine. Seufzend schob Nina ihr Telefon zurück in die Hosentasche. Mit einem zufriedenen Nicken wandte der Polizist sich wieder seiner Vorgesetzten zu.