Beasts Befragung (immer noch Samstag)
Beasts Befragung (immer noch Samstag)
Diejenigen von euch, die hier Woche für Woche mitlesen, bitte ich um Entschuldigung: Bin diesmal spät dran UND das Kapitel fällt kurz aus. Die Hitze hat mir wirklich zu schaffen gemacht. Für nächste Woche versuch ich wieder, ein längeres Kapitel veröffentlichungsreif zu machen. Habt Montag einen guten Start!
***
Inspector Rachel Stewart presste ihre Handballen gegen ihre brennenden Augen und unterdrückte ein Stöhnen. Sie hätte sich für die Razzia melden sollen. Dann wäre ihr das hier erspart geblieben. Sie starrte auf ihre Notizen, um den Mann nicht anschauen zu müssen, den sie gerade befragte. Entweder hatte sie es hier mit einer unwahrscheinlichen Ansammlung von Verrückten zu tun oder mit den dreisteten Lügnern, die ihr in ihrer bisherigen Laufbahn untergekommen waren. Und das sollte etwas heißen.
Sie dachte an den Tag, an dem ihr Revierleiter von einer unerwartet anberaumten Lagebesprechung bei Scotland Yard zurückgekommen war und sie alle sofort in den Briefing-Raum beordert hatte. Dort hatte er sie darüber informiert, dass hochrangige ehemalige Mitglieder der Führung von Himmel und Hölle sich in London niedergelassen hatten. Die Beamten hatten sich gegenseitig erstaunte Blicke zugeworfen, dann waren die ersten in lautes Gelächter ausgebrochen und nach und nach hatten sie alle eingestimmt. Sie kamen erst wieder zur Ruhe, als den ersten auffiel, dass der Chef nicht mitlachte. Er war blass und seine Augen wanderten durch den Raum, ohne etwas wahrzunehmen. Das Lachen verebbte und der Revierleiter schien sich in der eingetretenen Stille an ihre Anwesenheit zu erinnern.
„Die Mitteilung kam direkt aus dem Home Departement. Der Commissioner hat keinen Zweifel daran gelassen, dass es sich hierbei um eine offizielle Mitteilung handelt.“ Rachel erinnerte sich genau an den Moment. Das waren die Worte ihres Vorgesetzten gewesen. Er hatte dann noch ebenso ausdruckslos mitgeteilt, dass eine entsprechende Information der Bevölkerung vom Innenministerium für den nächsten Tag vorgesehen sei, bevor er sich auf einen Stuhl sinken ließ.
Um sie herum hatten die Kollegen gewitzelt: „Was heißt denn hochrangig? Wohnen jetzt Satan und der liebe Gott am Hyde Park oder haben sich die Erzengel in einem Luxushotel eingemietet?“ Sie hatten dann erfahren, dass die Identität der „nichtmenschlichen Personen“, so hatte der Revierleiter sie genannt, nicht offenbart worden sei. Das war es. Es gab keine weiteren Informationen und keine weiteren Befehle. Auch in den nächsten Tagen kam kein neues Briefing, keine Dienstanweisung, nichts. Es wurde auch keine Sondereinheit gebildet. Es schien, als sei der Polizeiapparat außer Stande, die offiziellen Informationen mit ihren Aufgaben in Zusammenhang zu bringen.
Rachel schüttelte bei der Erinnerung daran frustriert den Kopf. Sie hatte schon an diesem Tag gewusst, welche Folgen das haben würde. Es war sogar einer ihrer ersten Gedanken gewesen. Die Gelegenheit war einfach zu verlockend, um sie ungenutzt verstreichen zu lassen: Jeder Kleinkriminelle in London, jeder Hehler, jeder Zuhälter, jedes Bandenmitglied und jeder kleine Dealer würde sich einen Spaß daraus machen, beim Kontakt mit der Polizei seine Identität zu verschleiern und zu behaupten, er sei ein Unsterblicher. Sie würden mit ihren angeblichen Fähigkeiten drohen oder sich auf diplomatische Immunität berufen, irgendwas in der Art. Sie hatte sich geärgert – über den unprofessionellen Umgang mit der Verlautbarung, über den fehlenden Weitblick. Hatten sie es auf der Straße nicht schon schwer genug?
Inspector Stewart hatte sich insgeheim gewundert, dass ihr bisher noch kein solcher Fall begegnet war. Die Londoner Unterwelt war in diesen Dingen eigentlich schnell und zuverlässig. Aber nun war es offenbar so weit. Wieder starrte sie auf ihre Notizen. „Ehemaliger Erzengel“ stand da hinter dem Namen von Gabriel Archer, „ehemalige Fürstin der Hölle, Stellvertreterin Satans“ hinter dem Namen von Bee Archer. Auf die Frage nach ihrem Mädchennamen hatte die kleine Frau mit dem auffälligen Augen-Make-Up unsicher die Schultern gezuckt und „Beelzebub?“ gemurmelt. Die Polizistin stieß ein leises Knurren aus. Keiner der beiden konnte sich ausweisen. Und obwohl ihre Aussagen sich nicht widersprochen hatten und auch zur vorgefundenen Lage am Tatort passten, hatte sie die angebliche unsterbliche Führungselite zur Feststellung der Personalien aufs Revier bringen lassen.
Immer noch starrte sie auf die Worte in ihrer Handschrift, die die aufgeschlagene Seite des Notizblocks bedeckten. „Beast“ hatte sie notiert. Als sie nach seinem wirklichen Namen gefragt hatte, hatte er, ohne zu zögern, „Branoc“ geantwortet. Klang irgendwie Gälisch, fand sie, auch wenn ihr der Name nicht vertraut war. Auch dieser Mann hatte aber ratlos gewirkt, als sie nach seinem Familiennamen gefragt hatte. Erst beim dritten Nachhaken hatte er schließlich „Meyers“ genuschelt, was sie für eine so dreiste Lüge hielt, dass sie sie fast nicht einmal aufgeschrieben hätte. Constable Meyers hatte sie vor der Befragung informiert, dass der Mann angeblich ein Antiquitätengeschäft leite. Der Laden existiere tatsächlich, er hatte eine Streife hingeschickt, um die weiteren Angaben zu prüfen. Der Bericht lag jedoch noch nicht vor.
Der Mann hatte bereitwillig seine Mitgliedschaft bei den Hells Angels bestätigt und außerdem ausgesagt, dass er mit dem Lieferwagen seines Geschäfts hier sei. Den hatten die Kollegen zwei Straßen weiter geparkt gefunden. Das Kennzeichen war schon überprüft und hatte sich als gefälscht herausgestellt. Seine weiteren Aussagen zum heutigen Vorfall blieben spärlich, stimmten aber mit denen des Paares weitgehend überein. Er sei bereits dort gewesen, als der Alte und der Junge in der Straße aufgetaucht seien, habe sie beobachtet und eingegriffen, als er erkannte, was die beiden planten. Die verkohlte Innenfläche seiner Hand bestätigte die Aussage aller drei, er habe die Lunte des Molotow-Cocktails damit erstickt. Dann seien Beelzebub und Gabriel aufgetaucht und von da an habe er erst ihre Anweisungen befolgt, später die der Polizei. Er hatte das Paar mit den Namen bezeichnet, die auch die Befragten selbst verwendet hatten, hatte auch ihre angebliche frühere Stellung bestätigt – offensichtlich eine ausgeklügelte und fest etablierte Tarnidentität. Auf Inspector Stewarts Frage, woher er die beiden kenne, hatte er nur geantwortet: „Jeder Dämon kennt Beelzebub.“ Die Polizistin hätte am liebsten ihren Stift zerbissen und hatte das Aufnahmegerät gestoppt.
Sie sah auf, als Branoc sich räusperte. Sie starrte ihn eine Weile an, dann nahm sie sich zusammen. Wenn sie nicht weitermachte, würde der Tag sich nur noch länger hinziehen. „Machen Sie es doch uns allen leichter, indem Sie jetzt die Wahrheit sagen“, forderte sie ihn halbherzig auf, sobald sie die Aufnahme wieder gestartet hatte. „Das habe ich, Ma’am“, antwortete er. Seine Höflichkeit und seine weiche Stimme irritierte sie. Was bezweckte er damit? Sein Auftreten widersprach vollkommen seinem äußeren Erscheinungsbild, das ganz offensichtlich darauf ausgelegt war, einschüchternd und gefährlich zu wirken. Durchaus mit Erfolg, gestand sie sich ein, als ihr beim Betrachten der spitzgefeilten Zähne ein unangenehmer Schauer über den Rücken lief. Wieder rief sie sich zur Ordnung. Sie musste diese Befragung jetzt zu Ende bringen. Gegenüber wartete noch eine ganze Buchhandlung voller Menschen. Und Nina hatte sie auch noch nicht befragt.
- „Was wollten Sie hier?“, fragte sie. „Warum hatten sie sich auf der anderen Straßenseite versteckt?“
# „Ich habe die Buchhandlung beobachtet“, antwortete er, als sei das ein völlig normales Verhalten.
- „Warum?“
# Ich wollte herausfinden, ob es ungefährlich für mich ist, reinzugehen.
Zweifelnd ließ Inspector Stewart den Blick über seine ungepflegte Kutte und die geheimnisvoll glühenden Augen der Rückenapplikation wandern.
- „Sie interessieren sich für Kinderbücher?“
# „Ne! Für den Buchhändler.“
Die Polizistin unterdrückte eine erstaunte Reaktion. War dem Kerl gar nicht klar, dass er sich gerade um Kopf und Kragen redete?
- „Was wollten Sie von Mister…“ Maggie hatte den Namen vorher genannt, Stewart blätterte durch ihre Notizen. „…von Mister Fell?“, vollendete sie schließlich ihre Frage.
# „Erziraphael“, korrigierte Branoc sofort. „Is’n Engel. Da kann ein Dämon nicht einfach so reinmarschieren, wissen Se?“
- Stewart konzentrierte sich auf ihre Atmung. „Ein Engel? Ernsthaft?“
# „Klar. Stand doch sogar schon in der Zeitung.“
- „Sie lesen Zeitung?“ Ihr Blick war genauso abschätzig wie schon bei der Frage, ob er sich für Kinderbücher interessiere.
# „Klar. Bin schließlich Händler. Muss doch wissen, wenn irgendwo Ware zum Verkauf steht.“
- Jetzt wurde es interessant! Die Polizistin setzte sich aufrechter hin. Sie würde auf Hehlerware tippen. Für Drogen schien er ihr nicht tough genug, jedenfalls nicht für die harten. Der Kerl vor ihr war keiner, der eine Drogenküche betrieb. „Wie funktioniert das System?“, fragte sie. „Gibt es einen Code? Von wem kommen die Nachrichten?“
# Er sah sie verständnislos an. „Das is‘ kein Code“, brummte er. „Nicht wirklich. ‚Jh.‘ heißt Jahrhundert, ‚Rok‘ steht für Rokoko, ‚Emp.‘ für ‚Empire‘ und so. Sind einfach Abkürzungen. Das kostet nach Länge.“
- Jetzt starrte Stewart verständnislos ihn an. Jedenfalls fühlte sie sich so, stand vielleicht sogar ihr Mund offen? Sie setzte zur nächsten Frage an, aber Beast sprach schon weiter.
# „Die Kleinanzeigen“, erklärte er bereitwillig. „Wer 'ne Kleinanzeige aufgibt, benutzt immer Abkürzungen. Is' billiger, wissen Se?“
- Sie nickte unwillkürlich. „Und wer gibt diese Kleinanzeigen auf?“
# „Na, die, die was verkaufen wollen.“ Der Hells Angel sah sie mit gerunzelter Stirn an.
- „Woher wissen Sie, auf welche Anzeigen Sie achten müssen?“
# Er rieb sich den Nacken. Stewart versuchte, den Ausdruck auf seinem Gesicht zu lesen.
- „Das steht doch drin, Ma’am“, sagte er langsam und deutlich. „Wenn da was von antiken Möbeln steht, isses für mich interessant.“ Nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: „Ist doch ganz einfach, oder? Nach was sollte ich denn sonst gucken?“
Inspector Stewart versuchte noch immer, seinen Gesichtsausdruck zu deuten. Und dieser Tonfall… Moment… Hielt der Kerl sie etwa für begriffsstutzig? Empört sah sie ihm direkt ins Gesicht. Dann änderte sie die Strategie.
- „In Ordnung. Zurück zur eigentlichen Frage: Was wollten Sie von dem Buchhändler?“
# „Der ganze Laden steht voller Antiquitäten. Wollte herausfinden, ob es da für mich was zu holen gibt. Zu kaufen oder zu verkaufen.“
- „Was hätten Sie ihm denn zum Verkauf angeboten?“ Sie begann langsam, sich ernsthaft zu ärgern. Dem Mann musste doch beizukommen sein!
# „‘N ganzen Transporter voller Queen-Anne-Möbel.“
- Und wo haben Sie die her?“
# „Gekauft. Direkt aus ‘nem baufälligen Herrenhaus heraus. Hab‘ mich überhaupt nur reingetraut, weil ich die Decke mit ‘nem Wunder stabilisiert hab.“
- Die Polizistin schlug entnervt mit der Hand auf den Tisch. „Das reicht! Dann gehen wir jetzt und schauen uns Ihre angeblichen Stilmöbel an. Los, kommen Sie mit!“
Dem verdutzten Constable Meyers warf Sie an den Kopf: „Sie wissen, wo der Transporter dieses Mannes steht?“ Als der Constable nickte, kommandierte Sie ohne weitere Erklärung: „Na, dann bringen Sie uns hin, in Gottes Namen!“ Sie sah nicht, wie Beast in ihrem Rücken bei diesen Worten zusammenzuckte.