Einsichten (Immer noch Samstag)
Einsichten (Immer noch Samstag)
Inspector Rachel Stewart stand in der Tür der Buchhandlung und ließ die Szene auf sich wirken.
Sie war zuvor kurz bei der Kollegin von der Reiterstaffel stehengeblieben, die mit den Pferden draußen wartete, und hatte sich von ihr die Situation schildern lassen. Dann hatte sie auf dem Revier angerufen und gefragt, ob die Kollegen die beiden verhinderten Feuerteufel inzwischen identifiziert hatten. Als die beiden die Aussage verweigert und nach einem Anwalt verlangt hatten, hatte sie spontan entschieden, sie für eine Identifizierung und spätere Vernehmung aufs Revier bringen zu lassen. Es gab vor Ort genug Komplikationen: Die aberwitzige Geschichte voller angeblich Unsterblicher, die Kinder, die mit ihren Eltern in der Buchhandlung festsaßen, das rechtfertigte es in Rachels Wertesystem, zwei unkooperative Brandstifter eine Weile festzusetzen und ihre Aussage erst später aufzunehmen.
Jetzt verschaffte sie sich vom Eingang aus einen Überblick. Die Buchhandlung war bestuhlt, die Stühle durch dicke Sitzkissen auf dem Boden ergänzt. Es wirkte gemütlich, ein schöner Raum für eine Buchhandlung. Vor einer Regalreihe stand auf einer improvisierten kleinen Bühne ein altmodischer Sessel, in dem eine junge Frau saß. Sie hatte aufgesehen, als die Türglocke die Polizistin angekündigt hatte, und schaute Rachel jetzt direkt an. Die Frau lächelte und nickte ihr knapp zu, das war wohl als Begrüßung gemeint. Es hatte eine Lesung geben sollen, erinnerte sie sich. Nina hatte das ausgesagt. Vielleicht war die junge Frau in dem Sessel die Buchhändlerin, Muriel? Sie ließ den Blick die ungleichmäßigen Stuhlreihen entlangwandern. Die Menschen sahen müde aus, dachte sie, zum Teil genervt. Das war nicht ungewöhnlich, sie saßen schließlich schon seit geraumer Zeit in erzwungener Untätigkeit hier rum. Viele der Kinder schliefen oder schienen sich nur noch mit Mühe wachzuhalten. Zwei Männer am Rand der Stuhlreihen machten einen auffallend nervösen Eindruck, viel nervöser als die anderen Anwesenden. Ob das das Paar war, dem die Buchhandlung gehörte? Sie drehten sich den Rücken zu, besonders harmonisch wirkte das nicht, war ihr erster Eindruck.
Rachel drehte sich um sich selbst und schaute aus dem Fenster. Von hier aus sah sie nichts von der Stelle, wo die Verdächtigen aufeinander getroffen waren. Sie ging an der Schaufensterfront entlang, deren unterster Teil mit milchiger Folie abgeklebt war, und spähte immer wieder durch den Teil der Fenster, die aus klarem Glas bestanden. Erst vom letzten Fenster aus konnte sie einen großen Teil der gegenüberliegenden Terrasse sehen, aber hier stand kein Stuhl. Wenn hier niemand gestanden und hinausgeschaut hatte, hatte keiner der Kunden etwas gesehen. Na, großartig! Rachel seufzte. Da konnte sie sich ja auf eine Menge Unmut gefasst machen. Es war wirklich unglücklich, dass Turner das nicht längst selbst geschlussfolgert und die Menschen nach Feststellung der Personalien nach Hause geschickt hatte. Sie würde versuchen, sich zu beeilen und die Fragen schnellstmöglich abzuhandeln.
Sie schaute noch einmal über das Publikum hinweg. Dann rief sie: „Ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit. Wir haben Grund zu der Annahme, dass diese Buchhandlung Ziel eines Brandanschlags werden sollte. Wir haben die vermeintlichen Täter gefasst, bisher aber noch keinerlei Hinweise auf das Motiv. Für Sie besteht im Augenblick keine Gefahr. Ich werde sie nun einen nach dem anderen zu mir bitten. Direkt im Anschluss an meine Befragung werden die meisten von Ihnen nach Hause zurückkehren können. Bis es soweit ist, bitte ich weiterhin um Ihre Geduld.“
Rachel ließ sich von Constable Turner zeigen, wer der Buchhändler war. Es war keiner der beiden Männer, die sie dafür gehalten hatte. Sie ging auf den auffallend hellblonden Mann zu, dessen altmodische Kleidung und entgegenkommendes Lächeln geradezu klischeehaft zu einem Händler von antiquarischen Büchern passten. Er stand auf, als sie sich ihm näherte, und zeigte ihr auf ihre Frage hin den großen Tisch im hinteren Bereich der Buchhandlung. Der würde reichen. Sie nickte stumm, ließ sich auf einen Stuhl fallen, stellte ihr Aufnahmegerät in die Tischmitte, klappte ihren Notizblock an der richtigen Stelle auf und zog die Kappe von ihrem Kugelschreiber. Hoffentlich würden sich alle als ganz normale Familienväter und -mütter herausstellen. Von Exzentrikern und Phantasten hatte sie für heute die Nase voll. Sie nahm das Funkgerät vom Gürtel und gab Turner die Anweisung, den ersten Elternteil zu bringen. Sie setzte sich aufrechter hin und wartete.
***
Der Commissioner hielt sein Handy noch in der Hand, obwohl er das Gespräch längst beendet hatte. Die Innenministerin war üblicherweise eine Frau von größter Selbstbeherrschung. „Very British“, dachte er und lächelte, obwohl er keinen Grund dazu hatte. Heute allerdings, gerade eben am Telefon, hatte er von ihrer sonst geradezu stoischen Gelassenheit nichts gemerkt. Das hatte im Nachhinein erklärt, warum ihr Assistent am Telefon „Warnstufe Rot“ geflüstert hatte, bevor er den Commissioner durchstellte. Er hatte sie vorher noch nie, wirklich noch nie die Stimme anheben hören. Eben hatte sie geschrien. Ihre Stimme hatte sich förmlich überschlagen. „Ausgerechnet!“, hatte sie losgedonnert. „Hätte es nicht ein Promi sein können? Von mir aus auch ein Mitglied der Königsfamilie? Mussten Sie wirklich gleich einen diplomatischen Zwischenfall auf höchster Ebene provozieren?“
Bis zu dieser Frage hatte der Commissioner noch gehofft, es sei ihm vielleicht ein besonders dicker Fisch ins Netz gegangen. Die Meldung, die unmittelbar nach der Eingabe von Bees und Gabriels Namen in die Datenbank auf dem Bildschirm erschienen war, war ein stiller Alarm gewesen. Das deutete im Regelfall auf einen vollstreckbaren Haftbefehl oder einen Terrorverdächtigen hin. Diesmal war es aber kein Regelfall. „Ausgerechnet die Höllenfürstin Beelzebub und seine Heiligkeit Gabriel“, hatte sie hervorgestoßen. „Warum nicht gleich Jesus? Oder noch besser Gott und Satan höchstpersönlich?“ Der Commissioner war erleichtert, als sie schließlich sagte: „Sorgen Sie dafür, dass sich das Problem nicht noch ausweitet. Und jetzt gehen Sie aus der Leitung, ich muss mit dem Himmel sprechen!“
„Beelzebub und Gabriel“ sagte er leise vor sich hin. Hätte Inspector Stewart darauf kommen müssen? Bee und Gabriel waren nicht gerade weit von den wahren Namen entfernt. Nein, hätte sie nicht, erinnerte er sich. Er hatte schließlich seinen Untergebenen die Identität der „hochrangigen Persönlichkeiten“ nicht enthüllen dürfen. Andererseits, die beiden hatten wahrheitsgemäß ausgesagt, wer sie waren. Warum hatte Stewart nicht…? Der Commissioner zuckte mit den Schultern. Er schätzte seinen jüngsten weiblichen Inspector gerade für ihre nüchterne Art und ihren Instinkt. Welcher vernünftige Polizist würde so etwas glauben? Hätte er an ihrer Stelle anders gehandelt? Er bezweifelte es. Er legte das Handy weg und griff stattdessen zu einem Funkgerät. „Geben Sie mir Stewart“, sagte er, als sich ein sehr jung klingender Constable meldete. „Sofort!“
***
„Vergesst nicht, er ist ein Dämon!“ Bee hatte sich über den Tisch nach vorne gebeugt und sah den Freundinnen in die Augen. Sie und Gabriel waren kurz vorher im Café angekommen und hatten berichtet, wie es ihnen ergangen war, nachdem der Inspector sie hatte zum Revier bringen lassen. Bee hatte kichernd erzählt, dass das halbe Revier in Aufruhr geraten war, kaum dass die junge Polizistin, die sie befragte, ihre Namen eingetippt hatte. Kurz darauf sei ein Vorgesetzter erschienen, „einer, der wichtig aussah, mit `ner Menge Blech am Revers“, wie sie es ausdrückte, und habe eine Entschuldigung nach der anderen gestammelt. „Er hat sich erst beruhigt, nachdem wir mehrfach versichert haben, dass wir uns weder im Himmel noch in der Hölle über den Vorfall beschweren würden“, ergänzte Gabriel. „Er hat es sich aber nicht nehmen lassen, uns als Entschuldigung in der Limousine des Commissioners zurückchauffieren zu lassen“, hatte Bee mit funkelnden Augen berichtet. Danach waren sie ernst geworden und diskutierten seitdem darüber, was die Ereignisse des Tages zu bedeuten hatten.
Nina sah nach wie vor die größte Bedrohung in dem Hells Angel, den sie seit Tagen immer wieder im Viertel sah. „Ich sage euch, der führt was im Schilde. Vielleicht plant er, Schutzgeld von uns zu erpressen. Oder sie wollen hier irgendwo `ne Drogenküche aufmachen.“ Maggie nickte zwar mit ernstem Gesicht und gerunzelter Stirn zu den Worten ihrer Partnerin, fragte aber dann: „Verhält er sich dafür nicht viel zu auffällig? Mich wundert, ehrlich gesagt, dass nicht viel früher eine Polizeistreife auf ihn aufmerksam geworden ist.“ Gabriel hatte bis dahin schweigend zugehört, nun schüttelte er den Kopf. „Warum sollte er einen Anschlag auf die Buchhandlung verhindern und dafür eine schwere Verletzung in Kauf nehmen, wenn er vorhätte, hier jemandem zu schaden?“, fragte er. Nina rollte mit den Augen. „Ich dachte, ihr hättet die Menschheit auf eurer Weltreise so genau studiert.“ Sie zog die rechte Augenbraue hoch und wackelte damit. Ihr breites Lächeln nahm dem süffisanten Tonfall die Spitze. Gutmütig erklärte sie: „Wenn direkt in der Nachbarschaft was Schlimmes passiert ist, wären wir doch sicher viel eher bereit, für unseren Schutz zu zahlen, oder?“, sinnierte sie. „Und er hätte sogar schon bewiesen, dass er uns schützen kann.“
„Nina, noch einmal: Er ist ein Dämon! Dämonen und Hells Angels, klingelt da was?“ Die Freundin sah sie irritiert an: „Ja, ich weiß. Na und? Glaubt ihr etwa, die hätten das Geschäftsmodell der Angels komplett umgemodelt und jetzt darauf ausgerichtet, statt zu rauben, zu erpressen und zu morden, lieber Menschen zur Völlerei und zu unkeuschen Gedanken zu verführen?“ Die Dämonin schnaubte. „Nein, das denke ich sicher nicht“, fauchte sie. „Aber vielleicht will der Dämon die anderen Gang-Mitglieder für seine Zwecke einsetzen, als kleine Privat-Armee. Er könnte Rache wollen. Für den Verrat an der Hölle. Oder stell dir vor, er legt sich direkt mit Crowley an. Gegen diesen bulligen Kerl hätte er nicht den Hauch einer Chance.“ Gabriel legte Bee eine Hand auf den Oberarm – sie lag mit dem Oberkörper mittlerweile fast quer über den Tisch, um Nina in die Augen sehen zu können, aber Gabriel zog sie mit beiden Händen behutsam zurück. „Bee,“ begann er und wartete, bis sie ihn ansah. „Das ist alles möglich. Aber warum ist er dann nicht einfach mit seiner Horde vor der Buchhandlung vorgefahren und hat getan, was auch immer er tun wollte? Für Rache oder einen Überfall muss er doch nicht tagelang die Lage auskundschaften.“
Maggie war aufgestanden und zum Fenster gegangen. Sie schaute mit zusammengekniffenen Augen zum Café hinüber. „Die Polizei ist immer noch da“, sagte sie leise. Dann drehte sie sich zu den Freunden um: „Könnt ihr bitte aufhören mit diesen Horrorszenarien? Ihr macht mir Angst.“ Wieder spähte sie über die Straße bis zum Café. „Warum kommt da bloß keiner raus?“, fragte sie. Es klang kläglich.
***
Rachel fühlte sich, als sei dieser Fall ein Labyrinth, aus dem sie den Ausweg nicht fand. Schon wieder starrte sie nach einer Reihe von Gesprächen auf ihre Notizen, auf ihre eigene Handschrift, und konnte nicht glauben, was sie geschrieben hatte. An diesem Punkt war sie heute doch schon mehrfach gewesen! Was übersah sie? Oder wurde sie langsam verrückt? War das womöglich ansteckend? Sie seufzte tief. Bedächtig setzte sie die Kappe auf ihren Stift und legte ihn neben den Notizblock. Sie richtete sich auf, strich ihre Uniformjacke glatt und sagte laut: „Detective Inspector Rachel Deborah Stewart, es ist an der Zeit, den Tatsachen ins Auge zu sehen! Es gibt nur noch eine sinnvolle Schlussfolgerung. Und die ist vollkommen irrwitzig!“ Sie öffnete den Mund, um Turner hereinzurufen und ihm die nächsten Befehle zu erteilen, da tauchte er schon hinter dem Regal auf, das ihren Befragungstisch vom Rest der Buchhandlung abschirmte. Er war blass und zeigte auf das Funkgerät, das ausgeschaltet neben ihr auf einem Stuhl lag. Als er sagte: „Der Commissioner für Sie, Ma’am“, wusste Rachel genau, was ihr Vorgesetzter ihr zu sagen hatte.
Es war ein kurzes Telefonat und es endete damit, dass der Commissioner sagte: „Ich bin wirklich erleichtert, Inspector. Ich hätte beim besten Willen nicht gewusst, wie ich Ihnen die dienstliche Anweisung geben soll, an Engel und Dämonen zu glauben.“ Rachel lächelte. Sie lächelte, weil auch sie erleichtert war. Endlich ergab dieser ganze Tag einen Sinn. Warum hatte sie sich so starrsinnig gegen das Offensichtliche gewehrt? Wie hätten so viele Menschen ihre Aussagen so gut aufeinander abstimmen sollen? Wie sonst war zu erklären, dass so viele durchaus vernünftig wirkende Menschen ihr vermeintlich so kruden Blödsinn vorsetzten? Sie rief sich ein Zitat des berühmtesten britischen Ermittlers überhaupt in Erinnerung: „Wenn man das Unmögliche ausgeschlossen hat, dann muss das, was übrig bleibt, mag es noch so unwahrscheinlich erscheinen, die Wahrheit sein.“ Wieder lächelte sie. Der gute alte Sherlock! Und wieder einmal hatte er am Ende Recht. Obwohl sie mit diesem Fall noch längst nicht am Ende war. Aber sie sah endlich aus der richtigen Perspektive auf alles. Der Rest würde sich finden.
Sie rief den jungen Constable wieder herein, der sie besorgt beobachtete. Er schien damit zu rechnen, dass man ihr den Fall entzogen oder sie degradiert hatte. Er atmete auf, als sie ihm zulächelte. „Turner, seien Sie so gut und sehen Sie, ob Sie mir einen Earl Grey besorgen können. Und dann bitten Sie den Besitzer der Buchhandlung herein. Behandeln Sie ihn bitte besonders zuvorkommend und respektvoll, er ist ein V.I.P.“ Sie sah, dass der junge Constable nicht wusste, was er von ihrer Anweisung halten sollte, aber sie erklärte sie nicht, sondern nickte nur bestätigend. Als Erziraphael mit einer Tasse Tee hereinkam und diese vor ihr abstellen wollte, sprang sie auf. „Aber Eure Heiligkeit, das wäre doch nicht nötig gewesen!“ Sie dachte an die lange Liste von Ehrentiteln und Informationen, die der Commissioner ihr soeben über diesen Mann heruntergebetet hatte, über diesen Mann, der da vor ihr stand und ihr Earl Grey servierte. Der emeritierte Leitende Erzengel, der Vater des Überweltlichen Vertrags, der die UNO-Generalsekretärin duzte und in dessen Buchhandlung Jesus persönlich verkehrte, lächelte sie entwaffnend an und entgegnete: „Aber Inspector, ich weiß doch, was sich für einen Gastgeber gehört. Und bitte nennen Sie mich Erziraphael.“ Rachel sah ihn lange an und er hielt ihrem Blick stand, herzlich lächelnd, als wären sie alte Freunde. Sie blinzelte, räusperte sich, dann erwiderte sie das Lächeln. „Bitte nehmen Sie doch Platz. Ich habe so viele Fragen.“