Befragungen (immer noch Samstag)
Befragungen (immer noch Samstag)
Hoffentlich war niemand zu enttäuscht, dass ich letzte Woche mit dem Veröffentlichen aussetzen musste. Das echte Leben hat vehement meine volle Aufmerksamkeit gefordert. Dafür gibt's diese Woche wieder mal ein etwas längeres Kapitel. Nächste Woche kommen wir dann den Aufklärungen endlich näher.
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Crowley hatte seinen Stuhl so gestellt, dass er von seinem Platz aus das Bücherregal sehen konnte, hinter dem Erziraphael gerade befragt wurde. Er war müde und er wartete sehnsüchtig darauf, dass endlich der letzte Mensch die Buchhandlung verlassen würde. Er wollte sich im Bett verkriechen und keine andere Stimme mehr hören müssen als die von Erziraphael. Er wollte nicht an die Zukunft denken, nicht an das, was der heutige Tag womöglich für ihn und die beiden Engel, für ihr Leben in Soho und für die Buchhandlung bedeutete. Und trotzdem drehten sich seine Gedanken um nichts anderes: Konnten sie den Laden geöffnet lassen oder würde es weitere Anschläge geben? Sie konnten doch ihre Freunde und ihre Kunden – die Kinder – nicht einer solchen Gefahr aussetzen! Würde er jemals wieder in diesem roten Sessel sitzen und gebannt lauschenden Kindern vorlesen? Konnten sie überhaupt hier wohnen bleiben? Würde wieder Normalität einkehren oder würde die Angst von nun an mit ihnen unter diesem Dach leben? Warum wurde ihre kleine Welt, diese kostbare und zerbrechliche Existenz, die sie hier für sich geschaffen hatten, immer wieder so grausam durchgerüttelt, stets auf Neue bedroht? Woher kam der Hass? Und nun kam auch noch rücksichtslose Gewalt hinzu. In seine Sorge mischte sich Wut. Unwillkürlich legte er seinen Kopf in den Nacken und starrte die Decke an. „Ist das immer noch dein verdammter Großer Plan, alter Mann?“, fragte er stumm. „Kannst du einfach nicht aufhören, unserem Glück immer und immer wieder Steine in den Weg zu werfen?“
Wenn er seinen Gedanken ihren Lauf ließ, glitt er in eine Art fiebrigen Alptraum ab, in dem die Schaufensterscheibe unter ohrenbetäubendem Getöse zersplitterte, bevor sich in Sekundenschnelle eine Feuerwalze durch altes Holz und staubtrockenes Papier fraß. Es half nicht, dass er sich nur zu gut daran erinnerte, wie die brennende Buchhandlung gerochen hatte, wo die Flammen am höchsten gelodert und welche Geräusche die in Flammen aufgehenden kostbaren Bücherschätze gemacht hatten, oder wie es sich anfühlte, wenn direkt neben ihm ein lichterloh brennendes Regal in einem Funkensturm in sich zusammenstürzte. Es war alles noch da: Die tanzenden Flammen, die Angst um Erziraphael, die hilflose Wut, die Panik. Das Gefühl des Verlusts. Und der Hass auf alle, die ihm das angetan hatten. Aber diesmal würde kein Adam alles wieder so rekonstruieren, wie es gewesen war. Kein Prophezeiungsbuch hielt rettende Ratschläge bereit.
Crowley schrak aus dem Chaos seiner Gedanken und Gefühle hoch, als er zwei Arme spürte, die sich von hinten um ihn legten, einen Kopf, der an seinen gedrückt wurde. Ein leichter Duft nach sauberer Wäsche, nach Mineralien und nach Salz verriet ihm, dass es Muriel war, die ihn umarmte und beruhigende Tonfolgen in sein Ohr summte. Keuchend atmete er ein. Gleichzeitig begann die Hitze auf seiner Haut nachzulassen und die Schemen flackernder Flammen hinter seinen geschlossenen Lidern zu verblassen. Selbst sein rasender Puls beruhigte sich langsam, auch wenn ein leichter Druck in seiner Brust blieb. Er öffnete die Augen und sah Muriels verschränkte Arme auf seiner Brust. Dankbar drückte er ihren Unterarm. Sie löste sich von ihm und sah ihn prüfend an.
In diesem Moment sprang die Tür auf und die Glöckchen darüber klingelten hektisch. Der junge Constable, der dort stand, Turner, zuckte zusammen und riss den Kopf herum. Wieder irrte seine Hand an seinem Gürtel entlang. Der Mann, der hereingekommen war, sah ihm direkt in die Augen und hob beschwichtigend die Hände. „Ganz ruhig, Officer“, sagte er leise. „Ich bin unbewaffnet. Journalist. Darf ich Ihnen meinen Presseausweis zeigen?“ Der Uniformierte schien nicht zu reagieren.
Crowley drehte vorsichtig den Kopf und sah sich nach den anderen Personen im Raum um. Sie beobachteten wie gebannt die Szene, die sich an der Tür abspielte. Auch Crowley wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Geschehen dort zu. Schließlich nickte Turner, ließ die Hände des Journalisten jedoch nicht aus den Augen, während dieser mit kontrollierten Bewegungen seine Tasche abstellte und seinen Ausweis aus einem der Fächer zog. Erst nachdem der Constable das Dokument eingehend geprüft hatte, händigte er es dem Inhaber wieder aus. „Was wollen Sie hier?“, fragte er mit gerunzelter Stirn. „Den Kollegen von der Nachrichten-Redaktion liegen Informationen über einen vereitelten Brandanschlag auf diese Buchhandlung vor. Ich würde gerne mit Ihrem Vorgesetzen sprechen und den Opfern einige Fragen stellen…“ Der Polizist unterbrach ihn mit einer brüsken Bewegung. „Sie platzen in eine laufende Ermittlung. Der Inspector ist noch bei den Zeugenbefragungen. Wenden Sie sich an den Pressesprecher des Reviers.“ Der Journalist nickte lächelnd, ignorierte die Anweisung und ließ sich auf den nächstbesten Stuhl sinken. „Macht nichts, Constable“, antwortete er dem ihm mit offenem Mund zuschauenden Polizisten und lehnte sich entspannt an die Rückenlehne. „Ich warte gern.“ Er sah sich um und blinzelte Crowley unauffällig zu.
Endlich war jemand gekommen, der sich ganz auf ihre Seite stellen würde. – Crowley war noch nie so froh gewesen, Ben in der Buchhandlung zu sehen.
***
Erziraphael hatte schon vor einigen Minuten begonnen, an seinem Ring herumzuspielen. Immer wieder wanderte die andere Hand dorthin, bis es ihm auffiel. Dann zog er die Hand eilig zurück, strich seine Weste glatt und verschränkte die Hände vor sich auf der Tischplatte. Kurz darauf strich sein Daumen schon wieder über den Ring. Zum Glück waren Sie über den Punkt hinaus, wo Inspector Stewart sich immer wieder für ihren Unglauben entschuldigt hatte und er ihr versichern musste, dass er selbst, Gabriel und Beelzebub, aber auch Nina und Maggie ihr das verzeihen würden. Ganz sicher war er sich zwar in Ninas Fall nicht, ebenso wenig bei Bee, aber darauf kam es jetzt nicht an.
Er wandte seine ständig abschweifenden Gedanken wieder dem Inspector zu. Nach den grundsätzlichen und erwartbaren Fragen („Sind sie tatsächlich unsterblich?“, „Haben Sie wirklich im Himmel gelebt?, Wie ist es dort?, Wie sieht Gott aus?, Haben Sie Flügel?) war sie inzwischen dabei angekommen, ihm scheinbar wahllos die Namen historischer Persönlichkeiten an den Kopf zu werfen, verbunden mit der stets gleichen Frage: „Haben Sie den gekannt?“ Gerade fragte sie nach Cäsar und Kleopatra, dann nach Mozart, Beethoven und Benjamin Britten, jetzt plötzlich nach Hockey-Spielern. Erziraphael lächelte leutselig, nickte hier und verneinte bedauernd dort, ohne wirklich zuzuhören. Es hing nichts von seiner Antwort ab, hatte er beschlossen, und er begnügte sich deshalb mit Zufallstreffern. Er ließ seine Augen durch den Raum schweifen und sie blieben an der großen Standuhr hängen. Konnte das sein? War es wirklich schon Spätnachmittag? So unauffällig wie möglich, zog er seine Taschenuhr aus der Westentasche und sie bestätigte es.
Entschlossen richtete er sich auf und setzte sein engelhaftestes Lächeln auf. „Entschuldigen Sie bitte, Inspector. So gerne ich bereit bin, ihren Wissensdurst zu stillen, wird es doch langsam spät. Sicher haben Sie doch auch noch Fragen zum heutigen Vorfall?“ Rachel unterbrach sich mitten im Satz. In Sekundenbruchteilen war ihr Gesicht feuerrot. So sah sie kaum älter aus als ihre fast noch jugendlichen Untergebenen, bemerkte Erziraphael. Schon begann sie, Entschuldigungen zu stammeln. Der Engel unterdrückte ein Stöhnen. Er beugte sich vor und berührte sie flüchtig an der Hand. „Inspector. Rachel! Bitte nicht, über die Entschuldigungen waren wir doch schon hinweg.“ Sie verstummte, sah ihn mit weit offenen Augen an. Schließlich nickte sie. „Was möchten Sie zuerst wissen?“, fragte er.
„Ist Ihnen heute Morgen etwas Ungewöhnliches aufgefallen?“, war ihre erste Frage zur Sache und Erziraphael beantwortete sie gewissenhaft, berichtete von den Schmierereien, von den Vorbereitungen für die Lesung, vom Eintreffen der Kinder mit ihren Eltern bis zu dem Moment, als sie die Sirenen gehört und schließlich die Lesung abgebrochen hatten. „Kannten Sie alle Anwesenden?“, fragte Rachel und fügte sofort hinzu: „Hat sich jemand auffällig verhalten?“ Der Engel wollte verneinen, hielt aber inne. Die beiden nervösen Väter fielen ihm wieder ein. Sollte er sie erwähnen? Er scheute sich davor, ihnen grundlos Schwierigkeiten zu machen, aber ihr Benehmen war nun einmal wirklich ungewöhnlich gewesen. „Jede Kleinigkeit kann helfen“, ermutigte ihn der Inspector. Und so berichtete Erziraphael, was er beobachtet hatte. Rachel notierte eifrig. Schließlich fragte sie: „Haben Sie Feinde? Fällt Ihnen jemand ein, der zu so etwas fähig wäre?“ Der Engel dachte nach. Seine Antwort kam zögernd: „Es gab zweifellos einige in Himmel und Hölle, die mich und Crowley lieber tot gesehen hätten.“ Er ging absichtlich nicht auf den Unterschied zwischen Entkörperung und Auslöschung ein, das tat hier nichts zur Sache. „Aber soweit ich weiß, hält sich von denen niemand mehr in diesem Universum auf.“ Angespannt wartete er auf Nachfragen zur Existenz anderer Universen, aber offenbar hatte der Inspector seine Aussage nicht genau gehört oder sie nicht wörtlich genommen. „Gab es früher schon Drohungen oder Anfeindungen?“, fragte sie nach. Er erzählte von dem noch nicht lange zurückliegenden Shitstorm, von den vorhergehenden Schmierereien, von den Eltern, die Crowley aus der Schule verbannt sehen wollten. „Aber niemandem davon würde ich so etwas zutrauen“, sagte er mit fester Stimme. „Auf keinen Fall, wenn unschuldige Kinder hier sind.“
Zuletzt zeigte sie ihm auf ihrem Handy drei Fotos. „Bitte schauen Sie sich die Bilder in Ruhe an. Kennen Sie eine dieser Personen?“ Erziraphael schüttelte den Kopf bei dem Bild von Beast. Beim nächsten rief er erstaunt: „Das ist der alte Hank!“ Auf Rachels Nachfrage berichtete er knapp von der unerfreulichen Begegnung im Park, seit der er den Mann kannte. Rachel zeigte ihm das dritte Bild und er wollte schon den Kopf schütteln, da hielt er inne. „Können Sie das Gesicht vergrößern?“ Traurig nickte er, als sein Verdacht sich bestätigte. „Das ist David“, sagte er. Er war blass geworden. „Seinen Nachnamen kenne ich nicht, aber das ist…, das war der Auszubildende unseres Schreiners, Alec Gibson.“ „Könnte er einen Grund haben, Ihnen schaden zu wollen?“ Fragte der Inspector. Erziraphael schluckte, sein Mund war trocken. „Er ist unseretwegen entlassen worden“, sagte er leise.
***
„Mister Crowley, Sir?“ Bei Constable Meyers respektvoller Ansprache atmete Crowley auf. Endlich hatte diese Warterei ein Ende! Er stand auf, streckte sich und ließ zweimal die Schulterblätter kreisen. Dann folgte er dem einladend ausgestreckten Arm des Constables nach hinten.
Erziraphael kam ihm entgegen, offenbar gerade erst aus der Befragung entlassen. Irrte Crowley sich, oder sah der Engel bekümmert aus? Als sie sich direkt gegenüber standen, nickte Erziraphael ihm lächelnd zu. Crowley spürte eine warme Hand auf seiner Schulter, aus der sofort die Spannung wich, dann an seiner Wange. Er lehnte seinen Kopf in die tröstliche Wärme und suchte im Gesicht des Engels nach einem Schatten des Gefühls, das er dort kurz zuvor zu sehen geglaubt hatte. Unter seinem prüfenden Blick wurde Erziraphaels Lächeln breiter, in seinen Augen aber sah Crowley eine Art Schleier, der seinen Verdacht bestätigte. Er schob seine Hand unter Erziraphaels Kinn und hob es sanft an, aber der Engel wich seinem Blick aus und schüttelte fast unmerklich den Kopf. Er griff nach Crowleys Händen und drückte sie, bevor er wortlos hinter sich zeigte, wo Inspector Stewart saß. Der Dämon nickte und ging zu der wartenden Polizistin.
Sie stand neben dem Tisch und reichte ihm die Hand. „Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen“, sagte sie statt einer Begrüßung. Ihre Wangen waren leicht gerötet. „Wenn ich gewusst hätte…“ begann sie, unterbrach sich aber selbst mit einem entschiedenen Kopfschütteln. Sie setzte neu an: „Wenn ich geglaubt hätte, wer Sie sind, hätte ich Sie und Mister Fell natürlich nicht so lange warten lassen.“ Der rote Schimmer vertiefte sich und Crowley konnte sich ein amüsiertes Grinsen nicht verkneifen. „Wie darf ich Sie ansprechen?“, fragte die Polizistin. Auch Crowley bemerkte erstaunt, wie viel jünger sie plötzlich wirkte. „Verzeihen Sie, aber ich bin mit dem Protokoll im Umgang mit Unsterblichen nicht vertraut.“
Crowley zog die Augenbrauen hoch und sah den Inspector an. Er bemühte sich, nicht schon wieder über sie zu lächeln. Sie meinte das ernst, das mit dem Protokoll, oder? Er schüttelte den Kopf und brummte: „Kein Protokoll. Ich hab'n Namen, wie jeder andere. Nehmen Sie den.“ Das Ende vernuschelte er so, dass es kaum noch zu verstehen war. Inspector Stewart zögerte. „Nun…, dann…“ Sie schloss kurz die Augen. Es kostete sie offensichtlich Überwindung, seinem Vorschlag zu folgen. „Wenn das so ist“, sagte sie schließlich, und Crowley meinte den unterdrückten Seufzer mitgehört zu haben, „dann nehmen Sie doch bitte Platz, Mister Crowley.“
Sie startete die Aufnahme. „Erzählen Sie bitte zunächst, wie der Morgen verlaufen ist, bevor die ersten Gäste kamen“, bat sie, und Crowley berichtete in knappen Worten, dass er früh wachgeworden und mit Hexe zu einem Spaziergang aufgebrochen war. Anschließend hatte er mit Muriel die Lesung weiter vorbereitet und Erziraphael hatte sich ihnen fast unmittelbar darauf angeschlossen.
„Die Schmierereien an der Hauswand haben Sie nicht bemerkt?“ Ihre Stimme war ausdruckslos, doch Crowley sah ihr die Verwunderung an. Er schloss die Augen, um sich die Szenen des Morgens noch einmal in Erinnerung zu rufen. Er sah vor sich, wie Nina und Erziraphael draußen mit Farbe und Farbrolle hantiert hatten, und schüttelte den Kopf. „Nein. Soweit ich weiß, waren die nur rechts von der Tür. Ich bin aber mit Hexe aus der anderen Richtung gekommen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Bestimmt war ich in Gedanken schon mehr bei der Lesung als beim Spaziergang“, fügte er hinzu.
Auf Inspector Stewarts Aufforderung hin erzählte er weiter, erzählte von Ninas Auftauchen, ihren Neuigkeiten, der Arbeitsteilung zwischen Vorbereitung drin und Graffiti-Beseitigung draußen und dem Eintreffen der ersten Gäste kurz darauf. Als er bei dem Zeitpunkt angekommen war, an dem sie die Polizei-Sirenen gehört hatten und die Lesung im Grunde beendet war, unterbrach sie ihn. „War Ihnen bis dahin irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen?“ Crowley schüttelte sofort den Kopf. „Nee, wenn ich vorlese, kriege ich vom Drum‘rum meistens nicht viel mit.“ Er überlegte kurz. „Wenn ich mal hochschau, dann acht‘ ich nur auf die Kinder… Ok, manchmal auch auf Erziraphael“, fügte er mit gesenktem Kopf hinzu.
„Also war aus Ihrer Sicht an diesem Morgen alles ganz normal?“, fragte die Polizistin zurück. Crowley hatte schon zu einem Nicken angesetzt, da fiel ihm etwas ein. „Ne, warten Se mal“, sagte er langsam. „Ich war nervös, wirklich richtig nervös. Kein Lampenfieber. War mehr, als könnte ich irgendwas kommen spüren. Konnte aber nicht rausfinden, was. Oder warum.“ Seine Fußspitzen klopften einen nervösen Takt. „War fast wie Angst.“ Er spuckte die vier Worte förmlich aus und sah dabei unter sich.
Der Inspector sah ihn aufmerksam an. Ihren Stift hielt Stewart so, als könne er jeden Augenblick beginnen, selbstständig Notizen zu machen. Crowley sah sie abwartend an. „Haben Engel eine Art siebten Sinn?“ Es gelang ihm nicht, das leise Knurren zurückzuhalten, das sich bei dieser Frage aus seinem Rachen löste. „Ich bin kein Engel“, protestierte er. „Aber ne, so einen Sinn haben weder Engel noch Dämonen.“ Sie ließ den Stift wieder sinken und schien nachzudenken. „In Ordnung“, sagte sie schließlich. „Wie ging es dann weiter?“ Crowley fuhr mit seinem Bericht fort bis zu der Stelle, wo er die Polizisten auf die Buchhandlung hatte zukommen sehen. Hier unterbrach Inspector Stewart ihn erneut. „Haben Sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite jemanden erkannt?“ Er nickte, ohne nachdenken zu müssen. „Zuerst Nina mit `ner Menge Polizisten. Später auch Bee und Gabriel, nachdem sie näher gekommen waren.“ Die Polizistin schrieb konzentriert mir, fragte nach, woher er die Genannten kenne und in welchem Verhältnis er zu ihnen stehe. Seine Antworten schienen sie zufriedenzustellen und sie fragte weiter.
„Haben Sie noch mehr Personen gesehen?“ Wieder bestätigte er das. „Sie hab’n ja drei abgeführt. Zwei davon kamen mir irgendwie bekannt vor. Hab‘ sie aber nur von hinten gesehen, deshalb kann ich’s nich‘ genau sagen. Sorry.“ Wieder ein Schulterzucken. Stewart zeigte ihm nacheinander drei Bilder, Handyfotos in mäßiger Qualität, und wollte wissen, ob er die Personen darauf erkannte. Er nickte beim ersten Bild: „Der alte Hank“, brummelte er. „Den kennt hier fast jeder, weil er sich über alles und jeden aufregt. Leute anpöbelt. Ist nicht grade beliebt.“ Die Polizistin nickte, zeigte auf das zweite Foto. Instinktiv griff Crowley nach dem Handy, das ihm hingehalten wurde. Der Inspector ließ es aber nicht los. Stattdessen beugte sich Crowley dicht darüber. „Scheiße!“, platzte er heraus. „Ich glaub’s nicht. Das is‘ Alecs Azubi. Na ja, sein Ex-Azubi inzwischen.“ Er verzog das Gesicht. „Der kann Leute wie uns nicht ausstehen“, sagte er. „Leute wie Sie? Unsterbliche? Dämonen?“ „Neee!“ Diesmal verneinte Crowley vehement. „Leute wie den Engel und mich. Weil wir… zusammenleben. Hat sich gewunden wie ein Aal, wenn er in unserer Nähe war.“ Der Stift flog übers Papier. Den Kopf noch darüber gebeugt , fragte die Polizistin: „Könnte er Ihnen deswegen schaden wollen?“ Ein weiteres lautes „Neee!“ folgte. „Nicht deswegen. Eher, weil Alec ihn rausgeschmissen hat. Ich denke, das war wegen uns.“
Inspector Stewart Befragung war noch nicht zu Ende. Sie ließ Crowley erklären, warum er das vermutete, wie sein Verhältnis zu dem Tischler war, wie das zu Nina und ihrer Partnerin, wie das zu Gabriel und Bee. Dann fiel ihr Blick wieder auf ihr Handy und sie zeigte ihm das dritte Foto. „Kennen Sie auch diesen Mann?“ Crowley verneinte. „Könnte das ein Dämon sein?“ Ein Schulterzucken. „Kann sein, kann nicht sein. Sieht man auf einem Foto nicht, wenn er nicht grad so Augen hat wie ich.“ Er sah die Polizistin gespannt an. „Vermuten Sie, dass er einer ist?“
Rachel seufzte. Crowley glaubte zu sehen, dass sie mit sich kämpfte. Durfte sie ihm das vielleicht nicht sagen? Könnte ja seine Aussage beeinflussen, oder? Er wartete ab. Sie räusperte sich. Crowley wartete weiter. „Bee hat ausgesagt, dass er einer sei.“ „Dann ist das auch so“, stellte Crowley fest. "Wie können Sie sich da so sicher sein?" Crowley las ehrliches Erstaunen in ihrem Gesicht. „Weil Bee auch eine Dämonin ist. – Und weil Bee nicht lügt.“ Inspector Stewart sah ihn lange an und Crowley hielt ihrem Blick stand. Dann senkte sie den Kopf, blätterte in ihren Notizen und setzt zuletzt einen großen Haken ans Ende einer Zeile.
„Ich glaube, das war es für Erste“, sagte der Inspector nach einer Weile und steckte die Kappe auf den Stift. Sie schaltete das Aufnahmegerät aus und ließ ihren Kopf kreisen. Crowley hörte es knacken. Wahrscheinlich war die junge Polizistin genauso verspannt wie er. Sie hatte ja auch ebenso wenig einen ruhigen Tag hinter sich. Sie schob den Block von sich und lehnte sich auf ihrem Stuhl leicht nach hinten. „Darf ich Sie noch etwas aus rein persönlichem Interesse fragen?“ Er nickte stumm, machte aber eine einladende Handbewegung, um nicht gar zu mürrisch zu wirken. Die junge Frau war noch nie einem Dämon begegnet, ein paar neugierige oder naive Fragen kosteten ihn nichts.
„Sind Sie Satan persönlich begegnet?“, fragte sie und lehnte sich in seine Richtung. „Ist er wirklich so böse, wie man sich das vorstellt?“ Crowleys Atem stockte. Seine Gesichtszüge erstarrten. Vor sich sah er nicht mehr die junge Polizistin, sondern eine gewaltige rote Pranke, die grob nach ihm griff. Inspector Stewart wartete vergeblich auf eine Antwort. „Mister Crowley?“ Sie beugte sich noch weiter über den Tisch und versuchte, ihm in die Augen zu sehen. „Mister Crowley!?“ Ihre Stimme war plötzlich schrill. Die Augen des Dämons waren ausdruckslos und starr nach vorne gerichtet. Jede Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. Sie streckte eine Hand nach ihm aus und griff nach seiner Schulter. Der Dämon war wie versteinert. Sein Körper neigte sich durch die Berührung ein Stück zur Seite. „Meyers!“, rief sie, so laut sie konnte. „Erziraphael!“