Die Welt ohne Sterne
Die Welt ohne Sterne
Der Regen hatte aufgehört.
Nur das Tropfen von Wasser war noch zu hören, das von den verkohlten Dächern auf den schlammigen Boden fiel.
Überall brannte es.
Eine Frau stolperte durch die zerstörten Straßen des Dorfes. Ihr Atem ging stoßweise, während sie ihr Kind enger an sich presste. Blut klebte an ihrer Kleidung.
Hinter ihr erklangen Schreie.
"Lauf!" Es war die Stimme ihres Mannes. Danach hörte sie einen dumpfen Aufprall. Sie drehte sich nicht um, doch das Kind in ihren Armen begann laut zu weinen.
"Bitte", flüsterte sie. "Sei still." Doch Schritte näherten sich bereits. Schwere Schritte und definitiv stammten sie nicht von einem Menschen.
Zwischen den brennenden Häusern tauchten dunkle Gestalten auf. Gelbe Augen glühten im Nebel der Flammen auf.
Werwesen, auch Lykari genannt.
Die Frau wich zurück.
"Es ist nur ein Kind." Einer der Wesen trat hervor.
"Es ist das Kind."
Hinter ihr erklangen weitere Schritte.
Jäger kamen durch den Rauch. Sie hatten Schwerter in ihren Händen, Bögen auf den Rücken und Silber an ihren Klingen.
Für einen Augenblick standen sich beide Seiten Wort- und Regungslos gegenüber.
Jäger und Werwesen. Feinde.
Und zwischen ihnen eine Mutter mit ihrem Kind.
"Gib es uns." Meinte einer der Jäger. Die Frau schüttelte energisch mit dem Kopf.
"Damit ihr es tötet?"
"Damit wir verhindern können, was kommen wird." Eine junge Jägerin, die neben dem augenscheinlichen Anführer stand, sah auf das Kind.
"Was soll denn kommen?" Der angesprochene wandte sich zu ihr.
"Du hast die Schriften gelesen." Sie nickte kurz.
"Dann sprich die Worte." Die junge Jägerin schwieg.
"Sprich sie!" Schließlich begann sie. Leise. Fast wie ein Gebet.
"Wenn das Blut des Jägers sich mit dem Blut des Mondes vereint, wird ein Kind zwischen den Welten geboren.
Zwei Herzen werden in seiner Brust schlagen, doch nur eines wird sein Schicksal tragen.
Wo sein Blut die Erde berührt, wird das Alte erwachen. Wo seine Tränen fallen, wird die Grenze zwischen den Welten brechen.
Der Mond wird sich verdunkeln, der Himmel seine Sterne verlieren und die Schwingen am Himmel werden Schweigen.
Wird das Kind von Hass geführt, wird Feuer die Welt verschlingen.
Wird es jedoch den Weg des Friedens wählen, werden die vergessenen Flügel sich erheben und die Sterne an den Himmel zurückkehren.
Doch fürchte das Kind, denn wo zwei Feinde einander lieben, wird etwas erwachen, dessen Name selbst aus den Ältesten Schriften getilgt wurde.
Und wenn der letzte Stern erlischt, wird das erste Herz erwachen.
Wenn der erste Stern fällt, wird das letzte Geheimnis seinen Namen tragen.
Wenn zwei Schatten einander erkennen, wird einer den anderen ins Licht führen.
Doch wenn das Licht seinen Ursprung findet, wird sich zeigen, wer den Himmel einst zum schweigen brachte." Die junge Jägerin verstummte. Für einen Moment sagte niemand etwas, selbst das Feuer schien leiser zu werden. Der Anführer sah sie an.
"Was bedeutet das?" Sie schüttelte langsam den Kopf.
"Ich weiß es nicht." Er glaubte ihr nicht. Vielleicht war genau das der Grund, warum er sein Schwert zog.
Die Mutter schrie. Die Jägerin stellte sich vor sie.
"Es ist ein Kind." Der angesprochene schüttelte kaum merklich mit dem Kopf.
"Es ist eine Gefahr."
"Es hat niemandem etwas getan."
"Noch nicht." Die Klinge hob sich. Das Kind begann erneut zu weinen, hatte es sich in der Zwischenzeit doch etwas beruhigt gehabt und dann fiel das Schwert.
Das Kind verstummte. Für einen Moment schien die Welt den Atem anzuhalten.
Die Mutter lag regungslos im Schlamm. Die junge Jägerin kniete neben dem kleinen Körper des Babys und starrte auf ihre Hände.
Blut, das Blut des Kindes klebte an ihren Händen.
Es rann zwischen ihren Fingern hindurch und tropfte auf die Erde.
Ein Tropfen, dann noch einer.
Der Boden darunter begann zu leuchten, wodurch die junge Jägerin zurück wich.
"Was?"Ein leises Knacken ging durch die Erde. Dann ein zweites.
Die Risse breiteten sich aus, nicht nur unter dem Kind. Überall. Durch die Straßen des Dorfes, durch die Felder bis hinunter zur Küste.
Die Werwesen verstummten, die Jäger senkten ihre Waffen.
Etwas war geschehen, was selbst sie nicht verstanden.
Einer der älteren Wesen trat näher, sein Gesicht verlor dabei jegliche Farbe.
"Das Blut."
"Was ist damit?" Wollte einer der Jäger wissen. Der alte sah auf die Risse im Boden.
"Es hat sie gefunden."
"Wen?" Er antwortete nicht, stattdessen ging er auf die Knie.
Das erste Mal seit Beginn des Krieges sah man ein Werwesen beten.
"Wir hätten das Kind nicht töten dürfen." Ein Donnerschlag erschütterte den Himmel. Doch es gab keine Wolken, der Boden bebte.
Weit draußen auf dem Meer erhoben sich Wellen, obwohl kein Wind ging.
Die junge Jägerin sah zum Horizont. Dort war etwas. Ein dunkler Punkt, der nach und nach immer größer wurde, bis der Himmel selbst zu fliegen schien.
Dann sah man die Flügel, der Drache kam.
Er hätte schon früher kommen können.
Das war die Wahrheit, die später niemand mehr aussprechen wollte.
Er hatte den Krieg gesehen, er hatte die ersten Toten gesehen.
Er hatte gesehen, wie aus Nachbarn Feinde geworden waren und wie Hass von Generation zu Generation weitergegeben wurde.
Doch der Krieg allein hatte ihn nicht gerufen. Denn solange nur Blut vergossen wurde, war es der Krieg der Menschen.
Der Tod des Kindes war etwas anderes.
Das Kind war nicht nur das erste Mischwesen gewesen. Es war der erste Mensch, in dessen Blut zwei Linien miteinander verbunden waren, die seit Anbeginn der Zeit getrennt gewesen waren.
Und mit seinem Tod war diese Verbindung nicht verschwunden, sie war aufgebrochen.
Etwas, das tief unter der Erde geschlafen hatte, hatte das Blut gespürt.
Etwas, das älter war als die Prophezeiung, älter als die Jäger oder die Werwesen. Vielleicht sogar älter als die Drachen selbst.
Der Drache hatte es gehört. Nicht mit den Ohren. Er hatte es in der Magie gespürt, ein Riss war entstanden und wenn dieser Riss größer wurde, würde nicht nur das Dorf fallen.
Die Grenze zwischen der Welt der Menschen und der Welt der alten Magie würde brechen.
Dann wäre der Krieg nicht länger der Krieg zwischen zwei Völkern. Er würde die gesamte Welt erreichen.
Deshalb kam der Drache. Nicht um das Kind zu retten, dafür war es bereits zu spät.
Er kam, weil sein Tod etwas in Bewegung gesetzt hatte, das nicht mehr aufgehalten werden konnte.
Der Drache flog über das Dorf. Sein Schatten verschluckte das Feuer. Jäger und Werwesen schauten zu ihm hinauf.
Zum ersten Mal standen sie auf der selben Seite. Nicht als Verbündete, sondern aus der selben Angst heraus.
Der Drache senkte den Kopf. Seine Augen ruhten auf dem toten Kind, dann auf den Menschen, ehe er seinen Blick auf den Riss in der Erde lenkte.
Ein tiefes Grollen ging durch seine Brust. Die Erde antwortete und der Riss schloss sich, doch nur für einen Augenblick.
Denn der Drache wusste: Die Wunde war nicht geheilt, sie konnte nicht geheilt werden, nicht hier und nicht mehr.
Er musste etwas anderes tun, er musste den Riss von der Welt trennen.
Seine Schwingen breiteten sich aus und die Magie, die seit Jahrtausenden in ihm geruht hatte, begann zu erwachen.
Das Meer wich zurück und die Erde bebte.
Aus den Tiefen erhoben sich Berge. Dort, wo Wasser gewesen war, entstand Land.
Nicht irgendein Land. Es war ein Land, dessen Grenzen nicht von Menschen gezogen werden konnten. Ein Land, das die alte Welt vergessen musste.
Sylvaris.
Der Drache erschuf keine neue Welt, weil er die Menschen retten wollte. Er erschuf sie, weil er verhindern musste, dass das, was unter ihnen erwacht war, die alte Welt erreichte. Und deshalb wurden alle, die sich in diesem Moment innerhalb des Kreises befanden, von seiner Magie erfasst.
Menschen. Jäger. Werwesen. Sie alle wurden nach Sylvaris gezogen.
Nicht als Strafe oder als Belohnung. Sondern weil sie Teil des Risses geworden waren. Sie waren mit dem Geschehen verbunden und solange sie in der alten Welt blieben, würde die Verbindung bestehen bleiben.
Der Drache hatte nur eine Möglichkeit. Er musste sie mitnehmen und danach musste er die Tür schließen. Für immer.
Als der letzte Mensch den Boden Sylvaris' berührte, hob der Drache seinen Kopf.
Der Schleier begann sich über das Land zu legen. Doch bevor er sich schloss, blickte der Drache noch einmal zum Himmel.
Dort standen die Stern. Unzählige. Hell und klar.
Dann erlosch der erste, dann der zweite und dritte. Einer nach dem anderen verschwand einfach, bis nur noch der Mond übrig blieb.
Seit diesem Tag gibt es in Sylvaris keine Sterne mehr.
Die Alten würden später erzählen, die Sterne seinen die Drachen. Dass sie sich zurückgezogen hätten, dass sie irgendwo jenseits des Schleiers warten würden und das sie eines Tages wiederkehren würden.
Doch niemand wusste, warum der Drache wirklich gekommen war.
Niemand wusste, was weit unter der Erde erwacht war.
Und niemand wusste, das der Tod des erstem Mischwesens nicht das Ende der Prophezeiung gewesen war.
Er war ihr Anfang.
Jahrhunderte vergingen.
Sylvaris blieb verborgen. Die Menschen außerhalb vergaßen die Insel, bis nur noch Geschichten über einen Ort übrig waren, an dem Schiffe verschwanden und kein Kompass mehr nach Norden zeigte.
Doch tief unter den Wäldern schlief etwas weiter. Etwas, das mit dem Blut des ersten Mischwesens erwacht war.
Und in einer Nacht, in der der Mond ungewöhnlich hell über Sylvaris stand, geschah etwas, das seit jenem Tag vor Jahrhunderten nicht mehr geschehen war.
Zum ersten Mal leuchtete ein Stern und weit unter der Erde öffnete jemand seine Augen.
Die Drachen waren nicht zurückgekehrt. Noch nicht.
Aber etwas anderes war erwacht.