Ein neuer Anfang
Ein neuer Anfang
Elyra
Der Himmel über Sylvaris war leer.
Nicht vollkommen leer, natürlich. Der Mond stand hoch über den dunklen Baumwipfeln, während vereinzelte Wolken gemächlich durch die Nacht zogen. Doch dahinter erstreckte sich nichts als tiefschwarze Dunkelheit. Kein einziges Licht funkelte in der Ferne. Kein Stern durchbrach das endlose Schwarz.
Elyra Hazel Conway hatte sich schon oft gefragt, wie es wohl aussehen mochte, wenn der Himmel voller Sterne war.
Als Kind hatte sie Geschichten darüber gehört. Geschichten von einer längst vergangenen Zeit, in der Tausende winziger Lichter über die Welt gewacht hatten. Manche behaupteten, die Sterne seien die Seelen der Verstorbenen gewesen. Andere erzählten, dass es sich in Wahrheit um Drachen handelte, die eines Tages zurückkehren würden.
Ihr Vater hatte solche Geschichten verabscheut.
Geschichten machen Menschen schwach, Elyra. Und Schwäche bringt dich um.
Unwillkürlich verzog sie das Gesicht.
Selbst weit entfernt von Veyrath gelang es diesem Mann noch immer, ihre Gedanken zu beherrschen.
„Wenn du noch länger in den Himmel starrst, wächst dir irgendwann Moos auf der Stirn.“
Elyra wandte den Kopf.
Dean Weather lehnte einige Schritte entfernt an einem Baum. Seine kurzen blonden Haare waren vom Wind zerzaust, und in seinen strahlend blauen Augen lag jenes unerträglich selbstzufriedene Funkeln, das sie nur allzu gut kannte.
Mit seinem markanten Gesicht und dem charmanten Lächeln hätte Dean vermutlich sogar einer wütenden Hexe einen Kuss entlocken können.
Zumindest war er selbst davon überzeugt.
„Wäre immerhin eine Verbesserung gegenüber deinem Gesicht“, erwiderte Elyra trocken.
Dean legte sich gespielt eine Hand aufs Herz und stieß einen theatralischen Seufzer aus.
„Autsch. Und ich dachte, wir wären Freunde.“
„Das frage ich mich auch jeden Tag“, entgegnete sie und schenkte ihm ein unschuldiges Lächeln.
Er schüttelte enttäuscht den Kopf, als hätte sie ihn gerade zutiefst beleidigt.
„Du verletzt mich, Conway.“
Elyra zuckte gleichgültig mit den Schultern.
„Du wirst es überleben, Weather.“
„Das weißt du nicht. Vielleicht sterbe ich heute Nacht an gebrochenem Herzen“, erklärte Dean und ließ sich dramatisch gegen den Baum sinken.
Elyra betrachtete ihn einen Moment lang, bevor sie die Augen verdrehte.
„Dann stirb bitte leise. Ich genieße gerade die Ruhe.“
Dean lachte so laut, dass ein paar Vögel erschrocken aus den umliegenden Bäumen aufflogen.
Elyra konnte nicht anders, als ebenfalls zu lachen.
Es war ein seltsames Gefühl, einfach so zu lachen. Ohne darüber nachzudenken, ob es zu laut war. Ohne sich zu fragen, ob jemand es als unangemessen empfinden könnte.
In Veyrath hatte es für solche Dinge wenig Platz gegeben.
Dort bedeutete ein Fehler keine Gelegenheit, darüber zu lachen.
Ein Fehler bedeutete Schmerzen.
Gedankenverloren strich Elyra über ihr linkes Handgelenk.
Eine schmale Narbe zog sich über die Innenseite ihrer Haut. Im schwachen Mondlicht war sie kaum zu erkennen, doch Elyra wusste genau, wo sie verlief.
Sie war vierzehn gewesen, als ihr Vater ihr ein Übungsmesser in die Hand gedrückt und verlangt hatte, dass sie ihn entwaffnete.
Sie hatte gezögert.
Ein einziger Augenblick.
Mehr hatte es nicht gebraucht.
Drei Tage Krankenhaus, ein gebrochenes Handgelenk und eine Lektion, die sich tiefer in ihr Gedächtnis eingebrannt hatte als jede andere.
Zögere niemals.
„Hey.“
Deans Stimme klang plötzlich ernster.
Elyra hob den Kopf und bemerkte, dass ihr Freund sie aufmerksam musterte.
„Alles in Ordnung?“, fragte er vorsichtig.
Sie nickte und zwang sich zu einem kleinen Lächeln.
„Natürlich.“
Dean betrachtete sie einen Moment lang. Er kannte diesen Gesichtsausdruck. Er kannte ihn sogar besser, als ihr lieb war.
„Du denkst wieder an ihn, oder?“, fragte er schließlich und trat einen Schritt näher.
Elyra schwieg.
Dean seufzte leise und stellte sich neben sie.
„Du weißt, dass du ihm nichts mehr beweisen musst?“
Sie senkte kurz den Blick.
„Ich weiß.“
„Und dass du nicht mehr in Veyrath bist?“, fügte er hinzu.
Elyra nickte.
„Auch das weiß ich.“
Dean legte den Kopf schief und musterte sie nachdenklich.
„Und dass ich ausgesprochen gut aussehe?“
Elyra drehte langsam den Kopf und starrte ihn an.
„Wie bitte?“
Er zuckte unschuldig mit den Schultern.
„Ich wollte nur sichergehen, dass dein Gehirn noch funktioniert.“
Sie stieß ihn mit dem Ellbogen gegen die Seite.
„Idiot.“
Dean grinste breit und richtete sich wieder auf.
„Aber ein verdammt hübscher Idiot.“
Diesmal musste sie tatsächlich lachen.
Genau deshalb war Dean mitgekommen.
Nicht, weil er besonders vernünftig war. Das war er nämlich ganz und gar nicht. Und auch nicht, weil er eine außergewöhnliche Begabung dafür besaß, sich aus Schwierigkeiten herauszuhalten.
Im Gegenteil.
Dean schien Ärger geradezu magisch anzuziehen.
Doch er war einer der wenigen Menschen, bei denen Elyra nicht ständig auf der Hut sein musste.
Er kannte ihre Vergangenheit.
Er kannte ihre Narben.
Und er wusste, dass sie manchmal nachts aufschreckte, weil sie glaubte, wieder die Stimme ihres Vaters zu hören.
Trotzdem behandelte er sie nicht wie etwas Zerbrechliches.
Er behandelte sie wie Elyra.
Und dafür liebte sie ihn.
Dean schulterte schließlich seine Tasche und deutete mit dem Kopf in Richtung des schmalen Weges.
„Komm. Wenn wir uns beeilen, finden wir vielleicht noch eine Unterkunft.“
Elyra hob skeptisch eine Augenbraue.
„Du hast doch gesagt, du könntest problemlos draußen schlafen.“
„Kann ich auch“, erwiderte Dean selbstbewusst.
Sie verschränkte die Arme vor der Brust.
„Und?“
Dean verzog das Gesicht.
„Ich habe meine Meinung geändert.“
„Nach einer Nacht?“, fragte Elyra ungläubig.
Er hob belehrend einen Finger.
„Es war eine sehr lange Nacht.“
Elyra schnaubte amüsiert.
„Du hast geschnarcht wie ein sterbender Bär.“
Dean richtete sich empört auf.
„Das war mein Körper, der sich gegen die unmenschlichen Bedingungen gewehrt hat.“
Sie schüttelte lachend den Kopf und folgte ihm den schmalen Weg entlang.
Vor ihnen erstreckte sich eine Landschaft, die sie bislang nur aus Büchern und Erzählungen kannte.
Sanfte Hügel wechselten sich mit dichten Wäldern ab. Zwischen den Bäumen schimmerten kleine Wasserläufe, und in der Ferne erhoben sich die Umrisse einer Stadt. Ihre Lichter leuchteten warm gegen die Dunkelheit.
Sylvaris war wunderschön.
Das hatte selbst ihr Vater niemals bestritten.
Doch Schönheit bedeutete in diesem Land nicht zwangsläufig Frieden.
Sylvaris bestand aus verschiedenen Bezirken, von denen jeder seine eigenen Gesetze, Traditionen und Bewohner besaß. Manche waren für ihre Gastfreundschaft bekannt, andere für ihre Grausamkeit.
Und wieder andere waren Orte, die ein vernünftiger Mensch besser mied.
Zumindest hatte man Elyra das beigebracht.
Besonders dann, wenn dort übernatürliche Wesen lebten.
Werwesen. Vampire. Kreaturen, deren bloße Existenz in ihrer Heimat als Bedrohung galt.
Elyra hatte gelernt, solche Wesen zu bekämpfen, lange bevor sie überhaupt verstanden hatte, warum.
Für ihre Eltern war die Welt einfach gewesen.
Menschen waren Menschen.
Jäger waren Beschützer.
Und alles Übernatürliche war eine Gefahr, die beseitigt werden musste.
Es spielte keine Rolle, ob ein Wesen jemals jemandem etwas angetan hatte. Es spielte keine Rolle, ob es eine Familie besaß, Kinder großzog oder friedlich lebte.
Seine Herkunft genügte, um es zum Feind zu erklären.
Lange Zeit hatte Elyra diese Überzeugung geteilt.
Vielleicht tat sie es tief in ihrem Inneren sogar noch immer.
Und genau das machte sie wütend.
Sie wollte nicht wie ihre Eltern werden.
Sie wollte nicht jeden Fremden als möglichen Gegner betrachten. Wollte nicht bei jedem ungewöhnlichen Geräusch zusammenzucken oder instinktiv nach ihrer Waffe greifen.
Vor allem aber wollte sie endlich selbst entscheiden, wem sie vertraute.
Dean bemerkte, wie still sie geworden war, und warf ihr einen Seitenblick zu.
„Woran denkst du?“, fragte er schließlich.
Elyra blickte zu den Lichtern der Stadt, die langsam näher rückten.
„Daran, wie viel ich noch nicht gesehen habe.“
Dean folgte ihrem Blick und lächelte.
„Dann haben wir ja einiges vor uns.“
Ein kleines Lächeln erschien auf ihren Lippen.
„Ja. Das haben wir.“
Erst wenige Wochen waren seit ihrem achtzehnten Geburtstag vergangen. Wenige Wochen, seit sie Veyrath verlassen und den Kontakt zu ihren Eltern vollständig abgebrochen hatte.
Es war keine leichte Entscheidung gewesen.
Doch es war ihre gewesen.
Zum ersten Mal bestimmte niemand, wann sie aufstehen musste, wie lange sie trainierte oder mit wem sie sprechen durfte.
Zum ersten Mal konnte sie selbst entscheiden, wohin ihr Weg führte.
Und zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie keine Ahnung, was der nächste Morgen bringen würde.
Der Gedanke gefiel ihr.
Zumindest so lange, bis irgendwo hinter ihnen ein Ast knackte.
Elyra blieb augenblicklich stehen.
Ihre Hand wanderte an ihre Hüfte, während sich ihre Muskeln anspannten.
Sie lauschte.
Ein leises Rascheln.
Dann Stille.
Dean blieb ebenfalls stehen und sah sie fragend an.
„Elyra?“, flüsterte er.
Sie hob die Hand und bedeutete ihm zu schweigen.
Ihr Blick wanderte über die dunklen Büsche.
Sekunden vergingen.
Schließlich sprang ein kleines Tier aus dem Unterholz und verschwand auf der gegenüberliegenden Seite des Weges.
Langsam entspannte sie sich.
Dean hob eine Augenbraue und betrachtete sie mit einem vielsagenden Grinsen.
„Du weißt schon, dass nicht jeder Busch versucht, dich umzubringen?“
Elyra nahm die Hand von ihrer Waffe und warf ihm einen trockenen Blick zu.
„Sag das dem Busch.“
Dean verschränkte nachdenklich die Arme vor der Brust.
„Vielleicht war es ein besonders gefährlicher Busch.“
Elyra schloss kurz die Augen.
„Dean.“
Er ließ sich nicht beirren.
„Ein Killerbusch. Mit messerscharfen Blättern.“
„Halt die Klappe“, murmelte sie, während sie versuchte, ein Grinsen zu unterdrücken.
Dean beugte sich verschwörerisch zu ihr.
„Ich würde ihn ernst nehmen. Er sah verdächtig aus.“
Elyra schubste ihn lachend weiter.
Doch Dean bemerkte, dass ihr Lächeln nicht ganz ihre Augen erreichte.
Er sagte nichts dazu.
Manchmal war es besser, sie einfach weitergehen zu lassen.
Die Stadt rückte langsam näher.
Aus der Ferne drangen Musik und Stimmen zu ihnen herüber. Menschen bewegten sich durch die beleuchteten Straßen, und der Duft von frisch gebackenem Brot vermischte sich mit dem Geruch feuchter Erde.
Elyra blieb einen Augenblick stehen.
Es war so anders als Veyrath.
So lebendig.
So frei.
Dean trat neben sie und folgte ihrem Blick.
„Na?“, fragte er erwartungsvoll.
Sie lächelte.
„Ich glaube, hier gefällt es mir.“
Dean betrachtete die Stadt und grinste breit.
„Mir auch. Besonders die Tatsache, dass es dort vermutlich Alkohol und hübsche Frauen gibt.“
Elyra verdrehte die Augen.
„Du bist unmöglich.“
Dean legte sich eine Hand auf die Brust und sah sie gespielt beleidigt an.
„Und trotzdem bist du mit mir unterwegs.“
„Ich bereue es bereits“, erwiderte sie trocken.
Er beugte sich etwas näher zu ihr und grinste.
„Lügnerin.“
Elyra sah ihn an und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.
„Vielleicht ein bisschen.“
Dean legte einen Arm um ihre Schultern und zog sie freundschaftlich an sich.
„Na komm, Conway. Sehen wir uns an, was dieses verdammte Leben für uns bereithält.“
Gemeinsam gingen sie weiter.
Hinein in eine Stadt, in der sie niemanden kannten.
Noch nicht.
Jonah
Jonah Jughead Baker hasste Papierkram.
Es gab vermutlich tausend Dinge, die er lieber getan hätte, als an einem Schreibtisch zu sitzen und sich durch Rechnungen, Personalpläne und Beschwerden von Hotelgästen zu arbeiten.
Ein Kampf gegen drei ausgewachsene Werwölfe beispielsweise.
Oder ein Sprung von einer Klippe.
Beides erschien ihm im Augenblick ausgesprochen verlockend.
Mit einem genervten Seufzen warf er den Stift auf seinen Schreibtisch und lehnte sich zurück.
Sein Loft befand sich im obersten Stockwerk eines seiner beiden Hotels in Elyndra. Die großzügigen Räume waren modern eingerichtet, mit dunklen Möbeln, hohen Decken und einer gewaltigen Fensterfront, die einen beinahe uneingeschränkten Blick über die Stadt ermöglichte.
Es war sein Zuhause.
Sein Rückzugsort.
Und leider auch der Ort, an dem er einen Großteil seiner Arbeit erledigte.
Auf dem Couchtisch lagen Unterlagen, neben seinem Laptop stand eine längst kalt gewordene Tasse Kaffee, und über der Rückenlehne des Sofas hing seine schwarze Lederjacke.
„Wenn du die Rechnungen noch länger so anstarrst, lösen sie sich vielleicht von allein in Luft auf.“
Jonah hob den Blick.
Jace Harris stand am Eingang zum Wohnbereich.
Natürlich ohne anzuklopfen.
Seine schwarzen Haare verschwanden größtenteils unter einer dunkelgrauen Mütze, die er offenbar selbst im Schlaf nicht abnahm. Seine grünen Augen funkelten amüsiert, während er sich mit einem breiten Grinsen gegen den Türrahmen lehnte.
Mit seinem beinahe jungenhaften Gesicht hätte man den Einundzwanzigjährigen leicht unterschätzen können.
Ein Fehler, den manche nur einmal machten.
Jace war nicht ohne Grund Jonahs Beta.
Jonah betrachtete ihn mit einem genervten Blick.
„Hast du schon einmal etwas von Privatsphäre gehört?“
Jace zuckte unbekümmert mit den Schultern.
„Ja. Halte ich für überbewertet.“
Ohne auf eine Einladung zu warten, betrat er den Wohnbereich, ließ sich auf das große Sofa fallen und legte die Füße auf den Couchtisch.
Jonah betrachtete erst die Schuhe, dann Jace.
„Runter“, knurrte er.
Jace hob unschuldig den Kopf.
„Was?“
Jonah deutete mit dem Stift auf den Tisch.
„Deine Füße.“
Jace sah demonstrativ auf seine Schuhe und nickte nachdenklich.
„Oh. Die gehören mir.“
„Jace.“
„Jonah.“
Jonahs Augen verengten sich.
„Ich schwöre dir—“
Jace hob beschwichtigend beide Hände und nahm die Füße herunter.
„Schon gut, schon gut. Du bist heute wieder ausgesprochen reizend.“
Jonah schüttelte den Kopf und griff nach dem nächsten Dokument.
„Was willst du?“
Jace lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
„Dich daran erinnern, dass du seit heute Morgen arbeitest.“
Jonah warf ihm einen kurzen Blick zu.
„Und?“
„Und dass normale Menschen gelegentlich essen“, erklärte Jace mit gespielter Geduld.
Jonah hob eine Augenbraue.
„Gut, dass ich keiner bin.“
Jace grinste.
„Das erklärt einiges.“
Jonah schüttelte den Kopf und widmete sich wieder seinen Unterlagen.
Es gab vermutlich keinen Menschen in ganz Sylvaris, der ihn so zuverlässig zur Weißglut bringen konnte wie Jace Harris.
Und gleichzeitig gab es kaum jemanden, dem er mehr vertraute.
Jace kannte ihn lange genug, um zu wissen, wann er tatsächlich wütend war und wann er einfach nur seine Ruhe haben wollte.
Bedauerlicherweise ignorierte er beides mit bemerkenswerter Konsequenz.
„Dawn hat nach dir gefragt“, sagte Jace schließlich beiläufig.
Jonahs Hand hielt inne.
Sofort hob er den Kopf.
„Ist etwas passiert?“
Jace schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Jonah legte den Stift beiseite.
„Geht es ihr gut?“
Jace seufzte und sah ihn vielsagend an.
„Jonah.“
„Was?“
„Ihr geht es gut. Sie wollte lediglich wissen, ob du heute Abend noch Zeit für sie hast.“
Jonah lehnte sich zurück.
„Natürlich habe ich Zeit für sie.“
Jace deutete mit dem Kinn auf den Stapel Unterlagen.
„Dann solltest du vielleicht irgendwann anfangen, dich wie jemand zu benehmen, der das auch vorhat.“
Jonah warf ihm einen warnenden Blick zu.
Jace lächelte nur.
Dawn war Jonahs kleine Schwester.
Und obwohl er es niemals offen zugegeben hätte, war sie vermutlich der wichtigste Mensch in seinem Leben.
Seit dem Tod ihrer Eltern hatte er alles darangesetzt, ihr ein gutes Leben zu ermöglichen.
Er hatte die Hotels übernommen, sich um die Geschäfte gekümmert und gleichzeitig versucht, für Dawn der große Bruder zu bleiben, den sie brauchte.
Manchmal war das leichter gesagt als getan.
Besonders dann, wenn die Vergangenheit ihn wieder einholte.
Jace beobachtete ihn einen Moment lang, bevor er nachdenklich den Kopf schieflegte.
„Weißt du, manchmal frage ich mich, ob du überhaupt schlafen musst.“
Jonah hob langsam den Blick.
„Manchmal frage ich mich, ob du überhaupt denken kannst.“
Jace verzog das Gesicht und legte sich gespielt eine Hand aufs Herz.
„Autsch. Das war gemein.“
Jonah zuckte gleichgültig mit den Schultern.
„Ich gebe mir Mühe.“
„Das merkt man“, murmelte Jace trocken.
Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
„Im Ernst, Jonah. Die Hotels laufen gut. Das Rudel ist versorgt. Niemand versucht gerade, uns umzubringen. Du könntest dir tatsächlich mal einen freien Abend gönnen.“
Jonah schnaubte und deutete auf die Unterlagen.
„Du hast keine Ahnung, was alles erledigt werden muss.“
Jace hob eine Augenbraue.
„Doch. Dafür bin ich dein Beta.“
„Dann benimm dich auch so.“
Jace richtete sich ein Stück auf und grinste selbstzufrieden.
„Ich benehme mich hervorragend.“
Jonah betrachtete die dunkelgraue Mütze auf seinem Kopf.
„Du siehst aus wie ein zwölfjähriger Taschendieb.“
Jace grinste breit.
„Ein ausgesprochen attraktiver Taschendieb.“
Jonah schüttelte den Kopf.
„Natürlich.“
Jace strich sich demonstrativ über seine Mütze.
„Die Frauen lieben diese Mütze.“
Jonah hob skeptisch eine Augenbraue.
„Die Frauen haben offensichtlich keinen Geschmack.“
Jace lehnte sich grinsend zurück.
„Neid steht dir nicht, Boss.“
Jonah griff nach seinem Stift.
Jace wich vorsichtshalber ein Stück zurück und hob abwehrend die Hände.
„Schon gut. Keine Gewalt im Wohnzimmer.“
Jonah musste sich ernsthaft zusammenreißen, um nicht zu grinsen.
Es gelang ihm.
Knapp.
„Ich erledige nur noch ein paar Dinge“, knurrte er schließlich.
Jace verdrehte die Augen.
„Das hast du vor drei Stunden auch gesagt.“
Jonah warf ihm einen genervten Blick zu.
„Und du redest seit drei Stunden zu viel.“
Jace erhob sich lachend.
„Eine Stunde, Jonah. Danach hole ich dich persönlich hier raus.“
Jonah verschränkte die Arme vor der Brust.
„Versuch's doch.“
Jace grinste.
„Mach ich.“
Er verschwand in Richtung Küche.
„Und ich esse jetzt etwas von deinem Essen!“, rief er über die Schulter.
Jonah richtete sich abrupt auf.
„Finger weg von meinem Kühlschrank!“
Aus der Küche erklang ein zufriedenes Lachen.
„Zu spät!“
Jonah schloss kurz die Augen.
Manchmal fragte er sich ernsthaft, ob sein Beta überhaupt einen Überlebensinstinkt besaß.
Dann blickte er auf die Unterlagen vor sich.
Zwei Hotels.
Dutzende Angestellte.
Ein eigenes Rudel.
Und Dawn.
Manchmal fragte er sich, wie er es geschafft hatte, all das aufzubauen und zusammenzuhalten.
Mit siebzehn hatte er kaum gewusst, wie man eine vernünftige Geschäftsentscheidung traf.
Damals hatte er andere Dinge im Kopf gehabt.
Blut.
Schreie.
Und zwei reglose Körper auf einer Straße außerhalb von Elyndra.
Jonah schloss die Augen.
Ein Fehler.
Sofort waren die Bilder wieder da.
Die Hand seiner Mutter, die wenige Augenblicke zuvor noch nach seiner gegriffen hatte.
Die Stimme seines Vaters.
Das Geräusch, als dieser zu Boden fiel.
Jonah riss die Augen auf.
Sein Kiefer spannte sich an.
Jahre waren vergangen.
Jahre, in denen niemand den Verantwortlichen gefunden hatte.
Manchmal glaubte er, den Geruch dieses Tages noch immer wahrnehmen zu können.
Und manchmal stellte er sich vor, wie es wäre, dem Mörder gegenüberzustehen.
Was er sagen würde.
Was er mit ihm machen würde.
Ob er überhaupt etwas sagen würde.
Seine Finger schlossen sich langsam zu Fäusten.
Der Wolf in seinem Inneren regte sich.
Jonah atmete tief durch.
Nicht jetzt.
Er erhob sich und trat an die gewaltige Fensterfront seines Lofts.
Unter ihm erstreckte sich Elyndra. Menschen gingen durch die Straßen, Lichter brannten hinter den Fenstern, und irgendwo in der Ferne erklang Musik.
Diese Stadt war sein Zuhause.
Hier war er aufgewachsen.
Hier hatte er gelernt, was Familie bedeutete.
Und hier hatte er sie verloren.
Er wusste, dass er nicht in Elyndra geboren worden war.
Ravaryn.
Das war der Name des Bezirks, aus dem er ursprünglich stammte.
Seine leiblichen Eltern waren Alphas gewesen. Nicht irgendwelche, wenn man den wenigen Informationen glauben konnte, die er damals gefunden hatte.
Sie galten als die mächtigsten Alphas aller Zeiten.
Doch das war auch schon beinahe alles, was er wusste.
Keine Namen.
Keine Gesichter.
Keine Ahnung, ob sie überhaupt noch lebten.
Manchmal fragte er sich, ob sie jemals an ihn dachten.
Ob sie sich fragten, was aus dem Kind geworden war, das sie einst fortgegeben hatten.
Meistens verdrängte er diese Gedanken.
Die Menschen, die ihn großgezogen hatten, waren seine Eltern gewesen.
Daran änderte auch die Wahrheit über seine Herkunft nichts.
Ebenso wenig wie die Tatsache, dass er sich kurz nach ihrem Tod zum ersten Mal verwandelt hatte.
Er erinnerte sich noch immer an den Schmerz.
An die Angst.
An das Gefühl, als würde sein eigener Körper auseinanderbrechen.
Damals hatte er geglaubt, den Verstand zu verlieren.
Heute war der Wolf ein Teil von ihm, den er sich nicht mehr wegdenken konnte.
Ein Teil, der ihn stärker machte.
Und gefährlicher.
Jonah ließ seinen Blick über die Stadt schweifen, bevor er schließlich zum Himmel aufsah.
Dunkelheit.
Nichts als Dunkelheit.
Kein einziger Stern.
Er hatte Bücher über die alte Welt gelesen. Über riesige Städte, fremde Länder und einen Himmel, der nachts von unzähligen kleinen Lichtern bedeckt gewesen sein sollte.
Es klang beinahe unwirklich.
Und trotzdem hätte er einiges dafür gegeben, es einmal mit eigenen Augen zu sehen.
Vielleicht war es die Vorstellung einer Welt ohne die Grenzen, die Sylvaris seit Jahrhunderten prägten.
Vielleicht war es auch einfach die Sehnsucht nach etwas, das er niemals kennengelernt hatte.
Jonah mochte Sylvaris.
Es war seine Heimat.
Doch manchmal fragte er sich, ob es irgendwo einen Ort gab, an dem niemanden interessierte, ob jemand Mensch, Jäger oder Werwesen war.
Einen Ort, an dem Herkunft keine Rolle spielte.
An dem niemand aufgrund dessen, was er war, verfolgt wurde.
Er schnaubte leise.
Wahrscheinlich war dieser Gedanke genauso unrealistisch wie die Vorstellung, dass eines Tages wieder Sterne über Sylvaris leuchten würden.
„Wenn du fertig bist, den Himmel anzustarren, könnten wir vielleicht etwas unternehmen.“
Jonah drehte sich um.
Jace stand mit einem angebissenen Sandwich im Mund vor ihm.
Jonah betrachtete das Sandwich.
Dann Jace.
„Ist das meins?“, fragte er langsam.
Jace kaute hastig und schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Jonah verschränkte die Arme vor der Brust.
„Jace.“
Sein Beta schluckte und grinste unschuldig.
„Vielleicht.“
Jonah atmete langsam aus.
„Du bist unmöglich.“
Jace nickte zufrieden.
„Danke.“
„Das war kein Kompliment“, stellte Jonah klar.
Jace zuckte mit den Schultern.
„Ich nehme es trotzdem.“
Er schluckte den letzten Bissen herunter und grinste.
„Komm schon. Ein Drink. Ein bisschen Musik. Vielleicht erinnerst du dich sogar daran, wie man Spaß hat.“
Jonah schnaubte.
„Ich weiß, wie man Spaß hat.“
Jace hob skeptisch eine Augenbraue.
„Ach ja? Wann war das letzte Mal?“
Jonah schwieg.
Das Grinsen seines Betas wurde breiter.
„Dachte ich mir.“
Schließlich griff Jonah nach seiner schwarzen Lederjacke.
„Ein Drink“, stellte er klar.
Jace nickte eifrig.
„Natürlich.“
Jonah zog die Jacke über.
„Nicht mehr.“
„Selbstverständlich“, versicherte Jace mit einem Grinsen, das alles andere als vertrauenswürdig wirkte.
Jonah ging an ihm vorbei.
„Und hör auf, so dämlich zu grinsen.“
Jace folgte ihm lachend.
„Kann ich nicht. Ist angeboren.“
Gemeinsam gingen sie in Richtung Aufzug.
„Außerdem habe ich gehört, dass heute ein paar hübsche Frauen im Pub sein sollen“, bemerkte Jace beiläufig.
Jonah drückte den Aufzugknopf.
„Das interessiert mich nicht.“
Jace schnaubte.
„Dich interessiert überhaupt nichts.“
Jonah warf ihm einen Seitenblick zu.
„Doch. Ruhe.“
„Langweilig“, murmelte Jace.
Jonah drehte langsam den Kopf.
„Jace?“
Sein Beta grinste.
„Ja, Boss?“
Jonah sah ihn warnend an.
„Wenn du heute Abend auch nur eine einzige Frau mit irgendeiner dämlichen Anmache belästigst, lasse ich dich morgen früh allein die Trainingshalle putzen.“
Jace lachte und schüttelte den Kopf.
„Du würdest mir doch niemals meine Chancen bei den Frauen ruinieren.“
Jonah betrat den Aufzug.
„Probier's aus.“
Jace folgte ihm grinsend.
Vielleicht war ein Abend außerhalb seines Lofts tatsächlich keine schlechte Idee.
Zumindest würde Jonah dort keine verdammten Rechnungen sehen müssen.
Die Begegnung
Der Pub war gut besucht.
Musik drang aus den Lautsprechern, Gläser klirrten, und das Stimmengewirr der Gäste erfüllte den Raum.
Dean Weather fühlte sich augenblicklich wohl.
Elyra hingegen brauchte einen Moment.
Zu viele Menschen.
Zu viele Bewegungen.
Zu viele mögliche Gefahren.
Ihr Blick wanderte automatisch über die Gäste, die Ausgänge und die dunkleren Ecken des Raumes.
Dean bemerkte es.
Natürlich bemerkte er es.
„Elyra.“
Sie wandte den Kopf.
„Hm?“
Dean deutete mit einer ausladenden Handbewegung auf den Raum.
„Du bist in einem Pub.“
Elyra hob eine Augenbraue.
„Das sehe ich.“
Er beugte sich etwas näher zu ihr.
„Nicht auf einem Schlachtfeld.“
Sie sah ihn genervt an.
„Ich weiß.“
Dean verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete sie mit einem vielsagenden Blick.
„Dann hör auf, die Leute anzusehen, als würdest du überlegen, wen du zuerst ausschalten musst.“
Elyra musterte ihn einen Moment lang.
„Ich überlege gerade, ob ich mit dir anfange.“
Dean grinste zufrieden.
„Siehst du? Schon viel besser.“
Er legte einen Arm um ihre Schultern und führte sie zur Theke.
„Zwei Drinks, bitte“, sagte er zur Bedienung.
Die junge Frau hinter dem Tresen lächelte ihn freundlich an.
Dean erwiderte das Lächeln mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass Elyra nur den Kopf schütteln konnte.
„Du bist wirklich hoffnungslos“, murmelte sie.
Dean sah sie unschuldig an.
„Was denn? Ich war freundlich.“
Elyra verschränkte die Arme vor der Brust.
„Du hast geflirtet.“
Dean legte sich eine Hand auf die Brust.
„Das nennt man soziale Kompetenz.“
Elyra schnaubte.
„Das nennt man ein Problem.“
Er grinste.
„Du bist nur neidisch.“
Elyra hob skeptisch eine Augenbraue.
„Auf was?“
Dean strich sich selbstzufrieden durch die blonden Haare.
„Meine natürliche Anziehungskraft.“
Elyra nahm ihr Glas entgegen und betrachtete ihn trocken.
„Ich hoffe, sie findet irgendwann den Weg zurück zu deinem Gehirn.“
Dean lachte.
Am anderen Ende des Raumes saßen Jonah und Jace an einem Tisch.
Jace hatte es bereits geschafft, mit zwei Frauen ins Gespräch zu kommen.
Jonah beobachtete das Schauspiel mit einer Mischung aus Belustigung und Resignation.
„Du bist unglaublich“, murmelte er und schüttelte den Kopf.
Jace wandte sich grinsend zu ihm.
„Danke.“
Jonah hob eine Augenbraue.
„Das war kein Kompliment.“
Jace zuckte unbekümmert mit den Schultern.
„Ich nehme es trotzdem.“
Eine der Frauen lachte.
Jace schenkte ihr ein charmantes Lächeln.
Jonah schüttelte den Kopf und nahm einen Schluck aus seinem Glas.
Er hatte seinen versprochenen Drink fast ausgetrunken.
Und ehrlich gesagt reichte ihm das auch.
„Ich gehe kurz raus“, sagte er schließlich und stellte sein Glas ab.
Jace nickte, ohne den Blick von seiner Gesprächspartnerin abzuwenden.
„Mach das, Boss. Frische Luft soll Wunder wirken.“
Jonah erhob sich und zog seine Lederjacke zurecht.
„Vielleicht versuche ich es mal mit einer Woche ohne dich.“
Jace lachte.
„Du würdest mich vermissen.“
Jonah warf ihm einen trockenen Blick zu.
„Unwahrscheinlich.“
Jace grinste ihm hinterher.
„Hab dich auch lieb!“
Jonah zeigte ihm im Vorbeigehen den Mittelfinger.
Jace lachte.
Wenig später beschloss auch Elyra, sich etwas frische Luft zu gönnen.
Dean war gerade damit beschäftigt, der Bedienung eine Geschichte zu erzählen, die mit jedem Satz unglaubwürdiger wurde.
„Du warst also wirklich allein gegen fünf Männer?“, fragte sie beeindruckt.
Dean nickte ernst.
„Mindestens fünf.“
Elyra verschluckte sich beinahe an ihrem Getränk.
„Es waren zwei!“, warf sie empört ein.
Dean drehte sich zu ihr und sah sie vorwurfsvoll an.
„Du ruinierst gerade eine wirklich gute Geschichte.“
Elyra stellte ihr Glas ab und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Du hast dich im Gebüsch versteckt!“
Dean hob belehrend einen Finger.
„Taktischer Rückzug, Conway.“
„Du bist über deine eigenen Füße gestolpert!“, erinnerte sie ihn.
Dean zuckte gleichgültig mit den Schultern.
„Details.“
Die Bedienung lachte.
Elyra schüttelte den Kopf.
„Ich brauche frische Luft.“
Dean winkte ihr zu.
„Bring mir etwas mit.“
Sie blieb stehen und sah ihn verwirrt an.
„Was?“
Dean grinste breit.
„Frische Luft.“
Elyra verdrehte die Augen und machte sich auf den Weg zur Tür.
Draußen war es deutlich kühler.
Die Musik drang gedämpft durch die geschlossene Tür des Pubs auf die Straße.
Jonah stand unter einer schwach leuchtenden Straßenlaterne und zog eine Zigarette aus seiner Tasche.
Er steckte sie zwischen die Lippen und suchte nach seinem Feuerzeug.
Nichts.
„Verdammt“, murmelte er und tastete die andere Tasche ab.
Im selben Augenblick wurde die Tür hinter ihm aufgestoßen.
Jemand prallte gegen seine Schulter.
Nicht besonders fest.
Aber fest genug, dass ihm die Zigarette aus dem Mund fiel.
„Oh, verdammt! Entschuldigung, ich habe nicht“
Jonah drehte sich um.
Und sah sie.
Lange kastanienbraune Haare fielen ihr über die Schultern. Ihre rehbraunen Augen waren groß, aufmerksam und für einen winzigen Augenblick erschrocken.
Doch es war nicht ihr Aussehen, das ihn innehalten ließ.
Es war etwas anderes.
Etwas, das er nicht erklären konnte.
Ein seltsames Ziehen breitete sich in seiner Brust aus.
Sein Wolf, der bis eben vollkommen ruhig gewesen war, regte sich plötzlich.
Nicht aggressiv.
Nicht warnend.
Sondern beinahe erwartungsvoll.
Auch Elyra hatte sich seit dem Zusammenstoß nicht mehr bewegt.
Irgendetwas stimmte nicht.
Sie konnte es spüren.
Der Fremde vor ihr war groß, dunkel gekleidet und besaß eine Ausstrahlung, die sie instinktiv vorsichtig werden ließ.
Seine beinahe schwarzen Augen ruhten aufmerksam auf ihr.
Sie bemerkte die kräftigen Schultern unter seiner Lederjacke, die dunklen Haare und die feinen Narben in seinem Gesicht.
Gefährlich.
Das war das erste Wort, das ihr in den Sinn kam.
Und doch verspürte sie nicht den Wunsch, vor ihm davonzulaufen.
Ganz im Gegenteil.
Etwas an ihm zog sie an.
Etwas, das ihr vollkommen fremd war.
Ihr Herz schlug schneller.
Reiß dich zusammen, Elyra.
Jonah betrachtete sie einen Moment lang, bevor er schließlich die Stimme erhob.
„Alles in Ordnung?“
Elyra blinzelte und schien erst jetzt wieder zu bemerken, wo sie sich befand.
„Ja. Ich ... ja“, antwortete sie etwas unbeholfen.
Ihre Stimme klang unsicherer, als ihr lieb war.
Jonah runzelte leicht die Stirn.
Er konnte nicht sagen, was gerade geschehen war.
Doch sein Wolf war plötzlich hellwach.
Elyra trat einen kleinen Schritt zurück.
Sofort spannte sich etwas in Jonah an.
Er verstand nicht, weshalb ihn diese winzige Bewegung störte.
Sie war eine Fremde.
Eine junge Frau, die versehentlich gegen ihn gelaufen war.
Mehr nicht.
Zumindest sollte es so sein.
Elyras Blick fiel auf die Zigarette, die zwischen ihnen auf dem Boden lag.
„Ich glaube, ich schulde dir eine neue“, sagte sie verlegen und deutete auf den Boden.
Jonah folgte ihrem Blick.
Dann sah er wieder zu ihr.
„Scheint so“, erwiderte er mit einem kaum merklichen Lächeln.
Ein kleines Lächeln erschien auf ihren Lippen.
Und aus irgendeinem unerklärlichen Grund konnte Jonah den Blick nicht davon lösen.
Elyra strich sich eine kastanienbraune Haarsträhne hinters Ohr und sah ihn einen Moment lang an.
„Ich bin Elyra“, sagte sie schließlich.
Jonah hielt inne.
Elyra.
Der Name hallte in seinen Gedanken wider.
Sein Wolf wurde vollkommen still.
Als würde er lauschen.
Als hätte er auf genau diesen Augenblick gewartet.
„Jonah“, antwortete er schließlich und hielt ihren Blick fest.
Elyra lächelte erneut.
Und während um sie herum das Leben weiterging, Menschen lachten und Musik aus dem Pub drang, geschah etwas, das keiner von beiden verstand.
Etwas, das älter war als die Grenzen von Sylvaris.
Älter als der Krieg.
Vielleicht sogar älter als die Legenden selbst.
Weder Elyra noch Jonah ahnten, dass diese zufällige Begegnung der Anfang von etwas war, das ihrer beider Leben für immer verändern würde.
Denn manchmal brauchte das Schicksal weder einen Krieg noch eine Prophezeiung, um seinen Lauf zu nehmen.
Manchmal genügte ein einziger Zusammenstoß unter einem sternlosen Himmel.