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Was uns verbindet

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Was uns verbindet

Elyra hielt den Blick auf die gegenüberliegende Straßenseite gerichtet, als Dean die Hoteltür hinter ihnen zufallen ließ. Erst als sie außer Sichtweite der Glasfront waren, lockerte sie den Griff um den Riemen ihrer Tasche. Sie hatte sich vorgenommen, draußen wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Bislang schien der Abstand zum Baker Grand dafür allerdings nicht auszureichen.

„Wenn du noch länger so finster guckst, verlangt die Stadt Schmerzensgeld“, bemerkte Dean neben ihr. Sie schob ihre Tasche höher auf die Schulter.

„Dann bezahlst du. Du wolltest raus aus dem Hotel.“

„Ich wollte einen entspannten Vormittag. Das war offenbar ungenau formuliert.“ Sein Blick blieb an einer Bäckerei hängen, aus deren geöffneter Tür warmer Gebäck-Duft strömte. Elyra kannte diesen Ausdruck. Wenige Minuten später standen sie mit einer Papiertüte wieder auf dem Gehweg und Dean reichte ihr eine mit Apfel gefüllte Teigtasche.

„Wir haben gerade erst gefrühstückt“, erinnerte sie ihn, nahm die angebotene Leckerei aber trotzdem.

„Du hast gefrühstückt. Ich musste mein Essen gegen einen Beta verteidigen.“

„Jace wollte den Schinken.“

„Eben.“ Dean biss in sein Gebäck und deutete mit dem Rest die Straße hinunter.

„Außerdem lässt es sich mit dir leichter über die Zukunft reden, wenn du etwas zu essen hast.“ Elyra wollte widersprechen, doch er sah sie so erwartungsvoll an, dass sie stattdessen einen demonstrativ großen Bissen nahm. Sein Grinsen war die Mühe wert. Während sie weitergingen, löste sich allmählich die Anspannung zwischen ihren Schultern.

Rund um das Hotel hatten noch breite Fassaden und große Eingänge das Straßenbild bestimmt; hier drängten sich kleine Läden zwischen den Wohnhäusern. Vor einem Blumenladen rang eine ältere Frau mit einem widerspenstigen Sonnenschirm. Ein Junge hielt ihr die Tür auf, während sie lautstark behauptete, keinerlei Hilfe zu benötigen.

Elyra beobachtete die beiden und ertappte sich bei der Frage, ob sie diesen Weg irgendwann kennen würde. Ob sie wissen könnte, wann die Bäckerei öffnete und welcher Laden auch spät noch Kaffee verkaufte. Der Gedanke war so alltäglich, dass er ihr zunächst kaum erlaubt vorkam.

Dean schien ihr Zögern zu bemerken. Er wartete, bis sie die nächste Kreuzung überquert hatten, bevor er das Thema wieder aufgriff.

„Wir müssen heute keine Entscheidung treffen. Aber ich würde gern wissen, ob du überhaupt bleiben möchtest.“ Sie wischte einen Krümel von ihrer Jacke. Seit dem Aufbruch hatten sie ihre Wege danach ausgesucht, wo sie möglichst wenig auffielen. Einen Ort danach zu beurteilen, ob er ihnen gefiel, war ungewohnt.

„Vielleicht“, sagte sie schließlich. „Es fühlt sich hier anders an.“ Dean verlangsamte seine Schritte und sah sie an.

„Gut anders?“ Sie nickte.

„Als könnte ich irgendwann aufhören, ständig auf den nächsten Aufbruch zu warten.“ Er antwortete nicht sofort. An seinem Gesicht erkannte sie, dass sie ausgesprochen hatte, was ihm selbst durch den Kopf gegangen war. Er war ihretwegen mitgekommen. Trotzdem sollte das, was jetzt vor ihnen lag, auch sein Leben werden.

„Was willst du?“, fragte sie.

„Ein paar Tage, um die Stadt kennenzulernen.“ Er zerknüllte die leere Tüte. „Und danach eine Entscheidung, bei der wir beide mitreden.“ Seine beiläufige Stimme nahm der Frage ihre Schwere. Elyra lächelte und blieb vor einem Schaufenster stehen. Zwischen bemalten Tassen saß eine kleine Tonkröte, die aussah, als hätte man sie persönlich beleidigt. Dean folgte ihrem Blick.

„Erinnert mich an unseren Gastgeber.“

„Die Kröte hat weniger Tattoos.“

„Aber denselben herzlichen Gesichtsausdruck.“ Elyra lachte. Im Glas hinter der Kröte bewegte sich eine dunkle Gestalt, und ihr Lächeln verblasste, noch bevor sie den Mann richtig erkannt hatte. Er stand auf der anderen Straßenseite, ein Handy in der Hand. Sie hatte ihn beim Verlassen des Hotels bemerkt, ein zweiter Mann stand neben ihm an der Hauswand gelehnt.

Sie ließ den Blick über die Auslage gleiten, während sie seine Spiegelung beobachtete. Er hob den Kopf, sah in ihre Richtung und wandte sich hastig wieder dem Display zu.

„Lass uns da entlanggehen“, sagte sie und deutete auf die schmalere Straße links.

Dean bemerkte ihren veränderten Ton. Er stellte keine Frage, sondern ging neben ihr weiter. Erst als sie hinter der nächsten Ecke waren, berührte sie kurz seinen Ärmel.

„Wir werden möglicherweise verfolgt. Dunkle Jacke, Handy. Sein Begleiter trägt einen grauen Mantel.“ Dean sah sie an, ohne sich umzudrehen.

„Seit dem Hotel?“ Sie nickte.

„Ich will erst sicher sein.“

Sie wechselten die Straßenseite und blieben vor einer Buchhandlung stehen. Während Dean die Bücher im Fenster betrachtete, prüfte Elyra die Spiegelung zwischen zwei Plakaten. Der Mann mit dem Handy kam um die Ecke. Einige Schritte dahinter erschien der mit dem grauen Mantel.

Dean sah ihre Reaktion und stellte sich so, dass er die Straße überblicken konnte.

„Vielleicht möchte jemand mit mir über meine Berufswahl sprechen“, murmelte er.

Seit dem Pub wussten offenbar mehr Menschen von seiner Ausbildung, als ihnen lieb sein konnte. Elyra hoffte, dass das die Erklärung war. Der größere Mann beobachtete jedoch sie, sobald sein Begleiter zu Dean sah. Es gefiel ihr nicht, wie sie sich dabei verständigten.

„Vorne ist ein Platz“, sagte sie leise. „Zwei Ausgänge, soweit ich sehen kann.“ Dean ließ das Schaufenster hinter sich. Sein lockerer Gang täuschte darüber hinweg, wie aufmerksam er inzwischen die Umgebung prüfte. Elyra kannte ihn lange genug, um sich darauf verlassen zu können, dass er ihre offene Seite deckte. Gemeinsam traten sie zwischen den Häusern hervor.

Der Platz war kleiner, als er von der Straße aus gewirkt hatte. Ein Brunnen stand zwischen zwei Bänken; rechts führte ein Durchgang zurück zu den Geschäften. Elyra hatte ihn beinahe erreicht, als hinter ihnen Dean's Name fiel.

Sie drehten sich gemeinsam um. Der Mann mit dem Handy kam direkt auf sie zu, während sein Begleiter einen Bogen machte. Elyra wich einen Schritt zur Seite und zwang ihn damit, vor dem Brunnen stehen zu bleiben, wenn er sie weiterhin im Blick behalten wollte.

„Wir haben gerade keine Zeit“, sagte Dean.

„Die wirst du dir nehmen müssen.“ Der Mann steckte sein Handy ein. „Ihr kommt mit.“

Elyra betrachtete seine Hände. Unter der geöffneten Jacke zeichnete sich ein Messergriff ab.

„Ihr habt euch bei der Begrüßung etwas übernommen“, erwiderte sie. „Normalerweise fängt man mit seinem Namen an.“

Der Größere ignorierte sie und sah zu Dean. „Mach es uns einfach. Dann passiert deiner Freundin nichts.“ Dean rückte näher an seine beste Freundin heran.

„Schlechter Einstieg, wenn ihr meine Mitarbeit wollt.“

Der andere verlor die Geduld. Er zog ein gefaltetes Blatt aus seiner Innentasche, öffnete es und hielt es so, dass nur sie beide es sehen konnten. Elyra erkannte das Foto, obwohl die Aufnahme unscharf war. Sie und Dean vor einer Unterkunft, in der sie vor einigen Tagen übernachtet hatten. Darunter standen ihre Namen.

„Wir wissen, wen wir suchen“, sagte er. „Und unsere Auftraggeber haben sehr deutlich gemacht, dass ihr gemeinsam zurückkommt.“

Elyra hörte das Wasser im Brunnen plötzlich überlaut. Noch vor wenigen Minuten hatte sie sich ausgemalt, wie es wäre, hier einen Alltag zu haben. Jetzt hielt ein Fremder den Beweis dafür in der Hand, dass ihre Vergangenheit sie eingeholt hatte. Er wusste von einem Ort, an dem sie sich sicher gefühlt hatten. Wer wusste, wie viel er noch wusste?

Die Vorstellung, wieder zurück zu müssen, ließ für einen Augenblick alles in ihr zusammensacken. Sie fand keinen Gedanken, an dem sie sich festhalten konnte. Dann streifte Dean's Hand ihre. Er stand noch immer neben ihr, und der Durchgang lag wenige Schritte entfernt. Sie waren noch nicht besiegt.

„Steck das weg“, sagte sie. Ihre Stimme klang fester, als sie erwartet hatte. „Wir kommen nirgendwohin mit.“

* * *

Im Baker Grand hielt Jonah mitten in einer Antwort inne.

Die Rezeptionistin hatte ihn gefragt, ob eine Buchung verlängert werden könne. Er wusste noch, dass er auf den Bildschirm gesehen hatte. Dann war da plötzlich diese Verzweiflung gewesen, so unvermittelt und vollständig, dass seine Finger sich um die Kante des Tresens schlossen.

Er konnte ihr keinen Grund zuordnen. Trotzdem fühlte sie sich so wirklich an, als hätte er gerade etwas verloren, für das er lange gekämpft hatte. Sein Wolf wurde unruhig, und mit ihm kam das Bedürfnis, die Lobby zu verlassen.

„Mister Baker?“

Er hob die Hand, bat sie mit einer knappen Geste um einen Moment und zog sein Handy hervor. Das Gefühl ebbte bereits wieder ab. Zurück blieb eine Unruhe, die er seit Elyras Aufbruch vergeblich loszuwerden versuchte.

Jace nahm beim ersten Klingeln ab.

„Sie stehen auf dem Platz hinter der Buchhandlung“, sagte er leise. „Die Männer haben sie abgefangen. Ich bin gerade näher ran.“ Jonah richtete sich auf.

„Was wollen sie?“

„Dass beide mitkommen. Freiwillig sieht anders aus.“ Im Hintergrund hörte Jonah eine Männerstimme. Jace sprach hastiger weiter.

„Ich muss Schluss machen.“

Die Verbindung brach ab. Jonah rief die Hotelsicherheit an, gab den Standort durch und verließ die Lobby. Erst draußen bemerkte er, dass er nicht einmal versucht hatte, einen vernünftigen Grund für seine Eile zu finden.

* * *

Auf dem Platz bewegten sich die Männer gleichzeitig.

Der Größere griff nach Dean, während sein Begleiter Elyra an der Jacke packte. Sie hatte mit dem Versuch gerechnet und trat ihm gegen das Knie. Sein Bein gab nach, doch der Griff blieb so fest, dass sie nach vorne gerissen wurde. Die übermenschliche Kraft überraschte sie gerade lange genug, um ihr den Atem zu nehmen.

Sie stieß ihm den Handballen unter sein Kinn und drehte sich aus dem Griff. Neben ihr schlug Dean den Arm seines Gegners zur Seite. Ein Ellbogen traf sein Gesicht; dann wurden beide gegen die Bank geschleudert. Elyra hörte Holz krachen und wollte zu ihm, doch ihr Angreifer zog das Messer.

Sie wich zurück. Hinter dem Brunnen brachte eine Frau hastig ihr Kind in Sicherheit. Elyra versuchte, den Mann von ihnen abzulenken und musste dafür den freien Weg zum Durchgang aufgeben. Als er erneut zu stieß, fing sie seinen Arm ab und drehte die Klinge nach außen. Er stemmte sich mit solcher Kraft dagegen, dass ihre Schuhe über den Stein rutschten.

Der Schmerz traf sie, bevor sie das aufgerissene Leder sah. Die Klinge war über ihren linken Unterarm geglitten. Ihre Finger wurden schwach, doch sie hielt ihn lange genug fest, um ihm die Stirn gegen die Nase zu schlagen.

Er fluchte. Noch während Elyra zurückwich, erschien Jace an seiner Seite, packte den Messerarm und rammte ihn gegen den Brunnenrand. Die Waffe fiel klirrend zu Boden.

„Weg von ihr.“

Seine Stimme hatte nichts von der Leichtigkeit beim Frühstück. Er drängte den Mann gegen den Stein und stellte sich dabei so vor Elyra, dass dessen freie Hand sie nicht erreichen konnte. Sie hätte sich später darüber wundern können, woher er kam. Jetzt sah sie Dean, dessen Gegner ihn am Kragen gepackt hatte.

Elyra trat dem Größeren in die Kniekehle. Als er das Gleichgewicht verlor, drehte Dean sich aus seinem Griff und brachte ihn gemeinsam mit ihr zu Boden. Dean setzte ein Knie zwischen seine Schulterblätter. Blut lief ihm aus den Mund, aber seine Hände hielten den Angreifer sicher fest.

„Das mit dem entspannten Vormittag“, brachte er hervor, „besprechen wir noch.“

Elyra wollte ihm antworten. Stattdessen fuhr eine Wut durch sie, die sie beinahe den verletzten Arm vergessen ließ. Sie war selbst wütend, doch dieses Gefühl hatte eine andere Schärfe. Ihr Blick flog zu Jace und dem Mann am Brunnen. Erst als Jonah im Durchgang erschien, begriff sie, warum ihr plötzlich so heiß geworden war.

Er blieb einen Moment stehen und sah auf ihren Arm. Die Finger seiner linken Hand öffneten sich, als täten sie ihm weh.

„Jonah“, sagte Jace. „Das Messer liegt hinter mir.“

Jonah nickte, kam zu Elyra und zog ein gefaltetes Stofftaschentuch aus seiner Jacke. Als er es ihr reichte, streifte sein Daumen ihre unverletzte Hand. Die Wut war noch da, aber sie drängte nicht mehr so überwältigend gegen ihre eigene.

„Drück das auf die Wunde.“ Sein Blick ging zu Dean. „Kannst du ihn halten?“

„Ja. Falls er meine Nase ersetzen möchte, bin ich auch verhandlungsbereit.“

Jonah überprüfte mit einem Blick dessen Griff und wandte sich dann dem anderen Mann zu. Elyra presste das Tuch auf ihren Arm. Unter dem Brennen lag noch immer das irritierende Gefühl, etwas in sich zu tragen, das zu Jonah gehörte.

„Baker“, knurrte der Gefangene. „Wir erledigen nur einen Auftrag.“

„Dann erklär ihn mir.“

Der Mann sah an Jonah vorbei. Jace verstärkte seinen Griff und zog ihn von der Seite weg, an der Elyra stand. Es geschah so selbstverständlich, dass sie erst daran dachte, als der Mann wieder Jonah ansah.

„Wir werden fürs Zurückbringen bezahlt. Nicht fürs Reden.“ Jonah trat näher.

„Dann wirst du für den Rest dieses Vormittags sehr schlecht bezahlt.“

Elyra hätte den Satz beinahe komisch gefunden, wenn sie nicht gesehen hätte, wie ernst er es meinte. Bevor er weiterfragen konnte, kamen zwei Männer aus Richtung Hotel. Jonah wies auf die Gefangenen, und Jace erklärte knapp, was geschehen war. Erst als einer der Sicherheitsleute Dean ablöste, ließ Elyra dessen Mantel los.

Dean richtete sich langsam auf. Sie wollte ihm an die Nase fassen, doch er fing ihre Hand ab.

„Wenn du sie wieder gerade rücken willst, warte wenigstens, bis ich sitze.“

Sie musterte seine Pupillen und ließ sich von ihm bestätigen, dass ihm nicht schwindlig war. Währenddessen schob Jonah das Messer mit der Schuhspitze außer Reichweite.

„Im Hotel können wir die Wunden versorgen“, sagte er zu ihnen. „Hier steht ihr bald im Mittelpunkt einer sehr lästigen Menschenmenge.“

Elyra sah zum Rand des Platzes. Zwischen den Häusern waren bereits mehrere Passanten stehen geblieben. Eine Diskussion vor ihnen würde alles schwieriger machen. Sie stimmte zu, und Dean legte ihr kurz die Hand zwischen die Schulterblätter, bevor sie los gingen.

Jace blieb bei den Gefangenen. Als Elyra zurück sah, hob er den Kopf und prüfte den Weg vor ihr. Dann zog er seine Mütze zurecht und wandte sich den Männern zu.

* * *

Im Hotel führte Jonah sie durch eine Seitentür hinter die Rezeption. Elyra war dankbar, dass sie die Lobby nicht mit blutigem Ärmel durchqueren musste. Jonah öffnete einen kleinen Aufenthaltsraum, holte einen Verbandskasten und bat eine Mitarbeiterin um Hilfe. Während sie sich um Dean's Nase kümmerte, stellte er Wasser auf den Tisch und nahm Elyra die Tasche ab, die ihr beim Hinsetzen von der Schulter gerutscht war.

Die selbstverständliche Hilfe machte sie unruhig. Sie wusste nicht, was Jonah dafür erwartete, und ertappte sich dabei, jede seiner Bewegungen zu verfolgen. Als er es bemerkte, stellte er ihre Tasche unmittelbar neben ihren Stuhl.

„Da kommst du besser dran.“

Sie nickte und sah auf ihre Hände. Er hatte verstanden, weshalb sie hingesehen hatte. Dass er nichts dazu sagte, erleichterte ihr das Warten, bis die Mitarbeiterin sich ihrem Arm zuwandte.

Der Schnitt war flach. Das Reinigen brannte trotzdem genug, um ihr ein Zischen zu entlocken. An der Tür bewegte Jonah seine linke Hand. Elyra sah es nur aus dem Augenwinkel, aber diesmal blieb es ihr im Gedächtnis.

Dean betrachtete sie über seine Kühlkompresse hinweg.

„Was?“, fragte sie.

„Ich warte auf die Bemerkung über meine Nase.“ Sie lehnte sich zurück, während der Verband befestigt wurde.

„Ich wollte erst abwarten, ob du damit noch riechen kannst.“

Die Mitarbeiterin schmunzelte. Dean senkte die Kompresse und betrachtete das Blut an seinem Hemd. Als die Versorgung abgeschlossen war, bat er um eine Möglichkeit, sich zu waschen. Bevor er der Frau auf den Flur folgte, suchte er Elyras Blick. Sie nickte ihm zu.

Jonah ließ die Tür einen Spalt offen und deutete auf den freien Stuhl.

„Darf ich?“

„Du fragst in deinem eigenen Hotel nach einem Sitzplatz?“

„Ich versuche es mit Höflichkeit.“ Er setzte sich, als sie den Stuhl mit dem Fuß ein Stück zurück schob.

„Bisher ein langsames Verfahren.“

Elyra nahm das Wasserglas zwischen ihre Hände. Ohne Dean wirkte der Raum stiller, doch sie wollte den Moment nutzen, bevor sie sich wieder in Ausflüchte retten konnte.

„Jace war wegen der Männer da.“

Jonah nickte. „Ich habe gesehen, wie sie euch gefolgt sind. Einer verkehrt mit Leuten, denen ich keinen Spaziergang ohne Hintergedanken zutraue. Jace sollte herausfinden, für wen sie arbeiten.“

Sie hob den Blick.

„Dann hättest du uns warnen sollen.“

Er widersprach nicht. Nach kurzem Zögern strich er mit dem Daumen über einen Kratzer in der Tischplatte.

„Ja. Ich wollte erst wissen, was sie vorhaben.“ Seine Antwort nahm ihr den vorbereiteten Streit. Elyra trank einen Schluck und stellte das Glas ab. Auf dem Platz war sie froh gewesen, Jace zu sehen. Trotzdem wollte sie selbst entscheiden können, wie sie mit einer Gefahr umging.

„Beim nächsten Mal sagst du es uns.“

„Abgemacht.“ Jonah sah auf den Verband. „Du musst mir dafür auch etwas sagen.“

Sie spannte sich an. Er bemerkte es und schob langsam seinen linken Ärmel hoch. Zwischen den Tattoos war die Haut unverletzt.

„Hier tat es weh, als ich zu euch unterwegs war.“ Mit zwei Fingern zeigte er genau die Stelle, an der unter ihrem Verband die Wunde lag. „Beim Reinigen gerade wieder.“

Elyra sah von seinem Arm zu seinem Gesicht. Die Bewegung an der Tür bekam plötzlich eine Bedeutung, die sie lieber nicht verstanden hätte.

„Wie letzte Nacht“, sagte sie.

Er nickte und ließ den Ärmel oben. Sie konnte nicht behaupten, er bilde es sich ein, nachdem sie selbst seine Wut gespürt hatte. Trotzdem brauchte sie einen Moment, bevor sie weiter fragte.

„Und vorher? Hast du da auch etwas gemerkt?“ Jonah's Blick wurde aufmerksamer.

„An der Rezeption. Eine kurze Verzweiflung. Ich wusste nicht, woher sie kam.“

Elyra senkte den Kopf. Auf dem Platz hatte sie sich sofort wieder gefangen. Niemand hätte wissen sollen, wie nah sie für diese wenigen Sekunden daran gewesen war, jeden Widerstand aufzugeben.

„Die Männer hatten ein Foto von uns“, sagte sie schließlich. „Von unterwegs. Ich dachte, wir hätten genügend Abstand.“ Jonah wartete, doch sie brachte nichts Weiteres heraus. Er fragte weder nach dem Foto noch nach denen, die es hatten aufnehmen lassen. Stattdessen legte er seinen Arm auf den Tisch, als wollte er bei dem bleiben, worüber sie zu sprechen begonnen hatten.

„Das Gefühl war also von dir?“ Sie nickte.

„Und auf dem Platz war ich wütend. Dann wurde es plötzlich so heftig, dass ich kaum wusste, was ich damit anfangen sollte. Kurz darauf bist du gekommen.“ Sein Kiefer spannte sich an. Ein Rest dieses Zorns regte sich wieder in ihr, und sie sah ihn direkt an.

„Jetzt auch.“ Jonah atmete langsam aus. Er schien sich bewusst zu entspannen, und das fremde Gefühl ließ nach. Elyra hatte sich kaum bewegt; trotzdem fühlte sie sich erschöpft, als hätte sie den Kampf noch einmal durchstehen müssen.

„Großartig“, murmelte sie. „Meine eigenen Gefühle reichen mir eigentlich.“ Ein schwaches Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

„Deine waren bisher auch kein Vergnügen.“ Sie verzog den Mund, musste dann aber selbst lächeln. Der kleine vertraute Schlagabtausch half ihr, ihn wieder als den Mann vor sich zu sehen, statt das Unerklärliche, das Zugang zu ihr hatte.

„Weißt du, was das ist?“

„Nein.“ Seine Antwort kam ohne Zögern. „Aber ich werde es nicht noch einmal als Zufall abtun.“

Elyra betrachtete seine unverletzte Haut. Wenn ihre Schmerzen ihn erreichen konnten, würde ein Ortswechsel daran womöglich ebenso wenig ändern wie an dem, was sie für ihn empfand. Sie war noch nicht bereit, diesen Gedanken weiterzuverfolgen.

„Dann sagen wir einander, wenn es passiert“, schlug sie vor.

Jonah nickte. Sie hatten keine Erklärung, doch wenigstens musste sie sich künftig nicht mehr allein fragen, ob sie den Verstand verlor.

Als Dean zurück kam, war sein Hemd am Kragen feucht. Er blieb in der Tür stehen und blickte zwischen ihnen hin und her.

„Störe ich?“

„Seit Jahren“, erwiderte Elyra.

Er wirkte erleichtert genug, dass ihr erst jetzt auffiel, wie besorgt er gewesen war. Jonah stand auf, als sein Handy vibrierte. Er las Jace's Nachricht und steckte es wieder weg.

„Ich sehe nach den Männern. Ihr könnt hier bleiben, bis ihr wisst, wie es weitergeht.“

Elyra bedankte sich. Er hielt kurz ihren Blick fest, bevor er hinausging.

Dean nahm seinen Platz ein. Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander, wie sie es unterwegs oft getan hatten, wenn einer von ihnen noch nicht sprechen konnte. Schließlich sah er auf die Tasche neben ihrem Stuhl.

„Sollen wir aufbrechen?“

Elyra dachte an den Spaziergang und an die Frage, die sie dabei nicht hatten beantworten können. Die Männer hatten ihre Vergangenheit zurückgebracht, aber die Straßen waren noch dieselben. Auch das vorsichtige Gefühl, hier bleiben zu wollen, war nicht verschwunden.

„Heute nicht“, sagte sie. „Ich möchte erst wissen, was Jace herausfindet.“

Dean nickte und stellte die Tasche vom Stuhl auf den Boden, um seine Beine auszustrecken. Draußen auf dem Flur hörte sie Jonah's Stimme. Sie sah zur offenen Tür, dann schob sie Dean das zweite Glas Wasser hin.

Zum ersten Mal seit ihrer Flucht musste der nächste Schritt nicht darin bestehen, weiterzulaufen.