LNCrawler

Teil 10

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Teil 10

Severus Snape trat über die Türschwelle seiner Wohnung und schloss das Schloss mit einem leisen Klicken magisch hinter sich. Kaum war die Stille der privaten Gemächer eingekehrt, drang ein unregelmäßiges, dumpfes Schaben und Klopfen an sein Ohr. Es kam direkt aus der versiegelten Abstellkammer.

Ein kaltes, gehässiges Lächeln stahl sich auf Snapes Lippen. Er schritt langsam auf die Holztür zu, zog seinen Zauberstab und hob die Schutzzauber mit einer eleganten Handbewegung auf. Mit einem heftigen Ruck riss er die Tür auf.

Der plötzliche Lichtkegel ließ den ausgezehrten Sirius Black heftig zusammenzucken. Er blinzelte panisch ins Helle, unfähig, ein Geräusch von sich zu geben. Snape trat in die Kammer, baute sich vor seinem alten Schulfeind auf und beugte sich langsam, mit hasserfülltem Vergnügen, zu ihm hinab.

„Was ist los, Black?“, flüsterte Snape mit einer Stimme, die vor purer Bosheit triefte. „Gefällt dir dein neues Quartier nicht? Keine Sorge, es ist nur temporär. Oh ja, ich werde höchstpersönlich dafür sorgen, dass du für den Rest deines erbärmlichen Lebens in den dunkelsten, kältesten Tiefen von Askaban verrottest! Für das, was du getan hast. Für das, was du Lily angetan hast. Du wirst nie wieder das Tageslicht sehen.“ Er genoss das hilflose Lodern in Blacks Augen, bevor er die Tür wieder zuschlug und den stummen Gefangenen in der Dunkelheit zurückließ.

Die Jagd im Gryffindor-Turm

Währenddessen hatten Harry und Draco den Weg zum Turm der Löwen angetreten. Unterwegs hatte Harry Draco den Plan erklärt, den er blitzschnell ausgeheckt hatte: Harry würde den Tarnumhang seines Vaters benutzen, um Draco komplett zu verbergen. So schlüpften sie, eng aneinandergedrängt und völlig unsichtbar, an der Fetten Dame vorbei, als eine Gruppe Erstklässler den Gemeinschaftsraum verließ.

Der Raum war glücklicherweise fast leer, da die meisten Schüler beim Abendessen oder in der Bibliothek waren. Nach einer gefühlten Ewigkeit des Suchens – sie hatten bereits die Schlafsäle durchkämmt und Rons Bett vergeblich abgesucht – kehrten sie entmutigt in den Gemeinschaftsraum zurück.

Da blieb Harrys Blick an der Rückseite eines großen, plüschigen Sessels nahe dem knackenden Kaminfeuer hängen. Dort lag sie. Krätze. Die fette, räudige Ratte war fest zusammengekaut und schlief tief und fest, gewärmt von der Hitze des Feuers.

Dracos Augen verengten sich zu Schlitzen, als er das Tier fixierte. Die jahrelange Indoktrination durch seinen Vater und der pure Hass auf den Verräter Pettigrew kochten in ihm hoch. Impulsiv streckte Draco die Hand aus und wollte das Tier am liebsten direkt in die lodernden Flammen des Kamins werfen.

„Nein, Draco! Warte!“, zischte Harry im allerletzten Moment und packte Dracos Handgelenk mit eisernem Griff. „Wir brauchen ihn lebendig! Wenn er verbrennt, haben wir keinen Beweis gegen Dumbledore und das Ministerium!“

Draco atmete schwer, beherrschte sich jedoch und nickte grimmig. Harry zog ein leeres Zutaten Aufbewahrungs- Glas aus der Tasche, vergrößerte es wieder und stülpte es vorsichtig über die schlafende Ratte. Er verschloss es mit einem durchlöcherten Korken. Das schlafende Tier – der totgeglaubte Massenmörder Peter Pettigrew – war gefangen.

Ohne Zeit zu verlieren, machten sich die beiden Jungen unter dem Schutz des Tarnumhangs auf den direkten Weg hinab in die Kerker, um ihre Beute Severus Snape zu präsentieren.

Die schwere Holztür schwang auf und Harry und Draco stolperten atemlos in Severus Snapes Wohnzimmer. Der Tränkmeister trat gerade mit finsterer Miene aus seiner Abstellkammer, das Echo von Sirius Blacks stummem Klopfen noch frisch hinter der versiegelten Tür.

Mit einem raschen Ruck warfen die Jungen den Tarnumhang von sich. Völlig überdreht vor Adrenalin begannen beide gleichzeitig loszureden. Sie verhaspeln sich komplett, während jeder versuchte, der Erste zu sein, der Snape von ihrem spektakulären Fang erzählte.

„Professor, wir haben—“, fing Harry an.

„Die Ratte, Severus! Sie lag beim Kamin und—“, unterbrach Draco ihn hastig.

„Krätze! Es ist Pettigrew, er war im Gemeinschaftsraum und Malfoy wollte ihn erst verbrennen, aber—“, sprudelte es aus Harry heraus.

„RUHE!“, zischte Snape und hob gebieterisch die Hand. Das wirre Durcheinander der Jungen stoppte augenblicklich. Harry trat vor und hielt dem Lehrer das gläserne Zaubertrankfläschchen entgegen.

Severus nahm das Glas entgegen, hob es ins Kerzenlicht und betrachtete die immer noch tief und fest schlafende Ratte ganz genau. Seine Lippen verengten sich zu einem schmalen Strich. Das war sie also. Die Kröte, die Lily und James auf dem Gewissen hatte. Snape rief mit einem kurzen Schnippen seine Hauselfe herbei. „Bringe Lucius Malfoy augenblicklich die Nachricht, dass die Beute gesichert ist. Er soll herkommen. Sofort.“ Die Elfe verbeugte sich tief und verschwand mit einem lauten Plopp.

Snape ging hinüber in sein angrenzendes Büro, stellte das Glas mit der Ratte mitten auf seinen Schreibtisch und verschloss das Zimmer mit mehreren komplexen Riegelzaubern. Er drehte sich zu den Jungen um. „Ich werde den Animagus-Verwandlungszauber erst auf diese Kreatur anwenden, wenn Lucius hier bei uns ist. Wir tun nichts ohne Zeugen.“

Gemeinsam setzten sich die drei in Severus' Wohnzimmer, um auf den blonden Aristokraten zu warten. Doch anstatt Erleichterung zu zeigen, wanderte Snapes Blick unerbittlich zwischen Harry und Draco hin und her. Severus begann erneut, fürchterlich mit den Jungen zu schimpfen. Seine Augen blitzten vor Zorn, als er feststellte, dass sie vor lauter Jagdfieber schon wieder das Abendessen in der Großen Halle komplett ausgelassen hatten.

Das machte ihn fast noch wütender als ihre unvorsichtige Sabotageaktion. Seine Stimme nahm einen gefährlich leisen, schneidenden Ton an, als er sich direkt vor Harry aufbaute. „Das ist absolut inakzeptabel, Potter! Sie sind ohnehin schon von einer jämmerlichen, dürren Gestalt. Sie können es sich schlichtweg nicht erlauben, Mahlzeiten ausfallen zu lassen!“ Er deutete mit dem Zeigefinger auf Harrys Brust. „Ich sage Ihnen das jetzt zum ersten und letzten Mal: Wenn Sie ab jetzt nicht ordentlich und regelmäßig essen, schließe ich Sie ohne Umschweife von all unseren Plänen aus! Das Risiko, dass Sie mir mitten im Gefecht vor Erschöpfung zusammenklappen, ist mir schlichtweg zu groß. Ich brauche Verbündete, keine wandelnden Leichen.“

Harry schluckte trocken und nickte hastig, berührt und gleichermaßen eingeschüchtert von Snapes rauer, aber ehrlicher Sorge um seine Gesundheit.

Die Minuten verrann, das Feuer im Kamin knackte leise vor sich hin. Obwohl es mittlerweile schon sehr spät in der Nacht war, ließ Lucius immer noch auf sich warten. Die Anspannung im Raum stieg ins Unermessliche, während das Ministerium und Dumbledore im Hintergrund unaufhaltsam ihre Fäden zogen.

Snape atmete tief durch und rieb sich die Nasenwurzel. Während sie schweigend warteten, wurde ihm bewusst, dass der Hunger auch an seinen eigenen Kräften zehrte. Er rief die Hauselfe mit einem kurzen Schnippen herbei und gab die Bestellung auf. Snape bestellte ein reichhaltiges Abendessen für vier Personen mit Nachtisch, der alles Mögliche sein durfte – außer Vanillepudding.

Als das üppige Mahl kurz darauf auf dem Tisch dampfte, zückte Snape seinen Zauberstab. Er belegte seinen eigenen Teller und den für Lucius bestimmten Anteil mit einem präzisen Stasis-Zauber, damit das Fleisch saftig und die Kartoffeln heiß blieben. Dann verschränkte er die Arme und beobachtete Harry mit einem unerbittlich strengen Blick beim Essen. Harry wagte es unter diesem harten Starren nicht, auch nur einen Bissen übrigzulassen, und löffelte diszipliniert bis zum letzten Krümel alles auf.

Gerade als Harry den leeren Teller erleichtert von sich schob und den Mund abwischte, schossen smaragdgrüne Flammen explosionsartig aus dem Kamin.

Lucius Malfoy brach völlig erschöpft, aschfahl und sichtlich fertig aus dem Flohnetzwerk herein. Seine Haare waren zerzaust, der feine Ministeriumsumhang hing ihm schief von den Schultern, und er musste sich schwer auf seinen silbernen Gehstock stützen, um nicht umzukippen.

„Lucius!“, Snape hob sofort den Stasis-Zauber auf und schob ihm einen Becher Elfenwein hin. „Was ist passiert?“

Lucius trank den Becher in einem Zug leer, seine Augen flackerten panisch. „Dumbledore hat uns ausgekontert“, keuchte er mit rauer Stimme. „Der Zeitplan für Harrys Verhaftung hat sich aufgrund seiner Einmischung dramatisch verändert. Harry soll bereits übermorgen früh verhaftet werden – und zwar mitten im Zaubertrankunterricht!“

Draco stieß ein erschrockenes Keuchen aus, und Harry spürte, wie ihm augenblicklich wieder schlecht wurde.

„Wie konnte Fudge das zulassen?“, zischte Snape mit mörderischer Kälte. „Du sagtest, du hättest ihn verunsichert!“

„Der Minister konnte es schlichtweg nicht verhindern!“, stieß Lucius verzweifelt hervor und sank in den Sessel. „Albus Dumbledore hat den perfekten Moment abgepasst. Er hat gewartet, bis Cornelius bei einem wichtigen, internationalen Außerhaustermin im Ausland und absolut unerreichbar war. In Fudges Abwesenheit hat Dumbledore das Ministerium mit gefälschten Eilberichten über eine ‚unmittelbare Gefahr durch Potter‘ so unter Druck gesetzt, dass die stellvertretenden Beamten den Zugriff vorgezogen haben. Sie rücken übermorgen früh in deine Kerker ein, Severus. Uns bleiben keine Tage mehr. Uns bleiben nur noch Stunden.“

„Was… was müssen wir denn jetzt tun?“, fragte Draco mit zittriger, angstvoller Stimme, während er fassungslos auf seinen erschöpften Vater blickte. Die Vorstellung, dass in weniger als achtundvierzig Stunden das Ministerium in ihre Kerker einmarschieren würde, lähmte ihn vollkommen.

Für Harry war es in diesem Moment einfach zu viel. Der ununterbrochene psychische Druck, Dumbledores grausamer Verrat, die Vorstellung, an Voldemort ausgeliefert zu werden, und die schiere Todesangst vor den Dementoren von Askaban überrollten ihn wie eine Lawine. Ein heftiger Würgereiz schüttelte seinen schmächtigen Körper. Er sprang auf, stolperte zur Kaminecke und übergab sich vor lauter Angst. Er zitterte so stark, dass er sich kaum auf den Beinen halten konnte, und bittere, heiße Tränen strömten ihm über das Gesicht. „Ich will nicht nach Askaban… bitte nicht…“, wimmerte er völlig aufgelöst.

Was dann geschah, ließ Draco und selbst Lucius für einen Moment den Atem stocken.

Severus Snape zögerte keine Sekunde. Er eilte zu dem kauernden Jungen, ging vor ihm auf die Knie und tröstete Harry auf eine ungewohnt sanfte, tief mitfühlende Art. Mit einem reinigenden Zauber ließ er das Erbrochene verschwinden, setzte sich flach auf den Boden neben den zitternden Gryffindor und nahm Harry zum absoluten Erstaunen aller fest in die Arme. Er drückte den weinenden Jungen schützend an seine Brust. „Ganz ruhig, Harry… Ich werde nicht zulassen, dass sie dich holen. Du gehst nicht nach Askaban, hörst du mich?“, flüsterte der sonst so unnahbare Zaubertrankmeister mit einer Wärme, die niemand je von ihm erwartet hätte. An Snapes Brust fand Harry endlich den Halt, den er so dringend brauchte, und sein Schluchzen wurde langsam leiser.

Als Draco seinem Vater in fliegenden Worten zuflüsterte, dass sie Peter Pettigrew tatsächlich gefangen im Büro hatten, blitzte in Lucius’ erschöpften Augen wieder Kampfgeist auf.

„Wir müssen den Plan beschleunigen“, schlug Lucius entschlossen vor. „Wir enttarnen die Ratte noch in dieser Nacht in deinem Büro, Severus. Wenn wir Pettigrew und Black zusammen dem Ministerium präsentieren, haben wir einen handfesten Beweis gegen Dumbledores Machenschaften. Und wir können damit Black entlasten, falls es wirklich stimmt, dass nicht er, sondern Pettigrew den Potters und den Muggeln das angetan hat.“

Snape, der den erschöpften Harry noch immer fest an seine Brust gedrückt hielt und ihm beruhigend über den Rücken strich, nickte langsam. „Einverstanden. Aber wir brauchen einen doppelten Boden“, fügte Snape mit dunkler, entschlossener Stimme hinzu. „Sollten wir mit diesem Plan scheitern, nutzen wir die Festnahme im Zaubertrankunterricht als Falle. Sobald diese manipulierten Auroren das Schloss mit Harry verlassen wollen, werden ich sie gemeinsam mit dir, Lucius, heimlich überwältigen und ausschalten.“

Er lockerte die Umarmung, sah Harry tief in die verweinten Augen und half ihm auf die Beine. „Zuerst aber“, sagte Snape und zückte seinen Zauberstab, „werden wir Sirius Black aus der Abstellkammer holen und ihn mit dem zurück verwandelten Peter konfrontieren. Nur so können wir die Wahrheit endlich lückenlos zusammenfügen.“

Snape schritt zur versiegelten Kammertür und hob die Schutzzauber auf. Es war an der Zeit, die Geister der Vergangenheit ans Licht zu zerren.