Teil1.1
Teil1.1
Teil 1.1
Severus Snape wirbelte herum. Sein Gesicht war eine Maske aus purem Zorn, die Augen funkelten gefährlich im Schein der Fackeln.
„Aufstehen, Malfoy!“, herrschte er den Slytherin an, der hastig auf die Beine stolperte. „In mein Büro. Beide. Sofort.“
Der Marsch in die Kerker fand in eisigem Schweigen statt. Kaum hatte sich die schwere Tür zu Snapes Büro hinter ihnen geschlossen, schlug der Tränkemeister mit der flachen Hand auf seinen Schreibtisch, dass die eingelegten Tierorgane in den Gläsern, in ihren Regalen, erzitterten.
„Sie glauben wohl, das war ein gewöhnlicher Zwischenfall? Ein unglücklicher Zufall auf dem Hexenpfad?“, zischte Snape, und seine Stimme sank zu einem gefährlichen Flüstern. Er fixierte erst Harry Potter und dann Draco Malfoy. „Werwölfe jagen nicht in dieser Formation so nah am Schlossrand. Sie wurden gezielt auf unsere Fährte gelenkt. Jemand wusste ganz genau, dass wir heute Nacht dort draußen sein würden.“
Die Teenager wechselten einen kurzen, alarmierten Blick. Die Vorstellung, dass jemand im Schloss sie an die Bestien verfüttern wollte, ließ ihnen das Blut in den Adern gefrieren.
„Und da Sie beide durch Ihre kindische Unreife diese Strafarbeit überhaupt erst provoziert haben, tragen Sie die Verantwortung dafür, dass wir fast zerrissen, wurden“, fuhr Snape unerbittlich fort. „Glauben Sie bloß nicht, dass Ihre Flucht vor den Bestien Sie vor weiteren Konsequenzen schützt. Für den Rest des Schuljahres ist jeglicher Besuch in Hogsmeade für Sie beide gestrichen.“
Draco sperrte den Mund auf, um zu protestieren, doch Snape schnitt ihm mit einer scharfen Geste das Wort ab.
„Zusätzlich werden Sie ab morgen Abend jeden Tag nach dem Unterricht hier erscheinen. Sie werden die Kessel schrubben – und zwar ohne Magie, bis Ihre Hände Blasen werfen. Und wenn ich auch nur ein einziges falsches Wort von Ihnen über die Vorkommnisse dieser Nacht höre, sorge ich persönlich dafür, dass Sie von der Schule fliegen. Verschwinden Sie mir jetzt aus meinen Augen!“
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drehten sich Harry und Draco um und hasteten aus dem Büro, während Snape nachdenklich und mit düsterer Miene zurückblieb, den Blick starr auf die tanzenden Flammen seines Kaminfeuers gerichtet.
Am nächsten Abend lag eine drückende Schwermut über den Kerkern. Das einzige Geräusch, das die Stille in Severus Snapes Büro durchschnitt, war das monotone, kratzende Schaben von Drahtbürsten auf Metall.
Harry Potter und Draco Malfoy knieten nebeneinander auf dem kalten Steinboden. Vor ihnen standen zwei riesige, mit eingebrannten Trankkrusten übersäte Kessel. Snapes Verbot, Magie zu benutzen, war absolut – ihre Ärmel waren hochgekrempelt, ihre Unterarme nass vom schäumenden, beißenden Putzwasser und ihre Finger schmerzten bereits jetzt vom unaufhörlichen schrubben. Gelegentlich war nur das leise, hölzerne Knarren zu hören, wenn einer von ihnen das Gewicht verlagerte. Der sonst so stolze Draco blickte finster auf das schmutzige Wasser, hütete sich jedoch, auch nur ein Wort des Protests zu flüstern.
Hinter dem massiven Eichenschreibtisch saß Snape. Er hielt eine Feder in der Hand, doch er korrigierte keine Aufsätze. Seine Augen waren starr auf die tanzenden Flammen des Kamins gerichtet, und seine Gedanken befanden sich meilenweit entfernt, tief zurück in jener Nacht, auf dem düsteren Hexenpfad.
Wer hatte das Rudel auf sie gehetzt?
Snape ging im Geist die Verdächtigen durch. Eine unbändige Gänsehaut begleitete die eisige Logik seiner Schlussfolgerungen. Ein einfacher Schüler konnte es nicht gewesen sein – die Kontrolle über wilde Werwölfe erforderte mächtige, dunkle Magie. War es ein Handlanger des Dunklen Lords, der Snapes Loyalität auf die Probe stellen wollte? Oder galt der Anschlag gezielt Potter? Voldemort forderte eigentlich, den Jungen selbst zu töten. Ein feiger Hinterhalt durch Bestien passte nicht zu seinem Stolz.
Snapes Blick glitt für einen Sekundenbruchteil zu Draco, dessen Vater Lucius Malfoy im inneren Kreis der Todesser saß. Wusste Lucius etwas davon? Hatte er versucht, seinen eigenen Sohn als Kollateralschaden zu opfern, um Potter zu eliminieren? Oder steckte ein abtrünniger Werwolf wie Fenrir Greyback dahinter, der auf eigene Faust handelte?
Die Puzzleteile wollten sich nicht zusammenfügen, und das machte den Tränkemeister gefährlich unruhig. Jemand hatte die Sicherheitsvorkehrungen von Hogwarts infiltriert und die Kreaturen präzise platziert.
„Potter“, durchschnitt Snapes schneidende Stimme plötzlich die Stille, wodurch beide Jungen erschrocken zusammenzuckten. „Sie schrubben den Rand nicht gründlich genug. Wenn ich morgen früh noch einen einzigen Rest von getrocknetem Hauchkraut darin finde, fangen Sie von vorne an.“
Er stand auf, sein schwarzer Umhang bauschte sich hinter ihm auf wie die Schwingen eines Raubvogels, und trat an das Fenster, das in die schwarzen Tiefen des Großen Sees blickte. Die Gefahr war nicht gebannt – sie hatte gerade erst begonnen.
Nach einer weiteren schier endlosen Schicht des Kesselschrubbens entließ Snape die beiden Jungen kurz vor Mitternacht. Doch anstatt in ihre Gemeinschaftsräume zurückzukehren, trieb sie die unerträgliche Ungewissheit an. Unter dem Schutz von Harrys Tarnumhang schlichen die Jungen gemeinsam durch die finsteren Korridore von Hogwarts. Es war eine Zweckgemeinschaft aus reiner Notwendigkeit – beide wollten wissen, wer sie im Wald den Bestien zum Fraß vorwerfen wollte.
Ihr Ziel war der Rand des Verbotenen Waldes, genau an der Stelle, an der sie dem Hexenpfad entkommen waren. Harry hielt die Karte des Rumtreibers umklammert, während Draco dicht an seiner Seite ging. Das leise Bodenknarren der alten Schlossdielen unter ihren Schritten ließ ihre Herzen wie wild klopfen. Ein konstanter Hauch kalten Nebels lag in der Luft, je näher sie dem verbotenen Territorium kamen.
Als sie das Schlossgelände verließen und den weichen Waldboden betraten, zog Harry den Umhang ab. Der Mond war hinter dichten Wolken verborgen.
„Hier war es“, flüsterte Draco und deutete mit zitterndem Finger auf das plattgetretene Unterholz, wo die Werwölfe sie attackiert hatten. „Such nach Spuren, Potter. Irgendetwas müssen sie hinterlassen haben.“
„Lumos“, murmelte Harry. Ein schwacher Lichtkegel erhellte den Boden. Zwischen den tiefen Pfotenabdrücken der Werwölfe fiel Harry plötzlich etwas auf, das im fahlen Licht schimmerte. Er bückte sich und zog ein kleines, zerrissenes Stück Stoff aus den Dornen. Es war teure, dunkelgrüne Seide – durchwebt mit feinen, silbernen Fäden, die ein vertrautes Wappen bildeten.
Draco trat näher, und als er das Stofffetzen sah, wich alle Farbe aus seinem Gesicht. Er hielt sich keuchend den Atem an.
„Das… das ist unmöglich“, stammelte Draco, und seine Stimme brach. „Das ist das Familienwappen der Malfoys. Dieses Tuch gehört… meinem Vater.“
Der dunkelhaarige starrte den blonden fassungslos an. Hatte Lucius Malfoy tatsächlich die Werwölfe auf sie gehetzt? Bevor einer von ihnen das Unfassbare aussprechen konnte, knackte ein Ast tief im Wald. Das drohende Knurren, das daraufhin durch die Dunkelheit schnitt, war nicht das eines Wolfes – es war menschlich, tief und voller Bosheit. Jemand beobachtete sie.
Das hasserfüllte Knurren aus dem Unterholz schnitt den beiden Jungen wie ein eisiges Messer durch Mark und Bein. Die innere Panik war mit einem Schlag zurück, brutaler als je zuvor.
„Lauf!“, schrie Harry gellend zu Draco.
Sie wirbelten herum und rannten um ihr Leben zurück in Richtung des Schlosses. Hinter ihnen brach das Wesen mit furchterregender Geschwindigkeit durch das Dickicht. Äste peitschten ihnen ins Gesicht, und das heftige, rhythmische knacken von berstendem Holz und schweren Schritten dicht hinter ihnen trieb sie zur Höchstleistung an. Ein Blick zurück im Laufen zeigte Harry nur eine huschende, unnatürlich schnelle Silhouette im Schatten der Bäume. Wer oder was auch immer sie jagte – es war ihnen dicht auf den Fersen.
Mit dem Mut der Verzweiflung hechteten sie durch das schwere Eichentor von Hogwarts, das sie mit vereinten Kräften krachend ins Schloss fallen ließen. Draußen prallte etwas Schweres mit einem dumpfen Schlag gegen das Holz, gefolgt von einem wütenden Kratzen, das dann langsam in der Dunkelheit verstarb. Sie hatten es geschafft. Sie waren entkommen.
Völlig entkräftet stolperten sie direkt hinunter in die Kerker. Harry dachte nicht einmal daran, in den Gryffindor-Turm zu gehen – er hielt das Beweisstück vom Hexenpfad fest in seiner Hand umklammert. Ohne anzuklopfen, stieß er die Tür zu Snapes Büro auf.
Severus Snape saß noch immer am Schreibtisch. Er blickte finster auf, die Augen voller Zorn über die späte Störung, doch Harry trat entschlossen vor und knallte den zerrissenen Seidenstoff auf den Tisch.
„Wir waren im Wald. Jemand hat uns verfolgt“, keuchte Harry, während er versuchte, zu Atem zu kommen. Er deutete auf das silberne Wappen. „Das haben wir an der Stelle gefunden, wo die Werwölfe uns angegriffen haben. Professor, das ist das Wappen der Malfoys. Lucius Malfoy steuert die Werwölfe! Er hat sie auf uns gehetzt!“
Snapes Blick fror augenblicklich ein. Er starrte auf das Tuch, und für einen winzigen Moment flackerte echte Bestürzung in seinen dunklen Augen auf.
„Das ist eine infame Lüge, Potter!“, schrie Draco Malfoy dazwischen. Seine Stimme überschlug sich vor Angst und Empörung, Tränen traten in seine Augen. „Mein Vater würde so etwas niemals tun! Er würde mich nicht in Gefahr bringen! Jemand hat ihm das gestohlen, um es ihm anzuhängen! Er ist unschuldig!“
Snape erhob sich langsam. Seine Gestalt wirkte im fahlen Kerzenlicht bedrohlicher denn je. Er nahm das Seidentuch behutsam auf und strich mit dem Daumen über das eingestickte M. Seine Stimme war gefährlich leise, als er das Wort ergriff.
„Malfoy… hat recht, Potter“, sagte Snape langsam, obwohl seine Miene düster blieb. „Lucius Malfoy mag viele Fehler haben, aber er würde das Leben seines einzigen Stammhalters nicht aufs Spiel setzen. Wenn dieses Tuch dort lag, dann bedeutet das nur eines: Jemand will uns auf eine falsche Fährte locken. Und dieser Jemand ist uns weitaus näher, als uns lieb ist.“
Snape strich sich mit einer langsamen, bedachten Bewegung durch das schwarze Haar. Seine Augen verengten sich zu messerscharfen Schlitzen, während er das Seidentuch fest in seiner Faust einschloss.
„Wir werden Dumbledore vorerst nicht einweihen“, beschloss er mit einer Stimme, die so kalt war wie der Kerkerboden. „Je weniger Personen von diesem Fund wissen, desto unvorsichtiger wird der Verräter. Ich werde im Geheimen Nachforschungen anstellen. Ich kenne die Kreise, in denen sich solche Artefakte bewegen, und ich werde herausfinden, wer Zugang zu Lucius' Eigentum hatte.“
Er trat einen Schritt näher an die beiden Jungen heran und überragte sie wie ein finsterer Schatten. Die eisige Temperatur im Raum fiel noch weiter ab, als er seinen Blick tief in Harrys und dann in Dracos Augen bohrte.
„Was Sie beide betrifft… Sie werden ab morgen Ihr unerträgliches, lautstarkes Gezänke einstellen. Ab sofort sind Sie meine Augen und Ohren im Schloss. Sie werden jeden Schritt Ihrer Mitschüler beobachten. Sie achten auf ungewöhnliche Abwesenheiten, auf Gerüchte über den Hexenpfad und vor allem auf jeden, der ein plötzliches Interesse an den Vorfällen im Wald zeigt. Haben Sie mich verstanden?“
Der dunkelhaarige Junge nickte grimmig, während Draco, immer noch blass, aber sichtlich erleichtert über Snapes Vertrauen in die Unschuld seines Vaters, hastig zustimmte.
„Und wagen Sie es nicht, noch einmal auf eigene Faust in den Wald zu gehen“, fügte Snape mit schneidender Schärfe hinzu. Ein leises Bodenknarren echote durch das Büro, als er sich wieder umdrehte und zu seinem Schreibtisch zurückkehrte. „Wenn Sie etwas bemerken, kommen Sie direkt zu mir. Und nun… verschwinden Sie in Ihre Betten. Bevor ich es mir anders überlege und Ihnen die Kesselarbeit für das restliche Jahr verdopple.“
Harry und Draco warfen sich einen letzten, vielsagenden Blick zu. Das Misstrauen zwischen Gryffindor und Slytherin war für den Moment einer unheimlichen Allianz gewichen. Sie drehten sich um und huschten schweigend aus dem Büro, bereit, am nächsten Morgen die Jagd nach dem wahren Verräter von Hogwarts zu beginnen.
Während Harry Potter und Draco Malfoy am nächsten Morgen in der Großen Halle saßen, liefen im Hintergrund bereits die geheimen Nachforschungen von Severus Snape.
Snape hatte sich in den verbotenen Trakt der Bibliothek zurückgezogen, um die Herkunft des rituellen Schutzzaubers zu analysieren, der auf dem Hexenpfad gebrochen worden war. Dabei stieß er auf eine düstere Spur: Ein seltenes, schwarzmagisches Buch über die Zähmung von Werwölfen war vor Kurzem entliehen worden – die Unterschrift auf der Ausleihliste war gefälscht, doch der verwendete Zauberfeder-Typ wies eindeutig auf jemanden aus dem Lehrerkollegium hin. Ein eisiger Gänsehautfaktor ergriff selbst den sonst so gefühllosen Tränkemeister, als ihm klar wurde, wie nah der Verräter Dumbledore stand.
Zur gleichen Zeit brodelte es in der Großen Halle. Harry saß am Gryffindor-Tisch, hielt jedoch ununterbrochen Blickkontakt zu Draco am Slytherin-Tisch. Plötzlich bemerkten beide eine verdächtige Bewegung.
Am Lehrertisch tuschelte Professor Quirrell auffällig nervös mit dem Wildhüter Hagrid. Als der Lehrer eine Handbewegung machte, rutschte sein Ärmel nach oben – und Harrys Augen verengten sich. Am Handgelenk des Lehrers prangten frische, tiefrote Kratzspuren, die genau wie die Klauenabdrücke der Schattenwesen aus dem Unterholz aussahen.
Im selben Moment stieß Draco versehentlich gegen den Tisch, was ein lautes, hölzernes trommeln auf dem Podium verursachte. Der verdächtige Lehrer zuckte heftig zusammen, blickte direkt zu den beiden Jungen und verbarg hastig seinen Arm im weiten Umhang. Sein Blick war eiskalt und voller mörderischer Absicht. Harry und Draco wussten augenblicklich: Sie hatten ihre Spur gefunden.
Nach dem Frühstück verloren sie keine weitere Sekunde. Sie tauschten einen kurzen, alarmierten Blick und verließen die Große Halle mit einigem Abstand, um kein Aufsehen zu erregen. Erst in einem verlassenen, staubigen Korridor des Schlosses ließen sie sich zurückfallen, bis sie Seite an Seite gingen. Sie mussten Professor Snape sofort und absolut heimlich von den frischen Kratzspuren des Lehrers berichten.
Das leise knarren der alten Holzdielen unter ihren schnellen Schritten spiegelte ihre innere Anspannung wider. Auch die Angst war zurück, denn sie spürten die unsichtbaren Blicke des Verräters förmlich im Nacken. Sie bogen gerade um die Ecke, die hinab in die Kerker führte, als ein großer, dunkler Schatten abrupt vor ihnen aus einer Nische trat.
Beide Jungen zuckten heftig zusammen und griffen nach ihren Zauberstäben, doch es war Snape. Sein schwarzer Umhang schien die Dunkelheit des Ganges regelrecht aufzusaugen. Er packte die beiden grob an den Schultern und stieß sie ohne ein Wort in ein leeres Klassenzimmer für Verwandlung. Mit einer fließenden Bewegung schloss er die Tür und versiegelte sie mit einem lautlosen Zauber.
„Bevor Sie beide mir mit Ihren kindischen Entdeckungen die Zeit stehlen“, zischte Snape mit bebender, aber extrem leiser Stimme, „müssen Sie wissen, was ich gefunden habe. Jemand aus dem Kollegium hat ein verbotenes, schwarzmagisches Werk über die Manipulation von Werwölfen aus der Bibliothek entwendet. Die Spuren führen direkt zu einem unserer Kollegen.“
Harry riss die Augen auf, atmete hastig ein und trat einen Schritt vor. „Professor, genau das wollten wir Ihnen auch gerade sagen! Wir haben die Spur ebenfalls gefunden!“
„Reden Sie nicht dazwischen, Potter“, schnitt Snape ihm das Wort ab, doch Draco unterbrach ihn ebenfalls, getrieben von reiner Nervosität.
„Nein, Professor, Harry hat recht!“, platzte es aus Draco heraus. „In der Großen Halle… wir haben Quirrells Arm gesehen, als sein Ärmel verrutscht ist. Er hat frische, tiefe Klauenabdrücke am Handgelenk. Genau wie die Schattenwesen vom Hexenpfad!“
Snapes Augen weiteten sich für einen winzigen Sekundenbruchteil vor eiskalter Überraschung. Das Puzzleteil aus der Bibliothek und die Entdeckung der Jungen fügten sich mit erschreckender Präzision zusammen. Der Feind war entlarvt.
Ein plötzliches, lautes Geräusch direkt hinter der verschlossenen Tür ließ die drei augenblicklich verstummen. Noch bevor Severus Snape seinen Zauberstab ganz erhoben hatte, flog die Klinke mit einem lauten Knall nach unten. Die Tür schwang auf, und Professor Quirrell trat mit einem kalten, spöttischen Lächeln in das Klassenzimmer. Der Angstpegel der Jungen im Raum, schoss augenblicklich in die Höhe.
„Glauben Sie wirklich, ein einfacher Schutzzauber könnte mich aufhalten, Severus?“, fragte Quirrell mit einer Stimme, die jegliches Stottern verloren hatte.
Snape trat schützend vor die beiden zitternden Schülern, den Stab präzise auf Quirrells Brust gerichtet. „Sie sind unvorsichtig geworden, Kollege. Wir wissen von dem Buch. Und wir haben die Klauenabdrücke an Ihrem Handgelenk gesehen. Sie waren auf dem Hexenpfad.“
Quirrell lachte leise und zog ohne Zögern seinen linken Ärmel nach oben. Die tiefen, rötlichen Kratzspuren kamen zum Vorschein.
„Natürlich war ich im Wald, Severus. Aber nicht, um diesen Jungen zu schaden“, sagte Quirrell ruhig und trat einen Schritt näher. „Ich habe gestern Nacht Schmerzensschreie aus dem Unterholz gehört und bin den Spuren gefolgt. Dort wurde ich von genau den Schattenkreaturen angegriffen, die Sie vertrieben haben. Ich habe versucht, die Fährte der Werwölfe zurückzuverfolgen. Und wissen Sie, wo sie endete?“
Quirrells Augen verengten sich zu Schlitzen, als er Harry und Draco fixierte.
„Sie endete direkt am Fuß des Astronomieturmes. Jemand mit uneingeschränktem Zugang zu den Ländereien hat diese Bestien mit Fleisch gefüttert und sie gezielt auf Ihren Pfad gelockt, Severus. Und dieser Jemand kontrolliert die Schutzwälle von Hogwarts.“ Quirrell senkte die Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern. „Ich habe selbst einen schwerwiegenden Verdacht. Es war Albus Dumbledore.“
Harry schüttelte heftig den Kopf. „Das ist absurd! Dumbledore würde so etwas niemals tun!“
„Oh, unterschätzen Sie nicht das große Wohl des Schulleiters, Potter“, entgegnete Quirrell kühl. „Wer sonst könnte ein ganzes Rudel unbemerkt auf das Gelände schleusen? Wer sonst hätte ein Interesse daran, Ihre Loyalitäten und Ihre Wehrhaftigkeit in einer inszenierten Todesgefahr zu testen? Er benutzt uns alle wie Figuren auf einem Schachbrett.“
Snape schwieg, doch seine Stabspitze senkte sich um keinen Millimeter. In seinen Augen arbeitete es fieberhaft. Die Anschuldigung war ungeheuerlich – aber in der Welt der dunklen Künste war niemand frei von Verdacht.
„Verstecken Sie sich! Sofort!“, zischte Severus Snape mit einer Dringlichkeit, die keinen Widerspruch duldete.
Mit einem brutalen Stoß beförderte er Harry Potter und Draco Malfoy in einen tiefen Wandschrank am Ende des Raumes, in dem alte, staubige Kessel und Umhänge lagerten. Quirrell schwang zeitgleich seinen Zauberstab, um die Schranktüren geräuschlos ins Schloss fallen zu lassen, gerade als ein lautes, unheilvolles rauschen direkt vor dem Klassenzimmer ertönte.
Durch den winzigen Spalt der Schranktür hielten Harry und Draco den Atem an. Der Gänsehautfaktor war greifbar; sie standen so dicht beieinander, dass sie das heftige Herzklopfen des jeweils anderen spüren konnten.
Im nächsten Moment glitt die schwere Eichentür des Klassenzimmers lautlos auf. Albus Dumbledore betrat den Raum. Sein langes, silbernes Haar schimmerte im fahlen Licht, doch das sonst so vertraute, gütige Funkeln in seinen Augen fehlte völlig. Seine Miene war streng, fast maskenhaft kalt. Er hielt den Elderstab locker in der Hand, während sein Blick langsam durch das Zimmer wanderte – vorbei an dem Wandschrank, direkt hin zu den beiden Lehrern.
„Severus. Quirinus“, sagte Dumbledore mit einer Stimme, die ruhig, aber von einer beunruhigenden Tiefe war. „Ich hatte gehofft, Sie beide hier zu finden. Es gibt unruhige Gerüchte über Vorkommnisse im Wald. Man flüstert, der alte Hexenpfad sei gestern Nacht nicht sicher gewesen.“
Snape tat einen Schritt vor, sein Gesicht vollkommen emotionslos, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. „Ein paar unbedeutende Schattenkreaturen, Schulleiter. Nichts, was wir nicht unter Kontrolle bringen konnten. Quirinus und ich haben lediglich die Sicherheitsvorkehrungen der Kerker analysiert.“
„Ah, ausgezeichnet“, erwiderte Dumbledore langsam. Er trat näher an den Schreibtisch des Klassenzimmers heran und strich mit einer Hand flüchtig über die Oberfläche, genau dort, wo vor wenigen Minuten noch das seidene Malfoy-Wappen gelegen hatte. „Wir müssen in diesen dunklen Zeiten schließlich alle wachsam sein. Es wäre ein Jammer, wenn unschuldige Schüler zu Schaden kämen.“
Dumbledores Blick glitt noch einmal langsam und intensiv in Richtung des Wandschranks. Harry hielt im Dunkeln krampfhaft die Karte des Rumtreibers fest, auf der Dumbledores Punkt quälend nah an ihrem Versteck stand. Draco zitterte so stark, dass er fast gegen einen der Kessel stieß.
Nach einer gefühlten Ewigkeit wandte sich der Schulleiter um. „Ich überlasse Sie dann Ihren Pflichten. Guten Tag, meine Herren.“
Erst als die Schritte des Schulleiters im Korridor verhallt waren und das letzte Knarren der Dielen verstummte, öffnete Snape die Schranktür mit einem harten Ruck. Die Jungen stolperten ins Licht. Snape und Quirrell sahen sie mit düsterer Entschlossenheit an. Das Netz aus Intrigen hatte sich endgültig über Hogwarts zusammengezogen.
Das schwere Atmen der vier Gestalten war das einzige Geräusch im Raum, während das die Angespanntheit nach Dumbledores Verschwinden kaum spürbar nachließ. Severus Snape blickte starr zur Tür, während Quirrell sich den Schweiß von der Stirn wischte.
„Wir haben keine Zeit zu verlieren“, drängte Quirrell mit unterdrückter Stimme. „Wir müssen handeln, bevor Dumbledore seinen nächsten Zug macht.“
Harry Potter starrte währenddessen wie gebannt auf das Pergament in seiner Hand. Er wollte gerade die Karte des Rumtreibers zusammenfalten, als sein Blick an einem kleinen Detail hängen blieb. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Auf der Karte, genau an der Stelle, an der Professor Quirrell stand, war nicht nur ein Name zu sehen. Die Tinte flackerte unnatürlich. Direkt hinter Quirrells Namen, untrennbar mit ihm verbunden, bewegte sich ein zweiter Punkt im Kreis. Harry kniff die Augen zusammen und las den Namen, der dort in winzigen, geschwungenen Buchstaben geschrieben stand: Tom Riddle.
Harry keuchte auf und wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Quirrell steckte mit Voldemort unter einer Decke! Er hatte die Werwölfe vermutlich selbst auf den Hexenpfad gelockt, um Dumbledore die Schuld in die Schuhe zu schieben und Snape auf seine Seite zu ziehen. Quirrells angebliche Entdeckung über Dumbledores nächtlichen Ausflug war eine manipulative Lüge gewesen.
Harry fing Snapes Blick auf und signalisierte ihm mit einem kaum merklichen, alarmierten Kopfschütteln und einem Deuten auf die Karte, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte. Snape, dessen Geist für Legilimentik geschult war, erfasste Harrys plötzliche Panik sofort. Ohne sich Quirrell gegenüber etwas anmerken zu lassen, verengten sich seine Augen zu Schlitzen. Er verstand: Das Spiel war noch viel gefährlicher, als er geahnt hatte. Sie durften Quirrell jetzt nicht zeigen, dass sie ihn durchschaut hatten.
„Quirinus hat recht“, sagte Snape mit gewohnt monotoner, eisiger Stimme, um diesen in Sicherheit zu wiegen. „Wenn Dumbledore das Schloss kontrolliert, müssen wir externe Verbündete mobilisieren. Lucius Malfoy muss erfahren, dass sein Name und sein Wappen benutzt werden, um ihn als schuldigen dastehen zu lassen. Er hat den Einfluss im Ministerium, den wir jetzt brauchen.“
Draco Malfoy, der immer noch sichtlich mitgenommen war, nickte hastig. „Mein Vater wird dem ein Ende setzen. Wir müssen ihm sofort schreiben.“
Snape trat an den Tisch, riss ein Stück Pergament ab und kritzelte mit schnellen, harten Federstrichen eine verschlüsselte Nachricht. Da Quirrells Augen jede Bewegung gierig verfolgten, durften sie keine Schuleule benutzen – Denn Quirrell oder Dumbledore würden sie mit absoluter Sicherheit abfangen.
„Malfoy, Potter“, sprach Snape mit schneidender Schärfe. Ein lautes schabendes Geräusch ertönte, als er sich an den Jungen vorbeischob und Draco die Nachricht unbemerkt in die Tasche gleiten ließ, während er ihm gleichzeitig einen vielsagenden Blick zuwarf. „Sie beide bringen diese Botschaft augenblicklich zu Hagrids Hütte. Er hat Kontakte zu den Eulenstationen außerhalb der Schlossmauern. Sagen Sie ihm, es handele sich um eine dringende Lieferung für den Schulrat. Und danach erwarte ich Sie ohne Umwege in Ihren Betten.“
Harry verstand den Plan sofort. Snape schickte sie weg, um sie aus Quirrells Schusslinie zu bringen und die Warnung an Lucius zu übermitteln, während Snape selbst im Schloss zurückblieb, um das doppelte Spiel mit dem Handlanger Voldemorts allein fortzuführen.
Die beiden Jungen drehten sich um und hasteten aus dem Klassenzimmer. Als sie die Kerker verließen, wussten sie, dass die kommenden Tage über das Schicksal von Hogwarts entscheiden würden – doch für den Moment war die Botschaft auf dem Weg.