Teil 6
Teil 6
Und weiter gehts... Das macht so spaß, das ich gerade für nichts anderes zu haben bin. Eine Stunde habe ich noch Zeit. Mal sehen wieviel ich noch schaffe.
Weiter gehts:
Am nächsten Morgen glich die Große Halle von Hogwarts einem aufgescheuchten Ameisenhaufen. Das Verschwinden von Professor Quirrell und die wilden Gerüchte über Werwölfe, die nachts durch die Kerker gestreift sein sollten, hatten die gesamte Schülerschaft in helle Aufregung versetzt. Überall steckten die Schüler die Köpfe zusammen, flüsterten nervös und warfen ängstliche Blicke zum Lehrertisch, der an diesem Morgen auffallend spärlich besetzt war.
Niemand ahnte, dass Lucius Malfoy das Schloss längst unbemerkt durch den Geheimgang verlassen hatte und sicher nach Malfoy Manor zurückgekehrt war. Seine Anwesenheit in dieser Nacht war ein absolutes Geheimnis geblieben.
Am Tisch der Slytherins saß Draco ungewohnt still neben seinen Hauskameraden, während Harry am Gryffindor-Tisch mechanisch in seinem Haferbrei rührte. Ihre Blicke trafen sich für den Bruchteil einer Sekunde quer durch die Halle – ein stummer Austausch zwischen zwei Jungen, die nun ein düsteres Geheimnis teilten.
In den privaten Gemächern des Zaubertrankmeisters, weit weg vom Lärm der Großen Halle, saß Severus Snape vor einem kalten Tee und starrte ins Leere. Der in der Nacht geschmiedete Plan stand fest: Albus Dumbledore durfte unter keinen Umständen informiert werden.
Das vierfache Bündnis hatte beschlossen, den Schulleiter komplett im Dunkeln zu lassen. Zu tief saß das Misstrauen. Als Dumbledore am Vorabend plötzlich verschwunden war und Snape kurz zuvor in einer höchst verdächtigen Situation mit Quirrell im Kerker angetroffen hatte, war sein Verhalten absolut rätselhaft, fast schon kalkuliert gewesen.
Snape, Harry und Draco hatten in Snapes Wohnung noch stundenlang darüber gerätselt, was der Schulleiter damit bezwecken wollte.
„Er wusste es“, dachte Snape grimmig, während er seinen Zauberstab in den Ärmel gleiten ließ. „Albus weiß immer alles. Und das macht ihn im Moment gefährlicher als je zuvor.“ Das Bündnis musste extrem vorsichtig agieren, denn von nun an spielten sie ein dreifaches Spiel – gegen Voldemort, gegen das Ministerium und gegen den mächtigsten Zauberer der Welt.
Der Wasserspeier glitt mit einem lauten Scharren beiseite und gab die rotierende Wendeltreppe frei. Harry und Draco blickten sich noch einmal kurz an, bevor sie hinaufstiegen. Albus Dumbledore hatte sie beide mitten am Vormittag per magischer Notiz in sein Büro zitieren lassen.
Auf dem Weg durch die Korridore hatten die Jungen fieberhaft gerätselt, woher der Schulleiter überhaupt wusste, dass sie in den Kerkern gewesen waren. Niemand hatte sie gesehen. War es ein unentdeckter Schutzzauber des Schlosses gewesen? Hatte Snape doch etwas verraten müssen, um sich selbst zu schützen? Oder besaß Dumbledore eine ganz andere Methode, um jeden Schritt seiner Schüler zu überwachen? Die Ungewissheit schnürte ihnen die Kehle zu.
Als sie das Büro betraten, bot sich ihnen ein Bild der Anspannung. Dumbledore saß hinter seinem Schreibtisch, die Hände vor dem Gesicht zusammengelegt. Seine Augen blitzten nicht mit der üblichen Gutmütigkeit. Er wirkte kühl, forschend und unnahbar.
„Harry. Draco“, begann Dumbledore mit sanfter, aber unheimlich geschäftsmäßiger Stimme. „Es war eine… ereignisreiche Nacht. Professor Quirrell hat das Schloss verlassen, und das Ministerium ist in Aufruhr. Ich weiß, dass ihr beide gestern Abend nicht in euren Betten wart. Ich möchte von euch hören, was sich in den Kerkern abgespielt hat. Jedes Detail.“
Doch die Jungen blieben eisern. Eingeweiht in den geheimen Plan mit Snape und Lucius, spielten sie die Unwissenden. Harry gab zu, dass sie wegen der Werwolf-Gerüchte Angst gehabt und nach Hagrid gesucht hatten, verlor aber kein Wort über Tom Riddle, Lucius’ Rettungsaktion oder Quirrells Aschehaufen. Draco blockte Dumbledores geschickte, psychologische Fangfragen mit der kühlen Arroganz ab, die er von seinem Vater gelernt hatte. Dumbledore musterte sie lange und intensiv – fast so, als versuche er, mit Legilimentik in ihre Köpfe einzudringen –, doch dank Snapes vorheriger Warnungen ließen sie sich nichts anmerken. Am Ende entließ der Schulleiter sie mit einem tiefen, unzufriedenen Seufzer.
Die Wut des Zaubereiministeriums
Was die Jungen zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten: Im Zaubereiministerium war zeitgleich die Hölle losgebrochen. Hagrid war dort am Morgen eingetroffen und hatte die Wahrheit über Quirrells Tod und die geisterhafte Flucht von Voldemorts Seele berichtet.
Zaubereiminister Cornelius Fudge reagierte absolut panisch und unendlich sauer. Aus Angst vor dem Machtverlust und einer Massenpanik weigerte er sich strikt, auch nur ein Wort zu glauben. Er schrie den verzweifelten Halbriesen im Atrium an und nannte Harry, Draco, Hagrid und Severus Snape dreiste Lügner. Fudge tobte und drohte offen damit, sie alle wegen Hochverrats und böswilliger Gerüchtemacherei nach Askaban bringen zu lassen, sollten sie die Zauberergemeinschaft mit ihren „Schauermärchen“ über den Dunklen Lord weiter aufwiegeln. Das Ministerium wollte die Wahrheit mit aller Gewalt vertuschen.
Das neue Misstrauen
Kaum hatten Harry und Draco das Büro des Schulleiters verlassen und die Treppe hinter sich gelassen, drückten sie sich in eine einsame Nische.
„Er hat uns nicht geglaubt, Potter“, flüsterte Draco und sah sich nervös um. „Er weiß, dass wir lügen. Aber er weiß nicht, was wir verheimlichen.“
„Wir müssen Dumbledore im Auge behalten“, entgegnete Harry mit fester Stimme. Er klopfte auf seine Tasche, in der die Karte des Rumtreibers steckte. „Ab jetzt überwachen wir jeden seiner Schritte auf der Karte. Wenn er etwas plant oder sich mit Quirrells Sachen beschäftigt, werden wir es sehen.“ Draco nickte entschlossen. Sie waren sich absolut einig.
„Aber zuerst müssen wir zu Snape“, drängte Draco. „Er unterrichtet gerade unten in den Kerkern Zaubertränke. Er muss sofort wissen, was Dumbledore uns gefragt hat und wie brenzlig die Lage ist.“
Ohne Zeit zu verlieren, machten sich die beiden Jungen auf den Weg nach unten, um ihrem Lehrer und Verbündeten die dringende Nachricht zu überbringen – mitten in den laufenden Unterricht hinein.
Harry und Draco stürmten keuchend in den Zaubertrankunterricht der Kerkerräume. Draco hielt sich theatralisch den linken Arm, während Harry ihn stützte. Sämtliche Köpfe der Drittklässler wirbelten zu ihnen herum.
„Professor Snape!“, rief Harry aufgebracht, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. „Malfoys Wunde blutet wieder stark! Madame Pomfrey hat uns direkt zu Ihnen geschickt. Sie sagt, sie hat die passenden Tränke für einen… für so einen tiefen Kratzer nicht mehr vorrätig und nur Sie können jetzt helfen!“
Snape, der gerade vor dem Kessel eines verängstigten Hufflepuffs gestanden hatte, erstarrte. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, als er die Jungen musterte. Er durchschaute die Ausrede augenblicklich, doch er spielte perfekt mit. „Potter, Malfoy – in mein Büro, sofort!“, herrschte er sie mit gewohnt frostiger Stimme an. „Der Rest von Ihnen rührt die Kessel nicht an, bis ich zurück bin!“
Hinter der geschlossenen Bürotür reichten die Jungen ihm in fliegenden Worten die Details aus Dumbledores Büro weiter. Snape hörte stumm zu, nickte kaum merklich und schickte sie mit der Anweisung, bis zum Ende der Stunde zu warten, zurück in den Korridor.
Das politische Parkett des Ministeriums
Währenddessen schritt Lucius Malfoy mit wehendem Umhang durch die goldenen Hallen des Zaubereiministeriums. Durch seine Kontakte hatte er bereits von Fudges hysterischem Wutanfall gegenüber Hagrid und der absurden Askaban-Drohung erfahren. Lucius suchte den Minister umgehend in dessen privatem Büro auf, um unter dem Vorwand besorgter Ratsmitglieder herauszufinden, was der Mann der Öffentlichkeit zu verkaufen gedachte.
Lucius war fassungslos und tief entsetzt über Fudges grenzenlose Dämlichkeit. Der Minister schwitzte, lief im Raum auf und ab und weigerte sich strikt, Voldemorts Rückkehr auch nur in Erwägung zu ziehen. „Ein Unfall, Lucius!“, zeterte Fudge mit zitternder Stimme. „Quirrell ist bei einem missglückten Experiment mit dunklen Artefakten gestorben! Das ist die offizielle Geschichte! Keine Werwölfe, kein Du-weißt-schon-wer! Jeder, der etwas anderes behauptet, wandert wegen Volksverhetzung direkt nach Askaban!“
Lucius lächelte kühl, drückte sein Beileid aus und verließ den Raum. Kaum war er außer Sichtweite, schickte er eine verschlüsselte, magische Sturmnachricht direkt an Severus Snape, um ihn über Fudges gefährliche Realitätsverweigerung in Kenntnis zu setzen.
Ein ungewöhnliches Abendessen in den Kerkern
Nachdem die letzte Unterrichtsstunde des Tages beendet war und die Schüler das Klassenzimmer verlassen hatten, las Snape Lucius' Nachricht. Doch anstatt in Zorn zu verfallen, reagierte Severus Snape ungewöhnlich ruhig und gelassen. Das Schicksal hatte die Karten neu gemischt, und Fudges Dummheit gab ihnen ironischerweise Zeit, im Verborgenen zu agieren.
Er fing Harry und Draco im Korridor ab und wies sie an, ihm unauffällig zu folgen. Snape lud die beiden Jungen ein, gemeinsam mit ihm in seinen privaten Gemächern zu essen.
Als sie das gemütliche Wohnzimmer betraten, ploppte mit einem lauten Knall eine kleine Hauselfe in den Raum. Sie trug eine saubere, winzige Schürze und hielt ein großes Tablett umklammert. Als ihr Blick jedoch auf Harry Potter und Draco Malfoy fiel, die mitten in den heiligen, privaten Räumen des mürrischen Zaubertrankmeisters standen, weiteten sich ihre riesigen Augen vor blankem Entsetzen. Sie stieß einen hörbaren, erschrockenen Quietscher aus und ließ fast das Besteck fallen, fing sich aber unter Snapes strengem Blick sofort wieder.
Wenig später stand ein üppiges und unglaublich leckeres Mahl auf dem Tisch, wie es die Jungen selbst in der Großen Halle noch nie bekommen hatten: zartes, in Kräutern geschmortes Fleisch, dampfende Pasteten, goldgelbe Kartoffeln und süße Nachspeisen, die speziell für sie zubereitet worden waren.
Snape goss sich etwas Tee ein, blickte über den reich gedeckten Tisch zu den beiden Jungen und sagte mit ruhiger, fast nachdenklicher Stimme: „Fudge spielt uns in die Hände. Indem er die Augen verschließt, lässt er uns den Vortritt. Nun, Potter, Malfoy… essen Sie. Wir haben eine Menge zu planen.“