Kapitel 10 - Das Angebot
Kapitel 10 - Das Angebot
Der Abend legte sich langsam über Domino.
Warme Lichter spiegelten sich auf den noch leicht feuchten Strassen, während sich das Leben nach und nach aus den Büros und Wohnungen in Bars, Restaurants und kleinen Gassen verlagerte. Vor dem Yoru bildeten sich bereits die ersten Grüppchen, die lachend auf Einlass warteten oder sich noch eine Zigarette gönnten, bevor sie im Inneren verschwanden.
Yami lehnte für einen kurzen Moment am Eingang und liess den Blick über die Strasse schweifen. Beinahe etwas aufgeregt, sah er sich nach einer Person um, die wohl aber noch nicht da war. Schon witzig, vor einigen Wochen noch knutschte er mit irgendwelchen Leuten, die sich in seinen Club verirrten. Und nun…? War da dieser Jemand, der sich nach und nach in sein Herz schlich. Es war als hätte sich ein Schalter umgelegt. Es gab nur noch ihn. Er wandte sich ab und ging wieder rein um sich an die Arbeit zu machen. Auf einen der Tische legte er ein kleines Schild hin mit einem Zettel. Auf jenem Stand Yugi…
Währenddessen liefen die vier Freunde gerade durch das Geschäftsviertel von Domino. Sie hatten sich bei Yugi Zuhause getroffen, da er der Letzte war, der sich umziehen musste. Auf dem nassen Asphalt flimmerten die Leuchtreklamen der Geschäfte und die Strassenlaternen gingen nach und nach an.
„Ich sag’s euch, heute probiere ich den Cocktail mit den drei Rum Sorten!“
„Joey… Übertreib’s nicht“, seufzte Tea und zog den Reissverschluss ihrer Jacke etwas höher. Die Abendbrise war relativ frisch zu der Jahreszeit.
„Ich muss mich doch durch die Karte probieren!“
„Du musst aber nicht gleich mit den harten Geschützen auffahren, Joey“, ermahnte Yugi den Blonden, der nur mit den Schultern zuckte.
„Ich weiss gar nicht was dein Problem ist, Yu.“ Frech streckte der Grössere ihm die Zunge raus , welcher das mit einem bösen Blick erwiderte.
„Nenn mich nicht so“, sagte Yugi in einem langsam etwas genervten Ton. Dabei erinnerte sich an gewisse Situationen und Nächte an denen Joey deutlich über den Durst getrunken hatte. Angewidert schüttelte er sich und warf seinem besten Freund nochmals einen warnenden Blick zu. Jener hob nur hilflos die Arme.
Gespielt beleidigt verschränkte er die Arme und schmollte vor sich hin.
„Deine Selbstbeherrschung ist wahrlich nicht beneidenswert“, kam es nun auch von Ryou. „Das ist noch nett ausgedrückt“, fügte Yugi murmelnd hinzu.
Während Joey empört weiter diskutierte, blieb Yugi für einen Moment etwas zurück. Sein Blick wanderte durch die belebte Strasse, ehe er unbewusst lächelte. Tief atmete er die frische Abendluft ein. Es tat so gut nach dieser anstrengenden Woche einfach mit seinen Freunden unterwegs zu sein, ohne an irgendwelche Meetings oder Aufnahmen zu denken. Aber auch dieses Hin und Her mit ihm. Er wusste auch nicht wieso er, immer wenn er ihn sah, ganz anders reagierte als er es eigentlich wollte.
„Du lächelst.“
Aus den Gedanken gerissen hob Yugi den Kopf und sah in die blauen Saphire seiner besten Freundin. Jene lächelte ihn wissend an und ohne dass er auch nur sagen musste, was ihm durch den Kopf ging, winkte sie ab und hakte sich bei ihm ein.
„Irgendwann sagst du es mir sowieso“, grinste sie ihn an und Yugi schüttelte nur lachend den Kopf. Die beiden schlossen zu Ryou und Joey auf und nach wenigen Minuten tauchte das dezente Schild des Yoru vor ihnen auf. Schon von draussen war gedämpfte Musik zu hören. Immer wieder öffnete sich die Eingangstür und liess Gesprächsfetzen, Gelächter und das Klirren von Gläsern nach draussen dringen.
Joey rieb sich erwartungsvoll die Hände, während Ryou die Tür aufschob und sie für seine Freunde aufhielt. Bereits beim Eintreten in den Club, konnte Yugi Yami hinter der Bar erkennen. Er schien gerade ein paar Cocktails zu machen und stellte sie dann auf ein Tablett, welches von Bakura gekonnt balanciert wurde auf einer Hand.
Das Barkeeper blickte auf und erkannte die kleine Gruppe. Mit einem Lächeln ging er auf sie zu.
„Da seit ihr ja!“
„Hey!“, begrüsste ihn Joey mit einer ziemlich guten Laune.
„Scheint ziemlich voll zu sein“, bemerkte Tea und sah sich in dem gut gefüllten Club um. Sie löste sich von Yugi und öffnete stattdessen ihre Jacke, da es im Club relativ warm war.
Yami nickte leicht und vergrub seine Hände in den Hosentaschen. Sein Blick fiel auf Yugi, der ihn einfach nur anlächelte.
„Ja, Samstag eben. Euer Tisch ist gleich da.“
Dankbar lächelte Yugi den Grösseren an. Seine Freunde liefen zum besagten Tisch und machten es sich sogleich gemütlich. Yugi dagegen blieb noch einen Moment vor Yami stehen, sahen sich einfach schweigend an. Die Luft um sie herum war ganz anders.
Je mehr Yami über ihn erfuhr, desto weniger schien er ihn zu verstehen.
„Alles gut?“, fragte Yugi nach und holte den Clubbesitzer aus seinen Gedanken raus. Jener blinzelte kurz und ein kleines Schmunzeln erschien auf seinen Lippen.
„Ja. War nur kurz woanders…“
„Dann hole ich dich lieber wieder zurück“, lächelte ihn sein kleiner Verkäufer keck an. Irgendwie sah er ihn so erwartungsvoll an, doch er konnte sich nicht erklären weswegen.
„Yugi! Beeil dich! Sonst bestelle ich für dich mit“, rief die Stimme des Blonden laut durch den Raum. Yugi rollte mit den Augen und seufzte auf.
„Das war mein Zeichen, dass ich gehen sollte… Bevor er anfängt zu viele Cocktails zu bestellen.“
Yugi zwinkerte ihm zu und setzte sich dann zu seien Freunden. Yami dagegen sah ihm einen Moment lang nach. Am liebsten hätte er sich direkt zu Yugi gesetzt um mit ihm weiterhin reden zu können. Seufzend wandte er sich ab, ehe er sich wieder zur Bar begab und den Shaker in die Hand nahm.
Obwohl seine Hände routiniert arbeiteten, bemerkte er, wie sein Blick immer wieder unbewusst zu dem Tisch der Vier wanderte. Er ertappte sich mittlerweile viel zu oft dabei.
Yami griff nach zwei Gläsern und füllte die brennende Flüssigkeit ab. Einer seiner Mitarbeiter stellte wortlos den Korb mit den Limetten neben ihm ab, damit er die Drinks ausgarnieren konnte.
Der Abend nahm langsam Fahrt auf.
Immer mehr Menschen strömten durch die Eingangstür. Das Gelächter vermischte sich mit der Musik, irgendwo stiessen mehrere Gläser gegeneinander und in allen möglichen Ecken wurde getanzt und gefeiert. Es waren genau diese Abende, die Yami eigentlich mochte. Das Yoru lebte.
Jeder schien den Alltag für ein paar Stunden vor der Tür gelassen zu haben.
„Zwei Mojito!“
„Kommt sofort.“
Mit geübten Bewegungen schnitt er die frische Minze, zerdrückte Limetten im Glas und liess Eiswürfel hineinfallen. Auch wenn er sich versuchte zu konzentrieren, er konnte einfach nicht aufhören an Yugi zu denken. Es machte ihn regelrecht bekloppt.
Er beobachtete wie Joey gerade irgendeine Geschichte mit vollem Körpereinsatz erzählte und dabei alle am Tisch zum Lachen brachte. Ryou versuchte sich offensichtlich zusammenzureissen, was aber kläglich scheiterte. Tea verdeckte kichernd ihr Gesicht mit den Händen und Yugi lachte seinen besten Freund schadenfroh aus.
Yami ertappte sich dabei, wie sich unwillkürlich ebenfalls ein Lächeln auf seine Lippen schlich. Ob Yugi sich bewusst war, wie ansteckend dieses Lachen war?
„Chef?“
Aus den Gedanken gerissen, blinzelte Yami verwirrt.
„Hm?“
„Die Mojitos.“
„Verdammt.“
Er stellte die fertigen Gläser hastig auf das Tablett. Sein Mitarbeiter grinste ihn dämlich an, ehe er das Tablett entgegennahm.
„Heute bist du aber ganz schön neben der Spur, Boss.“
Yami seufzte nur und wedelte mit der Hand um seinen Mitarbeiter wegzuschicken, der dies nur mit einem belustigten Grinsen quittierte.
Noch ehe er sich weiter Gedanken machen konnte, erklang plötzlich lautere Jubel aus der Menschenmenge. Der DJ hatte offenbar den nächste Song gestartet, der einfach jeder kannte. Er packte die richtigen Klassiker raus, die nie alt wurden.
Aus jeder Ecke strömten die Menschen mit erhobenen Gläsern auf die Tanzfläche. Auch Joey schien keine Sekunde zu zögern.
Er sprang von seinem Stuhl auf und streckte beide Arme in die Luft, um seine Freunde aufzufordern mit ihm zu kommen. Er packte Yugi an beiden Händen und zerrte ihn gefühlt auf die Tanzfläche, was die beiden Anderen dazu einlud dem nachzukommen.
Yami beobachtete das mit einem zufriedenen Ausdruck im Gesicht. Er übergab Tensi die Bar um sich etwas aus der Reserve zu ziehen. Er war ohnehin zu unkonzentriert und als Chef konnte er es sich sowieso erlauben zu machen wie ihm beliebte.
Yugi tanzte mit Ryou, dabei schienen sie sich auch über irgendwas lachend zu unterhalten. Die beiden wirkten als würden sie sich sehr Nahe stehen.
Nach einiger Zeit aber kam jemand in dieses Bild, was Yami eher mit einem missbilligen Blick beobachtete. Ein Mann mit kurzem schwarzen Haaren hielt ein Glas locker in der Hand, er war allein. Er schien wohl gefallen an der Freundesgruppe zu haben, aber besonders eine Person fiel ihm auf. Seine Augen ruhten für Yamis Geschmack eindeutig zu lange auf Yugi.
Der Fremde stellte sein Glas am nächstbesten Tisch ab und setzte sich dann in Bewegung.
Yami liess den Fremden nicht mehr aus den Augen. Es war nichts neues, dass er jemanden beobachtete, der Interesse an einem anderen Gast zeigte. Das war schliesslich etwas völlig normales beim Feiern. Menschen lernten sich hier kennen. Manche für einen Abend, andere vielleicht für deutlich länger. Er hatte schon die verrücktesten Geschichten miterlebt und beobachten können.
Doch dieses Mal, passte es Yami ganz und gar nicht in den Kram.
Insbesondere da es sich um Yugi handelte. Sein Verkäufer. Sein…
Als hätte der Andere nur auf die Gelegenheit gewartet, ging er direkt auf Yugi zu, der ihn zunächst gar nicht bemerkte. Er bemerkte ihn erst als der Fremde eine Hand auf seinen Arm legte und etwas sagte, was Yami von hier aus nicht hören konnte.
Überrascht sah er den Kerl an, er setzte dennoch ein höfliches Lächeln auf. Ein Lächeln, das Yugi beinahe jedem schenkte. Freundlich. Offen. Aufmerksam.
Der Fremde freute sich sichtlich darüber. Sie unterhielten sich einen Moment lang und Yugi nickte nur hin und wieder leicht. Yami konnte nicht hören, worüber sie sprachen, doch er verstand die Körpersprache.
Der Mann lachte und berührte Yugi immer wieder „zufällig“ dabei. Yugi lachte ebenfalls. Doch… anders. Es war nicht dieses unbeschwerte Lachen, das er eben noch mit seinen Freunden geteilt hatte. Eher höflich, fast schon entschuldigend. Doch der Kerl rückte dennoch näher und schien die Zeichen nicht zu verstehen. Yugi wich nicht zurück, aber er hatte nun langsam ein etwas anderen Ausdruck im Gesicht.
In Yami begann es nervös zu kribbeln. Ihm passte es gar nicht wie der Kerl seinem Verkäufer auf die Pelle rückte und dabei zu blöd war zu merken, dass jener offensichtlich keinerlei Interesse an ihm hatte. „Was versteht dieser Vollidiot nicht an einem Nein…“
Yugi hatte nun einen eher genervten Gesichtsausdruck. Er antwortete nun wohl etwas direkter, schüttelte dabei langsam den Kopf. Doch der Fremde schien die Antwort nicht zu akzeptieren zu wollen. Er redete weiterhin auf ihn ein und deutete mit einer Hand zwischen sie hin und her und zur Bar.
Yami wollte beinahe eingreifen, doch er hielt inne als er beobachten konnte wie Yugi zu jemanden hinüber sah. Nicht zu Joey. Auch nicht Tea.
Seine Augen ruhten für den Bruchteil einer Sekunde auf Ryou. Es war für Yami ein nichtsaussagender Blick, doch Ryou schien ihn zu verstehen.
Wie selbstverständlich trat der Weisshaarige einen Schritt näher.
„Na los!“, rief Joey lachend und zog Tea wieder in irgendeine übertriebene Drehung.
Die beiden schienen überhaupt nicht mitzukriegen, was sich neben ihnen abspielte.
Nur Ryou trat an Yugis Seite, sagte irgendwas zu ihm und grinste leicht, was Yugi erwiderte.
Dann griff er nach Ryous Hand und zog ihn näher zu sich. Jener liess die Berührung ohne wenn und aber zu. Er verschränkte sogar seine Finger mit Yugis, als wäre es das Natürlichste auf der Welt. Yugi stellte seinen angeblichen Freund dem Fremden vor und hauchte Ryou einen zarten Kuss auf die Wange. Yami stockte für einen Moment der Atem. Er begriff nicht so ganz was sich da abspielte.
War Yugi vergeben? Er dachte die beiden wären Freunde? Aber warum sah Yugi ihn denn immer so… mit diesem warmen Blick an, wenn er doch einen Freund hatte? Er bildete sich doch das nicht ein!
Die Fragen türmten sich in Yamis Kopf.
Yami beobachtete wie verwirrt wohl auch der Fremde sein musste. Yugi hob beinahe provokant ihre verschränkten Hände in die Höhe und sagte etwas zu dem Kerl. Der Mann sah zwischen den beiden hin und her. Dann hob er beide Hände, als wollte er sich entschuldigen und verschwand dann schliesslich in der Menge.
Einen Moment lang verharrten die zwei Freunde so, doch als sie sich sicher waren, dass der Andere sie nicht mehr hören konnte, lösten sie ihre Hände voneinander. Yugi drehte sich grinsend zu Ryou, beinahe schadenfroh. Ryou schüttelte lachend den Kopf.
Yami beobachtete wie die beiden sich amüsierten und dann miteinander tanzten, als wäre nichts gewesen.
Yami runzelte die Stirn. Irgendwas… passte daran nicht. Als wäre das einstudiert worden.
„Na?“
Yami erschrak sich leicht als Bakura neben ihm stand und ihm auf die Schulter klopfte.
„Bist du wieder am glotzen?“
„Tu ich nicht.“
„Wenn du meinst“, entgegnete Bakura grinsend. Yami rollte nur mit den Augen.
Der Weisshaarige sah mit einem wissenden Funkeln in den Augen zur Tanzfläche wo er Yamis Schwarm und den seinen erblicken konnte.
„Der Kleine hat jemanden abblitzen lassen, hm?“
Yami versuchte seinen Freund zu ignorieren, doch der rückte ein Stückchen näher.
„Weisst du… andere überlegen nicht wochenlang.“
„Bakura.“ Yami schubste den Weisshaarigen von sich und wollte von ihm weglaufen. Er hatte keine Lust sich eine Predigt anzuhören. Doch Bakura liess sich nicht beirren.
„Du bist doch sonst kein Mann, der wartet“, warf er ein und zog Yami etwas zur Seite.
„Wenn du zulange wartest, kommt wieder so ein Kerl und wenns Scheisse läuft, steht Yugi auf den Typ. Und dann? Dann kannst du dir in den Arsch beissen, weil du wie ein Mädchen zugeguckt hast. Und ich darf mir dein Gejammer über Wochen anhören“, beschwerte sich Bakura und versuchte seinen besten Freund endlich dazu zu bewegen, den Arsch hochzukriegen.
Yami schwieg. Er hatte ja recht…
Seit Wochen beobachtete er ihn, lernte jedes Mal eine neue Seite an ihm kennen. Er freute sich über jedes Gespräch, das sie miteinander führten.
Und trotzdem… stand er immer noch so am Anfang. Obwohl er merkte, dass da irgendwas zwischen ihnen war.
Während andere Männer offenbar einfach ihren Mut zusammennahmen und auf Yugi zugingen.
Er war noch nie ein Mensch gewesen, der Chancen einfach vorbeiziehen liess.
Warum also…
…ausgerechnet jetzt?
Sein Blick blieb erneut an Yugi hängen. Dieser bemerkte ihn plötzlich.
Für einen Moment trafen sich ihre Blicke quer durch den Club. Yugi lächelte ihn an mit diesem unglaublich warmen, ehrlichen Glänzen in den Augen, die Yami inzwischen viel zu gut kannte.
Genau in diesem Moment fasste er einen Entschluss.
So konnte es nicht ewig weitergehen.
Auf einmal bewegte sich Yugi auf ihn zu. Bakura unterdessen verschwand mit einem vielsagenden Blick und zwinkerte seinem Kumpel auffordern zu. „Du packst das!“
Yugi kam vor Yami zum Stehen.
„Hey.“
„Hey.“
Etwas lag in der Luft. Ein leichtes Kribbeln. Ein verschmitztes Lächeln lag auf seinen Lippen, während zwischen zwei Fingern einer der schwarzen Yoru-Jetons hin und her tanzte.
„Ich glaube…“, begann er mit gespielter Nachdenklichkeit und legte den Jeton langsam auf einen kleinen Tisch am dem Yami stand und biss sich grinsend in die Lippen. „…ich habe hier noch Guthaben.“
Unwillkürlich musste Yami lachen.
„Du verschwendest aber auch keine Gelegenheit.“
„Du hast sie mir gegeben, also?“
„Willst sie wohl schnell loswerden“, erwiderte Yami mit gespielt nachdenklicher Miene.
„Du klingst enttäuscht“, grinste ihn Yugi frech an.
„Vielleicht wollte ich, dass sie etwas länger in deiner Hosentasche bleiben.“
Kaum hatte Yami den Satz ausgesprochen, bemerkte er selbst, wie zweideutig er klang. Yugi blinzelte kurz, dann schlich sich dieses ausgesprochene freche Lächeln auf seine Lippen. Es war beinahe so als würde er ein bisschen zurück flirten.
„Jetzt bin ich mir nicht sicher, ob wir noch über Jetons reden.“
Yami räusperte sich gleich verlegen.
„…Das klang gerade besser in meinem Kopf.“
Ein leises Kichern entkam Yugi.
„Also? Wo bleibt mein Drink?“
„Warum bei mir? An der Bar arbeiten noch zwei Andere.“
„Weil du bei mir immer bisschen mehr einschenkst. Zufälligerweise…“ Dann machte er eine kleine Pause. „…und du hast sie mir gegeben. Dann löse ich sie auch bei dir ein.“
Er nickte leicht. Fühlte sich etwas ertappt, da Yugi wohl bemerkt hatte, dass in seinem Glas immer mehr drin war als bei anderen. Er war grosszügiger bei Yugi.
Mit einem Wink gab er Yugi zu verstehen, dass er ihm folgen sollte.
Hinter der Bar, schnappte er sich den Shaker und sah dann fragend zu Yugi, welcher sich interessiert über den Tresen beugte um ihn beim Mixen zuzusehen.
„Was darf ich dir machen?“
„Überrasch mich.“
Nickend schnappte sich Yami die ersten Zutaten. Da Yugi bisher immer Getränke bestellte, die eher süsslich waren als herb, hatte er schon eine Idee was er mixen könnte.
Yugi beobachtete ihm schweigend dabei. Aufmerksam folgte er jeder Bewegung, die der Grössere machte. Yami gab sich besonders grosse Mühe, da Yugi vor ihm stand. Als er den Cocktail fertig ausgarnierte, reichte er seinem kleinen Verkäufer das Glas.
„Bitte.“
Yugi nahm neugierig einen Schluck davon, seine Augen weiteten sich überrascht. Er nahm einen weiteren Schluck aus dem Strohhalm.
„Beeindruckend“, sagte er nur leise und lächelte seinen Barkeeper an.
„Dann habe ich deinen Geschmack getroffen?“
„Du merkst dir Dinge“, sagte Yugi stattdessen nur, was Yami etwas verwunderte.
Für einen Moment schwiegen die beide. Die Musik dröhnte durch den Club, Gäste unterhielten sich lautstark und irgendwo jubelte einer, der offenbar eine Wette gewonnen hatte. Typische Saufspiele halt.
Yami betrachtete Yugi. Dann fiel sein Blick zur Tür. Er hatte einen Entschluss gefasst.
„Kommst du kurz mit?“
Verwundert hob Yugi den Kopf und folgte seinem Blick.
„Ich könnte etwas frische Luft gebrauchen. Du nicht?“
Yugi musterte ihn einige Sekunden lang. Irgendwas an Yamis Stimme war anders. Er konnte nicht deuten was genau. Er klang… ernster…
Er nickte ihm zustimmend zu und hob leicht das Glas an.
„Nur wenn ich das mitnehmen darf!“
„Ausnahmsweise“, lachte Yami und kam hinter der Bar hervor.
Er rief einem Mitarbeiter zu, dass er einen Moment weg war und sie sich bei Fragen an Bakura wenden sollen. Er wies Yugi an ihm zu folgen und hielt ihm dann die Tür vom Hintereingang des Yoru’s auf. Schmunzelnd nahm Yugi die Geste zur Kenntnis. Kaum fiel die Tür hinter ihnen ins Schloss, wurde die laute Musik zu einem dumpfen Puls, der nur nicht gedämpft durch die Wände drang.
Die kühle Luft tat so gut. Ein leichter Wind bewegte die Blätter der Bäume, während sich das Licht der Strassenlaternen auf dem feuchten Asphalt spiegelte.
Yugi atmete tief durch.
„Das tut tatsächlich gut.“
„Nicht wahr?“
Für eine kleine Weile standen die beide schweigend nebeneinander an die Hauswand gelehnt. Yugi nippte immer wieder an seinem Cocktail, was Yami stumm beobachtete.
Es war seltsam. Eigentlich hatte Yami unterwegs längst gewusst, was er sagen wollte.
Jetzt, wo sie allein waren… fehlten ihm plötzlich die Worte.
Yugi bemerkte sein Zögern sofort.
„Du wolltest nicht nur frische Luft schnappen.“
Es war weniger eine Frage, mehr eine Feststellung. Yami musste leicht schmunzeln.
„Man kann dir wirklich nichts vormachen“, flüsterte er leise gegen den Wind.
„Selten“, hauchte Yugi beinahe, während sie sich in die Augen sahen.
Yami atmetet tief durch, er drehte sich leicht zur Seite und lehnte somit mit der linken Schulter gegen die Wand.
„Vorhin…“ Er machte eine kurze Pause. „…der Typ auf der Tanzfläche.“
Aufmerksam drehte sich Yugi nun auch etwas in Yamis Richtung und tat es ihm gleich. Ein leises „Hm“ entkam ihm.
„Er hat dich ziemlich offensichtlich angebaggert.“
Ein amüsiertes Schmunzeln erschien auf Yugis Lippen. Er neigte den Kopf etwas zur Seite.
„Hat er wohl.“
„Und…“ Er zögerte kurz, überlegte sich wie er die Frage formulieren sollte. Er sah in die Ferne. Er wollte dem neugierigen Blick Yugis ausweichen. „…was hatte es mit Ryou auf sich?“
Das Schmunzeln verschwand für einen Augenblick. Verwirrt über die Frage blinzelte er mehrmals und öffnete den Mund immer wieder, wie ein Fisch der an Land gezogen wurde.
Dann lachte er laut auf, nicht böswillig, sondern dieses warme Lachen, das Yami inzwischen viel zu gut kannte.
„Das hat dich beschäftigt?“, fragte Yugi immer noch leise lachend nach. Yami war beinahe etwas beschämt deswegen.
„Ein bisschen…“
Yugi nahm einen Schluck aus seinem Glas, ehe er den Kopf leicht schüttelte.
„Ryou und ich machen das schon seit Jahren“, begann Yugi zu erklären. „Erleichtern uns gegenseitig das Leben.“ Ein freches Grinsen huschte über sein Gesicht.
„Wenn jemand einfach nicht verstehen möchte. Dass ein Nein ein Nein ist… dann bekommt er eben meinen angeblichen Freund vorgestellt.“ Dabei hob er kurz seine linke Hand. „Funktioniert erstaunlich gut“, fügte er lachend hinzu.
„Angeblich? Also seid ihr…“ Einige Sekunden sah Yami ihn schweigend an. Sein Verkäufer schüttelte langsam den Kopf.
„Nein. Nicht mal ansatzweise. Ryou ist einfach der Mensch mit dem ich so eine Show abziehen kann“, erklärte er und musterte dabei schmunzelnd den Clubbesitzer.
„Und Joey?“
Ein verzweifeltes Lachen entwich Yugi, während er eilig den Kopf schüttelte und einen grossen Schluck aus seinem Glas trank.
„Auf keinen Fall!“
„Warum?“, fragte Yami nun verwundert nach. Sein Gegenüber sah ihn an als hätte er einen Geist gesehen.
„Weil Joey spätestens nach dem zweiten Glas jedem erzählt, dass wir gar kein Paar sind und nur so tun. Und ja… das kam schon vor. War nicht so witzig, also lach nicht“, schimpfte er spasseshalber mit Yami, der ein Lachen nicht unterdrücken konnte.
„Das muss ziemlich unangenehm gewesen sein.“
„Und wie! Deshalb übernimmt Ryou das. Er verliert nie den Überblick und weiss immer sofort, wenn ich ihn brauche. Und wenn nötig…“ Er machte eine dramatische Pause. Yami hob skeptisch, aber auch neugierig eine Augenbraue in die Höhe. Yugi sah ihm direkt in die Augen.
„…küssen wir uns eben.“
Yami fehlte für einen Moment lang die Worte. Als würde in seinem Kopf Zahnrad um Zahnrad drehen, um die gewonnene Information zu verarbeiten. Auch wenn er wusste, dass das nur aus Spass und Notwendigkeit geschah, gefiel ihm der Gedanke nicht, Yugi küssend mit jemand anderen zu sehen.
„Küssen?“
Yugi nahm einen weiteren Schluck, als hätte er gerade beiläufig erwähnt, dass es morgen regnen würde. Nachdenklich sah Yami in die Ferne auf die nassen Strassen, wo hin und wieder ein Auto vorbeifuhr.
„Mhm.“
„Einfach so?“
„Wenn es sein muss. Ist immer noch angenehmer, als sich zehn Minuten lang erklären zu müssen, was im Regelfall nichts bringt, da sie hartnäckig bleiben.“ Dabei hatte er einen etwas verzweifelten Ausdruck im Gesicht. Er sprach aus Erfahrung und hatte dies wohl leider schon einige Male erlebt.
„Habt ihr das… öfters gemacht?“
„Ein paar Mal“, erwiderte Yugi leise.
„Ein paar?“, hakte Yami ungläubig nach, sah seinen kleinen Verkäufer mit fassungslosen Augen an.
„Ich habe nie mitgezählt“, verteidigte er sich und wurde dabei etwas verlegen und rot um die Nase herum. Nun war es ihm doch ein kleines Bisschen unangenehm.
„Und für Ryou ist das okay?“
„Wir kennen uns seit dem Kindergarten. Wir haben schon so viel Scheisse zusammen gebaut und er war meine erste Knutscherei… Hey! Sieh mich nicht so an! Die meisten probieren das mit ihren Freunden aus! Hast du etwa noch nie mit deinem besten Freund rumgeknutscht?“
„Nein! Zufälligerweise noch nie?!“, rief Yami empört aus, während Yugi ihn nur auslachen konnte.
Eine Weile blieb es ruhig zwischen den beiden. Yami spürte den Blick des Kleineren auf sich.
Je länger er den beiden zugesehen hatte, desto mehr hatte er gespürt, wie eng diese Freundschaft war.
„Darf ich dich noch etwas fragen?“, kam es auf einmal von dem Grösseren und drehte sich wieder mehr zu Yugi. Jener nickte sofort.
„Natürlich.“
„Veil of memories…“, begann er leise. Auf Yugis Lippen lag immer noch dieses sanfte Lächeln.
„Bei deinem Namen standen drei Titel. Creative Director, dann irgendwas mit Game Design und… Composer… Ich meine schon die ersten beiden waren überraschend. Ich wusste zwar, dass du Spiele entwickelst, aber nicht welche Verantwortung du trägst. Aber Komponist? Ich muss sagen, damit hatte ich gar nicht gerechnet.“
Yugi hörte ihm stumm einfach zu.
„Wie hat sich das ergeben? Du hast Spiele entwickelt und hast dann nebenbei mit der Musik ange…?“
Ein langsames Kopfschütteln von Yugi, unterbrach ihn.
„Andersherum.“
„Wie meinst du das?“ Leicht runzelte Yami die Stirn, während Yugi seinen Blick abwandte und in den Nachthimmel sah.
„Die Musik war nie das, was nebenbei geschah… Die Entwicklung war es“, hauchte er leise und hatte dieses Glänzen in den Augen. Yami schwieg und hörte einfach zu.
„Ich habe Komposition studiert. Also klassische Komposition. Ich wollte schon immer Musik für Filme und Spiele schreiben… Ich fand es faszinierend, wie sehr Musik eine Szene verändern kann… Ein und dieselbe Szene kann vollkommen anders wirken, je nachdem, was im Hintergrund gespielt wird.“
Er machte eine kleine Pause, in der er zu Yami sah, der ihn die ganze Zeit interessiert beobachtet hatte. Er dachte eigentlich, dass Yugi allein bei der Thematik über die Entwicklung total in eine Schwärmerei gelang, doch bei der Musik schien es viel intensiver.
„Was lernt man denn genau da? Ich kann’s mir irgendwie nicht genau vorstellen“, fragte Yami neugierig nach und schien mit der Frage seinen Gegenüber irgendwie glücklich zu machen.
„Naja… Also man studiert nicht nur wie man irgendwelche Melodien schreiben kann. Es geht um Harmonielehre, Instrumentation, Orchestration, verschiedene Kompositionstechniken und darum, wie man Musik für ganz unterschiedliche Situationen schreibt. Also auch darum, wie man mit Musik eine bestimmte Stimmung erzeugt oder eine Geschichte unterstützt.“
Aufmerksam nickte Yami und liess den Kleineren einfach weitererzählen.
„Irgendwann kam Seto auf mich zu. Er wusste, dass ich komponiere und wollte mir dafür einen Job anbieten, den ich natürlich angenommen habe… Ich sollte den kompletten Bereich für die Musik und den Sound der Spiele übernehmen… Aber irgendwann hat sich was geändert… Wenn du ständig mit einem Entwicklerteam arbeitest, fängst du automatisch an, dich für die anderen Bereiche zu interessieren. Erst habe ich die Synchronsprecher bei ihren Aufnahmen begleitet, weil mich das total faszinierte. Dann hab ich mich bisschen eingemischt in die Entwicklung der Charaktere und so zog sich das immer weiter“, lachte er leise und hatte diesen verträumten Ausdruck in den Augen.
„Naja… Und dann sass ich vielleicht immer wieder mal in Besprechungsräumen, wo ich eigentlich nichts zu suchen hatte… Aber Seto liess mich einfach machen. Irgendwann hat er mir dann die Weiterbildungen bezahlt und mich bei diversen Schulungen angemeldet. So habe ich mir mein komplettes Wissen nach und nach angeeignet.“
„Wow… Das ist mal eine Laufbahn. Du hast dir nicht zu wenig vorgenommen“, rechnete er Yugi bewundert an, der nur mit der Hand abwinkte.
„Deswegen bin ich heute Creative Director… Aber wenn du mich fragst, was davon wirklich meine Leidenschaft ist…“
„Musik“, hauchte Yami sanft und brachte ihn kurz zum Schweigen.
„Musik…“, wiederholte er lächelnd.
„Kaiba muss dir wahnsinnig vertraut haben.“
„Ich glaube eher, er hat mir einfach immer ein Stück mehr zugetraut, als ich mir selbst.“
Eine angenehme Stille legte sich über die beiden. Auf einmal begann es zu tröpfeln. Der leichte Regen prasselte leicht auf das Vordach. Die zwei Männer rückten etwas näher zur Hauswand um nicht nass zu werden.
Yamis Blick ruhte nun wieder auf Yugi, der offenbar einfach den Moment genoss.
Dabei brannte ihm etwas auf der Zunge. Er hatte doch einen Entschluss gefasst. Jetzt war doch die perfekte Gelegenheit mit ihm zu reden.
„Ich habe keine Lust mehr so zu tun, als wäre da nichts zwischen uns…“, hauchte Yami leise, doch Yugi hörte es klar und deutlich. Die Worte hallten in Yugis Kopf nach. Überrascht sah er zu Yami auf.
„Was?“
Sie sahen sich einfach nur an. Yami mit diesem entschlossenen Funkeln in seinen Augen und Yugi, der gerade versuchte die Puzzleteile zusammenzufügen.
„Seit Wochen gehst du mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich denke immerzu nur an dich. Du bringst mich total aus dem Konzept.“
Verlegen lächelte Yugi und senkte den Blick. Sein Drink sah auf einmal total spannend aus. Er spielte mit dem Strohalm und schob die Eiswürfel hin und her.
Doch Yami sah ihn weiterhin an. Er wollte das jetzt nicht mehr auf sich beruhen lassen.
„Jedes Mal, wenn ich dich sehe, will ich mehr über dich erfahren. Ich will alle Seiten an dir kennenlernen und zusammenfügen. Und du? Du… erzählst mir so viel… Aber ich spüre deine Distanz.“
Yugi hörte ihm schweigend zu. Er hörte die leise Verzweiflung aus Yamis Stimme heraus. Sein Gesichtsausdruck hatte ernste Züge angenommen. Über die letzten Wochen hinweg, sah er natürlich, dass sich etwas in Yami tat was ihn betraf.
Die Blicke, die er ihm immer wieder zuwarf.
Das ständige Auftauchen im Laden, selbst dann als er nur auf Salomon traf und enttäuscht war.
Die Jetons.
Das sie jetzt hier draussen zusammen standen und redeten.
Er wusste, dass es irgendwann zu solch einen Gespräch gekommen wäre, doch er dachte nicht, dass es bereits heute soweit war.
„Yami… Ich glaube, genau deshalb versuche ich Berufliches und Privates voneinander zu trennen“, seufzte er leise, beinahe entschuldigend.
„Wie meinst du das?“, fragte Yami nun verwirrt nach: Yugi zuckte nur leicht mit den Schultern, sah ihn aber immer noch nicht an. Lieber sah er auf die Strasse und beobachtete die wenigen Autos, die vorbeifuhren.
„Du bist mein Kunde.“
Die vier Worte blieben einen Moment zwischen ihnen stehen, in dem Yami seine kleinen Verkäufer nur ansah. Sie waren weder kalt ausgesprochen, noch klang es wie eine Abfuhr. Es war vielmehr eine Feststellung, eine Regel, an die Yugi selbst offenbar glaubte. Eine Regel, die er sich selbst vorgab. Doch Yami begriff nicht weswegen das so wichtig war. Diese künstliche Distanz, die Yugi versuchte zwischen ihnen aufrecht zu erhalten, frustrierte Yami.
„Völliger Blödsinn.“ Die Worte waren leise ausgesprochen.
Irritiert löste Yugi seinen Blick von der Strasse und sah direkt in Yamis Augen. In jenen brannte die pure Entschlossenheit und ein Feuer, welches er noch nicht genau deuten konnte.
„Wie bitte?!“
Yami stiess sich nun von der Wand ab und stellte sich direkt vor Yugi, auch wenn er nun leicht im Regen stand und etwas nass wurde. Doch das war ihm sowas von egal. Es reichte ihm einfach. Yugi verhielt sich ihm gegenüber so widersprüchlich.
„Du kannst mir vieles erzählen… aber nicht, dass ich für dich einfach nur irgendein Kunde bin.“
Yugi wollte etwas darauf erwidern, doch dieser liess ihn gar nicht erst zu Wort kommen.
„Yami…“
„Warum war es dir so wichtig, dass ich die Credits anschaue?“, stellte er seine erste Frage. Er machte einen winzigen Schritt auf ihn zu. Yugi sah ihn nur weiterhin irritiert an und schien mit sich innerlich zu diskutieren. Er antwortete nicht darauf.
„Warum?“
Doch Yugi sagte nichts.
„Die meisten Spieler überspringen sie, das hast du selbst gesagt. Warum war es dir ausgerechnet bei mir wichtig?“
Der Kleinere sah an Yami vorbei, konnte ihm dabei nicht in die Augen sehen. Er fühlte sich langsam in die Ecke gedrängt, was in ihm etwas zu entfachen begann ohne dass er es wollte. Doch Yami hakte weiter nach und nahm keinerlei Rücksicht auf seinen Gegenüber. Er hatte zu lange nur ruhig daneben gestanden.
„Warum hast du mir gesagt, ich soll wieder in den Laden kommen, wenn ich das Spiel beendet habe? Er ging einen weiteren Schritt auf ihn zu, was Yugi mit einem leisen, genervten Seufzen wahrnahm.
„Warum hast du mir gesagt, dass du heute Abend wieder ins Yoru kommst?“
Ein funken des Trotz spiegelte sich in den violetten Augen. Nun sah er doch wieder in die rubinroten Augen seines Gegenübers.
„Weil ich einen Ti-“
„Ne, ne. Komm mir nicht mit dem scheiss Tisch“, ermahnte ihn Yami und unterbrach ihn harsch, was Yugi empört nach Luft schnappen liess. Doch Yami machte nur einen weiteren letzten Schritt auf ihn zu. Der Regen prasselte nicht mehr auf seine Schultern nieder.
„Wenn ich wirklich nur irgendein Kunde wäre… dann hättest du mir das Spiel verkauft, mir einen schönen Tag gewünscht und das wär’s gewesen. Wie bei Bakura.“
Ein kaum merkliches Zögern. Er rang mit sich selbst nach den passenden Worten.
„Ich…“, begann Yugi, doch brach wieder ab. Tief seufzte er, er bemerkte den stechenden Blick Yamis. Zum ersten Mal seit langem wusste Yugi nicht was er sagen sollte.
„Du hast mir gezeigt, woran du arbeitest. Was deine Leidenschaft ist. Du hast gewollt, dass ich die Menschen hinter dem Spiel kennenlerne“, hauchte der Clubbesitzer. „Vor allem aber hast du gewollt, dass ich dich kennenlerne“, ergänzte er mit einem kleinen Lächeln.
Yugi schwieg und genau dieses Schweigen war Antwort genug. Sein Blick ruhte nun auf dem hellviolett-blauen Cocktail in seiner Hand. Langsam drehte er das Glas zwischen seinen Fingern, beobachtete wie sich die Eiswürfel leise gegeneinander bewegten. Er schien über Yamis Worte nachzudenken. Oder vielleicht…
…überlegte er vielmehr, wie er darauf reagieren sollte.
„Du bist mein Kunde.“ Es klang längst nicht mehr wie eine Antwort, vielmehr wie eine Ausrede.
„Wenn ich nur ein Kunde bin, warum fühlt es sich für uns beide schon lange nicht mehr so an?“ Die Worte waren nicht mehr als ein Wispern, sanft und einfühlsam.
Yugi schloss für einen Moment die Augen und atmete hörbar aus. Doch die Worte lösten nicht das aus, was Yami sich wohl erhofft hatte. Als er sie wieder öffnete, lag ein leicht genervter Ausdruck in seinem Gesicht. Etwas verwundert hob Yami die Augenbrauen, da er eher mit einer anderen Reaktion gerechnet hatte.
„Du bist penetrant!“, erklang nun die genervte, patzige Stimme von Yugi, woraufhin Yami die kurz zurückzuckte. Yugi wirkte bisher nicht wie ein Mensch, der sich aus der Ruhe bringen liess. Doch Yami hatte wohl einen wunden Punkt erwischt.
„Hör ich nicht zum ersten Mal“, kratzte sich Yami am Hinterkopf.
„Das glaub ich sofort“, kam es schnippisch von Yugi zurück.
Für einen Augenblick war es ruhig. Yugi nahm einen letzte Schluck aus seinem Glas und stellte es ein bisschen fester auf die Mauer neben ihm ab als nötig. Yami beobachtete dies amüsiert, doch als er Yugis Blick sah, riss er sich zusammen.
„Du hast recht“, begann er schliesslich ruhig und durchbohrte den Grösseren mit seinem Blick. In den violetten Augen spiegelte sich eine leise Erkenntnis, doch da war noch mehr. Etwas was Yami viele Nerven kosten würde.
„Du bist für mich nicht mehr einfach nur ein Kunde.“
Ein kleines Lächeln erschien auf Yamis Lippen. Hoffnung breitete sich in seiner Brust aus.
„Dachte ich mir.“
„Ah, ah, ah. Freu dich nicht zu früh“, erwiderte Yugi trocken und kreuzte die Arme vor seiner Brust. „Das heisst nämlich noch lange nicht das, was du dir erhoffst.“
Verwundert hob Yami eine Augenbraue. In ihm breitete sich das ungute Gefühl aus, dass jetzt etwas kam, dass ihm nicht wirklich gefallen wird.
„Ich mag dich, Yami“
Diese vier kleinen Worte liessen Yami leicht schmunzeln, ein leichtes Kribbeln breitete sich in ihm aus. Es fühlte sich an wie kleine Schmetterlinge, die ihn im tanzten. Doch ehe er etwas darauf erwidern konnte, hob Yugi die Hand.
„Du hast recht, dass zwischen uns geht über ein normales Verhältnis zwischen einem Verkäufer und Kunden hinaus.“
Nun war er es, der die ohnehin geringe Distanz zwischen ihnen verringerte. Herausfordernd blicke er dem Grösseren in die Augen, der nicht ganz verstand was hier gerade passierte. Ein kleines, freches Grinsen schlich sich über Yugis Lippen.
„Deswegen biete ich dir etwas anderes an…“