Kapitel 11 - Freundschaft
Kapitel 11 - Freundschaft
Nun war er es, der die ohnehin geringe Distanz zwischen ihnen verringerte. Herausfordernd blicke er dem Grösseren in die Augen, der nicht ganz verstand was hier gerade passierte. Ein kleines, freches Grinsen schlich sich über Yugis Lippen.
„Deswegen biete ich dir etwas anderes an…“
„Freundschaft.“
Yami blinzelte. Für einen kurzen Moment sah er Yugi einfach nur stumm an, als hätte er sich verhört. Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet. Nach allem was er gerade gesagt hatte, nach all den Blicken, den kleinen Gesten und vor allem nachdem Yugi selbst zugegeben hatte, dass er für ihn inzwischen mehr als nur ein Kunde war, hatte er mit vielem gerechnet. Aber nicht damit.
„Freundschaft?“, wiederholte er schliesslich und hob dabei leicht eine Augenbraue.
Yugi nickte vollkommen selbstverständlich, als wäre das die logischste Antwort der Welt.
„Ja, genau.“
Yami liess die Worte einen Moment wirken. Er hatte sich gerade allen Mut zusammengenommen, hatte Yugi deutlich gemacht, dass er nicht länger so tun wollte, als wäre zwischen ihnen nichts und nun bekam er… Freundschaft angeboten.
Nicht das, worauf er gehofft hatte.
Er konnte nicht verhindern, dass sich seine Enttäuschung auf seinem Gesicht abzeichnete. Ein leises Seufzen entwich ihm, während er den Blick für einen Moment zur Seite wandte. Er wusste selbst, dass er vielleicht zu viel erwartet hatte. Yugi hatte ihm schliesslich nie versprochen, dass zwischen ihnen etwas passieren würde. Trotzdem hatte Yami nach allem, was sich in den vergangenen Wochen zwischen ihnen entwickelt hatte, insgeheim gehofft, dass dieser Abend ihnen vielleicht eine andere Richtung geben könnte.
„Ehrlich gesagt habe ich mit was anderem gerechnet.“
Yugi konnte sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen.
„Hab ich mir schon gedacht. Ich hab dir gesagt, freu dich nicht zu früh.“
„Du findest das lustig?“
„Ein bisschen.“
Yami schüttelte ungläubig den Kopf und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Ich dachte zumindest ein Date wäre drin gelegen…“
Nun musste Yugi wirklich lachen. Er legte den Kopf etwas schief und musterte den Grösseren mit diesem frechen Funkeln in den Augen, das Yami mittlerweile nur zu gut kannte.
„Du bist ganz schön undankbar.“
„Undankbar?“
„Ja. Ich biete dir meine Freundschaft an und du beschwerst dich darüber! Ich nenne das undankbar.“
„Ich beschwere mich doch gar nicht, ich hab nur mit was anderem gerechnet.“
Yugi schüttelte amüsiert den Kopf. „Dann solltest du nicht jammern.“
„Ich glaube, ich darf nach diesem Angebot zumindest ein bisschen enttäuscht sein.“
„Darfst du“, erwiderte Yugi grinsend. „Aber du unterschätzt gerade ziemlich, was ich dir eigentlich anbiete.“
Die letzten Worte waren deutlich ruhiger gesprochen. Yugi liess das Grinsen ein wenig verschwinden und sah Yami aufmerksam an. Für einen Moment lag etwas Ernstes in seinem Blick, was den Grösseren sofort wieder aufmerksamer werden liess.
Yugi stiess sich nun von der Wand ab und verringerte so die Distanz zwischen ihnen. So sehr, dass Yami instinktiv einen kleinen Schritt zurückweichen musste. Der Regen hatte inzwischen etwas nachgelassen, sodass die beiden nicht mehr unmittelbar Gefahr liefen, völlig durchnässt zu werden, doch die feuchte Kälte hing noch immer in der Luft.
„Freundschaft ist für mich nicht einfach nur, dass man sich ab und zu irgendwo trifft und zusammen einen Kaffee trinkt“, begann Yugi. „Wenn ich jemanden wirklich meinen Freund nenne, dann meine ich das auch so.“
Er hielt kurz inne, während sein Blick auf Yami ruhte.
"Dann bist du Teil meines Lebens. Ich nehme mir Zeit für dich. Ich höre dir zu, wenn irgendwas ist. Wenn du Probleme hast, kannst du zu mir kommen. Wenn du etwas feiern willst, hole ich uns die Drinks dazu. Wenn es dir schlecht geht, bin ich da.“
Ein kleines, ehrliches Lächeln erschien auf seinen Lippen.
„Und wenn du mich mitten in der Nacht anrufst, weil du irgendeinen Mist gebaut hast, bin ich der Erste, der bei dir auf der Matte steht und mit dir die Scheisse vertuscht.“
Yami musste leise lachen. Doch gleichzeitig hatte sich etwas in seinem Gesicht verändert. Die Enttäuschung, die dort eben noch deutlich zu sehen gewesen war, wich langsam einem nachdenklichen Ausdruck.
Yugi zuckte leicht mit den Schultern.
„Ich kümmere mich um die Menschen, die mir wichtig sind. Vielleicht manchmal etwas zu sehr.“
Yami betrachtete ihn schweigend. So langsam wurde ihm bewusst, wie gross dieses Angebot eigentlich wirklich war. Yugi bot ihm nicht einfach irgendeine oberflächliche Freundschaft an, damit er sich einem Korb zufrieden gab. Im Gegenteil. Wenn Yugi ihn wirklich als Freund bezeichnete, dann bedeutete das offenbar, dass er ihm tatsächlich einen Platz in seinem Leben geben wollte.
Es war nicht die Tür, durch die Yami am liebsten gegangen wäre. Aber es war eine Tür und Yugi hatte sie für ihn geöffnet.
„Also nein“, fuhr Yugi schliesslich fort und sah ihm tief in die Augen. „Das ist nicht wenig, Yami.“
Für einen Moment sagte keiner von beiden etwas. Nur das leise Geräusch des Regens, der noch vereinzelt auf den Asphalt tropfte, war zwischen ihnen zu hören.
Yami biss sich leicht auf die Unterlippe und liess seinen Blick für einen Moment über die dunkle Strasse wandern. Natürlich hätte er lieber etwas anderes gehört, das konnte er nicht leugnen. Aber je länger er darüber nachdachte, desto weniger fühlte sich Yugis Antwort wie eine Zurückweisung an.
Yugi sah ihn aufmerksam an.
„Also?“
„Also was?“
„Nimmst du mein Angebot an oder nicht?“
Yami sah einen Augenblick auf die ausgestreckte Hand, bevor ein leises Seufzen über seine Lippen kam. Dann musste er doch lächeln. Er schlug ein und schüttelte die zierliche Hand seines kleinen Verkäufers.
„Ich nehme es an.“
„Alles klar… Freund “, betonte Yugi ganz bewusst mit einem zufriedenen Lächeln.
Yamis Blick blieb noch einen Moment auf Yugi ruhen. Auch wenn dies nicht seiner Vorstellung entsprach, so hatte er keine andere Wahl, wenn er ihm näher kommen wollte. Er würde es vorerst dabei belassen. Wenn Yugi glaubte, dass er damit für alle Zeiten davonkommen würde, würde er sich noch wundern.
„Du hast viel zu viel Spass dabei mich zu ärgern.“
„Vielleicht ein bisschen.“
Yugi zog seine Hand wieder zurück und deutete auf sein mittlerweile leeres Glas.
„Wir sollten wieder reingehen.“
Yami nahm ihm das Glas ab und nickte. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zurück ins Yoru. Yugi ging ein Stück voraus, während Yami ihm dicht folgte und beim Vorbeigehen an der Bar, das leere Glas auf die Arbeitsfläche stellte. Als sie bei Yugis Freunden ankamen, wurde allerdings schnell deutlich, dass die drei ihren kleinen Ausflug nach draussen offenbar sehr aufmerksam verfolgt hatten. Mehr als Yugi lieb war. Joey grinste ihn bereits wissentlich an.
„Na? Was läuft da zwischen euch?“
Yugi schenkte ihm einen drohenden Blick, sagte jedoch nichts. Stattdessen setzte er sich neben Joey und griff nach Yamis Hand, um ihn kurzerhand neben sich zu ziehen.
Die Geste kam so selbstverständlich, dass Yami für einen Moment überrascht auf ihre Hände sah. Yugi schien sich darüber keine Gedanken zu machen. So schnell wie Yugi nach seiner Hand griff, so liess er sie danach auch wieder los. Was Yami etwas widerwillig geschehen liess.
„Da ihr sowieso keine Ruhe geben werdet…“, begann Yugi und sah einmal in die Runde. „Das ist Yami. Ab heute ein Freund von uns.“
Joey grinste eine Spur weiter.
„Solange du mir gute Drinks servierst, bin ich sogar dein bester Freund“, witzelte der Blonde, was Yugi mit einem Augenrollen quittierte.
„Ich bin Joey“, fuhr der Blonde fort und deutete nacheinander auf die anderen. „Die hübsche Lady hier ist unsere Tea und unser kleiner Albino ist Ryou.“
Yugi starrte ihn einen Moment völlig fassungslos an.
„Er ist kein Albino, du Pfosten!“ Dabei schubste er Joey empört gegen die Schulter.
„Was denn sonst? Guck ihn dir doch an.“
Ryou dagegen schüttelte belustigt den Kopf.
„Ich glaube, Joey versucht gerade mich zu beleidigen.“
„Nein, ich dachte wirklich, das wäre so.“
„Manchmal bist du so ein Idiot“, murmelte Yugi kopfschüttelnd und vergrub das Gesicht in seinen Händen. „Wir kennen uns seit der Grundschule. Du solltest das langsam wissen.“
Yami konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.
Die vier waren offensichtlich schon lange miteinander vertraut. Es war eine Art von Umgang, die man nicht einfach vortäuschen konnte. Joey konnte Yugi aufziehen und zur Weissglut bringen, ohne dass dieser ihm wirklich böse war am Ende. Tea kannte offenbar jede seiner Ausreden und Ryou schien sich längst daran gewöhnt zu sein, wie es in der Gruppe so zuging.
Und Yugi selbst wirkte plötzlich anders. Nicht weniger aufmerksam oder ruhig als sonst, aber lockerer. Jünger beinahe.
Yami kannte ihn bisher vor allem als den ruhigen Mann hinter der Ladentheke, der sich jedes Detail merkte und Menschen mit einer erstaunlichen Genauigkeit beobachtete. Hier hingegen konnte er sehen, wie Yugi mit seinen Freunden scherzte, sich provozieren liess und selbst austeilte. Weniger distanziert. Es gefiel ihm.
„Keine Sorge, Yami“, meinte schliesslich Tea mit einem Lächeln. „Wir beissen nicht.“
„Ich weiss nicht“, murmelte Yugi trocken. „Bei Joey wäre ich mir da nicht so sicher.“
„Hey!“
Das brachte schliesslich auch die anderen zum Lachen. Yami rückte währenddessen ein kleines Stück näher an Yugi, ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein. Der Kleinere bemerkte die Bewegung natürlich trotzdem und quittierte sie lediglich mit einem kaum sichtbaren Schmunzeln.
Gerade als sich die Unterhaltung wieder etwas beruhigt hatte, tauchte Bakura bei ihnen auf.
„Was genau passiert hier gerade?“
Sein Blick wanderte erwartungsvoll zu seinem besten Freund, ehe er sich schliesslich Yugi zuwandte.
„Bakura.“
„Wenn hier schon Freundschaften geschlossen werden, sollte ich nicht fehlen.“
„Wie bitte?“, hob Yugi fragend eine Augenbraue und musterte den Grösseren. Mit einer lockeren Handbewegung deutete dieser auf Yami.
„Du hast ihn zu deinem Freund erklärt. Dann kannst du doch nicht ernsthaft gedacht haben, dass es dabei bleibt.“
Yugi blinzelte kurz, ehe sich ein amüsiertes Lächeln über sein Gesicht huschte.
„Was hat das jetzt mit dir zu tun?“
„Eine ganze Menge.“
Ohne irgendeine weitere Erklärung liess Bakura sich neben Ryou nieder und lehnte sich entspannt zurück.
„Yami und ich gehören schliesslich zusammen. Wenn du ihn zum Freund machst, bekommst du mich gratis mit dazu.“
„Gratis?“
Yugi warf Yami einen skeptischen Seitenblick zu, der daraufhin nur fassungslos den Kopf schüttelte.
„Natürlich“, erklärte Bakura selbstzufrieden. „Zwei Freunde zum Preis von einem.“
„Das klingt verdächtig nach einem schlechten Angebot.“
„Dann hast du offensichtlich noch nicht verstanden, was für ein Schnäppchen ich bin.“
Yami stöhnte leise auf und hielt sich den Kopf.
„Du bist wahrlich zu nichts zu gebrauchen.“
„Und trotzdem nennst du mich seit Jahren deinen besten Freund.“
„Sollte ich wohl langsam überdenken.“
Bakura grinste zufrieden, während Yugi zwischen den beiden hin und her sah. Es dauerte nicht lange, bis er ebenfalls lachen musste.
„Du willst also auch mein Freund sein?“
Für einen kurzen Moment verschwand das Grinsen aus Bakuras Gesicht. Dann zuckte er mit den Schultern, als wäre die Antwort vollkommen selbstverständlich.
„Warum nicht? Ich mag dich.“
Yugi schien mit dieser ehrlichen Antwort tatsächlich nicht gerechnet zu haben. Für einen Augenblick sah er den Weisshaarigen überrascht an, ehe sich ein warmes Lächeln auf seine Lippen legte.
„Na schön.“
Er streckte ihm herausfordernd die Hand entgegen.
„Dann sind wir Freunde.“
Mit einem zufriedenen Ausdruck im Gesicht, schlug Bakura ein und gab ihm die Hand drauf.
„Abgemacht.“
Yugi zog seine Hand wieder zurück, wobei das freche Funkeln in seinen Augen zurückkehrte.
„Du wirst es noch bereuen mit mir befreundet zu sein.“
„Ach ja? Das werden wir noch sehen!“
Die Gruppe lachte vergnügt.
Ryou hatte die beiden Männer währenddessen immer wieder verstohlen betrachtet. Besonders bei Bakura schien sein Blick etwas länger hängen zu bleiben, als eigentlich nötig gewesen wäre. Yugi bemerkte dies, jedoch sagte er nichts dazu. Stattdessen musste er lediglich leicht schmunzeln. Er kannte Ryou gut genug um zu wissen, dass dieser selbst herausfinden musste, was genau er wollte.
„Und ihr beiden seid schon lange befreundet?“, fragte Ryou neugierig nach und liess seinen Blick zwischen Yami und Bakura hin und her wandern.
„Leider“, erwiderte Yami trocken.
Kaum waren die Worte ausgesprochen, trat Bakura ihm unter den Tisch kräftig gegen das Schienbein. Yami biss die Zähne zusammen und verzog schmerzhaft das Gesicht, bevor er seinem besten Freund einen mörderischen Blick zuwarf.
„Seit wir Kinder sind“, korrigierte Bakura ihn murrend, als wäre überhaupt nichts passiert.
„Brauchst jetzt nicht unsere ganze Lebensgeschichte zu erzählen.“
„Er hat gefragt, du Pfosten.“
„Werd’ nicht frech!“
Yugi musste bei dem Anblick unweigerlich grinsen. Die beiden waren offenbar schon seit Jahren so miteinander. Selbst nach all der Zeit schafften sie es noch, sich wegen Kleinigkeiten gegenseitig auf die Nerven zu gehen, ohne dass dabei tatsächlich schlechte Stimmung aufkam.
„Ihr benehmt euch wie ein altes Ehepaar“, warf Yugi schliesslich amüsiert ein. Sofort drehte Yami den Kopf zu ihm.
„Du hilfst mir gerade nicht.“
„Ich habe auch nicht behauptet, dass ich das möchte“, erwiderte Yugi frech und streckte ihm die Zunge raus, woraufhin Yami ihn kurzerhand in die Seite zwickte. Der Kleinere zuckte lachend zurück und rutschte dabei näher zu Joey, der die Gelegenheit natürlich gleich ausnutzte, um ihn freundschaftlich den Arm um die Schultern zu legen und ihm spielerisch in die Wange zu kneifen.
„Hey!“
Yugi schob seinen Ellbogen gegen Joeys Seite, woraufhin dieser ihn empört ansah. Innerhalb weniger Sekunden hatten die beiden wieder angefangen, sich gegenseitig zu zanken und dabei so selbstverständlich miteinander umzugehen, als wären sie gerade wieder in ihrer Kindheit gelandet.
Bakura wirkte ausgesprochen zufrieden mit der Situation. Er hatte sich entspannt das kleine Chaos mitangesehen, als hätte er genau auf so etwas gehofft.
„Also“, begann Tea schließlich und nahm einen Schluck aus ihrem Glas. Ihr Blick wanderte einmal durch die Runde, bevor sie ihr Glas wieder auf dem Tisch abstellte. „Wenn wir nun offiziell alle Freunde sind, dann sollten wir einander wohl auch ein bisschen besser kennenlernen.“
„Oh ja!“, stimmte Joey sofort begeistert zu und beugte sich neugierig nach vorne. „Kommt, haut raus. Peinliche Geschichten.“
Yami verzog augenblicklich das Gesicht.
„Ne, ne!“
„Doch, komm schon“, bettelte der Blonde und setzte seinen besten Hundeblick auf. Yami liess sich jedoch davon nicht beeindrucken. Stattdessen verschränkte er demonstrativ die Arme vor der Brust und schüttelte entschieden den Kopf.
Joey allerdings gab nicht so schnell auf. Sein Blick wanderte zu Yugi, bei dem er sich offenbar deutlich bessere Chancen ausrechnete.
„Yugi, du hast doch mehr als genug. Erzähl was.“
Yugi hob abwehrend die Hände.
„Ich halte mich da raus. Spring doch selbst ins Wasser.“
„Feigling!“
„Nehm ich so hin. Kein Problem.“
Yugi zuckte völlig unbeeindruckt mit den Schultern, während ihn Joey beleidigt musterte. Bakura konnte sich ein leises Lachen nicht verkneifen und legte dann einen Arm locker auf die Rücklehne hinter Ryou.
„Ich könnte euch ein paar erzählen.“
Sofort richtete sich Yamis Aufmerksamkeit auf ihn.
„Wag es!“
Seine Stimme war zwar nicht besonders laut, doch sie war dunkel und bedrohlich, was die meisten wohl eher abgeschreckt hätte. Der warnende Blick, den er seinem besten Freund schenkte, sprach ganz für sich. Bakura hingegen zuckte nur unschuldig mit den Schultern und war die Ruhe selbst.
„Was denn? Ich hab noch gar nichts gesagt.“
„Dein Gesicht sagt genug.“
Yugi beobachtete die beiden mit einem breiten Grinsen. Irgendwie war es amüsant, wie schnell sich alles miteinander vermischte. Seine Freunde hatten Yami erstaunlich selbstverständlich aufgenommen, obwohl sie ihn bisher nur vom Sehen her kannten. Und Bakura hatte sich, so dreist wie er nun einmal war, einfach selbst in die neue Freundschaft hineingeschoben.
Es fühlte sich nicht gezwungen an.
Sie sassen hier zusammen, machten sich gegenseitig über Kleinigkeiten lustig und redeten miteinander, als würden sie sich schon ewig kennen. Yugi hatte beinahe erwartet, dass es am Anfang etwas ungewohnt werden würde, Yami plötzlich in dieser Runde zu haben. Stattdessen hatte sich die neue Konstellation erstaunlich schnell eingespielt.
Vielleicht lag es auch einfach daran, dass Yami eine Art an sich hatte, die es schwer machte, ihn als Fremden wahrzunehmen. Er war offen, konnte über sich selbst lachen und schien kein Problem damit zu haben, sich auf die manchmal etwas chaotische Art der Gruppe einzulassen.
Yugi beobachtete Yami einen Moment lang. Dieser hatte sich inzwischen etwas zurückgelehnt und lauschte dem Gespräch der anderen. Als hätte er Yugis Blick gespürt, drehte er den Kopf zu ihm. Ihre Augen trafen sich für einen kurzen Moment und Yami schenkte ihm ein zufriedenes Lächeln.
Yugi erwiderte es unbewusst. Es war schön, ihn hier sitzen zu sehen.
Er wollte gerade wieder den anderen zuhören, als Yami sich plötzlich erhob. Die Bewegung kam so unerwartet, dass mehrere Blicke gleichzeitig zu ihm wanderten.
„Wartet kurz, bevor ihr die witzigen Storys auspackt“, meinte er mit einem leichten Grinsen. „Ich mach uns schnell eine Runde.“
Er deutete kurz Richtung Bar und machte sich auf den Weg, während Joey ihm bereits erwartungsvoll hinterher sah.
„Das nenn ich mal einen Freund.“
Yugi verdrehte bei dem Kommentar nur amüsiert die Augen.
Yami ging zurück zur Bar und begann mehrere Getränke vorzubereiten. Er dachte sich, dass eine bunte Mischung am besten wäre, damit jeder das nehmen konnte, was ihn ansprach. Für Yugi machte er den gleichen Drink wie zuvor. Dieses Mal füllte er sein Glas wieder etwas mehr, da Yugi diese Geste ja offenbar mochte.
Als alle Getränke fertig waren, stellte er sie vorsichtig auf ein Tablett und überprüfte noch einmal, ob auch wirklich jeder etwas bekommen hatte. Anschliessend nahm er es hoch und begab sich zu seinen neuen Freunden zurück, die ihn mit einem freudigen Glänzen in den Augen begrüssten. Oder vielmehr die Getränke.
Yami stellte das Tablett in der Mitte ab. Noch bevor die anderen danach greifen konnten, nahm er sich zwei Gläser heraus und stellte eines davon direkt vor Yugi ab.
Es war nur eine kleine Aufmerksamkeit und eigentlich nichts, worüber man lange nachdenken musste. Trotzdem huschte ein warmes Lächeln über Yugis Gesicht, während er kurz zu Yami aufsah.
„Danke.“
„Gern.“
Yugi griff nach seinem Glas und liess seinen Blick noch einen Moment auf dem Grösseren ruhen.
Ein wahrer Gentleman.
Eigentlich mochte Yugi ja genau sowas an einem Mann. Nicht die grossen Gesten, die unbedingt gesehen und gewürdigt werden wollten, sondern diese kleinen Aufmerksamkeiten, die beinahe nebenbei geschahen. Ein Getränk, an das man sich erinnerte. Ein Blick, der länger blieb. Eine Tür, die aufgehalten wurde. Kleinigkeiten, die einem zeigten, dass der andere tatsächlich hinsah und zuhörte.
Er würde lügen, wenn er behauptete, dass Yamis Gesten und seine Blicke ihm nichts bedeuteten. Natürlich taten sie das. Vielleicht sogar mehr, als ihm manchmal lieb war.
Vielleicht war genau das der Grund, weshalb er so vorsichtig blieb.
Yugi wusste, dass eine Beziehung mehr bedeutete, als jemanden einfach nur zu mögen. Sie brachte Nähe mit sich, Zeit und vor allem eine gewisse Verantwortung gegenüber dem anderen Menschen. Man liess jemanden in sein Leben und musste dann auch bereit sein, diesem Menschen dort den Platz zu geben, der er verdiente.
Und irgendwie war es genau das, was ihn verunsicherte.
Nicht, weil Yami ihm nicht wichtig genug war.
Sondern weil er Angst hatte, einem Menschen, der ihm vielleicht irgendwann wirklich etwas bedeutete, am Ende nicht gerecht werden zu können. Er wollte niemandem etwas versprechen, von dem er nicht wusste, ob er es am Ende halten konnte. Als Freunde sah das alles schon ganz anders aus. Und ein Freund war für ihn nichts Kleines.
Yugi griff nach dem Glas und nahm sogleich einen Schluck daraus, um die Gedanken zu vertreiben.
„Danke, das ist so aufmerksam von dir, Yami“, erklang die sanfte Stimme von Tea, die sich ebenfalls eines der Cocktails aussuchte.
Auch der Rest der Truppe griff nach einem Glas. Joey seufzte wohlig auf und lehnte sich etwas zurück in die Sitzlehne.
„Daran könnte ich mich echt gewöhnen. Das Zeug schmeckt so gut. Ihr habt euer Handwerk richtig drauf, das muss man euch lassen.“
„Kenn deine Grenzen, Joey.“
„Tu ich ja. Ich hab mich vollkommen im Griff.“
„So wie damals?“, stichelte Yugi und sah seinen Freund herausfordernd an, welcher nur verlegen den Kopf schüttelte.
„Ist ja gut. Ich hab ja dich, du passt schon auf.“
„Das befürchte ich ja“, seufzte Yugi theatralisch, während Joey ihn grinsend an sich drückte. Der Entwickler sah eher weniger erfreut aus.
„Ihr zwei seid ständig am diskutieren“, warf Ryou schmunzelnd ein und deutete mit dem Finger auf die beiden.
„Er hat angefangen!“, widersprachen beide gleichzeitig, was sie sogleich wieder zum Lachen brachte.
Irgendwann neigte sich der Abend langsam einem Ende zu. Die Gespräche waren ruhiger geworden, die Gläser längst nicht mehr so schnell geleert wie zu Beginn und der Trubel im Yoru hatte sich inzwischen etwas gelegt.
Schliesslich hatte es die sechs nach draussen verschlagen. Die kühle Nachtluft tat nach den vielen Stunden im warmen Club gut. Joey lehnte mit dem Rücken an der Hauswand, während Tea ihre Arme vor der Brust verschränkte und ihre Jacke etwas enger zog.
Ryou und Bakura standen etwas abseits und schienen in ein Gespräch vertieft zu sein. Bakura liess es auch keine Gelegenheit verstreichen, sich dem Jüngeren anzunähern und dieser schien ebenfalls Gefallen daran zu haben.
Yami hatte sich natürlich neben Yugi gestellt und genoss dessen Nähe.
„Also“, begann der Blonde schliesslich und sah in die Runde. „Ich muss ja sagen, dass ich die neue Dynamik echt gut finde. Ihr zwei passt eigentlich ganz gut in die Gruppe.“
„Ja, am meisten magst du die Tatsache dran, dass die Beiden dir Alkohol ausschenken.“
„Hey!“, beschwerte sich Joey beleidigt und begann eine Diskussion mit der einzigen Frau in der Gruppe zu führen, die sich belustigt darauf einliess.
„Er versucht zu sagen, dass er euch mag“, lachte Yugi nun leise, was die beiden Diskutierenden zum Schweigen brachte. Joey schien kurz überlegen zu wollen, was er darauf erwidern sollte, doch Yugi kannte seinen Freund gut genug, um zu wissen, dass er es ohnehin nicht schaffen würde, seine eigentliche Aussage sentimental klingen zu lassen.
„Ja, ja. Schon gut. Bevor hier jemand noch sentimental wird, sollten wir langsam verschwinden.“
Nach und nach begannen sie sich voneinander zu verabschieden.
Ryou und Bakura tuschelten noch kurz leise miteinander. Yugi beobachtete dies mit einem eher kritischen Blick. Er wusste zwar nicht genau, worüber die beiden gesprochen hatten, doch Bakuras auffälliges Interesse an Ryou war ihm nicht entgangen.
Tea lenkte ihn jedoch ab indem sie ihn kurz in den Arm nahm zum Abschied und ihm noch einmal verdeutlichte, dass er auch wirklich schlafen ging und nicht noch die halbe Nacht durcharbeitete.
„Ja, ist ja gut, Mama!“
„Ich meine es ernst, Yugi!“
„Ich weiss.“
Yugi seufzte resigniert, während Tea mit einem zufriedenen Grinsen sich von der auflösenden Truppe entferne. Auch Ryou umarmte ihn kurz, wobei Yugi ihn einen Moment länger festhielt.
„Was war denn das mit Bakura?“, fragte er unschuldig nach, was den anderen etwas zum stottern brachte.
„Gar nichts. Nur gequatscht…“
„Ist klar“, grinste Yugi und zwinkerte ihm wissentlich zu, was Ryou mit leicht erröten Wangen erwiderte.
Joey war der Letzte, der sich von ihm verabschiedete. Er schlug Yugi freundschaftlich gegen die Schulter.
„Machs gut, Alter. Wir sehen uns Morgen?“
„Wenn du dieses Mal pünktlich bist, ja!“
Kopfschüttelnd entfernte sich Joey und verschwand um die nächste Hausecke. Bakura verschwand nochmal ins Innere vom Yoru und winkte Yugi zum Abschied.
Zurück blieben nur noch Yami und Yugi.
Yugi zog seine Jacke etwas enger um sich und sah mit einem Lächeln zu Yami.
„War ein schöner Abend.“
„Ja“, erwiderte der Grössere.
„Danke“, hauchte Yugi plötzlich und sah ihn mit einem sanften Blick an. Etwas verwundert hob Yami eine Augenbraue in die Höhe und neigte den Kopf etwas zur Seite. Eine Haarsträhne fiel ihm kitzelnd ins Gesicht.
„Wofür?“
Yugi zuckte leicht mit den Schultern und schloss die Arme etwas enger um sich selbst. Er schien mittlerweile sogar etwas zu frieren. Wenigstens hatte der Regen aufgehört.
„Naja… Für den Abend. Dafür, dass du meine Freunde kennengelernt hast. Dafür, dass wir Freunde sind.“
Yami nickte leicht und zwischen ihnen entstand ein Moment der Ruhe. Für einen kurzen Augenblick sagte keiner was. Yugi sah ihn noch an, ehe er schliesslich den Blick von ihm löste und den Eindruck machte, sich langsam auf den Nachhauseweg machen zu wollen.
„Yugi“, hielt ihn der Grössere auf, bevor jener verschwinden konnte. Fragend drehte sich Yugi um, die Hände hatte er bereits in den Jackentaschen versenkt.
„Hm?“
Einen Moment lang zögerte Yami, bevor er schliesslich lächelte.
„Da wir jetzt Freunde sind…“, begann er leise und suchte nach den passenden Worten. „Naja… Dann sollten wir vielleicht auch unsere Nummern austauschen.“
Ein kleines Lächeln hellte Yugis Gesicht auf.
Er machte die paar Schritte, die sie an Distanz hatten, auf Yami zu. Seine Schritte hallten leise durch die leeren Gassen, besonders durch die Pfützen hatten sie einen anderen Klang.
Er blieb einen Moment einfach nachdenklich vor Yami stehen, der ihn ebenfalls einfach nur betrachtete.
In solchen Momenten, in denen sie allein waren, verfiel Yami immer wieder in sein altes Muster. Mit seinen Augen zeichnete er die Konturen von Yugis Gesicht nach. Durch die schwach beleuchteten Strassenlaternen wurden sie sanft betont. Nachts hatten seine Augen eine besonders tiefe Wirkung.
Aber etwas hatte sich verändert. Zuvor wirkten sie einfach nur freundlich und fesselnd. Doch in ihnen hatte sich ein neues Gefühl eingeschlichen.
Zuneigung.
Diese Wärme, die Yami zuvor nur als Aussenstehender betrachten konnte, wenn Yugi seine Freunde oder seinen Grossvater ansah, hatte sich nun auch bei ihn ergeben.
Diese Freundschaft war vielleicht im Moment nicht das, was er sich von Yugi wünschte, aber zu merken, dass er dennoch etwas näher zu ihm stand, hinterliess eine leichte Zufriedenheit.
Irgendwann unterbrach Yugi aber dann diesen Augenblick der Ruhe zwischen ihnen und holte Yami damit aus seiner Starre.
Innerlich könnte er sich Ohrfeigen, dass er sich in solchen Situationen immer wieder so leicht von Yugi aus dem Konzept bringen liess. Yugi bemerkte seinen verträumten Blick, was ihn leicht beschämte. Er zog sein Handy aus der Tasche, entsperrte es und hielt es Yami hin.
„Gib mir deine. Ich schreib dir dann.“
Yami nahm das Handy entgegen und tippte seine Nummer ein. Danach reichte er es ihm zurück.
„Wie soll ich dich einspeichern?“
„Yami, reicht.“
„Och, das ist doch langweilig!“, stöhnte Yugi und tippte mit einem frechen Grinsen etwas in die entsprechende Zeile ein, was Yami etwas neugierig machte.
„Was hast du da jetzt eingetippt?“
Yugi hielt das Handy auf Distanz, damit Yami da nicht reingucken konnte.
„Das musst du schon selbst herausfinden, Freund! “
Yami sah ihn einen Moment lang einfach schweigend an. Das machte dieser Kerl doch mit Absicht. Natürlich machte er es mit Absicht. Da machte sich sein kleiner Verkäufer auch noch lustig über ihn. Das Grinsen würde er ihm früh genug aus dem Gesicht treiben, schwöre er sich gedanklich. Er würde schon noch herausfinden, was er da eingespeichert hatte.
„Yugi!“
Doch der Kleinere dachte gar nicht daran, ihm zu verraten, was er dort eingetragen hatte.
„Gute Nacht, Yami“, hauchte er leise, biss sich leicht in die Unterlippe und machte dann kehrt um nach Hause zu gehen. Yami sah ihm noch eine Weile nach, ehe er auch lächeln musste.
„Gute Nacht, Yugi.“
Er hatte Yugi heute nicht bekommen, nicht so, wie er es sich gewünscht hatte. Aber dafür hatte er etwas anderes bekommen, das ihm inzwischen viel bedeutete. Eine echte Chance ihn kennenzulernen.
Später als er sich selbst auf den Weg Nachhause machte, klingelte sein Handy auf einmal. Er zog es aus seiner Tasche und sah auf das Display.
Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Komm gut nach Hause, Freund.“
Wieder dieses Freund…
Yami schmunzelte darüber und schüttelte leicht den Kopf. Natürlich musste Yugi das letzte Wort haben.
Trotzdem blieb das Lächeln auf seinem Gesicht, während er noch einmal die Nachricht las. Er steckte das Handy anschliessend wieder ein, bevor er seinen Weg fortsetzte.
Er wusste nicht genau, wie er in Yugi nur einen Freund sehen sollte, ohne dabei an mehr zu denken. Doch heute Nacht wollte er sich nicht weiter damit auseinandersetzen. Heute Nacht war er einfach nur glücklich, dass Yugi ihn seinen Freund genannt hatte.