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Kapitel 13 - Stolz

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Kapitel 13 - Stolz

Zuhause bei Yugi angekommen, schloss dieser die Ladentür auf und führte Yami durch den inzwischen dunklen Spielladen. Yugis Grossvater hatte bereits Feierabend gemacht, weshalb kein Licht mehr aus dem Verkaufsraum drang. Die vertrauten Regale und Spiele wirkten in der Dunkelheit beinahe fremd. Ohne die übliche Beleuchtung hatte der Laden etwas Unheimliches an sich. Sie gingen durch den hinteren Bereich des Ladens, den Yami bisher noch nie betreten hatte. Dort blieb Yugi vor einer unscheinbaren Tür stehen und öffnete sie, woraufhin sie in den privaten Bereich der Mutos gelangten.

Yamis Blick wanderte neugierig durch den Flur. Die Wohnung des Kleineren lag im unteren Teil des Hauses. Der grosse Flur trennte sie vom Bereich seines Grossvaters, der eine Etage höher wohnte. Obwohl sich die beiden das Haus und den Garten teilten, hatte jeder seinen eigenen Rückzugsort. Yugi erklärte ihm, dass sein Opa oben alles hatte was es in einer Wohnung brauchte. Früher war alles ein Wohnbereich, doch als Yugis Eltern vor seiner Geburt zusammenziehen wollten, bot Salomon ihnen an sie könnten das Haus in zwei Wohnungen umbauen, was sie dankend annahmen. Yugis Küche wurde aber schon immer als gemeinsamen Raum genutzt mit der verbundenen Terrasse und den Garten.

Von der Küche aus führte eine Tür direkt auf die Terrasse und in den Garten. Es war zugleich auch die eigentliche Eingangstür, doch Yugi ging schon immer durch den Laden um in die Wohnung zu gelangen oder nach draussen. Die gegenüberliegende Tür führte in Yugis eigentlichen Wohnbereich.

Während Yugi sich bereits daran machte, die Snacks für den Abend vorzubereiten, blieb Yami nicht einen Moment länger im Flur stehen. An der Wand entdeckte er mehrere Bilderrahmen. Manche waren offensichtlich schon älter. Auf einem war Yugi noch ein Kind, neben ihm sein Grossvater. Auf anderen standen sie beiden Jahre später wieder gemeinsam vor der Kamera.

Sie schienen schon lange auf sich gestellt gewesen zu sein.

Yami trat etwas näher heran.

Dazwischen befanden sich Fotos aus verschiedenen Lebensabschnitten. Schule, Freunde, irgendwelche Ausflüge. Sogar ein Bild von Joey und Yugi wie sie im Sandkasten zusammen sassen, bei dessen Anblick Yami unwillkürlich schmunzeln musste.

Doch dann blieb sein Blick an einem anderen Foto hängen.

Yugi war darauf deutlich jünger. Neben ihm standen eine Frau und ein Mann. Die Gesichtszüge der Frau fielen ihm sofort auf. Sie war eine Schönheit. Die Ähnlichkeit war unverkennbar. Die gleiche Form der Augen, das selbe breite Lächeln. Neben diesem Foto hing eines wo nur Yugi darauf abgebildet war, ein relativ aktuelles, wie es Yami schien. Er war seiner Mutter aus dem Gesicht geschnitten. Seine Augenfarbe hatte er aber von seinem Vater, wie auch die Haare.

Es war ein Bild, das offensichtlich aus einer Zeit stammte, in der Yugi noch keine Ahnung davon gehabt hatte, wie viel sich in seinem Leben auf einmal verändern würde. Bei den späteren Bildern waren seine Eltern nicht mehr zu sehen.

Ein trauriges Gefühl durchzuckte Yamis Körper.

Sein Blick wanderte weiter und blieb erneut bei einem stehen. Es war eines der aktuellsten Fotos, wo er und Yugi sich gemeinsam darauf befanden. Yugi machte es als sie zusammen einen Ausflug in den Freizeitpark gemacht hatten. Yami blinzelte kurz. Er hatte nicht damit gerechnet, sich selbst zwischen den Erinnerungen an Yugis Familie und Freunden wiederzufinden.

Für einen Moment sagte er nichts. Seine Augen wanderten vom Foto zu Yugi, der gerade nach einer Schüssel aus dem Schrank griff und diese mit Chips auffüllte.

Ein leichtes Lächeln legte sich auf seine Lippen.

Yugi schien von alldem nichts mitzukriegen und suchte stattdessen alles zusammen was sie für den Abend brauchten. Yami half ihm dabei und stellte zwei gefüllte Schalen auf den Wohnzimmertisch ab.

Auf einmal erklang ein dumpfes Poltern aus der Richtung in der sich die Terrasse befand. Yugi legte die Packung Kekse aus der Hand und öffnete die Tür um nach dem Übeltäter zu sehen. Aus dem Gebüsch tauchte ein dümmlich grinsender Joey auf. Yugi schloss für einen Moment die Augen, als müsste er sich erst sammeln, bevor er seinem besten Freund überhaupt ansprechen konnte.

„Ist es so schwer, den normalen Weg zu meiner Tür zu gehen? Musst du dich ständig durch mein Gebüsch zwängen?“

Joey klopfte sich demonstrativ ein paar Blätter von seiner Jacke und sah ihn völlig unbeeindruckt an.

„Ich lauf doch nicht einmal um das ganze Haus, nur um den blöden Gehweg zu gehen. Und ich fang jetzt bestimmt nichts neues mehr an, wenn ich mein Leben lang schon so zu dir komme.“

Yugi starrte ihn seufzend an. Sein Blick wanderte von Joey zu den zerzausten Zweigen hinter ihm und wieder zurück.

„Ja so sieht meine Hecke auch aus“, murmelte Yugi kopfschüttelnd und liess seinen Freund hereinkommen. Keine Sekunde später tauchten Tea und Ryou auf, die offenbar den normalen Weg genommen hatten. Bakura folgte ihnen mit etwas Abstand und schüttelte nur amüsiert den Kopf.

„Na endlich“, verkündete der Blonde und machte es sich direkt auf einen der Sessel bequem und griff nach den bereitstehenden Snacks.

„Finger Weg, bis alle sich hingesetzt haben“, rief Yugi ihm hinterher. Joey hielt kurz inmitten der Bewegung inne, sah auf das Gebäck in seiner Hand und biss trotzdem demonstrativ hinein. Yugi verdrehte nur die Augen.

Bakura liess sich währenddessen auf dem Sofa nieder und zog Ryou kurzerhand mit sich. Ein Arm legte sich dabei wie selbstverständlich um dessen Schulter. Ryou schien sich daran längst gewöhnt zu haben und machte keinerlei Anstalten auf Abstand zu gehen.

Yami beobachtete die beiden einen kurzen Moment. Zwischen ihnen schien sich tatsächlich langsam etwas zu entwickeln. Wirklich überraschen konnte ihn das allerdings nicht.

Tea setzte sich in den anderen Sessel neben Joey und begann bereits damit, sich mit Ryou über ihren Arbeitstag zu unterhalten. Yami liess sich nun ebenfalls nieder neben den beiden Turteltauben. Joey hatte inzwischen keinen Halt mehr vor den Snacks gemacht. Der Kerl konnte essen wie kein anderer. Er erinnerte ihn beinahe an einen Golden Retriever, der ständig nach mehr Futter bettelte. Die Vorstellung davon liess Yami innerlich schmunzeln.

Yugi stellte nun als letztes die Getränke auf den Tisch und hob kritisch eine Augenbraue, als er Joey beobachtete.

„Du bist manchmal schlimmer als eine Horde Kinder. Iss anständig, Joey!“

Für einen Moment hielt Yugi kurz inne. Irgendwie kam er sich gerade unglaublich alt vor. Wie sein Grossvater.

Joey sah ihn empört an.

„Hey! Was soll das denn heissen?“

Yugi winkte nur ab und liess sich dann neben Yami fallen. Für einen Moment lehnte er sich zurück und schloss die Augen.

Yami musterte ihn von der Seite. Er sagte einen kurzen Moment nichts, ehe er sich etwas zu ihm hinüber beugte. So dass nur Yugi ihn hören konnte.

„Du bist müde“, hauchte er leise.

Yugi öffnete die Augen wieder und sah seinen Freund an.

„Bisschen.“

Yami hob nur leicht eine Augenbraue. Yugi seufzte. Er wusste genau, was dieser Blick bedeutete.

„Okay… Bisschen sehr“, gab Yugi lächelnd auf.

Tea griff nach der Fernbedienung und machte es sich etwas bequemer, während sie durch die verschiedenen Filme auf dem Bildschirm ging. Das Licht des Fernsehers warf wechselnde Bilder über das Wohnzimmer, die sich in den dunklen Fensterscheiben spiegelten.

„Also, was schauen wir?“

„Egal… Hauptsache nichts langweiliges“, warf Joey sofort ein. Ryou schaute vom Bildschirm weg und sah zu ihm hinüber.

„Das sagt ausgerechnet derjenige, der beim letzten Film nach 20 Minuten eingeschlafen ist“, sagte er spöttisch und erntete einen fassungslosen Blick von Joey.

„Hab ich nicht!“

Yugi, der gerade nach seiner Flasche griff, konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Er nahm einen Schluck und sah seinen Freund über den Rand der Flasche hinweg an.

„Du hast geschnarcht."

„Hab ich nicht!“

„Doch. Und auf mich gesabbert hast du auch noch“, fügte er mit verzogenem Gesicht hinzu, als er sich an den Abend von damals erinnerte. Joey sah ihn empört an.

„Yugi!“

Das Gelächter, das daraufhin durch den Raum ging, war beinahe einstimmig. Ryou hielt sich vor Lachen die Hand vor den Mund. Joey hingegen sah sich um, als wäre er gerade von allen Seiten verraten worden.

Yami lehnte sich etwas tiefer in die Couch sich zurück und beobachtete die Szene mit einem kleinen Lächeln. Es war eine andere Atmosphäre als im Yoru. Es war deutlich ruhiger, wärmer. Es war richtig gemütlich.

Es fühlte sich an als wäre Yugis Wohnung genau das, was sie alle nun brauchten. Es lag etwas vertrautes in dieser Wohnung, etwas, das Yami nur schwer beschreiben konnte.

Vielleicht lag es daran, dass hier nichts für andere hergerichtet wirkte.

Die Fotos an den Wänden, die Bücher, die herumliegenden Sachen, die Decke über der Sofalehne. Alles erzählte etwas über Yugi und darüber, wie er lebte. Es fühlte sich an, als gehöre man einfach hierher.

Die Stimmung war inzwischen deutlich ausgelassener geworden. Aus einer Unterhaltung über irgendwelche alltäglichen Dinge waren nach und nach alte Erinnerungen geworden.

Sie begannen sich Geschichten aus früheren Zeiten zu erzählen, die meist harmlos begannen, aber bereits nach wenigen Minuten vollkommen ausser Kontrolle gerieten.

„Yami ist ein komplett orientierungsloser Mensch“, begann Bakura schliesslich und funkelte seinen besten Freund mit einem wissenden Blick an.

Yami stöhnte genervt auf. Er wusste bereits, was jetzt kommen würde. Und es würde ihm ganz und gar nicht gefallen.

„Nicht dein Ernst“, warf Yami verzweifelt ein, doch Bakura ignorierte ihn nur.

„Ihr müsst wissen, wir sind leidenschaftliche Motorradliebhaber.“

Yugi, der bis dahin noch halb entspannt auf dem Sofa gesessen hatte, richtete sich ein wenig auf. Er sah Yami neben sich überrascht an.

„Du fährst Motorrad?“

Yami wandte sich ihm zu. Sofort lag dieses besondere Funkeln in seinen rubinroten Augen, das immer auftauchte, wenn er von etwas erzählte, das ihm wirklich Freude bereitete.

„Ja. Habe eine ziemlich schöne Maschine. Es gibt nichts Besseres, als damit durch ganz Japan zu fahren und dabei den Kopf abzuschalten.“

Ein leichtes Lächeln lag auf seinen Lippen und für einen Moment schien er in Erinnerungen zu schwelgen. Yugi betrachtete ihn einen Augenblick länger als nötig.

Die Vorstellung, Yami auf einem Motorrad durch Japan rasen zu sehen, hatte etwas seltsames.

Die Tatsache, dass Yami Motorrad fuhr, wurde zu einem kleinen Problem für Yugi. Etwas schien ihm ganz und gar nicht daran zu gefallen. Warum musste auch ausgerechnet er Motorrad fahren. Das hatte Yugi gerade noch gefehlt.

Bakura währenddessen nahm einen Schluck aus seinem Bier und lehnte sich zurück.

„Wir waren damals mit den Motorrädern unterwegs. Ich weiss schon gar nicht mehr genau, wo wir hinwollten, aber Yami war felsenfest davon überzeugt, jede Strasse in Japan zu kennen. Irgendwann kamen wir an eine Abzweigung und er meinte, er wüsste eine Abkürzung.“

Yami schnaubte leise und rollte mit den Augen.

„Ich wusste wirklich, wo sie hinführt“, murmelte er nur leise beleidigt.

„Das behauptest du seit Jahren!“

Bakura grinste bereits, während er weitererzählte, wie sie Yamis Vorschlag gefolgt waren. Zunächst hatte auch alles vernünftig ausgesehen. Der Weg war breit genug für ihre Motorräder gewesen und Yami hatte so selbstsicher gewirkt, dass Bakura keinen Grund gesehen hatte, ihm zu misstrauen.

Bis aus dem Weg ein Feldweg geworden war.

Und aus dem Feldweg irgendwann nur noch ein schmaler Streifen zwischen den Reisfeldern.

„Irgendwann“, erzählte Bakura lachend. „Sah ich mich um und fragte mich, wann genau wir beschlossen hatten, von einer normalen Motorradtour zu einer Expedition aufzubrechen. Hinter uns war nichts mehr ausser Felder und vor uns ebenfalls. Und Yami fuhr einfach weiter, als wäre das alles genau nach Plan gewesen.“

„Weil ich wusste, dass wir bald wieder auf die Hauptstrasse kommen würden.“

Bakura sah ihn trocken an.

„Wir kamen auch wieder auf eine Strasse. Drei Stunden später!“

Yugi und die anderen brachen in Gelächter aus. Joey verschluckte sich beinahe an seinem Bier und musste sich erstmal wieder einkriegen.

„Zwischendurch mussten wir die Motorräder sogar schieben, weil der Weg irgendwann so schlecht wurde, dass wir nicht mehr vernünftig weiterfahren konnten.“

Yami hob abwehrend die Hände und sein Blick wanderte unwillkürlich zu Yugi, als würde er zumindest von ihm ein wenig Verständnis erwarten.

„Dafür war die Aussicht gut“, rechtfertigte er sich vor seinem kleinen Verkäufer. Doch Yugi schüttelte nur grinsend den Kopf.

„Die Aussicht war fantastisch“, gab Bakura schliesslich trocken zu. „Wenn man Reisfelder liebt“, murmelte er in sein Glas und allein der Tonfall machte deutlich, wie wenig er diese Aussicht tatsächlich vermisst hatte.

„Wie ging es dann weiter?“, fragte Yugi neugierig nach. Bakuras Grinsen wurde eine Spur breiter.

„Oh ja. Das Beste habe ich fast vergessen. Yamis Meisterwerk auf dieser Tortur.“

Yami legte den Kopf in den Nacken. Er wusste genau was jetzt kommen würde.

Er erzählte, wie sie schliesslich einen Weg gefunden hatten, der ihrer Meinung nach zurück zur Strasse führen musste. Stattdessen führte sie die beiden direkt an einen Hof. Sie waren bereits dabei gewesen, sich wieder auf den richtigen Weg zu bringen, als plötzlich ein älterer Mann aus dem Gebäude kam.

Der Mann bemerkte sie sofort und war ganz und gar nicht darüber erfreut, zwei fremde Motorradfahrer auf seinem Grundstück zu entdecken, die offenbar auch noch seine Reisfelder in Mitleidenschaft gezogen hatten.

Bakura konnte sich heute nicht daran erinnern, wie schnell Yamis selbstbewusste Miene verschwunden war, als der Alte begann sie lautstark anzuschnauzen.

„Yami, der Depp, dachte auch noch, er könnte den Kerl besänftigen und die Situation erklären. Aber das hat den herzlich wenig interessiert, Er war ziemlich temperamentvoll.“

„Er hatte eine Mistgabel“, fügte Yami murrend den Worten seines besten Kumpels hinzu.

„Eine Mistgabel?“, prustete Joey los.

„Eine verdammte Mistgabel.“

Yami lehnte sich etwas zurück und schien selbst inzwischen darüber lachen zu können.

„Yami musste dem Kerl natürlich noch irgendeinen Spruch aufdrücken.“

Yugi wandte sich sofort zu ihm. Die Müdigkeit, die vorhin noch in seinem Gesicht gelegen hatte, schien auf einmal verschwunden zu sein. Seine Augen funkelten neugierig und allein sein Gesichtsausdruck verriet Yami, dass er die Geschichte viel zu interessant fand.

„Was hast du gesagt?“

„Nichts schlimmes.“

Yugi hob ungläubig eine Augenbraue und musterte ihn eindringlich.

Yami grinste ertappt.

„Naja… Ich hab gesagt, wenn er uns mit der Mistgabel erwischen will, sollte er vielleicht mal aufhören mit den leeren Drohungen und anfangen zu laufen.“

Yugi machte grosse Augen.

„Nicht wahr!“

„Doch.“

Bakura konnte sich kaum noch halten, als er erzählte, wie sie ihre Motorräder herumgerissen hatten und so schnell wie möglich davonfahren wollten. Der Alte war ihnen bereits ein gutes Stück mit erhobener Mistgabel hinterhergekommen. Spätestens da hatten sie bemerkt, dass es dem Mann tatsächlich ernst war und aus der geplanten gemütlichen Motorradtour eine ziemlich panische Fluch geworden war.

Yami und Bakura grinsten sich nur dumm an. Es war offensichtlich, dass sie selbst Jahre später noch immer stolz auf diese Geschichte waren.

Bakura lehnte sich etwas zu Yami rüber und stiess mit seiner Flasche gegen sein Glas.

„Auf dich, du Navi-Niete.“

Yami konnte darauf nur schwach schmunzeln und den Kopf über ihn schütteln. Der Spitzname hatte sich über die Jahre etwas zu sehr in Bakuras Wortschatz eingenistet seiner Meinung nach.

„Genug von uns.“ Er winkte schliesslich ab und sah neugierig in die Runde. „Was habt ihr so auf eurem Konto?“

Tea hatte sogleich eine Story auf Lager und sah dabei zwischen Yugi und Joey hin und her.

Die beiden schüttelten jedoch wie auf Kommando stur mit dem Kopf und verschränkten die Arme vor der Brust.

Yami bemerkte den Blick, den sie sich dabei gegenseitig zuwarfen, was seine Neugierde nur noch mehr verstärkte. Auf einmal war er sich ziemlich sicher, dass die beiden noch wesentlich schlimmeres angestellt hatten.

„Kommt schon, eure Geschichten sind viel lustiger.“

„Nein, sind sie nicht“, blockte Yugi stur ab.

Joey schien ebenfalls keinerlei Interesse daran zu haben, Tea auch nur die kleinste Gelegenheit zu geben. Er sah sie warnend an und hob bereits den Finger.

„Vergiss es, Tea! Sonst erzähl ich deine Geschichte mit dem—“

Weiter kam er nicht. Tea packte nach seinem Ohr und zog daran, wie eine alte Omi, die ihrem Enkel die Ohren lang zog.

„Aua!“

Joey versuchte ihre Hand wegzuschieben, während sie eisern sein Ohr festhielt und auf ihn einredete. Yugi beobachtete das Ganze kopfschüttelnd.

„Ihr benehmt euch wirklich wie Kinder“, seufzte Yugi, während er den beiden Streithähnen zusah.

Yami konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Er wandte sich etwas zu Yugi imd stiess mit seiner Schulter leicht gegen dessen.

„Komm schon. Ich will es hören.“

Yugi sah ihn mit einem Ausdruck an, der irgendwo zwischen Verzweiflung und Resignation lag.

„Das willst du nicht.“

Doch Yami liess nicht locker. Sein Blick blieb abwartend auf den Kleineren gerichtet bis dieser schliesslich leise seufzte und Tea einen kleinen Wink gab, dass sie erzählen durfte. Tea liess daraufhin von Joey ab, der sich sofort sein gerötetes Ohr rieb und setzte sich wieder ordentlich hin.

„Also gut. Wir waren ungefähr sechzehn, wenn ich mich richtig erinnere“, begann die schöne Braunhaarige.

„Alles deine Schuld“, murmelte Yugi vor sich hin, was Joey sofort mitbekam, welcher sofort empört auf seinen besten Freund zeigte.

„Du hast mitgemacht.“

Wenn Blicke töten könnten, dann wäre Joey wohlmöglich nicht mehr unter ihnen.

„Ich wusste damals schon, dass deine Ideen irgendwann auf uns zurückfallen.“

Tea grinste zufrieden, ehe sie begann.

„Also, die beiden hatten damals die grandiose Idee, einem alten Mann eine kleine Lektion zu erteilen.“

Yugi schloss die Augen kurz und stöhnte auf, während Joey etwas unruhig auf dem Sessel herumrutschte.

„Das klingt viel schlimmer als es war“, verteidigte Yugi sich und seinen besten Freund, der zustimmend nickte. Sein Einwand klang aber nicht besonders überzeugend.

„Ihr habt einen Hahn entführt.“

Für einen Moment herrschte Stille im Wohnzimmer. Irritiert blinzelte Yami mehrmals und sah dann zu seinem kleinen Verkäufer, der nur den Kopf schüttelte. Auch Bakura schien sich nicht ganz sicher zu sein, ob er das gerade richtig verstanden hatte.

„Einen Hahn?“, wiederholte Bakura langsam und musterte die beiden Übeltäter.

Joey hob sofort beide Hände um sich zu verteidigen. „Moment. Ganz so war es dann doch nicht!“

„Wir haben ihn nicht entführt“, korrigierte Yugi sie bestimmend und sah dabei tea mit einem Blick an, der deutlich machte, dass er mit ihrer Wortwahl nicht einverstanden war. Tea schien davon allerdings wenig beeindruckt.

„Ihr habt ihn mitten in der Nacht aus seinem Stall geholt.“

Yugi öffnete den Mund, hielt dann aber noch einmal inne. Man konnte ihm regelrecht ansehen, wie er in seinem Kopf nach einer Formulierung suchte, die das Ganze möglichst harmlos klingen liess.

„Wir haben ihn nur…umgestellt.“

„Ihr habt ihn geklaut!“

„Geborgt!“

Die schnelle Antwort kam so selbstverständlich, dass Yami sich ein Lachen verkneifen musste. Er presste kurz die Lippen zusammen und legte schliesslich den Arm auf die Rücklehne hinter Yugi. Dabei sah er seinen kleinen Verkäufer mit einem ungläubigen, auffordernden Blick an.

„Warum zum Teufel habt ihr einen Hahn geklaut?“

Yugi wollte sich erklären, doch Joey war schneller. Mit den Armen gestikulierte er wild um sich, als müsste er klarstellen, dass es einen plausiblen Grund dafür gab.

„Weil der alte Knacker ein Arschloch war!“

Yugi nickte bestätigend.

„War er wirklich. Der hat uns ständig angeschrien und uns immer wieder Dinge unterstellt, die wir gar nicht gemacht haben. Vor allem war es schon beleidigend uns mit solchen Amateurstreichen zu verbinden.“

Joey nickte eifrig. Allein das die beiden sich einig warne, dass dieser alte Mann es verdient gehabt hatte, machte Yami neugierig.

„So haben wir dann einen Plan geschmiedet um es dem alten Knacker heimzuzahlen.“

„Du hattest einen Plan. Und der war dämlich“, warf Yugi korrigierend ein. Joey sah ihn einen Augenblick lang an, bevor sich ein Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete.

„Deswegen habe ich ja dich in meinem Leben gefunden.“

Yugi rollte mit den Augen, als würde er die Tatsache bereuen Joey in seinem Leben zu haben. Das leichte Schmunzeln, das dabei auf seinen Lippen blieb, verriet jedoch ziemlich deutlich, dass das Gegenteil der Fall war.

Der Plan bestand zunächst aus einem kleinen Schild, das sie an den Stall hängen wollten. Darauf stand in sorgfältig lesbarer Schrift: Bitte Ruhe. Beschweren bitte an den Hahn.

Yami begann zu lachen. Es war einfach zu absurd auf was für Ideen die zwei kamen. Yugi bemerkte sein Lachen sofort und sah ihn mit einem leicht beleidigten Ausdruck an.

„Das Schild war Joeys Idee“, warf Yugi verteidigend ein, als würde es etwas ändern oder ihn besser dastehen lassen.

„Aber du hast es geschrieben!“

„Weil deine Handschrift beschissen aussieht!“

„Meine Handschrift ist völlig normal.“

„Deswegen haben dir die Lehrer auch ständig Punkte abgezogen, weil man deine Antworten nicht lesen konnte“, erwiderte Yugi trocken und zog den anderen damit auf, was jenem gar nicht gefiel. Er wollte gerade etwas darauf erwidern, doch Tea liess ihn nicht.

„Hey! Benehmt euch!“

Tea schüttelte den Kopf und erzählte dann die Geschichte weiter.

Danach hatten sie fast eine Stunde hinter einem alten Schuppen gewartet. Beide hatten sich geduckt und immer wieder prüfend zum Haus des alten Mannes hinübergeschaut. Joey wurde zunehmend ungeduldiger, während Yugi ihn mehrfach leise aufforderte endlich still zu halten.

Schliesslich ging endlich das Licht aus, was für beide das Zeichen war ihren Plan umzusetzen.

Yugi gab Joey ein Zeichen, woraufhin sie sich vorsichtig aus ihrer Deckung lösten und sich auf den Weg zum Stall machten.

Der Stall war nicht besonders gut gesichert. Yugi hatte damals schon ein erstaunlich gutes Händchen für solche Hindernisse gehabt und bekam das Schloss mit wenigen geschickten Bewegungen auf.

Yami horchte bei diesen Worten augenblicklich auf. Überrascht und auch schockiert stupste er Yugi leicht an und sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Woher kannst du denn so was?“

Yugi wirkte für einen Moment etwas ertappt. Er hatte gehofft, dass dieses Detail keine Aufmerksamkeit erregen würde. Kurz suchte er nach einer passenden Erklärung, ehe er sich schliesslich eine Ausrede zurechtlegte.

„Mit Joey hat man irgendwann keine andere Wahl mehr, als gewisse Dinge zu lernen. Ich war einmal mit ihm die ganze verdammte Nacht eingesperrt, weil ein gewisser jemand die Tür hat zufallen lassen! Danach hab ich mir halt ein paar Tricks abgeschaut.“

„Hey! Das war aber nicht meine Schuld!“, erklang die empörte Stimme von dem Blonden, doch Yugi winkte nur ab. Er wollte nicht auch noch diese Geschichte ans Tageslicht kommen lassen. Stattdessen übernahm er nun die Erzählung.

Der Hahn wurde ziemlich schnell unruhig als Yugi und Joey den Stall betraten. Das Tier schien vorn ihrem nächtlichen Besuch überhaupt nichts zu halten. Yugi versuchte ihn möglichst ruhig zu halten, während Joey ihn packte.

„Halt ihn fest!“, zischte Yugi genervt.

„Ich halte ihn doch!“

„Ja, offenbar nicht gut genug, wenn er dir ständig wegflattert!“

Der Hahn schlug wild mit den Flügeln, während Joey versuchte, ihn weiterhin fest im Griff zu behalten. Das Tier machte die ganze Sache deutlich schwieriger, als die beiden vermutlich geplant hatten.

„Dann halt du doch den scheiss Vogel!“

„Kann ich nicht oder willst du das Schloss vom Schuppen brechen? Und abgesehen davon ist das ein verdammter Hahn, du Blitzbirne!“

Irgendwie schafften sie es schliesslich trotzdem, das Tier aus dem Stall zu bekommen. Joey klemmte sich den Hahn unter den Arm und fütterte ihn, damit er die Klappe hielt. Warum auch immer der dumme Vogel war wohl echt bestechlich mit Futter. So kamen sie bei dem Schuppen an, woraufhin sich Yugi direkt an das Schloss machte. Auf einmal aber fing Joey an zu jammern.

„Yugi.“

Yugi war gerade damit beschäftigt mit der Nadel am Schloss zu arbeiten und reagierte zunächst kurbeiläufig.

„Was?“

„Er kackt."

Yugi hielt kurz inne und sah verständnislos über seine Schulter zu seinem besten Freund. Sein Blick wanderte von Joey zu dem Hahn und wieder zurück.

„Was?“

„Der Hahn.“

Der Kleinere starrte ihn einen Moment lang an, als müsste er erst verstehen, warum Joey ausgerechnet jetzt mit dieser Information zu ihm kam.

„Ja hoffentlich der Hahn und nicht du! Was soll er denn sonst machen?“

Joey verzog das Gesicht und sah auf seine Kleidung hinunter.

„Auf mich scheissen vielleicht nicht!“

Yugi presste die Lippen zusammen, um nicht laut loszulachen. Einmal mehr war er froh, dass er der Grips ihrer Freundschaft war und Joey das Helferlein. Zumindest musste er sich nicht selbst mit dem Hahn herumärgern. Und vor allem wollte er diese Scheisse ganz sicher nicht auf seinen eigenen Klamotten haben.

Sie wollten gerade in den Schuppen hineingehen, als Joey plötzlich einen leeren Eimer umstiess, der mit einem lauten Krachen gegen die Holzwand prallte. Beide erstarrten. Im Haus ging ein Licht an.

„Scheisse“, fluchte Joey panisch. Yugi sah zu ihm.

„Lauf. Rein mit ihm und nichts wie weg hier.“

Joey liess den Hahn in der nächstbesten dunklen Ecke und rannte los. Yugi folgte ihm und schloss die Tür hinter sich. Doch um es dem alten Knacker richtig schwer zu machen, befestigte Yugi ein gekauftes Schloss von ihm selbst daran und schmiss den Schlüssel irgendwo in die Wiese. Dann konnte der Blödmann erstmals im Dreck kriechen um den schreienden Hahn zum schweigen zu bringen.

„Komm jetzt, Yugi!“

„Ja. Ja!“

Sie rannten über den Hof in Richtung des Zauns, woher sie kamen. Die Haustür wurde mit einem Schwung aufgerissen. Der alte Mann war stinksauer.

„Hey! Ihr verdammten Bengel!“

Sie rannten um ihr Leben. Joey lief ein Stück voraus, doch dann rutschte er auf einmal aus.

„Scheisse!“

Yugi reagierte instinktiv. Er griff nach seiner Hand und versuchte ihn noch aufzufangen. Eine Entscheidung, die er sofort bereuen würde. Im nächsten Moment verloren beide das Gleichgewicht.

Sie stürzten über den Rand des Feldes und landeten in einer grossen, dunklen Pfütze.

Für einen Moment sagte keiner etwas.

Yugi spürte die kalte, schwere Masse an seinen Kleidern und nahm zugleich den beissenden Geruch war, der ihn angewidert die Nase rümpfen liess. Neben ihm bewegte sich Joey langsam. Er sah sich um, als könnte er durch die Dunkelheit irgendwie erkenne, worin sie gelandet waren, doch viel zu sehen ab es nicht: Das wenige Licht das von der Strassenlaterne, reichte kaum aus, um die Konturen des Feldes auszumachen.

„Das ist Schlamm“, redete er sich beruhigend ein. Doch Yugi sah nicht sonderlich überzeugt aus.

Er sah auf die braune Brühe hinunter.

„Ich bin mir da nicht so sicher.“

Joey wurde sichtlich unruhiger.

„Sag mir jetzt nicht, wir sind in Scheisse gefallen.“

Keine Ahnung, was willst du von mir?“

„Yugi!“

„DU musstest ja unbedingt da reintreten!“

Joey sah sich noch einmal um, als könnte er dadurch irgendwie erkennen, worin sie gerade lagen.

„Wahrscheinlich ist das doch nur Schlamm!“

Yugi warf ihm einen ungläubigen Blick zu.

„Joey. Es hat seit Tagen nicht mehr geregnet…“

Joey erstarrte.

„Ohhh, red nicht weiter!“

Hinter ihnen erklang die Stimme des wütenden Bauern.

„Ihr verdammten Bengel! Euch ziehe ich die Ohren lang!“

Beide sprangen aus der unbekannten Pfütze auf, kletterten über den Zaun und rannten davon ohne sich noch einmal umzudrehen.

Als Yugi die letzten Worte aussprach, herrschte einen Moment der Stille im Raum.

Dann brach die gesamte Runde in Gelächter aus. Joey versuchte sich noch irgendwie zu verteidigen.

„Hey, es war stockdunkel! Man hat nicht mal mehr die eigene Hand vor Augen gesehen.“

Yugi konnte selbst kaum ernst bleiben. Er lachte über ihre eigene Dummheit von damals und schüttelte dabei den kopf.

„Ich möchte an dieser Stelle einfach festhalten, dass das alles sehr lange her ist.“

Yami sah ihn mit einem breiten Grinsen an. Sein Arm lag noch immer locker auf der Rückenlehne hinter Yugi und als Yugi sich zurücklehnte, spürte er die Nähe des Grösseren unmittelbar. Yami durchzog ein leichtes Kribbeln in der Brust, dass er zu ignorieren versuchte.

„Irgendwie hätte ich nicht gedacht, dass du solche Jugendsünden verbrochen hast. Du wirkst auf mich so vernünftig.“

„Naja… Jemand musste ja auf diesen Knallkopf aufpassen. Und seine Ideen waren immer so chaotisch, die brauchten dringend eine Überarbeitung“, flüsterte Yugi leise, damit Joey es nicht mitbekam. Der war sowieso eher darauf konzentriert sich vor Tea zu rechtfertigen.

Yami betrachtete Yugi einen Moment länger. Das Lächeln auf dessen Gesicht war ungezwungnen, seine Augen glänzten noch vom Lachen.

„Ich mag diese Seite an dir“, hauchte er leise.

Yugi antwortete darauf nicht. Er legte nur den Kopf etwas schief und lächelte ihn an.

Danach wurde es langsam wieder ruhiger. Die Geschichten hatten die Runde aufgewühlt und selbst Joey schien inzwischen genug davon zu haben, seine Version der Ereignisse zu verteidigen.  Tea hatte ohnehin längst gewonnen.

Nach und nach kehrte eine angenehmere, entspannte Stimmung ein, während die Gespräche wieder leiser wurden und sich in verschiedene Richtungen verteilten. Ryou und Bakura waren sich wieder sehr nahe und schienen leise miteinander zu reden. Joey und Tea haben sich ebenfalls in ein neues Gespräch vertieft.

Yugi stand irgendwann auf und verschwand durch die Wohnzimmertür in Richtung der Küche.

Yami sah ihm neugierig hinterher. Er beobachtete, wie Yugi zwei kleine Schüsseln vorsichtig nach draussen trug, als wolle er nichts davon verschütten. Yami stand auf und folgte ihm. Schliesslich stellte Yugi die Schüsseln an einer geschützten Stelle auf der Terrasse ab.

Draussen war es angenehm kühl geworden. Die Abendluft strich leicht über seine Haut und brachte den Geruch der Pflanzen aus dem Garten mit sich.

Hinter ihnen drangen nur noch gedämpfte Stimmen und vereinzeltes Lachen durch die geöffnete Tür.

Yami blieb neben Yugi stehen und sah auf die Schüsseln hinunter, in einer befand sich Wasser und in der anderen Futter. Er blickte erst auf Schüssel und dann zu Yugi.

„Für wen ist das?“

Yugi richtete sich langsam wieder auf, er schwieg für einen Moment. Sein Blick wanderte über den Garten und blieb schliesslich bei der Hecke liegen. Er schien nach etwas Ausschau zu halten.

„Für eine Katze.“

Yami sah ihn fragend an. Yugi bemerkte den Blick und musste etwas breiter lächeln.

„Sie kommt seit ein paar Wochen immer wieder vorbei. Meistens abends.“

Er deutete auf die Stelle, an der er die Schüsseln abgestellt hatte.

„Ich weiss nicht, ob sie irgendwo einen Besitzer hat. Sie sieht nicht unbedingt verwahrlost aus, aber irgendwie macht sie den Eindruck, als hätte sie kein richtiges Zuhause. Also stelle ich ihr einfach etwas hin, wenn ich merke, dass sie wieder da ist.“

Yami folgte seinem Blick. Zunächst konnte er nichts erkennen. Nur die dunklen Umrisse der Pflanzen, die sich leicht im Abendwind bewegten. Er ging nicht näher heran, sondern liess Blick einfach langsam über die Hecke wandern.

Dann bewegte sich etwas. Nur ein kleiner Schatten zwischen den Pflanzen.

Yami konzentrierte sich darauf und erkannte schliesslich zwei Augen, die kurz das schwache Licht von der Terrasse reflektierten.

Die Katze blieb nur einen Augenblick sichtbar und verschwand dann wieder zwischen den Pflanzen ins Dunkeln.

Unwillkürlich musste Yami lächeln.

„Und sie kommt immer wieder?“

Yugi nickte. Seine Augen blieben auf der Hecke liegen.

„Anscheinend gefällt es ihr hier.“ Ein leises Schmunzeln begleiteten seine Worte. Dann sah er sich langsam im Garten um, Alls würde er ihn selbst für einen Moment aus den Augen der Katze betrachten. „Kann ich verstehen.“

Yugi stand einfach da und betrachtete seinen Garten. In seinem Gesicht lag eine ruhige Zufriedenheit, die Yami schon öfter bemerkt hatte. Es war etwas anderes als das ausgelassene lachen von eben im Wohnzimmer. Hier draussen wirkte Yugi ruhiger. Fast so, als würde allein dieser Ort etwas in ihm verändern.

Yami sagte nichts darauf. Er blieb einfach neben ihm stehen. Die Stille zwischen ihnen fühlte sich nicht unangenehm an.

Für einen Moment war nichts weiter zu hören als das leise Rascheln der Blätter. Irgendwo weiter entfernt fuhr ein Auto vorbei und das Geräusch der Strasse wurde nach wenigen Sekunden wieder leiser.

Yami musterte den kleinen Garten. Die Terrasse ging direkt in den Garten über. Zwischen den Pflanzen und Sträuchern lag ein kleiner Teich, dessen Wasseroberfläche das schwache Licht der Terrasse spiegelte. Die Spiegelung bewegte sich leicht, sobald ein Windhauch über das Wasser strich. Daneben stand der grosser Kirschblütenbaum.

Seine Äste erstreckten sich weit über einen Teil des Gartens. Im schwachen Licht zeichneten sie sich dunkel gegen den Abendhimmel ab und einige Blätter bewegten sich leise im Wind.

Der Grössere blieb mit seinen Augen an dem Baum hängen.

„Der ist schön“, sagte Yami leise bewundernd. Yugi folgte seinem Blick.

„Der Baum?“

Yami nickte stumm. Yugi schwieg einen Moment. Sein Blick blieb auf dem Baum liegen, doch irgendwas an seinem Gesicht veränderte sich. Das Lächeln, das eben noch auf seinen Lippen gelegen hatte, wurde schwächer. Gleichzeitig lag plötzlich etwas Weiches darin. Etwas Nachdenkliches.

„Meine Mutter hat ihn gepflanzt.“

Yami wandte überrascht den Kopf zu ihm. Yugi bemerkte es nicht sofort, er betrachtete einfach nur den Baum.

„Damals, als ich noch klein war.“

Er machte eine kurze Pause. Yugi liess den Blick langsam über die Äste wandern. Langsam setzte er sich auf die kleine Treppe, die in den Garten führte.

„Sie mochte Kirschbäume. Sie hat immer gesagt, dass ein Garten etwas sein sollte, das sich mit einem verändert. Man pflanzt etwas Kleines und irgendwann steht man daneben und merkt, dass es grösser geworden ist, während man selbst es gar nicht mehr bewusst wahrnahm.“

Ein leises, beinahe wehmütiges Lächeln erschien auf seinen Lippen. Yugi sprach ruhig. Nicht traurig, zumindest nicht offensichtlich. Aber seine Stimme hatte sich verändert. Sie war leiser geworden.

Yami sah ihn an und schwieg. Er wollte nichts sagen, nur um die Stille zu füllen. Irgendwas sagte ihm, dass dieser Moment Yugi gehörte. Also liess er ihm den Raum, den er gerade brauchte.

„Diesen Teich hat mein Vater angelegt. Die beiden waren begeisterte Hobbygärtner. Wenn sie nicht gearbeitet haben, waren sie meistens im Garten und haben sich ihre Zeit hier vertrieben.“

All die Dinge, die hier noch immer standen, obwohl die Menschen, die sie geschaffen hatten, längst nicht mehr da waren.

Es war also nicht nur ein Garten. Es war Vergangenheit.

Ein Ort, an dem Yugis Eltern ihre Zeit verbracht hatten. Dinge, die sie mit ihren eigenen Händen geschaffen hatten.

Es gab eine Zeit, in der sie hier gewesen waren. Eine Zeit, in der Yugi mit ihnen gelebt hatte.

Yami wusste nicht genau, warum ihn dieser Gedanke so berührte.

Vielleicht, weil Yugi ihm gerade etwas zeigte, das viel persönlicher war als all die Geschichten, die an diesem Abend erzählt wurden. Keine lustigen Jugendsünden, kein dummer Spruch, keine Anekdote aus seiner Vergangenheit. Sondern ein Ort, der zu seiner Familie gehörte.

„Ist es nicht seltsam hier zu leben ohne sie?“

Überrascht über die Frage, sah Yugi zu Yami, der sich nun neben ihn hinsetzte und in den Garten sah. Er schien zu überlegen was er darauf antworten sollte.

„Ein bisschen. Ich hab mich daran gewöhnt. Aber ja… Manchmal wenn ich in meiner Wohnung sitze und es so furchtbar leise ist, dann fühlt es sich seltsam an.“

„Verstehe.“

Yugi verschränkte die Arme locker vor der Brust und atmete einmal tief aus.

„Aber schön. Denn… ich hier spüre ich sie irgendwie noch. Ich könnte mir nicht vorstellen von hier weg zu gehen. Und es ist schön, dass es immer noch mein Zuhause ist. Wenn ich arbeite oder einfach meine Ruhe brauche, ist es ganz angenehm, einen Bereich zu haben, der wirklich nur mir gehört und dennoch mit meiner Familie verbunden ist. Ausser die Küche, die darf gerne mein Opa weiterführen.“

Yami musste bei dem letzten Satz gleich schmunzeln. Die Art, wie Yugi das sagte, klang beinahe so, als wäre die Küche der eine Bereich, den er freiwillig und ohne jeden Widerstand seinem Grossvater überliess.

„Warum denn das?“

Yugi sah ihn an.

„Er kocht für mich.“

Yami hob gleich die Augenbrauen.

„Warum? Kannst du nicht selber kochen?“

Yugi verzog das Gesicht ein wenig. Offenbar war ihm die Frage nicht ganz angenehm. Er kratzte sich verlegen am Kopf und sah kurz zur Seite, bevor er antwortete.

„Ich kann kochen.“

„Klingt nicht sonderlich überzeugend.“

Yugi liess die Schultern leicht sinken. Ein kleines, ertapptes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

„Ich kann… Dinge warm machen.“

Yami lachte leise. Das hatte er nun nicht erwartet. Yugi schien so vieles zu können, er war beinahe unglaublich in allem. Doch beim Kocher schien sein Talent eine ziemlich deutliche Grenze zu haben. Er hatte also doch auch seine Schwächen.

„Das zählt nicht“, erwiderte Yami witzelnd, woraufhin Yugi nur schmunzelte. „Okay.“

Für einen Moment schien das Gespräch damit eigentlich beendet. Doch Yami blieb der Gedanke an Yugis Eltern im Kopf. Schon seit Salomon einmal beiläufig etwas erwähnt hatte, liess ihn die Frage nicht ganz los. Eine Bemerkung darüber, dass er sich wünschte, Yugis Eltern könnten ihn heute sehen.

Damals traute Yami sich nicht danach zu fragen. Der alte Mann sah einen Moment lang so gebrochen aus, so dass Yami die Wunde nicht aufreissen wollte. Es fühlte sich persönlicher an als alles, worüber sie bisher je gesprochen hatten.

Yami zögerte.

Er wollte nicht einfach in etwas hineinplatzen, das Yugi vielleicht lieber für sich behalten wollte. Gleichzeitig hatte Yugi ihm gerade so viel von seinem Leben erzählt, dass die Frage irgendwann ohnehin im Raum stehen würde.

„Frag schon.“

Überrascht hielt Yami kurz inne und sah in das Gesicht seines kleinen Verkäufers, der ihn auffordernd zunickte. Offenbar hatte er Yamis Zögern bemerkt und dass ihm etwas auf dem Herzen lag, das er loswerden wollte. Er sammelte sich wieder und räusperte sich.

„Was ist mit deinen Eltern passiert?“

Als hätte Yugi genau diese Frage erwartet, wandte er seine Augen von ihm ab und sah wieder zu dem Kirschbaum. Eben noch hatte Yugi über seine mangelnden Kochkünste gelacht. Jetzt war von diesem leichten Ausdruck in seinem Gesicht kaum noch etwas übrig. Yami spürte, wie sich in ihm ein unangenehmes Gefühl breit machte. Vielleicht hätte er die Frage doch nicht stellen sollen.

Für einen Moment bereute er es.

Doch dann atmete Yugi ruhig aus.

„Sie sind bei einem Autounfall gestorben.“

Yami senkte leicht den Blick. „Oh.“

Mehr brachte er nicht heraus. Es gab nichts, was er darauf hätte sagen können, ohne dass es sich zu klein oder falsch angefühlt hätte.

„Ich war neun.“ Die Worte kamen erstaunlich ruhig. Nicht, weil es ihm egal war. Das erkannte Yami sofort. Viel eher wirkte es, als wäre dieser Verlust so tief mit seinem Leben verbunden, dass er gelernt hatte, damit zu leben, ohne jedes Mal daran zu zerbrechen.

Und gerade das machte es für Yami nur trauriger.

„Es war nicht einfach“, fuhr Yugi nach einer Weile fort. „Für niemanden. Für mich nicht. Und für meinen Grossvater auch nicht. Er musste seinen Sohn und seine Schwiegertochter begraben.“

Yami sah ihn wieder an.

„Und dann musste er sich auch noch um ein Kind kümmern. Ganz allein.“

Yugi lächelte schwach. Es war nicht fröhlich, eher dankbar.

„Ich war kein einfaches Kind. Durch diesen Verlust hab ich es allen um mich herum ziemlich schwer gemacht, auch wenn es keiner zugeben würde. Aber mein Opa hat mich nie als Last angesehen. Er war für mich da, hat sich um alles gekümmert und versucht, mir irgendwie ein normales Leben zu geben."

Yugi strich mit den Fingerspitzen beiläufig über das Holz des Terrassengeländers neben sich. Die Bewegung wirkte beinahe gedankenverloren, während er über seinen Grossvater sprach.

„Ich glaube, für ihn war ich vielleicht eine Art zweite Chance.“

Yami sah ihn fragend an. Yugi wandte sich ihm wieder zu.

„Eine zweite Chance, noch einmal Vater zu sein“, erklärte Yugi. „Und ich glaube, er hat diese Rolle ziemlich gut ausgefüllt.“

Yami sagte nichts.

„Für mich war er irgendwann beides. Mein Opa und mein Vater.“

Diese Worte waren nur leise gesprochen, sie wirkten dadurch umso schwerer. Sie blieben zwischen ihnen stehen. Yami wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Er konnte sich nicht vorstellen wie es war seine Eltern zu verlieren. Und dann beide noch zur selben Zeit. Er wüsste nicht einmal ob er damit so gut klar käme wie Yugi. Doch dann ermahnte er sich selbst. Nur weil Yugi darüber sprach ohne in Tränen auszubrechen, bedeutete das noch lange nicht, dass er damit gut umgehen konnte. Vielleicht arrangierte man sich einfach irgendwann mit der Tatsache, dass man daran nichts ändern konnte und einfach weitermachen musste.

Wie oft wohl musste Yugi bereits an seine Eltern denken, wenn er was tolles erlebt hatte und es ihnen dann nicht erzählen konnte. Oder wenn er Kummer hatte und sie ihm keinen Trost spenden konnten. Es muss schwierig sein, wenn er anderen dabei zusehen musste, wie sie Zeit mit ihren Eltern verbachten, während er sie nur sehen konnte, wenn er ihr Grab besuchte.

Irgendwann lehnte Yugi sich leicht gegen seine Schulter und Yami liess es zu. Er fühlte, dass Yugi das gerade etwas brauchte. Einfach seine Nähe, einfach die Gewissheit, dass da jemand war, der für ihn da war.

Nach einer Weile löste Yugi sich etwas von dem Grösseren und sah neugierig zu ihm auf. Der traurige Funken in seinen Augen war verschwunden.

„Was ist mit dir? Mit deinen Eltern?“

Yami sah ihn einen Augenblick lang überrascht an. Mit dieser Frage hatte er nicht gerechnet. Er liess den Blick kurz über den Garten schweifen und suchten nach den passenden Worten zu suchen.

„Was soll mit ihnen sein?“

„Naja. Ich hab dir jetzt so viel über mich erzählt. Dann sollte ich auch etwas über dich erfahren in dieser Hinsicht.“

Yami musste lächeln. Er sah seinen Freund an und schüttelte leicht den Kopf. Es war typisch für ihn. Selbst nachdem Yugi gerade etwas so Persönliches erzählt hatte, wollte er nicht einfach nur derjenige sein, der zuhörte. Er wollte auch Yami besser kennenlernen.

„Bei mir gibt es eigentlich nichts besonderes zu erzählen.“

Yugi schien ihm diese Antwort so nicht abzukaufen.

„Komm schon. Jeder hat ein Päckchen, dass er tragen muss.“

Yami atmete leise durch die Nase aus. Lange hatte er über manche Dinge nicht gesprochen. Nicht einmal mit Bakura. Schon gar nicht mit jemanden, den er eigentlich noch gar nicht so lange kannte. Doch Yugi fühlte sich ihm so viel näher an als sonst irgendwer.

Yugi drängte ihn nicht weiter. Er wartete einfach ab, stellte keine Fragen. Vielleicht war dies genau der Grund, warum Yami schliesslich doch anfing zu erzählen.

„Naja… Mein Vater ist ziemlich streng, schon immer gewesen. Er hatte eine klare Vorstellung davon, was ich in meinem Leben erreichen sollte. Er wollte, dass ich etwas aus mir machte. In seine Fusstapfen sollte ich treten. Anwalt werden wie er. Doch das war einfach nicht das Leben, dass ich mir für mich wünschte.“

Während er sprach, wurde sein Blick nachdenklicher. Yugi hörte ihm aufmerksam zu. Er überliess es Yami, wie viel dieser ihm erzählen wollte.

„Klingt schwierig.“

„War es auch“, seufzte Yami leise und stützte die Hände auf der kleinen Treppenstufe ab. Für einen Moment schwieg er wieder, bevor sich sein Gesicht etwas veränderte.

„Meine Mutter ist das komplette Gegenteil. Sie ist…quirlig.“

Yugi musste leise lachen.

„Quirlig?“

„Total. Immer aufgedreht. Immer gut gelaunt. Sie ist praktisch die personifizierte Lebensfreude.“

Yami musste bei der Erinnerung selbst gleich schmunzeln. Allein die Beschreibung seiner Mutter schien etwas in ihm zu verändern. Seine Stimme wurde wärmer und für einen Moment war von der Anspannung, die zuvor beim Thema seines Vaters in seinem Gesicht gelegen hatte, kaum nicht etwas zu sehen.

Er erzählte wie seine Mutter von Anfang an Feuer und Flamme gewesen sei, als er mit Bakura beschloss das Yoru zu eröffnen. Sie hatte nicht versucht ihn von der Idee abzubringen oder ihm vorzuschreiben, was er stattdessen tun sollte. Im Gegenteil, sie hatte sich so über seinen Entschluss gefreut, weil sie wusste, dass es genau das war, was Yami wollte. Genau das war es, was Yami so an ihr schätzte. Doch als er wieder an seinen Vater dachte, verschwand das Schmunzeln langsam.

„Aber mein Vater war enttäuscht von mir und gibt es mir jedes Mal zum spüren, wenn ich sie besuche. Er war noch nie sonderlich stolz auf mich.“ Etwas trauriges hing in diesem letzten Satz, was Yugi deutlich spürte. Er war deutlich leiser als die vorherigen. Auch wenn er versuchte es möglichst beiläufig klingen zu lassen, als wäre es ihm egal.

Yami wirkte nie wie jemand, der Bestätigung von aussen brauchte. Er trat so selbstbewusst auf, wusste, was er wollte und das bewunderte Yugi so an ihm. Doch gerade deshalb fiel Yugi auf, wie viel in diesem Satz lag. Vielleicht wollte Yami die Anerkennung seines Vaters tatsächlich nicht brauche, aber das bedeutete nicht, dass er sie sich nicht irgendwann gewünscht hatte.

„Manchmal frage ich mich trotzdem, ob er vielleicht recht hat.“

Yugi blickte ihn verständnislos an, doch Yami sah weiterhin stur nach vorne. „Womit?

Yami zuckte leicht mit den Schultern. Es fiel ihm schwer diese Gedanken überhaupt auszusprechen.

„Damit, dass ich mehr aus meinem Leben hätte machen können."

Yugi sah ihn aufmerksam an, sagte aber nichts.

„Wenn ich mir dich ansehe…“ Er brach kurz ab, als wäre ihm selbst nicht ganz wohl dabei, das auszusprechen. „Dann komme ich mir manchmal so klein vor.“

Yugi runzelte die Stirn.

„Du hast studiert. Hast einen hohen Abschluss. Du hast so viele Weiterbildungen hinter dir. Du hast dir etwas aufgebaut. Du weisst, was du kannst und du hast einen Weg gefunden, der wirklich zu dir passt."

Seine Finger bewegten sich leicht, während er nach den richtigen Worte suchte.

„Und ich… habe einen normalen Abschluss gemacht. Meine Ausbildung, damit ich das Yoru mit Bakura eröffnen konnte. Eine Bar.“ Er machte eine kurze Pause, atmete tief ein und aus. „Wenn ich das neben dein Leben stelle, klingt das nach so…wenig.“

Yugis Augen funkelten traurig. Traurig darüber, wie schlecht Yami seinen Weg redete.

„Vielleicht wäre mein Vater anders, wenn ich mehr in diese Richtung gegangen wäre. Wenn ich studiert hätte. Einen höheren Abschluss hätte. Etwas, bei dem man wirklich sagen kann, dass ich etwas erreicht habe.

Er schwieg kurz.

„Vielleicht hätte er dann einen Grund, stolz auf mich zu sein.“

Yugi liess den Blick einen Moment auf ihm ruhen. Dann schüttelte er leicht den Kopf.

„Hör auf dich mit mir zu vergleichen. Stell mich nicht auf ein Podest!“

Seine Stimme war nicht laut, trotzdem lag darin solch eine Bestimmtheit, dass Yami tatsächlich schwieg.

Yugi wurde wieder etwas weicher.

„Ja. Ich habe einen hohen Abschluss. Ich hab studiert, mich weitergebildet und mir beruflich einen Namen gemacht. Aber du siehst nur das, was heute vor dir steht.“

Er sah kurz zur Seite und schwieg einen Moment.

„Zum einen hatte ich auch viel Glück. Wäre Seto nicht, wer weiss wo ich stehen würde? Ich weiss, du kannst ihn nicht leiden, aber er hat so viel in mir gesehen. Er hat einfach an mich geglaubt.“

Ein kleines Lächeln erschien auf seinem Gesicht, als er an seinen Freund dachte. Yami nickte bestätigend. Er konnte den arroganten Eisklotz wirklich nicht ausstehen, doch er verstand langsam, weshalb es Yugi tat.

„Zugleich hatte ich auch viel Pech.“

Das Lächeln verschwand wieder.

„Durch den Verlust meiner Eltern hab ich einfach aufgehört an mir zu arbeiten. Hab mich treiben lassen. Und da war Seto und der ist mir in der Schule so auf die Nerven gegangen. Ständig hat er mich belehrt, mich gezwungen mit ihm Hausaufgaben zu machen“, fing er auf einmal an sich über seinen Chef zu beschweren, den er offenbar länger kannte, als Yami zu Beginn gewusst hatte.

Yami musste trotz allem leicht schmunzeln. Doch Yugi wurde wieder etwas ernster.

„Mir wurde bewusst, dass ich selber für meinen Weg verantwortlich war. Und ich das tun sollte, was mich wieder glücklich macht. Und deine Mutter hat das bei dir gesehen!“

Der Grössere senkte den Blick.

„Aber du hast so viel erreicht“, murmelte Yami bedrückt.

„Und du auch.“

„Ich hab einen Nachtclub…“

Yugi lächelte leicht.

„Genau. Und dank diesem kann ich dich meinen Freund nennen.“

Yami sah ihn verwundert an. So hatte er das alles noch nie betrachtet.

„Ich bin stolz auf dich“, hauchte Yugi leise.

Yami erstarrte beinahe. Überrascht sah er in die leuchtend, violetten Augen. Sie hatten einen warmen Ausdruck darin und in seinem Gesicht lag nichts als ehrliche Überzeugung. Yami wusste nicht was er sagen sollte. Yugi lächelte leicht.

„Ich bin stolz auf dich, dass du deinen Weg gewählt hast. Dass du das tust, was dich glücklich macht. Ich wüsste nicht, was besser wäre? Ich bewundere deinen Mut. Ihr habt etwas gewagt, wovon ihr nicht wusstet ob es klappen würde.“

Während er sprach, hob Yugi langsam eine Hand. Seine Finger legten sich vorsichtig auf die Hand Yamis, die immer noch neben ihm ruhte. Die Berührung war ganz selbstverständlich.

„Irgendwann wird auch dein Vater das erkennen. Und sonst geige ich ihm meine Meinung“, lachte er leise und zu Yamis Erschrecken, glaubte er ihm jedes Wort. Insbesondere den letzten Teil. Bei Yugi klang es nämlich nicht wie eine leere Drohung. Er würde es tatsächlich tun.

„Danke, Yugi.“

Jener schüttelte leicht den Kopf.

„Nicht dafür.“

Yami senkte den Blick auf ihre Hände. Yugis Finger lagen immer noch auf seiner Hand, warm und ruhig. Sie spendeten ihm den Trost, den er so dringend brauchte.

Yami fühlte sich Yugi näher als je zuvor.

Nicht nur, weil sie gemeinsam hier draussen auf dieser Treppe sassen oder weil Yugi seine Hand berührte. Es war vielmehr das Gefühl, dass Yugi ihn gerade wirklich gesehen hatte.

An diesem Abend erkannte er die tiefe Bedeutung dieser Freundschaft.

Und auf einmal war er so dankbar wie noch nie zuvor, dass er damals Yugis Angebot angenommen hatte.

„Lass uns rein gehen.“