Kapitel 14 - Orihime und Hikoboshi
Kapitel 14 - Orihime und Hikoboshi
Kapitel 14 - Orihime und Hikoboshi
Der Abend hatte sich länger gezogen, als Yami ursprünglich gedacht hatte.
Im Yoru war längst wieder Ruhe eingekehrt. Die letzten Gäste waren vor einer Weile gegangen. Bakura hatte sich irgendwann mit einem knappen „Bis morgen“ verabschiedet und war nach Hause gefahren. Auch seine Mitarbeiter waren längst weg. Nur vereinzelte Lichter brannten noch im Club, während Yami die letzten Dinge erledigte und noch einmal kontrollierte, ob alles an seinem Platz war.
Er mochte diese Zeit.
Wenn die Musik verstummt war und die Stimmen der Gäste verschwunden waren, wirkte das Yoru beinahe wie ein anderer Ort. Nach solchen Abenden tat die Ruhe gut. Keine Gläser, die über die Theke geschoben wurden, kein Gelächter, keine Stimmen, die gegen die Musik ankämpften. Nur das leise Summen der Kühlgeräte hinter der Bar war zu hören.
Yami blieb hinter der Bar stehen und liess seinen Blick durch den leeren Raum wandern. Eigentlich hätte er jetzt nach Hause gehen können, doch etwas hielt ihn noch davon ab. Er griff nach seiner Motorradjacke. Er brauchte noch etwas Zeit für sich.
Draussen war die Luft angenehm kühl. Yami zog die Eingangstür hinter sich zu und schloss sie ab. Die Strasse vor dem Club war inzwischen fast leer. Nur noch vereinzelt fuhren Autos durch die Stadt, ihre Scheinwerfer glitten über den nassen Asphalt und verschwanden kurz darauf wieder hinter den Häusern. Yami zog die Jacke über, setzte den Helm auf und startete den Motor. Das vertraute Vibrieren unter ihm hatte etwas Beruhigendes. Kaum hatte er das Motorrad vom Parkplatz gelenkt und sich in den nächtlichen Verkehr eingefädelt, spürte er bereits, wie etwas von der Anspannung des Tages von ihm abfiel.
Die Strassen wurden mit jedem Kilometer leerer. Die Lichter der Stadt zogen an ihm vorbei und verschwammen zu langen Streifen, wenn er den Kopf nur ein wenig drehte. Hinter ihm blieb Domino zurück, während die Häuser langsam weniger wurden.
Es gab diesen einen Ort. Etwas ausserhalb Dominos, mit einem Ausblick, der einem die Sprache verschlug.
Er nahm eine Abzweigung. Der Wind drückte gegen seine Jacke und irgendwo über ihm spannte sich ein klarer Nachthimmel über die dunkle Landschaft. Yami liess die Gedanken kommen und wieder verschwinden. Die Arbeit. Das Yoru. Bakura. Die vielen kleinen Dinge, die sich im Laufe der letzten Tage angesammelt hatten.
Und natürlich Yugi.
Der Gedanke kam inzwischen beinahe von selbst.
Yami musste darüber schmunzeln.
Es war schon beinahe lächerlich, wie oft dieser Mann inzwischen in seinem Kopf auftauchte. Dabei hatte Yugi eigentlich gar nichts getan. Zumindest nichts Besonderes.
Vielleicht war genau das sein Problem.
Schliesslich hielt er an einem kleinen Aussichtspunkt ausserhalb der Stadt an. Hier gab es nicht viel. Eine niedrige Mauer, ein paar Bäume und einen Blick über die verstreuten Lichter von Domino.
Es war sein Lieblingsort. Hierher verirrte sich kaum jemand. Nicht einmal Bakura kannte diesen Platz. Wann immer Yami das Bedürfnis hatte, sich zurückzuziehen und seine Gedanken zu ordnen, kam er hierher. An diesem Ort konnte er einfach loslassen.
Er nahm den Helm ab und setzte sich auf die Mauer.
Seine Gedanken wanderten wieder zu dem Abend in Yugis Garten. Yami konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal mit jemandem über seinen Vater gesprochen hatte. Doch Yugi hatte etwas geschafft, was bisher noch niemand bei ihm erreicht hatte. Natürlich war Bakura seit seiner Kindheit sein bester Freund und Yami konnte mit ihm über alles reden. Doch Bakura war nicht unbedingt der Typ Mensch mit dem man über solche Gefühle sprach oder der ein besonderes Gespür dafür hatte, wann es die richtigen Worte brauchte. Er konnte Yami ablenken und wieder aufbauen, dafür war er ihm auch dankbar. Doch dieses Gefühl, das Yugis Worte in ihm ausgelöst hatten, war etwas anderes. Etwas, das er in dieser Form bisher kaum gekannt hatte.
Yugi hatte ihm gesagt, dass er stolz auf ihn war.
Allein der Gedanke daran liess Yami unwillkürlich lächeln. Yugi hatte es nicht einfach so dahingesagt, um ihn aufzumuntern. Seine Worte waren ehrlich gewesen und Yami hatte das gespürt. Er hatte ihm zugehört, ohne ihn zu verurteilen und ihm das Gefühl zu geben, dass seine Entscheidungen, seinen eigenen Weg zu gehen, richtig gewesen waren.
Es kam nicht oft vor, dass Yami an sich selbst zweifelte. Das bedeutete allerdings nicht, dass er niemals Zweifel gehabt hätte. Er liess sich nur selten etwas davon anmerken. Bei Yugi war es anders. Vor ihm hatte er zum ersten Mal seit Langem ausgesprochen, was ihn beschäftigte, ohne das Gefühl zu haben, sich dafür rechtfertigen zu müssen.
Vielleicht hatte Yugi recht. Vielleicht musste er nicht ständig darüber nachdenken, was sein Vater von ihm erwartete oder ob dieser mit seinem Leben zufrieden war. Selbst wenn Yami genau das Leben geführt hätte, das sein Vater sich für ihn vorgestellt hatte, wäre dieser womöglich stolz und glücklich gewesen. Yami selbst wäre es jedoch nicht gewesen.
Es war sein Leben. Und er durfte selber entscheiden, was er daraus machte.
Ein leichtes Schmunzeln umspielte seine Lippen.
Seit er Yugi kannte, hatte sich einiges in ihm verändert. Yugi machte ihn auf allerlei kleinen Dinge aufmerksam, an denen er früher achtlos vorbeigegangen war. Er bemerkte, wenn es Yami nicht gut ging und brauchte oft nur wenige Worte, um ihn aufzumuntern. Manchmal musste er nicht einmal etwas sagen.
Nach und nach verstand Yami, wie viel ihm diese Freundschaft bedeutete. Einen Freund wie Yugi hätte er schon früher gebrauchen können. Doch je mehr er lernte, ihre Freundschaft zu schätzen, desto grösser wurde auch seine Angst, sie eines Tages zu verlieren. Nicht, weil Yugi etwas falsch machte, sondern weil Yami selbst längst mehr empfand, als er sich eingestehen wollte.
Vielleicht musste er wirklich lernen, seine Gefühle um ihrer Freundschaft willen zurückzuhalten. Er konnte schliesslich nichts erzwingen, das Yugi womöglich niemals für ihn empfinden würde. Auch wenn Yami manchmal das Gefühl hatte, dass zwischen ihnen mehr sein könnte, musste er sich eingestehen, dass er sich ebenso gut täuschen konnte.
Ein tiefer Seufzer entwich ihm. Dieser innere Konflikt zerrte an ihm. Einerseits wollte er Yugi nicht verlieren und ihn als Freund in seinem Leben behalten. Andererseits wollte er mehr. Viel mehr als Freundschaft. Er wollte mit Yugi als seinem ersten Gedanken aufwachen und mit ihm als seinem letzten Gedanken einschlafen.
Yami wusste nicht, wie lange er diesen Zwiespalt noch aushalten konnte.
Wie lange konnte es gut gehen, wenn er seine Gefühle immer wieder zurückhielt?
Seine Augen wanderten über das Meer aus Lichtern von Domino. Eine Weile sass er einfach so da.
Irgendwann als die Müdigkeit ihn langsam packte, erhob er sich und wandte sich seinem Motorrad zu und fuhr nach Hause…
Am nächsten Morgen begann Yugis Tag deutlich früher als der von Yami, der um diese Uhrzeit höchstwahrscheinlich noch schlief.
Während die Stadt draussen erst langsam erwachte, herrschte in den Räumen von Kaiba Corp. längst reger Betrieb. In den Gemeinschaftsbüros wurde diskutiert, an jeder Ecke schienen sich Mitarbeiter über irgendwas auszutauschen und die Drucker liefen beinahe ununterbrochen. Yugi versuchte eine Weile sich auf seine Arbeit zu konzentrieren, doch der Lärm machte es ihm zunehmend schwer. Schliesslich schnappte er sich seinen Laptop und verliess den Besprechungsraum, um sich in sein Büro zurückzuziehen.
Seufzend schloss er seine Tür hinter sich. Das Stimmengewirr auf dem Flur war nun nur noch gedämpft zu hören. Er setzte sich an seinen Schreibtisch, startete den Monitor und liess die aktuelle Version von The Seventh Path abspielen. Auf dem zweiten Bildschirm öffnete er die lange Liste mit den noch ausstehenden Musikstücken und Sounddateien. Die meisten Einträge waren bereits grün markiert. Das bedeutete, dass die entsprechenden Dateien fertiggestellt und abgesegnet waren.
Nur noch wenige Einträge leuchteten rot oder gelb.
Yugi setzte seine Kopfhörer auf und widmete sich den fehlenden Sounds. Viel fehlte nicht mehr und sobald er die letzten Arbeiten abgeschlossen hatte, wollte er sich erst einmal Urlaub gönnen. In den vergangenen Wochen hatte er so viele Überstunden angesammelt, dass er längst aufgehört hatte, sie aufzuschreiben. Seto würde ihn vermutlich umbringen, wenn er davon erfuhr.
Stunde um Stunde verging, während Yugi sich voll und ganz auf seine Arbeit konzentrierte. Irgendwann machte sich die Müdigkeit bemerkbar. Seine Augen fühlten sich schwer an und nach stundenlangem Starren auf den Bildschirm brauchte er einen Moment, um den Blick wieder zu entspannen. Er lehnte sich zurück, atmete tief durch und rieb sich über die Augen. Erst als sein Blick auf die Uhr neben der Tür fiel, bemerkte er überrascht, wie weit der Nachmittag bereits fortgeschritten war.
Und seine Mittagspause hatte er auch nur kurz gehalten um so schnell wie möglich weiterzumachen.
Yugi beschloss, noch eine letzte Passage fertig zustellen und dann für heute Schluss zu machen. Er speicherte die Änderungen, nahm die Kopfhörer ab und begann seinen Arbeitsplatz aufzuräumen. Gerade als er sein Notizbuch zuklappen wollte, öffnete sich seine Tür und ein Kollege lehnte sich an den Türrahmen.
„Yugi?“
„Hm?“
Der Mann deutete mit dem Kopf in Richtung Ausgang.
„Dein Verehrer ist draussen."
Yugi hob langsam den Blick und sah ihn einen Augenblick lang schweigend an, ehe er den Kopf schüttelte.
„Er ist kein Verehrer“, korrigierte er ihn mahnend. Langsam ging ihm das Getuschel wirklich auf die Nerven. Seit Yami regelmässig draussen auf ihn wartete, schienen seine Kollegen kaum eine Gelegenheit auszulassen, ihn damit aufzuziehen. Und am Ende würden diese Gerüchte bei Seto landen und er durfte sich wieder ein Verhör über sich ergehen lassen.
Der Kollege grinste, als hätte er genau diese Reaktion erwartet. „Natürlich nicht.“
Yugi seufzte leise.
„Er ist nur ein Freund“, erklärte er in dem Tonfall, mit dem man einem Kind etwas vollkommen Selbstverständliches beibrachte.
Sein Kollege hob abwehrend beide Hände.
„Schon gut. Nur ein Freund.“
Der spöttische Unterton entging Yugi natürlich nicht. Er verdrehte die Augen, konnte sich aber ein kleines Lächeln nicht verkneifen. Schliesslich schob er seinen Stuhl zurück und griff nach seiner Umhängetasche.
„Ich komme gleich.“
„Lass ihn aber nicht zu lange warten.“
Damit verschwand der Kollege wieder auf dem Flur.
Yugi blieb noch einen Augenblick stehen, ehe er nach seinem Notizbuch griff und sein Büro verliess.
Auf dem Weg durch den Flur begegnete er zwei Kollegen mit denen er sich kurz unterhielt. Einer erinnerte ihn daran, dass am nächsten Morgen eine Besprechung anstand, woraufhin Yugi versprach, die Unterlagen vorher durchzusehen.
Erst als er die Eingangshalle erreichte, verlangsamte er seine Schritte. Durch die grossen Glasflächen konnte er Yami bereits draussen erkennen.
Dieser stand ein Stück vom Eingang entfernt und hatte die Hände locker in den Jackentaschen. Ein kleines Lächeln schlich sich auf Yugis Lippen. Es war ein eigenartiges Gefühl, dass jemand nach der Arbeit auf ihn wartete, doch er mochte es.
Inzwischen war es beinahe vertraut geworden, Yami immer wieder irgendwo in seinem Alltag anzutreffen. Manchmal war es geplant, manchmal völlig unerwartet.
Yugi trat durch die grosse Schiebetür hinaus in die kühle Abendluft heraus. Yami bemerkte ihn sofort. Sein Gesicht hellte sich auf, kaum merklich, aber genug, dass es Yugi auffiel.
„Hast du lange gewartet?“
„Kaum.“
„Du lügst“, stellte Yugi empört fest.
Yami grinste ertappt, ehe er einen Arm um Yugis Schultern legte und ihn ein wenig näher zu sich zog. Natürlich rein freundschaftlich.
Sie liefen einige Schritte schweigend nebeneinander. Die Strasse vor Kaiba Corp. war um diese Uhrzeit deutlich ruhiger geworden. Die meisten Mitarbeiter waren bereits gegangen und nur vereinzelt kamen noch Menschen aus dem Gebäude. Yugi warf dem Grösseren einen kurzen Blick zu, bevor er fragte:
„Was verschafft mir heute die Ehre?“
„Nichts besonderes. Wollte dich einfach sehen“, antwortete Yami mit einem Schulterzucken.
Seine Worte waren ehrlich und für einen winzigen Moment schien Yugi nicht recht zu wissen, was er darauf erwidern sollte. Die Veränderung in seinem Gesicht war kaum wahrnehmbar, doch Yami entging sie nicht. Dann wandte Yugi den Blick wieder nach vorne.
„Hast du schon etwas gegessen?“
Überrascht sah Yami ihn an, ehe er langsam den kopf schüttelte.
„Kam noch nicht dazu.“
Yugi seufzte leise, öffnete seine Tasche und holte eine kleine Papiertüte heraus, die er ihm entgegenhielt. „War ja klar. Hier.“
Yami nahm sie mit der freien Hand entgegen und warf einen neugierigen Blick hinein.
„Was ist das?“
„Essen. Hab mir in der Mittagspause etwas zu viel geholt.“
„Danke.“
Yugi winkte mit der Hand ab, als wäre es nichts Besonderes und gemeinsam setzten sie ihren Weg fort. Sie liessen sich in Richtung Innenstadt treiben. Sie hatten es nicht besonders eilig. Der Feierabendverkehr hatte sich inzwischen gelegt und mit jedem Häuserblock, an dem sie vorbeigingen, wurde es ruhiger.
Dann befreite sich Yugi aus Yamis Arm und griff stattdessen nach seiner Hand um in plötzlich in eine andere Richtung zu ziehen.
„Ich will dir was zeigen.“
Sie bogen in eine kleine Gasse ab. Zwischen den Gebäuden tauchten immer mehr Bäume auf, bis schliesslich die ersten Kirschbäume über ihnen zusammenliefen. Ihre Äste bildeten ein lockeres Dach über dem Weg. Jetzt, Anfang der Saison, waren die Blüten noch nicht überall aufgegangen, aber an einigen Zweigen zeichnen sich bereits die ersten zarten Farbtupfer.
Yami betrachtete die Bäume und liess den Blick über die Allee wandern. Er wusste, dass es diese Allee gab, doch irgendwie war er bisher noch nie dazu gekommen sich hierher zu verirren. Er zog auch erst mit Bakura nach Domino um das Yoru zu gründen und irgendwie ergab es sich einfach nie sich in Domino jede Ecke anzusehen. Yugi hingegen war hier aufgewachsen. Kein Wunder also, dass er solche Orte kannte.
„Es ist schön hier“, sagte Yami schliesslich.
Yugi sah lächelnd über die Schulter zu ihm zurück und zog ihn weiter mit sich.
„Warte. Das Beste kommt noch."
Die Allee führte leicht bergab und öffnete sich schliesslich zu einer kleinen, ruhigen Grünfläche. Dahinter lag ein Teich, dessen Oberfläche sich kaum bewegte. Ein paar Enten zogen langsam ihre Bahnen über das Wasser, während am anderen Ufer die Äste der Kirschbäume ins Bild ragten. Die kleinen Laternen entlang des Weges begannen allmählich zu leuchten, während die Sonne immer weiter hinten dem Horizont verschwand.
Yugi liess Yamis Hand los und ging zu einer niedrigen Steinmauer am Rand des Teiches, auf die er sich setzte. Dann winkte er Yami auffordernd zu sich und dieser liess sich neben ihm nieder. Eine Weile lang sagte keiner etwas. Yami liess den Blick über das Wasser und die Bäume am anderen Ufer wandern. Es war erstaunlich, wie lange er schon in Domino lebte, ohne sich die Stadt jemals genauer angesehen zu haben.
Der Wind bewegte die Zweige über ihnen und liess vereinzelt kleine Blütenblätter über den Weg treiben. Von irgendwoher war das leise Geräusch eines Fahrrads zu hören, das sich langsam entfernte. Ansonsten lag eine angenehme Stille über dem kleinen Teich.
„Bist du öfters hier?“
Yugi nickte lächelnd und schloss geniesserisch die Augen und lauschte dem ruhigen Wind, welcher sanft über die Wasseroberfläche strich. Sein Gesicht wirkte vollkommen entspannt, nichts erinnerte mehr an den alltäglichen Stress, der ihn bei der Arbeit begleitete. Yami ertappte sich dabei, wie sein Blick immer wieder zu ihm zurückkehrte. Das sanfte Licht der Laternen zeichnete weiche Konturen auf Yugis Gesicht.
„Es ist der schönste Ort in Domino“, hauchte Yugi leise. Er öffnete die Augen und sah auf den Teich hinunter. Yami nickte zustimmend, auch wenn seine Aufmerksamkeit längst wieder bei Yugi lag. Für ihn war jeder Ort schön, an dem Yugi sich befand. Diesen Gedanken behielt er allerdings für sich und räusperte sich kurz, um sich wieder auf das Gespräch zu konzentrieren.
„Sehr. Ja.“
Yugi sah ihn mit einem kleinen Lächeln an und strich mit der Hand über die raue Oberfläche der Mauer.
„Das ist mein Lieblingsort. Das wollte ich dir zeigen.“ Einen Moment lang liess er den Blick über das Wasser schweifen, ehe er hinzufügte: „Dieser Ort fühlt sich an als wäre er Teil einer anderen Welt.“
Yami stützte sich mit den Händen hinter sich auf der Mauer ab und streckte die Beine ein wenig aus. Eine Weile genossen sie einfach die Ruhe. Schliesslich griff er nach der Papiertüte und begann zu essen. Wenn Yugi ihm schon einmal etwas von seinem Essen abgab, wollte er es nicht achtlos liegen lassen. Womöglich würde Yugi ihm es noch in den Mund stopfen, so fürsorglich wie er sein konnte, wenn er wollte.
„Ich habs!“
Verwirrt sah Yugi zu Yami hinüber, dessen Gesicht sich plötzlich aufhellte, als wäre ihm gerade die Lösung eines schwierigen Rätsels eingefallen.
„Was ist denn jetzt schon wieder?“, fragte Yugi und legte den Kopf etwas schief.
„Na. Du hast mich als Freund eingespeichert! Das sagst du doch ständig zu mir“, erklärte der Grössere als wäre es das logischste auf der Welt und hatte dieses siegersichere Grinsen im Gesicht.
Yugi schüttelte fassungslos mit dem Kopf, was Yami nur noch mehr darin bestärkte.
„Ich habe recht, oder?“
Doch Yugi grinste ihn lediglich an. Langsam hob er den Zeigefinger und bewegte ihn hin und her, um ihm zu verstehen zu geben, dass er falsch lag.
„Nein. Aber der wäre ziemlich gut gewesen. Nicht schlecht.“
Stöhnend fasste sich Yami an den Kopf. Was konnte es denn bloss sein? Seit Wochen rätselte er, unter welchem Namen Yugi seine Nummer wohl gespeichert hatte. Jeder Vorschlag war bisher falsch.
„Gib mir einen Tipp.“
„Nein“, lachte Yugi vergnügt. „Das wäre ja langweilig.“
„Etwas mit Langweilig ?“ Doch Yugi schüttelte erneut den Kopf. „So unkreativ bin ich echt nicht.“
„ Lieblingskunde ?“, schlug Yami mit einem breiten Grinsen vor.
„Definitiv nein! So nett bin ich nicht“, lachte Yugi ihn aus.
Daraufhin spürte er Yamis Hand in seinem Rücken, die ihn kurzerhand von der Mauer schubste. Yugi konnte sich gerade noch so abfangen, doch sein Lachen verstummte nicht. Stattdessen grinste er frech zu Yami hinauf und zwinkerte ihm zu, bevor er sich kurzerhand ins Gras fallen liess und zum mittlerweile deutlich sichtbaren Sternenhimmel hinaufsah.
Yami schmunzelte leicht, ehe er ebenfalls von der Mauer rutschte und sich seinem Freund ins Gras legte. Er verschränkte die Hände hinter dem Kopf und richtete den Blick auf den Sternenhimmel, der von den Ästen der Kirschbäume eingerahmt wurde. Für eine Weile sagte keiner von ihnen etwas. Sie genossen einfach die Gesellschaft des anderen, ohne das Schweigen mit Worten füllen zu müssen.
Trotzdem wanderte Yamis Blick immer wieder zu Yugi hinüber. Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie ruhig dieser neben ihm lag, die Augen nur halb geöffnet und ein sanftes Lächeln auf den Lippen. Yami mochte dieses Lächeln. Sogar mehr, als ihm lieb war.
Ein tiefer Seufzer entwich ihm.
Yugi neigte den Kopf in seine Richtung und sah ihn aufmerksam an, als hätte er bemerkt, dass den Älteren etwas beschäftigte. „Was ist?“, fragte er leise, ohne die angenehme Stille zwischen ihnen wirklich unterbrechen zu wollen.
Für einen Augenblick sahen sich die beiden einfach in die Augen. Yami verlor sich beinahe in diesem tiefen, leuchtenden Violett, das ihn an zwei Amethyste erinnerte. In Yugis Augen lag ein warmes Funkeln und für einen Moment fiel es Yami schwer, den Blick wieder abzuwenden. Er liebte diese Farbe.
Er hätte ihm so vieles sagen können. Dass er es genoss, hier mit ihm zu liegen. Dass er sich schon lange nicht mehr so wenig Gedanken um alles andere gemacht hatte. Dass es ihn selbst überraschte, wie selbstverständlich sich Yugis Nähe inzwischen anfühlte, obwohl sie sich erst seit wenigen Monaten kannten.
Es gab so vieles was er ihm sagen wollte…
Doch manche Dinge liess man besser unausgesprochen, wenn man nicht riskieren wollte, dass sich dadurch etwas veränderte. So schön dieser Moment auch war, Yami wusste nicht, was passieren würde, wenn er Yugi zu viel von seinen Gefühlen zeigte. Vielleicht würde er damit etwas aufs Spiel setzen, das ihm längst wichtiger geworden war, als er sich eingestehen wollte.
Am Ende lächelte er nur. „Nichts. Alles gut“, antwortete er mit seiner tiefen, warmen Stimme.
Yugi musterte ihn noch einen Augenblick, als würde er abwägen, ob er ihm das glauben sollte. Schliesslich schien er sich damit zufrieden zu geben und wandte den Blick wieder dem Himmel zu. Seine Schulter berührte dabei ganz leicht Yamis Arm. Keiner der beiden rückte weg.
Über ihnen rauschten die Zweige leise im Wind. Die Kirschblüten zeichneten sich inzwischen nur noch als dunkle Silhouette gegen den Himmel ab, während zwischen den Ästen immer mehr Sterne sichtbar wurden. Yami versuchte, einige davon zu erkennen, gab es aber nach kurzer Zeit wieder auf. Er hatte nie viel von Sternbildern verstanden und bezweifelte, dass sich daran heute noch etwas ändern würde.
Einige der Sterne schienen schwächer zu leuchten, während andere deutlich sichtbarer hervortraten. Besonders zwei fielen ihm dabei auf. Sie standen ein gutes Stück voneinander entfernt und leuchteten deutlich heller als die meisten Sterne in ihrer Umgebung. Yami kniff die Augen ein wenig zusammen, als könnte er dadurch mehr erkennen und deutete schliesslich mit einer Hand in den Himmel.
„Sag mal, Yugi. Warum sind die beiden eigentlich so hell?“
Yugi folgte seiner ausgestreckten Hand. Einen Moment lang suchte er zwischen den Zweigen, bis er die Sterne ebenfalls entdeckt hatte.
„Ah, die beiden.“ Ein kleines Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Das sind Orihime und Hikoboshi.“
Etwas verdutzt sah Yami zu seinem Freund rüber. „Die haben Namen?“
„Natürlich haben sie Namen.“ Yugi warf ihm einen amüsierten Blick zu. „Die meisten Sterne, die man besonders gut sehen kann, haben irgendeinen Namen. Oder zumindest eine Bezeichnung.“
„Kann ja nicht alles wissen.“
„Das habe ich auch nie behauptet“, kicherte Yugi, während Yami nur leise schnaubte. Für einen Moment zeigte Yugi auf den Himmel, um ihm die beiden Sterne zu verdeutlichen. Zwischen ihnen sog sich ein heller, milchiger Streifen über das dunkle Firmament. Von hier unten wirkte er beinahe wie ein Schleier, der sich zwischen den Sternen ausbreitete.
„Orihime entspricht dem Stern Wega im Sternbild Leier und Hikoboshi dem Stern Altair im Sternbild Adler“, erklärte Yugi. „Hier in Japan kennt man die beiden vor allem durch die Tanabata-Legende.“
„Und woher weisst du sowas?“
Yugi lächelte leicht, während sein Blick weiter am Himmel hing. „Als wir noch zur Schule gingen, sind wir meistens nach dem Unterricht hierher gekommen. Ryou war schon immer so fasziniert von den Sternen. Ständig hat er mir irgendwelche Sternbilder erklärt. Mit der Zeit konnte ich mir sie sogar merken. Besonders ihre Legende ist mir im Kopf geblieben.“
Neugierig wandte Yami den Kopf zu ihm. „Erzähl.“
„In der Legende war Orihime eine Weberin, die Tochter einer Himmelsgottheit. Sie verbrachte ihre Tage damit, wunderschöne Stoffe zu weben. Eines Tages begegnete sie Hikoboshi, einem Hirten. Die beiden verliebten sich ineinander.“
Yami blickte zwischen den beiden Lichtpunkten hin und her. Es war seltsam, sich vorzustellen, dass Menschen vor langer Zeit in diesen weit entfernten Sternen eine solche Geschichte gesehen hatten. Trotzdem hörte er Yugi aufmerksam zu.
„Und dann?“
„Nach ihrer Hochzeit waren sie so glücklich miteinander, dass Orihime ihre Arbeit vernachlässigte. Ihr Vater wurde darüber wütend und trennte die beiden voneinander. Zwischen ihnen lag fortan die Milchstrasse, die sie nicht überqueren konnten.“ Yugi machte eine kleine Pause und betrachtete den hellen Streifen am Himmel. „Doch er erlaubte ihnen, sich einmal im Jahr wiederzusehen. Am siebten Tag des siebten Monats kommen Elstern zusammen und bilden mit ihren Flügeln eine Brücke über den Fluss der Sterne, damit die beiden zueinander gelangen können. Und hier in Japan feiert man dieses Wiedersehen beim Tanabata-Fest.“
Yami schwieg einen Moment. Sein Blick wanderte erneut zu Orihime und Hikoboshi. Nun, da Yugi ihm die Geschichte erzählt hatte, sah er die beiden Sterne mit anderen Augen. Natürlich waren es immer noch einfach zwei helle Punkte am Himmel. Und doch war da plötzlich diese Vorstellung von zwei Menschen, die einander sehen konnten, ohne sich erreichen zu können.
„Ganz schön grausam“, murmelte er leise. „Ein ganzes Jahr warten, nur um sich für einen einzigen Tag zu sehen.“
„Ja, das ist es wohl.“ Yugi wandte den Kopf zu ihm. „Aber ich glaube, gerade deshalb ist die Geschichte so besonders. Weil sie davon handelt, wie sehr sich zwei Menschen vermissen können.“
Yami sah ihn an. Das Licht der kleinen Laterne am Rand des Teiches. fiel nur schwach auf Yugis Gesicht. Für einen Moment hielten sie den Blick des anderen fest, während um sie herum nichts als die leise Bewegung der Blätter zu hören war. Yami zog eine Hand hinter seinem Kopf hervor, strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und liess die Hand anschliessend zwischen sich und Yugi im Gras liegen.
„Und einmal im Jahr reicht ihnen?“, fragte Yami nach einer Weile.
Yugi überlegte kurz, bevor er antwortete. „Es ist nicht das, was sie sich wünschen. Aber dieser eine Tag nimmt ihnen den Schmerz für einen Augenblick. Sie können einander sehen, miteinander reden und für eine Weile vergessen, wie lange sie wieder voneinander getrennt sein werden.“
Ein sanftes Lächeln legte sich auf seine Lippen.
„Wenn man jemanden wirklich liebt, kann selbst ein einziger Tag unbezahlbar sein. Und vielleicht kommt es auch gar nicht darauf an, wie viel Zeit man miteinander hat, sondern was man aus ihr macht.“
Eine Weile lagen sie einfach nebeneinander. Yami wusste nicht, ob er die Geschichte in ein paar Wochen noch Wort für Wort wiedergeben könnte. Wahrscheinlich würde er einige Einzelheiten vergessen. Doch er glaubte nicht, dass er noch einmal in den Nachthimmel schauen würde, ohne sich an diesen Abend zu erinnern.
An den ruhigen Teich, die Kirschblüten über ihnen und Yugi, der neben ihn im Gras lag und ihm Geschichten über die Sterne erzählte, als hätten sie alle Zeit der Welt.
Und für diesen Moment fühlte es sich tatsächlich so an.
„Du frierst“, hauchte Yugi auf einmal leise.
„Tu ich nicht“, flüsterte Yami ebenso leise zurück.
„Deine Hände sind kalt.“
Erst jetzt bemerkte Yami, dass Yugi mit der Hand, die zuvor neben ihm im Gras gelegen hatte, nach seiner gegriffen hatte und sich ihre Finger ineinander verschränkten. Der Kleinere seine Hand fest und strich mit dem Daumen über Daumenrücken Yamis. Als Yugi bewusst wurde, was er da tat, zog er die Hand allerdings nicht zurück. Stattdessen sah er Yami mit einem leicht belustigten Ausdruck an, dessen Blick auf ihrer verschränkten Hände liegen blieb. Hatte er immer noch eine solche Wirkung auf den Älteren?
„Du musst mir nichts beweisen."
„Ich beweise dir gar nichts“; entgegnete Yami.
„Natürlich nicht.“ Yugi grinste und setzte sich auf, dabei liess er zu Yamis Enttäuschung seine Hand los. „Aber wenn du morgen mit einer Erkältung hinter der Bar stehst, will ich nicht hören, dass es meine Schuld war, weil ich dich hier draussen habe liegen lassen.“
Yami lachte leise und richtete sich ebenfalls auf. „Du machst dir ja richtig Sorgen um mich.“
„Ich mache mir Sorgen um deine Gäste. Nicht, dass du ihnen statt Bier einen Tee servierst.“
„Sehr witzig.“
Yugi lachte, während er sich das Gras von der Hose klopfte. Yami sah ihm dabei zu und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Gerade eben hatte noch alles so still und friedlich gewirkt und nun standen sie da und stritten darüber, ob er eine Erkältung bekommen könnte.
Er mochte dieses Hin und Her.
Sie machten sich langsam auf den Rückweg. Es war deutlich später geworden als sie wohl zunächst vorgehabt hatten, doch keiner der beiden schien sich daran zu stören. An einer Stelle blieb Yugi kurz stehen, um sich eine der tief hängenden Blüten genauer zu betrachten. Er berührte sie nur mit den Fingerspitzen, vorsichtig genug, dass kein einziges Blütenblatt abfiel.
Yami wartete ein paar Schritte hinter ihm. Er hätte nicht sagen können, warum er sich diesen Anblick so genau einprägte. Vielleicht, weil Yugi für einen Moment völlig in seiner eigenen kleinen Welt zu sein schien. Vielleicht auch, weil er selbst gerade nichts anderes tun wollte, als dort zu bleiben und ihm dabei zuzusehen.
Als Yugi sich wieder zu ihm umdrehte, hob Yami nur leicht das Kinn.
„Kommst du?“, kam es neckend von dem Kleineren.
Schmunzelnd schloss Yami zu ihm auf. Auf der nächsten Kreuzung blieben sie stehen. Von hier aus würde Yugi nach Hause gehen und Yami in die andere Richtung musste.
„Danke für heute“, sagte Yami schliesslich.
„Yugi sah ihn überrascht an. „Wofür?“
„Dass du mir diesen Ort gezeigt hast.“
Yugi legte den Kopf leicht schief. Ein sanftes Lächeln lag auf seinen Lippen.
„Gern. Ich wusste, dass er dir gefallen würde.“
Er zog den Riemen seiner Tasche etwas höher und warf einen kurzen Blick die Strasse hinunter.
„Also, dann. Wir sehen uns.“
„Gute Nacht, Yugi.“
„Gute Nacht, Freund .“
Wieder dieses freche Schmunzeln. Er musste sich wohl an diesen Kosenamen gewöhnen. Dabei liebte er es, wenn Yugi seinen Namen aussprach.
Yugi hob zum Abschied die Hand und machte sich auf den Heimweg. Yami sah ihm noch einen kurzen Moment nach, ehe auch er sich auf den Weg machte.